Archiv für Bild.de

Kurz korrigiert (516)

Der NABU, also der Naturschutzbund Deutschland, kümmert sich um Umwelt- und Naturschutz und hat das Wort „Bund“ im Namen. Der BUND, also der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kümmert sich auch um Umwelt- und Naturschutz und hat auch das Wort „Bund“ im Namen. Trotz dieser Ähnlichkeiten handelt es sich um zwei verschiedene Vereine.

BUND, NABU, Umwelt, Natur — das scheint die Leute bei Bild.de ein bisschen zu verwirren, denn sie schreiben dort über einem Artikel zum Moorbrand auf einem Bundeswehr-Testgelände im Emsland:

Screenshot Bild.de - Moorbrand in Meppen - Nabu verklagt jetzt die Brandstifter

Und im Artikel selbst:

Nachdem der Staatsanwalt Bundeswehr-Büros durchsuchen ließ, erstattete jetzt der Bund für Umwelt und Naturschutz Niedersachsen (BUND) Strafanzeige wegen fahrlässiger Brandstiftung, leichtfertiger Freisetzung von Schadstoffen und Gefährdung schutzbedürftiger Gebiete.

Auch wenn sich NABU und BUND für sehr ähnliche Dinge einsetzen, hat in diesem Fall nur einer von ihnen Strafanzeigen erstattet: der BUND.

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Ist doch bloß „Schmuddel“-Kram

Gegen Brett Kavanaugh, Donald Trumps Richterkandidat für eine vakante Stelle am Obersten Gerichtshof der USA, gibt es mehrere Vorwürfe der sexuellen Belästigung und des sexuellen Missbrauchs. Darunter auch eine mutmaßliche versuchte Vergewaltigung.

Es handelt sich um Vorwürfe, bewiesen ist nichts. Medien sollten also aufpassen, dass sie Kavanaugh nicht vorverurteilen. Sie sollten die Vorwürfe aber auch ernst nehmen.

Letzteres klappt bei Bild.de nicht so richtig:

Screenshot Bild.de - Frauen beschuldigen Richter - Warum die Schmuddel-Vorwürfe Trump so belasten

„Schmuddel-Vorwürfe“ ist derart verharmlosend, dass wir nicht mal sicher sind, worauf sich das „Schmuddel“ beziehen soll: Auf das, was Kavanaugh vorgeworfen wird, oder auf die Vorwürfe an sich?

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„Ich wurde wohl von ‚Bild‘ verarscht.“

So sieht das aktuelle „GEO“-Cover aus:

Ausriss der Geo-Titelseite - Bronzezeit - Das Reich der Himmelsscheibe - Dazu eine seitengroße Illustration einer historischen Szene mit der Himmelsscheibe

Und so sieht die heutige Seite 6 der „Bild“-Zeitung aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Sie opferten Kinder für den Sonnengott - dazu dieselbe Illustration wie auf dem Geo-Cover

Der Artikel mit der Überschrift „SIE OPFERTEN KINDER FÜR DEN SONNENGOTT“ gehört zur Titelgeschichte:

Ausriss der Bild-Titelseite - Geheimnis der Himmelsscheibe gelöst

Auch bei Bild.de ist die Illustration, die „den König des bisher unbekannten Reiches mit seiner Himmelsscheibe“ zeigen soll, erschienen.

Wie kommt es dazu, dass eine exklusiv für „GEO“ erstellte Illustration in „Bild“ und bei Bild.de landet?

Der Illustrator sagt: „Ich wurde wohl von ‚Bild‘ verarscht.“
Die „GEO“-Redaktion sagt: „Nie im Leben hätten wir ‚Bild‘ die Rechte für diese Illustration eingeräumt.“
„Bild“ sagt: nichts*.

Anruf bei Illustrator Samson J. Goetze. Er sagt uns, dass jemand von „Bild“ sich bei ihm gemeldet habe: Die Redaktion würde gern seine Illustration verwenden. Goetze fragt, ob das denn mit „GEO“ abgesprochen sei. Der „Bild“-Mitarbeiter soll geantwortet haben, dass man bei „GEO“ nachgefragt und das Einverständnis bekommen habe. „Das war wohl eine Falschaussage“, sagt Goetze.

„Das war definitiv nicht abgesprochen“, sagt uns Jürgen Schäfer von „GEO“ auf Nachfrage. Die Illustration sei exklusiv für die eigene Titelseite produziert worden, die Verwendung durch „Bild“ hätten sie „nie im Leben“ erlaubt.

Auch bei „Bild“-Sprecher Christian Senft fragen wir nach. Er könne aktuell nichts zu dem Fall sagen, weil er noch nichts davon wisse, sagt er uns am Telefon. Er wolle versuchen, uns noch mal zurückzurufen, wenn er mehr weiß. Wir haben es dann noch einmal vergeblich bei ihm probiert. Bisher haben wir nichts von ihm gehört*.

In ihren Artikeln kriegen es „Bild“ und Bild.de noch nicht mal hin, die richtige Quelle der Illustation anzugeben. Sie schreiben beim Fotocredit zwar korrekterweise „samson-illustration“, in der Bildunterschrift heißt es aber:

So sehen Zeichner im neuen Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ (Propyläen Verlag) den König des bisher unbekannten Reiches mit seiner Himmelsscheibe

„Das ist Quatsch“, sagt Illustrator Goetze. Seine Illustration komme im Buch gar nicht vor, sondern nur in „GEO“. Und jetzt eben auch in „Bild“.

Mit Dank an @phsteffen für den Hinweis!

Nachtrag, 17:11 Uhr: Auf Wunsch des Illustrators haben wir dessen Aussage (und damit auch unsere Zitat-Überschrift) von „Ich wurde von ‚Bild‘ verarscht“ in „Ich wurde wohl von ‚Bild‘ verarscht“ geändert.

*Nachtrag, 23:46 Uhr: „Bild“-Sprecher Christian Senft hat sich am frühen Abend mit dieser Stellungnahme bei uns gemeldet:

Wir sind bei der Anfrage der Nutzungsrechte von der GEO Redaktion direkt an den Illustrator verwiesen worden. Dieser hat uns diese für BILD schriftlich eingeräumt und eine Rechnung gestellt. Sollten dabei bei GEO die üblichen internen Abstimmungsprozesse nicht berücksichtigt worden sein, tut es uns leid.

Nachtrag, 25. September: Nachdem „Bild“-Sprecher Christian Senft gesagt hat, seine Redaktion sei von „GEO“ bei einer Anfrage zu den Nutzungsrechten der Illustration „direkt an den Illustrator verwiesen worden“ (siehe einen Nachtrag weiter oben), bleibt die „GEO“-Redaktion dabei, dass es einen solchen Kontakt nicht gegeben habe.

„GEO“-Sprecherin Christine Haller sagte uns dazu:

Eine erneute eingängige Prüfung hat bestätigt: Kein Mitarbeiter von GEO hatte im relevanten Zeitraum schriftlichen oder telefonischen Kontakt mit der Bild-Zeitung. Die Behauptung eines Fotoredakteurs von Bild, er habe mit jemandem bei GEO gesprochen, ist für uns nicht nachvollziehbar.

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Kurz korrigiert (515)

Dr. Peter Jäger ist Experte, genauer: Arachnologe, also Spinnenforscher, und Leiter der Sektion Arachnologie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main. „Bild“ nennt Jäger auch mal „Dr. Spinne“, weil er sich so gut auskennt mit den Tieren, immer wieder neue Arten entdeckt und ihnen interessante Namen gibt, etwa Heteropoda davidbowie. Kurzum: Peter Jäger hat ziemlich viel Ahnung von Spinnen.

Bei Bild.de erklärt Jäger nun:

Screenshot Bild.de - Experte erklärt, wie es zu dem Phänomen kommt - Darum bricht der Spinnen-Alarm im September aus

Und er gibt im Text Tipps, wie man eine etwaige Spinnen-Angst bekämpfen könne:

Er hat sogar einen konkreten Therapie-Ansatz: „Wenn Sie das Gefühl haben, Angst oder Ekel vor Spinnen zu haben, setzen Sie sich am besten direkt mit den Tieren auseinander. Beispiel: Halten Sie eine Spinne in einem kleinen selbst gemachten Terrarium und beobachten Sie, wie sich das Insekt verhält.“

„… wie sich das Insekt verhält“? Bei einer Spinne? Wird Peter „Dr. Spinne“ Jäger tatsächlich nicht wissen, dass Spinnen keine Insekten sind?

Oder bekommen sie es bei Bild.de einfach nicht hin, ihn ordentlich zu zitieren? Dort in der Redaktion laufen ja auch einige Experten rum.

Mit Dank an Daniel für den Hinweis!

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Vorlagengeber

Bei Pegida München freuen sie sich, dass sie keine Plakate drucken müssen, sondern einfach „Bild“-Doppelseiten aufhängen können.

Und bei der AfD Bayern freuen sie sich, dass sie für ihre Parolen jetzt nur noch aus den Kommentaren von „Bild“-Chef Julian Reichelt abschreiben müssen.

Reichelt gestern Abend bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Kommentar von Bild-Chef Julian Reichelt - Das macht umso deutlicher: Es ging nie um Maaßen. Es ging um Macht und gigantische Egos in einer maroden Großen Koalition, die zu nichts wahrlich Großem imstande ist.

Die AfD Bayern heute früh bei Twitter:

Screenshot eines Tweets der AfD Bayern - Es ging nie um Maaßen. Es ging um Macht, Machterhalt um jeden Preis und um gigantische Egos in einer großen Koalition, die zu nichts mehr imstande ist. Wir sagen es immer wieder: Wo CSU draufsteht, ist Merkel drin!
Daher AfD zur Landtagswahl in Bayern wählen

Wie schwer die Aussagen von „Bild“ und AfD auseinanderzuhalten sind, kann jeder selbst testen — in unserem neuen Quiz: Wer hat’s gesagt: „Bild“ oder AfD?

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Kurz korrigiert (514)

Um bei „Bild“ Sportchef zu werden, muss man besondere Fähigkeiten besitzen. Man muss während eines Fußballspiels zum Beispiel Dinge sehen, die andere nicht sehen.

Walter M. Straten, aktueller „Bild“-Sportchef, kann das. Zum gestrigen Bundesligaspiel zwischen dem FC Bayern München und Bayer 04 Leverkusen schreibt er in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de:

Ausriss Bild am Sonntag - Die Lage der Liga - von Walter M. Straten über die Trainer-Psychose - Feigheit vor den Bayern wird immer bestraft

Heiko Herrlich dachte wirklich, wenn er seine Leverkusener zu einer Maurer-Truppe umbaut, könnte er sich einen Punkt ermörteln. Julian Brandt, der beim Frankreich-Spiel in München noch so begeistert hat, wurde zunächst sogar geopfert.

Für Laien wie uns ist es schwer zu sagen, was einen Fachmann wie Straten da „so begeistert hat“ — Leverkusens Julian Brandt kam beim 0:0-Unentschieden der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich gar nicht zum Einsatz.

Mit Dank an Frank L. für den Hinweis!

Nachtrag, 13:19 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Fehler inzwischen korrigiert. Dort heißt es nun:

Heiko Herrlich dachte wirklich, wenn er seine Leverkusener zu einer Maurer-Truppe umbaut, könnte er sich einen Punkt ermörteln. Julian Brandt, der beim Peru-Spiel noch so begeistert hat, wurde zunächst sogar geopfert.

Beim 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Peru hat Julian Brandt auch tatsächlich mitgespielt und sogar ein Tor erzielt. Kann also gut sein, dass er den „Bild“-Sportchef „begeistert“ hat.

Walter M. Straten hat die Sache auch bei Twitter noch mal geradegerückt:

Screenshot eines Tweets von Bild-Sportchef Walter M. Straten - Danke für alle Hinweise! Ich habe im Eifer des Gefechts Mist  geschrieben. SORRY!!! Also: Mich hat Julian Brandt gegen Peru begeistert  – und nicht gegen Frankreich auf die Bank

„Bild“ bringt Geflüchtete mit Clan-Kriminalität in Zusammenhang

Bei ihrem Versuch, Geflüchtete mit negativen Geschichten und Schlagzeilen in Verbindung zu bringen, entfaltet die „Bild“-Redaktion ihre ganze kreative Energie. Erst gestern wieder, in diesem Artikel:

Screenshot Bild.de - Bild fordert - Endlich null Toleranz gegenüber arabischer Clan-Kriminalität!

„BILD FORDERT“ scheint die nächste Stufe zu sein nach „Das meint BILD“, dem Kommentar der gesamten Redaktion, den Julian Reichelt eingeführt und den Julian Reichelt für gut befunden hat. „BILD FORDERT“ jedenfalls erstmal auf einer falschen faktischen Grundlage:

Die Clan-Kriminalität in der deutschen Hauptstadt und im ganzen Land ist außer Kontrolle.

Mehrere Hunderttausend (!) Menschen werden ihr zugerechnet. Sie hat sich zum Staat im Staat entwickelt.

Die Redaktion hat das ganz ähnlich schon mal behauptet:

Ausriss Bild-Zeitung - Ermittlungen des BKA - 200.000 kriminelle Clan-Mitglieder in Deutschland

Doch weder „mehrere Hunderttausend (!)“ noch „200.000“ stimmt. Stefan Niggemeier hat das bereits vor einem Monat drüben bei „Übermedien“ ge- und erklärt. Und auch Martin Klingst erläuterte in der „Zeit“ vom 9. August: Das Bundeskriminalamt schätzt nicht, dass 200.000 Clan-Mitglieder kriminell sind, sondern dass die Clans, die in Deutschland immer wieder kriminell auffällig sind, insgesamt etwa 200.000 Familienmitglieder haben. Ein Teil davon ist kriminell, ein anderer Teil nicht. „FORDERT“ „Bild“ etwa auch die Rückkehr zur Sippenhaft?

Apropos „Kennste einen, kennste alle“ — „Bild“ und Bild.de schrieben gestern weiter:

Die Entstehung der arabischen, organisierten Kriminalität in Deutschland war das Ergebnis von Flucht und Zuwanderung aufgrund eines Krieges in einem arabischen Land (Libanon).

Viele Politiker sehen solche Szenen [von Clan-Mitgliedern, die die Gesetze nicht achten,] einige wenige Male im Jahr, wenn sie — wie jetzt — in der Zeitung gedruckt sind.

Aber für viele Menschen in deutschen Großstädten gehören sie zum Stadtbild. Natürlich macht das Angst.

Natürlich schmälert das den Glauben an den Rechtsstaat und daran, dass wir weitere Hunderttausende Menschen, die bei uns Zuflucht gefunden haben, erfolgreich integrieren werden.

Krieg in einem arabisches Land, Flucht, Kriminelle in Deutschland. Das ist die dünne wie toxische Logik, die die „Bild“-Medien verbreiten: Wenn die Personen der Gruppe A als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und hier kriminell geworden sind — wieso sollen dann die Personen der Gruppe B nicht auch kriminell werden? Die sind doch schließlich auch als Flüchtlinge gekommen.

Dazu passt dann auch die bemerkenswerte Verkürzung bei der Entstehungsgeschichte der Clan-Kriminalität: Als wäre zwischen der Flucht vor dem libanesischen Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 dauerte, und dem Schutzgeldeintreiben, dem Drogengeschäft, dem Menschenhandel einiger Großfamilien Jahre und Jahrzehnte später nichts weiter passiert; als wäre das eine (Clan-Kriminalität) die unausweichliche Folge des anderen (Flucht).

Um die „Bild“-Redaktion zu zitieren: „Natürlich macht das Angst.“

Betr.: Daniel Küblböck

Am Sonntagmorgen sprang der Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck offenbar von einem Kreuzfahrtschiff im Nordatlantik. Nur wenige Stunden später ging bei Bild.de ein erster, kostenpflichtiger Artikel online, bei dem gleich drei Autoren und Autorinnen erste Fakten zusammengetragen hatten:

Screenshot Bild.de - DSDS-Star Daniel Küblböck auf Kreuzfahrtschiff vermisst

Laut BILD-Informationen gab es an Bord bereits mehrere Durchsagen an die gesamte Besatzung und Gäste. Der Inhalt der Durchsage: Eine Person wird vermisst — und bei dieser Person handelt es sich um Daniel Küblböck.

Und weiter:

Mehrere Passagiere bestätigen gegenüber BILD, dass Daniel Küblböck die vermisste Person ist. Ein Augenzeuge sagte zu BILD, dass Küblböck von Deck 5 gesprungen ist.

Noch vor wenigen Jahren wären solche Informationen frühestens beim Anlaufen des nächsten Hafens zu bekommen gewesen — das W-LAN an Bord eines solchen Kreuzfahrtschiffes ist zwar nicht ganz billig, aber offenbar ausreichend, um darüber Boulevardredaktionen in Deutschland zu informieren.

Seitdem dominiert die Geschichte die Startseite von Bild.de, es erschienen bisher fast 30 Artikel über Daniel Küblböcks Verschwinden, viele davon als kostenpflichtige „Bild plus“-Beiträge: Die Redaktion „zeichnet sein ungewöhnliches Leben nach“ (der Artikel beginnt trotzdem eher gewöhnlich mit seiner Geburt), berichtet detailliert über die laufenden Rettungs- und Suchaktionen, ordnet den Vorfall („alles andere als ein Einzelfall“) in einen größeren Zusammenhang ein („Jedes Jahr gehen 24 Menschen über Bord“) — und beginnt auch mit nebulösen Mutmaßungen darüber, warum Küblböck gesprungen sein könnte:

Screenshot Bild.de - Er trug Frauenkleider, er randalierte an Bord
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag druch uns.)

Nach BILD-Informationen fiel der Sänger an Bord auf: Er soll sich aggressiv verhalten haben und die meiste Zeit in Frauenkleidung rumgelaufen sein. Tatsächlich zeigt eines der letzten Fotos Küblböck bei einer Abendveranstaltung an Bord im Kleid und mit hohen Schuhen.

Für Küblböcks Familie ist die Nachricht ein Schock. Vater Günther Küblböck (54) zu BILD: „Ich klammere mich jetzt nur an die Hoffnung, dass irgendwie doch noch alles gut wird!“

In diesen zwei Absätzen steckt vieles, was man über die Arbeit von „Bild“ und Bild.de wissen muss: Zunächst einmal werden irgendwelche Gerüchte kolportiert über das, was sich „nach BILD-Informationen“ ereignet haben „soll“. Dabei werden aggressives Verhalten und das Tragen von Frauenkleidung nebeneinander gestellt, als sei beides irgendwie vergleichbar oder habe irgendetwas miteinander zu tun. Und weil aggressives Verhalten negativ besetzt ist, wird es das Tragen von Frauenkleidern spätestens durch diese sprachliche Montage auch. Mit beidem „fiel“ Küblböck angeblich „auf“.

Mit dem Wort „tatsächlich“ kann „Bild“ den einen Teil der „BILD-Informationen“ bestätigen — und den anderen damit gewissermaßen auch, denn beides gehört ja irgendwie zusammen, wie der Satz davor suggeriert. „Bild“ präsentiert also Fotos, die Küblböck an Bord des Schiffes in Frauenkleidern zeigen sollen (praktisch, dieses W-LAN an Bord!) und die sehr danach aussehen, als wären sie ohne sein Einverständnis oder auch nur sein Wissen gemacht worden.

Es folgt ein neuer Absatz, der anscheinend direkt auf den vorherigen Bezug nimmt: „die Nachricht“ ist „ein Schock“ — das klingt bei unbedarftem Lesen erstmal so, als ginge es hier immer noch um die mutmaßlichen Aggressionen und die Frauenkleider. Dann wird einem allerdings klar: Es geht natürlich eigentlich um das Verschwinden. Und man wünscht Angehörigen in einer solchen Situation sicherlich vieles, aber bestimmt keine „Bild“-Reporter, die knackige O-Töne einholen wollen.

Besonders die Sache mit den Frauenkleider hat es den „Bild“-Leuten angetan — umso mehr, als sie entdeckten, dass Küblböck selbst ein Foto, das ihn geschminkt und offenbar in einem Kleid zeigt, auf Instagram veröffentlicht hatte.

Die Autorin Sophie Passmann kritisierte in einer Instagram-Story die Nebeneinanderstellung der Informationen, dass Küblböck verschwunden sei und Frauenkleider getragen haben soll, als Musterbeispiel für tendenziöse Berichterstattung:

Das ist natürlich mehr als zwei Informationen nebeneinander. Wenn man diese beiden Informationen hintereinander gibt, möchte man damit ja irgendwas sagen. Nämlich: „Daniel Küblböck hat Frauenkleider getragen. Irgendwas scheint nicht mit ihm zu stimmen — wahrscheinlich hat er sich selbst in den Tod gestürzt.“

Mehr noch: Weil Daniel Küblböck im August in einem inzwischen gelöschten Facebook-Post auf einer Fanseite Vorwürfe erhoben haben soll, an seiner Schauspielschule Opfer von Mobbing geworden zu sein, konnten die Gerüchteküchenpsychologen von „Bild“ aus den zusammengeraunten Zutaten „Mobbing“, „Depression“ und „Frauenkleider“ einen geschmacklosen Unheilsbrei anrühren.

Oder, wie sie es nennen: sich auf „Spurensuche“ begeben.

Screenshot Bild.de - Warum er an seinem Leben verzweifelte

Was trieb ihn zu seinem Sprung in die Atlantik-Fluten?

Vieles spricht dafür, dass Ex-DSDS-Sänger Daniel Küblböck (33) unter psychischen Problemen litt. Doch niemand ahnte, dass sich seine Seele schon so verdunkelt hatte.

BILD auf Spurensuche.

In immer neuen Artikeln tackert die Redaktion Puzzleteile, die sie mutmaßlich, angeblich, vielleicht, offenbar irgendwo aufgetrieben hat, zusammen. Dabei stets im Fokus: das vermeintlich Abnorme.

Seit September 2015 studierte Küblböck am „Europäischen Theaterinstitut“ (ETI) in Berlin. Zuletzt lernte er wie besessen seinen Text für das Abschluss-Stück „Niemandsland“. Darin spielte er „Aurora“ — einen Transvestiten. Auch privat trat er fast nur noch in Frauenkleidern auf.

Der Artikel, der weitere „BILD-Informationen“, Konjunktive und Formulierungen wie „einige seiner Kommilitonen berichten“ und „sei gemunkelt worden“ enthält, endet ernsthaft so:

Schon in seiner Kindheit fühlte sich Küblböck nicht geliebt.

In seiner Autobiografie „Ich lebe meine Töne“ (2003) schreibt er: „Ich bin nicht erwünscht. Zumindest nicht von meiner Mutter. (…) Sie hat mich nicht haben wollen. Aber wenn schon mich, dann ein Mädchen.“

Bei der Lektüre nimmt man zweierlei mit: Wer als Mann in Frauenkleidern herumläuft, hat offensichtlich psychische Probleme — und wer sich als Kind ungeliebt fühlte, springt halt zwangsläufig irgendwann von einem Kreuzfahrtschiff.

Collage mit den Küblböck-Schlagzeilen von Bild und Bild.de der vergangenen Tage

Unter den meisten Artikel zum Thema prangt pflichtschuldig ein Hinweis auf Hilfsangebote, die Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen in Anspruch nehmen können. Ausgerechnet unter dem „Bild plus“-Artikel „So entglitt Daniel Küblböck das Leben“ (auch Titelgeschichte der gedruckten „Bild“ am Dienstag) fehlt er.

Solche Informationen sind, neben dem Hinweis, dass man „normalerweise“ nicht über Selbsttötungen berichte, auch bei seriösen Medien seit einiger Zeit üblich. Bei Bild.de allerdings wirkt es so, als würde sich die Redaktion damit selbst einen Freifahrtschein ausstellen: Solange wir hinschreiben, wo man sich Hilfe holen kann, können wir das Thema so ausführlich und gedankenlos ausbreiten, wie wir wollen. Also quasi sowas wie Warnhinweise auf einer Zigarettenschachtel.

Und so begannen die „Bild“-„Spurensuchen“ schon, als die Rettungs- und Suchaktionen noch liefen, und hörten nach deren Einstellung („ER stellte die Suche nach dem DSDS-Star ein“ — ganz so, als sei „ER“, der kanadische Einsatzleiter, „der perfekt Deutsch spricht“, irgendwie schuld) natürlich nicht auf.

Vorläufiger Tiefpunkt: Ein „Bild plus“-Artikel, in dem referiert wird, was „Reiseexperte Ralf Benkö bei RTL“ vorgetragen habe.

Screenshot Bild.de - Keine Kriminellen Handlungen festgestellt

Zum Beispiel:

„Es gibt einige Gerüchte und unbestätigte Informationen, wonach es Augenzeugen gegeben haben soll, für das was passiert ist“

Passiert ist „nach weiteren Gerüchten“, „möglicherweise“, „vielleicht“ etwas, denn „es gibt Informationen, die das sagen“. Nach weiteren Konjunktiven stellt der Bild.de-Artikel am Ende wieder so etwas ähnliches wie Klarheit her:

Was es mit all diesen unbestätigten Informationen auf sich hat, muss nun die kanadische Polizei herausfinden.

Aber das ist natürlich noch lange nicht alles zum Thema: In einem Artikel beschreiben mehrere Passagiere die Stimmung an Bord des Kreuzfahrtschiffs, das weiter auf dem Weg nach New York ist, als wahlweise „gelassen“, „ganz gut“ und „sehr gedämpft“, wodurch der informative Mehrwert für Leserinnen und Leser in Deutschland gegen Null tendiert.

Weil Dieter Bohlen, der als Juror von „Deutschland sucht den Superstar“ dabei war, als Daniel Küblböcks Karriere begann, auf Instagram ein Video zu dem Vorfall veröffentlicht hatte, in dem er ausgerechnet einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Be one with the ocean“ („Sei eins mit dem Ozean“) trägt, konnte Bild.de fleißig weitere Artikel („Ist dieser Pulli dein Ernst, Dieter?!“, „Dieter Bohlen erklärt seinen Geschmacklos-Pulli“) zum Thema (also: „zum Thema“) veröffentlichen.

Und weil der Comedian Oliver Kalkofe auf Facebook einen Post über Daniel Küblböcks Verschwinden veröffentlicht hatte, in dem er die „die Auswirkungen der Casting-Shows und des immer seelenloser werdenden Fernsehens“ kritisierte, kann Bild.de Kalkofes Fernseh-Kritik munter weiterverbreiten — und so tun, als hätten Boulevardzeitungen und Onlinemedien mit alledem nichts zu tun.

Unsere Zusammenstellung hier ist natürlich unvollständig — und „Bild“ und Bild.de sind längst nicht die einzigen Medien, die sich jetzt durch das Privatleben von Daniel Küblböck mutmaßen. Bei RTL und der „Bunten“ kommen jede Menge „enger Freunde“ zu Wort, die man, wenn sie wirklich enge Freunde sein sollten, in ihrer aktuellen Verfassung tunlichst nicht in die Öffentlichkeit zerren sollte, und deren Einschätzungen, wenn sie dem Verschwundenen nicht so nahe standen, wie sie behaupten, erst rechts nichts zur Sache tun. Bei DerWesten.de fragen sie, ob es einen Zusammenhang zwischen Küblböcks Sexualität und seinem Verschwinden gibt. Rosenheim24.de hat einen News-Ticker eingerichtet, den das Portal seit Tagen mit Meldungen zu Daniel Küblböck füllt. Express.de berichtet über eine „intime SMS“. Bei Stern.de sind sogar noch mehr Artikel erschienen als bei Bild.de.

Über Medien wie diese hat sich der Youtuber David Hain bereits am Dienstag ausgelassen:

Diese Art der Berichterstattung kann jetzt noch länger so weitergehen: Bild.de hat vorsorglich schon mal erklärt, dass Daniel Küblböck frühestens sechs Monate nach seinem Verschwinden für tot erklärt werden kann.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

***

Du bist depressiv oder steckst in einer schwierigen Situation? Hilfe gibt es bei der TelefonSeelsorge — auf telefonseelsorge.de sowie unter den kostenlosen Telefonnummern 0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222.

Chef’s Unable

Bei Bild.de freuen sie sich schon:

Screenshot Bild.de - Trost für alle Sonnenanbeter - So geil wird der Netflix-Herbst

Geil, endlich wieder Sofa-Saison! Das Sommerloch ist durch, der Herbst ist quasi da. Gute Nachrichten für alle Serienjunkies: Es gibt ordentlich neues Futter.

Allein im September bringt der Streaming-Dienst Netflix über 15 Neustarts und lang erwartete Fortsetzungen raus. YAY!

Zum Beispiel: die 5. Staffel von „Chef’s Table“.

Es wird wieder lecker: Die US-amerikanische Dokumentarfilm-Serie porträtiert in jeder Episode einen internationalen Chefkoch.

Als kleinen Vorgeschmack hat Bild.de dann auch gleich einen Trailer eingebaut:

Moment. Cracker, Mortadella und Scheiblettenkäse? Ein Spitzenkoch, der eine billige Perücke trägt und das Essen (weitere Zutaten: Oreo-Kekse, Fertig-Hollandaise und Nudeln aus der Dose) nicht in einem feinen Restaurant, sondern in seinem Wohnzimmer anrichtet? Spätestens als ein mit riesiger Sonnenbrille ausgestatteter Restaurantkritiker und Autor des Buchs „LET’S EAT! … ASS“ erzählt, dass er den Koch durch das „Who Gives A Fuck“-Magazin kennt, hätte den Profis von „Bild“ auffallen können, dass sie auf eine Parodie reingefallen sind.

Aber eigentlich passen sie ja ganz gut zusammen, die „Bild“-Rechercheure und „Elijah St. Pierre“, der „Owner and Head Chef of the underwhelming restaurant Megabyte“, der im Trailer sagt: „When I tackle a job or a task, the first thing in my mind is be precise, be paying attention all the time!“ Während sein Essen im Ofen verkohlt.

Mit Dank an Hans R. für den Hinweis!

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