„Bild“ lässt Familie und Freundin noch einmal alles mit ansehen

Am vergangenen Sonntag ist ein 32-Jähriger aus Baden-Württemberg beim Ski-Fahren ums Leben gekommen. Eine erste Lawine überlebte der Mann noch dank eines Airbags. Während er bis zu den Knien im Schnee feststeckte, verschüttete ihn allerdings eine zweite Lawine. Die Bergretter konnten den Mann nicht wiederbeleben.

Die „Bild“-Redaktion berichtete gestern über den tragischen Vorfall. Aber nicht etwa rücksichtsvoll irgendwo weiter hinten im Blatt komplett ohne Foto oder wenigstens mit Verpixelung, sondern riesig auf der Titelseite, über dem Bruch, mit unverpixeltem Bild:

Ausriss Bild-Titelseite - Seine Freundin sah alles mit an - Doppel-Lawine töte Mathe-Lehrer - Die erste überlebte er noch, die zweite begrub ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.)

Auf Seite 3 zeigte sie dann noch ein weiteres Foto des Verstorbenen …

Ausriss Bild-Zeitung - Seine Freundin konnte ihn nicht mehr retten - Die zweite Lawine tötete ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen

… das auch Bild.de veröffentlichte, bereits vorgestern Abend auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Seine Freundin sah alles mit an - Doppel-Lawine tötet Mathe-Lehrer - Die erste überlebte er noch, die zweite begrub ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen

Die Aufnahmen haben sich die „Bild“-Medien offenbar vom Facebook-Profil des Mannes gezogen. Eine Person aus dessen engerem Freundeskreis sagte uns, dass die Familie einer Veröffentlichung nie zugestimmt hat und sich nun rechtlich dagegen wehren wird.

Nachtrag, 11. Januar: Wir hatten auch bei „Bild“ nachgefragt, woher die Redaktion die Fotos hat und ob sie vor Veröffentlichung bei der Familie des Verstorbenen nachgefragt hat, ob sie die Fotos unverpixelt verwenden darf. Wir haben bisher keine Antwort auf unsere Fragen erhalten.

Hass benennen, Kneifzangen-Institut, „Labaule & Erben“

1. Den Hass benennen
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Anlässlich der beiden jüngsten Gewaltverbrechen aus rassistischen beziehungsweise frauenfeindlichen Motiven kritisiert Margarete Stokowski die Medien. Diese würden oft die Taten verharmlosen und den Hass und die Opfer ausblenden: „In beiden Fällen wurden Taten, die ohne Rassismus und Sexismus nicht passiert wären, verharmlost, entpolitisiert, psychologisiert. Es ist ein Geschenk an die Täter und Gleichgesinnte, ihren Hass auszuklammern und ihre Gewalt als Sonderfall darzustellen. Auch wenn es hart ist, in einer Welt zu leben, die immer noch von Rassismus und Frauenhass geprägt ist, hilft es nicht, wenn Journalistinnen und Journalisten die Taten, die daraus entstehen, kleinreden.“

2. „Bild“ freut sich zu früh
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die „Bild“-Zeitung feiert sich aktuell als „meistzitiertes Medium“. 1.203-mal sei das Blatt laut des „angesehenen Zitate-Rankings von Media Tenor“ im vergangenen Jahr mit Nachrichten, Berichten, Interviews von anderen Medien zitiert worden und damit häufiger als die Zweit- und Drittplatzierten „Spiegel“ und „New York Times“. Problematisch ist jedoch eben jenes Zitate-Ranking besagter Firma, so Steffen Grimberg: „Denn bei Media Tenor handelt es sich um einen Laden, der mit der Kneifzange anzufassen ist.“

3. Einschalten zum Gebet
(sueddeutsche.de, Carolin Werthmann)
Sind angesichts des dramatischen Rückgangs von Kirchenmitgliedern kirchliche Verkündigungssendungen überhaupt noch zeitgemäß? Mit diesen und anderen Fragen zur medialen Präsenz von Kirchen beschäftigt sich Carolin Werthmann bei Süddeutsche.de.

4. Türkisches Gericht verurteilt Journalistin wegen Diffamierung
(faz.net)
Die türkische Journalistin Pelin Ünker war an der internationalen Recherche über Briefkastenfirmen und Steueroasen („Paradise Papers“) beteiligt. Ihre Arbeit an dem Projekt führte unter anderem dazu, dass der damalige Ministerpräsident Binali Yildirim aufflog. Nun ist Ünker in der Türkei zu rund einem Jahr Haft verurteilt worden — wegen „Beleidigung“.

5. Nach mir die Sintflut
(kontextwochenzeitung.de, Willi Germund)
Der Journalist und Auslandskorrespondent Willi Germund wundert sich nicht über den Fall „Claas Relotius“: „Die Relotius-Methode ist zumindest in der Auslandsberichterstattung weder neu noch eine Erfindung des tiefgestürzten Lieblings der deutschen Lobpreisungs-Industrie und Talkshows. Sie wurde spätestens an dem Tag geboren, an dem Printmedien beschlossen, Reporter aus der Heimatredaktion bei Krisenfällen oder speziellen Geschichten loszuschicken.“

6. „Niveau ist kein Maßstab“
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio: 8:24 Minuten)
Für die satirische TV-Serie „Labaule & Erben“ hat Harald Schmidt die Welt der fiktiven Verlegerfamilie Labaule ersonnen (zu sehen in der ARD-Mediathek). Im „Deutschlandfunk“ spricht Schmidt über sein Erfolgsrezept als TV-Unterhalter und erzählt, wie er reagierte, als er vom Betrugsfall „Claas Relotius“ hörte (der Ähnlichkeiten mit einem Betrugsfall in Schmidts Miniserie hat): „Ich sank auf die Knie, entzündete eine Kerze und dankte dem Seriengott für dieses einmalige Geschenk.“
Weitere Leseempfehlung: Die TV-Kritik von Joachim Huber beim „Tagesspiegel“: Die ganze Welt ist Ärger.

Ein unfassbarer Fall

Manchmal gibt es so Glückstage in der „Bild“-Redaktion, da gleicht die Titelseite am Ende einem vollen Spielschein beim Themenbingo:

Ausriss Bild-Titelseite - Abgeschoben, Einreisesperre, illegal zurück - Und trotzdem Stütze! Der unfassbare Fall von Asyl-Bewerber Alassa M. und wie die Politik versagt hat

Auf fast einer ganzen Seite berichtete die Zeitung am vergangenen Freitag im Blatt über den „unfassbaren Fall“ eines Mannes aus Kamerun, der sich laut „Bild“ so darstellt:

Trotz Einreiseverbot und eines abgelehnten Asylverfahrens kam M. vor zwei Wochen nach Stuttgart, beantragte Asyl und lebt nun auf Staatskosten in Karlsruhe.

Mehr noch:

Als am 30. April ein Togolese abgeschoben werden soll, organisiert Alassa M. mit anderen einen Aufstand gegen die Polizei. Erst drei Tage später und mit 500 Beamten kann die Polizei die Abschiebung durchsetzen. Es kommt zu Tumulten. Wieder mittendrin: Alassa M. Am 20. Juni wird dann schließlich auch M. abgeschoben — nach Mailand, Italien, das für ihn zuständige Land. Die deutsche Ausländerbehörde verhängt ein Einreiseverbot.

Ein Randalierer, der abgeschoben wurde, gegen den ein Einreiseverbot verhängt wurde, und der jetzt wieder dem deutschen Staat auf der Tasche liegt — das perfekte Aufreger-Thema eines noch jungen Jahres!

Es gibt allerdings Gründe, an dieser Version der Geschichte zu zweifeln: Die Anwälte von Alassa M. halten die Berichterstattung von „Bild“ nämlich für so falsch, reißerisch und „aufhetzend“, dass sie nicht nur zivilrechtliche Schritte, sondern gleich auch noch Strafanzeige gegen den Axel-Springer-Verlag angekündigt haben.

Zum einen kritisieren sie in ihrer Pressemitteilung einige Fakten, die von „Bild“ falsch dargestellt worden seien:

Die Behauptung von „Bild“, der Asylantrag von Alassa M. in Deutschland sei „abgelehnt“ worden („wie 99 Prozent aller Asylanträge aus Kamerun“), sei insofern falsch, als dass die deutschen Behörden den Asylantrag überhaupt nicht geprüft hätten, weil sie sich nach dem Dublin-III-Abkommen für nicht zuständig erklärt hätten. Nach diesem Abkommen ist das EU-Land zuständig, in das ein Geflüchteter als erstes eingereist ist — im Falle von Alassa M. war das Italien, weswegen er dorthin abgeschoben wurde.

Die Behauptung, Alassa M. sei „entgegen einem bestehenden Einreiseverbot“ wieder eingereist und habe sich damit strafbar gemacht („Hat sich M. mit seiner Wiedereinreise strafbar gemacht? Ganz klar: Ja!“), sei schlicht falsch: Das Einreiseverbot sei auf sechs Monate befristet gewesen, diese Frist zum Zeitpunkt seiner Wiedereinreise abgelaufen. Sogar „Bild“ schreibt, Alassa M. sei am 20. Juni 2018 abgeschoben worden und am 21. Dezember wieder „aufgetaucht“. Weil er seinen Asylantrag in Ellwangen gestellt hatte, musste er laut seinen Anwälten auch wieder nach Ellwangen, um dort seinen Asylfolgeantrag zu stellen, den er außerhalb der Bundesrepublik nicht hätte stellen können. Rainer Wendt, Chef einer deutschen Polizeigewerkschaft, lässt sich von „Bild“ zu dem Fall so zitieren: „‚Der Mann gehört sofort hinter Gitter. Er hat einen Rechtsbruch begangen. Er führt unseren Rechtsstaat vor.'“

Die Behauptung von „Bild“, Alassa M. habe im April mit anderen einen „Aufstand“ „organisiert“ und sei im Mai bei „Tumulten“ „wieder mittendrin“ gewesen, ist offenbar so falsch, dass sich die Staatsanwaltschaft Ellwangen und das Polizeipräsidium Aalen gezwungen sahen, eine gemeinsame Pressemitteilung zu veröffentlichen, in der sie mitteilen, dass „keine Hinweise auf eine unmittelbare Beteiligung des Herrn M. an den Vorkommnissen“ vorlägen: „Gegen Herrn M. wurden weder nach dem Vorfall am 30. April 2018 noch nach dem Polizeieinsatz am 3. Mai 2018 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.“

Und auch an dieser Formulierung in einem Kommentar von „Bild“-Redakteur Hans-Jörg Vehlewald stoßen sich die Anwälte:

Und sein Anwalt verklagt sogar die Polizisten, denen sich sein Schützling letzten Mai in den Weg stellte, als sie Recht durchsetzen wollten.

So habe die Kanzlei den Dienstherrn der Polizei verklagt, also das Land Baden-Württemberg: „auf Feststellung, dass der Großeinsatz der Polizei in der [Landeserstaufnahmestelle] Ellwangen vom 3. Mai 2018 vom Polizeigesetz nicht gedeckt, völlig unverhältnismäßig und daher rechtswidrig war.“

Neben dieser inhaltlichen Kritik fordert die Gelsenkirchener Kanzlei Meister und Partner von „Bild“ und Bild.de auch, die Behauptungen über ihren Mandanten nicht mehr weiter zu verbreiten — dabei solle Bild.de nicht nur die beanstandeten Passagen und die Fotos löschen, auf denen Alassa M. und die Unterkunft, in der er sich zur Zeit aufhält, zu sehen sind, sondern die gesamten Artikel entfernen, weil M. unzulässig herausgepickt und an den Pranger gestellt worden sei.

Sein Rechtsanwalt Frank Stierlin erklärte uns gegenüber: „An unserem Mandanten soll ein Exempel statuiert werden!“ Den Grund dafür sieht er darin, dass Alassa M. nach einer Razzia in der Flüchtlingsunterkunft, die zu gewaltsamen Protesten der Bewohner geführt hatte, eine Demo organisiert, das Land Baden-Württemberg verklagt und der Polizei dabei Rassismus vorgeworfen habe (siehe dazu auch diesen Bericht in „SWR Aktuell“ vom 7. November 2018).

Bereits am 30. Dezember hatte „Bild“ unter Berufung auf einen SWR-Artikel über die Rückkehr von Alassa M. nach Deutschland berichtet, wobei allerdings aus dem „Mitorganisator der Asylbewerber-Demo“ (SWR) ein „Rädelsführer“ („Bild“) wurde.

Rechte Medien wie die „Junge Freiheit“ („Einer der Rädelsführer des Asylbewerberaufstands von Ellwangen ist nach seiner Abschiebung wieder zurück in Deutschland.“) und „Die Achse des Guten“ („Im Mai 2018 war Alassa M. als einer der Rädelsführer einer Zusammenrottung von Flüchtlingen identifiziert worden, welche die Polizei an der Abschiebung eines Togoers hinderten.“) griffen das Thema natürlich gerne auf, aber auch seriösere Medien machten mit. So schrieb Welt.de:

Einige der damaligen Rädelsführer wurden anschließend abgeschoben, so auch Alassa M. aus Kamerun, der im Juni 2018 nach Italien ausreisen musste.

Und „Der Westen“, das junge Portal der Funke-Mediengruppe, wollte offenbar sogar die erste „Bild“-Berichterstattung toppen:

Er sorgte im April letzten Jahres für einen Skandal: Asylbewerber Alassa M. (29) aus Kamerun.

Der junge Mann war 2017 nach Deutschland gekommen. Er beantragte Asyl, das aber abgelehnt wurde. So kam er in eine Flüchtlingseinrichtung in Ellwangen.

Als dort ein Tongolese abgeschoben werden sollte, zettelte Alassa M. gemeinsam mit anderen Flüchtlingen einen Aufstand an. Alassa M. galt als Rädelsführer der Aktion, bei der sich die Bewohner drei Tage im Heim verschanzten, Polizisten angriffen und Fahrzeuge der Beamten demolierten.

Auch nach der „unfassbaren“ Titelgeschichte vom vergangenen Freitag blieb „Bild“ am Ball: Die Zeitung befragte für die Samstag-Ausgabe „eine Regierungssprecherin“ („Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich zu diesem konkreten Einzelfall keine Stellung nehmen kann …“) sowie den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) und brachte gestern ein „Interview“ mit Alassa M.:

Ausriss Bild-Zeitung - Skandal-Asylbewerber Alassa M. spricht in Bild - So einfach kam ich zurück nach Deutschland

Wie uns seine Anwälte erzählen, habe sich „Bild“ das Interview „erschlichen“: Personen, die sich nicht als Journalisten vorgestellt, sondern als Unterstützer des Asylrechts ausgegeben hätten, hätten sich mit Alassa M. unterhalten und seine Äußerungen anschließend aufgeschrieben. „Wenn er gewusst hätte, dass das für ‚Bild‘ ist, hätte er natürlich nie mit denen gesprochen!“

Das hätte Alassa M. auch nicht gemusst, denn er hatte bereits am vergangenen Samstag eine Erklärung veröffentlicht (nachzulesen unter anderem bei labournet.de (PDF)), in der er auf über zwei Seiten der „Bild“-Zeitung „Hetze“ vorwirft und seine Sicht auf die Geschichte beschreibt.

Er schließt mit drastischen Worten:

Die Veröffentlichung meines Fotos ohne meine Zustimmung ist eine ungeheurliche [sic!] Verletzung meiner Persönlichkeitsrechte. Habe ich keine Rechte mehr? Will man die faschistischen Kräfte auf mich hetzen, wie in Chemnitz? Gegen diese Verletzung meiner Rechte protestiere ich entschieden und werde juristisch vorgehen. Wäre ich ein Krimineller, dann hätten sie mich doch längst verhaften können und ins Gefängnis gebracht, oder? Es ist so wie es in einem Spruch in meinem Dorf heißt: Der Totentischler hat allein das Interesse an der Steigerung der Todesrate („the coffin seller only wants to increase the mortality rate“).

Davon findet sich in „Bild“: nichts.

Wir haben bei „Bild“ nachgefragt, was die Redaktion zur inhaltlichen Kritik der Anwälte sagt, ob ihr schon juristische Schritte bekannt sind, und wie das „Interview“ mit Alassa M. zustande gekommen ist. Die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags bat uns um Verständnis, „dass wir uns zu redaktionellen Vorgängen und Entscheidungen grundsätzlich nicht äußern“. Die von Alassa M.s Anwälten beanstandeten Artikel sind nach wie vor online.

Mit Dank an Wolfgang F. für den Hinweis!

„Bild“ richtet Mittelfinger auf Unfallopfer

Kurz vor Weihnachten fuhr ein 20-Jähriger nahe Aachen (mutmaßlich mit stark überhöhter Geschwindigkeit) in das Auto einer Familie — die Mutter und ihre beiden Kinder starben noch am Unfallort. Zwei Mitfahrer des 20-Jährigen starben ebenfalls.

Doch das Schicksal der Menschen, die bei dem Crash völlig unverschuldet ums Leben kamen, interessiert ihn offenbar nicht.

… schrieb „Bild“ gestern, denn:

Ausriss Bild-Zeitung - Marvin H. verursachte Crash mit fünf Toten - Er beleidigt die Opfer mit dem Mittelfinger
Screenshot Bild.de - Fünf Menschen sind tot, weil er ein illegales Rennen fuhr - Marvin zeigt allen den Mittelfinger

(Augenbalken von „Bild“, restliche Unkenntlichmachung von uns. Ob es ein illegales Rennen war, steht im Übrigen noch gar nicht fest.)

Doch das Foto hat er nicht etwa öffentlich gepostet oder an die Hinterbliebenen der Opfer gesendet, wie „Bild“ in den Überschriften suggeriert — sondern privat per Whatsapp an Freunde geschickt.

Das erfahren aber nur zahlende Kunden, alle anderen müssen davon ausgehen, dass er den Mittelfinger „allen“ zeigt oder gar gezielt „die Opfer beleidigt“. Schaut man sich die Facebookseite von „Bild“ an, wird auch klar, dass viele Leser es genau so verstanden haben: Dass er das Foto öffentlich gepostet oder sogar direkt an die Hinterbliebenen geschickt hat. Und dann malen sie sich aus, auf welche Weise sie ihn foltern und ermorden würden, und fragen, ob jemand die Adresse des Krankenhauses hat, damit man die Sache selbst in die Hand nehmen könne.

Dass „Bild“ dieses Foto aus einem privaten Chat veröffentlicht, ist übrigens auch insofern bemerkenswert, als „Bild“-Chef Julian Reichelt erst vor wenigen Tagen im Zuge der „Hacker“-Berichterstattung sagte:

Dass wir dabei auch höchst private Daten bis zu Familienfotos oder privaten Chats sichten müssen, gefällt uns selbst nicht. Nutzen werden wir solche sensiblen Daten aber in keinem Fall, nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit Dank an Feli D. für den Hinweis!

Teures Daten-Leck, Blick in die Glaskugel, Facebooks „Welt“-Sicht

1. „Der Hacker wird zumindest wirtschaftlich seines Lebens nicht mehr froh“
(spiegel.de, Sonja Peteranderl)
Im Fall des Datenleaks ist ein 20-jähriger Mann aus Mittelhessen geständig. Sollte er tatsächlich hinter dem Leak stecken, drohen ihm eine Gefängnisstrafe und hohe Forderungen nach Schmerzensgeld, wie Rechtsanwalt Peter Hense erklärt: „Der Hacker wird zumindest wirtschaftlich seines Lebens nicht mehr froh. Wir reden von hohen sechsstelligen Beträgen — wenn das ausreicht.“ Doch auch die Leaks zu teilen, sei illegal.

2. Public Domain Day: Diese Werke sind seit Neujahr gemeinfrei
(netzpolitik.org, Simon Rebiger)
Seit dem 1. Januar sind Werke von allen Künstlern, die 1948 oder früher gestorben sind, ohne urheberrechtlichen Schutz nutzbar. Darunter sind so prominente Personen wie der Reporter Egon Erwin Kisch und der Dadaist Kurt Schwitters und der Komiker Karl Valentin*. Hintergrund: Die sogenannte Regelschutzfrist schützt Werke für 70 Jahre nach dem Todestag des Urhebers. Danach dürfen sie ohne Genehmigung verwendet oder veröffentlicht werden — ob im Original, als bearbeiteter Remix oder zum Beispiel auf Wikipedia.
*Update, 17. Januar: Der Verwalter des urheberrechtlichen Nachlasses von Karl Valentin hat sich bei uns im Auftrage der Erben Valentins gemeldet, um uns mitzuteilen, „dass bei Karl Valentin eben alles irgendwie ein wenig anders ist“, und weist auf den folgenden Umstand hin: „Tatsächlich besteht der Urheberrechtsschutz an den Werken von Karl Valentin über den 01.01.2019 hinaus fort, soweit Liesl Karlstadt als Miturheberin beteiligt war. In diesem Fall läuft die urheberrechtliche Schutzfrist bis 70 Jahre nach dem Tod des zuletzt versterbenden Miturhebers. Da Liesl Karlstadt erst 12 Jahre später als Karl Valentin gestorben ist, dauert insoweit der Urheberrechtsschutz also noch bis Ende des Jahres 2030.“

3. Facebook sperrt Nutzer, die WELT-Artikel geteilt haben
(welt.de)
Einige Facebook-Nutzer, die in den vergangenen Tagen einen älteren „Welt“-Artikel teilten („So viel Nazi-Ideologie steckt im Islamismus“, Clemens Wergin, 2014), bekamen vom Netzwerk böse Nachrichten: Der Artikel sei entfernt worden, da er „nicht den Gemeinschaftsstandards“ entspreche. Teilweise wurde eine Facebook-Sperre von bis zu 30 Tagen verhängt. Die „Welt“ hat bei Facebook nachgefragt, was der genaue Grund für die Sperre sei. Die Antwort: Für die Nutzersperrungen sei ein „Fehler in der künstlichen Intelligenz“ verantwortlich. Ein eingebettetes Foto sei fälschlicherweise als IS-Propaganda eingestuft worden.

4. „Schnell zu agieren geht nur allein“
(taz.de, Tobias Schulze)
Politikberater Martin Fuchs hält Twitter für das wichtigste Instrument der politischen Kommunikation in Deutschland: „Es gibt keinen anderen Kanal, auf dem Politikerinnen und Politiker so schnell agieren und Themen setzen können. Natürlich wird man dort nur von einer kleinen Diskurs-Elite wahrgenommen, von Journalisten zum Beispiel, aber das sind die Leute, die den Diskurs treiben.“ Im Interview mit der „taz“ spricht Fuchs über gelungene Twitter-Verwendung, das Vieraugenprinzip und die Causa „Habeck“.

5. Warum der ORF nicht die Hälfte seiner Zuschauer verloren hat
(dwdl.de, Timo Niemeier)
„DWDL“ berichtet zukünftig wöchentlich über die wichtigsten Ereignisse aus Österreich. In der ersten Ausgabe des Österreich-Updates geht es um die Frage, wieso der ORF nicht, wie von der „Krone“ behauptet, die Hälfte seiner Zuschauer verloren hat. Außerdem dabei: Gute Quoten für Neustarts, und ATV bestätigt den Termin für sein neues Box-Format.

6. Was Social-Media-Experten von 2019 erwarten
(joca.me, Jörgen Camrath)
Was erwartet uns 2019 im Bereich der sozialen Medien? Wie in den vergangenen Jahren hat Jörgen Camrath sich in der Branche umgehört und einige Experten und Expertinnen in die Glaskugel schauen lassen.

Julian Reichelts „investigative journalistische Handwerkskunst“

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat heute bei einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass es einen Tatverdächtigen zum Diebstahl der Daten zahlreicher Prominenter und Politiker gebe. Der Mann sei geständig.

Wenige Stunde vor der Pressekonferenz des BKA ist die aktuelle Folge des Podcasts von Gabor Steingart erschienen. Sein Gast: Julian Reichelt. Mit ihm sprach Steingart gestern Abend über den Datenklau. Und der „Bild“-Chef zeigt in knapp 22 Minuten eindrucksvoll, wie häufig man treffsicher mit Mutmaßungen und Behauptungen danebenliegen kann.

  • Zum möglichen Täter

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Das BKA sagt heute: Der 20-Jährige sei Schüler ohne besondere technische Ausbildung oder Informatikstudium. Er habe sich das nötige Wissen durch Computeraffinität und viel Zeit draufgeschafft. Er lebe noch bei seinen Eltern in Mittelhessen. Immerhin: Von Pizza, Cola light, Keller und anderen Reichelt’schen Hacker-Klischees war nicht die Rede.

(an dieser Stelle beweist auch Gabor Steingart seine Expertise, als er schlussfolgerte: „Sprechen wir noch mal über das Handwerk, die Professionalität. Wenn man sich die Seite selber anschaut, es sieht nicht aus danach, dass Schüler ein paar E-Mails gehackt haben.“)

  • Zu möglichen Komplizen

Julian Reichelt im Podcast:

Der Umfang des Materials einerseits und die Liebe zum Detail, mit der dieses Material aufbereitet worden ist, mit Überschriften versehen worden ist, verschlagwortet ist, geordnet worden ist, deutet schon darauf hin, dass es sich um eine größere Zahl von Personen handelt und vor allem eine professionell vorgehende große Anzahl von Personen, die dieses Material aufbereitet hat.

Steingart fragt nach, wie viele Beteiligte Reichelt vermutet. Der „Bild“-Chef:

Wir haben es hier mit sehr aktuellen Daten zu tun, mit sehr vielen aktuellen Daten, die sehr liebevoll aufbereitet worden sind. Deswegen würde ich, sozusagen als interessierter, hochinteressierte Laie, was die Aufbereitung von Daten angeht, da schon eher auf eine gut zweistellige Zahl von Personen tippen, die sich damit beschäftigt haben muss

Das BKA sagt heute: Alles deute auf einen Einzeltäter hin.

  • Zu einer möglichen staatlichen Unterstützung

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Das BKA sagt heute: Es gebe keine Hinweise für staatliche Unterstützung.

  • Zum möglichen Motiv

Julian Reichelt im Podcast:

Meine große Schlussfolgerung daraus ist, dass in enorm vielen Daten enorm wenig, so gut wie gar kein wirklich brisantes, skandalöses Material dabei war, was diese Aussage stützen würde, die ja da betrieben werden soll: Die Politik ist korrupt, die Politik ist verkommen, wir können uns auf unsere Politiker nicht verlassen, es gibt düstere Absprachen hinter den Kulissen, es gibt vielleicht Absprachen zwischen Medien und Politik. All das, was dort forciert werden soll oder routinemäßig bei solchen Hacks und Leaks forciert werden soll, das, muss man sagen, konnten wir dort nicht entdecken.

Das BKA sagt heute: Der Verdächtige habe angeben, „aus Verärgerung über öffentliche Äußerungen der betroffenen Politiker, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens gehandelt zu haben.“

***

Gabor Steingart kündigte das Gespräch und seinen Gesprächspartner übrigens so an:

Der Datenklau und seine Folgen — dazu habe ich mit dem Mann gesprochen, der auf diesem Datenschatz jetzt sitzt und ihn mit einem Expertenteam derzeit nach allen Regeln der investigativen journalistischen Handwerkskunst auswertet. (…)

Der „Bild“-Chefredakteur, ein erfahrener Enthüller und ehemaliger Kriegsreporter, gibt freizügig Auskunft über seine Arbeit. Und, bei allem Nebel, den der Fall noch umgibt, erkennen wir jetzt in diesem Gespräch die Dimension einer Tat, die womöglich deutlich größer ist als das, was die Bundesregierung uns als Wahrheit zugestehen will.

Schwer zu sagen, was lustiger ist: Steingarts verschwörerisches Geraune oder Reichelts angebliche „investigative journalistische Handwerkskunst“.

Habecks Ausstieg, Rheinterrorblog, „Nazis raus“ und die Folgen

1. Bye bye, twitter und Facebook
(robert-habeck.de)
Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck geriet wegen unglücklicher Formulierungen in Wahl-Videos bereits das zweite Mal in Twitter-Turbulenzen. Zum selbstgemachten Digital-Ungemach gesellte sich ein unverschuldetes: Unbekannte verbreiteten via Twitter private Daten von ihm und seiner Familie. Nun hat sich Habeck in einem radikalen Schritt von den sozialen Medien verabschiedet und seine Twitter- und Facebook-Präsenzen stilllegt.
Weitere Lesetipps: Auf „Indiskretion Ehrensache“ kritisiert Thomas Knüwer Habecks Reaktion. Und Wolfgang Michal hält der „FAZ“ den Spiegel vor, indem er bei einem Anti-Twitter-Text spaßeshalber das Wort „Twitter“ durch „FAZ“ ersetzt. Beim „Deutschlandfunk“ beschäftigen sie sich mit digitalem Stress durch soziale Medien, der Sucht nach Nachrichten und der Gegenbewegung „Data Detox“.

2. Leser als „Versuchskarnickel“
(sueddeutsche.de, Stefan Mayr)
Vergangenes Jahr veröffentlichte Hardy Prothmann, Betreiber des „Rheinneckarblogs“, eine Falschmeldung mit dem Titel „Massiver Terroranschlag in Mannheim“. Vom „bisher größten Terroranschlag in Westeuropa“ war die Rede, bei dem 50 Angreifer „mit Macheten und Messern“ Passanten attackiert und dabei 136 Menschen getötet und 237 verletzt hätten. Das sei jedoch nur ein Zwischenstand: Die Metzelei auf Mannheims Straßen sei noch nicht beendet. Für weitere Informationen musste man ein (Probe-)Abo abschließen. Um danach zu erfahren, dass alles frei erfunden war. Prothmann hatte dafür einen Strafbefehl über 9.000 Euro erhalten, gegen den er sich gerichtlich zur Wehr setzte. Keine gute Idee: Das Amtsgericht Mannheim verurteilte den Blogbetreiber nun zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro. Prothmann ist sich weiterhin keiner Schuld bewusst und kündigte noch im Gerichtssaal Berufung an.

3. Kann eine Künstliche Intelligenz sich verschiedene Spiele selbst beibringen? Können Menschen mit dem Uterus einer Toten schwanger werden? Werden Spenderorgane bald von geneditierten Schweinen stammen? Science Media Newsreel No. 34 (03.12. bis 09.12.2018)
(meta-magazin.org)
Es ist immer wieder überraschend, welche Wissenschaftsthemen den Sprung von den Fachjournalen in die breite Berichterstattung schaffen. Im „Science Media Newsreel“ werden jede Woche die Themen dokumentiert, die in mehr als fünf unterschiedlichen Redaktionen mit textlich nicht identischen Berichten aufgegriffen wurden.


4. Ein „Nazis raus“ und seine Folgen
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
Seit Jahrzehnten existiert der Spruch „Nazis raus“, eine Gegenreaktion zur rechtsradikalen „Ausländer raus“-Parole. Nachdem Nicole Diekmann, Korrespondentin aus dem ZDF-Hauptstadtbüro, den „Nazis raus“-Spruch twitterte, geriet sie ins Visier der Rechten und erhielt zahlreiche Hassnachrichten sowie Mord- und Vergewaltigungswünsche. Diekmann hat sich für ein paar Tage von Twitter verabschiedet, dem Kanal, auf dem ihr so viel Hass, aber auch Solidarität begegnete.


5. Wie Verlage mit den letzten Printleserinnen Roulette spielen
(infosperber.ch, Catherine Duttweiler)
Man möchte meinen, dass sich Zeitungsverlage besonders hingebungsvoll um die letzten Printliebhaber kümmern. Was die Zuverlässigkeit der Zustellung und den Umgang mit Pannen anbelangt, ist dies jedoch nicht immer der Fall, wie Catherine Duttweiler aus der Schweiz berichtet.

6. Diese 10 Instagram-Accounts gingen im Dezember durch die Decke
(horizont.net, Giuseppe Rondinella)
„Horizont“ hat die letztmonatlichen Wachstumsraten aller deutschsprachigen Instagram-Kanäle ab 100.000 Follower analysieren lassen und daraus eine Top-10-Liste gebildet. Führend sind der 18-jährige Rapper Mero und der Sänger Lucas Cordalis. Profitieren konnten aber auch die Geschwister von Instagram-Berühmtheiten, die von ihren Brüdern und Schwestern ordentlich gepusht wurden.

What the Hack!

Über den Diebstahl der Daten von deutschen Politikern und Medienschaffenden war noch kaum etwas bekannt, da hatte „Bild“ schon einen Verdacht.

Normalerweise ist das eine Methode der Hacker des russischen, auf Cyberkrieg spezialisierten Militärgeheimdienstes GRU.

Als Urheber oder Unterstützer kämen Staaten wie Russland und China infrage, hieß es zunächst. Besonders Russland steht im Verdacht, seit Jahren massiv Hackerangriffe auf Deutschland zu befehlen. Auch ein Zusammenwirken Russlands mit rechtsextremen deutschen Gruppen sei nicht auszuschließen.

Dass ausgerechnet keine Daten der rechtspopulistischen und kremlnahen AfD veröffentlicht wurden, könnte laut Gaycken auch eine falsche Fährte sein, um die Hintermänner der Attacke im russischen Sektor zu verorten. Oder eben ein Hinweis auf die Beteiligung russischer Kräfte im Hintergrund.

Bei russischen Geheimdiensten heißt solches Material „Kompromat“ — Erpressungs-Material.

Dritte Spur: der russische Militärgeheimdienst GRU. Putins Cyberkrieger hackten sich bereits ins Bundestagsnetz. Reste dieser Angriffe könnten jetzt für den erneuten Daten-Angriff genutzt worden sein

Schon 2017 warnte General Michael Hayden, Ex-Direktor der CIA, in BamS vor Hacker-Attacken aus Russland: „Ihr Deutschen solltet euch Sorgen machen!“

***

Auch Politik-Redakteur Julian Röpcke kam schon früh auf Russland zu sprechen:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: You didn't see me using the word Russia so far as there is no evidence for its involvement so far. But what I can say is that hackers needed months if not years to collect, inspect, categorize and describe the leaked data, pointing at a group of high professionalism.

Die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz, widerspricht Röpcke heute in der „FAZ“: Es gebe „kaum Indizien dafür, dass es sich um einen großen Hack handeln könnte. Auch deutet nichts darauf hin, dass die Verantwortlichen mit besonderer technischer Expertise vorgegangen wären.“

***

Röpcke ist bei „Bild“ einer der Hauptautoren in dem Fall, atemlos schreibt und twittert er seit Tagen darüber. Schon wenige Stunden nach Bekanntwerden behauptete er:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: The leaked data, which was illegally collected until October 2018 and released December 2018, but just found now, is still publicly available. I searched through it 5 hours last night, read maybe three percent of it and already found cases of corruption and bad political scandals.

Doch selbst heute, über drei Tage später, ist immer noch unbekannt, welche „cases of corruption“ und „bad political scandals“ Röpcke da entdeckt haben will. Oder ob er sich das einfach nur ausgedacht hat. Das Wort „corruption“ nahm er später zurück und ersetzte es durch „nepotism“. Belege bleibt Röpcke aber bis jetzt schuldig. In der gedruckten Ausgabe vom Samstag widersprach ihm selbst das eigene Blatt. Auf die Frage „WIE BRISANT IST DAS MATERIAL?“ antwortete „Bild“:

Nach erster Einschätzung sind keine Skandal-Akten dabei.

***

Röpckes größter scheinbarer Scoop erschien gestern bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Cyber-Alarm in Deutschland - Die Spur der Hacker - Exklusiv! Bild-Recherchen enthüllen brisante Details

„Bild“ habe „Unglaubliches“ recherchiert, heißt es da:

BILD-Recherchen führen nun zu einem Hacker, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile [von denen die Daten veröffentlicht wurden] ist.

Doch das, was dann „nach BILD-Informationen“ und „laut BILD-Recherchen“ „exklusiv“ folgt — vieles davon stand mehr als einen Tag zuvor bereits bei „RT“. Darunter auch der Name des „Hackers, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile ist“, die Namen der Plattformen, auf denen er aktiv sein soll, der Name der Person, deren Profilbild er verwendet, und so weiter. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.

***

In ihren Artikeln liefern Röpcke und „Bild“ dabei immer so viele Details und Screenshots zu den veröffentlichten Daten und den Seiten, auf denen sie veröffentlicht wurden, dass es für die Leserschaft ein Leichtes ist, sie selbst zu finden. Heute schreibt „Bild“:

Allein eine Datei mit dem Namen […] wurde seit Sonntag mehr als 3000 mal aufgerufen. Hinter ihr verbergen sich funktionierende Links zu mehr als 1000 Datensätzen von Politikern und Prominenten. Es ist davon auszugehen, dass sich am Sonntag und Montag abermals Hunderte die illegal erbeuteten Informationen auf ihre Rechner herunter luden.

Kein Wunder. Dank „Bild“ wussten sie genau, wonach sie suchen mussten.

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Der größte Witz zum Thema aber kam mal wieder vom „Bild“-Chef persönlich:

Wie geht Bild mit den Daten um? Bild-Chef Julian Reichelt: Es geht um enorme Mengen von Daten, die offensichtlich mit der Absicht verbreitet werden, Politiker als angreifbar, korrupt oder unanständig darzustellen. Dennoch gehört zu unserem journalistischen Auftrag, das Material zu sichten und auszuwerten - nicht in Bezug auf moralische Verfehlungen, sondern mit Blick auf mögliche strafbare Handlungen, illegale Absprachen oder Bestechlichkeit. Das ist unsere Pflicht als freies Medium. Dass wir dabei auch höchst private Daten bis zu Familienfotos oder privaten Chats sichten müssen, gefällt uns selbst nicht. Nutzen werden wir solche sensiblen Daten aber in keinem Fall, nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit Dank an Moritz H., Michael E. und Benno S.!

Nachtrag, 8. Januar: Heute hat das BKA einen Verdächtigen festgenommen. Es ist nach ersten Erkenntnissen kein russischer Militärgeheimdiensthackerspion, sondern ein 20-jähriger Schüler aus Mittelhessen.

Und Moslem ist er auch noch

Franck Ribéry, Fußballer beim FC Bayern München, hat im Familienurlaub in Dubai ein Steak gegessen, das mit Gold umhüllt war, und ein Foto davon in den Sozialen Medien gepostet, was zu heftigen Vorwürfen und Anfeindungen gegen ihn führte, und was ihn wiederum dazu verleitete, unter anderem zu antworten: „F*ckt eure Mütter, eure Großmütter und auch euren Stammbaum.“

Nun ja.

Seit den Beleidigungen durch Ribéry fordert Matthias Brügelmann, Chefredakteur des „Bild“-„Sport-Kompetenzcenters“ (ja, das heißt wirklich so), vehement dessen Rauswurf — was aber nicht gefruchtet hat, denn der FC Bayern München sprach lediglich eine Geldstrafe aus.

Nun mag Franck Ribérys Hang zu Beschimpfungen und vergoldeten Steaks vielfältige Gründe haben. Seine Religion dürfte dabei allerdings nicht von Bedeutung sein. Bei Bild.de bringen sie sie heute dennoch auf der Startseite ins Spiel:

Screenshot Bild.de - Für sie konvertierte er zum Islam - Welche Rolle Ribérys Frau Wahiba spielt

Hinter der Bezahlschranke steht dann auch nichts weiter, was Goldsteak und/oder Mütter-Beleidigung mit der Religion verbindet, aber man kann den Islam ja mal in den negativen Zusammenhang bringen. Das hat schließlich im vergangenen Jahr bei „Bild“ schon prima funktioniert.

Gleich zu Beginn des „Bild plus“-Artikels erzählt die Redaktion übrigens von der islamfeindlichen Hetze, der die Familie Ribéry derzeit ausgesetzt ist:

Nachdem Ribéry gestern von den Bayern eine Geldstrafe aufgebrummt bekam, meldete sich seine Frau wieder zu Wort. Bei Instagram postete sie Beleidigungen, die sie selbst im Netz erhalten hatte.

Ein „Bayern-Fan“ hatte geschrieben: „Verschwinde aus Deutschland, verdammte islamische Schlampe.“

Bei Bild.de haben sie mit ihrer heutigen Dachzeile wieder mal etwas dafür getan, dass solche Nachrichten so bald nicht aufhören.

Mit Dank an noir, Sven B. und @migrokosmos für die Hinweise!

Datenleck, Geldverbrenner Youtube, Menschenverbrenner DSDS

1. Warum wir nichts über den Hackerangriff berichtet haben und jetzt doch diesen Artikel schreiben
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
„BuzzFeed News Deutschland“ hat sich mit dem letzten großen Hackerangriff beschäftigt und die Erkenntnisse ausnahmsweise nicht in einem Artikel sondern in einem 27-teiligen Twitter-Thread niedergeschrieben. Der Grund: „Wir hatten so viele Fragezeichen, dass wir dachten: Das können wir nicht in einen Artikel packen. Die Menschen wollen von uns Antworten, keine Fragen.“ Nach zahlreichen Reaktionen auf Twitter hat man sich entschieden, der Thematik doch einen Artikel zu widmen.
Weiterer Lesehinweis: Die netzpolitik.org-Analyse: Alles außer AfD: Was wir über das große Datenleck wissen (Markus Reuter).
Der Fall um die geleakten Daten wirft zudem die Frage auf, ob Journalistinnen und Journalisten die privaten Chatverläufe von Politikerinnen und Politikern lesen dürfen. Die Medienforscherin Jessica Heesen sagt dazu in der „taz“: „(…) bei einer Unterhaltung zwischen einer prominenten Persönlichkeit und ihren Familienangehörigen würde ich aus medienethischer Sicht keine ausführliche Analyse betreiben, sondern allenfalls einen kurzen Blick darauf werfen, um den Vorgang einzuordnen. Das muss ausreichen.“
Und zu guter Letzt die Lese-Empfehlung für: „Ups, ich hab‘ ja doch was zu verbergen.“ 5 Lehren für Journalist:innen aus dem #Hackerangriff (medium.com, Daniel Moßbrucker).

2. Youtube Advertising 2018: Welcher Spot hat massiv Geld verbrannt, welcher hat gezündet?
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Christoph Burseg vom Youtube-Analyse-Tool „Veescore“ hat für „OMR“ ausgewertet, welche deutschen Werbetreibenden sich beim Youtube-Marketing geschickt anstellen — und welche Ihr Geld verschwendet haben. Zentrale Fragestellung der Analyse: Wie viele Views benötigt der Advertiser mit seinem jeweiligen Werbevideo, um jeweils einen neuen Abonnenten für seinen Kanal zu generieren? Die Ergebnisse reichen von grotesk viel bis überraschend wenig.

3. Kachelmann: „Ich arbeite für den MDR, nicht die ARD“
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jörg Kachelmann moderiert an der Seite von Kim Fisher seit dem 4. Januar wieder die MDR-Talkshow „Riverboat“. Im „DWDL“-Interview spricht er über seinen „Fuck the ARD“-Spruch, sein Verhältnis zu vielen Printmedien, seine Ziele und die Angst vorm Scheitern.
Mittlerweile kann sich Kachelmann etwas entspannen, zumindest, was die Quote anbelangt: „The Voice Senior“ endet blass, „Riverboat“ holt mit Kachelmann-Comeback beste Zuschauerzahl seit fast einem Jahr (meedia.de, Jens Schröder).
Hilke Lorenz hat sich die Sendung angeschaut und für die „Stuttgarter Zeitung“ besprochen: Der allzu forsche Herr Kachelmann.

4. Abgründe sind wichtig im Leben
(54books.de, Tilman Winterling)
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat mit der Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg über „Männer und männliche Eigenschaften“ gesprochen und sich unter anderem nach ihren Erfahrungen mit Sexismus erkundigt. Tilman Winterling hat das Interview gelesen und ist dabei nicht aus dem Kopfschütteln herausgekommen.

5. Solidarität für Fabrizio! – Nicht der DSDS-Kandidat war respektlos, sondern die Sendung, die ihn vorgeführt hat.
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der vergangenen Ausgabe von „Deutschland sucht den Superstar“ wurde genußvoll das Scheitern eines schwulen 21-jährigen Kandidaten zelebriert. Vom „respektlosesten Kandidat aller Zeiten“ war danach in den Medien die Rede, die nur zu gern der überdrehten RTL-Inszenierung folgten. Johannes Kram hat näher hingeschaut und erklärt, wie bei „DSDS“ derartige Fremdschäm- und Empör-Elemente eingebaut werden. Sein Resümee: „Der Mut eines jungen Mannes, zu sich selber zu stehen, wurde missbraucht für die Inszenierung einer Vernichtung. Ja, Fabrizio hat sich schlecht geschlagen. Vor allem aber hatte er das Pech, dies in einem Format zu tun, das darauf angewiesen ist, daraus Kapital zu schlagen. Wer hierfür Schadenfreude empfindet oder gar Wut auf den Kandidaten, weil er sich so für dessen peinliches Anderssein schämt, der muss sich fragen lassen, wie peinlich ihm das eigene Anderssein ist.“

6. Kann man die russische Mafia mit Powerpoint erklären?
(faz.net, Allegra Mercedes Pirker)
Die „FAZ“ hat den „Tatort“ vom Sonntagabend einem Faktencheck unterzogen und dazu verschiedene Sachverständige befragt, darunter ein Experte vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, die Sprecherin des Bundeskriminalamts und ein Rechtsmediziner.

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