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Man könnte es schäbig nennen

Aus einer Konzertkritik zu einem Auftritt von Helene Fischer in Hamburg, die vorhin bei Welt.de erschienen ist:

Zu „Viva La Vida“ und „Sonne auf der Haut“ wurde schon selig getanzt, bei der Coverversion von Matthias Reims „Verdammt, ich lieb dich“ zeigten sich erste Spuren von Euphorie im erstaunlich gemischten Publikum. Es ließe sich sagen: Von dort an hatte sie die Leute echt im Sack. Da stand sie auch bereits im dritten Outfit auf der Bühne, nach Hot Pants in Teil eins, die man wohlwollend als preiswert hätte beschreiben dürfen, auch wenn der gern mal derbe Hanseat vielleicht sogar zum Wort „nuttig“ gegriffen hätte, folgte das kurze, silbrige Paillettenkleid, es sollten, so wir uns denn nicht verzählt haben, fünf weitere Roben folgen.

Jaja, immer dieser „derbe Hanseat“. Nun liegen uns keine genaueren Zahlen vor, wie viele derbe Hanseaten in der Redaktion von Welt.de so sitzen. Die Leute dort hielten es jedenfalls für eine gute Idee, die Bezeichnung „nuttig“ auch in ihre Überschrift zu packen:

Screenshot Welt.de - Helene Fischer n Hamburg - Man könnte es nuttig nennen

Wohlgemerkt: Weil Helene Fischer Hot Pants trug. Durch den Konjunktiv und die Anführungszeichen in der Titelzeile wird das alles kein Stück besser.

Wenn eine große deutsche Redaktion es offenbar für völlig in Ordnung hält, eine Sängerin auf der Startseite aufgrund ihrer Klamotten mit den Begriff „nuttig“ und zusätzlich im Artikel mit dem Begriff „preiswert“ in Verbindung zu bringen, muss es auch niemanden mehr wundern, wenn Frauen immer wieder als minderwertig betrachtet und auf der Straße und im Internet häufig angefeindet werden.

Mit Dank an Stefan T. und Thomas H. für die Hinweise!

Nachtrag, 16. Juli: Welt.de hat die Titelzeile geändert. Dort steht nun:

Screenshot Welt.de - Schon nach drei Minuten rieselten Konfetti vom Himmel

Auch aus dem Text ist das Wort „nuttig“ verschwunden. Stattdessen:

… nach Hot Pants in Teil eins, die man wohlwollend als preiswert hätte beschreiben dürfen, auch wenn der gern mal derbe Hanseat vielleicht sogar zu ganz anderen Worten gegriffen hätte

Die Redaktion hat dazu diese „Anmerkung“ veröffentlicht:

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels verwendeten wir für die Beschreibung des Outfits der Sängerin eine unangemessene Wortwahl. Wir bitten dies zu entschuldigen.

„Welt“: Pseudoseriöses Unken über Mesut Özil in „Bild“

Fußballprofi Mesut Özil schlägt derzeit enorm viel Hass entgegen. Insofern ist die heutige „Welt“-Titelseite durchaus bemerkenswert:

Ausriss Welt-Titelseite - Deutschland hat Mesut Özil viel zu verdanken

Redakteur Christoph Cöln kommentiert im Blatt:

Seit Özils dummen, falschen Fotos mit Recep Tayyip Erdogan hat eine noch dümmere Hetzjagd auf den Fußballer eingesetzt. Er scheint in Deutschland Staatsfeind Nummer eins zu sein.

Cöln erwähnt „endlose Tiraden in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten“, den dumpfbackigen Auftritt des dumpfbackigen Mario Basler bei „Hart aber fair“ am späten Montagabend und er schreibt über Lothar Matthäus:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam.

Bei Welt.de ist die Passage zu Matthäus noch etwas länger:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam. Die Aussage suggerierte, dass der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Einwanderer Identitätsprobleme hat, dabei spielt Özil seit seiner Jugend in der Nationalmannschaft, er ist einer ihrer verdientesten Repräsentanten.

Doch auch hier: kein Hinweis darauf, wo Lothar Matthäus „pseudoseriös und verschwörerisch“ rumunken darf. Welche Redaktion ermöglicht sowas Infames? Wo kann Matthäus suggerieren, Özil habe Identitätsprobleme?

So sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung gestern aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Zwei Sätze, die uns bewegen - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

Matthäus‘ infames Rumunken bewegt die „Bild“-Mitarbeiter — und zwar so sehr, dass sie die unfundierte Fernanalyse auf Seite 1 gepackt haben.

Das Matthäus-Zitat auf der Titelseite ist allerdings nur der zwischenzeitliche Höhepunkt einer „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil. Die Redaktion lässt in letzter Zeit keine Möglichkeit aus, den Nationalspieler runter- und rauszuschreiben. Eine Auswahl aus den vergangenen Tagen:

10. Juni:
Screenshot Bild.de - Kritik an Nationalspieler - Mario Basler würde auf Mesut Özil verzichten

12. Juni:
Screenshot Bild.de - Nachgehakt - Özil denkt an sich, nicht an das Team!

13. Juni:
Screenshot Bild.de - Klartext von Effe - DFB hätte Özil & Gündogan rauswerfen müssen!
Screenshot Bild.de - Erste DFB-Pressekonferenz aus Russland - Wird Özil nur WM-Ersatz, Herr Löw?
Screenshot Bild.de - Wir haben Konkurrenzkampf - Löw will sich nicht auf Özil festlegen
Screenshot Bild.de - Protokoll zum ersten Training in Russland - Nachdenklicher Auftritt von Özil

14. Juni:
Screenshot Bild.de - Rekord-Nationalspieler stellt seine DFB-Startelf auf - Matthäus setzt zwei Jogi-Stars auf die Bank

Für Mesut Özil ist dagegen kein Platz!

15. Juni:
Screenshot Bild.de - Verpiss dich du Idiot - Theaterchef beschimpft Özil auf Twitter

16. Juni:
Screenshot Bild.de - Fifa-Pressekonferenz im Livestream - Bringt Jogi Reus für Özil?

17. Juni:
Screenshot Bild.de - 0:1 gegen Mexiko - Diese Pleite macht uns WM-Angst

Und Löw setzt auf seinen Liebling. Trotz Erdogan-Affäre, trotz der Pfiffe der eigenen Fans und der fehlenden Spielpraxis steht Mesut Özil (29) in der Startelf – wie in all seinen 26 WM- und EM-Spielen.

Screenshot Bild.de - Bild-Kommentar - Ich habe auf dem Platz keine Weltmeister gesehen

Und Özil?

Er ist ja seit dem Erdogan-Foto abgetaucht und zog das konsequent durch.

18. Juni:
Screenshot Bild.de - Zwei Weltmeister auf die Bank! So muss Jogi gegen Schweden aufstellen

ÖZIL RAUS! Seit 2009 hält Löw seinem Spielmacher Mesut Özil (29) die bedingungslose Treue! Belohnt wurde er dafür zuletzt nur noch sehr selten.

19. Juni:
Screenshot Bild.de - Körpersprache eines toten Froschs - Basler vernichtet Özil!

Und dann eben das bereits erwähnte Mätthäus-Zitat:
Screenshot Bild.de - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte gestern Abend:

Screenshot des Tweets von Ulf Poschardt - Mesut Özil ist mit seiner introvertierten Melancholie und seiner existenziellen Sorge (Heidegger) deutscher und europäischer als die reaktionären Widerlinge, die ihn jetzt anzählen.

Auf unsere Frage, ob er dabei an bestimmte Leute oder auch Redaktionen denke, hat Poschardt leider nicht geantwortet.

Ebenfalls zum Thema:

Gauland in der Badehose: Springer-Medien entdecken die Menschenwürde

Es gibt jetzt also dieses Foto von Alexander Gauland in Badehose. Der AfD-Parteichef war vergangene Woche beim Baden im Potsdamer Heiligen See beklaut worden, der Dieb soll „Kein Badespaß für Nazis“ gerufen haben und mit Gaulands Klamotten davongerannt sein.

Verschiedene Medien berichten seit gestern über den Vorfall und manche von ihnen zeigen eben auch jenes Foto, auf dem Alexander Gauland von hinten zu sehen ist, nackter Oberkörper, braun-karierte Badeshorts, neben ihm eine Polizistin. Die „Märkische Allgemeine“ hat die Aufnahme zum Beispiel veröffentlicht, die „taz“, die „Neue Westfälisch“, „Tag24“, der „Express“.

Die „Welt“ und Welt.de haben das Foto hingegen nicht gezeigt. Und „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt schrieb bei Twitter:

Tweet von Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt - Wir zeige das entwürdigende Foto von Gauland in Badehosen nicht.

Nun kann man erstmal anderer Meinung sein und finden, dass ein nicht ganz scharfes Handyfoto, das einen Mann in einer eher schlabbrigen Badehose zeigt und auf dem die abgebildete Person nur von hinten und nicht wahnsinnig groß zu sehen ist, nicht direkt „entwürdigend“ ist. Sicher steckte Alexander Gauland in diesem Moment in einer Situation, in der man nicht auch noch jemanden gebrauchen kann, der sein Smartphone zückt. Aber „entwürdigend“? Ist das nicht erstmal nur die Interpretation von Poschardt?

Es ist eine große Errungenschaft, dass jeder Mensch eine Menschenwürde hat, auch jene, die sie anderen Menschen absprechen, und damit auch Alexander Gauland. Und es muss klar sein, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht nicht nur für auserwählte Personen gilt, sondern grundsätzlich erstmal für alle, auch für jene, die den Nationalsozialismus, das Hitler-Regime und die Ermordung von Millionen Juden als „Vogelschiss“ bagatellisieren.

Insofern können wir es nachvollziehen, wenn sich eine Redaktion gegen die Veröffentlichung des Gauland-Fotos entscheidet. Doch die Entscheidung der „Welt“-Redaktion und der Tweet von Ulf Poschardt zeigen vor allem eines: die Bigotterie des „Welt“-Chefs und seines Teams.

Welt.de hatte nämlich vor einiger Zeit noch gar kein Problem damit, eine Fotogalerie zusammenzustellen, in der Politiker in Badehosen zu sehen sind:

Screenshot Welt.de - Halnackte Politiker - immer ein Hingucker? Wladimir Putin, Barack Obama oder Joschka Fischer - viele Politiker zeigen sich vor der Kamera oben ohne. Ein Blick auf die Männer in Badehosen
Screenshot Welt.de - Nicolas Sarkozy in Badehosen
Screenshot Welt.de - Barack Obama mit nacktem Oberkörper
Screenshot Welt.de - Bill Clinton in Badehosen

Welt.de hatte auch kein Problem damit, Joachim Sauer, den Ehemann von Angela Merkel, in Badehose zu zeigen:

Screenshot Welt.de - Joachim Sauer in Badehosen

Von den Skrupeln, die Poschardt und die „Welt“-Medien vom Veröffentlichen des „entwürdigenden“ Gauland-Fotos abhalten, keine Spur. Und die hat die Redaktion auch nicht bei Menschen, die mehr Klamotten tragen. Sie hat zum Beispiel eine Fotogalerie mit Nippel- und Höschen-Blitzern veröffentlicht:

Screenshot Welt.de - Gewollte und ungewollte Rausrutscher
Screenshot Welt.de - Foto mit hochgerutschtem Kleid, sodass man den Slip sehen kann
Screenshot Welt.de - Foto mit runtergerutschtem Kleid, sodass man eine Brust sehen kann
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Und sie zeigt Brüste von Frauen, die möglicherweise nicht wollen, dass ihre Brüste gezeigt werden:

Screenshot Welt.de - Slavia Ecclestone zeigt Brust

Ob die nackten Tatsachen bei dem durchsichtigen, schwarzen Kleid von Slavica Ecclestone (54) beabsichtigt waren? Wer weiß

Poschardts Springer-Kollegen von „Bild“ und Bild.de haben das Foto, das Alexander Gauland zeigt, ebenfalls nicht veröffentlicht. Sie sollen allerdings versucht haben, es zu bekommen. Die Fotografin soll die Anfrage abgelehnt haben, weil sie „mit der ‚Bild‘ nichts zu tun haben“ wolle.

Die Veröffentlichung des Gauland-Fotos ist bei „Bild“ jedenfalls bestimmt nicht daran gescheitert, dass die Mitarbeiter in der Redaktion es auf einmal auch verwerflich finden, derartige Aufnahmen zu zeigen. Sie zeigen sonst jede noch so prominente Frau im Bikini am Strand. Sie fotografieren ihnen zwischen die Beine:

Screenshot Bild.de - Topmodel schlägt Wellen - Na, Kontaktlinse verloren? Dazu ein Foto, das den Schritt der Frau zeigt
Screenshot Bild.de - Zwei Kisten heiß in Weiß - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt
Screenshot Bild.de - Models zeigen Knack-Po - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt

Heute erst haben sie dieses „Slip-Blitzer“-Foto veröffentlicht:

Screenshot Bild.de - Holla, die Waldfee! Helene Fischer mit Mega-Schlitz und Slip-Blitzer beim Bambi 2017

Sie zeigen Frauen, denen die Brüste aus den Abendkleider gerutscht sind:

Screenshot Bild.de - Die Taxi-Total-Ausfälle der Stars - Dazu Fotos von Frauen, denen Brüste aus dem Kleid gerutscht sind

Und auch abseits von nackten Brüsten und Hintern und Oberkörpern jucken sie die Persönlichkeitsrechte und die Würde der Personen, über die sie berichten, kein bisschen. Sie zeigen andauernd unverpixelte Fotos von verstorbenen Menschen, egal ob voll- oder minderjährig, die sie in Sozialen Medien zusammengeklaubt haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Dieses Paar buchte um - dazu drei Fotos von bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Menschen, darunter ein Zwölfjähriger
Ausriss Bild-Zeitung - 71 Tote bei Absturz vor Moskau - dazu ein Foto einer bei dem Absturz gestorbenen Frau
Stromschlag beim Handy-Aufladen tötet Luiza (17) - dazu ein Foto der Verstorbenen

Sie verfolgen einen offenbar alkoholkranken Hartz-IV-Empfänger durch den Supermarkt und zeigen Fotos von ihm, weil er Wasser wegkippt, um sich vom Pfandgeld Bier kaufen zu können:

Ausriss Bild-Zeitung - Hier wird aus Wasser Bier - und der Staat bezahlt es - dazu Fotos des Mannes, der das Wasser wegkippt und Bier kauft

Sie zeigen einen psychisch kranken Mann, der nackt durch Berlin kriecht und machen sich lustig über ihn:

Ausriss Bild-Zeitung - Nackter krabbelt durch Neukölln - Was es ein Puffgänger, der zu viel Schampus intus hatte?

Oder kurz gesagt: Die Menschenwürde war den Leuten bei „Bild“ und Bild.de nun wirklich schon immer egal. Und natürlich soll das hier alles nicht heißen: Wenn die „Bild“-Leute schon all die anderen Personen so würdelos zeigen, dann sollen sie auch den Gauland so zeigen. Sondern andersrum: In den anderen Fällen sollten sie besser auf würdelose Fotos verzichten.

Bleibt nur noch die Frage: Was hätten die „Bild“- und „Welt“-Medien wohl gemacht, wenn das Foto nicht Alexander Gauland in Badekleidung gezeigt hätte, sondern beispielsweise Sahra Wagenknecht? Oder Schauspieler und Sänger Johnny Depp, der gerade erst in Berlin war? Oder Sängerin Katy Perry, die heute in der Hauptstadt aufgetreten ist? Julian Reichelt und Ulf Poschardt hätten auf ein Foto einer beklauten Katy Perry im Bikini verzichtet, weil sie die Aufnahme „entwürdigend“ finden?

Mehr zum Thema:

Hier spricht die Polizei: Redaktionen bitte selbst recherchieren!

Reicht es für Redaktionen, sich bei der eigenen Berichterstattung einzig auf Polizeimeldungen zu verlassen? Ein aktueller Fall aus Nordhessen zeigt, dass das keine gute Idee ist.

In der Nacht von Sonntag auf Montag holte die Polizei im hessischen Witzenhausen einen 27-jährigen Syrer aus dessen Wohnung, weil dieser nach Bulgarien abgeschoben werden sollte. Ziemlich schnell versammelten sich Menschen auf der Straße vor dem Haus. Sie protestierten gegen die Festnahme und umzingelten die geparkten Polizeiautos, um diese am Wegfahren zu hindern. Die Polizei rief daraufhin Verstärkung. Auch die Gruppe der Demonstranten vergrößerte sich, auf rund 60 Personen. Was alles in den knapp zwei Stunden in dieser Nacht passiert ist, ist noch nicht endgültig geklärt — es stehen Aussagen gegen Aussagen: Die Polizei behauptet, es seien Steine auf sie geworfen worden. Dem widersprechen die Demo-Teilnehmer, die wiederum sagen, dass Pfefferspray und Schlagstöcke gegen sie eingesetzt wurden, was die Polizei bestätigt. Bei der Frage, ob dieser Einsatz angemessen war, gehen die Meinungen auseinander.

Bereits um 5:03 Uhr am Montag, also gut zwei Stunden, nachdem sie ihren Einsatz in Witzenhausen beendet haben, veröffentlichten die Beamten der Polizeidirektion Werra-Meißner eine erste Pressemitteilung. Darin werden auch die angeblich geworfenen Steine erwähnt. Bereits eineinhalb Stunden später, um 6:40 Uhr, verbreitete die dpa ihre erste Meldung über den Landesdienst Hessen. Einzige Quelle: die Polizei:

Protestaktion gegen Abschiebung: 60 Menschen umzingeln Streifenwagen
Witzenhausen (dpa/lhe) – Bis zu 60 Menschen haben in der Nacht zu Montag in Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreises) gegen die Abschiebung eines 27-jährigen Syrers protestiert. Nachdem der Mann festgenommen wurde, wurden die beiden Streifenwagen umzingelt und Fahrradfahrer blockierten den Weg, wie die Polizei mitteilte. Die Beamten hätten nicht wegfahren können und Verstärkung gerufen. Während der Räumung der Straße kam es laut Polizei zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, bei denen Steine geworfen und Pfefferspray sowie Schlagstöcke eingesetzt wurden. Mehrere Teilnehmer der Protestaktion wurden dabei verletzt. Nach zwei Stunden habe sich die Demonstration aufgelöst.

Vier Stunden später, um 10:53 Uhr, schickte die dpa einen fast wortgleichen Artikel über den größeren Basisdienst. Auch hier bezieht sich die Agentur ausschließlich auf die Polizeimeldung. Dieser Text ist bei mehreren Nachrichtenseiten als erste Information zu dem Vorfall in Witzenhausen erschienen und dort noch immer abrufbar, etwa bei Welt.de, bei „Zeit Online“, bei shz.de und vielen weiteren.

Die Pressestelle der Polizeidirektion Werra-Meißner gab um 11:17 Uhr eine „Folgemeldung“ raus. Neu ist nun, dass nicht nur „rund ein Dutzend Teilnehmer der Spontanversammlung“ verletzt worden seien, sondern auch „mehrere Polizeibeamte“. Die dpa griff auch diese Polizeimeldung auf, verzichtete erneut auf andere Quellen und schickte um 12:14 Uhr einen Text über den Landesdienst Hessen, der so anfängt:

Witzenhausen (dpa/lhe) – Bei einem gewalttätigen Spontan-Protest gegen die Abschiebung eines Syrers sind in der Nacht zum Montag im nordhessischen Witzenhausen mehrere Polizisten und etwa ein Dutzend Demonstranten verletzt worden. Beamte seien mit Steinen beworfen worden.

Steinewerfer bei „einem gewalttätigen Spontan-Protest“.

Um 19:34 Uhr schrieb die dpa in einer weiteren Meldung (erneut im Landesdienst Hessen) noch immer von einem „gewalttätigen Spontan-Protest“, nun kommt aber erstmals auch der Arbeitskreis Asyl Witzenhausen zu Wort:

Witzenhausen (dpa/lhe) – Bei einem gewalttätigen Spontan-Protest gegen die geplante Abschiebung eines Syrers sind in der Nacht zum Montag im nordhessischen Witzenhausen mehrere Polizisten und etwa ein Dutzend Demonstranten verletzt worden. Beamte seien mit Steinen beworfen worden. Die Polizei musste nach eigenen Angaben Reizgas und Schlagstöcke einsetzen. Ein Arbeitskreis Asyl Witzenhausen ging von deutlich mehr verletzten Demonstranten aus.

Zu diesem Zeitpunkt steht längst fest, dass es auch andere Versionen als die der Polizei zum nächtlichen Geschehen in Witzenhausen gibt. Die Onlineredaktion der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ veröffentlichte am Montag um 14:01 Uhr einen Artikel (von der Redaktion um 15:30 Uhr desselben Tages noch einmal aktualisiert), in dem unter anderem steht:

Mehrere Leser und Anwohner haben sich dagegen mit einer anderen Version der Ereignisse an die HNA gewandt: Sie berichten, dass die Proteste friedlich gewesen seien und die Gewalt von den Polizisten ausgegangen sei. „Die Demonstrierenden waren lautstark und haben mit ihren Sprechchören „Kein Mensch ist illegal“ auf sich aufmerksam gemacht, aber nicht mit irgendeiner Form von Gewalt“, schreiben Teilnehmer der Solidaritätskundgebung. „Ich beobachtete auch, dass Polizisten ohne Vorwarnung Menschen ins Gesicht schlugen „um ihnen die Trillerpfeifen wegzunehmen““, schreibt eine Anwohnerin.

Um 19:11 Uhr erschien bei HNA.de ein weiterer Artikel zum Thema:

Screenshot hna.de - Protest wegen Abschiebung in Witzenhausen - Einfach so geprügelt

In der „HNA“-Reportage von einer spontanen Kundgebung am Montag gegen die Abschiebung des Syrers und gegen Polizeigewalt zitiert der Autor Personen, die Sonntagnacht dabei waren:

Unabhängig voneinander erzählen die Zeugen der vorigen Nacht dieselbe Geschichte. Einer von ihnen trägt eine Armschlinge, rund um sein Schlüsselbein leuchten rote Blutergüsse. Er sagt, dass mehrere Polizisten ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen hätten.

Das bestätigt auch eine junge Frau. Sie berichtet von über 50 Menschen, die sich ab 1.12 Uhr vor dem Haus von Bangin H. versammelt hätten. Rund um die Polizeistreife, in der Bangin H. später nach Eschwege gebracht wurde, hätten sie eine Menschenkette gebildet, um das Auto zu blockieren. Entgegen der Angaben der Polizei sei von den Protestierenden dabei keine Gewalt ausgegangen — und schon gar kein Stein geworfen worden. Nachdem sie aber der Aufforderung der Polizei, sich von dem Wagen zu entfernen, nicht nachgekommen seien, sei eine Front von Polizisten auf sie zugekommen, habe „einfach so geprügelt“ — auch auf die, die bereits auf dem Boden gelegen hätten.

Bei der dpa, die um 21:44 Uhr eine weitere Meldung über den Landesdienst Hessen schickte, ist das alles offenbar nicht angekommen. Zwar wird erneut erwähnt, dass der Arbeitskreis Asyl Witzenhausen „von deutlich mehr verletzten Demonstranten“ ausgehe; doch noch immer ist von „einem gewalttätigen Spontan-Protest“ die Rede, als gäbe es keine Zweifel daran. Und auch sonst sind keine weiteren Gegenstimmen zur Version der Polizei im Text der dpa zu finden.

Erst am Dienstag um 11:43 Uhr berichtet die Agentur im Landesdienst Hessen über „Knochenbrüche“, „Klagen“ und den Widerspruch zur Polizei-Meldung:

Demonstranten klagen wegen «Polizeigewalt» in Witzenhausen
Witzenhausen (dpa/lhe) – Der Polizei-Einsatz bei einer Demo gegen die Abschiebung eines Syrers im nordhessischen Witzenhausen hat ein juristisches Nachspiel. Der für den Arbeitskreis Asyl Witzenhausen tätige Rechtsanwalt Sven Adam hat Klagen beim Verwaltungsgericht Kassel eingereicht. Es solle festgestellt werden, dass der Polizei-Einsatz mit Pfefferspray und Schlagstöcken übertrieben und rechtswidrig gewesen sei. Zwei Klagen von Betroffenen seien am Montag eingereicht worden, sagte Adam. (…)

Nach Polizei-Angaben wurden die Beamten mit Steinen beworfen. Es habe Verletzte gegeben. Der AK Asyl Witzenhausen widersprach der Schilderung.

In ihrer (bis dato) letzten Meldung, erschienen am Dienstag um 16:16 Uhr im Landesdienst Hessen, zitiert die dpa zusätzlich noch die Polizei, die es für „eine schwere Frage“ halte, ob ihr Einsatz angemessen gewesen sei.

Über einen ganzen Tag hat es gedauert, bis auch die Demonstranten ihre Sicht bei der dpa erzählen durften und beispielsweise das Steinewerfen dementieren konnten. Bis dahin schien einzig die Version der Polizei Gültigkeit zu besitzen. In Berichten überregionaler Medien, die sich größtenteils auf die Agentur verlassen und die nicht, wie die „HNA“, selbst vor Ort recherchiert haben, spiegelt sich das wider. Bild.de titelt:

Screenshot Bild.de - Pfefferspray, Prügel, Steineschmeisser - Gewalt-Protest gegen Abschiebung

Welt.de schreibt von einer „Straßenschlacht“:

Screenshot Welt.de - Straßenschlacht wegen geplanter Abschiebung eines Syrers

Genauso Tagesspiegel.de, wo das Werfen von Steinen schon in der Dachzeile zur Tatsache wird:

Screenshot Tagesspiegel.de - Polizisten mit Steinen beworfen - Geplante Abschiebung eines Syrers endet in Straßenschlacht

Und auch bei FAZ.net, beim „Deutschlandfunk“ und bei Stern.de gibt es nur die Version der Polizei von den steinewerfenden Demonstranten.

Sich bei der Berichterstattung einzig auf Aussagen der Polizei zu verlassen, reicht oft nicht. Erst recht nicht, wenn die Polizei Partei in einem Konflikt ist, wie Sonntagnacht in Witzenhausen. Es gibt genug Beispiele, in denen Redaktionen Falschinformationen der Polizei ungeprüft verbreitet haben: der vermeintlich unter Strom gesetzte Türknauf in der Friedelstraße 54 in Berlin etwa oder die falschen Molotowcocktails bei den G20-Krawallen in Hamburg.

Der 27-jährige Syrer, der nach Bulgarien abgeschoben werden sollte, weil er dort zuerst in die Europäische Union einreiste, ist übrigens wieder frei. Er hätte auch gar nicht von der Polizei mitgenommen werden dürfen: Bereits vor einem Jahr entschied das Verwaltungsgericht Kassel, dass der Mann nicht nach Bulgarien abgeschoben werden darf, weil das Asylsystem dort „insbesondere hinsichtlich bereits anerkannter Flüchtlinge an systemischen Mängeln“ leide. Die Polizei konnte das wohl nicht wissen, vermutlich liegt der Fehler bei Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Der Syrer lebt nun weiter in Witzenhausen, wo er einen Job hat und bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist.

Der Chef-Interviewer von „Welt“

Das Medienmagazin „Zapp“ fragte vor einer Weile: „Dürfen Journalisten Mitglied einer Partei sein?“ Holger Stark, zuständig für Investigatives bei der „Zeit“, und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hatten eine ähnliche Meinung zu dem Thema.

Ich finde, wer wahrhaft unabhängig und frei berichten möchte, sollte sich nicht an eine Organisation binden, sondern sollte ungebunden sein und dementsprechend kein Parteimitglied.

… sagte Stark. Und Brinkbäumer:

Für mich ist das keine Option. Also ich möchte neutral sein, ich möchte Distanz zu alle Parteien, zu allen Politikern wahren und nicht einmal durchscheinen lassen, was ich wähle.

Schaut man sich die Berichterstattung der „Welt“ an, muss man wohl noch viel grundlegender ansetzen. Und etwa diese Frage hier stellen: Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?

Vergangenen Mittwoch, zwei Tage nach der Bundestagswahl, erschien ein größeres Interview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner in der „Welt“ (bei Welt.de hinter einer Paywall):

Ausriss der Welt - Interview mit Christian Lindner - Überschrift Ganz offensichtlich brodelt es im Land

Lindner darf dort über den Absturz von CDU und CSU reden, über die Situation bei den Grünen, über die SPD, er darf den Preis der FDP vor den anstehenden Koalitionsverhandlungen ein wenig hochtreiben. Die kritischste Frage an Christian Lindner im gesamten Gespräch: „Haben Sie Angst vor der eigenen Courage?“ Ansonsten eher solche Vorlagen: „2013 sind Sie mit dem Satz angetreten: Ab sofort muss die FDP neu aufgebaut werden. Ist der Neuaufbau jetzt abgeschlossen?“

Das Interview haben zwei „Welt“-Mitarbeiter geführt, Thorsten Jungholt und Adrian Arab. Arab sprach früher für die FDP im nordrhein-westfälischen Jugend-Landtag. Und er war 2016 studentischer Mitarbeiter von Christian Lindner. Weder das eine noch das andere erfahren die Leserinnen und Leser des „Welt“-Interviews.

Wir hatten Ende August hier im BILDblog kritisiert, dass die stellvertretende „Welt“-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld, die mit Christian Lindner verheiratet ist, in der „Welt“ und bei Welt.de einen Text veröffentlichte, in dem sie unter anderem Christian Lindner süffisant Stylingtipps gibt, und nirgends schreibt, dass es sich um ihren Ehemann handelt. Darauf gab es Kommentare, dass ein paar Stylingtipps wohl kaum den Wahlkampf entscheiden würden. Und dass das doch alles lustig gemeint sei. Das mag so sein. Uns ging es damals um die Intransparenz der „Welt“. Und so auch in diesem Fall: Natürlich kann eine Redaktion die Frage „Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?“ mit „Ja“ beantworten. Gerade in Zeiten, in denen sich Menschen von Medien abwenden, auch weil sie das Gefühl haben, Journalisten und Politiker steckten unter einer Decke, wäre es aus unserer Sicht aber eine gute Idee, den Leuten offen mitzuteilen, wer da wen interviewt.

Und dann noch was über die AfD

Wir stellen uns das Gespräch im Newsroom von Welt.de in etwa so vor …

Redakteur 1:

Wir sollten was über die AfD machen. Das gibt immer irre Klicks!

Redakteur 2:

Jo. Und vielleicht noch was über die AfD?

Redakteur 1:

Gute Idee!

Redakteur 3:

Wie wär’s mit einem Beitrag über die AfD?

Redakteure 1 und 2:

Logo!

Redakteur 4:

Aber die AfD sollten wir nicht vergessen!

Redakteur 2:

Auf keinen Fall. Machst Du da was?

High fives im ganzen Newsroom.

Das Ergebnis sieht dann so aus:

Screenshot von der Welt.de-Startseite von gestern Abend, auf der vier Artikel über die AfD ganz oben auf der Seite zu sehen waren. - Überschriften: AfD will Deutschland kurz vor der Wahl das Fürchten lehren - Ökonomen warnen vor AfD, aber es könnte noch schlimmer kommen - Was von Merkels Kanzlerschaft bleiben wird, die AfD - Ich kann nichts Ekliges an unseren Forderungen erkennen
(Für eine größere Version auf den Screenshot klicken.)

Um auf dieses AfD-Quartett zu stoßen, musste man gestern Abend bei Welt.de nicht lange nach unten scrollen, bis man irgendwo in einer versteckten Rubrik landete, in der alle aktuellen AfD-Beiträge gesammelt werden. Das waren die ersten vier Beiträge, die man ab ungefähr 21 Uhr und bis nach 22 Uhr ganz oben zu sehen bekam, wenn man Welt.de ansteuerte. Auf der kompletten Startseite gab es zu diesem Zeitpunk noch vier weitere Artikel mit AfD-Bezug („Was sind die ‚Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen‘?“, „‚Auch ich liebe Deutschland, aber anders als Gauland'“, „‚Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermächte'“, „‚Jetzt geht es um das Rennen FDP – AfD'“).

Natürlich kann und muss man mitunter über ein Phänomen wie die AfD berichten. Man sollte es auf keinen Fall totschweigen. Manche Redaktionen müssen sich aber auch fragen, was am Anfang eigentlich höher war: die Umfragewerte und Wahlergebnisse dieser Partei oder die Anzahl der Berichte über sie?

Und ja, schon klar: Auch wir haben nun wieder über die AfD berichtet.

Mit Dank an @doktordab für Hinweis und Screenshot!

Beim Untergang des Abendlandes geht es um die Wurst

Die „Springer“-Medien, allen voran „Bild“, erzählen gern die Geschichte von der Islamisierung Deutschlands, die man im Kleinen beobachten könne. Auf dem Adventsmarkt zum Beispiel, der inzwischen gar nicht mehr Adventsmarkt heiße, sondern Wintermarkt. Oder bei der Forderung von Politikern, dass Christen zu Weihnachten auch mal ein muslimischen Lied in der Kirche singen sollten.

Nach ein wenig Recherche stellt sich dann meistens raus: Der Wintermarkt hieß schon immer Wintermarkt, weil er jedes Jahr zwar im Winter, aber nicht im Advent stattfindet. Und die Idee mit den muslimischen Liedern stammt gar nicht von Politikern, sondern von „Bild“-Reportern, die sie den Politikern in den Mund gelegt haben.

Dank Mathias Döpfner und Welt.de ist nun ein weiteres Kapitel in der „Springer“-Geschichtensammlung mit falschen Informationen zur angeblichen Islamisierung Deutschlands hinzugekommen: die Erzählung von der Neusser Bockwurst.

Döpfner ist nicht nur Vorstandsvorsitzender bei „Axel Springer“, sondern seit 2016 auch Präsident des „Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger“ („BDZV“). In dieser Rolle hat er gestern beim „BDZV“-Treffen in Stuttgart eine Rede gehalten. Die Mitarbeiter von Welt.de haben diesen Auftritt ihres Chefs dokumentiert:

Screenshot Welt.de - Meinung - Mathias Döpfner - Die Taschenlampe des mündigen Bürgers

Journalismus solle, so Mathias Döpfner in seiner Rede, „Scheinwerfer der Aufklärung“ sein oder zumindest „die Taschenlampe des mündigen Bürgers“. Er könne „Licht an Dinge bringen, die im Dunklen bleiben sollten.“

Aufklärerischer Journalismus — klingt gut. Nur leider ist das, was Döpfner in Stuttgart präsentiert hat, das exakte Gegenteil. Zu Beginn seines Vortrags machte der „Springer“-Vorsitzende einen großen Bedrohungsrundumschlag: Terror, Morde, Bombenexplosionen, das meiste davon durch Muslime verursacht. Döpfner sagte, Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ sei Realität, Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ könnte es bald sein. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ erwähnte der „BDZV“-Präsident nicht, es war aber allgegenwärtig, auch bei Döpfners Erzählung von der Neusser Bockwurst:

Erst vor ein paar Wochen berichtete der „Nordkurier“ aus Neuss, die traditionelle Bockwurst im Freibad sei abgeschafft worden. Grund: Schweinefleisch. Halal sind längst nicht mehr nur türkische oder arabische Restaurants. Mir würde keine einzige Ergänzung einer Speisekarte Sorgen machen. Mögen die Leute Insekten, Vegetarisches, Veganes, Schnecken, Innereien, halal oder koscher essen. Sorgen macht mir das Gegenteil: das Ende der Vielfalt. Am schlimmsten ist die Streichung aus Angst. Der Beginn der Unterwerfung.

Nicht nur beim Essen laufen wir Gefahr, Rechtsstaat und Kultur den Vorstellungen einer kleinen, radikalen Minderheit zu opfern.

Erstmal: Vermutlich war es nicht ein Bericht des „Nordkuriers“, auf den sich Mathias Döpfner bezieht. Der „Nordkurier“ erscheint schließlich in Mecklenburg-Vorpommern und berichtet nur selten über Bockwürste im nordrhein-westfälischen Neuss. Eher könnte Döpfner den „Stadt-Kurier“ gemeint haben, ein Anzeigenblatt aus Neuss. Außerdem ist es nicht „ein paar Wochen“ her, dass der „Stadt-Kurier“ über „die traditionelle Bockwurst im Freibad“ berichtet hat, sondern 44 Wochen. Am 9. November 2016 titelte die Redaktion:

Screenshot Stadt-Kurier - Es geht um die Bockwurst - Ein paar Muslime haben durchgesetzt, dass es im Nordbad nur noch Hühnchen gibt

Und das ist — der wichtigste Punkt bei dieser Angelegenheit — grober Unfug. Mathias Döpfner hat mit seiner Rede gestern in Stuttgart dazu beigetragen, dass dieser Unfug am Leben bleibt.

Tatsächlich gibt es auf der Neusser Freibad-Wiese keine Bockwurst aus Schweinefleisch mehr. Der Grund dafür ist aber nicht, dass randalierende Muslime vor der Bude standen und die Abschaffung der Schweinewurst forderten. Im Gegenteil: Niemand hat sich mehr für die Bockwürste interessiert, keine schweinefleischablehnenden Muslime und auch keine schweinefleischessenden Kunden. Deswegen schwammen die Bockwürste Ewigkeiten im Warmhaltewasser vor sich hin, bis die Besitzerin der Bude sie wegschmeißen musste. Und weil das nicht nur einmal vorkam, sondern immer wieder, hat sie die Bockwurst aus ihrem Angebot genommen — eine nachvollziehbare Überlegung und höchstens eine betriebswirtschaftliche Unterwerfung.

Mathias Döpfner hätte das wissen können. Am 10. November 2016, also bereits einen Tag nach dem Beitrag im „Stadt-Kurier“, veröffentlichte „Der Westen“ einen Artikel zur Neusser Freibad-Bockwurst:

Das Ende der Kult-Bockwurst im Neusser Nordbad ist gekommen. Wirtin Monika Rötzsch reagiert damit auf die geringe Nachfrage.

„Früher kamen täglich bis zu 3000 Leute ins Freibad — heute sind es bei einem guten Sommertag maximal 300“, klagt die Wirtin. Heute praktiziere jeder vierte Besucher den muslimischen Glauben. (…)

Da ihr die Wurst kaum jemand abkauft, vergammelten die Nahrungsmittel ständig. Schließlich muss eine Bockwurst im Wasser warmgehalten werden. (…)

Auch das Restaurant direkt neben dem Schwimmbad betreibt Monika Rötzsch. „Bei Moni“ ist die Bockwurst übrigens weiter im Programm. Denn hier haben die Gäste weiterhin Lust auf Schweinefleisch.

In seiner Rede zur aufklärerischen Kraft des Journalismus macht Mathias Döpfner mit beim islamfeindlichen Verwirrspiel.

Es gibt übrigens auch Kritik an Döpfners Auftritt in Stuttgart, weil er an einer anderen Stelle den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit den Begriffen „Staatsfernsehen“ und „gebührenfinanzierte Staatspresse“ in Verbindung brachte. Solche Vokabeln begegnen einem normalerweise bei AfD-Veranstaltungen und „Pegida“-Märschen. Genau dorthin passt auch das Neusser Bockwurst-Märchen.

Mit Dank an Lennart C. für den Hinweis!

Redaktionen springen über Alice Weidels AfD-Stöckchen

Alice Weidel hat also vorzeitig ein TV-Studio verlassen. Die Spitzenkandidatin der AfD bei der anstehenden Bundestagswahl ist gestern Abend in der knapp 100 Minuten dauernden ZDF-Talkrunde „Wie geht’s, Deutschland?“ bereits nach 65 Minuten gegangen. Heute gibt es fast keine Redaktion, die nicht bei diesem kalkulierten Eklat mitmacht.

Anders als bei CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, der vor knapp zwei Monaten die Talk-Runde von Sandra Maischberger — ob nun zu Recht oder zu Unrecht — ehrlich empört verlassen hatte, wirkt Weidels Abgang recht gelassen. Die AfD-Politikerin warf CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer noch vor, dass dessen Partei illegale Einwanderung legalisieren wolle, lächelte dabei, dann packte sie auch schon ihre Unterlagen und ging.

Im Verlauf der Sendung gab es mitunter zwar hitzige Debatten, aber keine Situation, die zwangsläufig zum Verlassen des Studios führen musste. Es scheint so, als wollte Alice Weidel unbedingt gehen, egal wann, Hauptsache gehen, vielleicht auch, weil sie und ihre Partei gesehen haben, wie groß das Medienecho nach Bosbachs Aktion war. Über Weidels Aussagen in der ZDF-Sendung hätte heute wohl kaum eine Redaktion ausführlich berichtet. Über den „Eklat im TV“ berichten so gut wie alle:

Screenshot Spiegel Online - AfD-Spitzenkandidatin - Weidel verlässt ZDF-Sendung vorzeitig
(„Spiegel Online“)

Screenshot Zeit Online - AfD - Alice Weidel verlässt ZDF-Sendung
(„Zeit Online“)

Screenshot Süddeutsche.de - Bundestagswahl - AfD-Spitzenkandidatin Weidel verlässt ZDF-Talk
(Sueddeutsche.de)

Screenshot FAZ.net - Diskussionsrunde zur Wahl - AfD-Kandidatin Weidel verlässt ZDF-Sendung vorzeitig
(FAZ.net)

Ausriss Bild-Zeitung - Eklat im TV - AfD-Weidel verlässt ZDF-Talk
(„Bild“)

Screenshot Bild.de - Eklat beim ZDF - AfD-Weidel verlässt die ZDF-Sendung
(Bild.de)

Screenshot RP Online - AfD-Spitzenkandidatin verlässt Studio - Alice Weidel sorgt bei ZDF-Wahlsendung für Eklat
(„RP Online“)

Screenshot MDR.de - Eklat im TV - AfD-Spitzenkandidatin verlässt Wahlsendung
(MDR.de)

Screenshot Tagesspiegel.de - AfD-Spitzenkandidatin - Weidel verlässt nach Streit ZDF-Talksendung vorzeitig
(Tagesspiegel.de)

Screenshot Welt.de - AfD-Spitzenkandidatin - Alice Weidel verlässt vorzeitig ZDF-Live-Sendung
(Welt.de)

Screenshot BZ - Wie geht's Deutschland? AfD-Spitzenfrau Alice Weidel verlässt ZDF-Sendung
(bz-berlin.de)

Screenshot ruhrnachrichten.de - Eklat: AfD-Spitzenkandidatin verlässt ZDF-Sendung
(ruhrnachrichte.de)

Screenshot saarbruecker-zeitung.de - AfD-Kandidatin Weidel verlässt ZDF-Wahlsendung vorzeitig
(saarbruecker-zeitung.de)

Screenshot nrz.de - Talkshow - AfD-Spitzenkandidatin Weidel stürmt aus Talkshow im ZDF
(nrz.de)

Man könnte diese Liste noch sehr lange fortführen.

Bunte.de schreibt heute:

Screenshot Bunte.de - TV-Eklat: Über diesen Abgang spricht ganz Deutschland

Genau das ist das Kalkül der AfD: Die Schlagzeilen bringen ihr 18 Tage vor der Wahl eine Aufmerksamkeit, die sie sonst nie bekommen würde. Schon in einem Strategiepapier für den Wahlkampf schrieb die Partei, dass sie „vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken“ wolle, negative Reaktionen seien dabei „ganz bewusst“ einkalkuliert. Ein gut inszenierter „Eklat im TV“ ist sicher eine solche „Provokation“. Bei der anschließenden PR-Arbeit machen die Redaktionen, die unreflektiert jede AfD-Kleinigkeit in eine Überschrift packen, immer wieder freiwillig mit.

Immerhin grübeln manche Medien inzwischen, ob Alice Weidel das nicht doch alles geplant habe. Die kostenlose Wahlwerbung für die AfD haben sie aber längst unters Volk gebracht.

Meine Stylingtipps für meinen Ehemann und Co.

Als stellvertretende Chefredakteurin hat Dagmar Rosenfeld einiges mitzureden, wenn es darum geht, was bei Welt.de erscheint, und welche Themen in der „Welt“ landen. Da kommt dann zum Beispiel sowas hier zustande:

Screenshot Welt.de - Meinung - Bundestagswahl - Meine Stylingtipps für Christian Lindner und Co. - von Dagmar Rosenfeld

Das Ganze soll wohl recht lustig sein. Jedenfalls könnte man das meinen, wenn man sich den Artikeleinstieg bei Welt.de und in der „Welt“ anschaut:

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kann sich sehen lassen, ein Sahneschnittchen, wie man an Frauenstammtischen so sagt. Nun wurde bekannt, dass Macron in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit 26.000 Euro für eine Visagistin ausgegeben hat. Weil Angela Merkel und Martin Schulz derzeit so viele Fernsehauftritte haben, dass sie in der Maske der TV-Studios quasi ein Dauerabpuder-Abo haben, wollen wir an dieser Stelle die kleinen Parteien mit ein paar Stylingtricks unterstützen — kostenlos und wunderschön oberflächlich.

Der Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, verrät Rosenfeld solche „Stylingtricks“ („Leichtigkeit wagen, etwa durch eine Kombi aus Jackett und Jeans.“), genauso dem Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir („Koteletten wieder wachsen lassen, Haare mit Glitzerpomade zur Tolle formen, E-Bike in Cadillac Pink lackieren und während der Fahrt laut „Brumm, brumm“ rufen.“) und natürlich dem in der Titelzeile bereits erwähnten Christian Lindner von der FDP:

CHRISTIAN LINDNER (FDP)

Der Spitzenkandidat der FDP mit Haut und Haaren für den Wiedereinzug in den Bundestag, dafür zeigt er sich in Wahlwerbespots schon mal im Unterhemd. Liberalismus ist für ihn auch eine Kopfsache: Um liberales Wachstum zu generieren, ließ er sich erst einmal Haare transplantieren.

Stiltipp: Bei der Wahl der Oberbekleidung für Werbespots künftig vorher die Ehefrau fragen.

Duft: Comme des Garçons, Amazingreen (riecht nach schwarz-gelb-grüner Regierung).

Christian Lindners „Ehefrau“, die Dagmar Rosenfeld erwähnt, heißt Dagmar Rosenfeld-Lindner und ist stellvertretende Chefredakteurin der „Welt“. Für das klitzekleine Detail, dass die Autorin gerade über ihren eigenen Ehemann schreibt, der sich mitten im Wahlkampf befindet und der mit seiner Partei in wenigen Wochen in den Bundestag einziehen will, muss bei Welt.de und „Welt“ kein Platz mehr gewesen sein. Jedenfalls steht im Artikel nirgendwo etwas davon.

Gesehen bei @HATEMAGAZIN.

Medien verbreiten Ehe-für-alle-Unsinn der AfD

Wenn Sie gestern eine Runde auf deutschen Online-Nachrichtenseiten gedreht haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie auch auf diese Schlagzeile hier gestoßen sind:


(„Spiegel Online“)

Oder auf diese:


(Stern.de)

Oder diese:


(Welt.de)

Oder auf eine von diesen:


(FAZ.net)

(„Focus Online“)

(Morgenpost.de)

(„Deutschlandfunk“)

(derstandard.at)

(Express.de)

(FR.de)

(rp-online.de)

(Merkur.de)

(derwesten.de)

(maz-online.de)

(rbb-online.de)

(orf.at)

Die Liste ließe sich noch lange weiterführen — es stand gestern so gut wie überall, auch weil Agenturen die Nachricht übernommen und verbreitet haben: Die AfD prüfe, ob sie die gerade erst im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ vor dem Bundesverfassungsgericht verhindern könne.

Als Ursprung für diese Neuigkeit nennen die Artikel, die hinter den oben aufgeführten Titelzeilen stecken, alle die gleiche Quelle: „Bild am Sonntag“. Die „BamS“-Redaktion hatte die AfD-Info gestern, beziehungsweise online bereits vorgestern am späten Abend, exklusiv:

Die AfD plant, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen und die am Freitag im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ zu kippen. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (76) zu BamS: „Wir prüfen derzeit eine Klage beim Bundesverfassungsgericht. Ich bin für einen solchen Schritt. Die Ehe für alle bedeutet eine Wertebeliebigkeit, die unserer Gesellschaft schadet.“

Nun kann die AfD das so sehr wollen und planen und prüfen, wie sie mag — sie kann nicht wegen der „Ehe für alle“ vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Wie Patrick Gensing bereits gestern am Nachmittag beim ARD-„Faktenfinder“ schrieb, gibt es verschiedene Wege, die dazu führen, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit einem Gesetz beschäftigt. Im Fall der „Ehe für alle“ kommt eigentlich nur die abstrakte Normenkontrolle in Frage. Und die kann nicht von jedem einfach so beantragt werden. Das Bundesverfassungsgericht schreibt dazu:

Der Antrag kann nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder eines Viertels der Mitglieder des Bundestages gestellt werden. Bürgerinnen und Bürger sind in dieser Verfahrensart nicht antragsberechtigt.

Die AfD sitzt zwar in einigen Landesparlamenten, sie gehört aber weder der Bundesregierung noch einer Landesregierung an, und keiner ihrer Mitglieder ist aktuell Bundestagsabgeordneter. Über die abstrakte Normenkontrolle kann sie eine Überprüfung der „Ehe für alle“ durch das Bundesverfassungsgericht derzeit nicht beantragen.

Eine Verfassungsbeschwerde, die auch einzelne AfD-Mitglieder initiieren könnten, macht bei der „Ehe für alle“ auch keinen Sinn. Denn dazu schreibt das Bundesverfassungsgericht:

Die beschwerdeführende Person muss selbst, gegenwärtig und unmittelbar in ihren Rechten betroffen sein.

Und wer soll schon ernsthaft in seinen Rechten betroffen sein, weil nun auch Frauen Frauen und Männer Männer heiraten können sollen und sonst durch die „Ehe für alle“ niemandem etwas weggenommen wird?

All das hätten auch die zwei „Bild am Sonntag“-Autoren herausfinden können, bevor sie (und in der Folge all die anderen Redaktionen, die auch nicht recherchierten) der AfD riesige Werbeflächen für eine Null-und-nichtig-Ankündigung einräumten.

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