Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 1: die Fehlerforschung.

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In der Medizin gibt es ein seltenes neurologisches Phänomen, das bekannt ist als das Anton-Syndrom: Die Betroffenen sind blind, sie merken das aber nicht. Sie sind auch nicht der Meinung, dass ihr Sehvermögen eingeschränkt wäre. Wenn man ihnen einen Gegenstand zeigt, beschreiben sie ihn sehr genau und ausführlich, allerdings vollkommen falsch.

Wenn Journalistinnen und Journalisten über Fehler sprechen, die in ihren Redaktionen gemacht werden, erinnern ihre Einschätzungen manchmal an dieses Syndrom. Die Zeitungsforscher Donica Mensing and Merlyn Oliver haben für eine Studie im Jahr 2005 (PDF) eine Umfrage unter 113 Redakteurinnen und Redakteuren kleinerer Zeitungen in den USA durchgeführt. Knapp 60 Prozent der Befragten glaubten, dass faktische Fehler höchstens einmal in der Woche passieren.

Wenn Wissenschaftler in den vergangenen Jahren die Fehler in Zeitungen untersucht haben, kamen sie regelmäßig zu ganz anderen Ergebnissen.

Der Journalismus-Forscher Mitchell Charnley war im Jahr 1936 der Erste, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigte. Für seine Studie „Preliminary Notes on a Study of Newspaper Accuracy“ untersuchte er etwa eintausend Texte aus drei lokalen Zeitungen. Das Ergebnis war: In fast jedem zweiten Artikel fand sich mindestens ein Fehler.

Eine naheliegende Vermutung wäre: Die Ergebnisse hängen stark mit der Zeit und vielleicht auch der schlechten Qualität dieser drei Zeitungen zusammen, die Charnley untersucht hat. Doch spätere Studien mit anderen Zeitungen kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: In 40 bis 60 Prozent aller Artikel war mindestens ein Fehler.

Wie lässt sich das erklären? Dass Redakteure und Schlussredakteurinnen reihenweise Mängel übersehen und diese auch danach niemandem in den Redaktionen auffallen, ist auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Doch genau so war es.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man sich Charnleys Methodik ansehen. Für seine Studie schickte er die Artikel, die er analysierte, an die Protagonistinnen und Protagonisten oder die zitierten Quellen.

Sie fanden zum einen falsch geschriebene Namen, nicht korrekte Titel, typografische Patzer oder Ungenauigkeiten im Bedeutungsinhalt — also Dinge, die man objektiv als falsch bezeichnen kann. Aber sie bemängelten auch Darstellungen, die Journalistinnen und Journalisten gar nicht Fehler nennen würden: wichtige Informationen, die nicht im Text enthalten waren, Zitate in missverständlichen Zusammenhängen oder falsche Interpretationen.

In diese Gruppe von Fehlern gehören auch irreführende Überschriften, Über- und Untertreibungen, also Einschätzungen, die in einigen Fällen einfach in die Kategorie Meinung fallen, in anderen aber tatsächlich die Grenze dessen überschreiten, was man noch als richtig bezeichnen kann. In späteren Studien nannten Forscher diese Art von Mängeln subjektive Fehler — im Gegensatz zu den objektiven.

Vor allem, wenn Informationen fehlen, berufen sich Journalistinnen und Journalisten gern darauf, dass es ja nun einmal ihre Aufgabe sei, die verschiedenen Aspekte zu bewerten und auszuwählen — und dass dies eben dazu führen könne, dass manche Informationen sich später im Text nicht wiederfinden.

In vielen Fällen stimmt das, denn was Menschen als wichtig beurteilen, hängt sehr von der jeweiligen Perspektive und der Interessenlage ab. Klassischer Fall in der Lokalberichterstattung: Organisatoren einer Veranstaltung halten es für enorm wichtig, dass in einem Bericht auch die Sponsoren genannt werden. Für Journalistinnen und Journalisten ist das meist ein eher unwichtiges Detail.

Journalistinnen und Journalisten neigen allerdings auch dann dazu, sich auf ihre journalistische Freiheit zu berufen, wenn sie tatsächlich etwas objektiv Wichtiges unterschlagen haben. Das Bewusstsein für Fehler dieser Art ist nicht besonders ausgeprägt. Das zeigt auch die Studie von Mensing und Oliver: Über die Hälfte der befragten Redakteurinnen und Redakteure waren der Meinung, diese Art von Bedeutungsfehlern (falsche Interpretationen oder fehlende Informationen) kämen so gut wie nie oder allenfalls ein paar Mal im Jahr vor.

Dabei spielt diese Art von Fehlern in der Wahrnehmung des Publikums (oder zumindest der befragten Quellen) eine wichtige Rolle. Der Fehlerforscher Scott Maier hat für eine im Jahr 2002 erschienene Studie über 504 Quellen zu 553 lokalen Berichten befragt. In seiner Auswertung schreibt er:

Der am häufigsten zitierte subjektive Fehler betraf nicht das, was in der Zeitung berichtet wurde, sondern das, was weggelassen wurde: 25 Prozent der subjektiven Fehler machen das aus, was Nachrichtenquellen als „wesentliche Information fehlt“ bezeichnen. Nachrichtenquellen hielten subjektive Fehler für gravierender als sachliche Fehler.

Genau die Fehler, die Quellen für schwerwiegend halten, sind also jene, die von Journalistinnen und Journalisten nicht als solche empfunden werden — oder von der Korrekturinstanz nicht gefunden werden können. Hinzu kommt, dass Leserinnen und Leser von Fehlern dieser Art nur selten erfahren, wenn sie selbst nicht fündig werden. Medien korrigieren nur selten Dinge transparent, die einfach nur missverständlich sind oder nicht vollständig.

Dabei hängt die Glaubwürdigkeit eines Artikels stark davon ab, ob er Fehler enthält. Auch das ist ein Ergebnis von Maiers Studie. Danach beeinflussen Fehler allerdings vor allem die Glaubwürdigkeit einzelner Texte, nicht die der gesamten Zeitung. Wobei sich zeigt: Am wenigsten glaubwürdig waren die Blätter — das ist keine so große Überraschung –, die sensationslustig berichten, Geschichten verzerrt darstellen und auch Fehler in Kauf nehmen, um viele Leserinnen und Leser zu erreichen.

Dabei gilt auch für seriöse Medien: Wenn Redaktionen diese Art von Ungenauigkeiten nicht ernst nehmen, befördert das nur einen Eindruck, der eh schon existiert: Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl wertet in seinem Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ eine Untersuchung der Medienforscherin Christine Urban aus dem Jahr 1999 aus. Russ-Mohl fasst zusammen:

Verblüffend war vor allem, dass die Publika mitunter deutlich realistischer als die Journalisten selbst bewerteten, wie fehleranfällig Redaktionsarbeit ist und wie leicht sie sich fremdsteuern lässt. Fast 80 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass sich Journalisten leicht manipulieren lassen; die Journalisten selbst teilten nur knapp zur Hälfte diese Meinung.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit von Fehlern zu senken. Die meisten haben allerdings den Nachteil, dass sie Geld kosten. Vor allem Schlussredakteurinnen und Schlussredakteure sind aus diesem Grund etwas aus der Mode gekommen. Auch Ombudsleute, also neutrale Ansprechpartner für das Publikum und auch intern für die Journalistinnen und Journalisten, sind selten. Sie können sinnvoll sein, wenn sie einen gewissen Grad an Unabhängigkeit von der Redaktion besitzen und nicht gerade Ernst Elitz heißen. Wichtig sind Ombudsleute vor allem — das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht zum Fall Relotius beim „Spiegel“ –, weil innerhalb der Redaktion oft die Tendenz besteht, Hinweise auf Fehler nicht ganz so ernst zu nehmen. Und sie sind wichtig, weil Redaktionen auf diese Hinweise angewiesen sind.

Der erste Schritt aber wäre, sich Unvollkommenheit als Normalfall vorzustellen. Und dabei kann der Journalismus zum Beispiel von der Luftfahrt lernen, wo man sich verständlicherweise etwas intensiver mit Fehlern beschäftigt. „Wir sind weg von dem Gedanken, dass wir Fehler vermeiden können. Das können wir nicht“, sagt Jan Hagen. Der Berliner Wirtschaftsprofessor erforscht, wie Fluggesellschaften mit Fehlern umgehen. Nicht der Fehler sei das Problem, sondern der vertuschte Fehler, sagt er.

Die Tendenz, Fehler zu verheimlichen, ist auch ein kulturelles Problem. In individualistisch geprägten Ländern wie den USA oder Deutschland wird der Fehler als Versagen des Einzelnen verstanden; in kollektivistisch geprägten Kulturen gilt er hingegen eher als Funktionsschwäche des Systems. Daher ist es dort leichter, einen Fehler zuzugeben. Ihn zu verschweigen, schadet nach diesem Verständnis auch den übrigen Mitgliedern des Kollektivs. Deswegen kann der Umgang mit Fehlern auch in deutschen Redaktionen sich nur dann ändern, wenn klar ist: Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu identifizieren.

Was genau damit gemeint ist, hat Brigitte Fehrle aus der „Spiegel“-Relotius-Kommission in einem Interview mit dem Medienmagazin „Zapp“ erklärt:

Uns ist immer wieder begegnet hier im Haus, wenn wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen haben, wenn wir gefragt haben: Ja, wenn ihr doch seht, dass da dies und dies schiefläuft, warum sagt ihr das nicht? Und dann kommt immer der Satz: Ja, wir wollen hier niemanden anschwärzen. Und ich glaube, darin liegt ein ganz, ganz grundlegendes Missverständnis — weil in einem Unternehmen ist man nicht privat, sondern man ist für das Produkt mitverantwortlich. Und da geht es nicht darum, dass man jemanden anschwärzt, sondern dass man einen Fehler benennt, der dem Unternehmen schaden könnte.

Damit sich dieses Denken etabliert, muss das bisherige aber zuallererst verschwinden. Wahrscheinlicher ist mit Blick auf die Vergangenheit allerdings ein anderes Szenario: Wenn etwas schiefgeht, ringt man sich zu ein paar kleineren Veränderungen durch. Ansonsten geht alles so weiter wie bisher.