Archiv für Bild.de

„Bild“ weiß kaum etwas und schreit „Asyl-Skandal“ (2)

Bei „Bild“ und Bild.de gibt es heute die nächste Runde Stimmungsmache. Während es gestern um Asylanträge von (angeblichen oder tatsächlichen) „Mördern, Drogenhändlern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern“ ging, hat die Redaktion heute „die schlimmsten Drohungen beim Asyl-Amt“ zusammengetragen:

Ausriss Bild-Titelseite - Terrorpläne, Mord, Christenhetze - Die schlimmsten Drohungen beim Asyl-Amt

Wie gestern gilt auch heute: Die „Bild“-Autoren haben keine Ahnung, was aus den Leuten geworden ist, die bei ihren Anhörungen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge diese Drohungen von sich gegeben haben sollen; ob die Anträge abgelehnt oder angenommen wurden, ob diese Personen zurückgeschickt wurden oder bleiben durften. Nichts wissen sie darüber. Und dennoch schreien sie laut: „neuer Irrsinn im Flüchtlingsamt BAMF“.

Und sie stellen solche Behauptungen auf:

Es geht um Menschen, die sich selbst als ausgebildete Selbstmord-Attentäter, ISIS-Kämpfer und religiöse Fanatiker darstellen. Sie alle finden im Schutz des Asylrechts Zuflucht in Deutschland.

Für die Aussage, dass „sie alle“, diese selbsternannten Selbstmord-Attentäter, ISIS-Kämpfer und religiösen Fanatiker, „im Schutz des Asylrechts Zuflucht in Deutschland“ finden, hat „Bild“ keinen einzigen Beleg.

Im Gegenteil: In einem der sechs Fälle, die das „Bild“-Autorenteam heute im Blatt präsentiert, klingt es stark nach Ablehnung des Asylantrags:

Ausriss Bild-Zeitung - Aktenzeichen 6921XXX - Bombendrohung - Vorgestern nach meiner Anhörung (Minderjähriger, straffällig) hat mir die Dolmetscherin berichtet, der Antragssteller habe dreimal gesagt, dass er mir, der Entscheiderin, eine reinhauen will. Und dass er auch eine Bombe legen könnte. Meine Entscheidungstendenz geht dahin, dass er eine Vollablehnung bekommen wird.

Bei den anderen fünf Fällen ist die Faktenlage noch dünner:

BILD dokumentiert erneut skandalöse Fälle. Und wieder will das Flüchtlingsamt nicht sagen, was aus diesen Menschen wurde und wo sie bei uns leben.

Interessant: Für „Bild“ ist es gar keine Frage mehr, ob diese Menschen noch in Deutschland sind, sondern wo. Dabei müsste erstmal das Ob geklärt werden.

Damit könnte man der Leserschaft aber natürlich nicht so viel Angst machen:

Auch in Deutschland könnte von vielen Asylbewerbern offenbar noch große Gefahr ausgehen. Das zeigen BAMF-Dokumente, die BILD vorliegen.

Die „BAMF-Dokumente, die BILD vorliegen“ zeigen erstmal nur, dass sechs Personen Drohungen bei ihren Anhörungen ausgesprochen haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es kann durchaus sein, dass alle sechs längst nicht mehr in Deutschland sind.

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„Bild“ weiß kaum etwas und schreit „Asyl-Skandal“

Auf der „Bild“-Titelseite herrscht heute wieder Alarmstufe Wut:

Ausriss Bild-Titelseite - Ich habe 40 Menschen umgebracht und will Asyl - Bild dokumentiert die skandalösesten Anträge beim BAMF

Genauso bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Asyl-Wahnsinn in Deutschland - Ich habe 40 Menschen ermordet und will Asyl

Dabei ist es wie so oft bei „Bild“ und Bild.de: Die Redaktion verkauft die Geschichte mindestens fünf Nummern zu groß.

Schon auf dem Weg von der Schlagzeile auf Seite 1 bis zur Überschrift auf Seite 3 fällt sie ein gutes Stück in sich zusammen. Denn niemand bei „Bild“ scheint zu wissen, welche Auswirkungen „die skandalösesten Anträge beim BAMF“ überhaupt gehabt haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler - Keiner will sagen, ob die noch bei uns sind

Sind die Leute, die hinter den zwölf von „Bild“ dokumentierten Fällen stecken, aktuell noch in Deutschland? Wurden ihre Asylanträge angenommen? Wurden sie abgelehnt? Die Redaktion hat keine Ahnung, aber viel Lust auf Alarm.

Im Artikel steht:

BILD dokumentiert die schlimmsten Fälle. Und fragte: Sind diese Mörder und Vergewaltiger heute noch unter uns? Das wollte das Bundesamt gestern nicht aufklären.

Die lapidare Antwort eines Sprechers: „Grundsätzlich kann ich Ihnen aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskünfte zu Asyleinzelfällen erteilen.“

Die vier Autoren wissen also genau nichts über den Verbleib der Leute und beginnen ihren Text dennoch so:

Neuer, unfassbarer Asyl-Skandal: Mörder, Drogenhändler, Vergewaltiger und andere Schwerverbrecher finden im Schutz des Asylrechts in Deutschland Zuflucht!

Noch mal: Die vier Autoren wissen genau nichts darüber, ob die Asyl-Anträge der „Mörder, Drogenhändler, Vergewaltiger“ angenommen oder abgelehnt wurden, und schreiben dennoch, dass diese „im Schutz des Asylrechts in Deutschland Zuflucht“ gefunden hätten. Einen Beleg dafür liefern sie nicht.

Lediglich in einem der zwölf Fälle, die „Bild“ aufführt, gibt es etwas genauere Informationen zum Verlauf des Asylantrags: Ein Russe, der im April 2011 nach Asyl gefragt haben soll, habe erzählt, dass er den Innenminister Dagestans getötet habe und deswegen verfolgt werde. Ein Verwaltungsgericht habe daraufhin verfügt, dass der Mann zwar kein Asyl bekommen, aber einen Schutz vor Abschiebung erhalten solle.

Die anderen elf Fälle sind ein ziemlich wildes Gemisch, für „Bild“ aber irgendwie alle gleich skandalös: hier ein Mann, der als Gefängniswärter gefoltert habe, daneben einer, der als Kindersoldat Menschen getötet haben soll, dort jemand, der einen Mord androht, sollte er zurückgeschickt werden, mittendrin ein selbsternannter Massenmörder. Dass nicht sicher ist, ob es diese Taten tatsächlich gab oder nur für das Asylverfahren erfunden wurden, schreibt auch das Vierer-Autorenteam. Und in keinem Fall scheint klar, was aus den Leuten geworden ist. Und dennoch schreien die „Bild“-Medien: „ASYL-WAHNSINN“.

Dabei kann es sehr gut sein, dass einige der Personen oder alle nicht mehr in Deutschland sind. Das Asylgesetz lässt es zu, Verbrechern den Flüchtlingsstatus zu verweigern. In Paragraph 3, Absatz 2 steht:

Ein Ausländer ist nicht Flüchtling nach Absatz 1, wenn aus schwerwiegenden Gründen die Annahme gerechtfertigt ist, dass er

1. ein Verbrechen gegen den Frieden, ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat im Sinne der internationalen Vertragswerke, die ausgearbeitet worden sind, um Bestimmungen bezüglich dieser Verbrechen zu treffen,

2. vor seiner Aufnahme als Flüchtling eine schwere nichtpolitische Straftat außerhalb des Bundesgebiets begangen hat, insbesondere eine grausame Handlung, auch wenn mit ihr vorgeblich politische Ziele verfolgt wurden, oder

3. den Zielen und Grundsätzen der Vereinten Nationen zuwidergehandelt hat.

Was ist also der „unfassbare Asyl-Skandal“? Dass mögliche „Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler“ in Deutschland Asyl beantragen? Das Grundrecht auf Asyl, das im Grundgesetz festgeschrieben ist, beinhaltet auch, dass so gut wie jeder einen Antrag auf Asyl stellen kann. Plädiert „Bild“ dafür, dieses Grundrecht abzuschaffen?

Das Stellen an sich kann also noch kein Skandal sein, egal wer da was stellt. Der entscheidende Punkt ist nicht, ob jemand Asyl fordert, sondern ob er oder sie es zugesprochen bekommt. Dazu gibt es von „Bild“ keine Informationen.

Und dann ist da noch das Zitat auf Seite 1. Wir haben versucht herauszufinden, ob es dieses Zitat in dieser Form wirklich gibt, etwa in den Dokumenten, die „Bild“ vorliegen sollen. Im Blatt taucht es nicht wieder auf. Es wirkt so, als hätte die Redaktion es sich aus einem der zwölf Fälle zusammengebastelt: Da gibt es einen Mann, der behauptet, er habe 40 Menschen umgebracht, und dieser Mann fordert Asyl in Deutschland — also macht „Bild“ daraus das konkrete, empörende Zitat „Ich habe 40 Menschen umgebracht und will Asyl“. Wir haben bei einem der Autoren und beim „Bild“-Sprecher nachgefragt, ob diese Aussage jemals so gefallen ist. Bisher kam keine Antwort.

So eine Detailfrage interessiert die wütenden Kommentatoren in den sozialen Netzwerken natürlich überhaupt nicht. Und von denen hat die „Bild“-Redaktion mit ihrer dünnen Geschichte eine ganze Menge in Erregung versetzt:

Screenshot
Screenshot
Screenshot
Screenshot
Screenshot

Das war jetzt wahrlich nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus der ganzen rechten Empörungsecke.

Nachtrag, 22. Juni: Es geht weiter mit der Stimmungsmache bei „Bild“ und Bild.de.

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Offene Grenzen oder Sozialstaat? Was Milton Friedman wirklich meinte

„Bild“-Chef Julian Reichelt hat sich am Dienstag in einer Art Leitartikel an eine große Frage gewagt:

Ausriss Bild-Zeitung - Autos, Fußball, Politik - Was ist in diesem Sommer nur mit Deutschland los?

Die „drei Säulen Deutschlands“ seien: Autos, Fußball und Stabilität. Und nun das: Autobosse landen im Knast. Die deutsche Fußballnationalmannschaft wirke bei der Weltmeisterschaft in Russland „zu satt zum Gewinnen“. Und unsere Regierung …

Und unsere Regierung steht am Rande des Zusammenbruchs, weil man sich nicht einigen kann, wie wir die Grenzen sichern, die unseren weltweit einzigartigen Sozialstaat umgeben und beschützen sollen. Man könne nur eines haben, offene Grenzen oder Sozialstaat, hat der legendäre Ökonom Milton Friedman dazu gesagt. Beides zusammen sei auf Dauer unmöglich.

Ein Wirtschaftsnobelpreisträger (also: Friedman, nicht Reichelt), der uns vor die Wahl stellt: offene Grenzen oder Sozialstaat? Wer würde sich da schon für offene Grenzen und gegen „unseren weltweit einzigartigen Sozialstaat“ entscheiden? Julian Reichelt wohl nicht. Ein anderer vermutlich aber schon: Milton Friedman.

Der Ökonom hat bei verschiedenen Gelegenheit über die angebliche Unvereinbarkeit von Sozialstaat und offenen Grenzen gesprochen; immer in leicht anderer Form (mal: „It’s just obviuos that you can’t have free immigration and a welfare state“, mal: „It is one thing to have free immigration to jobs. It is another thing to have free immigration to welfare. And you cannot have both.“), im Kern aber stets mit derselben Aussage. Das Zitat wird gern als Argument gegen offene Grenzen und gegen illegale Migration angeführt. Dabei war Friedman vor allem gegen eins: den Sozialstaat. In seinem Werk „Chancen, die ich meine“ schrieb er, dass der „welfare state“ einer der größten Feinde der Wirtschaft sei.

Illegale Migration hingegen könnte unter bestimmten Voraussetzungen für alle etwas Gutes haben, so Friedman. In einem Vortrag vor Studenten sagte er:

Why is it that free immigration was a good thing before 1914 and free immigration is a bad thing today? […] There’s a sense in which free immigration, in the same sense as we had it before 1914 is not possible today. Why not?

Because it is one thing to have free immigration to jobs. It is another thing to have free immigration to welfare. And you cannot have both. If you have a welfare state, if you have a state in which every resident is promised a certain minimal level of income, or a minimum level of subsistence, regardless of whether he works or not, produces it or not, then it really is an impossible thing. […]

Nobody would come unless he or his family thought he would do better here than he would elsewhere. And, the new immigrants provided additional resources, provided additional possibilities for the people already here. So everybody can mutually benefit. […]

Look, for example, at the obvious, immediate, practical case of illegal Mexican immigration. Now, that Mexican immigration over the border is a good thing. It’s a good thing for the illegal immigrants. It’s a good thing for the United States. It’s a good thing for the citizens of the country. But it’s only good so long as it’s illegal.

That’s an interesting paradox to think about. Make it legal and it’s no good. Why? Because as long as it’s illegal the people who come in do not qualify for welfare, they don’t qualify for social security, they don’t qualify for all the other myriads of benefits we pour out from our left pocket to our right pocket. So long as they don’t qualify they migrate to jobs. They take jobs that most residents of this country are unwilling to take. They provide employers with workers of a kind that they cannot get. They’re hard workers, they’re good workers, and they are clearly better off.

Für diesen ganzen Kontext war in „Bild“ leider kein Platz.

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„Welt“: Pseudoseriöses Unken über Mesut Özil in „Bild“

Fußballprofi Mesut Özil schlägt derzeit enorm viel Hass entgegen. Insofern ist die heutige „Welt“-Titelseite durchaus bemerkenswert:

Ausriss Welt-Titelseite - Deutschland hat Mesut Özil viel zu verdanken

Redakteur Christoph Cöln kommentiert im Blatt:

Seit Özils dummen, falschen Fotos mit Recep Tayyip Erdogan hat eine noch dümmere Hetzjagd auf den Fußballer eingesetzt. Er scheint in Deutschland Staatsfeind Nummer eins zu sein.

Cöln erwähnt „endlose Tiraden in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten“, den dumpfbackigen Auftritt des dumpfbackigen Mario Basler bei „Hart aber fair“ am späten Montagabend und er schreibt über Lothar Matthäus:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam.

Bei Welt.de ist die Passage zu Matthäus noch etwas länger:

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam. Die Aussage suggerierte, dass der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Einwanderer Identitätsprobleme hat, dabei spielt Özil seit seiner Jugend in der Nationalmannschaft, er ist einer ihrer verdientesten Repräsentanten.

Doch auch hier: kein Hinweis darauf, wo Lothar Matthäus „pseudoseriös und verschwörerisch“ rumunken darf. Welche Redaktion ermöglicht sowas Infames? Wo kann Matthäus suggerieren, Özil habe Identitätsprobleme?

So sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung gestern aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Zwei Sätze, die uns bewegen - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

Matthäus‘ infames Rumunken bewegt die „Bild“-Mitarbeiter — und zwar so sehr, dass sie die unfundierte Fernanalyse auf Seite 1 gepackt haben.

Das Matthäus-Zitat auf der Titelseite ist allerdings nur der zwischenzeitliche Höhepunkt einer „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil. Die Redaktion lässt in letzter Zeit keine Möglichkeit aus, den Nationalspieler runter- und rauszuschreiben. Eine Auswahl aus den vergangenen Tagen:

10. Juni:
Screenshot Bild.de - Kritik an Nationalspieler - Mario Basler würde auf Mesut Özil verzichten

12. Juni:
Screenshot Bild.de - Nachgehakt - Özil denkt an sich, nicht an das Team!

13. Juni:
Screenshot Bild.de - Klartext von Effe - DFB hätte Özil & Gündogan rauswerfen müssen!
Screenshot Bild.de - Erste DFB-Pressekonferenz aus Russland - Wird Özil nur WM-Ersatz, Herr Löw?
Screenshot Bild.de - Wir haben Konkurrenzkampf - Löw will sich nicht auf Özil festlegen
Screenshot Bild.de - Protokoll zum ersten Training in Russland - Nachdenklicher Auftritt von Özil

14. Juni:
Screenshot Bild.de - Rekord-Nationalspieler stellt seine DFB-Startelf auf - Matthäus setzt zwei Jogi-Stars auf die Bank

Für Mesut Özil ist dagegen kein Platz!

15. Juni:
Screenshot Bild.de - Verpiss dich du Idiot - Theaterchef beschimpft Özil auf Twitter

16. Juni:
Screenshot Bild.de - Fifa-Pressekonferenz im Livestream - Bringt Jogi Reus für Özil?

17. Juni:
Screenshot Bild.de - 0:1 gegen Mexiko - Diese Pleite macht uns WM-Angst

Und Löw setzt auf seinen Liebling. Trotz Erdogan-Affäre, trotz der Pfiffe der eigenen Fans und der fehlenden Spielpraxis steht Mesut Özil (29) in der Startelf – wie in all seinen 26 WM- und EM-Spielen.

Screenshot Bild.de - Bild-Kommentar - Ich habe auf dem Platz keine Weltmeister gesehen

Und Özil?

Er ist ja seit dem Erdogan-Foto abgetaucht und zog das konsequent durch.

18. Juni:
Screenshot Bild.de - Zwei Weltmeister auf die Bank! So muss Jogi gegen Schweden aufstellen

ÖZIL RAUS! Seit 2009 hält Löw seinem Spielmacher Mesut Özil (29) die bedingungslose Treue! Belohnt wurde er dafür zuletzt nur noch sehr selten.

19. Juni:
Screenshot Bild.de - Körpersprache eines toten Froschs - Basler vernichtet Özil!

Und dann eben das bereits erwähnte Mätthäus-Zitat:
Screenshot Bild.de - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte gestern Abend:

Screenshot des Tweets von Ulf Poschardt - Mesut Özil ist mit seiner introvertierten Melancholie und seiner existenziellen Sorge (Heidegger) deutscher und europäischer als die reaktionären Widerlinge, die ihn jetzt anzählen.

Auf unsere Frage, ob er dabei an bestimmte Leute oder auch Redaktionen denke, hat Poschardt leider nicht geantwortet.

Ebenfalls zum Thema:

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„Einige wenige“

Wie hätte die „Bild“-Schlagzeile wohl ausgesehen, wenn Fußballnationalspieler Julian Brandt gestern nach der Niederlage gegen Mexiko stur in die Kabine marschiert wäre, ohne sich für seine jungen, weit angereisten Fans auf der Tribüne zu interessieren, die mit ihm ein Foto machen wollten?

Vielleicht so?

Arrogant-Brandt
Erst keine Leistung, dann kein Selfie

Nun hat Julian Brandt nach dem Abpfiff aber ein Foto mit einem Jungen gemacht, der ihn darum gebeten hatte: kurz das Handy genommen, in die Kamera gelächelt, fertig. Und schon empörten sie sich bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Brandt lacht in Fan-Kamera - Peinlich-Selfie direkt nach Mexiko-Pleite

Die Redaktion hielt das Ganze sogar für so bemerkenswert, dass sie eine Push-Nachricht zum Brandt-Selfie verschickte:

Screenshot Bild-Pushnachricht - Brandt lacht in Fan-Kamera - Peinlich-Selfie direkt nach Mexiko-Pleite

In der „Bild“-Zeitung ist die Sache heute ebenfalls ein großes Thema. Im Sportteil wird Brandt wie ein in fla­g­ran­ti erwischter Täter rot eingekringelt:

Ausriss Bild-Zeitung - Hummels stinksauer, Brandt macht Selfies

Einer macht sich offenbar weniger Sorgen. WM-Debütant Julian Brandt (22) sieht man nach dem Schulusspfiff im TV, wie er Selfies mit Fans macht. Und dabei lächelt …

… steht im Artikel. Und in der Bild-Unterschrift:

Nicht so clever nach einer Pleite: Julian Brandt macht ein Selfie mit einem deutschen Fan

Auf der „Bild“-Titelseite fragt Matthias Brügelmann, Leiter des „Bild“-„Sport-Kompetenzcenters“ (ja, heißt wirklich so):

Was hat sich Brandt dabei gedacht, direkt nach dem Spiel grinsend Selfies zu machen?

Und im „Bild“-WM-Newsletter schreibt er:

Für mich wirkt das Grinsen in die Kamera einfach deplatziert nach einer historischen Blamage. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Empörung der „Bild“-Medien zum Verhalten von Julian Brandt übertrug sich gestern Abend allerdings nicht so recht auf die „Bild“-Leserschaft. Eher wunderten sich viele über die scharfen Worte von Bild.de über einen Fußballprofi, der freundlich zu seinen Fans ist.

Heute fragt die Redaktion:

Screenshot Bild.de - Gute Aktion oder unnötig - Was denke Sie über das Brandt-Selfie

Julian Brandt (22) macht nach der historischen WM-Auftaktpleite gegen Mexiko (0:1) auf dem Weg in die Kabine ein Selfie mit einem Fan.

Viele Fans verstehen nicht, warum man sich darüber aufregen kann. Einige wenige üben Kritik daran, dass der Leverkusen-Profi nicht direkt in die Kabine verschwunden ist und mit seinem Lachen in die Fan-Kamera den Eindruck vermittelt, dass die Niederlage gar nicht so schlimm gewesen sei.

„Einige wenige“ — um nicht zu sagen: Bild.de.

Die Meinung der Bild.de-Leserschaft ist übrigens ziemlich eindeutig:

Screenshot Bild.de - Umfrage: Selfie mit Fan. Fanden Sie Julian Brandts Aktion in Ordnung? Ergebnis: 91 Prozent ja, sechs Prozent nein, drei Prozent unentschlossen

Mit Dank an @MGSVW und @finnpetersensh für die Hinweise!

Fünf Jahre „Bild plus“: Geld machen mit getöteten Menschen

Auf der „Bild“-Titelseite gab es am Dienstag Torte:

Ausriss Bild-Zeitung - Bild-Plus feiert Geburtstag und 400.000 Abos - Die besten Geschichten, die besten Videos, der beste Service: Vor fünf Jahren, im Juni 2013, startete Bild das digitale Premium-Angebot Bild-Plus. Jetzt wurde pünktlich zum Geburtstag die Marke von 400.000 Abonnenten geknackt. Bild-Plus ist damit das erfolgreichste digitale Bezahlangebot für News, Sport und Unterhaltung in ganz Europa.

Nun gibt es beim „digitalen Premium-Angebot BILDplus“ aber nicht nur „die besten Geschichten, die besten Videos, den besten Service“. „Bild plus“ steht auch für ekliges Geldmachen.

Ein paar Beispiele aus den vergangenen Jahren …

Nach dem Tod einer 19-Jährigen im Januar 2015 schlagzeilte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Familiendrama in Darmstadt - L. musste sterben, weil sie ihren Freund liebte

Den eher seltenen Namen haben wir unkenntlich gemacht. Das Gesicht die Bild.de-Redaktion — allerdings nicht aufgrund einer ethischen Überzeugung oder aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Bild.de versuchte lediglich, mit dem Foto einer Verstorbenen Kohle zu verdienen. Denn hinter der Paywall konnten alle Leserinnen und Leser, die ein Abo hatten, die Frau ohne Unkenntlichmachung sehen. „Bild plus“ ist auch das Versprechen: Wer zahlt, kann Opfer in aller Ausführlichkeit anglotzen.

Und nur nebenbei: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Bild.de die Erlaubnis der Eltern hatte, das Foto der 19-Jährigen zu zeigen. Oder dass die Redaktion sie überhaupt gefragt hatte — denn beide Elternteile saßen zur Zeit der Veröffentlichung schon länger in Untersuchungshaft.

Eine andere „Bild plus“-Geschichte: Als eine Frau im Oktober 2016 schon mehrere Tage verschwunden war, und bereits eine Mordkommission ermittelte, schrieb Bild.de auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Ihr Verschwinden wirft weiter Fragen auf - Doros letzte SMS

Das Gesicht der Frau haben wir verpixelt, das unscharfe Handydisplay kommt von Bild.de. Die Redaktion wollte nämlich mit „Doros letzter SMS“ Geld verdienen: Nur wer zahlt, darf alles sehen — in diesem Fall war es die letzte Kurznachricht einer möglicherweise verstorbenen Person (Bild.de: „Wurde sie getötet und verscharrt?“), mit der das „Bild“-Team versuchte, Abos zu verkaufen.

Ein weiteres Beispiel: Im März dieses Jahres berichtete Bild.de über einen schrecklichen Fall, bei dem eine 17-Jährige lebensgefährlich mit einem Messer verletzt wurde:

Screenshot Bild.de - Screenshot Bild.de - Scharia-Gericht im Kinderzimmer - Bruder rammt seiner Schwester Messer in die Brust - Schwer verletzt - Familie dreht Video von der Tat - Mit Video

Der Hinweis „MIT VIDEO“ war tatsächlich so gemeint, wie man direkt befürchtet. Bild.de zeigte die Aufnahmen, die die Familie gemacht hatte. Für Leserinnen und Leser ohne „Bild plus“-Abo erschien folgender Teaser:

Mit BILDplus lesen Sie das grausame Protokoll einer Familie ohne Gnade, verhaftet in einem vorsintflutlichen Weltbild. Außerdem dazu, das Video der schrecklichen Tat — von der Familie gefilmt.

Unter welches Qualitätsmerkmal des „Premium-Angebots“ „Bild plus“ fällt das wohl? „Die besten Geschichten“? „Die besten Videos“? „Der beste Service“? Auf jeden Fall ist das billigster, menschenverachtender Sensationsjournalismus.

Die Bild.de-Mitarbeiter haben das Video übrigens gelöscht, nachdem sich die zuständige Staatsanwaltschaft bei ihnen gemeldet hatte.

Und noch ein Beispiel: Nach dem Terroranschlag in Manchester im Mai 2017, bei dem 22 Menschen getötet wurden, ein Großteil von ihnen Kinder und Jugendliche, brachte Bild.de einen Artikel über die 18-jährige Georgina. Titel: „Ausgelöscht!“. Der Beitrag bestand fast ausschließlich aus Postings des Mädchens in verschiedenen sozialen Netzwerken. Um ihn lesen zu können, brauchte man ein „Bild plus“-Abo.

Auch das ist „Bild plus“: Geld verdienen mit dem Tod junger Menschen.

Manchmal ist auch einfach die Paywall an sich problematisch, weil die Bild.de-Redaktion ganz entscheidende Informationen erst dahinter verrät.

Im März vergangenes Jahres beispielsweise wollte Bild.de wohl sowas wie Aufklärung betreiben und stellte dafür „Fragen, die sich keiner zu stellen traut“:

Screenshot Bild.de - Tag des Down-Syndroms - Bild fragt Fragen, die sich keiner zu stellen traut - Darf man Mongo zu Ihnen sagen

Die Antwort schon mal jetzt: Nein, darf man nicht. Das ist eine üble Beleidigung.

Das erfuhren auch die Bild.de-Leserinnen und -Leser — blöderweise aber nur jene paarhunderttausend mit „Bild plus“-Abo. Für die anderen Millionen Besucher der Seite hatte die Redaktion an prominenter Stelle ein Schimpfwort reproduziert, ohne die Auflösung zu liefern, dass dessen Verwendung überhaupt nicht in Ordnung ist.

Ein ähnliches Problem bei diesem Bild.de-Artikel aus dem Januar 2018:

Screenshot Bild.de - Nach 1300 Unterrichtsstunden - 4 von 5 Flüchtlingen bestehen Deutschtest nicht

Nur für „Bild plus“-Kunden gab es die Info, dass gar nicht „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die als Analphabeten in einen Sprachkurs kamen, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Das war gleich ein doppelter Unterschied: Es ging weder um alle Flüchtlinge noch um die Frage „bestehen oder nicht bestehen?“, sondern darum, ein gewisses Niveau beim Bestehen zu erreichen. Alle, die kein „Bild plus“-Abo hatten und nur die Überschrift sehen konnten, wurden von Bild.de falsch informiert.

Oder von gestern:

Screenshot Bild.de - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

Nur mit einem „Bild plus“-Abo kann man herausfinden, dass an der „Bild“-Umfrage zum Thema „Zurückweisung von Flüchtlingen“, auf der der Artikel fußt, längst nicht alle 246 Unions-Abgeordneten im Bundestag teilgenommen haben, sondern nur 69 von ihnen. „Merkel ganz allein“ also nur im Sinne von „Merkel ganz allein in Bezug auf 69 von 246 Unions-Abgeordneten“. Für Bild.de-Besucher ohne „Bild plus“-Abo wird das nicht klar.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele aus der Geschichte von „Bild plus“. Es gibt noch viele mehr. Es kommen ständig neue dazu. Und das seit fünf Jahren. Glückwunsch!

Fotos von „G20-Plünderin“: Bild.de muss 50.000 Euro zahlen

DIESE Fotos von den G20-Ausschreitungen in Hamburg darf BILD so nicht mehr zeigen — wenn es nach dem Landgericht Frankfurt/Main geht. (…)

BILD zeigt die Fotos dennoch, ohne die Personen zu verfremden — weil die Abbildung von Straftaten, gerade im Zusammenhang mit schweren Krawallen, Plünderungen und Landfriedensbruch bei einem so wichtigen Ereignis wie dem G20-Gipfel, zum Auftrag der Presse gehört.

Das schrieben die „Bild“-Medien am 11. (Bild.de) beziehungsweise 12. Januar („Bild“-Zeitung) dieses Jahres. Es ging um Fotos einer Frau, die während der Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel im Hamburger Schanzenviertel geklaut haben soll. Bei „Bild“ und Bild.de wurde sie als „G20-Plünderin“ bezeichnet. Auf den Fotos ist sie zu erkennen und fällt auf, allein schon weil sie von lauter dunkelgekleideten Menschen umgeben ist und selbst ein pinkfarbenes T-Shirt trägt.

Das Landgericht Frankfurt am Main erließ also eine einstweiligen Verfügung, die „Bild“-Medien durften die Aufnahmen nicht mehr zeigen — und taten es im Januar trotzdem, extra-bockig, interessiert „Bild“ doch nicht, was so ein blödes Gericht will.

Jetzt hat dasselbe Landgericht entschieden, dass Bild.de für den erneuten Abdruck ein Ordnungsgeld in Höhe von 50.000 Euro zahlen muss.* Auf Nachfrage sagte uns Severin Müller-Riemenschneider, der Anwalt der Frau, dass es noch ein weiteres Verfahren gebe, gegen die „Bild“-Zeitung, die die Fotos ja ebenfalls erneut gezeigt hat.

Das Urteil gegen Bild.de ist noch nicht rechtskräftig. Der Springer-Verlag kann noch dagegen vorgehen.

Das Frankfurter Landgericht stellte übrigens schon im Verfahren, das zur einstweiligen Verfügung führte, fest, dass die Frau offensichtlich keinen Landfriedensbruch begangen habe. Eher, so steht es im Urteil, habe sie „geringwertige Sachen“ gestohlen, die bereits vor einer zerstörten Drogerie lagen. Dennoch hätten die „Bild“-Medien die Frau „sichtlich an den (Fahndungs)Pranger“ gestellt, so die Richter.

Mit Dank an @SeWaTUC und @gerdgerdgerdger für die Hinweise!

*Korrektur: Fehler unsererseits: Wir hatten zuerst geschrieben, dass Bild.de die 50.000 Euro an die Frau zahlen müsste, wenn das Urteil rechtskräftig werden sollte. Das stimmt aber nicht. Ordnungsgelder gehen an die Staatskasse.

„Bild“ lässt Angela Merkel allein dastehen

In der heutigen „Bild“-Ausgabe kann man wunderbar sehen, wie die Redaktion Informationen weglässt, verbiegt und zuspitzt, um an eine knallige Titelzeile und eine verkaufsträchtige Geschichte zu kommen. Und zwar an diese hier:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

BILD fragte alle Unions-Abgeordneten des Bundestags, ob sie FÜR oder GEGEN eine Zurückweisung von [in anderen EU-Ländern] bereits registrierten Flüchtlingen [an den deutschen Grenzen] sind. Alarmierend für die Kanzlerin: Von den 246 Bundestagsabgeordneten der Unionsfraktion stellten sich lediglich Sybille Benning, Antje Tillmann und Kees de Vries (alle CDU) hinter die Haltung der Kanzlerin!

Das wäre ohne Frage ein ziemlicher Knaller und ein deutlicher Rückschlag für Angela Merkel — wenn es denn so einfach und eindeutig wäre.

Erstmal: Es ist schon bemerkenswert, wie „Bild“ eine inhaltlichen Frage (für/gegen Zurückweisung) stellt und sie im Nachhinein zu einer Personalfrage (für/gegen Merkel) umdefiniert. Vor allem aber hat die Redaktion auf ihrer Titelseite eine wichtige Information weggelassen: Längst nicht alle der 246 Abgeordneten von CDU und CSU haben auf die „Bild“-Anfrage reagiert. Gerade mal 69 von ihnen schickten eine Antwort. Nur weil jemand auf die Frage „A oder B“ nicht mit „B“ antwortet, sondern gar nichts sagt, heißt das nicht, dass er oder sie nicht hinter der Person steht, die Variante „B“ vorgeschlagen hat. Es kann sein, dass er oder sie nicht hinter dieser Person steht. Aber so eindeutig, wie „Bild“ es suggeriert, ist es keineswegs.

Korrekt müsste die Titelzeile also lauten:

Merkel fast ganz allein unter denen, die uns geantwortet haben! Nur drei von 69 Unions-Abgeordneten, die auf unsere Anfrage reagiert haben, stellen sich hinter die Kanzlerin

Im Blatt erwähnt „Bild“ den mauen Rücklauf zur eigenen Aktion immerhin:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht der Doppelseite mit dem Artikel zur Bild-Anfrage

Na, nicht direkt gefunden? Hier hat die Redaktion den Hinweis versteckt:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht der Doppelseite mit dem Artikel zur Bild-Anfrage, dieses Mal mit Hervorhebung des Hinweises

Obwohl BILD gestern bei allen Abgeordneten-Büros telefonisch oder schriftlich nachfragte, wollten oder konnten bis 19.45 Uhr nur 69 Abgeordnete offen sagen, welche Haltung sie unterstützen.

Während man bei „Bild“ umblättern und mit etwas Suchen herausfinden kann, dass die Titelzeile nicht automatisch bedeutet, dass 243 Unions-Abgeordnete gegen die Position der Kanzlerin sind (wobei die Print-Redaktion natürlich genau weiß, was für eine mächtige Wirkung eine derartige Schlagzeile hat — Auflösung hin oder her), ist es bei Bild.de noch schwieriger, sich ordentlich zu informieren. Denn die Auflösung steckt dort hinter der Paywall:

Screenshot Bild.de - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

Die vielen Bild.de-Leserinnen und -Leser ohne „Bild plus“-Abo erfahren also nicht, dass nur ein Teil der Unions-Abgeordneten sich überhaupt geäußert hat.

Wie verzerrend es ist, aus drei von 69 „nur drei Unions-Abgeordnete“ zu machen, wird klar, wenn man sich die jeweiligen Antworten der einzelnen Abgeordneten anschaut, die die „Bild“-Medien mitliefern. Aus dem Büro von Angela Merkel etwa gab es keine Antwort:

Ausriss aus der Bild-Zeitung, der zeigt, dass das Büro von Angela Merkel nicht geantwortet hat

Nach „Bild“-Logik würde das bedeuten, dass nicht mal Angela Merkel hinter Angela Merkel steht.

Mit Dank an Jochen Z., Marvin und @Facesworld für die Hinweise!

Wenn Bild.de über Sport berichtet

… und dabei Frauen involviert sind (also beim Sport, nicht beim Berichten), sieht das so aus:

Screenshot Bild.de - Sexy Marie Lang - Mit neuen Brüsten Titel verteidigt

Was könnte für die „Bild“-Medien schon bemerkenswerter sein bei einer erfolgreichen Profi-Kickboxerin als ihre „neuen Brüste“ und das Urteil „sexy“? Mal ganz davon abgesehen, dass Marie Lang mit ihrem kompletten Körper den Titel verteidigt hat, und nicht nur mit ihren Brüsten.

Im Text wird es dann noch ein bisschen schlimmer, weil der Autor dort ja nicht mehr nur über eine Frau absabbern schreiben kann, sondern über zwei — Marie Lang hatte schließlich auch eine Gegnerin:

Auch Marie Lang (31, -60 Kilo) bleibt Weltmeisterin — mit neuen Brüsten. Die Münchnerin ließ sich nämlich kürzlich die Brüste vergrößern. Erstmals stand sie danach wieder im Ring und alles lief perfekt ab. Außerdem sind Schläge auf die Brust verboten. Die hübsche Modedesignerin gewann den Kampf gegen die Slowakin Lucia Krajcovic (kam im Tanga zum Wiegen) klar nach Punkten. Die Leistung von Lang ist um so höher zu bewerten, weil sie sich mit einer kleinen Erkältung in den letzten Tagen herumschleppte und außerdem noch Gewicht machen musste.

Neben dem Duell zwischen Lang und Krajcovic gab es gestern Abend noch weitere Kämpfe im Münchner Postpalast. Auch die kommen im Artikel vor. Zum Beispiel das Aufeinandertreffen von Sebastian Preuss und Robin Wildhaber:

Preuss lieferte sich im 90 Kilo-Limit mit dem Schweizer Robin Wildhaber eine packende Ringschlacht und siegte am Ende nach Aufgabe seines Gegners. Jungunternehmer Preuss (Malermeister) hielt seinen Gegner mit harten, geraden Schlägen auf Distanz. In der letzten Runde erwischte Preuss den Eidgenossen mit harten Knieschlägen auf den Bauch, was zur Aufgabe führte.

Merkwürdigerweise schriebt der Autor hier gar nichts über die heißen Sixpacks der männlichen Kämpfer oder deren Knackärsche. Stattdessen konzentriert er sich auf: die sportlichen Leistungen.

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Mit Dank an Stefan N. für den Hinweis!

Gauland in der Badehose: Springer-Medien entdecken die Menschenwürde

Es gibt jetzt also dieses Foto von Alexander Gauland in Badehose. Der AfD-Parteichef war vergangene Woche beim Baden im Potsdamer Heiligen See beklaut worden, der Dieb soll „Kein Badespaß für Nazis“ gerufen haben und mit Gaulands Klamotten davongerannt sein.

Verschiedene Medien berichten seit gestern über den Vorfall und manche von ihnen zeigen eben auch jenes Foto, auf dem Alexander Gauland von hinten zu sehen ist, nackter Oberkörper, braun-karierte Badeshorts, neben ihm eine Polizistin. Die „Märkische Allgemeine“ hat die Aufnahme zum Beispiel veröffentlicht, die „taz“, die „Neue Westfälisch“, „Tag24“, der „Express“.

Die „Welt“ und Welt.de haben das Foto hingegen nicht gezeigt. Und „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt schrieb bei Twitter:

Tweet von Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt - Wir zeige das entwürdigende Foto von Gauland in Badehosen nicht.

Nun kann man erstmal anderer Meinung sein und finden, dass ein nicht ganz scharfes Handyfoto, das einen Mann in einer eher schlabbrigen Badehose zeigt und auf dem die abgebildete Person nur von hinten und nicht wahnsinnig groß zu sehen ist, nicht direkt „entwürdigend“ ist. Sicher steckte Alexander Gauland in diesem Moment in einer Situation, in der man nicht auch noch jemanden gebrauchen kann, der sein Smartphone zückt. Aber „entwürdigend“? Ist das nicht erstmal nur die Interpretation von Poschardt?

Es ist eine große Errungenschaft, dass jeder Mensch eine Menschenwürde hat, auch jene, die sie anderen Menschen absprechen, und damit auch Alexander Gauland. Und es muss klar sein, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht nicht nur für auserwählte Personen gilt, sondern grundsätzlich erstmal für alle, auch für jene, die den Nationalsozialismus, das Hitler-Regime und die Ermordung von Millionen Juden als „Vogelschiss“ bagatellisieren.

Insofern können wir es nachvollziehen, wenn sich eine Redaktion gegen die Veröffentlichung des Gauland-Fotos entscheidet. Doch die Entscheidung der „Welt“-Redaktion und der Tweet von Ulf Poschardt zeigen vor allem eines: die Bigotterie des „Welt“-Chefs und seines Teams.

Welt.de hatte nämlich vor einiger Zeit noch gar kein Problem damit, eine Fotogalerie zusammenzustellen, in der Politiker in Badehosen zu sehen sind:

Screenshot Welt.de - Halnackte Politiker - immer ein Hingucker? Wladimir Putin, Barack Obama oder Joschka Fischer - viele Politiker zeigen sich vor der Kamera oben ohne. Ein Blick auf die Männer in Badehosen
Screenshot Welt.de - Nicolas Sarkozy in Badehosen
Screenshot Welt.de - Barack Obama mit nacktem Oberkörper
Screenshot Welt.de - Bill Clinton in Badehosen

Welt.de hatte auch kein Problem damit, Joachim Sauer, den Ehemann von Angela Merkel, in Badehose zu zeigen:

Screenshot Welt.de - Joachim Sauer in Badehosen

Von den Skrupeln, die Poschardt und die „Welt“-Medien vom Veröffentlichen des „entwürdigenden“ Gauland-Fotos abhalten, keine Spur. Und die hat die Redaktion auch nicht bei Menschen, die mehr Klamotten tragen. Sie hat zum Beispiel eine Fotogalerie mit Nippel- und Höschen-Blitzern veröffentlicht:

Screenshot Welt.de - Gewollte und ungewollte Rausrutscher
Screenshot Welt.de - Foto mit hochgerutschtem Kleid, sodass man den Slip sehen kann
Screenshot Welt.de - Foto mit runtergerutschtem Kleid, sodass man eine Brust sehen kann
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Und sie zeigt Brüste von Frauen, die möglicherweise nicht wollen, dass ihre Brüste gezeigt werden:

Screenshot Welt.de - Slavia Ecclestone zeigt Brust

Ob die nackten Tatsachen bei dem durchsichtigen, schwarzen Kleid von Slavica Ecclestone (54) beabsichtigt waren? Wer weiß

Poschardts Springer-Kollegen von „Bild“ und Bild.de haben das Foto, das Alexander Gauland zeigt, ebenfalls nicht veröffentlicht. Sie sollen allerdings versucht haben, es zu bekommen. Die Fotografin soll die Anfrage abgelehnt haben, weil sie „mit der ‚Bild‘ nichts zu tun haben“ wolle.

Die Veröffentlichung des Gauland-Fotos ist bei „Bild“ jedenfalls bestimmt nicht daran gescheitert, dass die Mitarbeiter in der Redaktion es auf einmal auch verwerflich finden, derartige Aufnahmen zu zeigen. Sie zeigen sonst jede noch so prominente Frau im Bikini am Strand. Sie fotografieren ihnen zwischen die Beine:

Screenshot Bild.de - Topmodel schlägt Wellen - Na, Kontaktlinse verloren? Dazu ein Foto, das den Schritt der Frau zeigt
Screenshot Bild.de - Zwei Kisten heiß in Weiß - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt
Screenshot Bild.de - Models zeigen Knack-Po - Dazu zwei Fotos, das die Hintern von zwei Frauen zeigt

Heute erst haben sie dieses „Slip-Blitzer“-Foto veröffentlicht:

Screenshot Bild.de - Holla, die Waldfee! Helene Fischer mit Mega-Schlitz und Slip-Blitzer beim Bambi 2017

Sie zeigen Frauen, denen die Brüste aus den Abendkleider gerutscht sind:

Screenshot Bild.de - Die Taxi-Total-Ausfälle der Stars - Dazu Fotos von Frauen, denen Brüste aus dem Kleid gerutscht sind

Und auch abseits von nackten Brüsten und Hintern und Oberkörpern jucken sie die Persönlichkeitsrechte und die Würde der Personen, über die sie berichten, kein bisschen. Sie zeigen andauernd unverpixelte Fotos von verstorbenen Menschen, egal ob voll- oder minderjährig, die sie in Sozialen Medien zusammengeklaubt haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Dieses Paar buchte um - dazu drei Fotos von bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Menschen, darunter ein Zwölfjähriger
Ausriss Bild-Zeitung - 71 Tote bei Absturz vor Moskau - dazu ein Foto einer bei dem Absturz gestorbenen Frau
Stromschlag beim Handy-Aufladen tötet Luiza (17) - dazu ein Foto der Verstorbenen

Sie verfolgen einen offenbar alkoholkranken Hartz-IV-Empfänger durch den Supermarkt und zeigen Fotos von ihm, weil er Wasser wegkippt, um sich vom Pfandgeld Bier kaufen zu können:

Ausriss Bild-Zeitung - Hier wird aus Wasser Bier - und der Staat bezahlt es - dazu Fotos des Mannes, der das Wasser wegkippt und Bier kauft

Sie zeigen einen psychisch kranken Mann, der nackt durch Berlin kriecht und machen sich lustig über ihn:

Ausriss Bild-Zeitung - Nackter krabbelt durch Neukölln - Was es ein Puffgänger, der zu viel Schampus intus hatte?

Oder kurz gesagt: Die Menschenwürde war den Leuten bei „Bild“ und Bild.de nun wirklich schon immer egal. Und natürlich soll das hier alles nicht heißen: Wenn die „Bild“-Leute schon all die anderen Personen so würdelos zeigen, dann sollen sie auch den Gauland so zeigen. Sondern andersrum: In den anderen Fällen sollten sie besser auf würdelose Fotos verzichten.

Bleibt nur noch die Frage: Was hätten die „Bild“- und „Welt“-Medien wohl gemacht, wenn das Foto nicht Alexander Gauland in Badekleidung gezeigt hätte, sondern beispielsweise Sahra Wagenknecht? Oder Schauspieler und Sänger Johnny Depp, der gerade erst in Berlin war? Oder Sängerin Katy Perry, die heute in der Hauptstadt aufgetreten ist? Julian Reichelt und Ulf Poschardt hätten auf ein Foto einer beklauten Katy Perry im Bikini verzichtet, weil sie die Aufnahme „entwürdigend“ finden?

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