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Einmal falschen Wal-Spion mit ohne Kamera aus Russland

Die Rechnung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) geht so:

Norwegische Fischer haben am Wochenende einem Wal möglicherweise das Leben gerettet. Vor der Küste von Finnmark im Norden des Landes hatte der Weißwal (Beluga) mehrere Tage lang die Nähe ihres Bootes gesucht. Bei näherer Betrachtung sahen die Männer, dass der Wal Riemen umgebunden hatte. Nach mehreren Versuchen gelang es ihnen, das Tier davon zu befreien.

… plus …

An der Innenseite der Riemen befand sich der Aufdruck „Equipment of St. Petersburg“ (Ausrüstung St. Petersburgs).

… plus …

Außerdem war dort eine Kamera befestigt.

… gleich:

Screenshot Zeit Online mit der dpa-Überschrift - Zahmes Tier mit Kamera - Wal in Norwegen von Zaumzeug befreit - Russischer Spion?

Aber wie das bei Additionen so ist: Ist einer der Summanden falsch, stimmt auch was mit der Summe nicht. Sind zwei Summanden falsch, dann erst recht.

Und wie das mit der dpa so ist: Falsche Fakten, die die Agentur in Umlauf bringt, landen bei sehr vielen Medien.

Erstmal zur angeblich am Riemen befestigten Kamera: Die gibt es nicht. An dem Gurt, von dem die Fischer den Wal befreit haben, soll zwar auch eine Halterung für eine Kamera angebracht gewesen sein, aber keine Kamera. Das bestätigte Audun Rikardsen von der Arktischen Universität in Tromsø — den auch die dpa mit anderen Aussagen zitiert — der BBC:

Prof Rikardsen told the BBC that the harness „was attached really tightly round its head, in front of its pectoral fins and it had clips“. He said there was a GoPro attachment, but no camera.

Und dann zum angeblichen „Aufdruck ‚Equipment of St. Petersburg‘ (Ausrüstung St. Petersburgs)“, der sich „an der Innenseite der Riemen“ befinden soll. Nun könnte man sich natürlich erstmal wundern, dass ein möglicher tierischer Spion von wem auch immer losgeschickt wird mit einem ziemlich klaren Hinweise auf den Auftraggeber. Vor allem aber sollte man sich den Gurt mal genauer anschauen. Dann würde man nämlich sehen, dass der Aufdruck erstens nicht „an der Innenseite“ zu finden ist, sondern auf der Schnalle; und dass er zweitens nicht „Equipment of St. Petersburg“ lautet, sondern „Equipment St. Petersburg“ — also ohne „of“. Das mag nach Erbsenzählerei klingen, ist aber nicht ganz unwichtig: Es gibt eine russische Firma, die Utensilien für Outdoor-Aktivitäten herstellt und verkauft. Ihr Name: Снаряжение, was übersetzt so viel heißt wie „Ausrüstung“ oder „Equipment“. Ihr Sitz: St. Petersburg. Das aktuelle Logo dieser Firma ähnelt bereits ziemlich jenem, das auf der Schnalle des Gurtes zu sehen ist. Das alte Firmenlogo ist exakt jenes, das sich auch auf der Schnalle befindet. Der Aufdruck ist also erstmal nur ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Produkt einer russischen Firma handelt, das jeder kaufen konnte.

Die dpa-Meldung ist mit ihren Fehlern auch bei Bild.de gelandet:

Screenshot Bild.de - Vor Norwegens Küste entdeckt - Ist dieser Beluga Wal ein russischer Spion?

Zusätzlich hat die Bild.de-Redaktion noch ein exklusives Zitat, nun ja, eingeholt:

Joar Hesten, einer der Seeleute, sei mit seinem Kollegen Joergen Ree Wiig ins kalte Wasser gesprungen, als sie den Beluga sahen. Wiig: „Das norwegische Militär hat großes Interesse an der Kamera gezeigt“.

… was etwas überraschend ist angesichts der Tatsache, dass überhaupt keine Kamera gefunden wurde. Bild.de wird doch nicht etwa wörtliche Zitate erfinden?

Mit Dank an Alex und @ReneG_20_19 für die Hinweise!

Nachtrag, 17:39 Uhr: Die dpa hat auf unsere Kritik reagiert und die „Berichterstattung entsprechend berichtigt“.

Es gibt kein Modern-Talking-Comeback

Die — je nach Musikgeschmack — gute beziehungsweise schlechte Nachricht vorweg: Es wird kein Modern-Talking-Comeback geben. Auch wenn viele Medien das heute behaupten:

Screenshot bz-berlin.de - Live-Konzert im August - Dieter Bohlen feiert Modern-Talking-Comeback in Berlin
(bz-berlin.de)
Screenshot derstandard.at - Dieter Bohlen verkündet via Bild Modern-Talking-Comeback
(derstandard.at)
Screenshot Stern.de - Comeback - Modern Talking kehrt zurück - diesmal ohne Thomas Anders - Ende August wird You're My Heart, You're My Soul wieder in Deutschland auf der Bühne zu hören sein: Modern Talking startet ein Comeback. Das kündigte Dieter Bohlen an. Auf Thomas Anders will er dieses Mal aber verzichten.
(Stern.de)
Screenshot Volksstimme.de - Modern-Talking-Comeback mit Dieter Bohlen
(Volksstimme.de)

Was es gibt: Einen geschickten PR-Schachzug von Dieter Bohlen und „Bild“, und zahlreiche Redaktionen, die mal wieder blind hinterherlaufen.

Tatsächlich kündigt „Bild“ heute exklusiv an, dass Dieter Bohlen nach langer Zeit mal wieder in Deutschland auftreten wird. In der Titelzeile auch das Wort „Comeback“:

Ausriss Bild-Zeitung - Nach 16 Jahren! Dieter Bohlen - Comeback als Modern Talking

Gestern Abend bereits gab es die Meldung bei Bild.de, allerdings ohne das Wort „Comeback“:

Screenshot Bild.de - Das erste Konzert nach 16 Jahren - Warum Dieter Bohlen wieder Modern Talking singt und keine Lust mehr auf Thomas Anders hat

Dass „Bohlen wieder Modern Talking singt“ trifft es deutlich besser als das Gerede vom Modern-Talking-Comeback. Denn: Bohlen wird bei seinem Auftritt im August auch Modern-Talking-Songs spielen. Auch. Genauso werde es aber Songs von „Blue System“ zu hören geben oder welche von „Deutschland sucht den Superstar“. Das steht so auf dem Plakat, das den Bohlen-Auftritt ankündigt. Und Dieter Bohlen erzählt es auch im Interview mit Bild.de:

Auf was dürfen sich die Fans freuen?

Bohlen: „Ich habe 21 Nummer-1-Hits — und die wollen die Fans ja hören. Ich habe die Bands früher immer gehasst, wenn sie ihre alten Hits nicht gespielt haben, sondern den aktuellen Mist, den sie selber gerade gut finden. Am Ende kam dann der Hit. Das ist Mist. Daher spiele ich Modern Talking, Blue System aber auch ‚We have a dream‘ von DSDS oder ‚Midnight Lady‘ von Chris Norman. Ein Abend mit den Meilensteinen meiner Karriere.“

„Ein Abend mit den Meilensteinen“ aus Dieter Bohlens Karriere wird zum Modern-Talking-Comeback. Man stelle sich vor, Paul McCartney singt bei „Carpool Karaoke“ Beatles-Songs. Das wäre dann auch kein Beatles-Comeback. Oder Thomas Anders, Bohlens früherer Partner, spielt auf Konzerten die alten Modern-Talking-Sachen. Genau das macht er auch seit Jahren. Und niemand spricht oder schreibt von einem Modern-Talking-Comeback.

Dass bei vielen Medien nun doch von einem solchen Comeback die Rede ist, und dass das Hashtag #ModernTalking bei Twitter trendet, ist vor allem ein Erfolg für Dieter Bohlen und „Bild“. Denn beide wollen an der Sache verdienen. Bohlen, klar, indem er Tickets verkauft. Und die „Bild“-Redaktion ebenfalls, indem sie Tickets (und Abos) verkauft. Denn die gibt es exklusiv bei Bild.de und nur mit einem „Bild plus“-Abo:

Screenshot Bild.de - Diesen Artikel lesen Sie nur mit Bild Plus - Endlich wieder die Songs von Modern Talking live - Hier gibt es die Tickets für Bohlens Mega-Comeback - Mittwoch, 10 Uhr, startet in diesem Artikel der exklusive Vorverkauf für das erste Deutschland-Konzert von Dieter Bohlen seit 2003!

Jan Ullrich und die Vielleicht-Journalisten

Wenn man bei „Zeit Online“ nach „Jan Ullrich“ sucht, findet man aus den vergangenen Wochen vier Beiträge.

Wenn man bei Stern.de sucht, findet man vierundfünfzig.

[Collage mit etwa zwei Dutzend Überschriften von Stern.de]

Als Ullrich nach seinem Ausraster auf Til Schweigers Grundstück erklärte, dass er nun eine Therapie machen wolle, erschien bei Stern.de:

Jan Ullrich - Nach dem Absturz will er eine Therapie machen

Und ein paar Stunden später:

Früherer Radprofi Jan Ullrich will nach Vorfall auf Mallorca Therapie machen

Und ein paar Stunden später:

Für seine Kinder: Jan Ullrich will eine Therapie machen

Als Ullrich ein paar Tage darauf nach einem mutmaßlichen Angriff auf eine Escort-Dame in Frankfurt festgenommen wurde, erschien bei Stern.de:

Jan Ullrich - Er wurde am Morgen in Frankfurt festgenommen

Und ein paar Stunden später:

Jan Ullrich in Frankfurter Luxus-Hotel festgenommen

Und ein paar Stunden später:

Ex-Radprofi Jan Ullrich in Frankfurt festgenommen

Und ein paar Stunden später:

Ex-Radprofi Jan Ullrich in Frankfurt festgenommen

In den Beiträgen (die von verschiedenen Agenturen stammen) steht zwar überall das gleiche, aber hey, mehr Artikel bedeuten schließlich: mehr Klicks.

Und viel mehr Artikel bedeuten viel mehr Klicks. Das weiß niemand besser als das Team von „Focus Online“. Ganze 65 Artikel hat das Portal in den zweieinhalb Jan-Ullrich-Skandal-Wochen veröffentlicht — fast doppelt so viele wie „Zeit Online“ (4), „Spiegel Online“ (12) und FAZ.net (19) zusammen. Und sogar deutlich mehr als Bild.de (43).

Denn „Focus Online“ veröffentlicht nicht nur endlos Agenturmaterial, sondern auch Beiträge von anderen Medien. Zum Beispiel:

Dieser Inhalt wird bereitgestellt von Mallorca Magazin: Mit Bettlaken verhüllt und in Handschellen - Hier wird Jan Ullrich auf Mallorca zum Haftrichter gebracht

Von „GQ“ nacherzählte Witze des „Postillon“ nochmal recyceln. „Focus Online“ weiß eben, wie man mit minimalem Aufwand maximale Klicks einfährt.

Aber: Hin und wieder macht die Redaktion tatsächlich mal was selbst.

Gefallener Radsport-Star - Hier wurde Jan Ullrich festgenommen: Meine Nacht im Frankfurter Luxus-Hotel - Erst Polizeigewahrsam auf Mallorca nach einer Rangelei auf dem Grundstück seines Villa-Nachbarn Till Schweiger, dann Zwangseinweisung in eine Psychiatrie, nachdem er eine Escort-Dame in einem Frankfurter Luxus-Hotel gewürgt haben soll: Die Ausfälle des gefallenen Radsport-Stars Jan Ullrich nehmen kein Ende. FOCUS-Online-Reporter Ulf Lüdeke hat eine Nacht später im selben Hotel übernachtet.

Da schläft also ein Reporter von „Focus Online“ eine Nacht später im selben Hotel, und was passiert? Nix.

Wen man im Hotel zum Vorfall fragt, erklärt freundlich, nichts zu wissen.

Auch am Bar-Tresen, wo man normalerweise viel über das Leben in einem Hotel erfährt, halten sich die Angestellten bedeckt zu den Vorgängen der letzten Nacht.

Was macht der Reporter also? Setzt sich bis nachts an die Bar.

1.30 Uhr, Freitagnacht: Der allerletzte Gast ist aus der Bar verschwunden. Das Klirren der letzten Gläser, die vom Tisch geräumt werden, läutet den Feierabend für die Nachtschicht am Tresen ein. Der Fahrstuhl kommt so geräuschlos, wie der dichte Teppich jeden Schritt im Haus schluckt.

Aber damit „Focus Online“ die „bis zu 6000 Euro“, die hier pro Nacht fällig werden, nicht völlig umsonst ausgegeben hat, schreibt er noch schnell:

Mein Deluxe-Zimmer ist hell und freundlich. 35 Quadratmeter Wohlfühlzone mit Sitzecke und schwerem Holzschreibtisch, ein elegantes Milchglasfenster lässt Licht in das riesige Badezimmer fallen.

Die Matratze vom Doppelbett ist dick und solide. Vielleicht war es genau dieses Bett, auf das sich Ullrich sich mit der Escort-Dame legte?

Vielleicht!

Und vielleicht darf sich der Reporter ja bald über ein Jobangebot der „FAZ“ freuen, denn auch für die ist am wichtigsten, dass sie Zeilen gefüllt bekommt. Was drinsteht, ist wumpe:

Tweet von @hauckundbauer - Für Qualitätsjournalisten ist es z. Zt. nicht ganz leicht, den für die Jan-Ullrich-Berichterstattung vorgesehenen Platz auch vollzukriegen. Dazu ein Zeitungsausriss der FAZ: ... für eine Inhaftierung lägen nicht vor. Ullrichs Anwälte äußerten sich zunächst nicht zu dem Vorfall. Überhaupt ist am Freitag von der Aufregung nichts mehr zu erahnen. Kaum vorstellbar, dass hier in dem Fünf-Sterne-Hotel an der Kennedyallee vor ein paar Stunden noch viel los war. Nun herrscht wieder Ruhe. Wochenend-Gäste checken ein, die Concierges nehmen ihnen die Koffer ab. Im Innenhof schützen Schirmae und ein Baum zwei Gruppen vor der Sonne. Ein Springprunnern plätschert, Wind fährt durch das Blumenbeet. Die einen trinken Kaffee, zwei Asiatinnen essen zu Mittag. Ihr Hund wedelt mit dem Schwanz - ermöchte auch etwas abhaben.

In welchem Ausmaß deutsche Onlinemedien sonst noch über Jan Ullrich berichtet haben, haben wir in dieser Übersicht (PDF, mit Links zu den jeweiligen Artikeln) zusammengestellt:

Dazu auch:

Der schöne Schein und die Ästhetisierung des Krieges

Als Reaktion auf einen mutmaßlichen Giftgasangriff bombardierten die USA unter Beteiligung von Frankreich und des Vereinigten Königreichs am 14. April syrische Einrichtungen bei Damaskus und Homs. Zur Bebilderung der Meldung verwendeten zahlreiche Medien („Spiegel Online“, Berliner-Zeitung.de, Stern.de, Handelsblatt.com, taz.de, ksta.de, MDR.de, „Deutschlandfunk“ und viele weitere) ein und dasselbe Bild der amerikanischen Nachrichtenagentur „Associated Press“, die in Deutschland mit der „dpa“ zusammenarbeitet.

Screenshot Spiegel Online, der die Verwendung des Fotos zeigt - Foto-Beschreibung weiter hinten im Text
Screenshot Berliner-Zeitung.de, der die Verwendung des Fotos zeigt
Screenshot taz.de, der die Verwendung des Fotos zeigt

Kriegsmeldungen zu bebildern, ist mit Sicherheit keine einfache Aufgabe und vielleicht gab es auch nur wenig Auswahl. Dennoch tue ich mich mit diesem Bild schwer.

Das Foto zeigt ein nächtliches Stadtpanorama in warmen Farbtönen mit einem spektakulären Lichtschweif, der weite Teile des Himmels erhellt.

Je nachdem, welcher Ausschnitt von der jeweiligen Redaktion gewählt wurde, ergeben sich stimmungsvolle Kompositionen aus malerischer Stadtkulisse und einem leuchtendem Himmel, der dynamisch von der Diagonale des Leuchtstreifens zerteilt wird. Man könnte durchaus von einem ästhetischen Bild sprechen, das man sich gerne ansieht. Kein Wunder: Bilder von nächtlichen Stadtlandschaften, Skylines und Gewittern sind begehrte Postermotive und werden sogar auf Leinwand angeboten.

Was bei all der visuellen Schönheit in den Hintergrund zu geraten droht: Es handelt sich immer noch um eine Kriegsaktion, mit all den furchtbaren Folgen für die dort lebende Bevölkerung.

Während sich also in Damaskus und Homs die Menschen Sorgen um ihr Leben machen, schauen wir uns romantischen Kriegskitsch an. Fast wie zu Silvester, wo wir dank der jährlichen Überdosis Raclette oder Fondue um Mitternacht schwerfällig nach draußen schwanken und sagen: „Oh, ist das schön!“ Und uns danach wieder in das kuschelige Warm unserer sicheren Wohnung zurückziehen.

Nennt mich streng, nennt mich überkorrekt. Außerdem weiß ich, dass es natürlich — wie fast immer — Wichtigeres gibt. Aber mir ist unwohl bei dieser journalistischen Entscheidung, etwas schön zu bebildern, was nicht schön zu bebildern ist.

Dazu auch:

  • Das Töten von Menschen als medial inszenierte Rekordjagd: Mord ist Sport.

Danke für wirklich gar nichts, Donald Trump

Lilli Hollunder ist Schauspielerin, hat eine Kolumne bei Stern.de und ist mächtig sauer — nicht auf irgendwen, sondern auf US-Präsident Donald Trump:

Screenshot der Stern.de-Startseite - Kolumne - Lilli Hollunder - Danke für gar nichts! Wie US-Präsident Donald Trump meinen Traum zerstörte
Screenshot Stern.de - Danke für gar nichts! Wie US-Präsident Donald Trump meinen Traum zerstörte

Es gibt sicher viele gute Gründe, beim Gedanken an Donald Trump wütend zu werden. Der für Hollunders Stern.de-Startseiten-Ärger gehört jedoch nicht dazu: In ihrem Text schildert sie, wie sie eine Job-Zusage aus den USA bekommen hat, sich anfangs riesig freute („Erst war ich der glücklichste Mensch unter der Sonne“) und nur 24 Stunden später sehr enttäuscht war („dann das ärmste Schwein“):

Warum nur 24 Stunden? Weil exakt einen Tag später feststand, was zuerst nur eine Befürchtung war: Ich würde das geforderte O1-Arbeitsvisum in der Kürze der Zeit nicht bekommen. Dafür möchte ich an dieser Stelle dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und seinen erschwerten Einreisebedingungen ein herzliches Dankeschön aussprechen. Danke für gar nichts.

Tatsächlich gibt es für eine Einreise in die USA das sogenannte O-Visum, für das sich „foreign nationals with extraordinary ability in Sciences, Arts, Education, Business or Athletics“ bewerben können. Das O1-Visum „ist vorgesehen für Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf den Gebieten Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Geschäftswesen oder Sport, oder für Personen mit überragenden Leistungen in der Filmindustrie.“

Donald Trumps „erschwerte Einreisebedingungen“ haben damit allerdings rein gar nichts zu tun. Der US-Präsident ordnete zwar teils komplette, teils begrenzte Einreisesperren für Staatsangehörige aus Syrien, Nordkorea, Somalia, Venezuela, Libyen, dem Iran, dem Jemen und dem Tschad an. Auf die Bearbeitungszeit von O1-Visa für deutsche Schauspielerinnen hat Trumps „Travel Ban“ hingegen keinerlei Auswirkungen.

Wir haben auch noch mal bei der US-Botschaft in Berlin nachgefragt. Dort sagte man uns, dass man „aus Datenschutzgründen Anfragen zu Visaanträgen grundsätzlich nicht beantworten“ könne, aber:

Die Bestimmungen für O1-Visa haben sich in der Amtszeit von Präsident Trump nicht geändert.

Mit Dank an Tim für den Hinweis!

Nennt es nicht mehr „Sex-Skandal“!

Egal, wohin man derzeit schaut, ob zu Bild.de oder in die „Bild“-Zeitung, zu stern.de, n-tv.de, stuttgarter-zeitung.de, morgenpost.de, tag24.de, tvmovie.de, Handelsblatt.com, Gala.de, Rollingstone.de, abdenzeitung-muenchen.de, Bunte.de, WDR.de, 3sat.de, „Huffington Post“ oder in „Bild am Sonntag“ — man kommt nicht am Schlagwort „Sex-Skandal“ vorbei:

Collage mit Screenshots, die Überschriften zeigen, in denen Redaktionen von einem Sex-Skandal schreiben

Die Liste ließe sich noch mit vielen weiteren Screenshots fortführen, auch von anderen Medien als den oben exemplarisch genannten.

Unter dem „Sex-Skandal“ subsumieren die Redaktionen die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein (und neuerdings auch die gegen den Regisseur James Toback). Vermutlich wählen sie das Schlagwort, weil’s so knackig ist, eine Alliteration, und weil sowohl „Sex“ als auch „Skandal“ immer Klicks bringen und in Kombination erst recht. Dabei ist die Wortwahl sehr bedenklich.

Frauen zu fragen, ob sie einen nackt massieren wollen, bevor man über eine Filmrolle spricht, hat nichts mit Sex zu tun. Einer Frau zwischen die Beine zu fassen, obwohl diese das nicht möchte, hat nichts mit Sex zu tun. Eine Vergewaltigung hat nichts mit Sex zu tun. Und die Skandale darum sind keine „Sex-Skandale“. Jede Redaktion sollte diese Dinge als das bezeichnen, was sie sind: Belästigungen, Missbrauch, Vergewaltigungen. Und wenn bis zur Veröffentlichung noch nichts bewiesen ist und noch niemand verurteilt wurde, sollte man am besten noch ein „mutmaßlich“ davorsetzen.

Wie falsch der Begriff „Sex-Skandal“ ist, sieht man schon, wenn man sich durch die Archive einiger der oben aufgezählten Medien wühlt und schaut, was dort sonst als „Sex-Skandal“ bezeichnet wird.

Wenn das „Erotiksternchen“ Aische Pervers am Rande einer Aufzeichnung von „Germany’s Next Topmodel“ ihre Brüste in eine Kamera hält und anschließend einen Porno dreht, schreibt stern.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot stern.de - Sex-Skandal - Erotikstar dreht Porno bei Germanys-Next-Topmodel-Finale

Wenn ein „Polizisten-Pärchen“ aus Berlin vor dem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg einvernehmlichen „Geschlechtsverkehr im Freien“ hat, schreibt Bild.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot Bild.de - Drei Hundertschaften vor G20-Gipfel abgezogen! Sex-Skandal bei Berliner Polizei

Wenn eine frühere Freundin von Herzogin Kate regelmäßig „Sex-Partys“ organisiert, schreibt Bunte.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot Bunte.de - Herzogin Kate - Heißer Sex-Skandal im Freundeskreis!

Wenn Comedian Oliver Pocher bei der Eröffnung einer Schönheitsklinik mit einer Frau „in flagranti in einem Patientenzimmer“ erwischt wird, schreibt Bild.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot Bild.de - Sex-Skandal um Oliver Pocher - Hier flirtete er sich schon mal warm!

Wenn bei der Ausstellung „Körperwelten“ auch ein Paar beim Geschlechtsverkehr zu sehen ist, schreibt abendzeitung-muenchen.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot abendzeitung-muenchen.de - Augsburg: Neuer Sex-Skandal um Körperwelten

Wenn Fußballer John Terry eine Affäre mit der Freundin seines Nationalmannschaftskollegen Wayne Bridge hat, schreibt Bild.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot Bild am Sonntag - Sex-Skandal! Kollege sauer auf Terry

Und wenn ein Video aus dem „Disneyland“ in Paris auftaucht, in dem zwei Darsteller in Kostümen von Minnie Maus beziehungsweise Goofy sexuelle Handlungen andeuten, schreibt stern.de von einem „Sex-Skandal“:

Screenshot stern.de - Paris - Sex-Skandal im Disneyland

Mit stern.de ungesund kochen

Ein Gastbeitrag von „Postillleaks“

Denise Snieguole Wachter ist Genuss-Redakeurin bei stern.de. Dies nur als Hinweis vorab für all diejenigen, die sich schon immer gefragt haben, wie exotisch ein Ressort bei einer Online-Redaktion so ausfallen kann. Als Genuss-Redakteurin kümmert sie sich unter anderem um leckere Lebensmittel, die möglichst auch noch gesund sein sollten (Sie wissen schon — die kulinarische Quadratur des Bauchkreises innerhalb der Ernährungspyramide).

Weil zum Beispiel herkömmliche Kartoffelchips, in rauen Mengen verzehrt, negative Auswirkungen haben, muss etwas Anderes in den Backofen. Wie wäre es mit Gemüsechips?


(Veröffentlicht am 3. Juli um 17:59 Uhr)

Ungeachtet der Tatsache, dass die Kartoffel ebenfalls zu den Gemüsesorten zählt, hobelt Wachter in einem stern.de-Video Pastinaken, Möhren, Rote Beete und Süßkartoffeln, denn daraus entstehen Gemüsechips, die viel leckerer sind als die gekauften aus dem Supermarkt. Gewürze kommen auch dazu, natürlich Salz und Pfeffer. Und Öl. 45 Minuten später ist die ultra-gesunde Knabberalternative fertig.

So weit, so lecker, so nachkochbar.

Wäre da nicht ein Beitrag, der nur eine Scrollbewegung weiter oben steht:


(Veröffentlicht am 3. Juli um 15:17 Uhr)

In diesem Beitrag erklärt uns die Genuss-Redakteurin Denise Snieguole Wachter (huch, die kennen wir doch), dass Gemüsechips als gesunde Alternative zu Kartoffelchips gelten, dies aber leider nicht stimmt, denn:

Laut der Ernährungswissenschaftlerin Charlotte Stirling-Reed eben nicht. Sie behauptet, dass Gemüsechips sogar schlechter für unsere Gesundheit sein könnten als Kartoffelchips.

Und:

Den Daten der Ernährungswissenschaftlerin zur Folge enthalten 40 Gramm Gemüsechips mehr Fett als gesalzene Pringles

Nach den üblichen Hinweisen — gesättigte Fette führen zu erhöhtem Cholesterinspiegel und so weiter — schließt der Beitrag mit:

Für die Ernährungswissenschaftlerin Charlotte Stirling-Reed stellen Gemüsechips insgesamt keine Alternative dar. „Konsumenten essen schnell doppelt so viel, wenn das Produkt als gesund gilt.“

Und da wären wir wieder beim Nachbackvideo von Denise Snieguole Wachter, die uns zwei Stunden und 42 Minuten nach Ihrer Erklärung, wie ungesund Gemüsechips sind, zeigt, wie einfach es ist, gesunde Gemüsechips selber zu machen.

Medien verbreiten Ehe-für-alle-Unsinn der AfD

Wenn Sie gestern eine Runde auf deutschen Online-Nachrichtenseiten gedreht haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie auch auf diese Schlagzeile hier gestoßen sind:


(„Spiegel Online“)

Oder auf diese:


(Stern.de)

Oder diese:


(Welt.de)

Oder auf eine von diesen:


(FAZ.net)

(„Focus Online“)

(Morgenpost.de)

(„Deutschlandfunk“)

(derstandard.at)

(Express.de)

(FR.de)

(rp-online.de)

(Merkur.de)

(derwesten.de)

(maz-online.de)

(rbb-online.de)

(orf.at)

Die Liste ließe sich noch lange weiterführen — es stand gestern so gut wie überall, auch weil Agenturen die Nachricht übernommen und verbreitet haben: Die AfD prüfe, ob sie die gerade erst im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ vor dem Bundesverfassungsgericht verhindern könne.

Als Ursprung für diese Neuigkeit nennen die Artikel, die hinter den oben aufgeführten Titelzeilen stecken, alle die gleiche Quelle: „Bild am Sonntag“. Die „BamS“-Redaktion hatte die AfD-Info gestern, beziehungsweise online bereits vorgestern am späten Abend, exklusiv:

Die AfD plant, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen und die am Freitag im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ zu kippen. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (76) zu BamS: „Wir prüfen derzeit eine Klage beim Bundesverfassungsgericht. Ich bin für einen solchen Schritt. Die Ehe für alle bedeutet eine Wertebeliebigkeit, die unserer Gesellschaft schadet.“

Nun kann die AfD das so sehr wollen und planen und prüfen, wie sie mag — sie kann nicht wegen der „Ehe für alle“ vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Wie Patrick Gensing bereits gestern am Nachmittag beim ARD-„Faktenfinder“ schrieb, gibt es verschiedene Wege, die dazu führen, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit einem Gesetz beschäftigt. Im Fall der „Ehe für alle“ kommt eigentlich nur die abstrakte Normenkontrolle in Frage. Und die kann nicht von jedem einfach so beantragt werden. Das Bundesverfassungsgericht schreibt dazu:

Der Antrag kann nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder eines Viertels der Mitglieder des Bundestages gestellt werden. Bürgerinnen und Bürger sind in dieser Verfahrensart nicht antragsberechtigt.

Die AfD sitzt zwar in einigen Landesparlamenten, sie gehört aber weder der Bundesregierung noch einer Landesregierung an, und keiner ihrer Mitglieder ist aktuell Bundestagsabgeordneter. Über die abstrakte Normenkontrolle kann sie eine Überprüfung der „Ehe für alle“ durch das Bundesverfassungsgericht derzeit nicht beantragen.

Eine Verfassungsbeschwerde, die auch einzelne AfD-Mitglieder initiieren könnten, macht bei der „Ehe für alle“ auch keinen Sinn. Denn dazu schreibt das Bundesverfassungsgericht:

Die beschwerdeführende Person muss selbst, gegenwärtig und unmittelbar in ihren Rechten betroffen sein.

Und wer soll schon ernsthaft in seinen Rechten betroffen sein, weil nun auch Frauen Frauen und Männer Männer heiraten können sollen und sonst durch die „Ehe für alle“ niemandem etwas weggenommen wird?

All das hätten auch die zwei „Bild am Sonntag“-Autoren herausfinden können, bevor sie (und in der Folge all die anderen Redaktionen, die auch nicht recherchierten) der AfD riesige Werbeflächen für eine Null-und-nichtig-Ankündigung einräumten.

Reinfall mit falschem gefressenen Jesus-Imitator aus Simbabwe

Manche Geschichten klingen so irre, dass man kaum glauben kann, dass sie wahr sind. Und oft stellt sich dann raus: Sie sind es auch nicht.

Zum Beispiel die, nun ja, Nachricht vom Pastor aus Simbabwe, der seiner Gemeinde beweisen wollte, dass er wie Jesus übers Wasser laufen kann, und dann, noch bevor er den Beweis liefern konnte, von Krokodilen gefressen wurde. Klingt ganz schön verrückt; mindestens so verrückt, dass ja sicher kein Medium diese Geschichte ungeprüft übernehmen wird.

Also außer abendblatt.de vielleicht:

Und stern.de:

Und n-tv.de:

Ja, gut, vielleicht auch „Der Westen“:

Und hna.de:

Und tag24.de:

Und auch noch oe24.at:

Um es an dieser Stelle noch einmal klar zu sagen: Es stimmt nicht, dass ein Pastor aus Simbabwe beim Versuch, wie Jesus übers Wasser zu laufen, von Krokodilen gefressen wurde. Und es wäre für abendblatt.de und stern.de und n-tv.de und all die anderen auch gar nicht so schwer gewesen, das herauszufinden. Hier mal vier Möglichkeiten, wie das falsche Abschreiben hätte verhindert werden können:

1. Überprüfbare Fakten überprüfen
Sucht man bei Google nach „Jonathan Mthethwa“, dem Namen des Pastors, findet man aktuell viele Artikel aus der ganzen Welt zum angeblichen Kroko-Unglück. Sonstige relevante Infos gibt es zu dem Mann aber nicht. Das könnte — Überraschung! — dafür sprechen, dass es ihn nie gegeben hat. Gleiches gilt für die angebliche Kirche des Pastors, die „Saint of the Last Days Church“.

2. Die Quelle genau anschauen
Die meisten Redaktionen berufen sich in ihren Artikeln auf einen Text des nigerianischen Portals „Daily Post“ (manche nennen als Quelle auch die britische „Mail Online“, die ihre Informationen wiederum von der „Daily Post“ hat):

Bevor man als deutsches oder österreichisches Medium von einer nigerianischen Website abschreibt, die man vermutlich noch nie zuvor besucht hat, hätte man sich den Disclaimer der Seite mal angucken können. Dort steht:

The site includes both reported and edited content and unmoderated posts and comments containing the personal opinions of readers on a wide range of topics. You should be skeptical of any information on DailyPost, because it may be wrong.

Eine Nachrichtenseite, die die eigenen Leser darauf hinweist, dass man die dort präsentierten Informationen mit Skepsis betrachten solle, „because it may be wrong“, ist möglicherweise nicht die beste Quelle.

3. Die Quellenquelle nachschauen
Nun gibt auch die „Daily Post“ im Artikel an, woher man die Geschichte vom Krokodilangriff habe: vom „Herald“ aus Simbabwe. Sucht man auf der Seite des „Herald“ nach „Jonathan Mthethwa“ gibt es keine Ergebnisse. Die Story scheint dort also nie erschienen zu sein.

4. Schauen, woher die Geschichte tatsächlich stammt
Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie von „Zimbabwe Today“ stammt. Dort ist erst im März und vor wenigen Tagen noch einmal die Pastor-Erzählung erschienen:

Bei „Zimbabwe Today“ gibt es ebenfalls einen Disclaimer, direkt unter dem Artikel:

In the spirit of building a new Zimbabwe, we promote and support free speech, hence all the news you will read at Zimbabwe Today is uncensored, unbiased and uncontrolled.

… and sometimes unrichtig.

„Zimbabwe Today“ könnte die Story wiederum vom Portal „National News Bulletin“ haben. Dort ist die Geschichte über Jonathan Mthethwa bereits im Februar veröffentlicht worden:

Klickt man beim „National News Bulletin“ auf den Button „About us“, erscheint diese kurze, aber sehr hilfreiche Information:

Mit Dank an @Atemkristall für den Hinweis!

Stern.de sattelt zum Altherren-Ausritt

In der Berichterstattung über die Wahl in Frankreich spielt ein Aspekt aktuell eine ganz besondere Rolle: Dass ein Sieg von Emmanuel Macron im ersten Wahlgang zwar nicht schlecht ist, aber der zweite Wahlgang dadurch noch längst nicht gewonnen ist.

Dass das Verhalten des sozialistischen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, sich für den zweiten Wahlgang nicht gegen Marine Le Pen auszusprechen, recht fragwürdig ist.

Dass Brigitte Trogneux, die Ehefrau von Emmanuel Macron, einige Jahre älter ist als ihr Mann. Manche Redaktionsbesatzungen müssen mit offenen Mündern vor ihren Bildschirmen sitzen und denken: „Boah, die ist ja älter als der.“

Ein Beitrag, der uns unter den vielen Berichten zum Thema extrem aufgefallen ist, ist dieser Tweet von stern.de, bei dem das verwendete Hashtag vor Chauvinismus und Ekelhaftigkeit und Verachtung nur so trieft:

Die Redaktion hat den Tweet dann relativ schnell wieder gelöscht, nachdem man gemerkt hat, dass dieser Altherren-Knallerspruch doch nicht so gut ankommt.

Screenshot gefunden bei @shlomosapiens. Mit Dank an @katrinhilger und @_phoeni für die Hinweise!

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