Hollywood-Interviews, RWEs „Sorry“, VDS-Wutbürger und -Witzfiguren

1. Hollywood-Interviews aus der Kopierfabrik?
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mehr als 100 hochkarätige Hollywood-Stars will Edmund Brettschneider interviewt haben, viele davon sogar mehrfach wie Pierce Brosnan, George Clooney, Dustin Hoffmann, Jennifer Lopez, Brad Pitt usw. usf. Die meisten der Interviews erschienen in Regenbogen-Postillen des Bauer Verlags, in „Das neue Blatt“, in „Woche Heute“, „Alles für die Frau“, „Das Neue“ und in der „TV Movie“ und. Medienkritiker und Boulevardspezialist Mats Schönauer („Topf voll Gold“) hat sich für eine überaus spannende Recherche die Gespräche näher angeschaut. Es drängt sich die Frage auf, ob die Interviews wie beschrieben stattgefunden beziehungsweise ob sie überhaupt stattgefunden haben.
Im Medienmagazin „journalist“ äußert sich Bauer-Verlagsleiter Ingo Klinge zu umstrittenen Schlagzeilen, zum Beispiel über Michael Schumacher, und den teils erdichteten Bauer-Geschichten: „Bei uns wird nicht gelogen, sondern allenfalls emotionalisiert und überzeichnet“.
Anmerkung des „6 vor 9“-Kurators: Klinge hat übrigens in seinem Haus alle Spiegel abgehängt, weil er seinen eigenen Anblick nicht erträgt. (Nach Klinge keine Lüge, sondern „allenfalls emotionalisiert und überzeichnet“.)

2. Wie haben vom Presserat „verurteilte“ Medien 2018 reagiert?
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Die „Presserat“ genannte freiwillige Selbstkontrolle der österreichischen Printmedien stellt heute ihren Jahresrückblick vor. Für das Medienwatchblog „Kobuk“ ein guter Anlass, nach den Auswirkungen der Presserat-Entscheidungen zu schauen. Sind die kritisierten Medien der Aufforderung des Presserats gefolgt? Gab es überhaupt eine Reaktion oder wurde der Presserat mehr oder weniger ignoriert?

3. Die Fotografen haben Grönemeyer in eine Falle gelockt
(faz.net)
Das Kölner Landgericht hat zwei Pressefotografen (passender wäre „Paparazzi“) zu einjährigen Bewährungsstrafen verurteilt. Die beiden Männer hatten den Sänger Herbert Grönemeyer bei einer Begegnung am Flughafen Köln/Bonn in eine Falle gelockt. „Es war von vornherein ihr Ziel, ihn zu provozieren und dann seine wütende Reaktion zu filmen“, so der Richter des LG Köln. Die Behauptung der Fotografen, von Grönemeyer verletzt worden zu sein, ließe sich nicht belegen. Schlimmer noch: „Die Angeklagten haben sich diese Verletzungen selbst zugefügt oder sich zufügen lassen.“

4. Rechercheanfrage veröffentlicht: RWE entschuldigt sich bei der „taz“
(handelsblatt.com)
Der Energiekonzern RWE hat eine Rechercheanfrage der „taz“ veröffentlicht und ist dafür vielfach kritisiert worden. Nun hat sich die Pressestelle des Unternehmens bei der „taz“ entschuldigt. „Es steht jedem Unternehmen völlig frei, sich jederzeit in eigener Sache zu äußern“, so die stellvertretende „taz“-Chefredakteurin Barbara Junge: „Dass RWE dazu Journalisten vorführt, E-Mail-Korrespondenz veröffentlicht und damit Rechercheprozesse unterminiert, ist ein Novum. Es ist schlechter Stil und offenbart ein fragwürdiges Verständnis der Rolle von Medien. RWE hat sich bei unserem Autoren mittlerweile entschuldigt. Das ist auch angemessen.“

5. Der Kampf der deutschen Verlage gegen die Presse- und Meinungsfreiheit im Wandel der Zeit
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Das Jammern der Verlage über den Medienwandel hat anscheinend eine lange historische Tradition: Bereits 1850 hätten deutsche Presseverleger ein Urheberrecht auf Nachrichten durchsetzen wollen, weil angeblich das Telegramm ihr Geschäftsmodell ruiniere. Die ehemalige isländische Parlamentsabgeordnete Asta Helgadottir hat in einem Twitter-Thread zusammengetragen, welche Argumente über die folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte noch bemüht wurden. Medienexperte Thomas Knüwer empfiehlt: „Wenn also das nächste Mal ein Chefredakteur oder Verlagsgeschäftsführer vom bösen Internet jammert oder über Urheberrechtsverletzungen klagt (die im Fall von Nachrichten übrigens vor allem in der Fantasie dieser Personen vorkommen), dann zeigen Sie ihm diesen Thread.“

6. Oh, fuck off
(taz.de, Daniel Kretschmar)
Der Verein Deutsche Sprache hat einen teilweise hölzern klingenden, auf seltsamen Annahmen basierenden und populistischen Aufruf gegen gendergerechte Sprache veröffentlicht („Schluss mit dem Gender-Unfug“). Unterzeichnet wurde er von „lauter Witzfiguren und Wutbürger“, wie „taz“-Chef-vom-Dienst Daniel Kretschmar es ausdrückt: „Zu den mutigen Mahner*innen zählen solche bezahlten Witzfiguren wie Nuhr und Hallervorden, deren Wutbürgertum aus offensichtlichen Gründen gerade noch vor Invektiven wie „Staatsfunk“ haltmacht. Dazu so nervtötend besserwisserische Gestalten wie Bastian Sick, der sein Geld seit Jahren damit verdient, Sprache zum Regelvollzug zu machen: ewiger Linguaknast ohne Freigang, aber dafür mit Genitiv-S. Kai Diekmann und ein paar Profen obendrauf und fertig ist der ideelle Gesamtkartoffelauflauf.“

Fakten ignorieren für die Hetzschlagzeile

Heute mal wieder große Panik auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Justiz ignorierte Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen

In der Flüchtlingskrise sind Tausende Hinweise auf mögliche Kriegsverbrecher unter den Asylsuchenden unbearbeitet liegen geblieben!

… schreibt „Bild“-Chefreporter Peter Tiede: Es seien allein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) etwa 5000 solcher Hinweise an die ignorierende Justiz, ans ignorierende Bundeskriminalamt, an den ignorierenden Generalbundesanwalt gegangen. Doch …

Doch nur in 129 Fällen wurden Ermittlungen begonnen! Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine FDP-Anfrage hervor (liegt BILD vor).

Die Zahlen mögen so stimmen. Was Tiede und „Bild“ daraus machen, ist aber eine mittlere Katastrophe. Fangen wir mit dem kleinsten Fehler an, den Tiede in seinem Text untergebracht hat. Er schreibt:

Von 2014 bis Anfang 2019 gab das Bundesamt für Migration (BAMF) demnach etwa 5000 Hinweise auf „Straftaten nach dem Völkerrecht“ an Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt weiter. Von anderen Stellen kamen 2000 Hinweise.

Tatsächlich sind es nicht 2000 Hinweise von anderen Stellen, sondern, so steht es in der Antwort des Innenministeriums, auf das sich Tiede bezieht, 200. Gut, die eine Null. Bei Bild.de haben sie diesen Fehler inzwischen immerhin korrigiert.

Deutlich schwerwiegender ist das Wort „ignorierte“ in der Schlagzeile. Tiedes Rechnung dazu — Tausende Hinweise minus 129 Fälle mit Ermittlung gleich Behördenversagen — ist schlicht zu simpel. Man kann diese zwei Größen nicht einfach gegeneinanderrechnen. Denn erstens bedeutet die Differenz zwischen den zwei Zahlen nicht automatisch, dass etwas „ignoriert“ wurde oder „liegen geblieben“ ist: Nicht jeder Hinweis taugt zwingend für eine Ermittlung. Schließlich sind, zweitens, die Hinweise, die Asylsuchende bei der Befragung in ihrem Asylverfahren geben können, qualitativ extrem unterschiedlich. Ronen Steinke erklärt das gut bei Süddeutsche.de:

Es gilt, folgende Frage zu beantworten, wenn ein Mensch aus Syrien oder dem Irak kommt: „Waren Sie selbst Augenzeuge, Opfer oder Täter von begangenem Völkermord, Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit; Übergriffen (Folter, Vergewaltigungen oder andere Misshandlungen) von kämpfenden Einheiten auf die Zivilbevölkerung; Hinrichtungen bzw. Massengräbern oder Einsätzen von Chemiewaffen?“ Wird dies mit Ja beantwortet, zählt das als „Hinweis“. Auch wenn es kein Geständnis eigener Schuld ist. Sondern oft nur eine Angabe als Zeuge oder Opfer. Das Bamf unterteilt diese vielen „Hinweise“ in fünf Kategorien. Kategorie 1 ist aus Sicht der Strafverfolgung das beste. In diese Kategorie fallen „namentliche Hinweise auf in Europa oder Deutschland befindliche Täter von Kriegsverbrechen“. (…)

Meist fallen die Bamf-Hinweise eher in die Kategorie 2: Der Flüchtling hat Namen genannt, aber keine konkreten Vorwürfe, nach denen sich ermitteln ließe. Oder Kategorie 3: Konkrete Vorwürfe, aber keine Namen. Einen großen Anteil, so heißt es unter Strafverfolgern, mache Kategorie 5 aus: Jemand berichtet als Zeuge von einer Gräueltat in Syrien oder dem Irak — ohne dass es aber einen Bezug zu Personen gäbe, die sich derzeit in Deutschland aufhalten. Mit vielen der 5000 Bamf-Hinweise konnten die Ermittler daher nicht weit kommen.

Diese Definition, was beim Bamf als „Hinweis“ gilt, macht dann auch gleich den zweiten gravierenden Fehler in der „Bild“-Überschrift deutlich: Es handelt sich nicht um „Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen“, sondern um Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher von Flüchtlingen.

Aber mit solchen Feinheiten machen sie bei „Bild“ eben genau das, was sie anderen so gerne vorwerfen: ignorieren.

Nachtrag, 8. März: Noch ein, zwei Gedanken zu den „Hinweisen auf Kriegsverbrecher“: 5000 Hinweise bedeuten nicht automatisch, dass es sich um 5000 Kriegsverbrecher handelt (und schon gar nicht um 5000 in Deutschland untergetauchte Kriegsverbrecher). Die Zahl sagt erstmal nur, dass es 5000 Hinweise gab. Es können sich mehrere Hinweise auf dieselbe Person beziehen, genauso kann sich ein Hinweis auf eine Personengruppe beziehen. Bei manchen Hinweisen ist, siehe oben, auch gar nicht klar, auf wen sie sich beziehen.

Natürlich ist es gut möglich, dass sich unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, Kriegsverbrecher befinden. Darüber sagt die Zahl, die „Bild“ auf der Titelseite in Spiel gebracht hat, aber nichts aus. Der Großteil der möglichen Kriegsverbrecher soll sich im Ausland aufhalten, meist noch dort, wo das Kriegsverbrechen stattfand (siehe das „heute journal“ von gestern, ab Minute 9:20).

Und noch zum Vorwurf, die Justiz ignoriere die Hinweise: Bundesinnenminister Horst Seehofer widersprach „Bild“ und sagte, die Hinweise seien „nicht einfach von den Sicherheitsbehörden abgelegt worden, sondern natürlich geprüft worden“.

Nachtrag 2, 8. März: „Bild“ berichtet heute noch einmal über die „Hinweise auf Kriegsverbrecher“. Doch nicht etwa in einer Korrektur — Chefreporter Peter Tiede wiederholt den Unsinn einfach noch mal.

RWEs Infokrieg, Margots Badesalz, „Präzisierungen“ bei Martenstein

1. Das ist nicht offen & transparent, sondern ein unzulässiger Eingriff in die Freiheit des Journalisten und außerdem schlechter Stil.
(twitter.com, Martin Kaul)
Die „taz“ hat zur Vorbereitung eines Artikels über mögliche Hass-Postings von RWE-Mitarbeitern beim Energieversorger angefragt. Darauf hat die Presseabteilung des Konzerns die Rechercheanfrage in einer Art von vorauseilendem Gegenangriff auf Twitter veröffentlicht. „taz“-Reporter Martin Kaul hält dies nicht nur für schlechten Stil, sondern auch für einen unzulässigen Eingriff in die Freiheit des Journalisten: „Zu einer ganz wesentlichen redaktionellen Freiheit gehört die Freiheit der Auswahl und die Freiheit des Veröffentlichungszeitraumes, auch die Freiheit, sich zu entscheiden, über etwas nicht zu berichten. Dem greift @RWE_Presse hier einfach vor — und veröffentlicht die Mail eines Journalisten und die eigene Antwort, noch ehe überhaupt ein Text erschienen ist. Damit möchte also ein Unternehmen die Oberhand über die Berichterstattung gewinnen und Redaktionsfreiheiten und -abläufe unterminieren. Wenn das gängiger Stil wäre, gäbe es keine Pressefreiheit, sondern Informationskrieg.“
Weiterer Lesetipp: Braunkohle-Protest gegen RWE — diese Bilder hat die Polizei beschlagnahmt (bento.de, Steffen Lüdke).

2. „Das Radio ist nicht der Richter, der über Künstler zu urteilen hat“
(jetzt.de, Christina Waechter)
In den USA sorgt eine Doku für eine erneute Diskussion über die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem vor zehn Jahren verstorbenen Popstar Michael Jackson. In der Folge haben Radiosender in Kanada, Neuseeland, Norwegen und auch die BBC bekanntgegeben, sämtliche Songs von Michael Jackson aus dem Programm zu nehmen. Ina Tenz, Chefin von „Antenne Bayern“, dem größten privaten Radiosender Deutschlands, hält nichts von einem derartigen Boykott: „In der Dokumentation äußern sich die Opfer viele Jahre später, Michael Jackson kann sich dazu nicht mehr äußern. Zudem gab es zwei Prozesse zu dem Thema, die beide nicht zu einer Verurteilung Jacksons geführt haben. Der Film bringt keine neuen Beweise und Michael Jacksons Familie dementiert alle Vorwürfe. Ich glaube generell, dass diese Boykotte nichts zur Aufklärung der Sache beitragen. Sie bringen nur den Radiosendern Aufmerksamkeit.“
Weiterer Lesetipp: Warum ich Michael Jackson nicht mehr höre (sz-magazin.sueddeutsche.de, Julian Dörr).

3. Evangelisches Badesalz
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Promi-Zeitschriften scheinen gerade mächtig en vogue zu sein, ob „Barbara“ (Schöneberger), „Daniela“ (Katzenberger), Doktor von Hirschhausens „Gesund Leben“ oder Joko Winterscheidts „JWD“. Ab April bringt nun auch die evangelische Theologin Margot Käßmann eine eigene Zeitschrift heraus. Aber keine Sorge, das Magazin wird nicht „Margot“ heißen, sondern „Mitten im Leben“.

4. Meinen ist nicht behaupten
(taz.de, Finn Holitzka)
Die Geschichte um Harald Martensteins wahrheitsferne Kolumne über späte Abtreibungen geht weiter. Nach allerhand Gegenwind auf Twitter und nachdem der ARD-„Faktenfinder“ die verschiedenen von Martenstein grob vereinfacht bis falsch dargestellten und aus dem Kontext gerissenen Debatten auseinandergedröselt hat, sah sich die „Zeit“ anscheinend zu einem „Hinweis der Redaktion“ (dort unten angehängt) gezwungen. Einige Passagen der Kolumne seien nachträglich „präzisiert“ worden … Finn Holitzka stellt in der „taz“ noch einmal fest: „Auch für Kolumnen und Meinungsbeiträge gilt die journalistische Sorgfaltspflicht. Meinen kann Martenstein alles, was seinen Kritiker*innen die Nerven raubt. Behaupten sollte auch der Berufsprovokateur nur faktisch Richtiges.“

5. EU-Copyrightreform: Zivilgesellschaft und Verbände fordern Moratorium
(heise.de, Stefan Krempl)
14 Institutionen aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft fordern in einem offenen Brief (PDF), die Abstimmung über die Copyright-Novelle und Upload-Filter auf die Zeit nach der Europa-Wahl zu verschieben: „Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier brauchen gerade jetzt Zeit, um das Für und Wider abzuwägen.“

6. Aufruf zum Meinungsfasten
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Alena Schröder)
Du hast eine Meinung? Dann lass diese doch mal ein paar Wochen ruhen. Es gibt schließlich wichtigere Dinge, auf die wir bis Ostern verzichten sollten als Bier und Schokolade, wie Alena Schröder in ihrem Aufruf zum Meinungsfasten findet.

Indianer-Kostüme an Fasching: „Bild“ verwechselt „bitten“ und „verbieten“

An der heutigen „Bild“-Titelseite kann man gut sehen, wie „Bild“ Fakten verzerrt und aufbläst, wie das Blatt versucht, Aufreger zu setzen, und es dabei im Sinne des größtmöglichen Knalls nicht so genau nimmt mit der Genauigkeit:

Ausriss Bild-Titelseite - Damit sich ja niemand diskriminiert fühlt - Erste Kita verbietet Indianer-Kostüme - Dafür sollen Kinder Meerjung-Männer und Senftuben gehen

Wichtig ist dabei schon mal das Wort „Erste“, weil es auf den möglichen Start einer Serie von indianerkostümverbietenden Kitas hinweist, ohne dass es dafür konkrete Hinweise gibt.

Noch wichtiger aber ist das Wort „verbietet“, weil es bei der Leserschaft direkt zu erhöhtem Blutdruck führen kann. Liest man den Artikel bei Bild.de, kann man ziemlich schnell erste Zweifel bekommen, dass in der Hamburger Kita, um die es geht, wirklich etwas verboten wurde. Bereits in der ersten Bildunterschrift schreibt die Redaktion:

Die Kita-Leitung bat in einem Schreiben an die Eltern auf Indianer-Kostüme, wie in diesem Symbolfoto, zu verzichten

„bitten“ und „verbieten“ mögen für „Bild“-Mitarbeiter vielleicht irgendwie ähnlich aussehen. Die zwei Begriffe haben aber dennoch recht unterschiedliche Bedeutungen.

Im Text zitieren die „Bild“-Medien ein Schreiben der Kita an die Eltern:

Darin wurde darum gebeten, „bei der Auswahl des Kostüms darauf zu achten, dass durch selbiges keine Stereotype bedient werden“. Und: „Beispielsweise möchten wir nicht, dass Kinder als „Indianer“, „Scheich“ oder ähnliches verkleidet sind“.

Auch hier: „möchten wir nicht“ statt „verbieten wir“.

Man kann das Vorgehen der Kita-Leitung natürlich dennoch bescheuert finden. Man kann aber nicht einfach behaupten: „Die verbieten da was!“ Dass die Bitte, auf bestimmte Kostüme zu verzichten, auch sehr kritisch gesehen werden kann, schreibt Kita-Betreiber „Elbkinder“, zu dem auch die Kita von der „Bild“-Titelseite gehört, selbst in einer Stellungnahme von heute. Sowieso klingt die ganze Sache dort deutlich differenzierter als in „Bild“:

Das Projekt erkennt an, dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren, es soll aber sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, z.T. sogar entwürdigend sein können. Einen solch sensiblen Umgang mit Stereotypen erwarten wir von allen unseren Kitas; wie sie das an Fasching einbeziehen, ist aber doch sehr unterschiedlich und bleibt den einzelnen Kitas überlassen.

Verkleidungen an Karneval basieren auf Stereotypen und das gehört zum Feiern dazu. Außerdem ist es wichtig zu unterscheiden, wie Kinder und wie Erwachsene Fasching feiern: bei dem öffentlich in den Medien sichtbaren Karneval geht es oft um Kritik an Politikern oder anderen öffentlichen Personen und meist geht es dabei ziemlich derb zu. Für Kinder ist Fasching aber eine Gelegenheit, sich in jemanden zu verwandeln, den sie als Held sehen und der sie selbst gerne sein möchten. Über die von der Kita gewählten Beispiele „problematischer“ Kostüme kann man deshalb durchaus streiten.

In derselben Stellungnahme klingt es auch wahrlich nicht nach einem Indianer-Kostüm-Verbot:

Und natürlich wären Kinder, die doch als Indianer oder Scheichs verkleidet zum Fasching gekommen wären, genauso willkommen gewesen.

Eine von 185 „Elbkinder“-Kitas, von Hunderten Kitas in Hamburg, von Tausenden Kitas in Deutschland bittet darum, unter anderem nicht als Indianer verkleidet zum Fasching zu kommen. Und kommt dann doch ein Kind als Indianer, ist das auch kein Problem. Das Ganze wird erst dadurch zum Skandal, dass die „Bild“-Redaktion diese Bitte zu einem Seite-1-Verbotsskandal macht.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Schmierenkabarettist Reichelt, Wahrheitsabtreiber, Ausgeliefert

1. „Bild“-Chef im Delirium
(kontextwochenzeitung.de, Mario Damolin)
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte zur Podiumsdiskussion eingeladen. Thema der Veranstaltung: „Ethik und Moral im Boulevard?“ Ein Thema, das angeblich einer der Talk-Gäste persönlich entworfen hatte: „Bild“-Chef Julian Reichelt. Mario Damolin hat die Veranstaltung besucht, die er als „einwandfreies Schmierenkabarett“ bezeichnet: „Tatsächlich ist zu fragen, wer im Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum der Deutschen Sinti und Roma auf die grandiose Schnapsidee gekommen ist, mit einem Schmierenjournalisten — oder wie es Peter Zudeick im Deutschlandfunk formulierte: mit einer „Krawallschachtel“ — über journalistische Ethik reden zu wollen.“

2. Keine „postnatale Abtreibung“ gefordert
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Andrej Reisin)
Der oft scharf an der Fake-News-Grenze operierende „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein hat mal wieder zugeschlagen: In den USA würden Demokraten und Feministinnen angeblich fordern, Kinder nach der Geburt noch abtreiben zu dürfen. Der ARD-„Faktenfinder“ ist der Sache nachgegangen und befindet: „Diese Behauptung ist nicht korrekt“. In Martensteins Kolumne würden verschiedene Debatten aus dem Kontext gerissen und grob vereinfacht bis falsch dargestellt.

3. Der kommerzielle Journalismus steckt in der Krise. So könnten Auswege aussehen.
(netzpolitik.org, Christopher Buschow)
Das wahrscheinliche Ende vieler Zeitungen der DuMont-Gruppe ist ein neuerlicher Beweis für die Krise des kommerziellen Journalismus. Neugründungen könnten den Weg in die Zukunft zeigen, doch die Startbedingungen sind schwer. Medienforscher Christopher Buschow denkt darüber nach, wie Medien-Start-ups und journalistische Experimente gefördert werden können.

4. Ausgeliefert
(spiegel.de, Rafael Buschmann)
Für Whistleblower Pinto („Football Leaks“) war es die größtmögliche Niederlage: Ein ungarisches Gericht entschied, dass er nach Portugal überführt werden soll. Zuvor hatten ihm französische Ermittler die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm angeboten. In Portugal drohe ihm nicht nur juristisches Ungemach, wie er Anfang Februar sagte: „Ich fürchte, dass, wenn ich ein portugiesisches Gefängnis betrete, vor allem eines in Lissabon, ich dort nicht lebend herauskomme.“

5. Wenn die Verachtung von der Leine gelassen wird
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Der „Achse des Guten“-Autor Bernhard Lassahn hat dem kürzlich in Ruhestand getretenen „SZ“-Ressortchef Heribert Prantl vorgeworfen, dieser verbreite Lügen über Väter und beschimpft ihn als Menschenverächter. Prantl sei der „wahre Relotius der ‚Süddeutschen'“. Ein dummer Vergleich, wie Boris Rosenkranz findet: „Man kann Prantl ja kritisieren: seine pastorale Art zu kolumnieren, die Formulierung im aktuellen Video, seine Thesen und Schlüsse, die er zieht. Doch an einer ernsthaften Diskussion, die abwägt und nicht ins Gegenteil verkehrt, sind Leute wie Lassahn nicht interessiert.“

6. Wenn extrem rechte Vereine als gemeinnützig gelten
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Es ist schon makaber: Manche rechtsradikale Vereine genießen die Vorteile der Gemeinnützigkeit, während der Staat sie einer Organisation wie Attac entzieht. Matthias Meisner über fragwürdige steuerliche Begünstigungen, trickreiche Vereine und überforderte Finanzämter.

Kurz korrigiert (524 & 525)

Gestern gab es die traurige Nachricht, dass The Prodigy-Sänger Keith Flint gestorben ist. Bei Bild.de bekommen sie es leider nicht hin, für ihre Art Nachruf Flints Karriere und die The Prodigy-Diskografie richtig zu recherchieren:

1992 schaffte die Band mit dem Song „Out of Space“ den internationalen Durchbruch. Flint übernahm jedoch erst 1996 den Gesang — und sorgte mit „Firestarter“ für einen der größten Hits der 90er Jahre.

Mit Hits wie „No Good“ und „Smack My Bitch Up“ konnten The Prodigy in den folgenden Jahren an ihre Erfolge anknüpfen.

… schreibt die Bild.de-Redaktion — und liegt damit daneben: Der Song „No Good“ erschien bereits 1994, also zwei Jahre vor „Firestarter“.

***

Doch bei Bild.de können sie nicht nur Diskografien durcheinanderbringen, sondern auch Sprichwörter — in diesem Artikel:

Screenshot Bild.de - Beef im Buckingham Palast? Hier reißen sich Meghan und Kate die Haare aus!

Nach drei umdenheißenbreirumschreibenden Absätzen (unter anderem mit dem sagenhaften Brüller „Etikette kommt hier nicht von ‚die Nette'“) folgt die Auflösung zur vermeintlichen royalen Haarereißerei:

Gott sei Dank alles nur Theater!

Die royale Keilerei ist ein Gag der britischen Künstlerin Alison Jackson (48).

Die Fotografin ist dafür bekannt, mit Doppelgängern Promis in intimen Situationen zu inszenieren. Wer sich die Fotos genau anschaut, erkennt: Kate und Meghan sind NATÜRLICH nicht echt. Jackson lässt die Lookalikes gerade für eine Theater-Show in London aufeinander los.

Unter einem Foto, das die echte Kate und die echte Meghan zeigt, steht die unfreiwillig lustige Bildunterschrift:

Screenshot Bild.de - Kate und Meghan: Ein Herz und eine Seele? Oder doch wie Pech und Schwefel?

Vielleicht sollten die Mitarbeiter von Bild.de mal bei „Geolino“ nachschauen — dort wissen sie nämlich, dass „wie Pech und Schwefel“ nicht das Gegenteil von „ein Herz und eine Seele“ ist.

Mit Dank an Gunnar und @PostiLeaker für die Hinweise!

Spiele aus der Clickbait-Hölle: Wenn Leser „smart“ getäuscht werden

Für die Ippen-Digital-Zentralredaktion ist das alles ein Spiel.

Eigentlich ist es doch ein Spiel.

Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

In vielen Bereichen muss man einfach spielen und ausprobieren.

Ich habe ein Problem mit handwerklichen Fehlern in den Überschriften. Aber nicht mit dem spielerischen Umgang mit dem Leser.

Gleich viermal sprach Thomas Kaspar, bis vor Kurzem Co-Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion, vor gut einem Jahr in einem Interview mit „kress“ von einem „Spiel“. Worum es ging: Clickbaiting.

Die Auseinandersetzung mit den Klick-Impulsen und der Nachhaltigkeit durch solche Klicks ist Teil des Online-Geschäfts. Aber Achtung: Es gibt einfach sehr schlechte Lösungen. Man kann eben nicht mehr zum 50. Mal schreiben: „Du wirst nicht glauben, was Gaby erlebt hat…“ Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

Und diese „smarten Lösungen“ sehen bei der Ippen-Digital-Zentralredaktion, einem Netzwerk aus 50 Online-Portalen (unter anderem Merkur.de, tz.de, HNA.de), zum Beispiel so aus:

Screenshot Merkur.de - Schweres Unglück - Schüsse bei Autobahnbrücke

Wer glaubt, dass es hier zu einem tödlichen Schusswechsel mit Polizeibeteiligung kam, irrt. Die Meldung von Merkur.de basiert auf einer Meldung von extratipp.com (ebenfalls Ippen), die auf einer Meldung der „Hessenschau“ basiert, die auf einem Tweet der Polizei Südhessen basiert. Darin wird mitgeteilt, dass ein Polizist, der bei einem Autounfall (!) eines Streifenwagens über zwei Wochen vorher schwer verletzt wurde, gestorben ist. Was das Ganze mit Schüssen zu tun hatte? Grund des Einsatzes waren nahe der Autobahn gemeldete Schüsse, die sich nachträglich als Teil einer angemeldeten Jagd herausgestellt hatten.

Weder in der Überschrift noch im Teaser noch im ersten Absatz wird das deutlich, im Gegenteil: Die Redaktion erweckt gezielt den falschen Eindruck, der Polizist sei durch Schüsse ums Leben gekommen — formuliert aber alles so, dass es technisch gesehen nicht falsch ist. Vielleicht ist es das, was die Chefredaktion so „smart“ daran findet.

Die Irreführung hat jedenfalls System. So erschien (ebenfalls gestern) in den Ippen-Portalen dieser Artikel:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Schüsse peitschen aus fahrenden Autos - Hochzeit eskaliert

Wer bei dieser Überschrift eine Schießerei unter Hochzeitsgästen vermutet, irrt zwar, aber es kam immerhin zu Schüssen in die Luft aus Schreckschusspistolen. Die Pressemeldung der Polizei, auf der der Text basiert, war bei Erscheinen der HNA.de-Meldung schon fünf Tage alt und bezog sich darauf, dass im Rahmen der Ermittlungen Durchsuchungen stattfanden. Der eigentliche Vorfall, die aus fahrenden Autos peitschenden Schüsse, war schon vor fast einem Monat, was man aber erst nach mehreren Absätzen erfährt — und was für die Ippen-Medien kein Hindernis war, das Ganze nochmal groß zu melden.

Inzwischen wurde die Überschrift übrigens korrigiert geändert:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Hochzeit eskaliert: Schüssel fallen aus fahrenden Autos auf Autobahn

Ebenfalls gestern erschienen:

Screenshot extratipp.com - Millionenschaden in Bad Homburg - Nach Flammen-Hölle auf Reiterhof: Polizei hat dunklen Verdacht

Die Polizei habe einen „dunklen Verdacht“, heißt es da. Und:

Ursache des Feuers bekannt, Polizei spricht über Brandstiftung

Der „dunkle Verdacht“ wird (wenn man sich bis dahin durchgekämpft hat) am Ende des Artikels konkretisiert:

Update 02.03.2019, 10.05 Uhr: Jetzt haben die Behörden einen dunklen Verdacht: Nachdem am gestrigen Freitag die Brandursache bekannt geworden ist — offenbar ein elektrischer Defekt –, spricht die Polizei inzwischen über Brandstiftung. Die könne, so ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, aufgrund der bisherigen Ermittlungen weitgehend ausgeschlossen werden.

Brandursache ist also wohl, wie die Polizei schon am Freitag als vorläufige Erkenntnis mitteilte, ein elektrischer Defekt, und die Polizei spricht über Brandstiftung, indem sie diese weitgehend ausschließt, und das ist, tata, ein dunkler Verdacht der Polizei!

Als der (inzwischen alleinige) Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion Markus Knall im vergangenen Jahr von „Übermedien“ auf den Vorwurf des Clickbaitings angesprochen wurde, sagte er noch:

Ich finde ‚Clickbait‘-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden.

Aber was soll’s. Ist ja eh nur ein Spiel.

Mit Dank an Klaus für den Hinweis!

Erfolglose Populismus-Fischer, Facebook-Stasi, Anti-LGBTI-Wahlkampf

1. Nichts als Ärger: Wie Springers Bild Politik mit seinen Magazin-Covern im Populismus fischt
(meedia.de, Georg Altrogge)
„Meedia“-Chefredakteur Georg Altrogge hat sich die vier bisherigen „Bild Politik“-Ausgaben angesehen und erkennt darin ein wiederkehrendes System von Negativismen und Populismus. Ein Konzept, das zumindest im Print-Bereich nicht aufzugehen scheint.

2. Deutsche Datenschützer alarmiert über Facebooks interne Spitzelabteilung
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Es liest sich schon ein wenig gruselig, was über Facebooks firmeninterne Überwachungsabteilung bekannt wurde. Ein „Sicherheitsteam“ observiere Mitarbeiter, die es als mögliche Gefährder einstufe, lese die Standortdaten von Ex-Mitarbeitern aus oder schnüffle in den Nachrichten von Praktikanten, die nicht zur Arbeit erscheinen. Facebook bestreitet, mit seinem Vorgehen gegen Datenschutzregeln zu verstoßen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte sieht das laut netzpolitik.org etwas anders und habe die Datenschutzbehörde in Irland eingeschaltet, die in Europa die Hauptzuständigkeit für Facebook hat.
Weiterer Lesetipp in Sachen Facebook: Facebooks Anti-Datenschutz-Lobbying geleakt (golem.de, Friedhelm Greis).

3. Hilfe, die «Junge Freiheit»! Die Schweizer Kette Press & Books säubert die Regale
(nzz.ch, Marc Felix Serrao)
Die Schweizer Handelskette „Press & Books“ (mehr als 200 Verkaufsstellen) hat die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ aus dem Programm genommen. „NZZ“-Autor Marc Felix Serrao ist irritiert und fragt sich, ob die deutsche Öffentlichkeit in Sachen Pressefreiheit toleranter als die Schweiz ist.

4. Zoë Beck: „Frauenquoten? Auf jeden Fall!“
(ndr.de, Jürgen Deppe, Audio: 8 Minuten)
Mit Blick auf den bevorstehenden Weltfrauentag hat der NDR sich mit der vielfach ausgezeichnete Thriller-Autorin Zoë Beck unterhalten. Es geht um die Frage, ob es auch im Kultur-, speziell im Literaturbereich eine Frauenquote geben sollte. Aber auch der Film- und Fernsehbereich sei betroffen, so Beck: „Da studieren an den entsprechenden Hochschulen genauso viele oder teilweise sogar ein bisschen mehr Frauen als Männer im Bereich Kamera oder Regie. Im Abspann sieht man aber, dass Männer deutlich in der Überzahl sind. Das ist ein Ungleichgewicht, und warum soll es da keine Quote geben?“

5. Nach AKK-Witz: BILD-Chef beschwört Wahlkampf gegen geschlechtliche Vielfalt
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Johannes Kram schreibt über den Umgang der „Bild“-Redaktion mit dem LGTBI-Thema. Einerseits habe die Zeitung einiges getan, um queeren Menschen das Gefühl zu geben, ihre Andersartigkeit zu akzeptieren. Andererseits hetze und polemisiere die Zeitung unvermindert gegen geschlechtliche Vielfalt. Kram vergleicht den Mechanismus wie folgt: „… wie sich die BILD-Macher heute als Alliierte von LGTBI erklären, machten sie es noch vor wenigen Jahren, als sie sich als Flüchtlingshelfern generierten. Um dann, als es nicht mehr opportun war, genau das Gegenteil zu machen, also Geflüchtete fast ausnahmslos als Deutschlands Gefahr zu stilisieren.“

6. „Ich rechne jeden Tag mit meiner Absetzung“
(fr.de, Danijel Majic)
„Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen hat schon einige erfolgreiche Coups gelandet: Ob „Miomio-Gate“ bei „Bild“, die „Blasebalg-Leaks“ bei „Focus Online“ oder die Falschmeldung über die vermeintlichen Bündnisaufkündigung von CDU und CSU. Danijel Majic hat dem respektlosen Satiriker einige nicht minder respektlose Fragen gestellt.

Herzlose Barley, Nischenprodukt Papier, Zombifizierung am Kiosk

1. Türkei verweigert NDR Reporter Akkreditierung
(ndr.de)
Der Reporter Halil Gülbeyaz berichtete bislang für den NDR aus der Türkei, doch damit ist es nun vorbei: Die Türkei verweigert ihm die notwendige „Pressekarte“. Gülbeyaz erklärt: „In der Türkei braucht man die Pressekarte im Grunde genommen überall, wenn man sich auf der Straße bewegt mit einem Kamerateam. Polizisten sind gleich vor Ort — meistens Zivilpolizisten –, die nach der Karte verlangen. Und wenn ich diese Karte nicht habe, werde ich einfach nicht mehr dort drehen können.“

2. Die Wechselwirkungen von Angebot und Nachfrage
(blogs.taz.de, Andreas Bull)
Es ist ein überraschendes Phänomen: Trotz fallender Zeitungsauflagen steigen die Kosten für den Zeitungsdruck. Das liege daran, dass die Papierindustrie immer weniger Zeitungspapier herstellt und stattdessen lieber Kartonagen für den Versandhandel produziert. „taz“-Geschäftsführer Andreas Bull erklärt, wie sich das auf die gedruckte „taz“ auswirkt.

3. Barley hat kein Herz für Whistleblower: Justizministerium blockiert EU-Gesetz
(netzpolitik.org, Arne Semsrott)
Der aktuelle Verhandlungsstand der EU-Whistleblower-Richtlinie lässt nichts Gutes erwarten. Das deutsche Justizministerium unter Katharina Barley will allem Anschein nach weniger Schutz für Whistleblower. Dies würden vertrauliche Dokumente belegen, die Netzpolitik.org auf der eigenen Website veröffentlicht hat. Wenn das Barley-Ministerium die Bemühungen des EU-Parlaments weiter derart hintertreibe, sei ein stärkerer Schutz für Hinweisgeber in Gefahr.
Weiterer Lesetipp: Das „Whistleblower-Netzwerk“ wendet sich mit einem offenen Brief an Justizministerin Barley.

4. Wie sich Nachrichtensprache entkrampfen lässt
(uebermedien.de, Froben Homburger)
Froben Homburger ist Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur. Für „Übermedien“ hat er sich einige umständliche Nachrichtenpassagen herausgesucht und sprachlich „entkrampft“. Dabei gilt, dass Weniger oft mehr ist: „‚Subjekt – Prädikat – Objekt‘ ist sicher nicht der attraktivste Ausweg aus sprachlichen Sackgassen. Aber im Zweifel sollten Nachrichtensätze lieber einfach und klar sein als kunstvoll und verwirrend.“

5. Wir kamen, sahen – und checken es nicht
(meta-magazin.org, Franco Zotta)
Franco Zotta denkt über die Zukunft des Journalismus nach und geht dabei auf ein beliebtes Scheinargument ein: So lange die Bahnhofskioske vor Zeitungen und Magazinen buchstäblich überquellen, könne es um die Branche angeblich nicht schlecht bestellt sein. Zottas Antwort: „Die These war schon immer Unsinn, weil in Deutschland bevorzugt eine besonders unsichtbare Form des Mediensterbens praktiziert wurde, nämlich die Zombifizierung. D.h.: Die Medienhäuser entlassen Mitarbeiter, kürzen Budgets von Freien, und bauen Zentralredaktionen, die den gleichen Inhalt in immer mehr Mediengefäße füllen. Der Bahnhofskiosk quillt so weiter über, aber um den Preis, dass immer weniger Journalismus mit immer weniger Mitarbeitern in immer gleicheren Medien produziert wird. In den USA hat dieses Phänomen einen eigenen Namen: Ghost newspapers.“

6. Die kleine Radio-Schule
(radio-machen.de, Sandra Müller)
„Warum klingt mein Text im Radio so komisch? Wie kann ich Kompliziertes einfach ausdrücken?“ Radiomacherin und Buchautorin Sandra Müller hat schon vielen jungen Kolleginnen und Kollegen mit Ratschlägen ausgeholfen. Auf ihrer Website gibt es nun den Übersichtsartikel „Die kleine Radio-Schule“ mit vielen hilfreichen Tipps für Radiomacher und Radiomacherinnen. Hinweis: Vieles davon gilt auch für das Thema Podcast.

Das Versagen der Medien bei AKKs Spott über intersexuelle Menschen

Hallo. Ich bin der Typ, der diese ganze Kramp-Karrenbauer-Intersex-Witz-Sache losgetreten hat, über die, glaube ich, heute jedes deutsche Nachrichtenmedium berichtet hat. Und ja, natürlich freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die die Äußerung der CDU-Vorsitzenden erfährt, und über die Kritik, die sie dadurch von so vielen Seiten aus bekommt.
Und doch ist die eigentliche Dimension dieses Vorfalls eine andere.

Als ich gestern während der TV-Übertragung des „Stockacher Narrengericht“ auf Facebook aus der Rede Kramp-Karrenbauers zitierte …

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür — dazwischen — ist diese Toilette.

… ging ich davon aus, dass es sich um eine Livesendung handelte. Ich habe das auf Facebook rausgehauen, weil ich glaubte, das, was ich da gerade höre und kaum glauben kann, passiert gerade jetzt. Die Äußerung Kramp-Karrenbauers ist — Karneval hin oder her — meines Wissens das Herabwürdigstende, das ein deutscher Spitzenpolitiker oder eine deutsche Spitzenpolitikerin in den vergangenen Jahren über LSBTI gesagt hat, inklusive AfD.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Für seinen „Nollendorfblog“ bekam er eine Nominierung für den „Grimme Online Award“, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Jeder, der nur etwas im Thema ist, weiß, wie sehr viele intersexuelle Menschen in Deutschland darunter leiden, dass sie als Kinder aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen zwangsoperiert wurden. Und wie sehr sie dafür kämpfen, dass das heute nicht mehr passiert und dass sie nicht als krank oder fehlerhaft betrachtet werden. Ein Betroffener schilderte gestern auf Facebook, dass er siebenmal operiert worden sei, nur um „beim Pinkeln stehen zu dürfen.“ Kramp-Karrenbauer hat sich also nicht nur eine der vulnerabelsten Gruppen für ihren Spott ausgesucht, sie hat sie auch noch da getroffen, wo es am meisten wehtut. Selbstverständlich musste ich also denken, diese Sätze passieren gerade live. Denn wenn nicht, dann hätte es ja schon längst irgendwo stehen müssen.

Was ich da noch nicht wusste: Die TV-Sendung war eine Wiederholung vom Donnerstag, also fast zwei Tage alt. Man sieht dort einen Festsaal voll mit Politikprominenz, man hört, wie Kramp-Karrenbauers Intersex-Pointe begeistertes Gejohle hervorruft, man hört, dass es offensichtlich (anders als an anderen Stellen) keinen Protest gibt.

So weit sind wir also schon in Deutschland: Die Politikerin des Landes, die die größten Chancen hat, Deutschlands nächste Kanzlerin zu werden, wirft einem grölenden Festsaal eine Minderheit zum Fraß vor — und es spricht sich zwei Tage lang nicht rum. Es wird nicht darüber berichtet. Es hat einfach nicht stattgefunden. Und das, obwohl es sogar live im SWR übertragen wurde.

Was ich wirklich nicht verstehe: Sind die Grenzen des Sagbaren mittlerweile so weit verrutscht, dass keiner der offensichtlich vielen anwesenden Journalistinnen und Journalisten so etwas für berichtenswert hält? Wie kann das selbst dem übertagenden Sender durch die Lappen gehen? Und wieso hat der SWR nicht spätestens nach der großen medialen Aufregung heute nachgelegt und wenigstens jetzt darüber etwas gemacht, wer da alles parteiübergreifend im Saal mitgejohlt hat? Und wer möglicherweise nicht? Ist das so unwichtig?

Aber nicht nur für die anwesenden Journalistinnen und Journalisten ist es ein unglaubliches Versagen. Dies gilt auch für alle, die schwerpunktmäßig über Kramp-Karrenbauer berichten. Hat denn keiner von ihnen mitbekommen, wie sie sich in den vergangenen Monaten ihre Macht gesichert hat, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Homophobie zur CDU-Vorsitzenden wurde? Hatte man nicht davon ausgehen müssen, dass sie bei einer solch prominenten TV Karnevalssendung in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe hauen würde? Oder ging man davon aus, aber es ist einfach egal?

Ist es egal, was die mögliche nächste Kanzlerin für ein Menschenbild hat? Ist es egal, dass sich immer mehr abzeichnet, wie sehr ihre Verächtlichmachung anderer immer mehr zum System wird? Und: Wie kann etwas, was zwei Tage lang so egal ist, plötzlich so unegal sein, dass es auf einmal bei der „Tagesschau“ und in „Berlin direkt“ vorkommt? Wieso reicht dann ein einziger Facebook-Post und ein anschließender Bericht auf dem queeren Nachrichtenportal queer.de, dass dann plötzlich alles andersherum ist?

Und: Was kann eigentlich noch in Deutschland gerade so alles vor laufender Kamera gesagt werden, ohne dass es jemand mitbekommt?

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