Video-Verifikation, Schlecky Silberstein, YouTube-Journalismus

1. Das „Chemnitz-Video“: Welche Tools helfen bei der Verifikation?
(innovation.dpa.com, Stefan Voß)
Immer wieder laden Augenzeugen Videos auf Twitter und Co. hoch. Dürfen derartige Videos von Journalisten als Informationsquelle verwendet werden, auch wenn die Urheber anonym bleiben? Ja, aber die Filmaufnahmen müssen verifiziert werden. Anhand des berühmten „Chemnitz-Videos“ stellt dpa-Faktenchecker Stefan Voß einige Verifikationstechniken vor.

2. Silberstein: „Man kann sich gar nicht dagegen wehren“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Satiriker und Blogger Schlecky Silberstein hat für „Funk“, das Junge-Leute-Content-Netzwerk von ARD und ZDF, eine Parodie auf die Ereignisse in Sachsen gedreht und ist dadurch ins Visier der AfD geraten. Inklusive Nachstellungen und Morddrohungen. „DWDL“ hat mit ihm über Filterblasen, Angst und Kunstfreiheit gesprochen.
Weitere Lesehinweise: Auf seiner eigenen Seite hat Silberstein über die Ereignisse geschrieben: Ein Hauch von ’33 — und plötzlich stehen sie vor deiner Tür.
Und auch „Spiegel Online“ hat mit ihm gesprochen.

3. Ganz neue Töne
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Auch das öffentlich-rechtliche Radio will vom Podcast-Boom profitieren und produziert Dokuserien, die sowohl klassisch ausgestrahlt als auch über Audiotheken oder Podcast-Plattformen wie Apples iTunes und Spotify verbreitet werden. Stefan Fischer ordnet die Entwicklung ein und stellt einige neugierig machende fiktionale und non-fiktionale Produktionen vor.

4. Ken Jebsen und das Establishment
(medienblog.hypotheses.org, Michael Meyen)
Michael Meyen ist seit 2002 Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der LMU München. Unlängst hat er Ken Jebsen ein Interview auf dessen Kanal „KenFM“ gegeben. Einige seiner Freunde und Kollegen hätten darauf mit Unverständnis und Kritik reagiert („Motto: Hat er sie noch alle?“). In einer Stellungnahme erklärt Meyen seine Beweggründe und betreibt „etwas Werbung für Toleranz und guten Journalismus.

5. „STRG_F“: Journalismus auf YouTube
(message-online.com, Anna Neumann & Sebastian von Hacht)
Um jüngere Zuschauer zu gewinnen, setzen ARD und ZDF auf spezielle Youtube-kompatible Angebote, die sie unter dem Netzwerklabel „Funk“ bündeln. Eines dieser Angebote nennt sich „Strg-F“ und beschäftigt sich mit Themen, die vor allem 20- bis 29-Jährige politisch und gesellschaftlich berühren. Das Journalismus-Magazin „Message“ fragt, ob das gut gehen kann.

6. „Das sind gezielte Angriffe“
(taz.de, Meike Laaf)
Die österreichische Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner arbeitet derzeit am Londoner Institute for Strategic Dialogue. Im Interview mit der „taz“ erklärt Ebner, wie Rechtsextreme Falschinformationen im Netz verbreiten und auf welche Themen sie bevorzugt setzen.

#wirsindmaaßen-Hysterie, „Time“, Privateigentum vs. Pressefreiheit

1. #wirsindmaaßen: Welche Twitter-Accounts sich vor den Verfassungsschutzchef stellen
(netzpolitik.org, Chris Köver)
Große Teile der AfD und ihr Umfeld stellen sich hinter Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. netzpolitik.org hat ausgewertet, welche Twitter-Accounts hinter dem Hashtag #wirsindmaaßen stehen. Eine große Rolle spielt dabei Vera Lengsfeld, die einen bemerkenswerten Wandel von der DDR-Dissidentin zur AfD-Sympathisantin durchmachte und zunächst für die Grünen und später für die CDU im Bundestag saß.
Weiterer Lesehinweis: Im „Verfassungsblog“ beschäftigt sich der Professor für Öffentliches Recht Jörn Reinhardt mit der Frage, was Maaßen aus juristischer Sicht sagen durfte und was nicht.

2. Salesforce-Gründer kauft Time-Magazine
(faz.net, Marc Benioff)
Vor fünf Jahren übernahm Amazon-Chef Jeff Bezos die „Washington Post“. Nun wird ein weiterer Internet-Milliardär zum Medienbaron: Salesforce-Gründer Marc Benioff und seine Frau Lynne kaufen sich für 190 Millionen Dollar das „Time Magazine“. Es handelt sich um eine Privatanschaffung: Der Kauf des Wochenmagazins habe nichts mit dem Unternehmen zu tun.

3. Schrott-Seiten kopieren Instagram komplett und erreichen Millionen-Reichweiten
(omr.com, Martin Gardt)
Reich werden mit Instagram, ohne selbst auf der Plattform zu sein? Das gelingt, wenn man das Selbstdarstellernetzwerk einfach spiegelt samt aller Fotos, Beschreibungen, Hashtags, Kommentare und Likes. Martin Gardt erklärt die Vorgehensweise dubioser Seiten wie „Websta“, „Pikbee“, „Webstagram“ oder „Instahu“, die mittels Datenklau riesige Reichweiten erzielen und über Google Adsense jede Menge Geld verdienen.

4. „Filmteam an der Arbeit gehindert“
(taz.de, Bert Schulz)
In Berlin gibt es an zentralen Orten wie dem Potsdamer Platz mehrere Privatstraßen, die als solche nicht gleich zu erkennen sind. Das kann ein Problem für die Berichterstattung werden, denn das Platzmanagement kann dort Demonstrationen untersagen oder Drehverbote erteilen. Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg hat nun einen Brief an den Regierenden Bürgermeister geschrieben: Der Regierungschef möge sicherstellen, dass Pressefreiheit Vorrang hat vor Privateigentum.

5. Whatsapp und Youtube – schnell die rechte Szene erreichen
(deutschlandfunk.de, Jan Rähm)
Die extrem rechte Szene in Deutschland ist gut vernetzt und äußerst effektiv, wenn es um die Mobilisierung geht, wie man unlängst bei den „Trauermärschen“ in Chemnitz und Köthen erlebt hat. Eine wichtige Rolle dabei spielen klassischerweise die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter, doch auch Youtube und Whatsapp sind wichtige Werkzeuge.

6. Digital ist besser
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Beim ZDF haben sie sich was vorgenommen: Dort sollen 400.000 Sendebänder in Dateien umgewandelt und für die Nachwelt gesichert werden. Das Projekt „Massenumcodierung“ ist immerhin zur Hälfte abgeschlossen: Gerade hat das sechsköpfige Projektteam Bergfest gefeiert, die restlichen 200.000 Bänder will man bis 2021 überspielt haben. Karoline Meta Beisel berichtet vom herausfordernden Wettlauf gegen die Zeit, der auch bei anderen Sendern stattfindet.

Vermeintliche Falle im Hambacher Forst: Twittern Julian Reichelt Style

Die Polizei Aachen, die derzeit bei der Räumung des Hambacher Forsts aktiv ist, schrieb gestern bei Twitter:

Screenshot eines Tweets der Polizei Aachen - Neben Depots stößt die Polizei Aachen im Hambacher Forst auf solche Fallen. Mittels einer Drahtseilkonstruktion wurde ein mit Beton und Schutt gefüllter Eimer in die Höhe gezogen. Beim Auslösen der Falle, fällt der Eimer in die Tiefe. Es besteht Lebensgefahr für alle. - Dazu ein Foto eines mit Erde verschmutzten Eimers, der mit Beton gefüllt ist. Aus dem Beton guckt ein Drahtseil raus

Es gibt erhebliche Zweifel an dieser Geschichte. Und ein Anruf von uns bei der Polizei Aachen nährt diese Zweifel — dazu weiter hinten mehr.

Dennoch verbreitete sich der Polizei-Tweet gestern rasant. Auch weil „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt drauf ansprang:

Screenshot eines Tweets von Welt-Chef Ulf Poschardt, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Neulich bei den Aktivisten - das Wort Aktivisten hat Poschardt in Anführungszeichen gesetzt

Genauso „Bild“-Chef Julian Reichelt, der diesen Tweet gerade offenbar gelöscht hat:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chef Julian Reichelt, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Naturschutz Hafenstraße Style.

Und selbst Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet äußerte sich:

Screenshot eines Tweets von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der zum Tweet der Polizei Aachen schreibt: Vor friedlichem Protest gegen die rotgrüne Entscheidung zum Roden des Hambacher Forst habe ich großen Respekt, aber was Gewalttäter sich in diesen Tagen an Straftaten erlauben, wird der Rechtsstaat nicht dulden.

Verschiedene Onlinemedien haben den Tweet der Polizei in ihre Artikel eingebettet: ZDF.de, t-online.de*, jungefreiheit.de.

Zur Erzählung der Aachener Beamten gab es bei Twitter starken Widerspruch: Es handele sich nicht um eine Falle, sondern um ein relativ übliches Gegengewicht für ein Kletterseil. Tatsächlich ist es etwas merkwürdig, dass auf einem der Fotos, die die Polizei Aachen getwittert hat, noch eine Schaufel oder Hacke zu sehen ist; dass auf den Fotos Löcher im Boden zu erkennen sind; und dass die Handschuhe des Polizisten, der auf einem der Fotos kniet, recht erdig sind.

Auf unsere Nachfrage widerspricht eine Sprecherin der Polizei Aachen dann auch der Geschichte, die die Behörde im Tweet verbreitet hat: Der betongefüllte Eimer wurde nicht „mittels einer Drahtseilkonstruktion“ „in die Höhe gezogen“. Man habe den Eimer am Boden vorgefunden. Dennoch gehe man davon aus, dass er geeignet wäre, „Kolleginnen und Kollegen zu verletzen“.

Es zeigt sich einmal mehr: Für Redaktionen und Journalisten (und Ministerpräsidenten) reicht es nicht, sich einzig und allein auf Verlautbarungen der Polizei zu verlassen.

*Nachtrag, 14:51 Uhr:Die Redaktion von t-online.de hat den Tweet inzwischen aus ihrem Artikel entfernt.

Nachtrag 18. September: Die Polizei Aachen schreibt in einer Pressemitteilung nun auch, dass es sich um „einen auf dem Waldboden liegenden mit Beton gefüllten Eimer“ handelte:

Darin waren Seile eingelassen, die auch auf dem Boden lagen. Aus Sicht der Polizei hätte der Eimer in die Höhe gezogen und beim Passieren von Polizeibeamten zu Boden fallen gelassen oder als Pendel eingesetzt werden können.

Hambacher Presseblockade, „Stern“-Wundbeschau, Hetzjagd-Wortstreit

1. Polizei behindert Journalisten
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband fordert in einer Pressemitteilung die Einsatzkräfte der Bundespolizei und der Polizei NRW auf, Journalistinnen und Journalisten unverzüglich den Zugang zum Hambacher Forst zu ermöglichen. Polizeiblockaden gegen Journalisten seien nicht akzeptabel, so der Vorsitzende des DJV Nordrhein-Westfalen.

2. Wundbeschau
(sueddeutsche.de, Peter Burghardt)
Der „Stern“ hat seinen 70. Geburtstag gefeiert und dazu in die Redaktion am Hamburger Baumwall eingeladen. Dort gab es eine Auswahl aus den originalen gefälschten Hitler-Tagebüchern zu sehen. Aus der goldenen Ära des „Stern“, in denen das Magazin noch „Geld wie Heu“ hatte: „Klagen über Honorare und Spesen konterte der frühere Herausgeber Henri Nannen einst mit dem Hinweis, dass man das Geld doch nur mit beiden Händen zum Fenster hinaus werfen müsse, damit es unten schubkarrenweise durch die Tür wieder hineinkomme.“
Weiterer Lesehinweis: Silke Burmester hat in der „taz“ über den „Stern“-Geburtstag geschrieben: 70, verglüht.

3. Online & Print: Wie organisieren sich die Redaktionen?
(einfacherdienst.de)
Der „Einfache Dienst“ hat sich angeschaut, wie die großen deutschen Zeitungen mit Online und Print umgehen: Wann starteten die Redaktionen parallele Online- und Printredaktionen? Wo gibt es ein Nebeneinander, wo ein Miteinander? Eine Grafik stellt die Entwicklung der vergangenen Jahre dar.

4. Urheberrechtsreform: Was hat das EU-Parlament tatsächlich beschlossen?
(heise.de, Stefan Krempl)
Die geplante EU-Urheberrechtsnovelle lässt viele Deutungen zu: Einige sprechen vom Tod des Internets, wie wir es kennen, andere von der Rettung der Kulturindustrie. Der Kulturwissenschaftler und Journalist Stefan Krempl versucht die Frage zu beantworten, was das EU-Parlament tatsächlich beschlossen hat.

5. Offenkundig außer Kontrolle
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Der Ex-Bundesrichter und streitbare Kolumnist Thomas Fischer findet deutliche Worte zum Wortstreit um die Hetzjagd in Chemnitz. Dieser sei „ein sensationeller kommunikativer Erfolg der rechtsradikal-nationalsozialistischen Minderheit“. „Intellektuell und sozial randständige“ Persönlichkeiten wie Bachmann, Höcke und Weidel, so Fischer weiter, zwängen die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaats Sachsen zu einer öffentlichen Diskussion darüber, ob man das „kurzfristige Verfolgen“ von Ausländern durch Nationalsozialisten als „Hetzjagd“ bezeichnen darf.

6. Bald auch Kanzlerin? Die Barbararisierung Deutschlands
(dwdl.de, Hans Hoff)
In seiner Sonntagskolumne traut Hans Hoff der medial omnipräsenten Barbara Schöneberger auch politische Ämter zu, ja sogar das der Bundeskanzlerin: „Es dürfte lustig werden mit der Bundeskanzlerin Barbara Schöneberger. Obwohl sie den Job natürlich auch nur nebenamtlich erledigen könnte. So wie beim Radio und so wie beim Heft auch. Ab und an schneit sie mal rein ins Kanzleramt, bringt den Laden mit ihrer Frische zum Glühen und verschwindet dann wieder auf dem Weg zur nächsten großen Aufgabe.“

Kurz korrigiert (514)

Um bei „Bild“ Sportchef zu werden, muss man besondere Fähigkeiten besitzen. Man muss während eines Fußballspiels zum Beispiel Dinge sehen, die andere nicht sehen.

Walter M. Straten, aktueller „Bild“-Sportchef, kann das. Zum gestrigen Bundesligaspiel zwischen dem FC Bayern München und Bayer 04 Leverkusen schreibt er in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de:

Ausriss Bild am Sonntag - Die Lage der Liga - von Walter M. Straten über die Trainer-Psychose - Feigheit vor den Bayern wird immer bestraft

Heiko Herrlich dachte wirklich, wenn er seine Leverkusener zu einer Maurer-Truppe umbaut, könnte er sich einen Punkt ermörteln. Julian Brandt, der beim Frankreich-Spiel in München noch so begeistert hat, wurde zunächst sogar geopfert.

Für Laien wie uns ist es schwer zu sagen, was einen Fachmann wie Straten da „so begeistert hat“ — Leverkusens Julian Brandt kam beim 0:0-Unentschieden der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich gar nicht zum Einsatz.

Mit Dank an Frank L. für den Hinweis!

Nachtrag, 13:19 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Fehler inzwischen korrigiert. Dort heißt es nun:

Heiko Herrlich dachte wirklich, wenn er seine Leverkusener zu einer Maurer-Truppe umbaut, könnte er sich einen Punkt ermörteln. Julian Brandt, der beim Peru-Spiel noch so begeistert hat, wurde zunächst sogar geopfert.

Beim 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Peru hat Julian Brandt auch tatsächlich mitgespielt und sogar ein Tor erzielt. Kann also gut sein, dass er den „Bild“-Sportchef „begeistert“ hat.

Walter M. Straten hat die Sache auch bei Twitter noch mal geradegerückt:

Screenshot eines Tweets von Bild-Sportchef Walter M. Straten - Danke für alle Hinweise! Ich habe im Eifer des Gefechts Mist  geschrieben. SORRY!!! Also: Mich hat Julian Brandt gegen Peru begeistert  – und nicht gegen Frankreich auf die Bank

„Bild“ bringt Geflüchtete mit Clan-Kriminalität in Zusammenhang

Bei ihrem Versuch, Geflüchtete mit negativen Geschichten und Schlagzeilen in Verbindung zu bringen, entfaltet die „Bild“-Redaktion ihre ganze kreative Energie. Erst gestern wieder, in diesem Artikel:

Screenshot Bild.de - Bild fordert - Endlich null Toleranz gegenüber arabischer Clan-Kriminalität!

„BILD FORDERT“ scheint die nächste Stufe zu sein nach „Das meint BILD“, dem Kommentar der gesamten Redaktion, den Julian Reichelt eingeführt und den Julian Reichelt für gut befunden hat. „BILD FORDERT“ jedenfalls erstmal auf einer falschen faktischen Grundlage:

Die Clan-Kriminalität in der deutschen Hauptstadt und im ganzen Land ist außer Kontrolle.

Mehrere Hunderttausend (!) Menschen werden ihr zugerechnet. Sie hat sich zum Staat im Staat entwickelt.

Die Redaktion hat das ganz ähnlich schon mal behauptet:

Ausriss Bild-Zeitung - Ermittlungen des BKA - 200.000 kriminelle Clan-Mitglieder in Deutschland

Doch weder „mehrere Hunderttausend (!)“ noch „200.000“ stimmt. Stefan Niggemeier hat das bereits vor einem Monat drüben bei „Übermedien“ ge- und erklärt. Und auch Martin Klingst erläuterte in der „Zeit“ vom 9. August: Das Bundeskriminalamt schätzt nicht, dass 200.000 Clan-Mitglieder kriminell sind, sondern dass die Clans, die in Deutschland immer wieder kriminell auffällig sind, insgesamt etwa 200.000 Familienmitglieder haben. Ein Teil davon ist kriminell, ein anderer Teil nicht. „FORDERT“ „Bild“ etwa auch die Rückkehr zur Sippenhaft?

Apropos „Kennste einen, kennste alle“ — „Bild“ und Bild.de schrieben gestern weiter:

Die Entstehung der arabischen, organisierten Kriminalität in Deutschland war das Ergebnis von Flucht und Zuwanderung aufgrund eines Krieges in einem arabischen Land (Libanon).

Viele Politiker sehen solche Szenen [von Clan-Mitgliedern, die die Gesetze nicht achten,] einige wenige Male im Jahr, wenn sie — wie jetzt — in der Zeitung gedruckt sind.

Aber für viele Menschen in deutschen Großstädten gehören sie zum Stadtbild. Natürlich macht das Angst.

Natürlich schmälert das den Glauben an den Rechtsstaat und daran, dass wir weitere Hunderttausende Menschen, die bei uns Zuflucht gefunden haben, erfolgreich integrieren werden.

Krieg in einem arabisches Land, Flucht, Kriminelle in Deutschland. Das ist die dünne wie toxische Logik, die die „Bild“-Medien verbreiten: Wenn die Personen der Gruppe A als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und hier kriminell geworden sind — wieso sollen dann die Personen der Gruppe B nicht auch kriminell werden? Die sind doch schließlich auch als Flüchtlinge gekommen.

Dazu passt dann auch die bemerkenswerte Verkürzung bei der Entstehungsgeschichte der Clan-Kriminalität: Als wäre zwischen der Flucht vor dem libanesischen Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 dauerte, und dem Schutzgeldeintreiben, dem Drogengeschäft, dem Menschenhandel einiger Großfamilien Jahre und Jahrzehnte später nichts weiter passiert; als wäre das eine (Clan-Kriminalität) die unausweichliche Folge des anderen (Flucht).

Um die „Bild“-Redaktion zu zitieren: „Natürlich macht das Angst.“

„Junge Freiheit“ zaubert AfD-Fahnen ins Fußballstadion

Als die Fußballer des SV Darmstadt 98 vor ein paar Wochen gegen den FC St. Pauli ranmussten, postete der Kreisverband der AfD Darmstadt zum Anpfiff:

Screenshot eines Facebook-Eintrags der AfD Darmstadt: Es geht los ...

Zwei Tage nach dem Spiel antwortete der Fußballverein in der Kommentarspalte:

Screenshot eines Facebook-Kommentars des SV Darmstadt 98 - Nur zur Erinnerung/Auffrischung: Wir stehen dafür ein, als verbindendes Element zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Religionen sowie Menschen mit und ohne Behinderung zu wirken, dies ist auch klar in unserer Vereinssatzung verankert. Auch rassistischen und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen treten wir entschieden entgegen. Da die Positionen, für die Ihr einsteht, nicht in Einklang mit den Werten zu bringen sind, die wir verkörpern, solltet Ihr Eure Anhängerschaft dringend überdenken. Wir wollen Menschen mit solchem Gedankengut nicht in unseren Fanblöcken haben!

Daraufhin erschien in der Onlineausgabe der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ein Artikel, in dem sich der Vorsitzende der Hessischen AfD über die Reaktion des Vereins beschwert.

Bebildert war der Artikel mit diesem Foto:

Screenshot jugenfreheit.de - Das Foto zeigt die Fankurve des SV Darmstadt 98, die verschiedene blaue und blau-weiße Fahnen schwenken, darunter zwei große AfD-Fahnen.

Was die „Junge Freiheit“ ihren Lesern jedoch verschwieg: Das Bild ist eine Fotomontage.

Screenshot jugenfreheit.de - Das Foto zeigt die Fankurve des SV Darmstadt 98, die verschiedene blaue und blau-weiße Fahnen schwenken, es sind keine AfD-Fahnen zu sehen

Vorgestern veröffentlichte die „Junge Freiheit“ eine Gegendarstellung des Fußballvereins:

Screenshot jugenfreheit.de - Gegendarstellung - Sie veröffentlichten unter jungefreiheit.de am 16.08.2018 unter der Überschrift AfD wirft SV Darmstadt 98 Politisierung und Spaltung der Fans vor folgende Aufnahme: Es folgt das Foto der Fans mit den AfD-Fahnen. Hierzu stellen wir fest:  Es handelt sich um eine Fotomontage. Tatsächlich wurden dort in unserem Fanblock keine Flaggen der Alternative für Deutschland geschwenkt.  Darmstadt, den 16. August 2018 - SV Darmstadt 1898 e.V., vertreten durch das Präsidium - Rüdiger Fritsch - Markus Pfitzner

Das Bild wurde inzwischen ausgetauscht.

Markworts „wohltätiger Zweck“, Perplexer Voss, Cartoonisten-Duo

1. Urheberrecht: Axel Voss weiß nicht genau, was in seinem Gesetz steht
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Man möchte meinen, dass keiner so tief in der Urheberrechtsdebatte steckt wie Axel Voss. Der CDU-Politiker gilt als Vater des neuen Urheberrechtes, das in dieser Woche im EU-Parlament auf den Weg gebracht wurde. Doch was sein Projekt anbelangt, scheint Voss große Wissenslücken zu haben. Nach der Abstimmung wurde er von einem schwedischen Journalisten darauf angesprochen, dass der nun beschlossene Entwurf praktisch jedes Foto oder Video bei einer Sportveranstaltung zur Urheberrechtsverletzung machen würde. Der etwas perplexe Voss darauf: „Nun, wir sind überrascht, dass das im Text ist, und wir werden es erst noch besprechen.“

2. Wahlkampf in der Vorabendserie
(deutschlandfunk.de, Michael Watzke, Audio, 4:19 Minuten)
Der frühere „Focus“-Chef Helmut Markwort (81) hat ein neues Lebensziel: Er will für die FDP in den bayerischen Landtag einziehen. Um seine Wahlkampfkasse aufzubessern, veranstaltete Markwort ein Fundraising-Dinner, in dem er eine maßgeschneiderte Rolle in der TV-Serie „Hubert ohne Staller“ versteigerte. Der Produzent der Serie und bisherige Markwort-Freund ist sauer: Markwort habe ihm gesagt, die Versteigerung der Rolle erfolge für einen „wohltätigen Zweck“, und verschwiegen, dass es sich bei dem wohltätigen Zweck um Markwort selbst handeln würde.

3. „Das Leitmedium, das der Spiegel mal war, kann er gar nicht mehr sein“
(detektor.fm, Christian Eichler, Audio, 16:53 Minuten)
Detektor.fm hat mit „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer gesprochen, der ein Buch über die USA geschrieben hat („Nachruf auf Amerika: Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westen“). Im Gespräch geht es darum, wie sich die USA unter Trump positionieren und welche Rolle Journalisten in Zeiten politischer Krisen spielen. Aber auch um Brinkbäumers Zeit als „Spiegel“-Chefredakteur, die Ende des Jahres ein Ende findet.

4. „Manchmal sind die Figuren wir selbst“
(faz.net, Jörg Thomann)
Das Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer feiert 2018 sein 15-jähriges Bestehen und gleichzeitig 15 Jahre des Comicstrips „Am Rande der Gesellschaft“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Im Interview erzählen die beiden „FAS“-Karikaturisten, wer sie sind und wie sie arbeiten.

5. CC-Lizenz – kostenlos, aber nicht umsonst
(ipcl-rieck.com, Corinna Bernauer)
Einige Fotografen stellen ihre Bilder frei nutzbar zur Verfügung und versehen sie dazu mit einer CC-Lizenz. Corinna Bernauer, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet, erklärt die verschiedenen Varianten der CC-Lizenz und weist auf mögliche Fallstricke hin.

6. Polizei ermittelt, weil Student „Postillon“-Artikel likt
(sueddeutsche.de, Martin Bernstein)
Eine Geschichte, die wie ausgedacht klingt: Münchener Student gerät ins Visier der bayerischen Polizei, weil er einen Beitrag des Bayerischen Rundfunks mit einer kurdischen YPG-Fahne auf seiner Facebook-Seite geteilt hat. Die fleißigen Beamten untersuchen sein Facebook-Profil und finden Material für ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen einer angeblich rechts motivierten Straftat. Sein Vergehen: Er hatte einen Artikel der Satireseite „Der Postillon“ gelikt, auf dem ein Hitler-Foto zu sehen ist.

Betr.: Daniel Küblböck

Am Sonntagmorgen sprang der Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck offenbar von einem Kreuzfahrtschiff im Nordatlantik. Nur wenige Stunden später ging bei Bild.de ein erster, kostenpflichtiger Artikel online, bei dem gleich drei Autoren und Autorinnen erste Fakten zusammengetragen hatten:

Screenshot Bild.de - DSDS-Star Daniel Küblböck auf Kreuzfahrtschiff vermisst

Laut BILD-Informationen gab es an Bord bereits mehrere Durchsagen an die gesamte Besatzung und Gäste. Der Inhalt der Durchsage: Eine Person wird vermisst — und bei dieser Person handelt es sich um Daniel Küblböck.

Und weiter:

Mehrere Passagiere bestätigen gegenüber BILD, dass Daniel Küblböck die vermisste Person ist. Ein Augenzeuge sagte zu BILD, dass Küblböck von Deck 5 gesprungen ist.

Noch vor wenigen Jahren wären solche Informationen frühestens beim Anlaufen des nächsten Hafens zu bekommen gewesen — das W-LAN an Bord eines solchen Kreuzfahrtschiffes ist zwar nicht ganz billig, aber offenbar ausreichend, um darüber Boulevardredaktionen in Deutschland zu informieren.

Seitdem dominiert die Geschichte die Startseite von Bild.de, es erschienen bisher fast 30 Artikel über Daniel Küblböcks Verschwinden, viele davon als kostenpflichtige „Bild plus“-Beiträge: Die Redaktion „zeichnet sein ungewöhnliches Leben nach“ (der Artikel beginnt trotzdem eher gewöhnlich mit seiner Geburt), berichtet detailliert über die laufenden Rettungs- und Suchaktionen, ordnet den Vorfall („alles andere als ein Einzelfall“) in einen größeren Zusammenhang ein („Jedes Jahr gehen 24 Menschen über Bord“) — und beginnt auch mit nebulösen Mutmaßungen darüber, warum Küblböck gesprungen sein könnte:

Screenshot Bild.de - Er trug Frauenkleider, er randalierte an Bord
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag druch uns.)

Nach BILD-Informationen fiel der Sänger an Bord auf: Er soll sich aggressiv verhalten haben und die meiste Zeit in Frauenkleidung rumgelaufen sein. Tatsächlich zeigt eines der letzten Fotos Küblböck bei einer Abendveranstaltung an Bord im Kleid und mit hohen Schuhen.

Für Küblböcks Familie ist die Nachricht ein Schock. Vater Günther Küblböck (54) zu BILD: „Ich klammere mich jetzt nur an die Hoffnung, dass irgendwie doch noch alles gut wird!“

In diesen zwei Absätzen steckt vieles, was man über die Arbeit von „Bild“ und Bild.de wissen muss: Zunächst einmal werden irgendwelche Gerüchte kolportiert über das, was sich „nach BILD-Informationen“ ereignet haben „soll“. Dabei werden aggressives Verhalten und das Tragen von Frauenkleidung nebeneinander gestellt, als sei beides irgendwie vergleichbar oder habe irgendetwas miteinander zu tun. Und weil aggressives Verhalten negativ besetzt ist, wird es das Tragen von Frauenkleidern spätestens durch diese sprachliche Montage auch. Mit beidem „fiel“ Küblböck angeblich „auf“.

Mit dem Wort „tatsächlich“ kann „Bild“ den einen Teil der „BILD-Informationen“ bestätigen — und den anderen damit gewissermaßen auch, denn beides gehört ja irgendwie zusammen, wie der Satz davor suggeriert. „Bild“ präsentiert also Fotos, die Küblböck an Bord des Schiffes in Frauenkleidern zeigen sollen (praktisch, dieses W-LAN an Bord!) und die sehr danach aussehen, als wären sie ohne sein Einverständnis oder auch nur sein Wissen gemacht worden.

Es folgt ein neuer Absatz, der anscheinend direkt auf den vorherigen Bezug nimmt: „die Nachricht“ ist „ein Schock“ — das klingt bei unbedarftem Lesen erstmal so, als ginge es hier immer noch um die mutmaßlichen Aggressionen und die Frauenkleider. Dann wird einem allerdings klar: Es geht natürlich eigentlich um das Verschwinden. Und man wünscht Angehörigen in einer solchen Situation sicherlich vieles, aber bestimmt keine „Bild“-Reporter, die knackige O-Töne einholen wollen.

Besonders die Sache mit den Frauenkleider hat es den „Bild“-Leuten angetan — umso mehr, als sie entdeckten, dass Küblböck selbst ein Foto, das ihn geschminkt und offenbar in einem Kleid zeigt, auf Instagram veröffentlicht hatte.

Die Autorin Sophie Passmann kritisierte in einer Instagram-Story die Nebeneinanderstellung der Informationen, dass Küblböck verschwunden sei und Frauenkleider getragen haben soll, als Musterbeispiel für tendenziöse Berichterstattung:

Das ist natürlich mehr als zwei Informationen nebeneinander. Wenn man diese beiden Informationen hintereinander gibt, möchte man damit ja irgendwas sagen. Nämlich: „Daniel Küblböck hat Frauenkleider getragen. Irgendwas scheint nicht mit ihm zu stimmen — wahrscheinlich hat er sich selbst in den Tod gestürzt.“

Mehr noch: Weil Daniel Küblböck im August in einem inzwischen gelöschten Facebook-Post auf einer Fanseite Vorwürfe erhoben haben soll, an seiner Schauspielschule Opfer von Mobbing geworden zu sein, konnten die Gerüchteküchenpsychologen von „Bild“ aus den zusammengeraunten Zutaten „Mobbing“, „Depression“ und „Frauenkleider“ einen geschmacklosen Unheilsbrei anrühren.

Oder, wie sie es nennen: sich auf „Spurensuche“ begeben.

Screenshot Bild.de - Warum er an seinem Leben verzweifelte

Was trieb ihn zu seinem Sprung in die Atlantik-Fluten?

Vieles spricht dafür, dass Ex-DSDS-Sänger Daniel Küblböck (33) unter psychischen Problemen litt. Doch niemand ahnte, dass sich seine Seele schon so verdunkelt hatte.

BILD auf Spurensuche.

In immer neuen Artikeln tackert die Redaktion Puzzleteile, die sie mutmaßlich, angeblich, vielleicht, offenbar irgendwo aufgetrieben hat, zusammen. Dabei stets im Fokus: das vermeintlich Abnorme.

Seit September 2015 studierte Küblböck am „Europäischen Theaterinstitut“ (ETI) in Berlin. Zuletzt lernte er wie besessen seinen Text für das Abschluss-Stück „Niemandsland“. Darin spielte er „Aurora“ — einen Transvestiten. Auch privat trat er fast nur noch in Frauenkleidern auf.

Der Artikel, der weitere „BILD-Informationen“, Konjunktive und Formulierungen wie „einige seiner Kommilitonen berichten“ und „sei gemunkelt worden“ enthält, endet ernsthaft so:

Schon in seiner Kindheit fühlte sich Küblböck nicht geliebt.

In seiner Autobiografie „Ich lebe meine Töne“ (2003) schreibt er: „Ich bin nicht erwünscht. Zumindest nicht von meiner Mutter. (…) Sie hat mich nicht haben wollen. Aber wenn schon mich, dann ein Mädchen.“

Bei der Lektüre nimmt man zweierlei mit: Wer als Mann in Frauenkleidern herumläuft, hat offensichtlich psychische Probleme — und wer sich als Kind ungeliebt fühlte, springt halt zwangsläufig irgendwann von einem Kreuzfahrtschiff.

Collage mit den Küblböck-Schlagzeilen von Bild und Bild.de der vergangenen Tage

Unter den meisten Artikel zum Thema prangt pflichtschuldig ein Hinweis auf Hilfsangebote, die Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen in Anspruch nehmen können. Ausgerechnet unter dem „Bild plus“-Artikel „So entglitt Daniel Küblböck das Leben“ (auch Titelgeschichte der gedruckten „Bild“ am Dienstag) fehlt er.

Solche Informationen sind, neben dem Hinweis, dass man „normalerweise“ nicht über Selbsttötungen berichte, auch bei seriösen Medien seit einiger Zeit üblich. Bei Bild.de allerdings wirkt es so, als würde sich die Redaktion damit selbst einen Freifahrtschein ausstellen: Solange wir hinschreiben, wo man sich Hilfe holen kann, können wir das Thema so ausführlich und gedankenlos ausbreiten, wie wir wollen. Also quasi sowas wie Warnhinweise auf einer Zigarettenschachtel.

Und so begannen die „Bild“-„Spurensuchen“ schon, als die Rettungs- und Suchaktionen noch liefen, und hörten nach deren Einstellung („ER stellte die Suche nach dem DSDS-Star ein“ — ganz so, als sei „ER“, der kanadische Einsatzleiter, „der perfekt Deutsch spricht“, irgendwie schuld) natürlich nicht auf.

Vorläufiger Tiefpunkt: Ein „Bild plus“-Artikel, in dem referiert wird, was „Reiseexperte Ralf Benkö bei RTL“ vorgetragen habe.

Screenshot Bild.de - Keine Kriminellen Handlungen festgestellt

Zum Beispiel:

„Es gibt einige Gerüchte und unbestätigte Informationen, wonach es Augenzeugen gegeben haben soll, für das was passiert ist“

Passiert ist „nach weiteren Gerüchten“, „möglicherweise“, „vielleicht“ etwas, denn „es gibt Informationen, die das sagen“. Nach weiteren Konjunktiven stellt der Bild.de-Artikel am Ende wieder so etwas ähnliches wie Klarheit her:

Was es mit all diesen unbestätigten Informationen auf sich hat, muss nun die kanadische Polizei herausfinden.

Aber das ist natürlich noch lange nicht alles zum Thema: In einem Artikel beschreiben mehrere Passagiere die Stimmung an Bord des Kreuzfahrtschiffs, das weiter auf dem Weg nach New York ist, als wahlweise „gelassen“, „ganz gut“ und „sehr gedämpft“, wodurch der informative Mehrwert für Leserinnen und Leser in Deutschland gegen Null tendiert.

Weil Dieter Bohlen, der als Juror von „Deutschland sucht den Superstar“ dabei war, als Daniel Küblböcks Karriere begann, auf Instagram ein Video zu dem Vorfall veröffentlicht hatte, in dem er ausgerechnet einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Be one with the ocean“ („Sei eins mit dem Ozean“) trägt, konnte Bild.de fleißig weitere Artikel („Ist dieser Pulli dein Ernst, Dieter?!“, „Dieter Bohlen erklärt seinen Geschmacklos-Pulli“) zum Thema (also: „zum Thema“) veröffentlichen.

Und weil der Comedian Oliver Kalkofe auf Facebook einen Post über Daniel Küblböcks Verschwinden veröffentlicht hatte, in dem er die „die Auswirkungen der Casting-Shows und des immer seelenloser werdenden Fernsehens“ kritisierte, kann Bild.de Kalkofes Fernseh-Kritik munter weiterverbreiten — und so tun, als hätten Boulevardzeitungen und Onlinemedien mit alledem nichts zu tun.

Unsere Zusammenstellung hier ist natürlich unvollständig — und „Bild“ und Bild.de sind längst nicht die einzigen Medien, die sich jetzt durch das Privatleben von Daniel Küblböck mutmaßen. Bei RTL und der „Bunten“ kommen jede Menge „enger Freunde“ zu Wort, die man, wenn sie wirklich enge Freunde sein sollten, in ihrer aktuellen Verfassung tunlichst nicht in die Öffentlichkeit zerren sollte, und deren Einschätzungen, wenn sie dem Verschwundenen nicht so nahe standen, wie sie behaupten, erst rechts nichts zur Sache tun. Bei DerWesten.de fragen sie, ob es einen Zusammenhang zwischen Küblböcks Sexualität und seinem Verschwinden gibt. Rosenheim24.de hat einen News-Ticker eingerichtet, den das Portal seit Tagen mit Meldungen zu Daniel Küblböck füllt. Express.de berichtet über eine „intime SMS“. Bei Stern.de sind sogar noch mehr Artikel erschienen als bei Bild.de.

Über Medien wie diese hat sich der Youtuber David Hain bereits am Dienstag ausgelassen:

Diese Art der Berichterstattung kann jetzt noch länger so weitergehen: Bild.de hat vorsorglich schon mal erklärt, dass Daniel Küblböck frühestens sechs Monate nach seinem Verschwinden für tot erklärt werden kann.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Du bist depressiv oder steckst in einer schwierigen Situation? Hilfe gibt es bei der TelefonSeelsorge — auf telefonseelsorge.de sowie unter den kostenlosen Telefonnummern 0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222.

EU bringt Internet in Gefahr, Buhrows Klatsche, Williams-Karikaturenstreit

1. Diese Überschrift dürfen Sie künftig nicht mehr zitieren
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Gestern beschloss eine Mehrheit im EU-Parlament entgegen aller Kritik von Fachleuten und fast einer Million Unterschriften von skeptischen Bürgern die EU-Urheberrechtsreform. Entsprechend groß ist das Entsetzen bei den Medienbeobachtern.
„Zeit Online“-Redakteurin Lisa Hegemann schreibt: „Die Lobbyarbeit ist aufgegangen: Die EU-Urheberrechtsreform belohnt die Verlage. Für uns alle ist sie desaströs. Die freie Verbreitung von Informationen ist in Gefahr.“
Muzayen Al-Youssef kommentiert im „Standard“: „Die Verschärfung des Urheberrechts fördert Zensur und zeigt, dass das EU-Parlament Netzaktivisten, IT-Koryphäen und Bürger ignoriert hat.“
Patrick Beuth kommentiert bei „Spiegel Online“: „Die Mehrheit der EU-Abgeordneten hat mit ihrer Zustimmung zur Urheberrechtsreform bewiesen, dass sie das Internet nicht versteht — und an magische Lösungen für technische Probleme glaubt.“
Und Richard Gutjahr spricht auf Facebook von einem „Ausverkauf des Journalismus“.
Es gab im Vorfeld jedoch auch Äußerungen von Befürwortern, wie den Beitrag der „SZ“-Größe Heribert Prantl. Einen Kommentar, den Stefan Niggemeier auf „Übermedien“ als „Verleumdung im Dienst der Aufklärung“ bezeichnet.

2. Eine 22-seitige Klatsche für Tom Buhrow
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Als eine „22-seitige Klatsche für Tom Buhrow“ bezeichnet „SZ“-Kolumnist Hans Hoff den Abschlussbericht zum Umgang des WDR mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung. Mit der Erstellung des Berichts war die ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende Monika Wulf-Mathies betraut worden. Und die gibt dem Sender schlechte Noten: Der WDR brauche dringend einen Kulturwandel, eine Verbesserung des Betriebsklimas und mehr gegenseitige Wertschätzung.
Weiterer Lesehinweis: Nur die Spitze des Eisbergs (taz.de, Wilfried Urbe).

3. „Eingeimpft“ im MedWatch-Check Teil 2: „Wenn ungeimpfte Kinder sterben, ist das Schicksal“
(medwatch.de, Hinnerk Feldwisch Drentrup)
Nach einer Recherche von „MedWatch“ kommen in Dokumentarfilm „Eingeimpft“ fragwürdige Forscher zu Wort, die Gelder von Anti-Impf-Lobbyorganisationen erhalten. „MedWatch“ hat Produzenten, Geldgeber und weitere Experten um eine Bewertung gebeten.

4. Zeitung verteidigt umstrittene Serena-Williams-Karikatur
(spiegel.de)
Nach dem Wutausbruch der Tennisspielerin Serena Williams im Finale der US Open erschien in der australischen „Herald Sun“ eine vielfach kritisierte Karikatur: Der Zeichner Mark Knight hatte die Tennisspielerin als wutschnaubende Schwarze mit dicken Lippen, breiter Nase und großem Hinterteil gezeichnet. Tausende Menschen, darunter auch Promis wie die Autorin J.K. Rowling, warfen der Zeitung darauf unter anderem Rassismus vor. Das Blatt stellte sich jedoch hinter ihren Zeichner und druckte die Karikatur erneut ab, diesmal sogar auf dem Titel.
Weiterer Lesehinweis: Ebenfalls auf „Spiegel Online“ kommentiert Hannah Pilarczyk: „In dieser Karikatur stecken diverse rassistische Stereotype. Ob sie absichtlich benutzt wurden oder nicht, ist egal: Einem Profizeichner darf so etwas nicht passieren.“

5. Erdogan nimmt Geisel
(jungewelt.de, Alp Kayserilioglu & Joan Adalar)
In der Türkei ist ein weiterer kritischer Journalist verhaftet worden: der österreichische Autor Max Zirngast, der dort seit 2015 Politikwissenschaften studiert. Vielleicht störten sich die türkischen Behörden an Zirngasts Engagement für eine alternative Sommerschule für Kinder aus armen Familien, vielleicht an seinen politischen Publikationen. Was ihm genau zum Vorwurf gemacht wird, sei jedoch unklar.
Weiterer Lesehinweis: Im österreichischen „Standard“ erzählt der Journalist und Türkei-Kenner Markus Benrath von einer Begegnung mit Zirngast, dem „baumlangen, sympathischen Steirer“ in Ankara.

6. „Jetzt bin ich halt der Ottlitz“
(mediummagazin.de, Jens Twiehaus)
Stefan Plöchinger ist in der Medienwelt ein bekannter Name: Er war Digital-Chef der „Süddeutschen Zeitung“ und ist vor Kurzem als Leiter der Produktentwicklung beim „Spiegel“ in die Geschäftsleitung aufgestiegen. Doch viele werden sich umgewöhnen müssen, denn Plöchinger heißt jetzt Ottlitz. Das „Medium Magazin“ hat sich bei ihm danach erkundigt, wie es dazu gekommen ist, dass er seinen branchenbekannten Namen abgelegt hat.

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