Archiv für 6 vor 9

Tatort-Grabscher zieht Klage zurück, Presserecht als Waffe, Opernfreund

1. Ex-„Tatort“-Koordinator Henke zieht Klage gegen Charlotte Roche zurück
(spiegel.de, Laura Backes & Ann-Katrin Müller)
Es liest sich schon recht erbärmlich, was der „Spiegel“ berichtet: Sechs Frauen hatten dem langjährigen „Tatort“-Koordinator und früheren WDR-Filmchef Gebhard Henke vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Nachdem Henke sich mit dem WDR über sein Ausscheiden verständigt hatte, verklagte er den „Spiegel“ sowie Charlotte Roche und versuchte, die Zeuginnen und die Journalistinnen zu diskreditieren. Besonders heftig und persönlich waren die Attacken gegen Roche, deren Glaubwürdigkeit er anzweifelte und als „sündenstolze Lügnerin“ bezeichnete. Nun haben sieben weitere Frauen unter Nennung ihrer Namen Vorwürfe gegen Gebhard Henke erhoben. Wieder sei es um anzügliche Bemerkungen, um Po-Grapscher in aller Öffentlichkeit, um Hände auf dem Oberschenkel und um ungewollte Küsse gegangen. Das Resultat: „Keine 24 Stunden vor der Verhandlung zog Henke seine Klage dann zurück. Charlotte Roche darf also weiter sagen, von Gebhard Henke am Po begrapscht worden zu sein.“

2. Presserecht als Waffe
(kontextwochenzeitung.de, Markus Köhler)
Der Jurist Markus Köhler hat die „Kontext Wochenzeitung“ erfolgreich in dem Verfahren vertreten, das „Kontext“ vor dem Landgericht Mannheim und dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen einen rechtsradikalen Mitarbeiter zweier AfD-Abgeordneter führte. In einem Gastbeitrag schreibt Köhler über das „Presserecht als Waffe“ und erläutert die Motive, die aus seiner Sicht hinter den Attacken stecken. Sein Resümee: „Mit dem Rechtsstaat ist es wie mit der Demokratie: Beide sind durch das als Waffe eingesetzte Presserecht verletzlich und müssen tagtäglich geschützt werden.“
Weiterer Lesehinweis: Ebenfalls bei „Kontext“ bewertet Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin das Verfahren: Keine Macht dem Ungeist.

3. Schluss mit der Featureritis, her mit den Fakten!
(journalist-magazin.de, Florian Harms)
Im Medienmagazin „journalist“ gibt es einen weiteren Teil aus der Serie „Mein Blick auf den Journalismus“, in der prominente Mediengrößen über besseren Journalismus nachdenken. Diesmal hat Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de, sieben Anregungen formuliert, wie eine Redaktion zum „Leuchtturm in der Informationsflut“ werden kann.

4. Das „absolute Unverständnis“ des Axel Voss
(golem.de, Friedhelm Greis)
Der CDU-Politiker Axel Voss ist Berichterstatter des Europaparlaments bei der Urheberrechtsreform, eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der man eigentlich Kompetenz erwartet. Diese scheint jedoch nicht sonderlich ausgeprägt, wenn man sich die teilweise widersprüchlichen, teilweise falschen Äußerungen von Voss näher anschaut. Auch Friedhelm Greis kritisiert den Nicht-Experten: Obwohl dieser seit anderthalb Jahren über die EU-Urheberrechtsreform verhandele, habe er noch immer zentrale Punkte in der Debatte nicht verstanden. Greis fragt sich ratlos: „Wie soll das EU-Parlament auf Basis seiner Erläuterungen eine Entscheidung zu Leistungsschutzrecht und Uploadfiltern treffen?“

5. Storytelling: „Der Datenjournalismus ist im Alltag angekommen“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Der „Fachjournalist“ hat sich mit einem Fachmann für Datenjournalismus unterhalten: Sascha Venohr, dem „Head of Data Journalism“ bei „Zeit Online“: Was macht den Datenjournalismus aus? Hat dieser bereits seinen Zenit überschritten? Und was empfiehlt Venohr Nachwuchsjournalisten jedweden Ressorts?

6. In eigener Sache
(deropernfreund.de)
„Der Opernfreund“ ist die nach eigenen Angaben älteste deutsche private Opernzeitung und erscheint nun bereits im 51. Jahrgang. Die Website zählt vermutlich zu den meistgelesenen Opernwebsites im deutschsprachigen Europa. Das Besondere: Hier berichten begeisterte Opernliebhaber ohne finanzielles Interesse von ihren Opernbesuchen. Naturgemäß fällt manche Kritik negativ aus, und dann erweist sich, ob die Gegenseite damit gut umgehen kann. Im Fall des Intendanten des Staatstheaters Wiesbaden wohl weniger gut: Dieser habe mitgeteilt, dass es ab sofort keine Pressekarten für den „Opernfreund“ geben würde. Pech für ihn, dass der Rezensent die Karten eh im Vorverkauf erwirbt.

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Allzu freies Storytelling, Der ewige Hendricks, Vossianische Antonomasie

1. „Protagonistin erfunden“: SZ Magazin trennt sich von preisgekröntem Autor – Spiegel und Zeit überprüfen Artikel
(meedia.de, Marvin Schade)
Laut „Meedia“ hat das „SZ Magazin“ einen freien Autor und Kolumnisten beim allzu freien Storytelling erwischt. Eine Verlagssprecherin dazu: „Das Süddeutsche Zeitung Magazin hat eine für den Druck vorgesehene Geschichte eines freien Journalisten nicht veröffentlicht, weil Redaktion und Dokumentation des Magazins feststellen mussten, dass eine die Geschichte tragende Person nicht existiert.“ Man werte dies als „groben Verstoß gegen die journalistischen Standards“ und habe die Zusammenarbeit mit dem Journalisten beendet. Der namentlich ungenannte Journalist hat auch für andere Medien gearbeitet. Dort würden nun alle bisherigen Texte des Autors geprüft.

2. Abtreibungsgegner Yannic Hendricks geht gegen BuzzFeed News in Berufung, weil wir seinen Namen nennen
(buzzfeed.com/de, Juliane Loeffler)
Der Abtreibungsgegner und notorische Ärzte-Anzeiger Yannic Hendricks hat Berufung gegen das Urteil in einem Rechtsstreit mit „BuzzFeed News Deutschland“ eingelegt. Das Düsseldorfer Landgericht hatte im Januar entschieden, dass „BuzzFeed“ den Namen von Yannic Hendricks öffentlich nennen durfte. Yannic Hendricks besteht jedoch anscheinend weiterhin darauf, dass sein Name (Yannic Hendricks) nicht genannt wird.

3. RTL-Gruppe macht Ex-Bild-Frau Tanit Koch zur n-tv-Chefin
(wuv.de, Petra Schwegler)
Tanit Koch leitete zusammen mit Julian Reichelt die „Bild“-Redaktion, bis sie vor einem Jahr plötzlich aus dem Unternehmen ausschied. Von einem verlorenen Machtkampf mit Reichelt war die Rede. Nun wechselt Koch ins RTL/Bertelsmann-Imperium und übernimmt beim Fernsehsender n-tv die Geschäftsführung. Ihre Kernaufgabe laut RTL-Pressemitteilung: „Aufbau einer gemeinsamen, journalistischen Redaktions-Einheit für n-tv, die RTL-News & Magazine sowie die Digital-Plattformen der Mediengruppe RTL unter ihrer Führung als Chefredakteurin“.

4. „Interpretationsspielraum“
(facebook.com, Christian Schilling)
So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein: Die Prozessberichterstattung über die Verurteilung einer Hambacher-Forst-Aktivistin weicht in erheblichem Umfang voneinander ab. Bei der „WAZ“ ist von übereinstimmenden Polizisten-Aussagen die Rede, die „taz“ spricht von offenkundig widersprüchlichen Aussagen. Sogar zum Ende der Gerichtsverhandlung gibt es verschiedene Beobachtungen: Bei der „WAZ“ grinst die Angeklagte nach dem Urteilsspruch, bei der „taz“ hatte sie Tränen in den Augen. Christian Schilling, dem das Ganze aufgefallen ist, kommentiert auf Facebook: „Wie unterschiedlich Ohren doch hören können!“

5. Wenn Journalisten von „starken Frauen“ sprechen
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Wenn Journalisten im Zusammenhang mit der Berlinale von „starken Frauen“ sprechen, hört sich das für viele oberflächliche Zuhörer und Leser vielleicht nach einem freundlichen Lob an, doch Kolumnist Matthias Dell erkennt darin eine große Portion Ignoranz: „Das automatisierte Reden von der „starken Frau“ bezeichnet eine gewisse Denkfaulheit: Es gibt heute mehr Filme als vor 50 Jahren, in denen Frauen nicht nur Dekoration sind. Aber anstatt endlich über diesen Umstand hinwegzukommen und Frauen, das vermeintlich „schwache Geschlecht“, in den Filmen als das zu beschreiben, was sie wirklich sind, macht es sich die Kritik durchs scheinbare Lob einfach: Es geht um „starke Frauen“. Was übrigens auch schön zeigt, dass Frauen sich anstrengen, etwas Besonderes sein müssen, wenn sie das tun wollen, was Männer immer tun dürfen: Hauptrollen spielen.“

6. Complete List of Successfully Extracted VA
(vossanto.weltliteratur.net, Frank Fischer & Robert Jäschke)
Formulierungen wie „der Franz Beckenbauer der Philosophie“ werden in der Wissenschaft auch als „Vossianische Antonomasie“ bezeichnet („Teilweise kam die Figur der Vossianischen Antonomasie schon in der Antike vor. So nannte der Stoiker Panaitios von Rhodos Platon den „Homer der Philosophie“, der römische Kaiser Severus Alexander bezeichnete Vergil als den „Platon der Dichter““, Wikipedia). Die beiden Wissenschaftler Frank Fischer und Robert Jäschke haben in einem frisch veröffentlichten Paper beschrieben, wie sie Vossianische Antonomasie aus 20 Jahren „New York Times“ extrahierten: „Dabei haben wir viel über journalistische Pattern gelernt: Welche bekannten Leute werden benutzt, um unbekanntere Leute zu beschreiben.“ Auch für Nicht-Wissenschaftler ein bemerkenswertes Projekt, das unbedingt einen Besuch wert ist.

Framing-Eigentor, „Digitaler Gangster“ Facebook, Artikel 13

1. Das Eigentor: Wie die ARD rechten Kritikern in die Karten spielte
(haz.de, Imre Grimm)
Dominierendes Thema in der Medien-Berichterstattung ist derzeit das Framing-Gutachten, das die Sprachforscherin Elisabeth Wehling für die ARD angefertigt hat. Imre Grimm kommentiert: „Die Empörung mag überdreht und bigott sein, doch für die ARD ist das „Framing Manual“ ein klassisches Eigentor. Sie wollte ihr Image verbessern — und hat das Gegenteil erreicht.“
Stefan Niggemeier nennt das Ganze auf „Übermedien“ „eine absurde Debatte um ein misslungenes Papier“. Die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab spricht im „Deutschlandfunk“ von einen Denkanstoß für die interne Diskussion: „Es ist kein Geheimpapier, sondern es ist schlicht und ergreifend nicht für die Öffentlichkeit gedacht.“
Detlef Esslinger kritisiert in der „SZ“ die Kritiker, die in Zusammenhang mit dem Gutachten von „Umerziehung“ und „Neusprech“ sprechen: „Mehrere Autoren nutzen die Werkzeuge der Linguistik, um eine Linguistin zu diskreditieren, weil sie der ARD empfiehlt, sich mithilfe ihres Fachs gegen die Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu wehren. Dies ist ebenso raffiniert wie infam.“
Mittlerweile hat die ARD laut „SZ“ auch die Kosten für das von ihr beauftragte „Framing Manual“ offengelegt: Die „Workshop-Unterlage“ (Ulrich Wilhelm, ARD-Vorsitzender) habe in Verbindung mit den veranstalteten Workshops 120.000 Euro gekostet.

2. „Wir überschätzen Desinformation in sozialen Medien maßlos“
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Der „Spiegel“ hat mit dem in Washington lehrenden Politikwissenschaftler und Geheimdienstexperten Thomas Rid über Geheimdienst-Operationen im Netz gesprochen. Sind staatlich gelenkte Desinformationskampagnen in sozialen Medien tatsächlich ernstzunehmende Angriffe auf unsere Demokratie, wie von manchen westlichen Politikern befürchtet? Rid ist gelassen: „Ich bin zumindest absolut sicher, dass wir Desinformation in sozialen Medien maßlos überschätzen. Gerade im Vergleich zu anderen Ansätzen wie dem Hacken von Politikern und der Veröffentlichung ihrer Daten und Dokumente, dem Hacken von Wahlinfrastruktur oder der Finanzierung von rechtsextremen Parteien.“
Weiterer Lesehinweis: Link 3, der zumindest in Großbritannien anderes befürchten lässt.

3. Massive Rechtsverstöße
(deutschlandfunk.de, Tobias Armbrüster & Mirjam Kid, Audio: 5:38 Minuten)
Welche Rolle spielte Facebook bei Desinformationskampagnen und Wahlbeeinflussung in Großbritannien, und welche Auswirkungen hatten diese beispielsweise auf das Brexit-Referendum? Britische Parlamentarier haben sich mit den Praktiken von Facebook beschäftigt und einen dramatischen Abschlussbericht vorgelegt: Das Unternehmen habe vorsätzlich und wissentlich gegen Datenschutz- und Wettbewerbsrecht verstoßen. Originalzitat: „Unternehmen wie Facebook, die sich selbst vor und über dem Gesetz sehen, sollte es nicht erlaubt werden, sich wie ‚digitale Gangster‘ in der Online-Welt aufzuführen“.

4. Uploadfilter waren gestern
(internet-law.de, Thomas Stadler)
IT-Anwalt Thomas Stadler hat sich den umstrittenen Artikel 13 der Richtlinie über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt näher angeschaut. Die neue Sprachregelung erfordere nicht nur die Einführung der viel diskutierten Uploadfilter, sondern verpflichte Plattformbetreiber, beim Rechteinhaber eine Lizenz zu erwerben: „Anbieter von User-Generated-Content Plattformen wie YouTube, nach meiner Einschätzung aber auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter, werden damit also so behandelt, als würden sie die urheberrechtlichen Nutzungshandlungen ihrer User selbst vornehmen, weshalb sie auch originär dafür verantwortlich wären, sich selbst beim Rechteinhaber eine urheberrechtliche Gestattung (Lizenz) zu besorgen.“

5. TÜV für Glaubwürdigkeit?
(sueddeutsche.de, Jakob Maurer)
Das amerikanische Start-Up „NewsGuard“ beurteilt die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Online-Medien. Ein Ampelsystem soll dem Nutzer im Browser die Vertrauenswürdigkeit von bislang 4500 englischsprachigen Nachrichtenseiten anzeigen. Finanzieren will man sich über die Plattformen und Suchmaschinen, die das Tool in ihr Interface aufnehmen. Mit Microsoft habe man sich bereits zu einer Kooperation verabredet: „NewsGuard“ soll Teil des auf Windows-System vorinstallierten Webbrowsers Edge werden. Ob das Ganze zielführend ist, wird kontrovers diskutiert. So ist der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller skeptisch und sieht die Gefahr, dass „der Schuss nach hinten losgehen kann“.

6. Lührssen will Spitzenkandidat der Bürger in Wut werden
(weser-kurier.de, Kornelia Hattermann)
Nachdem der Fernsehjournalist Hinrich Lührssen damit gescheitert ist, sich als Spitzenkandidat der Bremer AfD aufstellen zu lassen, hat er die Partei verlassen. Lührssen will nun Karriere bei einer anderen Partei machen, den — Achtung, Realsatire — „Bürgern in Wut“.

Facebook schließt „In the Now“, Im Reichsbürger-Visier, Entlassungswelle

1. Facebook schließt die Seiten von Russlands heimlicher Medienzentrale
(t-online.de, Lars Wienand & Jan-Henrik Wiebe)
Facebook hat mehrere Seiten geschlossen, die von Russlands heimlicher Medienzentrale in Berlin aus gesteuert wurden. Darunter der erfolgreiche Kanal „In the Now“, der zuletzt rund vier Millionen Fans auf Facebook hatte. Die Begründung sei offenbar, dass in den Profilen die Verbindungen zum russischen Staat verschleiert worden sei.
Weiterer Lesehinweis zum Hintergrund: Mitten in Berlin: Russlands heimliche Medienzentrale in Europa (t-online.de, Jan-Henrik Wiebe).

2. 2018 gingen in den USA über 15.000 Medien-Jobs verloren
(wuv.de, Franz Scheele)
Laut der Analyse einer amerikanischen Outplacement-Firma wurden in der amerikanischen Medienbranche (Fernsehen, Radio, Zeitungen, Zeitschriften, Publishing allgemein und Kino) vergangenes Jahr mehr als 15.000 Arbeitsplätze abgebaut. Wesentlicher Grund dafür seien die um Werbeerlöse konkurrierenden Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon sowie die zunehmende Nutzung von Werbeblockern. Paywalls als zusätzliche Einnahmequelle hätten die Verluste nicht abfedern können. 2019 scheint nicht besser zu werden: Das „Reuters Institute“ rechne für 2019 mit der „größten Entlassungswelle für Journalisten seit Jahren“.

3. „Sie müssen sich für Ihre Taten verantworten“
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
„Tagesspiegel“-Reporter Sebastian Leber ist ins Visier von Reichsbürgern geraten und sieht sich zahlreichen Angriffen und Beschimpfungen ausgesetzt: „In den vergangenen Tagen habe ich versucht, einige der Nachrichten zu beantworten. Es hat sich bestätigt, was ich schon bei früheren Gesprächsversuchen erleben musste — als mir ein Verschwörungstheoretiker etwa weismachen wollte, die Erde werde im Geheimen von Satanisten beherrscht, aber auch von Juden, aber auch von Außerirdischen, aber auch von Chinesen, aber auch von Illuminaten. In hellen Momenten war der Mann bereit zuzugeben, dass vermutlich nicht alle Theorien gleichzeitig stimmen konnten. Doch er zog daraus keine Konsequenzen, er hatte schließlich jede einzelne Theorie im Internet gelesen, sie stimmten also.“

4. DJV kritisiert Vorgaben für Fotografen
(taz.de, Frederik Schindler)
Bildjournalisten könnten es bei Veranstaltungen der katholischen Kirche bald schwerer haben: Laut Deutschem Journalisten-Verband (DJV) versuche die katholische Kirche derzeit, Fotojournalisten vorzuschreiben, in welcher Weise bei kirchlichen Veranstaltungen fotografiert oder gefilmt werden darf. In einem der „taz“ vorliegenden Vorstandsbeschluss fordere der DJV die katholische Kirche in Deutschland auf, „die Arbeit von Bildjournalistinnen und Bildjournalisten nach den bewährten Grundsätzen des Presse- und Fotorechts ohne weitere Einschränkungen zu gewährleisten“.

5. Wie Google und Amazon die Wikipedia gefährden
(sueddeutsche.de, Adrian Lobe)
Wikipedia kassiert Millionen Euro Spenden von Plattformen wie Google und Amazon, die jedoch auch massiv von den kostenlos zur Verfügung gestellten Daten profitieren. So bezieht Amazons Sprachassistentin Alexa ihre Informationen unter anderem aus Wikipedia. Adrian Lobe stellt die Frage, „ob die Datenverarbeitung mit den angesichts der Milliardenumsätze der Tech-Konzerne eher mickrigen Spenden abgegolten ist — und wie die kommerzielle Nutzung mit dem Commons-Gedanken der Wikipedia vereinbar ist. Die Idee des Gemeinguts beruht ja gerade auf der Nichtexklusivität, auf der nicht kommerziellen Nutzung von Inhalten. Werden die freiwilligen Autoren und Helfer ausgebeutet, wenn sich gewinnorientierte Konzerne an dem Wissensschatz wie an einem Steinbruch bedienen?“

6. Studie: YouTube verantwortlich für Verbreitung von Flat-Earth-Bewegung
(heise.de, Tilman Wittenhorst)
Ja, es gibt sie tatsächlich: Menschen, die an die Flat-Earth-Theorie glauben, wonach die Erde, nun ja, flach ist. Jetzt hat eine Studie herausgefunden, dass die meisten der befragten Plattheitsverfechter erst durch Youtube auf die Theorie gestoßen seien. Flacherdler, die es laut einem bekannten Bonmot, anscheinend rund um die Welt gibt.

Geleaktes ARD-Gutachten, Social-Bot-Panikmache, Sachsens Polizei

1. Wir veröffentlichen das Framing-Gutachten der ARD
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Für viel Aufregung sorgte in den letzten Tagen das von der ARD bei der Sprachforscherin Elisabeth Wehling in Auftrag gegebene „Framing Manual“. Ziel der Schrift: die Vorzüge des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks durch Erkenntnisse der Framing-Theorie besser zu kommunizieren. Netzpolitik.org ist an das eigentlich nur für den internen Gebrauch gedachte Gutachten gelangt und veröffentlicht es (PDF), damit sich alle Beitragszahlende aus der Originalquelle informieren und an der Debatte informierter teilhaben können. Mittlerweile hat die ARD mit einer „Klarstellung“ reagiert: Es handelt sich ausdrücklich weder um eine neue Kommunikationsstrategie noch um eine Sprach- oder gar Handlungsanweisung an die Mitarbeitenden, sondern um Vorschläge aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Es ist eine Unterlage, die Teilnehmenden ARD-interner Workshops im Vorfeld als Diskussionsgrundlage und Denkanstoß zur Verfügung gestellt wird. Die Aufregung um dieses Papier funktioniert nur, wenn man diesen Kontext nicht kennt oder ignoriert. Auch deswegen ist die Unterlage von Frau Dr. Wehling zur Weitergabe völlig ungeeignet.“

2. Am lustigsten sind alte Männer
(sueddeutsche.de, Gianna Niewel)
Moritz Hürtgen hat vor einiger Zeit eine Bachelorarbeit über Robert Gernhardt und Thomas Gsella verfasst, der eine war „Titanic“-Gründer, der andere Chefredakteur. Nun ist Hürtgen selbst „Titanic“-Chef („Außer mir wollte es niemand machen“) und entwickelt mit dem „Titanic“-Team Ideen. Was nicht so lustig ist, wie es sich vielleicht viele vorstellen: „Es ist nicht so, dass wir hier die ganze Zeit lachen. Ein guter Witz ist Handwerk.“

3. Panikmache der Medien
(faz.net, Oliver Weber)
Immer wieder wird in Medien über sogenannte „Social Bots“ berichtet. Dabei handelt es sich um Computerprogramme, die darauf programmiert sein sollen, Debatten zu beeinflussen. Nun hat sich eine Forschergruppe damit beschäftigt, inwieweit Bots Stimmungen in sozialen Medien beeinflussen können, und dazu eine Simulation modelliert. Leider wurden die Ergebnisse der „rein hypothetischen Simulationsstudie“ von einigen Redaktionen gründlich missverstanden: „Dass die Untersuchung aus Duisburg theoretischer Natur ist, hätte eigentlich jedem auffallen können. Ist es aber nicht. Es scheint, als ähnele die Debatte zum Thema „Desinformation“ mittlerweile ihrem Gegenstand.“

4. Vorwürfe auf Twitter: Hat Sachsens Polizei wieder in die Pressefreiheit eingegriffen?
(haz.de)
Wieder einmal steht Sachsens Polizei in der Kritik: In Dresden soll es am Freitagabend bei einem rechten Aufmarsch sowie einer Gegendemonstration zu Behinderungen von Journalisten gekommen sein, so die Kritik von Vertretern der Opposition im sächsischen Landtag. Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Valentin Lippmann, sagt: „Es gibt eine Vielzahl von Berichten und Videos in den Sozialen Netzwerken über erneute gravierende Behinderungen der freien Medienberichterstattung durch Maßnahmen der Polizei“.
Weiterer Lesetipp: Demo-Berichterstattung #dd1502: Polizisten behindern Journalisten( flurfunk-dresden.de, Peter Stawowy).

5. Am Gesetz vorbeigeguckt
(zeit.de, Manuel Heckel)
Man könnte annehmen, dass mit Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon Prime, Maxdome, Sky und Co. das Angebot von illegaler Stream-Ware abnehmen würde, doch dem ist nicht so. Ein Grund: Die Nutzer der illegalen Streams könnten sich immer noch relativ sicher fühlen, so Manuel Heckel in seiner Analyse.

6. Liederkranz erteilt WZ-Redakteurin Hausverbot
(wormser-zeitung.de, Johannes Götzen)
Eine Medien-Posse der etwas anderen Art erreicht uns aus Worms: Dort hat der „Liederkranz“ einer Redakteurin der „Wormser Zeitung“ Hausverbot erteilt und ihr untersagt, künftig über Veranstaltungen des Vereins zu berichten. Ihre „ausgesprochen wohlwollende, nahezu ausschließlich positive Darstellung des Geschehens“ (Zitat „Wormser Zeitung“) war dem „Liederkranz“ anscheinend nicht wohlwollend und positiv genug … Wer sich für das, nun ja, aufregende Geschehen um die „Zuckerschnude“, die rassige Spanierin Kirsten, die zuckersüßen Minihoppers und Engel „Biggi“ interessiert: Hier geht es zum beanstandeten Artikel.

Auf die Straße gegen Uploadfilter!, Thüringer Rückzug, Ängstliche AfD-JA

1. Uploadfilter: Jetzt hilft nur noch Protest auf der Straße
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
In wenigen Wochen stimmt das Europaparlament über die Einführung von verpflichtenden Uploadfiltern und damit über eine automatisierte Inhaltskontrolle ab. Markus Reuters eindringlicher Appell: „Mit den Uploadfiltern wird Europa eine Technik einführen, die schnell in eine Kontroll- und Zensurinfrastruktur umzubauen ist. Noch können wir dieses gefährliche Projekt stoppen. Hashtags und Petitionen sind ganz nett. Aber um Uploadfilter noch zu verhindern, braucht es mehr: Verbündet Euch und geht für Demokratie und freie Gesellschaft auf die Straße.“
Weiterer Lesetipp: Aufbruch ins unfreie Internet (zeit.de, Lisa Hegemann).

2. AfD-Jugendorganisation verweigert taz Akkreditierung
(blogs.taz.de)
Am Wochenende findet in Magdeburg der Bundeskongress der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative statt. Während andere Medien dort zugelassen sind, verweigert die JA der „taz“ die Akkreditierung. Der Organisation würden anscheinend die Kommentare der zuständigen „taz“-Korrespondentin nicht gefallen.
Weitere Lesetipps: Sabine am Ordes „taz“-Kommentar Überwachung allein reicht nicht („Der Verfassungsschutz macht die AfD als Ganze zum Prüffall in Sachen Rechtsextremismus. Ein wichtiger Schritt, aber kein Grund zum Aufatmen.“) und ihr Beitrag Mitgliederschwund beim AfD-Nachwuchs: Exodus bei der Jungen Alternative.

3. Der Kampf um Bayern
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Vor der Landtagswahl in Bayern hat es nach Angaben des britischen Institute for Strategic Dialogue massive Kampagnen von Rechtsextremen in sozialen Medien gegeben. Dabei setzten die Rechts-Aktivisten Strategien aus Handbüchern um, bei denen es um hetzerische Bildmontagen, Troll-Aktionen und das Verwenden von Fake-Accounts geht. Insgesamt erkennten die Forscher bei den Manipulationsversuchen im Wahlkampf eine wachsende internationale Vernetzung von Rechtsradikalen.

4. Immer mehr Schikanen gegen Korrespondenten
(deutschlandfunk.de, Steffen Wurzel, Audio: 5:16 Minuten)
Ständige Kontrollen, intensive Beschattungen, Schikanen und Repressionen: Für ausländische Reporter wird es in China immer schwieriger. Der Pekinger Auslandskorrespondenten-Club hat für seinen neuen Jahresbericht etwa einhundert ausländische Medienvertreter in China befragt. Mehr als die Hälfte habe angegeben, dass sich die Arbeitsbedingungen in China 2018 verschlechtert hätten. Neun von zehn der befragten Auslandskorrespondenten würden davon ausgehen, dass ihre Smartphones angezapft werden. Außerdem werde es immer schwieriger, an Gesprächspartner zu kommen.

5. Bloggen wieder cool: «Medium» is the message
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Zwischen Amazon-Chef Jeff Bezos und dem amerikanischen Boulevardblatt „National Enquirer“ läuft eine heftige Fehde. Die Hintergründe dazu lesen sich wie ein Netflix-Plot (Erpressungsversuch gegen Amazon-Chef: Trumps Feind ist unser Feind, taz.de, Jürn Kruse). Bezos verfasste eine Art offenen Brief an den „Enquirer“-Verlagschef David Pecker, den er auf der Blogging-Plattform Medium publizierte. Für Adrian Lobe ein Anlass, sich mit der zuletzt etwas angeschlagenen Plattform zu beschäftigen.

6. Rückzug auf Raten
(faz.net, Stefan Locke)
Die Funke-Mediengruppe besitzt in Thüringen mit der „Thüringer Allgemeine“, der „Thüringischen Landeszeitung“ und der „Ostthüringer Zeitung“ quasi ein Monopol. Nun hat der Konzern mit einer zunächst harmlos wirkenden Pressemitteilung für Aufregung gesorgt: „Für die Thüringer Titel werden Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann.“ Werde dieser Plan umgesetzt, könne dies das Ende der Papierzeitung bedeuten, so die Befürchtung. Damit wäre Thüringen das erste Bundesland, in dem keine gedruckte Tageszeitung mehr erschiene.
Dazu entfernt passend ein weiterer Lesetipp: Deutschlands größter Buchgroßhändler ist insolvent — über die Pleite des 185 Jahre alten Traditionshauses KNV, das mit 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Buchhandel mit Ware versorgt hat.

Update: Ein BILDblog-Leser merkt an: „Hr. Locke irrt, wenn er meint, dass nach dem möglichen Print-Rückzug von Funke keine Tageszeitung mehr in Thüringen erscheinen würde – immerhin gibt es noch das „Freie Wort“ aus Suhl mit lt. Wikipedia rund 60.000er-Auflage (inkl. „Meiniger Tageblatt“) und die „Südthüringer Zeitung“ mit 11.000er-Auflage. Lustig ist der Fehler Lockes natürlich vor dem Hintergrund des Zitats von Sergej Lochthofen: „Aber in Essen haben sie keine Vorstellung davon, wie die Orte in Thüringen heißen, wer die Leser überhaupt sind und was die hier so machen. Thüringen ist offensichtlich unwichtig.“ In Dresden offenbar genauso wenig…“

Lungenarzt mit Rechenschwäche, Klatsche für AfD-Mann, Unfreies Netz

1. Lungenarzt mit Rechenschwäche
(taz.de, Malte Kreuzfeldt)
Dieter Köhler hat mit seiner von circa 100 Lungenärzten unterschriebenen Stellungnahme (PDF) viel (Fein)Staub aufgewirbelt: Quasi im Vorbeigehen stellte er den gesamten Forschungsstand zur Schädlichkeit von Luftschadstoffen in Frage, ohne jemals wissenschaftlich zum Thema publiziert zu haben. Malte Kreuzfeldt hat für die „taz“ die Berechnungen nachvollzogen und festgestellt, dass der Professor nicht nur unter einer gewaltigen Hybris, sondern auch unter gewaltiger Rechenschwäche leidet: „Als Anteil von NO2 an NOx beim Zigarettenrauch nennt Köhler zunächst 10 Prozent — damit wäre das Ergebnis insgesamt um den Faktor 1.000 verkehrt. In einer späteren Mail revidierte der Lungenarzt die Angabe wieder, nannte nun — ohne klare Quellenangabe — einen Bereich von 10 bis 50 Prozent; das Ergebnis seiner Rechnung wäre dann entsprechend um den Faktor 200 bis 1.000 verkehrt.“ Es wird spannend, wie die beiden Lieblinge der Automobilindustrie („Bild“ und Verkehrsminister Scheuer) reagieren werden, die sich die Behauptungen Köhlers begierig zu eigen gemacht hatten.

2. „Ein Sieg für die Pressefreiheit“
(deutschlandfunk.de, Anke Petermann)
Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat entschieden: Die Wochenzeitung „Kontext“ darf über die rassistischen und rechtsextremen Chats eines Mitarbeiters zweier AfD-Landtagsabgeordneter berichten. Der Eilantrag des früheren NPD-Mitglieds hatte keinen Erfolg. „Kontext“-Autorin Anna Hunger habe sich nach der Entscheidung die Tränen der Erleichterung aus dem Gesicht gewischt.
Hier die offizielle Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Karlsruhe von gestern.

3. Dieser Kompromiss gefährdet das freie Netz
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Die geplante EU-Urheberrechtsreform sorgt überall für Entsetzen. Der Einsatz von Upload-Filtern, den die Große Koalition noch als unverhältnismäßig bezeichnet hatte, gefährde das freie Netz und könne zu einer fehleranfälligen und grundrechtswidrigen Vorzensur führen. Simon Hurtz kommentiert: „Dieser Kompromiss hilft fast niemandem weiter, lasst uns von vorn anfangen. Diesen Mut sollte das EU-Parlament haben. Die Abgeordneten sind die einzigen, die eine misslungene Reform noch stoppen können.“
Weiterer Lesetipp: Auf „Spiegel Online“ fragt Sascha Lobo: Wollt ihr Europa zerstören? — und man merkt ihm dabei sein ernstes Entsetzen und seine Empörung an.

4. Apple fordert die Hälfte der Erlöse von Medien
(faz.net)
Apple arbeitet angeblich an einem Portal mit Artikeln verschiedenster amerikanischer Zeitungen, einer Art „Netflix für News“. Laut „Wall Street Journal“ verlange Apple eine 50-prozentige Provision, was bei den Verlegern auf heftigen Widerstand stoße. Zumal Apple die E-Mail-Adressen und Kreditkartennummern der Abonnenten für sich behalten wolle.

5. Betrug mit dem Journalistenausweis
(zeit.de, Henrik Merker)
Henrik Merker hat einer spannenden Geschichte hinterher recherchiert: Ein von drei Menschen aufgebautes Netzwerk verscherbele seit mehr als 15 Jahren selbstgemachte Presseausweise im Netz. Der Schwindel mit den Fantasiepapieren wirke sich auch politisch aus: „Auf Demonstrationen und Veranstaltungen fallen Rechtsextreme mit Ausweisen der Organisationen DVPJ und GNS. auf. Sie geben sich als Journalistinnen aus, fotografieren und provozieren politische Gegner und werden von überforderten Polizisten an Absperrungen vorbeigelassen. So bewegten sich Rechtsextreme in Chemnitz mit den Ausweisen an Polizeiabsperrungen vorbei. Der Neonazi Sven L. aus Halle kam mit einem Presseausweis von GNS auf die Leipziger Buchmesse“.

6. Das sind die reichweitenstärksten Influencer bei Tik Tok – in Deutschland und weltweit
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Wenn man sich die Top 5 der weltweit am häufigsten heruntergeladenen Apps anschaut, ist man zunächst nicht überrascht: Facebook, der Messenger von Facebook, WhatsApp, Instagram … doch an Platz vier steht ein Stück Software, das viele noch nicht auf dem Zettel haben: die Social-Video-App Tik Tok. Roland Eisenbrand hat für „OMR“ recherchiert, wer die reichweitenstärksten internationalen sowie deutschsprachigen Influencer auf Tik Tok sind, und zeigt, wie und gemeinsam mit wem diese ihre Reichweiten monetarisieren.

Rechter Siff, Queer in den Medien, „Framing Manual“ der ARD

1. Warum „linksgrün versifft“?
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
„Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski denkt über die Besonderheiten rechter Sprache nach, in der Formulierungen wie „links-/rotgrün versifft“ auftauchen. Derlei Begriffe seien in einem historischen Kontext zu sehen, wobei nicht jeder Verwender derartiger Vokabeln durch und durch ein Faschist sei: „Aber wenn man schon genau sein will, dann muss man auch sehen, dass heute Begriffe in die Alltagssprache sehr vieler Menschen übergegangen sind, die direkt aus dem Faschismus kommen und bei denen sich eine klare Linie zu Hitler ziehen lässt, die offensichtlicher ist, als viele sich wohl wünschen würden, die heimlich immer noch auf einen Führer warten, der sie an die Hand nimmt.“

2. Eine Frage der Ressourcen
(taz.de, Wilfried Urbe)
Gleich vier Kinder-Fernsehprogramme buhlen um die Gunst der jungen Zuschauer, doch die Angebote werden von Kritikern bemängelt, vor allem hinsichtlich Qualität und Vielfalt. Medienexpertin Gudrun Sommer kritisiert: „Es wird vorrangig ein bestimmter Ausschnitt der Gesellschaft gezeigt, Hauptschüler*innen beispielsweise kommen, wenn überhaupt, nur problematisiert vor. Die Vielfalt junger Lebenswelten, jenseits von Berlin oder Köln, und jenseits der herkömmlichen Geschlechterstereotypen findet sich höchstens marginalisiert im Kinderfernsehen wieder.“

3. Wenn der Druck zu groß wird
(de.ejo-online.eu, Alice Antheaume)
Französischen Journalistinnen und Journalisten, die über die Gelbwesten-Bewegung berichten, scheint es derzeit so zu gehen wie ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen in der Hochblüte der „Pegida“-Versammlungen: Die Feindlichkeit ist teilweise so heftig, dass sie die Logos ihrer Medienhäuser auf ihren Mikrofonen verstecken. Gleichzeitig soll mit knappem Personal möglichst rund um die Uhr berichtet werden. Ein Druck, der seinen Tribut fordert.
Weiterer Lesetipp: Bei den Gelbwesten haben die traditionellen Medien einen schlechten Ruf. Ihr Held ist ein junger Live-Reporter (nzz.ch, Nina Belz).

4. Queer in den Medien: Homosexualität ist keine Privatsache und Stonewall war keine Online-Petition!
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Etwa 150 Medienschaffende haben die „Queer Media Society“ gegründet, unter anderem, um die Präsenz der LGBTI-Community in den Medien zu verbessern. Johannes Kram spricht in seiner Eröffnungsrede über die Wahrnehmung in Medien und Unterhaltungsindustrie und über die damit verbundenen Widersprüche und Dilemmata: „Wir wollen endlich als ganz normale Charaktere sichtbar sein, die nicht vor allem ihr Anderssein zur Schau stellen. Einerseits. Denn andererseits haben wir darum gekämpft, endlich anders sein und auch stattfinden zu dürfen! Wir wollen endlich, dass Homo- oder Transsexualität nicht immer nur als Problem, sondern als Normalität gezeigt wird. Einerseits. Denn andererseits wollen wir, dass endlich unsere Opfergeschichten angemessen gezeigt werden. Wir wollen, dass es egal ist, ob eine Figur LGBTI ist. Anderseits wollen wir zeigen, dass, und wo es eben nicht egal ist. Wir wollen keine Klischees, keine Stereotypen mehr sein. Aber andererseits sind viele dieser Stereotype auch ikonenhafte Ergebnisse und auch Erfolge von Queer Culture! Wir wollen, dass es nicht immer um Sex geht. Andererseits haben wir auch dafür gekämpft, dass wir keine bürgerlichen, aseptischen Homos mehr sein müssen!“
Weiterer Lesetipp: „Queer Media Society“ gegründet: Für mehr Diversität in den Medien (tagesspiegel.de, Tilmann Warnecke).

5. „Framing Manual“ der ARD sorgt für Diskussionen
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Sprachforscherin und Framing-Expertin Elisabeth Wehling hat im Auftrag der ARD ein Gutachten erstellt, wie man mit sprachlichen Mitteln den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in ein besseres Licht rücken kann. Das ruft Kritiker auf den Plan, die von Manipulation sprechen.
Weiterer Lesetipp: Wofür braucht die ARD denn ein „Framing Manual“? Generalsekretärin Susanne Pfab über den viel diskutierten Sprach-Leitfaden (meedia.de, Stefan Winterbauer).

6. Klick durchs Museum
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Beim Fernsehsender ZDFkultur soll heute eine virtuelle Kunsthalle eröffnet werden mit Werken, die der Öffentlichkeit sonst nicht zugänglich sind. Aber auch sonst tut sich viel bei dem Spartensender, der einen Relaunch mit 15 Eigenproduktionen und interaktiven Tools hinlegt. Siehe dazu auch: Comeback im Digitalen: Das kann das neue ZDFkultur (dwdl.de, Timo Niemeier) und die dazugehörige Formatübersicht.

Uneinsichtig, Abgeblitzter Markwort, Frankreichs Facebook-Frauenhasser

1. „Erzähltes muss natürlich stimmen“
(taz.de, Markus Kowalski)
Michael Haller leitet das Europäische Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung und ist der Verfasser mehrerer Standardwerke des Journalismus, darunter auch der Lehrbuchklassiker „Die Reportage“ (siehe dazu auch Stefan Niggemeiers wichtigen Text auf „Übermedien“: Die Reportage: Manipulationen nach Lehrbuch). Die „taz“ hat mit Haller anlässlich des Falls Relotius (beziehungsweise des Falls „Spiegel“) über das Reportageformat gesprochen: Was ist zulässig, was nicht? Haller versteht angeblich gut, „wenn man hier heute strenger denkt“. Angeblich, weil es an anderer Stelle des Interviews scheint, als ob diese Einsicht nicht vollständig bei ihm angekommen ist: „Und ich vermute, manche Redaktion wird jetzt ihren Reportern ganz pingelig vorschreiben: Wenn der Satz nicht in dieser Situation von dieser Person so gesagt wurde, musst du ihn weglassen.“

2. Wie Fake News und alternative Medien die Unabhängigkeit der Branche bedrohen
(ard-wien.de, Vera Gasber, Video: 4:30 Minuten)
Das ARD-Studio Wien hat mit der Autorin Ingrid Brodnig (unter anderem „Hass im Netz“) über die zunehmende Wut bestimmter Personengruppen auf Journalisten und Journalistinnen gesprochen und darüber, wie man ihr begegnen kann: „Wie eine Gesellschaft mit ihren Journalisten umgeht, ist ein guter Gradmesser, wie gesund eine Gesellschaft ist. Und ich würde sagen in den letzten Jahren ist es schlechter geworden.“

3. Lokaljournalismus mit Herz und Relevanz
(journalist-magazin.de, Hannah Suppa)
Im Medienmagazin „journalist“ kommt Hannah Suppa zu Wort, Chefredakteurin der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ („MAZ“), der größten Tageszeitung in Brandenburg. Suppa hat sieben lesens- und bedenkenswerte Thesen für den Lokaljournalismus der Zukunft entwickelt, der das Digitale nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung sieht: „Nicht das Digitale ist schuld an der Erosion des Geschäftsmodells. Im Gegenteil: Es serviert uns die Lösung auf dem Silbertablett. Digitales Denken führt uns im Journalismus näher zum Leser zurück — und gibt uns die Chance, mit ihm noch einmal neu zu starten.“
Lesetipp am Rande: Was im Lokaljournalismus schiefgehen kann, zeigt Fastnachtsfiasko in der MAZ — Ein offener Brief (stuecken.de).

4. BR-Rundfunkrat lehnt Helmut Markwort ab
(t-online.de)
Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks hat den ehemaligen „Focus“-Chef und jetzigen FDP-Abgeordneten Helmut Markwort wegen möglicher Interessenkonflikte abgelehnt. Grund seien Markworts Beteiligungen an und seine geschäftlichen Aktivitäten bei privaten Radiosendern. Markworts Polterantwort: „Der Bayerische Rundfunk will sich seine Kontrolleure selbst aussuchen“.

5. Das Sterben der Netzsendungen
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Dennis Horn beklagt das Sterben der Netzsendungen. In letzter Zeit hat es bekannte Formate wie „Trackback“ und das „Chaosradio“ (beide Radio Fritz/rbb) erwischt, zu früheren Zeiten Sendungen wie den „WDR Computerclub“, das 3sat-Magazin „neues“ oder den „Elektrischen Reporter“ bei ZDFinfo. Horn kommentiert: „Ich halte das für ein Problem: Mit diesen Sendungen und Formaten stirbt auch die Tiefe, die digitale Themen brauchen. Schließlich hat die digitale Welt weitreichende Folgen für unseren Alltag, für Gesellschaft, Politik und Recht. Es geht um Themen, die uns alle betreffen und die übrigens immer wieder zu denen gehören, die vom Publikum am erregtesten diskutiert werden. Netzthemen sind keine Nerdthemen.“

6. „Ligue du LOL“ – Facebook-Club für Frauenhass
(spiegel.de, Sonja Peteranderl)
Ein erschütternder Fall von Onlinemobbing hat sich in Frankreich ereignet. Dort haben sich Männer in einer Facebook-Gruppe zusammengerottet und digitale Attacken vor allem gegen Frauen koordiniert. Zu den organisierten Frauenbelästigern gehörten unter anderem Journalisten, Werber, Grafikdesigner und Informatiker.

Tichys Taktik, Giffey im Visier, Tipps zum Umgang mit Rechtspopulisten

1. Kein Kampf: Roland Tichy macht sich zum Opfer
(uebermedien.de. Stefan Niggemeier)
Der Publizist Roland Tichy („Tichys Einblick“) ist von der Mediengruppe Madsack abgemahnt worden. Nach Informationen von „Übermedien“ sei das Unternehmen im Kern gegen zwei Tatsachenbehauptungen Tichys vorgegangen: Dass die SPD bestimme, was in den Zeitungen der Gruppe stehe, und dass es sich bei den Madsack-Medien um „SPD-Medien“ handele. Daraufhin löschte Tichy den Artikel und inszenierte sich in einem neuen Beitrag als unschuldiges Zensur-Opfer. Eine Strategie, die Stefan Niggemeier mit deutlichen Worten kritisiert: „Tichys ursprünglicher Artikel war ein übles Machwerk, aber seine Reaktion auf die Abmahnung ist besonders perfide. Er wird wissen, warum er eine juristische Auseinandersetzung scheut: Er müsste all seine forschen und extrem aggressiv formulierten Behauptungen von der Parteipropaganda belegen, die die SPD zentral gesteuert über Medien wie das RND verbreite.“

2. Ein Verdacht ist schnell in der Luft
(faz.net, Jochen Zenthöfer)
Jochen Zenthöfer kritisiert die Berichterstattung des „Spiegel“ über die Plagiatsvorwürfe gegen Familienministerin Franziska Giffey. Diese sei laut „Spiegel“ wegen ihrer politikwissenschaftlichen Dissertation ins „Visier der Plagiatsjäger“ geraten. Zenthöfer kommentiert: „Ehrlicher müsste man wohl sagen: Giffey ist ins Visier des „Spiegel“ geraten, der nicht abwarten konnte, bis die Plagiatsprüfung zuerst zu Ende geführt wird.“

3. Gutachten: Macht den Journalismus gemeinnützig!
(netzwerkrecherche.org, Thomas Schnedler)
Ein im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung erstelltes Gutachten empfiehlt, den Journalismus steuerrechtlich als gemeinnützig anzuerkennen. Kommt die vorgeschlagene Gesetzesänderung zur Umsetzung, schaffe dies auch Rechtssicherheit. Bislang mussten journalistische Institutionen wie die „Kontext:Wochenzeitung“, das Recherchezentrum „Correctiv“ oder das Online-Magazin „MedWatch“ Umwege bemühen, um von den Finanzbehörden als gemeinnützig anerkannt zu werden. Was die Umsetzung auf Bundesebene anbelangt, geben sich die Gutachter optimistisch: „Das politische Klima der 19. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages scheint für eine Gesetzgebungsinitiative günstig.“

4. 5 Empfehlungen zum Umgang mit Rechtspopulisten in der Berichterstattung (und Talkshows)
(neuemedienmacher.de)
Der Umgang mit rechtspopulistischen Parteien ist für Medienschaffende nicht einfach. Die „Neuen deutschen Medienmacher*innen“ haben daher eine Handreichung mit fünf Empfehlungen ausgearbeitet.

5. Wissenschaftler wollen Merkels Facebook-Seite für Nachwelt erhalten
(spiegel.de)
Angela Merkel hat sich von Facebook verabschiedet und ihre Seite mit immerhin 2,5 Millionen Likes abschalten lassen, was von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kritisch gesehen wird. So fordert der Bibliotheksjurist Eric Steinhauer, dass die Seite zumindest sichtbar im Netz hätte bleiben müssen: „Jedermann sollte noch auf das Konto zugreifen können.“

6. Trumps Feind ist unser Feind
(taz.de, Jürn Kruse)
Amazon-Chef Jeff Bezos wirft dem „National Enquirer“ Erpressung vor. Es sei ihm per Mail mit der Veröffentlichung von privaten Nachrichten und intimen Fotos gedroht worden, die er anscheinend mit seiner neuen Lebensgefährtin ausgetauscht hatte. Die Hintergründe dazu lesen sich wie der Plot zu einer neuen Netflix-Serie.

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