Archiv für 6 vor 9

Wie aus dem „Pegida“-Handbuch, Bombenticker, Bushido fliegt raus

1. „Eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Wie erst kürzlich bekannt wurde (siehe dazu auch unsere „6 vor 9“ von gestern), stellt der MDR die Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Uwe Steimle ein. „Ich wurde entfernt, das ist eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades!“, habe Steimle der Website „Tag24“ gesagt. Ein Satz wie aus dem kleinen „Pegida“-Handbuch des Wutbürgers, denn natürlich verbietet keiner Steimle, seiner Tätigkeit nachzugehen. Nur der MDR will nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten.

2. Follower kaufen: Wir haben unseren Bürohund zum Influencer gemacht
(vice.com, Sebastian Meineck & Theresa Locker)
Die „Vice“-Redaktion hat ein Experiment angestellt: Wie kann man Bürohund Henri zum (Fake-)Influencer auf Instagram machen? Wie viel Zeit ist dafür nötig, wie lässt sich am besten schummeln, und wo bekommt man die meisten Follower für sein Geld? Das Ganze ist nicht nur ein lustiger Versuch, sondern sagt viel aus über die in großen Teilen manipulierte und künstliche Instagram-Welt.

3. „Investigative Geschichten sind überlebenswichtig“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Ulrike Bremm hat sich für den „Fachjournalist“ mit dem Chefredakteur des Medienmagazins „Wirtschaftsjournalist“, Wolfgang Messner, unterhalten. In dem Interview geht es unter anderem um das journalistische Anforderungsprofil, konkrete Tipps für junge Kolleginnen und Kollegen und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus im Allgemeinen. Messners Prognose für Deutschland: „Ein neues Wirtschaftsmagazin wird es zumindest im Printbereich nicht mehr geben. Aber wir werden im Internet viel neuen starken und kämpferischen Journalismus und auch Wirtschaftsjournalismus erleben.“

4. Bushido fliegt bei Youtube raus
(faz.net)
Auf Veranlassung der Medienanstalt von Hamburg und Schleswig-Holstein hat Youtube einige Bushido-Videos für deutsche Nutzerinnen und Nutzer gesperrt. Hintergrund: Bushidos Album „Sonny Black“ stehe in Deutschland wegen Frauen- und Schwulenfeindlichkeit sowie Gewaltverherrlichung auf dem Index. Dies sei erstmals 2015 festgestellt und Ende Oktober 2019 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden.

5. Bombenticker hinter Paywall: LVZ-Chefredakteur reagiert auf Shitstorm
(flurfunk-dresden.de, Peter Stawowy)
Da mit Werbung im Internet immer weniger Geld zu verdienen ist, stellen viele Medien Paywalls auf, so auch die „Leipziger Volkszeitung“ („LVZ“). Dafür wird auch jeder Verständnis haben, doch wie sieht es bei lebenswichtigen Informationen für die Allgemeinheit aus? Sollten diese Informationen frei zugänglich sein? Über diese Fragen wurde und wird heftig gestritten. Der konkrete Anlass: Ein „LVZ“-Liveticker zu einer Bombenentschärfung im Leipziger Norden, der nur mit kostenpflichtigem Abonnement zu lesen war.

6. Nichts war erfolgreicher als „Die Zerstörung der CDU“
(spiegel.de)
Zum Ende des Jahres veröffentlichen viele große Plattformen ihre Jahrescharts. Bei Youtube Deutschland wird die Hitliste erwartungsgemäß von Rezo und seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ angeführt. Neun der Top-Ten-Videos hierzulande kämen laut Youtube aus Deutschland oder hätten einen lokalen Bezug.

MDR trennt sich von Steimle, Löscht den Mist, Post-Relotius-Reporterpreis

1. Mitteldeutscher Rundfunk trennt sich von Uwe Steimle
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) trennt sich von seinem Kabarettisten, „Heimatforscher“ und „Störenfried“ Uwe Steimle. Dieser war die vergangenen Jahre immer wieder durch fragwürdige Äußerungen aufgefallen und hatte zudem die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frage gestellt. In seinem Kommentar kritisiert Joachim Huber auch den MDR und fragt, warum der Sender Steimles Treiben so lange tatenlos zugesehen habe: „Offensichtlich verstand sich die ARD-Anstalt bei Uwe Steimle als Besserungsanstalt und den Programmauftrag als Erziehungsauftrag. Das ist schiefgegangen, genährt wurde Steimles Opferhaltung, aktuell befördert wird die gängige Haltung, man dürfe seine Meinung in diesem Land nicht mehr sagen.“
Weiterer Lesehinweis: Auf „Übermedien“ wurde die Causa Steimle schon Mitte vergangenen Jahres thematisiert: Uwe Steimle und das verspätete Ende der Akzeptanz beim MDR (uebermedien.de, Philipp Greigenstein). 
Und auch bei „Zapp“ waren Steimle und dessen fremdenfeindliche Geschichten bereits Thema: Grenzen der Satire? Der MDR und Uwe Steimle (ndr.de, Nadja Mitzkat, Video: 6:09 Minuten).

2. Auf in die nächste Dekade!
(detektor.fm, Christian Bollert)
Lange bevor der Podcast-Hype einsetzte, war bereits der Sender detektor.fm mit seinem starken Fokus auf Podcasts am Start. Nun feiert das detektor-Team sein zehnjähriges Bestehen mit einer Renovierung der Website und neuen Produktionen. Außerdem wurde das Redaktionsteam um zwei erfahrene Köpfe erweitert.

3. Der Post-Relotius-Reporterpreis
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 4:17 Minuten)
Samira El Ouassil hat einen Blick auf die mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichneten Texte geworfen und ist im Großen und Ganzen zufrieden: „Diese und die anderen Gewinnertexte klingen in ihrer Schnörkellosigkeit geradezu wie Gegenentwürfe zu den prämierten Texten der Vorjahre. Sie machen genau die Fehler nicht, die zu Beginn des Jahres moniert wurden — aber das Wichtigste: kein Text klingt so als sei er nur geschrieben worden, um einen Reporterpreis zu gewinnen.“

4. Springer-Chef als Zeuge geladen
(taz.de, Kersten Augustin & Yossi Bartal)
Israels Generalstaatsanwalt hat Anklage gegen Premierminister Benjamin Netanjahu erhoben. Einer der Vorwürfe: Korruption. In der 63-seitigen Anklageschrift taucht auch der Axel-Springer-Verlag auf. Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner soll sogar als Zeuge nach Israel geladen werden. Kersten Augustin und Yossi Bartal erklären den verwickelten, aber spannenden Wirtschaftskrimi.

5. Rücken „Berliner Morgenpost“ und „Tagesspiegel“ zusammen?
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der Berliner Zeitungsmarkt kommt nicht zur Ruhe. Nach DuMonts Verkauf des Berliner Verlags samt „Berliner Zeitung“ an das Ehepaar Friedrich, stehen jetzt eventuell neue Veränderungen an. Es wird spekuliert, ob die „Berliner Morgenpost“ (Funke-Gruppe) und der „Tagesspiegel“ (Holtzbrinck) enger zusammenrücken.

6. Tiktok, tiktok, die Uhr ist abgelaufen. Löscht den Mist.
(t3n.de, Enno Park)
Nachdem bekannt wurde, dass die Social-Video-App TikTok Content von Menschen mit Behinderung in der Sichtbarkeit reduziert beziehungsweise versteckt, ist für Enno Park endgültig Schluss mit der App: „In dunklen Zeiten wurden behinderte Menschen schamvoll von ihren Familien versteckt. Noch heute verbannt die Gesellschaft sie in versteckte Pflegeeinrichtungen und Werkstätten am Stadtrand. Und nun werden sie auch in der schönen neuen Tiktok-Welt aussortiert und unsichtbar gemacht. Da bleibt als Fazit nur: Tiktok ist menschenfeindlicher Dreck. Löscht eure Accounts, werft die App von euren Telefonen und erklärt euren Kindern, was Tiktok macht.“
Weiterer Lesehinweis: Warum TikTok im Azubimarketing und Recruiting tabu sein sollte (personalmarketing2null.de, Henner Knabenreich).

Narrativ der Kulturverdrängung, Falsch gekachelt, Aufkleber

1. Narrativ der Desinformation: Migration verdrängt deutsche Traditionen
(correctiv.org, Cristina Helberg)
Seit Jahren erzählen rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker, Blogger und Websites immer dasselbe Märchen von den bösen Andersgläubigen, die uns angeblich unserer christlichen Traditionen berauben. Es ist das „Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz“. Cristina Helberg zählt einige Beispiele auf und hat zum Schluss eine schöne Pointe aus dem „AfD-Werbemittelshop“ parat.

2. Was ist Rundfunk?
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Der veraltete Rundfunkstaatsvertrag mit seinem Fokus auf die traditionellen Medien soll demnächst durch einen Medienstaatsvertrag ersetzt werden, der auch die neuen Medien im Visier hat. Benedikt Frank erklärt in einer Art FAQ, was das für Produzenten und Publikum bedeutet.

3. Mit Unwahrheiten für die „Wahrheit“ kämpfen: Die falschen Zahlen der AfD
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die AfD provozierte unlängst mit einem „Aussteigerprogramm für Mainstreamjournalisten“. Beworben wurde die Aktion unter anderem mit einer Social-Media-Kachel mit vermeintlichen Zuschauer- und Marktanteilen. Stefan Niggemeier hat nachgerechnet und befindet: Es sei „schwer, die vielen verschiedenen Ebenen von Falschheit, die sich hier aufs Falscheste miteinander verbinden, überhaupt zu würdigen.“

4. Fast alle Schweizer Medien liefern freiwillig Daten an Facebook
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl & Matthias Eberl)
Ungeachtet der vielen Kontroversen lassen fast alle Schweizer Medienunternehmen ihre Leser und Leserinnen von Facebook tracken, so die Beobachtung von Benjamin von Wyl und Matthias Eberl. Das ist besonders interessant im Zusammenhang mit der sogenannten Login-Allianz einiger Schweizer Medien, denn: „Ein konsequentes Abschirmen gegen Facebook wäre das beste Argument für die Registrierung bei der Login-Allianz gewesen.“

5. Phoenix: Anti-Rassismus-Aufkleber waren „unangebracht“
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Als Phoenix am vergangenen Wochenende vom AfD-Bundesparteitag berichtete, kam eine Gerätebox eines Dienstleisters zum Einsatz, die mit politischen Parolen und Anti-Rassismus-Sprüchen beklebt war. Die Leitung des technischen Dienstleisters habe sich im Nachhinein davon distanziert, weil damit die gebotene Neutralität verletzt worden sei. Auch Phoenix nahm dazu Stellung: Private Meinungsäußerungen seien an einem professionellen Fernseh-Set „unangebracht“ und „sollten unterbleiben“.

6. Spotify-Charts: Post Malone ist der Streamingkönig des Jahres
(rnd.de)
Zum Ende des Jahres verrät Streaminganbieter Spotify, was 2019 weltweit am meisten gehört wurde. Auf den ersten fünf Plätzen liegen der US-Rapper Post Malone (mehr als 6,5 Milliarden Streams), die Newcomerin Billie Eilish sowie Ariana Grande, Ed Sheeran und Bad Bunny. In Deutschland führt Capital Bra die Charts an. Bemerkenswert ist die Hitliste der weltweit am meisten gehörten Spotify-Podcasts. Dort stehen gleich zwei deutsche Produktionen in den Top 5: „Gemischtes Hack“ von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht sowie „Fest & Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Apokalyptische Writer, TikToks Obergrenze, Taub für falsche Töne

1. Apokalyptische Writer
(uebermedien.de, Samira El Ouassil)
Samira El Ouassil kommentiert auf „Übermedien“ den Weltuntergangs-Alarmismus vieler Medien angesichts des SPD-Mitgliederentscheids: „Der seltsam passiv-aggressive Sound der Stücke ist um keinen defätistischen Superlativ verlegen und klingt stellenweise, als sei man eingeschnappt darüber, dass die Wahl anders ausging, als vorhergesagt; kompensatorisch musste sie ins Katastropheske hinabgeschrieben werden.“ (Dass der Text nicht, wie vorgesehen, hinter die Paywall gepackt wurde, ist übrigens der Vergesslichkeit eines der „Übermedien“-Verantwortlichen zu verdanken.)

2. TikToks Obergrenze für Behinderungen
(netzpolitik.org, Chris Köver & Markus Reuter)
netzpolitik.org hat die Moderationsregeln des aus China stammenden Sozialen Videonetzwerks TikTok eingesehen und dabei allerlei besorgniserregende Besonderheiten festgestellt (Teil 1, Teil 2). Im aktuellen Beitrag geht es um den Umgang mit „Bildern von Subjekten, die hochgradig verwundbar für Cyberbullying sind“ wegen ihrer „physischen oder mentalen Verfassung“. Der Versuch, Mobbing zu bekämpfen, habe bei TikTok bedeutet, dass man Videos von Menschen mit Behinderungen, aber auch Videos von queeren und dicken Nutzern und Nutzerinnen weniger oft angezeigt beziehungsweise sie „versteckt“ habe.

3. „Wilde Kerle“, zahme Zahlen: Warum Sparer Kai Diekmanns „Zukunftsfonds“ links liegen lassen
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Mehr als 20 Milliarden Euro wollten Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und sein Geschäftspartner für ihren „Zukunftsfonds“ einsammeln. Nach zwei Jahren sind es gerade mal 12 Millionen geworden. Eines von Diekmanns weiteren Projekten ist das Online-Finanzmagazin „Zaster“, das unabhängig vom „Zukunftsfonds“ sein soll, es aber irgendwie doch nicht so ganz zu sein scheint.

4. Reporter entlassen
(buzzfeed.com/de, Pascale Müller)
Wie „BuzzFeed News“ berichtet, habe der Berliner „Tagesspiegel“ einem Reporter gekündigt, dem mehrere Frauen vorgeworfen hatten, sie bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt zu haben. Der Reporter soll über Jahre hinweg seine Stellung gegenüber Praktikantinnen, Volontärinnen und freien Journalistinnen ausgenutzt haben. Zum Hintergrund siehe auch: Ein Reporter des „Tagesspiegel“ soll Kolleginnen bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt haben (buzzfeed.com, Pascale Müller).

5. Wir fragen die Parteimitgliedschaft nicht ab.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre von „Planet Interview“ hat sich am Rand der ARD-Pressekonferenz mit dem ARD-Rundfunkratsvorsitzenden Lorenz Wolf unterhalten und ihn in bewährter Hartnäckigkeit dazu befragt, was es mit den Parteibüchern in den Rundfunkräten auf sich hat. Buhre hat dazu auch eine Liste erstellt (PDF), die zeigt, von welchen Mitgliedern des Rundfunkrats die Sender NDR und BR die Parteimitgliedschaft transparent machen und von welchen nicht.

6. Taub für die falschen Töne
(faz.net, Harald Staun)
„FAZ“-Redakteur Harald Staun hat sich die für den Reporterpreis nominierten Arbeiten angesehen, den ersten Reporterpreis der Post-Relotius-Ära. Staun will gar nicht glauben, „wie taub die Jury immer noch für die falschen Töne ist, die sich schon von Ferne anhören wie das Detailgeklingel, welches Claas Relotius so perfekt beherrschte, bis in die Satzmelodie hinein“. Mittlerweile wurde der Reporterpreis vergeben, unter anderem an den „lautesten Text dieses Jahres“.

Bestechungsvorwürfe, Job-Angst bei Springer, Kunst des Interviews

1. Bestechung beim Rundfunk Berlin-Brandenburg?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber & Kurt Sagatz)
Nach einem von „Bild“ thematisierten Bericht des Brandenburger Landesrechnungshofs soll es bei der Fernsehproduktionsgesellschaft Dokfilm Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Das Unternehmen, im Besitz von RBB und NDR, soll regelmäßig Redakteure öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Restaurants bewirtet und mit Geschenken bedacht haben. Der RBB habe Korruptionsvorwürfe gegen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgewiesen. Es handele sich zwar um teilweise erhebliche Abrechnungsmängel, die aus diesen Mängeln konstruierten Korruptionsvorwürfe seien jedoch abwegig.

2. Die Kunst des Interviews
(faz.net, Timo Frasch)
Die „FAZ“ veröffentlicht eine gekürzte Fassung der Einleitung zu Timo Fraschs Interviewband „Sie stellen mir Fragen, die ich mir nie gestellt habe“. Die Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil einem unter Umständen der naive Glaube genommen wird, ein veröffentlichtes Interview entspräche stets dem tatsächlichen Gesprächsverlauf: „Die Dramaturgie eines Gesprächs kann man nachträglich noch ganz gut gestalten — bestimmte Kniffe sollte man sich sogar für die Bearbeitungsphase aufheben. Eine provokante Frage zum Auftakt mag sich im gedruckten Interview gut machen, es empfiehlt sich aber nicht, im tatsächlichen Gespräch damit einzusteigen. Man will die Leute ja nicht gleich vor den Kopf stoßen.“

3. Ein Gespräch mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister
(medienkorrespondenz.de, René Martens)
René Martens hat sich mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt. Es geht unter anderem um die Krise des öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus. Hachmeisters ernüchterndes Fazit: „Was fehlt, sind Fachwissen, Souveränität, handwerkliche Fähigkeiten im Interview — wobei die Schwächen bei der ARD noch etwas stärker ausgeprägt sind als beim ZDF. Man würde sich da lieber irgendwelche Live-Kanäle ohne Kommentar anschauen, wo die Politiker direkt etwas in die Kamera sagen, als diesen Statisten, die Pseudo-Fragen stellen, noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Man hat das Gefühl, die Berichterstattung besteht zum einen aus Zahlensalat und zum anderen aus hilflosen Interviewern. An solchen Wahlabenden wird deutlich: Dem öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus würde nur ein härtestes Weiterbildungsprogramm weiterhelfen. Doch ich fürchte, im real existierenden System ist es dafür wohl zu spät.“

4. Axel Springer: Die „Bild“ vom Betriebsrat
(clap-club.de, Daniel Häuser)
„Clap“ („Das People-Magazin der Kommunikationsbranche“) veröffentlicht Fotos einer offenbar vom Axel-Springer-Betriebsrat initiierten Sonderausgabe der „Bild“-Zeitung, in der es um die „Job-Angst bei Springer“ und die bevorstehenden Umstrukturierungen geht. Der Betriebsrat wird darin mit den Worten zitiert: „Die Stimmung bei Springer war noch nie so schlecht.“

5. „Ey, Ihr verarscht uns“ – Interview mit Rezo aus dem Film „Die Notregierung“
(youtube.com, dbate, Video: 11:04 Minuten)
Heute Abend strahlt das Erste die Doku „Die Notregierung – Ungeliebte Koalition“ (SWR, NDR, RBB) von Autor Stephan Lamby aus. Auf Youtube gibt es bereits Auszüge daraus zu sehen, wie zum Beispiel das hier verlinkte Interview mit Rezo, der sich unter anderem zur oft unverständlichen Sprache von Politikerinnen und Politikern sowie deren Umgang mit den Medien äußert.

6. Sehnsucht nach Nähe
(taz.de, Martin Krauss)
Mit der Tennisspielerin Andrea Petkovic wechselt eine weitere Berufssportlerin in den Sportjournalismus: Petkovic führte am Sonntag erstmals als Moderatorin durch die „Sportreportage“ des ZDF. Martin Krauss kommentiert: „Es fällt bei den Sendeanstalten gar nicht mehr auf, dass große Kenntnis von einem Gegenstand, egal ob Sport oder Wirtschaft, nicht einhergehen muss (und im Journalismus nicht einhergehen darf) mit Abhängigkeit davon. Dass Andrea Petkovic viel vom Sport im Allgemeinen und noch mehr vom Tennis im Besonderen versteht, ist ja unstrittig. Aber ist jemand, dessen Karriere gerade ausklingt und der folglich noch Gegenstand der Berichterstattung ist, automatisch qualifiziert, die Seite zu wechseln?“

7. Mario Barth und die Heiligen Drei Burger-Könige
(uebermedien.de, Lorenz Meyer)
Als zusätzlicher Link, weil unter Mitwirkung des „6 vor 9“-Kurators: Auf „Übermedien“ gibt es einen Adventskalender mit 24 neuen Versionen der Weihnachtsgeschichte! Tag für Tag aus der wechselnden Sicht von bekannten Medienpersönlichkeiten. Gestern gab es einen fiktiven Auftritt von Mario Barth („Pass uff! Waaahre Jeschichte! Waaaahre Jeschichte!!! Kennste Kaiser Aujustus? Kennste??“). Heute twittert uns „heute Journal“-Moderator Claus Kleber die Weihnachtsgeschichte, bei der er live zugegen war. Für Kleber eine „Lifetime-Experience“ mit „goosebumps“.

Troll vom Tegernsee, Doktorspiele der Sexologin, Politkrimi um Assange

1. NDR erstattet Strafanzeige
(tagesschau.de, John Goetz & Antonius Kempmann & Elena Kuch & Reiko Pinkert & Martin Kaul)
Wie sich herausstellt, wurde der WikiLeaks-Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London umfangreich und systematisch ausgespäht und abgehört. Mit im Visier: Alle seine Kontakte, Besucherinnen und Besucher, zu denen auch deutsche Journalisten gehörten. Unter den mutmaßlich betroffenen Journalisten sollen sich auch drei Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks befinden. Der NDR hat deshalb Strafanzeige erstattet. Nach Lektüre des Beitrags fühlt man sich an einen Politkrimi erinnert.

2. So links ist das Publikum von „Tagesschau“ und „heute“ wirklich
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Bedient der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland tatsächlich bevorzugt ein linkes Publikum, wie in zahlreichen Medien unter Bezug auf eine Studie zu lesen war? Nein, sagt Medienjournalist Stefan Niggemeier. Es handele sich um eine Fehlannahme, die wahrscheinlich auf die Fehlinterpretation einer Grafik zurück zu führen sei.

3. Der Troll vom Tegernsee
(taz.de, Juri Sternburg)
Juri Sternburg beschäftigt sich mit der Vorgehensweise des „Welt“-Kolumnisten und „barocken Landschaftsgärtners der rechten Ideologien“ Don Alphonso. Aufschlussreich sei auch das Verhalten des „Welt“-Chefs Ulf Poschardt, der bei Deutschlandfunk Kultur die Alphonso-Kritiker in einem Atemzug mit Despoten und faschistoiden Hetzern genannt habe. Sternburg kommentiert: „Deutschland und Springer 2019 bedeutet eben immer noch: Wer Hetzer kritisiert, wird selbst zu einem gemacht. Wer rechte Menschenfeinde bekämpfen möchte, dem werden die angeblich gleichen Methoden vorgeworfen. Und wer sich in seinem Blatt einen Rainer Meyer leistet, um vermeintlich die Meinungsfreiheit zu schützen, der ist mitverantwortlich für die für viele offenbar immer noch unvorstellbaren Auswüchse dieser Politik.“

4. Sportressort dicht, Textkorrektur automatisiert: Wie Springer die „Welt“-Gruppe weiter umbaut
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Konzern steht vor einer gewaltigen Schrumpfungskur, zumindest im Bereich „News Media National“. Dort sollen 50 Millionen Euro eingespart werden. Allein der „Welt“-Gruppe werden voraussichtlich rund fünf Millionen Euro entzogen, was erhebliche Auswirkungen für Blatt und Onlineauftritt haben dürfte: Manche Ressorts werden zur Kostensenkung zusammengelegt, manche, wie das Sportressort, ganz dichtgemacht. Und bei der Textkorrektur soll zukünftig nur noch auf Maschinenintelligenz gesetzt werden.

5. Nach Kritik: Twitter ändert Pläne, Accounts zu löschen
(heise.de, Eva-Maria Weiß)
Als Twitter unlängst ankündigte, inaktive Konten löschen und anderweitig vergeben zu wollen, regte sich vielfältiger Protest. Eine besonders häufig geäußerte Kritik betraf das damit einhergehende Verschwinden der Konten von Verstorbenen. Nun wolle Twitter seine Pläne ändern.

6. Die Sexologin und ihr Doktorspielchen
(infosperber.ch, Beni Frenkel)
Die bekannteste Sexpsychologin der Schweiz Dania Schiftan ist mit ihren Sextipps als gefragte Inhaltelieferantin in Zeitungen, Radio und Fernsehen anzutreffen. Sie schmückt sich mit einem Doktortitel, den sie an der „American Academy of Clinical Sexology“ erworben habe. Beni Frenkel hat sich das Institut genauer angeschaut: „An dieser Universität im sonnigen Florida dauert der Doktortitel nicht so lange, sondern nur 60 Semesterstunden. Durchschnittlich findet an der Uni nur an zwei Tagen im Monat Vorlesungen statt. Jedes Jahr finden fast immer die genau gleichen Vorträge statt. Wie umfangreich eine Doktorarbeit sein muss, sucht man auf der Homepage der Uni vergeblich, dafür eine skurril anmutende Bedingung: «Die Buchstaben auf Buchdeckel- und -rücken müssen in Gold sein.»“

ZDF kippt AfD-Beitrag, Prekärer Journalismus, Aufregung um Geste

1. ZDF nimmt Beitrag über AfD-Spitzenpolitiker aus dem Programm
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Das ZDF-Magazin „Frontal 21“ wollte am Dienstagabend einen der potenziellen Nachfolger von AfD-Chef Alexander Gauland porträtieren: den sächsischen AfD-Politiker Tino Chrupalla. Dieser habe den Kreisverband Görlitz „wie eine Sekte geführt“, Kritiker seien „mundtot gemacht“ worden. Chrupalla habe versucht, per Unterlassungsverfügung die Ausstrahlung des Beitrags zu verhindern. Das ZDF habe diese zwar nicht unterzeichnet, jedoch den Beitrag (vorerst) zurückgezogen.
Weiterer Lesetipp: Das ZDF hat mit einer offiziellen Stellungnahme reagiert: „Richtig ist, dass das ZDF einen Online-Text zurückgezogen und sich verpflichtet hat, eine Stellungnahme von Tino Chrupalla abzuwarten und ggf. zu berücksichtigen, also ohne Abschluss der Recherchen die Ankündigung nicht mehr zu publizieren. Die Recherchen laufen noch, dementsprechend ist eine Berichterstattung weiter möglich. In seiner gestrigen Ausgabe hat Frontal 21 einen Beitrag zur AfD und umstrittenen Spenden veröffentlicht. Spekulationen, die AfD oder Tino Chrupalla hätten eine Berichterstattung des ZDF verhindert, sind falsch.“

2. Aufregung um Geste von Storchs
(tagesschau.de, Patrick Gensing)
Während einer Bundestagsdebatte machte die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch eine wütende Handbewegung, die von vielen als Kopf-ab-Geste gewertet wurde. So einfach ist es jedoch nicht, wie ARD-„Faktenfinder“ Patrick Gensing nach Ansicht der kompletten Aufzeichnung herausgefunden hat.

3. Ich wollt’s eigentlich nicht. Aber ich muss: Über Geld und Journalismus reden.
(twitter.com, Tobias Hausdorf)
Tobias Hausdorf besucht mit 15 weiteren angehenden Journalisten und Journalistinnen die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Derzeit seien alle auf ihren Praxisstationen im öffentlich-rechtlichen Radio. Hausdorf hat sich bei seinen Mitschülern und Mitschülerinnen umgehört, wie viele ein Entgelt bekommen: „Joa, so 11 von 16 bekommen nichts. Also 0€ für drei Monate Praktikum. Von den 11 bekommen 3 nach einigen Wochen etwas, weil sie bei dann bei einem anderen Sender hospitieren. Und für alle von uns, für 16 von 16 Leuten ist das nicht das erste Praktikum. Bei mir ist es das achte.“ Ein lesenswerter Thread, der deutlich macht, wie kaputt das System der Journalistenausbildung ist.

4. Twitter löscht inaktive Konten und gibt Namen wieder frei
(heise.de, Eva-Maria Weiß)
Twitter will eine große Aufräumaktion starten und ab dem 11. Dezember inaktive Konten löschen. Die freigewordenen Accountnamen könnten dann wieder von anderen genutzt werden. Die Aktion mag bei all den Konten in Ordnung gehen, die tatsächlich nie genutzt wurden, weil es zum Beispiel nur darum ging, sich einen Namen zur späteren Nutzung zu sichern oder ihn dauerhaft zu blockieren. Doch der Löschaktion werden voraussichtlich viele Konten von Verstorbenen zum Opfer fallen, und dies berührt das schwierige Thema „digitaler Nachlass“.

5. Ein anderes Internet schien möglich
(netzpolitik.org, Anne Roth)
Vor 20 Jahren wurde die Indymedia-Plattform gelauncht, ein internationales globalisierungskritisches Non-Profit-Netzwerk von Medienaktivistinnen und -aktivisten. Anne Roth erzählt von der Geschichte der Bewegung und ihrem ersten Kontakt im Jahr 2000, von den Blütezeiten der Plattform bis hin zum heutigen Tag.

6. „Ich war Reporter und kein Clown“
(spiegel.de, Alex Raack)
Alex Raack hat sich mit der Sportjournalisten-Legende Marcel Reif über dessen Kindheit, die Anfänge im Sportjournalismus, die berühmt gewordene Doppelmoderation mit Günther Jauch und die erste Begegnung mit Franz Beckenbauer unterhalten. Und ihn gefragt, warum er vor drei Jahren seine Karriere beendet hat: „Nicht nur deshalb, aber auch, nachdem vor dem Derby Dortmund gegen Schalke ein Mob mein Auto eingekreist und hin- und hergerüttelt hatte. Auf dem Beifahrersitz saß meine Frau und hatte die nackte Angst in den Augen. Da habe ich mir gesagt: Vielleicht ist es besser, wenn du aufhörst. Das wollte ich mir nicht antun.“

Größter Superlativ aller Zeiten, Dons dunkelbraune Anzüge, Hakenkreuz

1. ’ne Nummer kleiner?
(taz.de, Simon Sales Prado)
Beim Einbruch im Grünen Gewölbe in Dresden soll es sich laut „Bild“ um den „größten Kunstraub aller Zeiten“ gehandelt haben. Die „taz“ hat einen Blick in die jüngere deutsche Geschichte geworfen und erinnert an historische Fälle von Kunstdiebstahl ganz anderer Dimensionen.

2. Manchmal waren seine Anzüge dunkelbraun
(neues-deutschland.de, Harald Nicolas Stazol)
Ein ehemaliger Mitschüler des „Welt“-Kolumnisten Don Alphonso alias Rainer Meyer erzählt von seinen Erlebnissen mit dem damals noch jungen Meyer: „Er war eine Klasse über mir und er hasste mich. Er sammelte schlechte Lithographien und hielt sich für einen Snob. Doch bayerische Snobs gibt es nicht. Da fuhr er, ein breitschädeliger Fast-Abiturient, in schlecht sitzenden Anzügen auf seinem Rennrad an mir vorbei und beleidigte mich, weil ich eben ein weltoffener, sexuell experimentierender Dandy bin. Wenn jemand jedes mal, wenn er an mir vorüberradelt, »Schwule Sau!« schreit, hat er möglicherweise ein Problem mit sich selbst.“

3. Bernhard Pörksen: Warum Journalismus notwendiger ist denn je
(gea.de, Christoph Fischer)
Der „Reutlinger Generalanzeiger“ hat mit Bernhard Pörksen gesprochen, der als einer der führenden Medienwissenschaftler gilt. In dem Interview geht es um den Medienwandel und die Suche nach einem Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter: „Worüber zu diskutieren wäre: politikferne Stiftungen zur Zeitungsfinanzierung, wie dies einmal der Philosoph Jürgen Habermas angeregt hat. Und was unbedingt zu erhalten ist: ein kritischer, unabhängig recherchierender Journalismus — gerade in Zeiten von Fake-News und der Aufrüstung der PR-Industrie. Noch einmal: Unabhängiger Journalismus ist systemrelevant, zumindest in einer Demokratie.“

4. Zeit der Rituale
(sueddeutsche.de, Carolin Werthmann)
Immer mehr Kinder wenden sich vom linearen Fernsehprogramm ab, doch es gibt Ausnahmen: Trotz Smartphones und Tablets in den Kinderzimmern, erfreut sich der Fernsehsender Kika nach wie vor großer Beliebtheit. Carolin Werthmann vermutet, dass dies auch an der generationenübergreifenden Kontinuität von Inhalten, Figuren und Gesichtern liegen könnte: „Das hat etwas Behagliches, schürt ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Obwohl die Welt sich wandelt, bleibt die Welt der Kindheit vermeintlich unberührt – zumindest aus Sicht der Eltern. Denn die sind es, die sich an die eigenen Sesamstraßen-Sitzungen zu erinnern beginnen. Daran, wie sie, damals selbst Kind, belustigt aufquiekten, wenn das Krümelmonster seine Kekse verputzte.“

5. Räumung im Hambacher Forst: Innenministerium wollte Polizeidaten mit RWE teilen
(fragdenstaat.de, Johannes Filter)
„FragDenStaat“ ist im Besitz von Dokumenten zur Causa „Hambacher Forst“, die zweifelhafte Absprachen zwischen dem nordrhein-westfälischen Innenministerium und dem Energieversorger RWE belegen. Dahinter steckt kein Whistleblower, sondern überaus hartnäckiges Pochen auf die Einhaltung des Informationsfreiheitsgesetzes. Der konkrete Fall ist überaus interessant und verfolgenswert. Und er kann Journalisten und Journalistinnen Mut machen, bei der Recherche ähnliche Wege zu beschreiten.

6. Bundeswehr postet Hakenkreuz-Uniform auf Instagram
(spiegel.de, Matthias Gebauer)
Die Bundeswehr veröffentlichte auf ihrem offiziellen Instagram-Account ein Bild einer Wehrmachtsuniform samt Hakenkreuz und dem geschmacklosen Kommentar „Auch #Mode ist ein Aspekt. Bis heute halten sich militärische Stilelemente in der #HauteCouture“. Als die „Bild“-Redaktion, der das Foto als erstes aufgefallen war, beim Verteidigungsministerium nachfragte, löschte die Bundeswehr kommentarlos den Post.

Absetzungs-Petition, Antiziganismus, Deutsche-Sprache-Vereinsmeier

1. Landwirte fordern Absetzung von Journalistin
(deutschlandfunk.de, Tobias Krone, Audio: 17:03 Minuten)
Einige bayerische Landwirtinnen und Landwirte fordern in einer Petition die Absetzung einer Journalistin des BR. Ihnen gefiel nicht, dass in einem Bericht über eine Bauern-Demo auch eine Kritikerin zu Wort kam. Mehr als 5.000 Personen haben den Aufruf unterschrieben. Der Bauernverband zähle nicht zu den Unterzeichnern, habe jedoch im Rundfunkrat des BR gegen den Beitrag Beschwerde eingelegt.

2. Antiziganismus bei Sat.1
(taz.de, Dinah Riese)
Die „Spiegel TV“-Reportage „Roma: Ein Volk zwischen Armut und Angeberei“ (Sat.1) wurde nach ihrer Ausstrahlung von vielen als antiziganistisch kritisiert. Besonders der Zentralrat der Sinti und Roma zeigte sich erschüttert: Der Beitrag habe unter Sinti und Roma in Deutschland große Ängste ausgelöst. Nun hat der Politologe Hajo Funke die Sendung für ein Gutachten untersucht. Sein Urteil: Der Film „widerspricht allen journalistischen Kriterien von Fairness, Ausgewogenheit und Aufklärung.“ Er sei geeignet, „diejenige Gruppe, die mit den schärfsten und gröbsten Vorurteilen belegt ist, noch einmal mit Vorurteilen, Abwertung und Demütigung zu versehen“, so Funke. Der Film erfülle „alle Kriterien der Volksverhetzung“, und es solle geprüft werden, ob ein Verbot der Weiterverbreitung möglich sei. Der Sender habe die Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen.

3. „Schmach über jeden Deutschen, der seine heilige Muttersprache schändet!“
(spiegel.de, Katja Iken)
Im Allgemeinen Deutschen Sprachverein organisierten sich 1885 einige Sprachpuristen, die sich dort für die „Reinheit“ der deutschen Sprache einsetzten. Katja Iken erinnert an den Verein, der 1930 knapp 500 Zweigvereine mit rund 50.000 Mitgliedern unterhielt und sich gegen die „Durchseuchung“, „Versumpfung“ und „Unterjochung“ des Deutschen durch Fremdwörter einsetzte.

4. Impeachment-Podcasts
(notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
In den USA boomen derzeit die Impeachment-Podcasts, in denen es um die mögliche Amtsenthebung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geht. Torsten Kleinz hat sich durch das Angebot gehört, von CNN bis zu „Buzzfeed“.

5. Nur Fakten können wahr oder falsch sein
(tagesspiegel.de, Karola Wille)
Die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks Karola Wille hat in einem Gastbeitrag über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschrieben. Dort geht es unter anderem um die Notwendigkeit, unbequeme Meinungen aushalten zu können, sie aber auch einzuordnen. „In einer Zeit, in der Populisten ein Recht auf eigene Fakten beanspruchen, gilt es mehr denn je das Fundament demokratischer Gesellschaften, die gemeinsame Faktenbasis, zu sichern. Wenn Rechtspopulisten ein politischer Faktor sind, müssen sie, je nach Relevanz ihrer Themen, journalistisch eingeordnet werden. Unwahrheiten müssen durch sorgfältigste journalistische Vorbereitung korrigiert und konsequent richtig gestellt werden, rassistische und diskriminierende Äußerungen sind klar als solche zu benennen.“

6. Riesen-Panne überschattet die International Emmys
(rnd.de)
Bei der Verleihung der International Emmys, Ableger des großen US-Branchenpreises, kam es zu einer Panne: Ein Laudator hatte einen falschen Umschlag dabei und gab vorzeitig den Gewinner des Preises für die „Beste Dramaserie“ bekannt. Ab dem Moment war den Machern der der ZDF-Reihe „Bad Banks“ klar, dass sie nicht gewinnen werden.

TikToks gute Laune und Zensur, „Mini-mini-Episode“, Borat vs. Mark

1. Gute Laune und Zensur
(netzpolitik.org, Markus Reuter & Chris Köver)
Die Videosharing-Plattform TikTok wächst rasant und wurde bereits über eine Milliarde Mal heruntergeladen. Was von den chinesischen Betreibern gern gesehen wird, sind vor allem lustige, kreative und harmlose Filmchen. Kritische und politische Inhalte hätten es nach Aussagen vieler Kritiker weitaus schwerer. Netzplitik.org hat mit einem TikTok-Insider gesprochen und einen Einblick in die internen Moderationsregeln gewinnen können, die teilweise Zensurregeln gleichen. Auch Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen habe das chinesische Unternehmen bereits kritisiert. TikTok sei Teil der Medienstrategie Pekings, seine totalitäre Vision handzahmer, gelenkter Medien auch international durchzusetzen.

2. „Spiegel“-Gesichts­unterricht mit Angela Merkel
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Dirk Kurbjuweit ist preisgekrönter Journalist und Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegel“ und beherrscht die Kunst, das Nichts in viele Worte zu kleiden. Das hat er jedenfalls eindrucksvoll bewiesen, als er am Freitag den CDU-Parteitag „aus der Perspektive der Kanzlerin“ beschrieb und dabei mit Beobachtungen punktete wie „Als Handy-Nutzerin bevorzugt Merkel einen Winkel von 45 Grad“ sowie mit fragwürdigen Interpretationen ihres Mienenspiels. Medienkritiker Stefan Niggemeier kommentiert: „Diesen Luxus können sich nicht mehr viele Medien leisten: Einen leitenden Mitarbeiter einen ganzen Parteitag-Tag dafür abstellen, jede Gesichts-Regung und vor allem alle Gesichts-Nicht-Regungen im Gesicht der Kanzlerin zu notieren, um daraus schließen zu können, dass man daraus nichts schließen kann.“

3. Warum der Datenhunger der politischen Parteien weiter wachsen wird
(medienwoche.ch, André Haller)
Wahlkämpfe wandern verstärkt in die reichweitenstarken Social-Media-Plattformen wie Facebook. Zu verlockend sind die riesigen Datenbestände und die vielfältigen Möglichkeiten der gezielten Wähleransprache („Microtargeting“). André Haller beschreibt Entwicklungen und Status quo in den USA und in Europa. Dass es in Europa noch nicht so social-media-aggressiv zugehe wie in den USA, liege am strengeren Datenschutz, aber auch an „einer mangelnden Professionalisierung der Kampagnenzentralen, die den Schwerpunkt immer noch auf Offline-Instrumente wie Wahlplakate und Informationsveranstaltungen legen.“

4. Mehr als 7.000 demonstrieren gegen NPD-Aufmarsch
(ndr.de)
Als rund 120 Neonazis in Hannover bei einer Kundgebung gegen drei namentlich genannte kritische Journalisten protestierten, stellten sich dem mehr als 7.000 Gegendemonstranten entgegen. Zuvor hatte das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg die Rechtmäßigkeit der Nazi-Demo festgestellt. Die Polizei habe einem angemeldeten Redner jedoch die Redeerlaubnis entzogen, „um eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwehren“.

5. „Berliner Zeitung“-Herausgeber Michael Maier: „Die Stasi war nur eine Mini-mini-Episode“
(derstandard.at, Birgit Baumann)
Der österreichische „Standard“ hat mit Michael Maier gesprochen, dem aus Österreich stammenden Herausgeber der „Berliner Zeitung“. Maier war in den 90er-Jahren selbst Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ und will sich in der Berichterstattung künftig nicht auf den Großraum Berlin beschränken. Auf die Stasi-Vergangenheit seines Verlegers Holger Friedrich angesprochen, verteidigt er ihn mit den Worten: „Friedrich hat länger im neuen Deutschland gelebt als in der DDR. Die Stasi war nur eine Mini-mini-Episode, nicht einmal zwei Jahre.“
Weiterer Lesehinweis: Verleger Holger Friedrich lässt Aufsichtsratsposten bei Centogene ruhen (tagesspiegel.de).

6. Sacha Baron Cohen rechnet mit Facebook ab
(spiegel.de)
Der britische Comedian Sacha Baron Cohen (bekannt unter seinen Rollennamen „Ali G“, „Borat“ oder „Brüno“) hielt eine vielbeachtete Rede zur Verantwortung der Sozialen Netzwerke, die vor allem eine Abrechnung mit Facebook und Mark Zuckerberg wurde. Meinungsfreiheit heiße nicht, dass man ein Recht auf Reichweite habe: „Leider wird es immer Rassisten, Misogynisten, Antisemiten und Kinderschänder geben“, so Cohen. „Aber ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir Fanatikern und Pädophilen keine kostenlose Plattform bieten sollten, um ihre Ansichten zu verbreiten und ihre Opfer zu erreichen.“

Blättern: 1 2 3 4 ... 339