*Namen von der Redaktion genannt

An Silvester gab es auf dem Mailänder Domplatz mehrere Angriffe auf Frauen, die italienische Polizei ermittelt wegen sexueller Nötigung, elf Anzeigen gibt es bisher. Unter den Opfern sind auch zwei Frauen aus Deutschland.

Vergangenen Dienstag berichtete die “Süddeutsche Zeitung” online über sie (nur mit Abo lesbar). Die zwei Studentinnen sprechen in dem Artikel über die Silvesternacht:

“Überall waren Hände”, sagt die eine. “Ich habe versucht, einem von denen ins Gesicht zu schlagen, der hat einfach nur gelacht”, sagt die andere. Die Freundinnen sind beide zwanzig Jahre alt, Studentinnen aus Mannheim, sie waren an Silvester nach Mailand gefahren. Zum Feiern. Sie standen auf der Piazza del Duomo, es gab Musik, Feuerwerk und trotz Pandemie doch recht viele Menschen. Dann wurden sie plötzlich aus einer Gruppe heraus angegriffen. Zehn Tage später erzählen die beiden Frauen gemeinsam im Video-Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung davon. Ihre Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen.

Später am selben Tag berichtete auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - Übergriffe in Mailand erinnern an Horror-Nacht von Köln - Silvester-Mob attackiert deutsche Studentinnen
(Zu sehen ist eine Szene des Angriffs. Unkenntlichmachung der Gesichter der Frauen durch Bild.de, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

In der aktuellen Version des Textes steht unter anderem:

Die beiden Studentinnen Monika E.* und Sabine G.* (*Namen von der Redaktion geändert) kommen aus Mannheim, berichten in der “Süddeutschen Zeitung” und in italienischen Medien, was ihnen mitten in Mailand passierte

Es stimmt, dass Bild.de die Namen der beiden Frauen geändert hat – allerdings erst, nachdem diese sich bei der Redaktion beschwert hatten. Sie mussten sich gegen die “Bild”-Berichterstattung wehren: In der Ursprungsversion des Artikels standen ihre tatsächlichen Namen (jeweils kompletter Vor- und abgekürzter Nachname). Genauso im großen Artikel, der am vergangenen Mittwoch in der gedruckten “Bild” erschienen ist:

Ausriss Bild-Zeitung - Übergriffe in Mailand erinnern an Horror-Nacht von Köln - Silvester-Mob attackiert deutsche Studentinnen
(Unekenntlichmachungen: siehe oben)

Das E-Paper mit den Namen der zwei Frauen ist bis heute unverändert online.

Ganz am Ende ihres Artikels schreibt die “Bild”-Autorin:

“Die beiden Frauen aus Deutschland sind noch immer völlig aufgelöst, mit den Nerven am Ende”, so ein Ermittler zu BILD.

Und in so einer Situation müssen sie sich auch noch darum kümmern, dass eine Boulevardredaktion ihrer Bitte nachkommt, nicht namentlich genannt zu werden.

“Bild” sinnentstellend, Bedrohte BBC, Werbung im Zwielicht

1. Presserat: Bild-Schlagzeile zu Klimaschutz und Arbeitsplätzen war sinnentstellend
(riffreporter.de, Daniela Becker)
Im September haben wir hier im BILDblog über die verzerrte Wiedergabe eines Interviews mit dem Gewerkschaftschef Jörg Hofmann berichtet (“Bild”-Verzerrung kostet richtige Klimaschutz-Aussage), in der die “Bild”-Redaktion eine Aussage Hofmanns nahezu ins Gegenteil verkehrt hatte. Nun hat der Presserat “Bild” dafür eine Rüge erteilt. Daniela Becker von den “RiffReportern” ordnet den Vorgang ein, erklärt die Hintergründe und weist darauf hin, dass der gerügte Beitrag bei Bild.de bis heute unverändert online stehe – ohne dass dort die Entscheidung des Presserats auch nur mit einer Silbe erwähnt werde.

2. BBC soll ab 2027 keine Gebühren mehr fordern dürfen
(zeit.de)
Die britische Regierung will laut Medienberichten die Gebührenfinanzierung der BBC abschaffen. Sie plane in einem ersten Schritt, die BBC-Finanzen für zwei Jahre einzufrieren und das bisherige Finanzierungsmodell anschließend ganz zu beenden. Der Sender solle sich künftig durch Abos und eine Teilprivatisierung finanzieren. Die BBC und andere Kritiker der geplanten Maßnahme sehen die Qualität des Programms bedroht und befürchten als Folge einen großen Personalabbau.

3. Hedwig Bollhagen trägt Breitbart
(taz.de, Steffen Grimberg)
Viele Unternehmen sind sich gar nicht im Klaren darüber, dass ihre onine geschaltete Werbung dank automatisierter Prozesse auch auf fragwürdigen Websites ausgespielt wird – darunter rechtsradikale Seiten voller Hass, Verschwörung und Desinformation. Die Initiative “Stop. ­Funding. Hate. Now!” macht die Firmen regelmäßig auf das Problem aufmerksam und führt Buch über die betreffenden Medien.

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4. Was ist Hassrede?
(sebastianmeineck.wordpress.com)
Wenn von “Hassrede” gesprochen wird, ist nicht immer das Gleiche gemeint. Ein genauer Blick auf das Wort und dessen Bedeutungen könne helfen, die gemeinten Probleme besser zu verstehen, findet der Journalist Sebastian Meineck: “Wer von Hassrede spricht und dabei ganz sicher auch auf Diskriminierung aufmerksam machen möchte, muss das wohl dazu sagen – ansonsten könnte das durch den inzwischen diffundierten Begriff von Hassrede übersehen werden.”

5. Erfolg für Verleger Holger Friedrich: Die Zeit muss Gegendarstellung drucken
(kress.de, Markus Wiegand)
Holger Friedrich, Eigner des Berliner Verlags (unter anderem “Berliner Zeitung”), ist gerichtlich gegen die “Zeit” vorgegangen. Diese hatte im November über die Stimmung beim Berliner Verlag berichtet und sich zur dortigen wirtschaftlichen Situation geäußert. Mit zwei seiner ursprünglich vier Gegendarstellungspunkten sei Friedrich erfolgreich gewesen, berichtet kress.de. Das gerichtliche Nachspiel sei damit noch nicht beendet.

6. Selbstironie zum Geburtstag: Wie die “Apotheken Umschau” sich als “Rentner-Bravo” feiert
(rnd.de, Imre Grimm)
Die “Apotheken Umschau”, Deutschlands reichweitenstärkstes Gesundheitsmagazin, wird scherzhaft oft als “Rentner-Bravo” bezeichnet. Zum 66. Geburtstag des Hefts hat sich die Redaktion einen besonderen Spaß erlaubt: Auf zehn Seiten gibt es Medizinthemen in “Rentner-Bravo”-Optik. Imre Grimm hat sich das Experiment im Rahmen einer kleinen Stilkritik angeschaut.

KW 02/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Wie war das Medien-Jahr 2021, Hajo Schumacher?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:35:21 Stunden)
Bei “Was mit Medien” gibt es den traditionellen Jahresrückblick mit Hajo Schumacher. Wer oder was hat den Medienprofi in diesem Jahr kalt erwischt, weil extrem positiv aufgefallen, aber überhaupt nicht erwartet? Wie haben Medien in Bezug auf Corona agiert? Und was haben wir 2021 über Medien, Journalismus und das Publikum gelernt?
Weiterer Hörtipp: Wie verändert sich die Social-Media-Welt 2022, Franziska Bluhm?

2. Ferngespräche: USA
(radioeins.de, Holger Klein, Audio: 55:52 Minuten)
Holger Klein hat die USA-Korrespondentin Nicole Markwald zu Gast, und die erzählt in einer überaus erfrischenden und fröhlichen Art von den Besonderheiten des US-amerikanischen Medienbetriebs sowie vom Leben mit Familie jenseits des Atlantiks.

3. Welche Wirkmacht hat noch der SPIEGEL? | Wer hat 2021 im TV abgedankt?
(ardaudiothek.de, Daniel Bouhs & Jörg Wagner, Audio: 1:24:06 Stunden)
“Welche Wirkmacht hat noch der SPIEGEL? Wer hat 2021 im TV abgedankt?” Das sind die beiden beherrschenden Themen im “Medienmagazin” von radioeins. Daniel Bouhs und Jörg Wagner lassen den “Spiegel”-Chef Steffen Klusmann, den Politik-Beobachter Albrecht von Lucke und Melanie Amann zu Wort kommen, die das Hauptstadtbüro des “Spiegel” leitet.

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4. Wie deutsche Medien über Taiwan berichten – und warum
(intaiwan.net, Klaus Bardenhagen, Audio: 36:58 Minuten)
Der Auslandskorrespondent Klaus Bardenhagen berichtet seit mehr als zehn Jahren aus Taiwan. Im Gespräch mit der Radiojournalistin Carina Rother geht es um die Frage, wie deutsche Medien auf den Inselstaat blicken, und das Wechselspiel von Politik und Medien.

5. Trimedialität und digitaler Journalismus am Beispiel von BILD
(journalistik.blogs.uni-hamburg.de, Jonathan Deupmann & Volker Lilienthal, Audio: 33:30 Minuten)
In der aktuellen Folge des “JKW”-Podcasts (“Journalistik und Kommunikationswissenschaft”) spricht der Hamburger Medienwissenschaftler Volker Lilienthal über mögliche Folgen der Technisierung, neue Anforderungen an Medienschaffende und seine Beobachtungen bei “Bild”. Die Folien zum Vortrag gibt es hier (PDF).

6. Inside Medien: Yelda Türkmen – Chefin von “Kanakfilm”
(anchor.fm, Lisabell Shewafera, Audio: 44:22 Minuten)
“Inside Medien” versteht sich als “Interview-Podcast mit deutschen Medienmenschen mit interkulturellem Background”. Dieses Mal zu Gast: Yelda Türkmen, die als Redaktionsleiterin bei “Five Souls” arbeitet, einer Talkshow des SWR. Außerdem ist Türkmen Gründerin der Produktionsfirma Kanakfilm Berlin, die unter anderem für Netflix, den rbb und den SWR produziert. Davor war sie unter anderem Leiterin bei “Joko und Klaas”, “DSDS” und “Jäger und Sammler”. Ein spannender Blick hinter die Kulissen einer Produktionsfirma.

Tönnies vs. Sat.1, Tesla mauert, Rechts-Rock auf Spotify

1. Sat.1 will Unterlassungserklärung nicht abgeben
(dwdl.de, Manuel Weis)
Der Groß-Schlachter Tönnies will offenbar mit einer Unterlassungserklärung erreichen, dass Sat.1 eine Investgativreportage über die Arbeits- und Wohnbedingungen beim und rund ums Unternehmen nicht mehr ausstrahlt. Der TV-Sender zeigt sich davon unbeeindruckt: Man wolle alle rechtlichen Mittel ausschöpfen und sehe einer “juristischen Klärung des Sachverhalts durch ein ordentliches Gericht sehr gelassen entgegen”.

2. Tesla und Elon Musk: Keine Antwort auf kritische Fragen
(ndr.de, Fritz Lüders & Kim Kristin Mauch, Video: 19:24 Minuten)
Im Ortsteil Freienbrink der märkischen Gemeinde Grünheide plant der wertvollste Autokonzern der Welt Tesla das größte Autowerk Europas. Rund um das Projekt gibt es zahlreiche Fragen, doch der Milliarden-Konzern schottet sich ab. Presseanfragen werden nicht beantwortet, Pressezuständige gibt es erst gar nicht. Das Medienmagazin “Zapp” hat sich einen Tesla gemietet und ist nach Brandenburg gefahren, um die Fragen vor Ort loszuwerden.

3. Auf Spotify sind Rechts-Rock-Bands weiterhin aktiv
(belltower.news, Nicholas Potter)
Der nach eigenen Angaben weltgrößte Audiostreamingdienst Spotify hat anscheinend ein Problem mit der Kontrolle seiner Inhalte: Die Plattform biete auch Neonazi-Bands und rechtsextremen Podcasts eine Bühne und reagiere bislang wenig konsequent, selbst wenn er darauf hingewiesen werde.

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4. 25 Jahre Kinderkanal KIKA: Qualitätsfernsehen, das Kinder ernst nimmt
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 5:59 Minuten)
Seit 25 Jahren versorgt KiKA, der Kinderkanal von ARD und ZDF, Kinder mit einem eigenen Fernsehprogramm. Michael Borgers schaut auf ein Vierteljahrhundert Kinderfernsehen zurück und lässt Verantwortliche und Experten zu Wort kommen. Außerdem hat er mit MDR-Intendantin Karola Wille über die Zukunft des Kanals gesprochen, die je nach Mediennutzungsverhalten linear oder digital im Internet aussehen könne.

5. Physische Attacken deutlich zugenommen
(mmm.verdi.de)
Nach Angaben der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union habe die Zahl der Attacken auf Medienschaffende in Deutschland im vergangenem Jahr massiv zugenommen. Bis Ende 2021 habe es 119 Meldungen zu Bedrohungen, Angriffen, Beleidigungen, Behinderungen bei der Arbeit und juristische Attacken gegeben. 2020 seien es 72 solcher Vorfälle gewesen.

6. Funkes Photoshop-Philip
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Man kann es nur als erbärmlich empfinden, mit welchen Fotomontagen die Klatschzeitschrift “die aktuelle” ihre Leserinnen und Leser hinters Licht führt. Medienkritiker Stefan Niggemeier berichtet von einer herzzerreißenden Geschichte um die Queen, deren Mann Prinz Philip und einsame Stunden im Park – zusammenfantasiert und -gephotoshopt von der Regenbogenredaktion.

Appell der Faktenprüfer, Unwort “Pushback”, Ausgeschlagene Zähne

1. Offener Brief an die CEO von YouTube von Faktenprüfern aus der ganzen Welt
(correctiv.org)
Mehr als 80 professionelle Faktencheck-Organisationen aus über 40 Ländern wenden sich in einem offenen Brief an Youtube: “Als internationales Netzwerk von Faktencheck-Organisationen beobachten wir, wie sich Lügen im Internet verbreiten – und wir sehen jeden Tag, dass YouTube einer der wichtigsten Kanäle für Online-Desinformation und Fehlinformationen weltweit ist.” Sie belassen es jedoch nicht bei ihren Vorwürfen, sondern machen konkrete Vorschläge zur Beseitigung des Missstands und bieten Youtube ihre Mitarbeit an.

2. “Pushback” ist Unwort des Jahres 2021
(tagesschau.de)
Die Jury der “Sprachkritischen Aktion” kürt jedes Jahr das “Unwort des Jahres”. Dieses Jahr hat sie sich für den Ausdruck “Pushback” entschieden. Der Begriff beschönige einen Prozess der Abschiebung, der Menschen die Möglichkeit verwehre, das Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen: “Den Flüchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten. Der Einsatz des Fremdwortes trägt zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zurückdrängens von Migrant:innen verbunden sein können, verschwiegen.”
Weiterer Lesehinweis: Bei Twitter erklärt Europaparlamentarier Erik Marquardt, warum er die Wahl “sehr gut” finde, die Begründung der Jury aus seiner Sicht jedoch den Kern des Problems verfehle.

3. Warum Gegenrede nicht immer funktioniert
(netzpolitik.org, Olaf Pallaske)
Ein Forscherteam einer Schweizer Hochschule habe nachgewiesen, dass Hassrede durch Gegenrede reduziert werden kann. Dies gelte jedoch nicht uneingeschränkt und es bleibe offen, ob Gegenrede auch zu einer tatsächlichen Meinungsänderung führen kann. Zudem drohe der sogenannte Backfire-Effekt, eine emotionale Abwehrreaktion, die selbst dann auftrete, wenn die Informationen auf anerkannten Fakten basieren.

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4. Zusammenführung: RTL und Gruner + Jahr starten gemeinsam mit 7500 Mitarbeitenden
(rnd.de)
Nachdem im Sommer 2021 bekannt wurde, dass RTL weite Teile des Medienkonzerns Gruner + Jahr erworben hatte, ist nun die Zusammenführung der zwei Unternehmen erfolgt. Bei dem erweiterten Unternehmen RTL Deutschland würden nun in Köln, Hamburg, Berlin und an 14 weiteren deutschen Standorten 7.500 Personen arbeiten.
Weiterer Lesehinweis: Bei “DWDL” analysiert Chefredakteur Thomas Lückerath den Zusammenschluss: Gewinner und Verliererinnen der großen RTL-Rochade.

5. Voraussetzung für Rundfunk-Demokratie
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
“Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird 2022 ein wegweisendes Jahr. Erst soll die Senderverfassung, sprich Auftrag und Struktur, überarbeitet werden, im zweiten Schritt steht die Reform der Finanzierung von ARD, ZDF und Deutschlandradio an.” Joachim Huber erklärt, was da im Einzelnen auf die Verantwortlichen zukommt.

6. Alle Kosten selbst tragen
(taz.de, David Muschenich)
Als Teil eines Filmteams wollte die Journalistin Lea Remmert 2020 die Demonstrationen zum 1. Mai begleiten, als sie von einem Polizeitrupp überrannt und verletzt wurde. Das Resultat: zwei ausgeschlagene Zähne und eine hohe Zahnarztrechnung. Verantwortung dafür wolle jedoch niemand übernehmen, auf den Kosten werde sie wohl sitzen bleiben.

Strafverfahren-Lawine, Feindbild Presse, Twitter nicht nur Rattenloch

1. Bundeskriminalamt erwartet 150.000 neue Strafverfahren pro Jahr
(zeit.de)
Das Bundeskriminalamt (BKA) bereitet sich wegen der Neufassung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) gegen Hass in Sozialen Netzwerken auf Zehntausende zusätzliche Strafverfahren im Jahr vor. “Nach derzeitiger Schätzung ist jährlich mit rund 250.000 NetzDG-Meldungen zu rechnen, die etwa 150.000 neue Strafverfahren nach sich ziehen werden”, so ein BKA-Sprecher. Zum Hintergrund: Laut der neuen Regelung müssen Betreiber Sozialer Netzwerke ab dem 1. Februar den Behörden sämtliche strafbaren Inhalte melden.

2. Feind­bild Presse: Bedrohungen von Journalisten durch “Querdenker” nehmen zu
(rnd.de, Imre Grimm)
Mit einem neuen Flyer (PDF) will der Deutsche Journalisten-Verband die Polizei dabei unterstützen, falsche Journalistinnen und Journalisten von echten unterscheiden zu können, und stellt dafür eine digitalen Schnellcheckliste bereit. Imre Grimm erklärt, warum die Initiative derzeit besonders notwendig ist.
Weiterer Lesetipp: Nur mit Bodyguards: “Die Stimmung gegen Jour­na­lis­t:in­nen wird rauer. Dabei werden sie von Quer­den­ke­r:in­nen an ihrer Arbeit gehindert. Aber auch von der Polizei.” (taz.de, Volkan Ağar)

3. Ippen Media kramt veraltete ADAC-Studie raus, um E-Autos schlechtzureden
(volksverpetzer.de, Jan Hegenberg)
Jan Hegenberg ärgert sich über die negative Berichterstattung der Ippen-Medien (unter anderem “HNA”, “Münchner Merkur”) über E-Autos. Die Artikel seien in Überschrift und Anreißer irreführend, würden auf einer veralteten ADAC-Studie beruhen und sich bei näherer Betrachtung als billiges Clickbaiting herausstellen: “Dass der Ippen-Verlag derartig alte und umstrittene Studien wie diese ADAC-Studie immer wieder bringt, um Menschen an einer alten Technologie festhalten zu lassen, wird tragischerweise auch am ehesten diesen Menschen schaden. Sie werden so im Glauben gelassen, E-Autos seien nur ein vorübergehender Trend und bekommen mutmaßlich in ein paar Jahren zunehmend Probleme, wenn ihr Vehikel auf dem Gebrauchtmarkt ähnlich beliebt ist wie heute ein Röhrenmonitor oder eine Schreibmaschine.”

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4. Gettr – Die neue Rechtsaußen-Filterblase
(belltower.news, Stefan Lauer & Veronika Kracher)
Seit die großen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter verstärkt gegen Hass, Hetze und Desinformation vorgehen, weichen viele Rechtsradikale und “Querdenker” auf Gettr aus. Dieses Netzwerk spiele vor allen in den USA eine große Rolle, werde aber auch zunehmend von den entsprechenden Kreisen in Deutschland genutzt.

5. “Gerade auch über Missstände berichten”
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Bettina Schmieding, Audio: 7:01 Minuten)
Der Sportjournalismus befindet sich im Wandel. Konzentrierten sich viele Medien früher nahezu ausschließlich auf die sportlichen Aspekte und blendeten alles Negative aus, wird heutzutage zunehmend auch über Missstände und die politischen und gesellschaftlichen Aspekte berichtet. Eine Herausforderung für den Sportjournalismus, wie beim Hören des Deutschlandfunk-Gesprächs klar wird.

6. Twitter ist nicht nur ein Rattenloch
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
“Ich hasse Twitter und Instagram auch manchmal. Aber stellen Sie sich mal vor, es wäre Pandemie und wir hätten das alles nicht. Das wäre wirklich die Hölle.” Margarete Stokowski freut sich in ihrer Kolumne, dass die Sozialen Netze nicht nur aus Hass, Hetze und schlechten Menschen bestehen, wie man manchmal vielleicht denken könnte.

Gender-Gewetter, Fleischhauers “Apologies”, Die Zehn-Minuten-Regel

1. Raus aus’m “Formatknast”
(taz.de, René Martens)
Die ARD setzt ihre im Oktober beschlossene Programmreform um. Der Umbau habe Auswirkungen auf bewährte Formate wie den “Weltspiegel”, der durch zusätzliche Auslandsdokus ergänzt werden soll. Eine diesbezügliche Verschlechterung im linearen Programm gerate dabei jedoch in den Hintergrund, so “taz”-Autor René Martens: “Die 30-minütige ‘Weltspiegel-Reportage’, die bisher am Samstagnachmittag lief, wird es nur noch bis zum Frühjahr geben.”

2. “Keine Minute, in der du nicht auf einem Bildschirm bist”
(heise.de, Nils Zurawski)
Christoph Giesen, Journalist und China-Korrespondent der “Süddeutschen Zeitung”, ist für seinen Text über die Überwachung in China ausgezeichnet worden. Im Interview spricht Giesen über die Hintergründe des Artikels und über seine Arbeit als ausländischer Journalist in Peking. Die ausführliche Version des Gesprächs gibt es im Podcast “Berichte aus Panoptopia”.

3. Die bequeme behauptete Unbequemlichkeit des “Spiegel”
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In seiner aktuellen Ausgabe feiert der “Spiegel” 75 Jahre “Spiegel”. Die Redaktion hat dafür groß “UNBEQUEM SEIT 1947” aufs Titelblatt gedruckt. Stefan Niggemeier fragt: “Was bedeutet es heute für ein Magazin, ‘unbequem’ zu sein. Und, vor allem: ‘unbequem’ für wen? Und natürlich: Ist der ‘Spiegel’ es überhaupt noch?”

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4. Müssen wir uns gegen das Gendern boostern lassen?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
In letzter Zeit haben einige Promis wie Elke Heidenreich, Dieter Hallervorden und zuletzt Jürgen von der Lippe gegen das Gendern gewettert. “Tagesspiegel”-Redakteur Joachim Huber kommentiert: “Wer das Gendern absolut setzt, der agiert in die umgedrehte Richtung, aber er agiert nicht anders, sondern vergleichbar verkehrt. Sprache gehört jedem und keinem. Das macht sie fluid, beweglich, sie ist Phänomen und Ausdruck der Zeit. Wenn Sprache stehenbleibt, ob im Gendern oder Nicht-Gendern, soll die Zeit gefrieren.”

5. Ich hatte gestern Abend …
(twitter.com, Jan Fleischhauer)
Der “Focus”-Kolumnist Jan Fleischhauer bittet bei der Autorin Jasmina Kuhnke für seine sie betreffenden Worte um Entschuldigung und gelobt Besserung. Das ist, aus Sicht des “6-vor-9”-Kurators und ganz unironisch gemeint, aller Ehren wert. Jetzt wäre nur noch ein Nachtrag unter seiner (bislang unveränderten) Kolumne wünschenswert.
Ergänzung vom 12.01.2022: Mittlerweile ist ein Nachtrag erfolgt.

6. Die Zehn-Minuten-Regel
(texthacks.substack.com, Anne-Kathrin Gerstlauer)
Mit dem Ausblick “Nie mehr mittelmäßige Texte ins Internet schreiben” bewirbt Anne-Kathrin Gerstlauer ihren neuen Newsletter zu “TextHacks”. In der aktuellen Folge verrät sie, warum es sich lohnt, viel Zeit für Überschrift und Teaser zu verwenden, warum viele Adjektive unnötig, und Zitate als Stilmittel überschätzt sind.

Osten ernst nehmen, Tichy muss zahlen, Trumps Plattform

1. So isser nich’, der Ossi
(spiegel.de, Sascha Aurich)
Sascha Aurich ist stellvertretender Chefredakteur der “Freien Presse” aus Chemnitz und hat vielleicht deshalb ein besonders feines Gespür für die klischeehafte Berichterstattung vieler westdeutscher Medien über den Osten. In seinem Essay appelliert er: “Den Osten ernst nehmen, nur so kann es gehen. Und zwar nicht die Schreihälse. Sondern die Menschen in der dritten oder vierten Reihe, die nur hinterhertrotten. Und dann vor allem jene, die sich ein anderes, besseres Ostdeutschland wünschen, sich aber nicht mehr aus der Deckung trauen. Sie müssen Gehör finden, ihr Leben muss stattfinden, wenn es um den Osten geht. Der Anspruch auch des SPIEGEL sollte sein: Raus aus den Mustern der Berichterstattung, weg von den üblichen Verdächtigen. Echtes Interesse für den Alltag im Osten. Die Zeit der Zuspitzung ist vorbei, die Wirklichkeit ist krass genug.”

2. Warum kostet eine sexistische Beleidigung 10.000 Euro?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 21:03 Minuten)
Das Landgericht Berlin hat entschieden: Roland Tichy muss für eine sexistische Beleidigung in der von ihm verantworteten Zeitschrift “Tichys Einblick” 10.000 Euro Schmerzensgeld an die SPD-Politikerin Sawsan Chebli zahlen. Ist das gerecht? Wie kommt eine solche Summe zustande? Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit, und darf Satire nicht auch sexistisch sein? Was kostet es, gegen Beleidigungen vorzugehen? Und hilft das Urteil Opfern von Hate Speech? Darüber hat Holger Klein mit der Medienrechtsanwältin Tanja Irion gesprochen.

3. Historikerverband kritisiert “Verfälschung historischer Fakten”
(sueddeutsche.de, Jörg Häntzschel)
Beim von ARD und ZDF betriebenen Jugendkanal “Funk” erschien ein Video, das falsche Fakten über Adolf Hitler enthielt. Der Macher des Videos habe seinen Irrtum bereits vor längerer Zeit eingeräumt, doch der Beitrag selbst sei über Wochen unverändert geblieben. Mittlerweile ist das Video gelöscht, vielleicht auch weil sich prominenter Protest seitens des deutschen Historikerverbands regte.

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4. Donald Trumps Internetplattform soll im Februar starten
(zeit.de)
Nachdem Donald Trump von den großen Social-Media-Plattformen ausgeschlossen wurde, hatte er die Gründung eines eigenen Netzwerks angekündigt. Der Start dieses Projekts mit dem Namen “Truth Social” steht anscheinend in nächster Zeit bevor: Laut Apple sei die dazugehörige App voraussichtlich ab dem 21. Februar verfügbar.

5. Vernachlässigen Medien nicht-akademische Berufe?
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 34:02 Minuten)
Akademikerinnen und Akademiker seien in der medialen Berichterstattung weit stärker vertreten als Nichtstudierte, ganz gleich ob in Talkshowrunden, Krimis, Serien oder Zeitungstipps für Beruf und Karriere. Wie kann ein ausgewogeneres und realistischeres Bild der Arbeitswelt entstehen? Darüber diskutiert ein Deutschlandfunk-Hörer mit dem Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Armin Himmelrath und Brigitte Baetz aus der “mediasres”-Redaktion.

6. Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2022: Die Trends für das neue Jahr
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer hat turnusgemäß die Glaskugel aus dem Schrank geholt und einen Blick auf mögliche Medienentwicklungen des bevorstehenden Jahres geworfen. Wie immer geht er dabei auch selbstkritisch seine Prognosen des Vorjahres durch.

Winterpause

Liebe Leserinnen und Leser,

wir hoffen, ihr hattet schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr!

Hier im BILDblog ist derzeit noch Winterpause – ab kommenden Montag, 10. Januar, gibt es wieder Neues zu lesen.

Bis dahin alles Gute,
euer BILDblog-Team

“Querdenker” am Weihnachtstisch, Digitaler Ermittler, Zwist um RT

1. Was tun mit Querdenkern am Weihnachtstisch?
(deutschlandfunkkultur.de, Frank Meyer, Audio: 6:16 Minuten)
Was tun, wenn man “Querdenker”, Coronaleugnerinnen oder andere Verschwörungsgläubige in der Bekanntschaft oder Verwandtschaft hat und mit ihnen womöglich das Weihnachtsfest verbringt? Die Autorin Ingrid Brodnig ist Expertin für Verschwörungsmythen und zeigt Strategien auf, wie man mit der Situation am besten umgeht. Weiterer Hinweis: Bei Twitter hat Brodnig ihre fünf wichtigsten Tipps zusammengefasst, in Grafiken umgesetzt von Deutschlandfunk Kultur.

2. Nur nicht hetzen
(sueddeutsche.de, Georg Mascolo & Ronen Steinke)
Vom 1. Februar 2022 an gelten für Soziale Netzwerke neue Spielregeln: Dann müssen sie ihnen bekannte Morddrohungen und andere Delikte nicht nur löschen, sondern sie auch dem Bundeskriminalamt anzeigen. Ob es dazu kommt, sei jedoch unklar: Facebook und Google haben Anträge auf einstweilige Anordnung gegen die ihnen auferlegten Pflichten eingereicht. Währenddessen sollen etwa 200 Beamtinnen und Beamte der neu gegründeten Zentralen Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet darauf warten, dass sie mit der Arbeit beginnen können.

3. Wie sagt der Staat Stopp?
(zeit.de, Ann-Kathrin Nezik & Götz Hamann)
Telegram ist eigentlich ein Messengerdienst. Die Software besitzt jedoch Eigenschaften, die sie von Konkurrenten wie WhatsApp absetzt: So können dort Chatgruppen eingerichtet werden, die teilweise eine sechsstellige Anzahl von Personen erreichen. Auf diese Weise hat sich bei Telegram eine digitale Parallelwelt für Corona-Leugnerinnen, radikale Impfgegner und Extremisten gebildet. Der Staat schaut dem Treiben bislang relativ ohnmächtig zu, doch das soll sich ändern, unter anderem durch die Installation eines “digitalen Ermittlers”.

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4. Eutelsat stellt Verbreitung von RT DE via Satellit ein
(meedia.de)
Der Zwist um die Ausstrahlung des russischen Staatssenders RT beziehungsweise dessen deutschsprachigen Programms geht in eine weitere Runde. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg habe mitgeteilt, dass der Satellitenbetreiber Eutelsat das Satellitensignal von RT DE nicht verbreite, da keine gültige Sendelizenz vorliege. Der Sender ist damit, wie zu erwarten, nicht einverstanden: “Wir vertreten den Standpunkt, dass diese Vorgehensweise eine rechtswidrige Druckausübung darstellt, und sind zuversichtlich, dass zuständige Gerichte gegen diese Aktion vorgehen werden.”

5. Die Schwierigkeit, über Unwahrheiten zu berichten, wenn auch die Wahrheit niemanden etwas angeht
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die Boulevardjournalistin Tanja May hat viele Jahre für die “Bunte” im Privatleben von Promis und unbeteiligten Dritten herumgestochert und tut dies nun seit einigen Wochen für “Bild”. Boris Rosenkranz kommentiert: “Bei ‘Bild’ läuft es jetzt wie bei ‘Bunte’, wo May zuvor 20 Jahre lang schmutzige Wäsche in die Auslagen räumte: Erst mal wird veröffentlicht, und wenn sich dann jemand beschwert, tja, wird halt gelöscht oder geschwärzt. Klicks und Auflage hat es bis dahin in der Regel schon gebracht.”

6. Exklusiv: Die total reale Wahrheit über Walulis
(youtube.com, Walulis Story SWR, Video: 15:51 Minuten)
Die “Walulis”-Redaktion gewährt einen (satirischen) Blick hinter die Kulissen: “Zum Weihnachtsfest gibt es in dieser Folge exklusive Interviews, nie veröffentlichtes Footage und Promi-Gastauftritte. Alles echt, 100% authentisch und mit viel Gefühl – ein Spaß für die ganze Familie!”

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BILDblog-Klassiker

“… ist von Bild frei erfunden”

Endlich!

Das Rätsel um den geheimnisvollen Inhalt des Tresors aus dem Hotel Astoria ist gelöst, der vergessene Panzerschrank nach Jahrzehnten endlich geöffnet worden — von einem Baggerfahrer!

Bei den Vorbereitungsarbeiten zum Wiederaufbau des 1996 geschlossenen Hotels Astoria in Leipzig wurde ein alter Safe hinter der Rezeption entdeckt. Manche Schließfächer standen offen, andere waren geschlossen. Und niemand, so die “Bild”-Medien:

Niemand hatte eine Idee, wie der tonnenschwere Tresor aus der Wand zu bekommen ist, ohne die Grundmauern einzureißen.

Doch nun …

Nun haben sie Lars Homilius (46). Der ist freiberuflicher Baggerfahrer und genießt im Abriss-Business einen Ruf als Experte für die besonders kniffligen Fälle.

Und dieser Lars Homilius hat es nicht nur geschafft, den “tonnenschweren Tresor aus der Wand zu bekommen”, ihn hochzuheben, zwei Meter über dem Boden vom Haken und auf den Boden des Innenhofes krachen zu lassen, wodurch die bisher verschlossenen Fächer aufsprangen:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Baggerfahrer von der Hotel-Baustelle - Ich habe den Astoria-Tresor zerdeppert

Nein, Homilius verrät laut “Bild” auch, was sich noch in dem Tresor befand:

Und? Was war nun drin? “Gar nix. Leider …”

Allerdings sagt der “Experte für die besonders kniffligen Fälle”, dass er das gar nicht gesagt habe. Das Zitat sei von “Bild” frei erfunden, so Homilius:

Screenshot eines Facebook-Kommentars des Baggerfahrers, den die Bild-Redaktion zitiert - Nur so viel zum Inhalt. Ich habe zu Bild gesagt das ich mich zum Inhalt noch nichts sagen werde. Das er komplett leer war ist von Bild frei erfunden.

Die Leipziger “Bild”-Redaktion scheint dieser Widerspruch in den Kommentaren unter ihrem Facebook-Post aber nicht sonderlich zu interessieren — der Artikel ist unverändert online.

Mit Dank an Daniel H. für den Hinweis!

“Das Parlament” im Neuland, Leon Stusslock, Politiker als Kolumnisten

1. Ins Neuland
(sueddeutsche.de, Julian Erbersdobler)
Die politische Wochenzeitung “Das Parlament” gibt es bereits seit den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Bis zum Jahr 2000 wurde sie von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegeben, danach vom Deutschen Bundestag. Julian Erbersdobler hat den Chefredakteur im Jakob-Kaiser-Haus besucht, dem größten Parlamentsgebäude in Berlin. Wie geht es weiter mit der Zeitung? Und wie will man ein junges Publikum erreichen?

2. Wir haben Leon-Lovelock-Videos mit einem Verschwörungstheorie-Experten geschaut
(vice.com, Johann Voigt)
Der Youtuber Leon Lovelock (378.000 Abonnenten) unterhält sich auf seinem Kanal gerne mit Rappern und rutscht dabei oft in Verschwörungstheorien ab. “Vice” hat mit dem Philosophen und Experten für Verschwörungstheorien Jan Skudlarek über die aus seiner Sicht demokratiefeindlichen Filmchen gesprochen: “Es ist empirisch bewiesen, dass Menschen, die mit solchen Verschwörungstheorien konfrontiert werden, weniger bereit dazu sind, wählen zu gehen. Wenn du bei Leon Lovelock als Jugendlicher in vielen Videos erzählt bekommst, dass “die da oben” eh machen, was sie wollen, ist das aus moralischer Sicht problematisch. Gerade weil Jungwähler beeinflusst werden. Diejenigen also, die man am meisten für die Demokratie begeistern sollte.”

3. Donald Trump hat kein Recht, Twitter-Nutzer zu blockieren
(spiegel.de)
Ein amerikanisches Berufungsgericht hat bestätigt, dass Regierungsbeamte auf Twitter niemanden wegen seiner politischen Ansichten blockieren dürfen. Auch nicht Regierungsbeamte wie der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

4. Alexa birgt laut Gutachten Risiken für Kinder
(zeit.de)
Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags warnt vor Amazons digitaler Sprachassistentin “Alexa”. Das Gerät sei für Kinder nicht geeignet, weil diese persönliche Informationen preisgeben oder für Minderjährige nicht geeignete Inhalte abrufen könnten. Auch der Umgang mit den erhobenen Daten sei problematisch.

5. Ungute Mischung
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm kritisiert Zeitungen dafür, dass sie Politikern wie Friedrich Merz (CDU) und Sigmar Gabriel (SPD) Kolumnen geben. Damit würden die Redaktionen ihre Glaubwürdigkeit verspielen: “In einer Zeit, in der sich “die da oben” als Chiffre für das angebliche Geklüngel von Medien und Politik etabliert hat, ist das kurzsichtig.”

6. Boris Johnson: Der ehemalige Journalist als Meister der Medienmanipulation
(medienwoche.ch, Peter Stäuber)
Peter Stäuber erklärt das Medienphänomen Boris Johnson und beschreibt einige seiner Tricks: “Boris Johnson ist ein Meister der “toten Katze”. So nennt man im britischen Medienjargon ein plumpes Ablenkungsmanöver: Ein Politiker, dem die Berichterstattung über ein heikles oder schwieriges Thema zu schaffen macht, sagt etwas derart Kurioses oder Unverschämtes, dass die Medien über nichts anderes mehr sprechen können — wie eine tote Katze, die während des Abendessens mitten auf den Tisch geschmissen wird.”

Wer macht Angst vorm bösen Wolf?

Es war der größte Waldbrand Mecklenburg-Vorpommerns seit dem Zweiten Weltkrieg: Auf dem früheren Truppenübungsplatz bei Lübtheen standen seit Ende Juni mehr als 1.200 Hektar Wald in Flammen, erst am Montag konnte das Feuer weitgehend gelöscht werden. Als Ursache vermuten die Behörden Brandstiftung. Und es gibt einen Verdacht:

Ausriss Bild: Legten Wolfs-Hasser das Wald-Feuer?

Der Verein “Wolfsschutz Deutschland” vermute als mögliches Tatmotiv “die gezielte Vertreibung eines hier ansässigen Wolfrudels”, schrieb gestern die Regionalausgabe der “Bild”-Zeitung:

Das sei angesichts des geschürten Hasses gegen das dortige Rudel als Motiv denkbar, so Wolfsteam-Leiter Dr. Holger Liste (56).

Schon im Februar hatte Bild.de berichtet:

Screeshot Bild.de: Selbstjustiz! Unbekannte töten immer mehr Wölfe!

Und gefragt:

Woher kommt die tödliche Wut?

Ja, woher denn bloß?

Screenshot Bild.de: Ein Dutzend Wölfe in Bayerns Wäldern - dazu ein Foto eines Wolfes, der die Zähne fletscht
Screenshot Bild.de: Wolf tötet 30 Schafe bei nächtlicher Attacke
Screenshot Bild.de: Neuer Killer-Wolf im Norden
Screenshot Bild.de: Ein Wolf fraß meinen Arm
Screenshot Bild.de: Leben in 12 Jahren schon 40000 Wölfe hier?
Screenshot Bild.de: Wolf richtet Schafmassaker an
Screenshot Bild.de: Einzelner Wolf kostet mehr als 500000 Euro
Screenshot Bild.de: Kein anderes Land gibt mehr für Wölfe aus!
Screenshot Bild.de: Schießen oder nicht schießen?
Screenshot Bild.de: Gebt den Wolf zum Abschuss frei!
Screenshot Bild.de: Joggerin von Wolf angegriffen?
Screenshot Bild.de: Hat der Wolf jetzt Strauß auf seiner Speisekarte?
Screenshot Bild.de: Die neue Angst vorm Wolf
Screenshot Bild.de: Wolf tötete elf Schafe in Thüringen
Screenshot Bild.de: Schützt endlich unsere Tiere!
Screenshot Bild.de: Wenn Wölfe angreifen, sind sie immer im Blutrausch
Screenshot Bild.de: "Die Hälfte meiner Herde hat der Wolf geholt"
Screenshot Bild.de: Der böse Wolf hat meine Schafe gefressen
Screenshot Bild.de: Hier zerlegt ein Wolf eine Schafherde
Screenshot Bild.de: Neues Schafmassaker in Thüringen
Screenshot Bild.de: "Wölfe töteten 41 unserer Tiere"























































































Dabei ist die Berichterstattung der “Bild”-Medien über Wölfe in vielen Fällen nicht nur maßlos überzogen und tendenziös, sondern oft schlichtweg falsch. Nur mal ein paar Beispiele:

Screenshot Bild.de: Schäferhund von Wolf totgebissen!

Nö. In Wahrheit war es eine Hündin, die im Nachbarzwinger gehalten wurde. Das ergab wenig später eine genetische Untersuchung. Die Bild.de-Leserschaft erfuhr davon jedoch nichts.

Screenshot Bild.de: Haben Wölfe zwei Nandus gerissen?

Nö. Auch hier konnten Gen-Proben eindeutig einem Hund zugeordnet werden. Auch davon erfuhren die Bild.de-Leserinnen und -Leser nichts.

Screenshot Bild.de: Hat ein Wolf dieses Kälbchen gerissen?

Nö. Es starb durch eine Infektion. Auch das verschwieg Bild.de.

Aber das können sie ja eh gut bei “Bild”: Erst zündeln, und sich dann wundern, dass es brennt.

“Hoffentlich verreckt das Vieh bald” – und “Bild” stört’s nicht

Beim heutigen Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne zitterte Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut. Es war der dritte Anfall dieser Art in gut drei Wochen. Viele Medien berichten derzeit über den Vorfall, so auch Bild.de. Die Redaktion hat unter anderem ein Video des Zitteranfalls bei Youtube hochgeladen, und die vielen, vielen Kommentare darunter sind voller Hass und Häme: Merkel wird als Alkoholikerin bezeichnet, Leute zeigen offen ihre Freude und wünschen der Kanzlerin immer wieder den Tod, am liebsten schon “bald” und “elendig” und “qualvoll”.

Die “Bild”-Redaktion scheint das alles nicht zu jucken — sie lässt diese Kommentare seit Stunden so stehen:

Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ne Allergie gegen Deutschland. Hoffentlich verreckt das Vieh bald.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Hoffentlich stirbt Merkel! Was tut sie schon gutes für Deutschland!
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die soll einfach sterben
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die geht kapput
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Wir brauchen nur die Deutsche National Hymne um die Dschihad Raute zu vernichten
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Niemand wird sie vermissen, wenn sie endlich über den Jordan geht, diese Völkermörderin!
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Hoffentlich verreckt die so schnell wie möglich
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - frau merkel bekommt ihre verdienten karma-kellen. ihr karma wird sie zerficken dafür, was sie deutschland angetan hat.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Fette stirbt bald
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Epilepie aber happy hoffe die fällt endlich tot um .....zittert bestimmt wegen deutscher national Hymde  bekannter weise ist ihre ja türkisch ...wünsche dieser Person nur das  schlechteste
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Aller guten Dinge sind drei. Jetzt verrecken
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Man erntet was man sät. Menschen die wegen ihrer und der anderen gestorben sind hatten es schlimmer als sie. Hoffe das Merkel und Co elendig verrecken . Ps es brauch mit jetzt auch keiner ins Gewissen reden.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Soll sie verrecken die Hoe
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ne Verarbeitungsphase???? Die ist wirklich krank, aber im Oberstübchen. Sorgen mach ich mir nur um Deutschland und die Deutschen! sicher nicht um Merkel! Spielt ihr die Hymne in Dauerschleife vor dann sind wir sie endlich los.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ich hoffe sie stirbt beim nächsten Anfall
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Zur Hölle mit ihr und ihre Zitteranfälle. Die kann von mir aus verrecken wie ein erbärmlicher Hund und ich wäre froh darüber. Das ist die Strafe von Gott dafür das sie so viele Menschen das Leben genommen hat mir ihrem Erdogan.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Voll die Jüdin
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Danke liebe Bild. Es versüsst mir jedes mal den Tag wenn ich diesen Dämon zappeln sehe. Der Teufel fordert so langsam seinen Lohn ein, die Hölle wartet schon. Irgendwann bezahlt jeder den Preis für seine Taten.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die brauch kein Mensch soll tot umfallen
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Sie ist Landesverräterin hat Deutschland an amerika verkauft. Möge sie Qualvoll sterben
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die soll endlich zum letzten mal zittern und Tod umfangen dieses Pest für Deutschland

Und das ist wahrlich nur eine kleine Auswahl aus einer großen Jauchegrube.

Im Kommentarbereich auf der “Bild”-Facebookseite gibt es ebenfalls viel Häme und Schadenfreude und vor allem solche Kommentare:

Unsere Nationalhymne muss sie aber ganz schön anwidern

Und:

Wenn sie eine Nationalhymne hört überkommt sie ihr schlechtes Gewissen

Und:

Zitteranfall immer bei der Nationalhymne. Wenn man nicht mehr zu diesem Land steht, reagiert man halt allergisch bei der Nationalhymne.

Und:

Vielleicht die DDR Hymne beim nächsten mal spielen?

Diese Häufung ist kein Zufall. Die “Bild”-Redaktion hat ihren Post so anmoderiert:

Screenshot eines Facebookposts der Bild-Redaktion - Es passierte wieder bei der Nationalhymne

… als gäbe es da irgendeinen Zusammenhang. Nur nebenbei: Angela Merkels zweiter Zitteranfall ereignete sich während einer Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier — also als keine Nationalhymne lief.

Mit Dank an @fisch_kopp für den Hinweis!

Nachtrag, 11. Juli: Die “Bild”-Redaktion hat den Kommentarbereich unter ihrem Youtube-Video inzwischen deaktiviert.

Maaßens Westfernsehen, Lippenlese-Absage, “Welt” auf dem Prüfstand

1. Mit dem “Westfernsehen” sieht man schlechter
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen ist ein Fan der “NZZ”, die für ihn so etwas wie “Westfernsehen” sei. Besonders angetan hat es ihm ein aktueller Artikel, nach dem “die Mehrheitsgesellschaft in deutschen Städten ihrem Ende entgegen sehe”. Stefan Niggemeier hat sich den Text, der laut “NZZ” “zunächst versehentlich in unredigierter Fassung publiziert” worden sei (“Wir bitten dies zu entschuldigen.”), näher angeschaut.
Weiterer Lesetipp: Gehirnwäsche in der Höhenluft: “Die “Neue Zürcher Zeitung” ist das Leib-und-Magen-Blatt der Rechten. Was treibt der Chefredakteur der “NZZ”, Eric Gujer, da eigentlich?” (taz.de, Cornelius Oettle).

2. Ich muss da mal was loswerden
(twitlonger.com, Julia Probst)
Julia Probst beherrscht das Lippenlesen und hat schon bei mancher Fußballübertragung verraten, worüber sich Spieler und Trainer austauschen. Probst berichtet nun, dass verschiedene Medien bei ihr angefragt hätten, was die Kanzlerin bei ihrem Zitteranfall gesagt habe. Ein Wunsch, dem sie eine scharfe Absage erteilt hat: “Ich würde mir wünschen, dass die Medien in diesem Punkt sich das fragen: “Angenommen, das wäre ICH selbst in der gleichen Situation, würde ich das wollen, dass man auf diese Art über mich berichtet?”

3. “Welt” auf dem Prüfstand
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Der amerikanische Finanzinvestor KKR will beim Medienhaus Axel Springer einsteigen und mindestens 20 Prozent der Aktien übernehmen. Das offizielle Kaufangebot sorgt nun für Aufregung. Man wolle die “Welt”-Gruppe fortführen, aber nur “unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation”. Ein Passus, den es zu anderen Objekten wie “Bild” oder “Business Insider” nicht gebe.

4. Alles super im Radioland
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz)
Nach Bekanntgabe der halbjährlich erhobenen, neuen Hörerzahlen feiern sich die Radiosender fast rituell als Gewinner. Dennis Horn kommentierte dieses Phänomen bereits vor einem Jahr auf Twitter: “Laut den Pressemitteilungen zu den neuen Einschaltzahlen kommen die deutschen Radiosender insgesamt auf einen Marktanteil von 200 Prozent.”

5. Hilferuf aus dem Pressehaus
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die SWMH (Südwestdeutsche Medien Holding) ist ein mächtiger Medienkonzern, zu dem unter anderem die Zeitungsgruppe Stuttgart, der “Schwarzwälder Bote”, aber auch der Süddeutsche Verlag mit der “Süddeutschen Zeitung” gehören. Hinter den Kulissen des Unternehmens rumort es derzeit gewaltig. Der Geschäftsführer wolle “im Kernbereich massiv Kosten sparen” und das gesparte Geld im Digitalbereich einsetzen. Der Betriebsrat protestiert gegen den Umbau. Josef-Otto Freudenreich erklärt die Hintergründe eines Geschäfts, bei dem es einst “Renditen wie im Drogenhandel” gegeben habe.

6. Ich musste viel Lehrgeld zahlen.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Zunächst: Für das Interview mit Ilka Bessin muss man kein Fan der Comedy-Kunstfigur Cindy aus Marzahn sein. Es geht um Bessins biografischen Hintergrund, ihre Humor-Vorbilder, den Umgang mit Popularität und ihren Wunsch, sich zu ernsten Themen zu äußern: “Wir als Künstler haben ein Sprachrohr, wir haben die Möglichkeit, auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht rund laufen in diesem Land. Und diese Möglichkeit sollten wir nutzen. Das kann auf der Bühne sein, aber auch in Talk-Shows oder Interviews.”

Ohne Arm und Hand und Fuß

Ausriss Bild Politik - Sind Klimaschutz-Demos zu radikal?

… fragt die Redaktion des Wochenmagazins “Bild Politik” in ihrer aktuellen Ausgabe. Und gibt darauf gleich zwei Antworten: Filipp Piatov findet: “JA”, Anna Essers schreibt: “NEIN”. Aber ob nun Pro oder Contra — der Ton werde auf jeden Fall “radikaler”, so “Bild Politik” und Bild.de schon im Teaser:

Studentin Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, Bachelor-Studentin an der Uni Göttingen, vertritt die Bewegung [Fridays For Future] in Deutschland. Auf Twitter schrieb sie zu den Rekord-Temperaturen: “Diese Hitze tötet.” Sie hält zivilen Ungehorsam für legitim und fordert ein Umsteuern in der Umweltpolitik mit “Worte und Taten”.

Im direkt anschließenden Absatz ist die Redaktion dann schon nicht mehr bei Fridays For Future (FFF), sondern bei der nächsten Klimabewegung, Extinction Rebellion (XR), angekommen. Wobei diese Gruppen laut “Bild Politik” und Bild.de ja sowieso eigentlich alle ganz eng zusammenhängen und voneinander abstammen:

Genau das propagiert auch der aus “Fridays for Future” hervorgegangene Arm der Bewegung, “Extinction Rebellion”, kurz “XR”. Aktivisten von “XR” fordern radikale Maßnahmen, unter anderem, um den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) binnen fünf Jahren auf null zu senken.

Das ist falsch. Extinction Rebellion ist kein “Arm” von Fridays For Future.

XR ist unabhängig von der Freitagsdemo-Bewegung im Oktober vergangenen Jahres in Großbritannien entstanden und hat sich dann schnell international ausgebreitet. Auch in Deutschland haben sich Protestgruppen gebildet. Mit Fridays For Future hat Extinction Rebellion nur insofern zu tun, als dass die Mitglieder ähnliche Ziele verfolgen, sich somit politisch nahestehen und immer wieder die Veranstaltungen der jeweils anderen Bewegung besuchen. Es handelt sich aber nicht um eine FFF-Splittergruppe.

Das haben sie bei Bild.de dann auch irgendwann gemerkt und den fraglichen Absatz zu XR einfach gestrichen — klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis auf den Fehler.

Weg mit den Weisheiten, Trick am Newsdesk, Altpapier “Motorwelt”

1. Weg mit den Weisheiten, her mit den Zwischentönen
(journalist-magazin.de, Barbara Hans)
Barbara Hans leitet “Spiegel Online” und gehört der Chefredaktion des “Spiegel” an. Sie hat in ihrem Leben schon viele ungebetene Ratschläge bekommen und vermeintliche Weisheiten über den Journalismus gehört. Ein paar davon hat sie sich notiert, um sie nun genüsslich zu demontieren. Und dabei fallen ein paar tatsächliche Wahrheiten ab.

2. Alter Trick am Newsdesk
(twitter.com, Jonas Leppin)
Jonas Leppin zeigt anhand von zwei Screenshots, wie Clickbait geht: “Alter Trick am Newsdesk: Wenn die Geschichte nicht so läuft, einfach mal die Zeile drehen.” Ein Fall von kühl kalkuliertem Populismus, den sich Journalistenschulen abspeichern sollten. Als Negativbeispiel.

3. SZ-Postfach: “Securedrop kann eine Art Lebensversicherung für Whistleblower sein.”
(get.torial.com, Stefan Mey)
Stefan Mey hat Vanessa Wormer von der “Süddeutschen Zeitung” interviewt, die dort das Darknet-Postfach für Whistleblower betreut. Um den Hinweisgebern ein hohes Maß an Anonymität zu bieten, ist eine Menge technischer Aufwand nötig. Trotzdem sollten die Whistleblower ein paar grundlegende Dinge beachten: “Das Wichtigste ist, uns nicht mit Geräten des Arbeitgebers zu kontaktieren, sondern private Geräte zu nutzen. Es macht auch immer Sinn, nicht das Netzwerk in der Privatwohnung oder am Arbeitsplatz zu nutzen, sondern in ein Café oder einen sonstigen Ort mit öffentlichem WLAN zu gehen.”

4. Deal.
(twitter.com/rezomusik)
Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli hat auf Twitter angeregt, den Tweets des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Rezo ist einverstanden: “Deal. Ab jetzt gibt ihm keiner mehr Reichweite und jede Zeitung, die ihn mit Reichweite pusht, wird 4 Wochen von uns allen nicht mehr gekauft. Hart für uns, weil er so erstaunlich dumme Sachen sagt. Hart für die Zeitungen, weil dumme Statements Klicks bringen. Aber schaffen wir.”

5. #40 Gutes Reden, schlechtes Reden – ein Talkshow-Talk
(deutschlandfunkkultur.de, Christine Watty, Audio: 48:55 Minuten)
Eine illustre Runde hat sich beim Kulturpodcast “Lakonisch Elegant” zum Meta-Talk über Talkshows zusammengefunden: die Medienprofis Eva Horn, Ferda Ataman, Arno Frank und Dirk von Gehlen. Es geht um die störenden Aspekte des Talkformats und um die Frage, was man besser machen könnte.

6. Für Selbstabholer
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter & Uwe Ritzer)
Das ADAC-Magazin “Motorwelt” ist nicht nur Europas auflagenstärkste Zeitschrift, sondern auch das führende Flachblatt für Treppenlifte, Flusskreuzfahrten und Seniorenbedarf. Aus Kostengründen soll das Magazin nur noch viermal im Jahr erscheinen. Der lustigste Satz des Artikels bei Süddeutsche.de: “Intern geht man beim ADAC davon aus, dass ein Viertel der Empfänger die Motorwelt ungelesen wegwirft.” (Lustig, weil es eigentlich fünf Viertel sein müssten.)

“Deutschlandstrategie” der NZZ, Die Gemälde des Bob Ross, Un-“Bunte”

1. Die neuen Freunde der NZZ
(republik.ch, Daniel Binswanger)
Daniel Binswanger kommentiert die “Deutschland­strategie” des Schweizer Traditionsblattes “NZZ”, die besonders von AfD-Anhängern gefeiert wird: “Es ist verblüffend, wie shitstorm­getrieben die Positionierung der NZZ geworden ist. Man könnte den Eindruck bekommen, sie sei nicht mehr eine Publikation mit klaren publizistischen Linien, sondern ein Unternehmen zum Austesten der Grenzen des politischen Anstands. Wenns brenzlig wird, macht man einen taktischen Rückzieher.”

2. Leider wurde mein lieber Freund…
(facebook.com, Friederike Werner)
Friederike Werner war mit dem unlängst verstorbenen Filmproduzent David Groenewold befreundet, der 2013 in Zusammenhang mit der sogenannten “Wulff-Affäre” angeklagt und freigesprochen wurde. Sie ist schwer getroffen von der Berichterstattung durch die “Bunte” und deren Redakteurin Tanja May: “Die Tatsache, dass Frau May das Haus inklusive Polizeisiegel an der Wohnungstür von David Groenewold hat fotografieren lassen, sowie das illegale Beschaffen von Polizeiakten werden ein juristisches Nachspiel haben. Ich werde außerdem niemals müde werden, die Menschen darauf hinzuweisen, wie unanständig Frau May und die BUNTE in einer solch schweren Situation für alle Angehörigen agiert haben.”

3. Hört endlich auf, euch an der Dummheit von Influencern aufzugeilen
(vice.com, Sebastian Meineck)
Immer wieder machen sich Medien über Influencer lustig, die es mit der Selbstdarstellung übertreiben. Das Bashing gehe jedoch am Thema vorbei, wenn gewöhnliche Instagrammer mit ein paar hundert Abonnenten zu Influencern aufgeblasen werden und wenn der vermeintliche Skandal bei näherer Betrachtung in sich zusammenfällt. Sebastian Meineck erzählt die Geschichte von den “dummen Influencern” und dem giftigen See.

4. DJV-Austritt aus Protest
(welchering.de)
Peter Welchering hat in einem offenen Brief seinen Austritt aus dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) verkündet. Er wirft dem Verband beziehungsweise dessen Vertretern unter anderem eine zu große CDU-Nähe vor. Außerdem habe der DJV von Facebook und Google Geld kassiert und betrachte PR als eine Unterart des Journalismus. (Sobald eine Antwort des Verbands vorliegt, werden wir sie an dieser Stelle verlinken.)

5. Die Journalistin, die Jeffrey Epstein überführte
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der US-Milliardär Jeffrey Epstein hat wahrscheinlich mehr als 80 Mädchen missbraucht und wäre damit wahrscheinlich davongekommen, denn er hatte mächtige Freunde in Justiz und Regierung. Dass der Fall nun neu aufgerollt wird, ist der amerikanischen Lokaljournalistin Julie K. Brown zu verdanken, die das übernommen hat, was Sache der Justiz gewesen wäre: “Eineinhalb Jahre verbrachte Brown damit, Epsteins Opfern nachzuspüren, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zu überreden, ihr von den Übergriffen zu erzählen, die sie erlitten hatten. Sie sprach mit Polizisten, die gegen den Financier ermittelt hatten, aber von ihren Vorgesetzten ausgebremst wurden. Sie wühlte sich durch Berge von Akten, flog von Florida nach New York, um vor Gericht Einsicht in Dokumente zu erkämpfen, und bezahlte manche Reise aus eigener Tasche.”

6. Where Are All the Bob Ross Paintings? We Found Them.
(nytimes.com, Larry Buchanan & Aaron Byrd & Alicia DeSantis & Emily Rhyne, Video: 10:49 Minuten)
“The Joy of Painting” hieß der legendäre TV-Malkurs, in dem der US-amerikanische Maler Bob Ross mit sanfter Stimme erklärte, wie man ein Landschaftsbild malt. Wo sind all die Bilder geblieben, die im Rahmen der vielen hundert Fernsehsendungen entstanden? Die “New York Times” hat sich auf Spurensuche begeben und einen sehenswerten zehnminütigen Videobeitrag produziert.

7. Liebe “BILD”-Leute, hier liegen gleich mehrere Missverständnisse vor. Ich erkläre Euch das gerne.
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Extralink außerhalb der Reihe, da vom Kurator selbst: Auf Facebook erkläre ich “Bild”, warum von einer “Zitter-Zensur” der CDU keine Rede sein kann und räume mit einigen Missverständnissen auf: “Das letzte Missverständnis betrifft Euch, Eure Arbeit und Euer Arbeitsethos. Was Ihr macht, hat nämlich weder was mit Journalismus, noch mit Anstand zu tun.”

Beliebte “Bild”-Methode

Mit der Arbeit “unserer Landeschefs”, wie Bild.de sie nennt, sind ziemlich viele Leute ziemlich zufrieden, das ergab jedenfalls eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und n-tv, in der es um die Zufriedenheit mit der Arbeit der Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen der einzelnen Bundesländer geht.

Demnach sind in zehn Bundesländern die Befragten mehrheitlich “zufrieden”: in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann, in Schleswig-Holstein mit Daniel Günther, in Niedersachsen mit Stephan Weil, in Hamburg mit Peter Tschentscher, in Thüringen mit Bodo Ramelow, in Hessen mit Volker Bouffier, in Rheinland-Pfalz mit Malu Dreyer, in Sachsen mit Michael Kretschmer, in Bayern mit Markus Söder und im Saarland mit Tobias Hans. In fünf Bundesländern sind die Befragten hingegen mehrheitlich “unzufrieden”: in Mecklenburg-Vorpommern mit Manuela Schwesig, in Brandenburg mit Dietmar Woidke, in Nordrhein-Westfalen mit Armin Laschet, in Sachsen-Anhalt mit Reiner Haseloff und in Berlin mit Michael Müller. In Bremen fragten die Meinungsforscher nicht nach, da dort “gerade ein Wechsel im Amt des Präsidenten des Senats bevorsteht”.

Also: Zwei von drei Ministerpräsidenten beziehungsweise Ministerpräsidentinnen erfüllen ihren Job so, dass die Befragten mehrheitlich zufrieden damit sind. Auf der Bild.de-Startseite und in der Überschrift zum Artikel (dort zusätzlich noch mit Ausrufezeichen) klingt es hingegen, als wäre diese “RUMMS-UMFRAGE” ganz schön desaströs für die beurteilten Politikerinnen und Politiker ausgegangen:

Screenshot Bild.de - So unbeliebt sind unsere Landeschefs - Der größte Verlierer und wer am beliebtesten ist

“SO UNBELIEBT”. Angesichts der tatsächlichen Umfrageergebnisse ist das ein ziemlich billiger Versuch, mit undifferenziertem Draufhauen auf Politikerinnen und Politiker auf Clickjagd zu gehen.

Fragen kostet nichts, Antworten bringt bei Bild.de nichts

Immerhin haben sie gefragt, könnte man nun sagen. Aber was bringt das schon, wenn die abschlägige Antwort nicht zählt, und die Bild.de-Redaktion ein Video, das der Urheber nicht bei Bild.de sehen will, doch einfach zeigt?

Am Sonntag fand die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart statt. Sie endete in einem mittelgroßen Chaos, auch weil das extra eingerichtete WLAN offenbar nicht funktionierte, wodurch die im Stadion anwesenden Fans nicht an geplanten Abstimmungen teilnehmen konnten. Unter anderem stand der gestern noch amtierende und inzwischen zurückgetretene VfB-Präsident Wolfgang Dietrich zur Abwahl.

Von dessen Abgang aus dem Stadion unter Beschimpfungen und einem kräftigen Pfeifkonzert nahm der Twitter-User @RikyPalm ein Video auf:

Screenshot eines Tweets von RikyPalm - Dietrichs Abgang - dazu ein Video des Abgangs des da noch amtierenden VfB-Präsidenten

Daraufhin meldete sich die “Bild”-Sportredaktion:

Screenshot eines Tweets von Bild Sport - Hallo lieber Riky, wir von BILD Sport wären interessiert an deinem Video, in dem Wolfgang Dietrich das Stadion verlässt, und würden dieses gerne auf BILD .de zeigen. Wärst du damit einverstanden? Vielen Dank schon mal für deine Rückmeldung und viele Grüße

Nee, damit wäre Riky nicht einverstanden:

Screenshot eines Tweets von RikyPalm- Liebe Bild Sport ich habe kein Interesse daran, dass mein Video auf der Bild-Webseite gezeigt wird.

Und das hat die Bild.de-Redaktion dann natürlich respektiert. Und das hat die Bild.de-Redaktion dann offenbar nicht interessiert:

Screenshot Bild.de - Grenzenlose Fan-Wut beim VfB Stuttgart - VfB-Präsident mit Leibwächtern aus dem Stadion gebracht - dazu ein Video mit der Quellenangabe: Twitter/RikyPalm

Nach mehreren Beschwerden ist “BILD Sport” dieser, ähm, “Fehler” dann heute auch aufgefallen:

Screenshot eines Tweets von Bild Sport- Hallo lieber RikyPalm, das ist ein klarer Fehler von uns – tut uns leid! Wir haben das Video gelöscht. Schönen Montag noch und beste Grüße

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!