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Ein Teaser, dem man keine Beachtung schenken sollte

Schon Politiker in den höchsten Ämtern hatten mit der englischen Sprache zu kämpfen: deutsche Außenminister, Bundespräsidenten oder EU-Kommissare für Digitales. Manche der legendärsten Fauxpas („Equal goes it loose“) sind zwar bloß Erfindungen von Journalisten, halten sich aber hartnäckig im kollektiven Gedächtnis.

Bei der Kombination aus Englischübersetzungen und Erfindungen von Journalisten sind wir auch schon bei Welt.de. Die Redaktion teaserte am vergangenen Donnerstag einen Artikel über einen Tweet von Greta Thunberg so an:

Screenshot Welt.de - Als Reaktion auf Hass und Spott hat Greta Thunberg ihren Kritikern geantwortet. Wer ihr Vorgehen zum Klimaschutz nicht billigt, sei keiner Beachtung wert, schrieb sie. Wichtiger sei es, Gutes zu tun, als jugendliche Klimaschützer mit Verachtung zu verfolgen.

Thunberg will also ihren Kritikern keine Beachtung schenken? Wie ignorant und totalitär ist das denn!? Nur: Hat sie das wirklich so gesagt? Mitnichten.

Thunberg, schwedische Muttersprachlerin, 16 Jahre alt, hält ihre Reden auf Englisch und wird anschließend häufig von ihren Gegnern in deren Muttersprache kritisiert, beleidigt oder verhöhnt. Die Vorwürfe lauten unter anderem Unbedarftheit, Unverschämtheit und Überheblichkeit.

Auf all den Hass, der ihr entgegenschlägt, hat Greta Thunberg bei Twitter geantwortet, auf Englisch. Das ist der Tweet, um den es im Artikel bei Welt.de geht:

Screenshot zweier Tweets von Greta Thunberg - I honestly don't understand why adults would choose to spend their time mocking and threatening teenagers and children for promoting science, when they could do something good instead. I guess they must simply feel so threatened by us. But don’t waste your time giving them any more attention. The world is waking up. Change is coming wether they like it or not. See you in the streets this Friday!

Ins Deutsche lässt sich das so übersetzen:

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum Erwachsene sich dazu entscheiden, ihre Zeit damit zu verbringen, Teenager und Kinder, die sich für die Wissenschaft einsetzen, zu verspotten und zu bedrohen, anstatt selber etwas Gutes zu tun. Ich vermute, sie fühlen sich einfach bedroht von uns. Aber verschwendet eure Zeit nicht damit, ihnen weiterhin Beachtung zu schenken.

Anders als die „Welt“-Redaktion behauptet, will Thunberg also nur jene nicht beachten, die spotten und drohen. Komisch, dass daraus im Welt.de-Teaser wird: „Wer ihr Vorgehen zum Klimaschutz nicht billigt, sei keiner Beachtung wert“. Passierte das aufgrund von Schlampigkeit, von Sprachschwierigkeiten oder einfach aus Bock auf einen geileren Teaser? Im dpa-Text selbst, auf dem der Welt.de-Artikel basiert, wird Thunbergs Tweet jedenfalls richtig wiedergegeben.

Greta Thunbergs vermeintliche Aussage im Teaser, die die „Welt“-Redaktion ihr dort unterjubelte, reichte aber, um die Leserschaft zu empören:




Nachtrag, 18:49 Uhr: Die „Welt“-Redaktion hat auf unsere Kritik reagiert und den Teaser angepasst. Dieser lautet nun:

Als Reaktion auf Hass und Spott hat Greta Thunberg ihren Kritikern geantwortet. Wer Spott und Bedrohungen gegen Kinder und Jugendliche verbreite, sei keiner Beachtung wert, schrieb sie. Wichtiger sei es, Gutes zu tun.

Einen Hinweis auf diese Korrektur gibt es nicht.

„Sehr brutal“ spekuliert

Eigentlich dachten wir, die unsägliche Diskussion, ob Computerspiele Jugendliche zu „Killern“ machen, wäre überstanden. Doch es gibt sie in gewisser Weise immer noch, jedenfalls den Gedanken dahinter.

Gestern brannte ein Zeichentrickfilmstudio im japanischen Kyoto, mindestens 33 Menschen kamen dabei ums Leben. Es handelt sich offenbar um Brandstiftung — ein 41-jähriger Mann hat nach Angaben der Polizei die Tat gestanden.

Welt.de berichtet unter anderem mit einem Video über den Vorfall. In dem 42-Sekunden-Clip sagt die Sprecherin:

Das Filmstudio produziert Manga-Serien für junge Menschen. Diese Filme sind teils sehr brutal. Möglich, so sagen Kenner, dass der Täter sich davon beeinflussen ließ.

Nun hätten diese „Kenner“ der Redaktion erstmal erklären können, dass man bei japanischen Zeichentrickfilmen von Animes spricht und nicht von Mangas, was Comics sind.

Aber vor allem: Was soll dieses eklige Spekulieren? Als gäbe es bisher mehr als vage Gerüchte zum Motiv (und diese haben nichts mit besonderer Brutalität in Animes zu tun). Und als hätten „diese Filme“ und ihre Macher — und damit auch die Opfer — irgendeine Mitschuld an dem Brandanschlag. Gerade im Fall des angegriffenen Animationsstudios Kyoto Animation ist der herbeigeschwurbelte Zusammenhang mit „sehr brutalen“ „Manga-Serien“ völlig daneben: KyoAni ist besonders für sogenannte „Slice of Life“Produktionen bekannt, die beispielsweise von Schulkindern, Jugendlichen und deren Hobbys handeln.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Die alten Leute von Welt.de waren sehr respektlos

In einem Interview mit „Welt am Sonntag“ antwortete der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Frage, ob der Dialog mit Fridays For Future klappe:

„Wir hatten eine Gruppe hier zur Diskussion. Die jungen Leute waren schon sehr selbstbewusst und respektlos, was ja ganz in Ordnung ist.“

Dieser Halbsatz hinter dem Komma, „was ja ganz in Ordnung ist“, ist für das Verständnis von Kretschmanns Aussage von zentraler Bedeutung. Ohne ihn klänge es so, als würde der Grünen-Politiker die jungen Aktivistinnen und Aktivisten für irgendein despektierliches Verhalten kritisieren. Mit ihm klingt es deutlich anerkennender. Oder anders gesagt: Ließe eine Redaktion in ihrer Berichterstattung den Halbsatz einfach weg, würde sie Kretschmanns Aussage deutlich verfälschen.

Bei Welt.de haben sie sich auf ihrer Jagd nach Clicks fürs Verfälschen entschieden (und das „selbstbewusst“ gleich auch noch rausgestrichen):

Screenshot eines Tweets der Welt-Redaktion - Die jungen Leute von Fridays for Future waren sehr respektlos

Dieses entstellende Kürzen von Kretschmanns Äußerung kritisierte Oliver Das Gupta, Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“. Dagmar Rosenfeld, Chefredakteurin der „Welt“, reagierte auf diese Kritik. Sie schrieb bei Twitter:

Sie haben recht, durch die Zeile kann ein anderer Eindruck entstehen. Wir haben die Zeile daher geändert.

(„kann ein anderer Eindruck entstehen“ ist auch nur minimal besser als das notorische „sollte ein falscher Eindruck entstanden sein, bitten wir um Entschuldigung“ — durch die Kürzung des Kretschmann-Zitats entsteht definitiv „ein anderer Eindruck“.)

Und, holla, wie sie „die Zeile daher geändert“ haben! Sie lautet nun:

Screenshot Welt.de - Kretschmann über Fridays for Future - Die jungen Leute waren schon sehr selbstbewusst und respektlos

Sie wollen es offenbar nicht verstehen.

Eins, zwei, Polizei

Vergangene Woche legte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) dem Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf einen Bericht vor. Darin enthalten: Jede Menge Statistiken zum Tagesordnungspunkt „Kriminalitätsentwicklungen im Hambacher Forst“. In dem Rest-Wald am rheinischen Braunkohle-Revier gehe es wild zu, so der Innenminister.

Allein im Zeitraum vom 03.10.2018 bis zum 28.01.2019 führte [die Polizei] über 1.500 Einsätze im Hambacher Forst sowie in den daran angrenzenden Ortschaften durch.

… heißt es in dem Bericht etwa. Und weiter:

Für den Auswertezeitraum 01.01.2015 bis 31.12.2018 wurden im Kriminalpolizeilichen Meldedienst – Politisch motivierte Kriminalität mit Bezug zum Hambacher Forst insgesamt 1.674 Straftaten erfasst.

Diese Zahlen sind natürlich beeindruckend und beunruhigend. Entsprechend machten sie auch die mediale Runde.

Nur: Diese Zahlen sind auch mindestens irreführend. Anett Selle ist Reuls Bericht für die „taz“ durchgegangen und hat dabei festgestellt: Zu „polizeilichen Einsätzen für diese außergewöhnliche Lage“ zählt der Innenminister etwa auch normale Streifenfahrten und Verkehrsunfälle. Selle kommt auf 56 bis 79 Einsätze (wohlgemerkt: 56 bis 79 von 1500), die in einem direkten Zusammenhang mit der Besetzung des Hambacher Forsts stehen.

Und weiter:

Bei den „1.674 Straftaten“ zwischen 2015 und 2018 ist es nicht viel besser. Zunächst zeigt die Tabelle keine Straftaten, wie Reul wörtlich behauptet, sondern den Verdacht auf Straftaten. Die Tabelle zeigt, wie viel und was in vier Jahren angezeigt wurde — aber eine Anzeige macht noch keine Straftat. Auch, dass von 1.674 Strafanzeigen in vier Jahren mehr als ein Drittel wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz erfolgten, und davon 90 Prozent im Jahr 2015, kann nicht als Beleg für die von Reul behauptete zunehmende Kriminalität dienen.

Die Gleichsetzung von Strafanzeigen und Straftaten ist unter Innenpolitikern recht beliebt und wird von Journalistinnen und Journalisten oft (wahlweise wissentlich oder unwissentlich) übernommen.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) schrieb zwar von „1700 Strafverfahren wegen politisch motivierter Taten“ und schränkte ein:

Wie viele Täter dann später tatsächlich verurteilt wurden, ist unklar.

Die Statistiken in dem Bericht hatte sich dort aber offenbar niemand genauer angeschaut:

Allein von Oktober 2018 bis Ende Januar 2019 gab es dem Bericht zufolge 1500 Polizeieinsätze im Hambacher Forst und den angrenzenden Ortschaften.

Die Online-Redaktion der „Welt“ übernahm von der dpa eine gewisse Skepsis, titelte aber auch:

Screenshot Welt.de - Brandsätze und Zwillenbeschuss - 1500 Polizeieinsätze im Hambacher Forst seit Oktober 2018

In einer späteren Fassung arbeitete die dpa die Unterschiede zwischen Strafverfahren und Verurteilungen deutlicher heraus, ließ Kritiker zu Wort kommen und verbreitete die Zahl von 1500 Polizeieinsätzen nicht mehr, wie Nachrichtenchef Froben Homburger auf Twitter dokumentierte.

Bild.de titelt indes immer noch fröhlich:

Screenshot Bild.de - Innerhalb von drei Jahren - 1700 Straftaten im Hambacher Forst

Mit Dank an @roxar90 für den Hinweis!

Lungenarzt verrechnet sich, „Bild“ juckt es nicht

Dieter Köhler ist so etwas wie der Posterboy der Medien, die gegen den „Grenzwert-Irrsinn“ (Bild.de), die „Gaga-Vorschläge“ (auch Bild.de) der „Diesel-Hasser“ (ebenfalls Bild.de) und die drohenden Diesel-Fahrverbote anschreiben. Der Lungenarzt im Ruhestand lieferte ihnen mit einem Positionspapier zu Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden eine vermeintliche wissenschaftliche Grundlage. Es kümmerte die Redaktionen nicht, dass Köhler noch nie zu dem Thema publiziert hatte, und auch nicht, dass die etwa 100 weiteren Ärzte, die das Positionspapier unterzeichneten, nur einen Bruchteil der rund 3800 von Köhler angeschriebenen Ärzte ausmachten. Alles egal, Dieter Köhlers Thesen drehten die ganz große mediale Runde. Nun zeigt eine Recherche von „taz“-Redakteur Malte Kreutzfeldt, dass Köhler sich mehrfacht verrechnet hat, teils so gravierend, dass seine Aussagen sich ins Gegenteil verkehren, wenn man korrekt rechnet.

Am 23. Januar berichtete die „Welt“ groß über Dieter Köhler und seine Mitstreiter:

Ausriss Welt - Lungenärzte gegen Grenzwerte

Am selben Tag brachte „Bild“ die Geschichte mit größtmöglichem Knall:

Ausriss Bild-Titelseite - 107 Lungen-Ärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub

Im Blatt ähnlich laut:

Ausriss Bild-Zeitung - Aufstand der Ärzte gegen Feinstaub-Hysterie

Bild.de machte natürlich mit, und schon bald gab es so gut wie keine Nachrichtenseite in Deutschland mehr, die nicht über Köhlers Positionspapier berichtete. Manche von ihnen holten schon früh Gegenstimmen ein oder äußerten etwas später Zweifel. Andere übernahmen einfach die Aussagen aus dem Papier. Köhler, der bereits zuvor immer mal wieder von Redaktionen als Experte auf dem Feld präsentiert wurde, saß bei „Anne Will“, „Hart aber fair“, „SternTV“. FDP-Chef Christian Lindner hing sich in „Bild“ an die „aktuelle Intervention führender Lungenfachärzte“ ran und forderte „ein Moratorium bei den Stickoxid-Grenzwerten“. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dessen Sprecher seit knapp einem Jahr der frühere „Bild“-Mann Wolfgang Ainetter ist, schrieb einen „BRAND-BRIEF AN DIE EU-KOMMISSION“ („Bild“) und bezog sich dabei auf deutsche Lungenärzte.

Dieter Köhler bekam in der folgenden Berichterstattung immer wieder Platz in den „Bild“-Medien:

Screenshot Bild.de - Lungenarzt zur Feinstaub-Hysterie - Das Atmen in Berlin ist absolut unbedenklich
Screenshot Bild.de - Schlimmster Verdacht - Es geht um Forschungsgelder, sagt Köhler. Da muss ja ein Ergebnis rauskommen, dass Feinstaub und Stickstoffdioxid schädlich sind. Rumms!
Ausriss Bild am Sonntag - Mich ärgert, wenn Blödsinn verbreitet wird

Dann dürfte sich Köhler ziemlich über sich selbst ärgern.

Denn Malte Kreutzfeldt zeigt heute in seiner „taz“-Titelgeschichte, was für einen Blödsinn der pensionierte Lungenarzt verbreitet. Ein Beispiel, auf das „auch die taz erst durch einen externen Hinweis aufmerksam wurde“: Köhler behauptet in seinem Positionspapier (PDF):

Dabei erreichen Raucher (eine Packung/Tag angenommen) in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde. Beim NOx [Stickoxide] sind die Unterschiede ähnlich, wenn auch etwas geringer.

Köhler bringt dabei allerdings Zahlen durcheinander und rechnet mit falschen Werten. Tatsächlich, so Kreutzfeldt, sind es nicht wenige Raucher-Monate, sondern zwischen 6,4 und 32 Raucher-Jahre (je nach angenommenen Stickstoffdioxid-Anteil am Stickoxid). Köhler sagt nämlich, dass man durch eine Zigarette rund 500 Mikrogramm Stickstoffdioxod in 10 Litern Atemluft aufnehme. Das rechnet er korrekt auf 50.000 µg/m³ hoch. Allerdings multipliziert er dann, um auf den Wert für eine Zigarettenschachtel zu kommen, nicht die 500 µg/10 Liter (die er pro Zigarette angibt) mit 20 Zigaretten, sondern fälschlicherweise die 50.000 µg/m³ (was letztlich bedeuten würde, dass die Person in dem Beispiel nicht 20, sondern 2000 Zigaretten am Tag raucht). Köhler kommt so auf 1 Million Mikrogramm Stickstoffdioxid, die ein Raucher am Tag zu sich nimmt. Richtig wären hingegen 10.000 Mikrogramm.

Wobei das auch nicht wirklich stimmt. Denn Köhler macht an dieser Stelle noch einen weiteren Fehler, wie Kreutzfeldt schreibt:

Zusätzlich zu diesem Rechenfehler, der das Ergebnis um Faktor 100 verfälscht, stimmt auch hier der Ausgangswert nicht, mit dem Köhler rechnet. Der von ihm genannte Wert von 500 Mikrogramm pro Zigarette gilt nicht für Stickstoffdioxid (NO2), also jenes Gas, für das die Grenzwerte gelten und das für die Fahrverbote in deutschen Städten verantwortlich ist, sondern für Stickoxide generell (NOx).

Als Anteil von NO2 an NOx beim Zigarettenrauch nennt Köhler zunächst 10 Prozent — damit wäre das Ergebnis insgesamt um den Faktor 1.000 verkehrt. In einer späteren Mail revidierte der Lungenarzt die Angabe wieder, nannte nun — ohne klare Quellenangabe — einen Bereich von 10 bis 50 Prozent; das Ergebnis seiner Rechnung wäre dann entsprechend um den Faktor 200 bis 1.000 verkehrt.

Bei Bild.de fanden sie Köhlers Raucher-Rechnung besonders anschaulich:

Screenshot Bild.de - Köhler: Raucher liefern uns diese Studie aber quasi freiwillig. Der Rauch einer Zigarette ist nun mal um das Mehrfache giftiger als unsere Luft. Raucher (eine Schachtel/Tag) erreichen in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem Leben einatmen würde. Und fast die NOx-Menge.

Durch einen Klick auf die beiden letzten, blau hinterlegten Sätze können Bild.de-Leser den Artikel bei Facebook teilen. Die zwei Sätze mit Köhlers plakativem (falschem) Beispiel werden dann automatisch als Text für ihren Post übernommen.

Während Welt.de bereits einen recht langen Beitrag zu Köhlers Rechenfehlern veröffentlich hat (letztlich eine Abschrift von Malte Kreutzfeldts „taz“-Text in indirekter Rede), gibt es bei „Bild“ nur: Schweigen. In der gedruckten Ausgabe von heute kein Wort (was eigentlich nicht am Redaktionsschluss liegen kann, schließlich schafft es das „Bild“-Team auch, Geschehen aus dem Dschungelcamp von kurz vor Mitternacht noch ins Blatt zu hieven, und Malte Kreutzfeldt twitterte gestern bereits um 18:35 Uhr einen Link zu den Ergebnissen seiner Recherche). Bei Bild.de erschien der letzte Artikel, in dem der Name Köhler fällt, vor vier Tagen — eine Vorabkritik des „Polizeiruf“ im „Ersten“, in dem der Kommissar Dirk Köhler heißt. Die schlampige Rechnerei des Lungenarztes Köhler existiert im „Bild“-Kosmos nicht.

Vielleicht meldet sich morgen ja Franz Josef Wagner zu Wort und berichtet von seiner großen Enttäuschung. Dieter Köhler und die „Lieben Lungen-Ärzte“ hatte der „Bild“-Briefchenschreiber neulich noch als „Helden im Diesel-Chaos“ gefeiert:

Ausriss Bild-Zeitung - Liebe Lungen-Ärzte, Ihr seht die dunklen Flecken, den Krebs in unseren Lungen. An Feinstaub, sagt Ihr, sei noch kein Mensch gestorben. Ich glaube Euch. Wenn es eine Wissenschaft gab, die uns Menschen half, dann war es die Medizin. Die Medizin hat die Pocken besiegt, das Penicillin erfunden, Herzen verpflanzt, Lungen. Die Medizin hat Beinamputierten neue Beine gegeben. Blinde konnten wieder sehen durch die besondere Lasertechnik. Tote wurden wieder zum Leben erweckt durch rhythmisches Pressen. Die Politik hat zu schweigen. Es sind die Ärzte, die unser Leben retten. Die Politik soll auf die Ärzte hören, bevor sie Gesetze machen. Meine Helden im Diesel-Chaos sind die Ärzte. Herzlichst Franz Josef Wagner

Nachtrag, 21:04 Uhr: Nun hat auch die „Bild“-Redaktion gemerkt, dass alle größeren deutschen Nachrichtenseiten über Köhlers Rechenfehler berichten. Bei Bild.de schreiben Tom Drechsler und Florian Kain:

Jetzt kommt raus: Professor Köhler hat genau das getan, was er anderen vorwirft — sich verrechnet!

Sein Beispiel, ein Raucher würde in nur zwei Monaten die Feinstaubdosis inhalieren, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem ganzes Leben einatmen würde, stimmt nicht.

Und es passt bestens zu „Bild“, dass Drechsler und Kain es selbst hier noch schaffen, einen Fehler einzubauen: In der Recherche von „taz“-Redakteur Malte Kreutzfeldt geht es um Stickoxide beziehungsweise um Stickstoffdioxid und nicht um Feinstaub.

Mit Dank an Michael E., Korbinian P., Sven H. und @De215S für die Hinweise!

Bitte ausschneiden und aufhängen: „Indymedia“ ist keine seriöse Quelle

Screenshot Welt.de - Attacke auf AfD-Politiker - Bekennerschreiben im Fall Magnitz aufgetaucht

… steht seit heute Mittag bei Welt.de. Und auch auf ihrem Twitter-Kanal lässt die Redaktion es so wirken, als wäre im Fall des am Montag angegriffenen AfD-Politikers Frank Magnitz ein Bekennerschreiben „aufgetaucht“, also so ein richtiges:

Screenshot eines Tweets der Welt-Redaktion - Bekennerschreiben im Fall Magnitz aufgetaucht

Das Problem dabei, und das kommt erst später im „Welt“-Text: Es gibt erhebliche Zweifel an der Authentizität des Schreibens, das von einer bisher unbekannten Gruppe namens „Antifaschistischer Frühling Bremen“ stammen soll. Diese Zweifel liegen vor allem an der Quelle: Das „Bekennerschreiben“ ist nämlich bei „Indymedia“ aufgetaucht, wo jeder anonym solche Texte veröffentlichen kann. Noch einmal, weil Redaktionen das offenbar gerne vergessen: Jeder kann bei „Indymedia“ unter irgendeinem Namen ein angebliches „Bekennerschreiben“ veröffentlichen. Welt.de schreibt zur aktuellen (und inzwischen wieder gelöschten Veröffentlichung bei „Indymedia“) dennoch: „Es wurde von einer Antifa-Gruppe im Internet veröffentlicht“.

Wie falsch das sein kann, haben nun schon mehrere Fälle gezeigt. 2016 etwa tauchte nach zwei Sprengstoffanschlägen in Dresden, einer davon auf eine Moschee, bei „Indymedia“ ein vermeintliches Bekennerschreiben einer Antifa-Gruppe auf, das sich als Fälschung entpuppte. Dennoch berichteten mehrere Medien, als wäre „Indymedia“ eine ganz normale, seriöse Quelle. 2017, nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB, tauchte bei „Indymedia“ ein vermeintliches Bekennerschreiben einer Antifa-Gruppe auf, das sich als Fälschung entpuppte. Und wieder berichteten Medien, als wäre „Indymedia“ eine ganz normale, seriöse Quelle.

Nun taucht bei „Indymedia“ also ein angebliches Bekennerschreiben zum Angriff auf AfD-Mann Magnitz auf, und Welt.de veröffentlicht eine Überschrift, als wäre „Indymedia“ eine ganz normale, seriöse Quelle. (Man kann durchaus dafür plädieren, dass ein anonymes Posting auf „Indymedia“ überhaupt „keinen Bericht wert“ ist.)

Genauso die Redaktion von „Der Westen“:

Screenshot Derwesten.de - AfD-Politiker Magnitz schwer verletzt: Dieses Bekennerschreiben taucht jetzt im Netz auf

Kein distanzierendes „angeblich“ in der Titelzeile (wie beispielsweise bei tagesschau.de und RTL.de), kein „Zweifel“ (wie beispielsweise bei FAZ.net und stern.de). Als wäre es sicher, dass es sich um ein authentisches Bekennerschreiben handelt. Und als wäre „Indymedia“ eine ganz normale, seriöse Quelle.

dpa und deutsche Redaktionen schicken Tausende russische Panzer

Es steht heute fast überall:

Screenshot Focus Online - Erstmals ist China dabei -Mit 300.000 Soldaten und 36.000 Panzern - Russland startet Rekord-Manöver
Screenshot RT Deutsch - Russland beginnt größtes Manöver im Fernen Osten: 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer, 1.000 Flugzeuge

Bei der Übung Wostok 2018 will das russische Verteidigungsministerium 300 000 Soldaten, 36 000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffen einsetzen.

297.000 Soldaten seien bei „Wostok-2018“ (Osten-2018) im Einsatz, 1000 Flugzeuge wie Suchoi Su-34 und Su-35-Jagdbomber, Kampfhubschrauber und Drohnen, 80 Schiffe der Pazifik- und Nordmeerflotte, darunter Fregatten mit Kaliber-Raketen, die in Syrien zum Einsatz kamen, Luftlandetruppen, bis zu 36.000 Panzer, verkündete Walerij Gerassimow, der Generalstabschef der russischen Streitkräfte, vor internationalen Militärs.

Screenshot eines Tweets von Zeit Online - 300.000 Soldaten und 36.000 Panzer - Russland startet eines der größten Militärmanöver seiner Geschichte

Russland beginnt sein größtes Manöver seit sowjetischen Zeiten 1981. Bei der Übung Wostok (Osten) 2018 will das russische Verteidigungsministerium 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffen einsetzen.

Das russische Verteidigungsministerium will 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer, hunderte Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffe einsetzen.

Bei der Übung Wostok (Osten) 2018 will das russische Verteidigungsministerium 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffen einsetzen.

Screenshot n-tv.de - Wie zu besten Sowjet-Zeiten Russland startet Rekord-Militärmanöver - 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer und mehr als 1000 Jets und Hubschrauber: Die nackten Zahlen des russischen Militärmanövers sind beeindruckend und erinnern an Sowjet-Zeiten. Auch China und die Mongolei mischen mit.

Bei der Übung Wostok (Osten) 2018 wolle das russische Verteidigungsministerium 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffe einsetzen.

Russland beginnt heute sein größtes Manöver seit sowjetischen Zeiten 1981. Bei der Übung Wostok 2018 will das russische Verteidigungsministerium 300 000 Soldaten, 36 000 Panzer, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffen einsetzen.

Das waren, in dieser Reihenfolge: „Focus Online“, „RT Deutsch“, FAZ.net, „Spiegel Online“, „Zeit Online“, Stern.de, Deutschlandfunk.de, Welt.de, n-tv.de, „Die Achse des Guten“, Stuttgarter-Nachrichten.de. Und wir könnten die Liste noch eine ganze Weile fortführen.

Tatsächlich verfügt Russland gar nicht über 36.000 Panzer. Es sind deutlich weniger: Laut „Statista“ 15.500, laut „Wikipedia“ etwas über 22.000, wobei dort auch die Panzer mitgezählt sind, die als „retired“ gelten. Es existieren also durchaus viele Panzer in Russland, aber eben nicht 36.000.

Dass so viele deutsche Medien von „36.000 Panzern“ schreiben und dass sie häufig so gleich klingen in ihren Artikeln, dürfte an der dpa liegen. Die hat heute früh um 3:27 Uhr über den Basisdienst eine erste Agenturmeldung verschickt, in der von eben jenen 36.000 Panzern die Rede ist. Drei Minuten später kam ein „Nachrichtenüberblick“ mit derselben falschen Zahl, ebenfalls über den großen Basisdienst. Viele Redaktionen übernehmen diese Artikel automatisch.

In russischen Quellen findet man die Zahl 36.000 ebenfalls im Zusammenhang mit dem Manöver „Wostok“. Etwa bei der staatlichen Nachrichtenagentur „TASS“. Allerdings setzt sie sich dort anders zusammen:

Taking part in the drills are about 300,000 Russian troops, over 1,000 aircraft, helicopters and unmanned aerial vehicles, up to 36,000 tanks, armored personnel carriers and other vehicles, up to 80 ships and supply vessels, the Defense Ministry added.

Also: bis zu 36.000 Fahrzeuge, zu denen die Panzer genauso zählen wie die Jeeps der Kommandeure.

Die dpa verschickte um 9:36 Uhr eine Berichtigung über ihren Basisdienst. Dort waren die „36.000 Panzer“ in „bis zu 36.000 Panzer, Panzerwagen und andere Fahrzeuge“ geändert. Manche Redaktionen übernahmen diese Änderung, andere — siehe oben — nicht.

Bei den falschen 36.000 Panzern dürfte es sich um einen Übersetzungs- und/oder Flüchtigkeitsfehler handeln. Dass überall ebenfalls von 300.000 Soldaten geschrieben wird, die vor Ort im Einsatz sein sollen, sieht manch einer als Verbreiten von aufgeblasenen Zahlen der „russischen Münchhausens“. Nur zum Vergleich: An Sapad-81, dem größten Manöver, das je in der Sowjetunion stattgefunden haben soll, mitten im Kalten Krieg, nahmen rund 150.000 Soldaten teil.

Mit Dank an Tom S. für den Hinweis!

Man könnte es schäbig nennen

Aus einer Konzertkritik zu einem Auftritt von Helene Fischer in Hamburg, die vorhin bei Welt.de erschienen ist:

Zu „Viva La Vida“ und „Sonne auf der Haut“ wurde schon selig getanzt, bei der Coverversion von Matthias Reims „Verdammt, ich lieb dich“ zeigten sich erste Spuren von Euphorie im erstaunlich gemischten Publikum. Es ließe sich sagen: Von dort an hatte sie die Leute echt im Sack. Da stand sie auch bereits im dritten Outfit auf der Bühne, nach Hot Pants in Teil eins, die man wohlwollend als preiswert hätte beschreiben dürfen, auch wenn der gern mal derbe Hanseat vielleicht sogar zum Wort „nuttig“ gegriffen hätte, folgte das kurze, silbrige Paillettenkleid, es sollten, so wir uns denn nicht verzählt haben, fünf weitere Roben folgen.

Jaja, immer dieser „derbe Hanseat“. Nun liegen uns keine genaueren Zahlen vor, wie viele derbe Hanseaten in der Redaktion von Welt.de so sitzen. Die Leute dort hielten es jedenfalls für eine gute Idee, die Bezeichnung „nuttig“ auch in ihre Überschrift zu packen:

Screenshot Welt.de - Helene Fischer n Hamburg - Man könnte es nuttig nennen

Wohlgemerkt: Weil Helene Fischer Hot Pants trug. Durch den Konjunktiv und die Anführungszeichen in der Titelzeile wird das alles kein Stück besser.

Wenn eine große deutsche Redaktion es offenbar für völlig in Ordnung hält, eine Sängerin auf der Startseite aufgrund ihrer Klamotten mit den Begriff „nuttig“ und zusätzlich im Artikel mit dem Begriff „preiswert“ in Verbindung zu bringen, muss es auch niemanden mehr wundern, wenn Frauen immer wieder als minderwertig betrachtet und auf der Straße und im Internet häufig angefeindet werden.

Mit Dank an Stefan T. und Thomas H. für die Hinweise!

Nachtrag, 16. Juli: Welt.de hat die Titelzeile geändert. Dort steht nun:

Screenshot Welt.de - Schon nach drei Minuten rieselten Konfetti vom Himmel

Auch aus dem Text ist das Wort „nuttig“ verschwunden. Stattdessen:

… nach Hot Pants in Teil eins, die man wohlwollend als preiswert hätte beschreiben dürfen, auch wenn der gern mal derbe Hanseat vielleicht sogar zu ganz anderen Worten gegriffen hätte

Die Redaktion hat dazu diese „Anmerkung“ veröffentlicht:

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels verwendeten wir für die Beschreibung des Outfits der Sängerin eine unangemessene Wortwahl. Wir bitten dies zu entschuldigen.

„Welt“: Pseudoseriöses Unken über Mesut Özil in „Bild“

Fußballprofi Mesut Özil schlägt derzeit enorm viel Hass entgegen. Insofern ist die heutige „Welt“-Titelseite durchaus bemerkenswert:

Ausriss Welt-Titelseite - Deutschland hat Mesut Özil viel zu verdanken

Redakteur Christoph Cöln kommentiert im Blatt:

Seit Özils dummen, falschen Fotos mit Recep Tayyip Erdogan hat eine noch dümmere Hetzjagd auf den Fußballer eingesetzt. Er scheint in Deutschland Staatsfeind Nummer eins zu sein.

Cöln erwähnt „endlose Tiraden in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten“, den dumpfbackigen Auftritt des dumpfbackigen Mario Basler bei „Hart aber fair“ am späten Montagabend und er schreibt über Lothar Matthäus:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam.

Bei Welt.de ist die Passage zu Matthäus noch etwas länger:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam. Die Aussage suggerierte, dass der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Einwanderer Identitätsprobleme hat, dabei spielt Özil seit seiner Jugend in der Nationalmannschaft, er ist einer ihrer verdientesten Repräsentanten.

Doch auch hier: kein Hinweis darauf, wo Lothar Matthäus „pseudoseriös und verschwörerisch“ rumunken darf. Welche Redaktion ermöglicht sowas Infames? Wo kann Matthäus suggerieren, Özil habe Identitätsprobleme?

So sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung gestern aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Zwei Sätze, die uns bewegen - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

Matthäus‘ infames Rumunken bewegt die „Bild“-Mitarbeiter — und zwar so sehr, dass sie die unfundierte Fernanalyse auf Seite 1 gepackt haben.

Das Matthäus-Zitat auf der Titelseite ist allerdings nur der zwischenzeitliche Höhepunkt einer „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil. Die Redaktion lässt in letzter Zeit keine Möglichkeit aus, den Nationalspieler runter- und rauszuschreiben. Eine Auswahl aus den vergangenen Tagen:

10. Juni:
Screenshot Bild.de - Kritik an Nationalspieler - Mario Basler würde auf Mesut Özil verzichten

12. Juni:
Screenshot Bild.de - Nachgehakt - Özil denkt an sich, nicht an das Team!

13. Juni:
Screenshot Bild.de - Klartext von Effe - DFB hätte Özil & Gündogan rauswerfen müssen!
Screenshot Bild.de - Erste DFB-Pressekonferenz aus Russland - Wird Özil nur WM-Ersatz, Herr Löw?
Screenshot Bild.de - Wir haben Konkurrenzkampf - Löw will sich nicht auf Özil festlegen
Screenshot Bild.de - Protokoll zum ersten Training in Russland - Nachdenklicher Auftritt von Özil

14. Juni:
Screenshot Bild.de - Rekord-Nationalspieler stellt seine DFB-Startelf auf - Matthäus setzt zwei Jogi-Stars auf die Bank

Für Mesut Özil ist dagegen kein Platz!

15. Juni:
Screenshot Bild.de - Verpiss dich du Idiot - Theaterchef beschimpft Özil auf Twitter

16. Juni:
Screenshot Bild.de - Fifa-Pressekonferenz im Livestream - Bringt Jogi Reus für Özil?

17. Juni:
Screenshot Bild.de - 0:1 gegen Mexiko - Diese Pleite macht uns WM-Angst

Und Löw setzt auf seinen Liebling. Trotz Erdogan-Affäre, trotz der Pfiffe der eigenen Fans und der fehlenden Spielpraxis steht Mesut Özil (29) in der Startelf – wie in all seinen 26 WM- und EM-Spielen.

Screenshot Bild.de - Bild-Kommentar - Ich habe auf dem Platz keine Weltmeister gesehen

Und Özil?

Er ist ja seit dem Erdogan-Foto abgetaucht und zog das konsequent durch.

18. Juni:
Screenshot Bild.de - Zwei Weltmeister auf die Bank! So muss Jogi gegen Schweden aufstellen

ÖZIL RAUS! Seit 2009 hält Löw seinem Spielmacher Mesut Özil (29) die bedingungslose Treue! Belohnt wurde er dafür zuletzt nur noch sehr selten.

19. Juni:
Screenshot Bild.de - Körpersprache eines toten Froschs - Basler vernichtet Özil!

Und dann eben das bereits erwähnte Mätthäus-Zitat:
Screenshot Bild.de - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte gestern Abend:

Screenshot des Tweets von Ulf Poschardt - Mesut Özil ist mit seiner introvertierten Melancholie und seiner existenziellen Sorge (Heidegger) deutscher und europäischer als die reaktionären Widerlinge, die ihn jetzt anzählen.

Auf unsere Frage, ob er dabei an bestimmte Leute oder auch Redaktionen denke, hat Poschardt leider nicht geantwortet.

Ebenfalls zum Thema:

Gauland in der Badehose: Springer-Medien entdecken die Menschenwürde

Es gibt jetzt also dieses Foto von Alexander Gauland in Badehose. Der AfD-Parteichef war vergangene Woche beim Baden im Potsdamer Heiligen See beklaut worden, der Dieb soll „Kein Badespaß für Nazis“ gerufen haben und mit Gaulands Klamotten davongerannt sein.

Verschiedene Medien berichten seit gestern über den Vorfall und manche von ihnen zeigen eben auch jenes Foto, auf dem Alexander Gauland von hinten zu sehen ist, nackter Oberkörper, braun-karierte Badeshorts, neben ihm eine Polizistin. Die „Märkische Allgemeine“ hat die Aufnahme zum Beispiel veröffentlicht, die „taz“, die „Neue Westfälisch“, „Tag24“, der „Express“.

Die „Welt“ und Welt.de haben das Foto hingegen nicht gezeigt. Und „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt schrieb bei Twitter:

Tweet von Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt - Wir zeige das entwürdigende Foto von Gauland in Badehosen nicht.

Nun kann man erstmal anderer Meinung sein und finden, dass ein nicht ganz scharfes Handyfoto, das einen Mann in einer eher schlabbrigen Badehose zeigt und auf dem die abgebildete Person nur von hinten und nicht wahnsinnig groß zu sehen ist, nicht direkt „entwürdigend“ ist. Sicher steckte Alexander Gauland in diesem Moment in einer Situation, in der man nicht auch noch jemanden gebrauchen kann, der sein Smartphone zückt. Aber „entwürdigend“? Ist das nicht erstmal nur die Interpretation von Poschardt?

Es ist eine große Errungenschaft, dass jeder Mensch eine Menschenwürde hat, auch jene, die sie anderen Menschen absprechen, und damit auch Alexander Gauland. Und es muss klar sein, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht nicht nur für auserwählte Personen gilt, sondern grundsätzlich erstmal für alle, auch für jene, die den Nationalsozialismus, das Hitler-Regime und die Ermordung von Millionen Juden als „Vogelschiss“ bagatellisieren.

Insofern können wir es nachvollziehen, wenn sich eine Redaktion gegen die Veröffentlichung des Gauland-Fotos entscheidet. Doch die Entscheidung der „Welt“-Redaktion und der Tweet von Ulf Poschardt zeigen vor allem eines: die Bigotterie des „Welt“-Chefs und seines Teams.

Welt.de hatte nämlich vor einiger Zeit noch gar kein Problem damit, eine Fotogalerie zusammenzustellen, in der Politiker in Badehosen zu sehen sind:

Screenshot Welt.de - Halnackte Politiker - immer ein Hingucker? Wladimir Putin, Barack Obama oder Joschka Fischer - viele Politiker zeigen sich vor der Kamera oben ohne. Ein Blick auf die Männer in Badehosen
Screenshot Welt.de - Nicolas Sarkozy in Badehosen
Screenshot Welt.de - Barack Obama mit nacktem Oberkörper
Screenshot Welt.de - Bill Clinton in Badehosen

Welt.de hatte auch kein Problem damit, Joachim Sauer, den Ehemann von Angela Merkel, in Badehose zu zeigen:

Screenshot Welt.de - Joachim Sauer in Badehosen

Von den Skrupeln, die Poschardt und die „Welt“-Medien vom Veröffentlichen des „entwürdigenden“ Gauland-Fotos abhalten, keine Spur. Und die hat die Redaktion auch nicht bei Menschen, die mehr Klamotten tragen. Sie hat zum Beispiel eine Fotogalerie mit Nippel- und Höschen-Blitzern veröffentlicht:

Screenshot Welt.de - Gewollte und ungewollte Rausrutscher
Screenshot Welt.de - Foto mit hochgerutschtem Kleid, sodass man den Slip sehen kann
Screenshot Welt.de - Foto mit runtergerutschtem Kleid, sodass man eine Brust sehen kann
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Und sie zeigt Brüste von Frauen, die möglicherweise nicht wollen, dass ihre Brüste gezeigt werden:

Screenshot Welt.de - Slavia Ecclestone zeigt Brust

Ob die nackten Tatsachen bei dem durchsichtigen, schwarzen Kleid von Slavica Ecclestone (54) beabsichtigt waren? Wer weiß

Poschardts Springer-Kollegen von „Bild“ und Bild.de haben das Foto, das Alexander Gauland zeigt, ebenfalls nicht veröffentlicht. Sie sollen allerdings versucht haben, es zu bekommen. Die Fotografin soll die Anfrage abgelehnt haben, weil sie „mit der ‚Bild‘ nichts zu tun haben“ wolle.

Die Veröffentlichung des Gauland-Fotos ist bei „Bild“ jedenfalls bestimmt nicht daran gescheitert, dass die Mitarbeiter in der Redaktion es auf einmal auch verwerflich finden, derartige Aufnahmen zu zeigen. Sie zeigen sonst jede noch so prominente Frau im Bikini am Strand. Sie fotografieren ihnen zwischen die Beine:

Screenshot Bild.de - Topmodel schlägt Wellen - Na, Kontaktlinse verloren? Dazu ein Foto, das den Schritt der Frau zeigt
Screenshot Bild.de - Zwei Kisten heiß in Weiß - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt
Screenshot Bild.de - Models zeigen Knack-Po - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt

Heute erst haben sie dieses „Slip-Blitzer“-Foto veröffentlicht:

Screenshot Bild.de - Holla, die Waldfee! Helene Fischer mit Mega-Schlitz und Slip-Blitzer beim Bambi 2017

Sie zeigen Frauen, denen die Brüste aus den Abendkleider gerutscht sind:

Screenshot Bild.de - Die Taxi-Total-Ausfälle der Stars - Dazu Fotos von Frauen, denen Brüste aus dem Kleid gerutscht sind

Und auch abseits von nackten Brüsten und Hintern und Oberkörpern jucken sie die Persönlichkeitsrechte und die Würde der Personen, über die sie berichten, kein bisschen. Sie zeigen andauernd unverpixelte Fotos von verstorbenen Menschen, egal ob voll- oder minderjährig, die sie in Sozialen Medien zusammengeklaubt haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Dieses Paar buchte um - dazu drei Fotos von bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Menschen, darunter ein Zwölfjähriger
Ausriss Bild-Zeitung - 71 Tote bei Absturz vor Moskau - dazu ein Foto einer bei dem Absturz gestorbenen Frau
Stromschlag beim Handy-Aufladen tötet Luiza (17) - dazu ein Foto der Verstorbenen

Sie verfolgen einen offenbar alkoholkranken Hartz-IV-Empfänger durch den Supermarkt und zeigen Fotos von ihm, weil er Wasser wegkippt, um sich vom Pfandgeld Bier kaufen zu können:

Ausriss Bild-Zeitung - Hier wird aus Wasser Bier - und der Staat bezahlt es - dazu Fotos des Mannes, der das Wasser wegkippt und Bier kauft

Sie zeigen einen psychisch kranken Mann, der nackt durch Berlin kriecht und machen sich lustig über ihn:

Ausriss Bild-Zeitung - Nackter krabbelt durch Neukölln - Was es ein Puffgänger, der zu viel Schampus intus hatte?

Oder kurz gesagt: Die Menschenwürde war den Leuten bei „Bild“ und Bild.de nun wirklich schon immer egal. Und natürlich soll das hier alles nicht heißen: Wenn die „Bild“-Leute schon all die anderen Personen so würdelos zeigen, dann sollen sie auch den Gauland so zeigen. Sondern andersrum: In den anderen Fällen sollten sie besser auf würdelose Fotos verzichten.

Bleibt nur noch die Frage: Was hätten die „Bild“- und „Welt“-Medien wohl gemacht, wenn das Foto nicht Alexander Gauland in Badekleidung gezeigt hätte, sondern beispielsweise Sahra Wagenknecht? Oder Schauspieler und Sänger Johnny Depp, der gerade erst in Berlin war? Oder Sängerin Katy Perry, die heute in der Hauptstadt aufgetreten ist? Julian Reichelt und Ulf Poschardt hätten auf ein Foto einer beklauten Katy Perry im Bikini verzichtet, weil sie die Aufnahme „entwürdigend“ finden?

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