Archiv für Bild.de

Falscher als die Polizei erlaubt

Am morgigen Samstag findet in Dresden die „Unteilbar“-Demo für eine offene und freie Gesellschaft statt. Laut Bild.de könnte es dort nicht nur die Demonstration und ein Konzert geben — die Polizei, so behauptet es die Redaktion, fürchte „Autonomen-Krawalle“:

Screenshot Bild.de - Nach Toleranz-Konzert - Polizei fürchten Autonomen-Krawalle in Dresden

Diese Überschrift ist nicht nur grammatikalisch bemerkenswert. Die Polizei sagt uns auf Nachfrage, sie sei auch inhaltlich falsch.

Im Artikel schreibt Bild.de:

Doch wie BILD aus Sicherheitskreisen erfuhr, rechnet man bei der Polizei neben tausenden friedlichen Demonstranten auch mit rund 500 gewaltbereiten Autonomen aus Hamburg und Berlin, die bereits mobilisieren. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Nacht zum Sonntag.

Und:

Das Bündnis selbst hat 25 000 Teilnehmer angemeldet, will eine Woche vor der Wahl für mehr Toleranz, gegen Rechtspopulismus aber auch gegen das neue Polizeigesetz mobil machen.

Doch reisen alle Teilnehmer nach dem Konzert gegen 22 Uhr auch wieder ab? Es gibt Befürchtungen, es könnte Angriffe u.a. auf die Einsatzkräfte geben.

Die Redaktion zitiert sogar „Polizeisprecher Marko Lasko“, der allerdings gar nicht „Marko Lasko“ heißt, sondern Marko Laske:

„Wir schauen uns die Mobilisierung genau an und sind entsprechend vorbereitet.“

Fragt man bei Marko Laske von der Polizeidirektion Dresden nach, sagt einem dieser, dass er zwar mit der „Bild“-Redaktion gesprochen habe, die Darstellung bei Bild.de aber nicht stimme. Er könne sich auch nicht erklären, warum Bild.de so etwas schreibt.

Uns sagt Laske, dass die Dresdener Polizei, die den Einsatz morgen auch führen werde, von einem „friedlichen Versammlungsgeschehen ausgeht“. Es gebe „keine Hinweise auf Störungsaktionen“. Das habe er „Bild“ auch so gesagt. Natürlich seien er und seine Kolleginnen und Kollegen auf den Einsatz vorbereitet. Er meint damit aber vor allem die Absicherung der Versammlung.

Bereits gestern behauptete die AfD Sachsen, dass die Polizei „intern bereits vor Ausschreitungen, die aus dem Umfeld dieser Demonstration erwartet werden“, warne. Dem widersprach die Polizei Sachsen. Heute wiederholt dann also Bild.de die AfD-Behauptung. Und wieder widerspricht die Polizei Sachsen:

Screenshot eines Tweets der Polizei Sachsen - Auf Anfrage der Zeitung konnte die Polizeidirektion klar widersprechen, warum diese nun trotzdem so titelt, wissen wir nciht, zumal die Aussage schlicht falsch ist.

Mit Dank an @matschuessler und @MoniqueFreude für die Hinweise!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Der ganz besondere „Bild“-Service für gewaltbereite Noch-Ehemänner

Die „Bild“-Redaktion will und muss ihren „Bild plus“-Abonnenten natürlich etwas bieten. Und man findet ihn bei Bild.de ja tatsächlich, den ganz besonderen Service für zahlende Kunden. Wenn man beispielsweise ein gewaltbereiter Noch-Ehemann ist, der plant, seine Noch-Ehefrau umzubringen, sie dafür aber noch aufspüren muss, dann hat Bild.de derzeit was für einen:

Screenshot Bild.de - Bestialische Bluttat am Bahnhof von Iserlohn - So fand der Täter heraus, wo sich seine Ex-Frau versteckte
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Und wer jetzt denkt: Ja, gut, dieses „So“ ist doch bestimmt so zu sehen, wie ein „So“ bei klickgetriebenen Portalen meistens zu sehen ist — als Versprechen, das nach dem Klick nicht eingelöst wird —, dem sei gesagt: Nein, die Bild.de-Redaktion erklärt im Artikel tatsächlich recht detailliert, wie der Mann herausfinden konnte, wo sich seine Frau vor ihm versteckte. Im Teaser, der hinter die Bezahlschranke locken soll, schreibt sie:

Nach einem Fall von häuslicher Gewalt hatte sich die junge Mutter († 32), die mit einem neuen Partner ein Baby (zwei Monate) hatte, vor ihrem Ehemann im Frauenhaus Iserlohn versteckt. Einige Monate lebte sie dort in Frieden, doch dann fand der Kosovo-Albaner seine Ex-Frau, erstach sie und den neuen Lebenspartner bestialisch. Wie der Täter herausfand, wo die Frau untergetaucht war und wo er sie tödlich attackierte, lesen Sie mit BILDplus.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Bild.de liefert rechten Hetzern aufgewärmtes abgelaufenes Futter

Manchmal kommt es vor, dass 90 Tage alte Football-Ergebnisse in der gedruckten „Bild“ landen, und das ist dann ganz amüsant, aber auch nicht weiter schlimm. Das hier ist hingegen schlimm:

Screenshot Bild.de - Irrer Einbürgerungsplan - Deutscher Pass trotz Scharia-Ehe - Veröffentlichungsdatum: 20. August 2019

Der Artikel zum angeblichen „IRREN EINBÜGERUNGSPLAN“ der Bundesregierung von „Bild“-Parlamentskorrespondent Franz Solms-Laubach soll gestern erschienen sein, so steht es bei Bild.de. Genau derselbe Text, Wort für Wort, ist bereits am 6. Mai dieses Jahres in der gedruckten „Bild“ und bei Bild.de erschienen. Er war damals schon zumindest irreführend, wie Patrick Gensing beim ARD-„Faktenfinder“ erklärt. Heute ist er schlicht falsch.

Solms-Laubach schreibt, dass Justizministerin Katarina Barley (die inzwischen gar nicht mehr Justizministerin ist — der Artikel ist eben völlig veraltet) sich gegen Horst Seehofer und dessen Innenministerium durchgesetzt habe:

Ein Leben mit zwei oder drei Ehefrauen? Für die Bundesregierung soll das kein Hindernis sein, Ausländern die deutsche Staatsangehörigkeit zu verleihen. Und das, obwohl die Vielehe in Deutschland eigentlich strafbar ist!

Unfassbar: Das Bundesinnenministerium (BMI) konnte sich mit dem Plan, Ausländern in Mehrehe die Einbürgerung in Deutschland zu versagen, NICHT gegen das Bundesjustizministerium (BMJV) durchsetzen!

Tatsächlich sollte eine Mehrehe laut Bundesregierung durchaus ein „Hindernis sein, Ausländern die deutsche Staatsangehörigkeit zu verleihen.“ Man habe in dem Gesetzentwurf, um den es geht, allerdings andere Aspekte, die im Koalitionsvertrag vereinbart waren, vorgezogen und den zur Mehrehe zurückgestellt, erklärte das Bundesjustizministerium damals. Er sollte später aber angegangen werden.

Der Bundestag verabschiedete im Juni eine Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes. Darin ist auch geregelt, dass jemand, der in einer Mehrehe lebt, nicht eingebürgert werden kann. Diese Änderung ist inzwischen in Kraft. Und der Aufregertext von Franz Solms-Laubach damit völlig überholt — was nicht weiter tragisch wäre, wenn er noch auf den 6. Mai datiert wäre. Nun wirkt es allerdings so, als sei all das, was der „Bild“-Parlamentskorrespondent vor sich hinschnaubt, der Stand von gestern.

Dazu trägt auch Ralf Schuler bei, der bei „Bild“ das Parlamentsbüro leitet. Er verbreitete gestern bei Twitter den aufgewärmten abgelaufenen Bild.de-Artikel, als wüsste er nicht, dass dieser längst nicht mehr aktuell ist:

Screenshot eines Tweets von Ralf Schuler - Deutscher Pass trotz Scharia-Ehe

Unter Schulers Tweet entlud sich die Wut der Wütenden:

Unglaublich!

Genau das ist mit „Unterwerfung“ gemeint.

Gesetzte aus dem Irrenhaus.

Die falsche, weil überholte „Bild“-Berichterstattung ist auch für rechte Scharfmacher und Hetzer ein gefundenes Fressen:




In den Kommentaren wütet der Mob. Und niemanden interessiert es, dass die Überschrift „Deutscher Pass trotz Scharia-Ehe“ exakt das Gegenteil von dem darstellt, was in Deutschland heute Gesetz ist. Aber warum sollte es das auch? Die „Bild“-Redaktion interessiert es ja auch nicht.

Gesehen bei @PatrickGensing.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Für jede Krise ein Gesicht

Vergangene Woche hat „Bild“-Selfie-Reporter Paul Ronzheimer Joshua Wong getroffen, den „Anführer des Aufstands“ in Honkong.

Screenshot BILD.de: BILD trifft Hongkongs Protest-Anführer Joshua Wong - Warum lässt uns Deutschland so alleine? [Dazu ein Foto, auf dem sich Wong und Ronzheimer gegenüberstehen]

„Bild“ schreibt:

Jede Revolution, jeder Aufstand, braucht ein Gesicht.

Was insofern ganz interessant ist, als die aktuelle Protestbewegung in Hongkong sehr stolz darauf ist, dass sie eben keinen Anführer hat. International schreiben Medien von Protesten „without a main figurehead“, und auch Joshua Wong selbst sagt, dass es ein „faceless and leaderless movement“ sei.

„Jede Revolution, jeder Aufstand, braucht ein Gesicht“ – vielleicht meint „Bild“ aber auch gar nicht Wongs Gesicht.

Mit Dank an Stephan S. für den Hinweis!

Nachtrag, 22. August: Es gab Kritik an diesem Beitrag, teils sachlich, teils nun ja. Daher zur Erläuterung: Wir wollten nicht kritisieren, dass Paul Ronzheimer für seine Reportagen vor Ort ist. Unser Beitrag sollte sich auch nicht gegen Reporter im Allgemeinen richten. Was wäre das auch für eine unsinnige Kritik? Aber in Anbetracht der Tatsache, dass kaum ein Ronzheimer-Artikel in „Bild“ und bei Bild.de ohne ein großes Foto auskommt, auf dem Ronzheimer zu sehen ist, fragen wir uns durchaus, was nun im Mittelpunkt steht: die Geschichten oder Paul Ronzheimer?

Dass wir auf diesen Punkt hinauswollten, haben wir offensichtlich nicht deutlich genug herausgearbeitet.

Bild.de macht pauschal Stimmung: „Muslime hassen Juden“

Bei Netflix läuft seit gut zwei Wochen der Film „The Red Sea Diving Resort“, und Bild.de hat ihn nun auch entdeckt:

Screenshot Bild.de - Red Sea Diving Resort - Geheimdienst tarnt Flüchtlinge als Urlauber -Der Netflix-Film basiert auf wahren Begebenheiten

Allerdings ist bereits das, was die Redaktion in der Überschrift schreibt, falsch. Und es wird auch nicht richtiger, wenn Autor Christian Henning diese Art Zusammenfassung ähnlich im Artikel wiederholt:

Als die Tarnung als Tauch-Resort so perfekt ist, dass tatsächlich (deutsche) Touristen dort ankommen, müssen die Geheimagenten Tauch- und Fitness-Kurse anbieten. Hauptsache, niemand merkt, dass die meisten Gäste auf den Zimmern Flüchtlinge sind, die um ihr Leben bangen.

In der Tat geht es in „The Red Sea Diving Resort“ um einen Geheimdienst (den Mossad), der Geflüchtete (Äthiopierinnen und Äthiopier jüdischen Glaubens) rettet. Das Team des Mossad pachtet zum Schein ein verlassenes, am Roten Meer gelegenes Resort im Sudan. Es kommen dann etwas überraschend auch richtige Touristen, für die der Mossad ein Urlaubsprogramm organisieren muss. Die Geflüchteten aus Äthiopien werden in den 130 Minuten, die der Film dauert, allerdings kein einziges Mal als Urlauber getarnt und sie sind auch nicht Gäste des Resorts, wie Bild.de schreibt. Sie verstecken sich nach ihrer Flucht vor dem äthiopischen Bürgerkrieg in einem sudanesischen Flüchtlingslager, das ganz woanders im Land liegt. Das vom Mossad gepachtete Resort dient lediglich als der Ort, zu dem sie bei Dunkelheit in Lastwagen gefahren werden, um dort in Boote zu steigen, die sie nach Israel bringen. Die Geschichte basiert auf der „Operation Brüder“.

„Bild“-Autor Christian Henning hat den Film offenbar überhaupt nicht gesehen. Oder er hat ihn gesehen, allerdings kaum verstanden.

Dafür hat er es aber hinbekommen, bei Bild.de selbst in einer Filmrezension Stimmungsmache gegen Muslime unterzubringen. Zum „Haken“ an dem Vorhaben des Mossad schreibt er:

Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden.

Ohne Einschränkung, ohne Differenzierung. Kein „manche“. Kein „einige“. Nicht mal ein „viele“. Laut Bild.de sind pauschal alle Muslime Judenhasser.

Mit Dank an @MKTuningDO und @Menschenkleber für die Hinweise!

Nachtrag, 12:27 Uhr: Bild.de hat die zwei oben zitierten Sätze zum Sudan als „überwiegend muslimisches Land“ sowie zu den Muslimen, die pauschal Juden hassen würden, ohne irgendeinen Korrekturhinweis aus dem Artikel gestrichen.

Nachtrag, 12:59 Uhr: Nun hat die Redaktion auch eine Anmerkung hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Muslime hassen Juden.“ Der Satz wurde ersatzlos entfernt.

Nachtrag 19:48 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Text inzwischen ein weiteres Mal überarbeitet. Nun sind auch die Sätze „Im Sudan ist ein Menschenleben eher wenig wert. Ein jüdisches umso weniger.“ rausgeflogen.

Außerdem hat die Redaktion ihre „Anmerkung“ am Ende des Artikels noch einmal überarbeitet:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden. Ein Menschenleben ist dort nichts wert. Ein jüdisches umso weniger.“ Für diese falsche Pauschalisierung bitten wir um Entschuldigung. Der Absatz wurde ersatzlos entfernt.

„BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln“

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte in ihrer Regierungserklärung gesagt, Soldatinnen und Soldaten in Uniform sollten in Deutschland künftig kostenlos mit der Bahn fahren können. Doch dieser Plan drohe nun zu kippen:

Wie der „Spiegel“ berichtet, scheitert der Plan bisher an der Bahn: Die verlange 38 Millionen Euro/Jahr für die Einführung (bei geschätzt 40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr), wolle Soldaten aber nur auf ICE-Hauptstrecken fahren lassen und verlange ein eigenes Bundeswehr-Buchungssystem.

… schrieb Hans-Jörg Vehlewald gestern auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung. Und nein, der Preis für eine Bahnfahrt ist nicht über Nacht auf irgendwas zwischen 475 und 950 Euro gestiegen. Vehlewald bekommt es einfach nicht hin, die richtigen Zahlen zu nennen: Bei rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten, die die Bundeswehr zählt, hätten „40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr“ selbst dem „Bild“-Chefreporter merkwürdig niedrig vorkommen müssen. Tatsächlich soll es um „geschätzte 400.000 bis 800.000 Freifahrten von Soldaten pro Jahr“ gehen, für die die Bahn „38 Millionen Euro“ veranschlagt, wie der „Spiegel“ berichtet.

Zusätzlich zu seinem fehlerhaften Artikel schrieb Chefreporter Vehlewald in „Bild“ gestern auch einen Kommentar zu dem Thema („Kommt zu Potte!“), den er mit einer Drohung einer bemerkenswerten Botschaft enden ließ:

Und sollte sich irgendwer bei der Bahn oder ein Landesminister in den Weg stellen: BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln.

Wer an dem Vorhaben von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer zweifelt und etwa den legitimen Punkt aufbringt, dass sowieso schon volle Züge auf stark genutzte Strecken durch die möglichen Freifahrten der Soldatinnen und Soldaten übervoll werden könnten, muss also fürchten, von Deutschlands größter Zeitung an den Pranger gestellt zu werden. Bei „Bild“ kündigen sie ihre diskursvergiftenden Kampagnen jetzt schon breitbeinig an.

Vielleicht muss sich Hans-Jörg Vehlewald aber auch erstmal gar nicht „irgendwen bei der Bahn oder einen Landesminister“ vorknöpfen, sondern seinen „Bild“-Kollegen Kai Weise. Der berichtete im vergangenen Dezember über die Probleme der Deutschen Bahn: „Bei der Bahn haben wir ganz viel Dampf im Kessel!“ Eine Dampfquelle laut Weise: Die Züge seien zu voll.

Mit Dank an Niklas R. für den Hinweis!

Sterbende Blätter unter sich

Nach der „Höllen-Hitze“, die selbst Franz Josef Wagner die noch übrigen Gehirnzellen völlig durcheinanderbrachte, hat Bild.de vor ein paar Tagen den nächsten Wetter-Wahnsinn entdeckt, und zwar in Hannover:

Screenshot BILD.de: Plötzlich Herbst? - Die ersten Bäume verlieren schon ihre Blätter!

Sie können es kaum fassen: „Laub liegt rund um den Maschsee – und das Ende Juli!“

Ein Bild, auf dem man grüne Bäume sieht, unter denen bräunliche Blätter liegen. Die Bildunterschrift lautet:  Oben alles grün, unten ist der Boden von Laub bedeckt – ist denn schon Herbst?

Überall braune Blätter! „Ist denn schon Herbst?“, fragt Bild.de.

Gerade noch war‘s pottenheiß, jetzt fallen schon die Blätter von den Bäumen. Am Maschsee, in den Biergärten, Alleen, auf Gehwegen – überall raschelt‘s wie im Herbst. Spielt die Natur jetzt total verrückt?

Nö, schreibt uns unser Leser Lion:

Alle „braunen Blätter“, die gezeigt werden, sind nur verwelkte Lindenblütenblätter. Die Lindenblüte ist von Juni bis August und total normal für diese Jahreszeit. Das eingebettete Bild mit einer grünen Linde spricht ja eigentlich für sich. Baumsterben und die Klimakatastrophe sind real, aber eben nicht mit verwelkten Lindenblüten darstellbar.

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir auch noch bei einem Experten nachgefragt, bei Prof. Dr. Thomas Pfannenschmidt vom Institut für Botanik der Leibniz Universität in Hannover. Er schreibt uns:

Um es kurz zu machen: Der Leser hat recht, im wesentlichen sind es verwelkte Blütenblätter, die zuhauf unter den Linden zu finden sind. Das zweite Foto des Artikels zeigt ja sehr schön, dass die Laubblätter der Bäume noch sehr grün sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass auch Laubblätter in dem trockenen Blattwurf enthalten, dazu sind die Aufnahmen zu unscharf.

Bäume, wie alle mehrjährigen Pflanzen, können die Jahreszeit über die Tageslänge wahrnehmen. Wenn die Tage kürzer werden und dabei eine bestimmte Länge unterschreiten, dient dies als Signal für die Bäume, die Stickstoffressourcen aus den Laubblättern abzuziehen. Wir nennen das dann Herbst. Danach sind die Blätter wertlos und werden abgeworfen.

Der Artikel ist natürlich suggestiv geschrieben, ist aber auch nicht ganz falsch. In der Tat werfen viele Baumarten in ausgedehnten Trockenperioden ihre Blätter ab, insbesondere, wenn ihre Wurzeln keinen oder nur geringen Kontakt zum Grundwasser haben, wie viele Stadtbäume. Dies ist eine normale Reaktion auf lang anhaltenden Stress durch Wassermangel. Die Bäume vermeiden durch den vorzeitigen Laubabwurf die totale Austrocknung und versuchen dadurch zu überleben. Dies hat absolut nichts mit der Jahreszeit zu tun, sondern ist in der Tat eine reine Stressreaktion. Einige Arten können bei nachfolgender guter Bewässerung neue Blätter austreiben, andere nicht. Das Wachstum des Baumes wird auf jeden Fall deutlich beeinträchtigt.

Das Phänomen wird in den nächsten Jahren mit weiteren heißen Sommern mit Sicherheit weiter zu beobachten sein.

Und mit ihm mit Sicherheit auch weitere suggestive „Bild“-Artikel.

Und wer schützt uns vor Katastrophen wie „Bild“?

Es gibt bei „Bild“ eine Art Bullshitsiegel, und das sieht so aus:

Von: Ralf Schuler

Wenn man diese Zeile über einem Artikel liest, kann man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass mit dem Text etwas nicht stimmt. Denn wie kaum ein zweiter Name steht Ralf Schuler für die Unfähigkeit, selbst einfachste Fakten zu recherchieren. Oder, je nachdem, für die Böswilligkeit, Fakten zugunsten der Knalligkeit einer Story zu verzerren oder zu verschweigen.

Was es davon ist, ist nachher oft nicht mehr auszumachen, vermutlich sind die Übergänge mitunter auch fließend.

Nachdem Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor gut einer Woche mit der Idee für Aufsehen gesorgt hatte, Soldaten in Uniform kostenlos Bahn fahren zu lassen, und das nicht etwa in einem exklusiven „Bild“-Interview getan hatte, sondern in ihrer ersten Regierungserklärung im Paul-Löbe-Haus, wollte „Bild“ natürlich noch mit einer eigenen spektakulären Meldung aufwarten. Und so berichtete Ralf Schuler nur einen Tag später exklusiv:

Screenshot BILD.de: Debatte um Gratis-Bahn-Tickets für Soldaten - THW-Chef fordert Freifahrten für ALLE Uniformträger

Nachdem Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (56, CDU) kostenlose Bahn-Fahrten für Soldaten in Uniform gefordert hat, fordert der Präsident der THW Bundesvereinigung, Marian Wendt (34, CDU), kostenlose Fahrten für ALLE Uniformträger!

„Jeder Uniformträger sollte in Deutschland kostenlos Bahn fahren, wenn er diese trägt. Ohne großes bürokratisches Hin- und Her“, sagte Wendt zu BILD.

Auch Feiern wie Eidesleistungen oder Beförderungen sollten öffentlich stattfinden, so Wendt.

Und Schuler wurde nicht müde zu betonen, dass es der THW-Chef persönlich war, der das gefordert hatte, und zwar in „Bild“!

(…), sagt der THW-Chef zu BILD.

Marian Wendt (34, CDU) ist nicht nur THW-Chef, sondern auch Bundestagsabgeordneter

Der 34-Jährige sitzt nicht nur auf dem Chefsessel der größten deutschen Katastrophenschutz-Organisation, sondern auch für die CDU im Deutschen Bundestag.

Nun. In Wahrheit sitzt Marian Wendt nicht auf dem Chefsessel der größten deutschen Katastrophenschutz-Organisation. Er ist nicht der THW-Chef. Er ist, wie man in wenigen Sekunden herausfinden kann, Präsident des „THW-Bundesvereinigung e.V.“. Das wiederum ist eben nicht die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, sondern der „Dachverband der bundesweiten THW-Fördervereine auf Landes- und Ortsebene“.

Auf dem „Chefsessel“ des THW sitzt nun mal dessen Präsident, Albrecht Broemme, der auch nicht Mitglied des Bundestages ist.

Das heißt, entweder hat Ralf Schuler es nicht hingekriegt, das selber herauszufinden, oder er hat es herausgefunden und verschwiegen. Aber „Präsident der bundesweiten THW-Fördervereine auf Landes- und Ortsebene fordert Freifahrten für alle Uniformen“ wäre ja auch nicht so schön knackig gewesen.

Wie dem auch sei – leider gibt es in Deutschland immer noch viele Medien, die Ralf Schuler für einen glaubwürdigen Journalisten halten, und so landete die Geschichte (auch dank freundlicher Unterstützung der dpa) ruckzuck überall:

ZDF: Feiern von Polizei und Feuerwehr: THW-Chef will mehr Anerkennung - Münchner Merkur: THW-Chef fordert mehr Anerkennung für Helfer und ein Zuckerl für "Uniformträger" - Stern: THW-Chef: Feiern von Polizei und Feuerwehr öffentlich machen

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„Pleite-Iren“? Wer schreibt denn sowas?

Der Vater einer Braut hat zur Hochzeitsfeier seiner Tochter die Bundeskanzlerin eingeladen, und nun konnte Angela Merkel leider nicht persönlich vorbeikommen, sie ließ aber immerhin eine Grußkarte an das Hochzeitspaar schicken und wünschte Braut und Bräutigam alles Gute. Da der Bräutigam 2012, also während der Wirtschaftskrise in Irland, zu einer Gruppe irischer Fußballfans zählte, die bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit einem Banner mit der Aufschrift „Angela Merkel thinks we’re at work“ rumlief, ist das alles auch eine Geschichte für die „Bild“-Medien.

In „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de leiten sie den Artikel so ein:

Wirtschaftskrise, Immobilienblase, Arbeitslosigkeit und Schuldenlast. Im Sommer 2012 war Irland am Boden, das Land musste EU-Hilfen beantragen, die Einwohner wurden als ­Pleite-Iren verspottet.

Wer ist denn bitte so bescheuert und „verspottet“ die Einwohner eines ganzen Landes, das bereits „am Boden“ liegt, pauschal als „Pleite-Iren“?

Na, wer wohl?

Screenshot Bild.de - EU und IWF auf Rettungs-Mission in Dublin - Wie viele Euro-Milliarden bekommen die Pleite-Iren? Finanzminister deutet Einlenken an
Screenshot Bild.de - Bild.de zu Besuch bei den Pleite-Iren! Wer die Krise in Irland sucht, muss in die Geisterdörfer fahren. So nennen sie hier unbewohnte Siedlungen in den Vororten von Dublin.
Screenshot Bild.de - Die Pleite-Iren wollen rund 90 Milliarden aus dem Euro-Rettungsfonds beantragen. Voraussetzung dafür sind aber drakonische Sparmaßnahmen ähnlich wie in Griechenland.
Screenshot Bild.de - Immer neue Nachrichten von den Pleite-Iren. In Dublin geht es um die Feinheiten: Welche Bedingungen muss Irland erfüllen, um an die etwa 90 Milliarden Euro EU-Geld zu kommen.
Screenshot Bild.de - Botschafter Mulhall - Irland wird die Milliarden zurückzahlen! Die Pleite-Iren wollen sich 85 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds pumpen. Botschafter Mulhall verspricht: Wir zahlen die Milliarden zurück!

Und dann wären da natürlich noch die vielen, vielen Artikel zu den „Pleite-Griechen“.

Mit Dank an Tihomir V. für den Hinweis!

Stammtischjournalismus ohne Recherche

Nach den rassistisch motivierten Schüssen auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach, bei denen das Opfer lebensgefährlich verletzt wurde, haben „Bild“-Reporter die Stammkneipe des Täters im Nachbarort besucht, mit dem Wirt gesprochen und gleich mehrere Artikel veröffentlicht:

Ausriss Bild-Zeitung - Jetzt spricht der Wirt, bei dem der Rassist von Wächtersbach nach der Tat sein Bier trank - Er kam rein und sagte: Ich habe auf einen Asylanten geschossen
Screenshot Bild.de - Rassist feuert auf Eritreer - In meiner Kneipe prahlte er mit seinen Schüssen!
Screenshot Bild.de - Eritreer von Rassisten aus Auto angeschossen - Hier verbrachte Roland K. seine letzten Minuten - Wirt: Wir haben ihn nicht ernst genommen - BILD zu Besuch im Martinseck
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dieser Kneipe soll Täter Roland K. mehrmals angekündigt haben, jemanden umbringen zu wollen, auch am Tattag, bevor er aus dem „Martinseck“ loszog und auf den Eritreer schoss. Bei der Polizei meldete das niemand, auch nicht der Wirt, dem die „Bild“-Medien nun eine Menge Platz geben, sich zu rechtfertigen. Immerhin „kursieren Gerüchte“, er „würde die Tat dulden.“

Und so kann der Wirt erzählen, was für ein bunter Haufen das doch in seiner Kneipe so sei:

30 Prozent von Dirks Gästen sind Ausländer: „Ob meine Gäste schwarz oder grün sind, blonde Haare oder braune Locken haben, ist mir egal. Hauptsache, sie zahlen und pöbeln nicht.“

Und die Gäste, die zum türkischen Vorbesitzer gegangen sind, kämen ja auch weiter zu ihm:

Vor vier Jahren hat Dirk „Zum Martinseck“ übernommen, von einem Türken: „30 Jahre war die Kneipe in türkischer Hand. Die Gäste von damals kommen heute noch.“ Morgens kommen Rentner, Urlauber. Ab halb fünf Lkw-Fahrer, Bauarbeiter nach der Schicht. Krach gab’s noch nie: „Meinungsverschiedenheiten ja. Ich lasse jedem seine Meinung. Wenn es extrem wird, wird er rausgeschmissen.“

Das, was Roland K. gemacht hat, finde der Wirt auch „nicht gut“:

Er sagte zu BILD: „Ganz deutlich, ich bin kein Nazi. Ich verabscheue die Tat aufs Schärfste. Er hat einen unschuldigen Menschen fast umgebracht, das kann man nicht gut finden. Das ist das Allerletzte.“

Und „Nazi-Sprüche“? Nee, die hätte er nicht geduldet:

Wenn Roland K. hier war, war er eher ruhig: „Wir haben eigentlich nur über Essen geredet. Er war ja Metzger, hat das gelernt, ich hab auch ’ne Metzgerlehre gemacht, das war unsere Basis. Roland fiel nie durch Nazi-Sprüche oder sowas auf, das hätte ich nicht geduldet.“

Mit dem Willen zu fünf Minuten Recherche hätten die „Bild“-Leute mal auf die öffentliche Facebook-Seite des Wirtes gucken können. Und dort hätten sie nach etwas scrollen — denn zugegeben: die Posts liegen schon einige Jahre zurück — entdecken können, dass der Wirt „Nazi-Sprüche“ selbst verbreitet hat. Etwa diesen hier von der Neonazi-Partei NPD:

Screenshot eines Posts des Wirts - Jeder Mensch hat das Recht, seine Kultur und seine Identität zu verteidigen. Auch Deutsche!

Er macht auch ganz gern mal Stimmung gegen „die Fremden“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Mama ich habe Hunger - Ich weiß mein Schatz, aber erst kommen die Fremden dran. - Wieso Mama? - Weil man uns beide sonst als Nazis bezeichnen würde.

Reichsbürgerhaft sei „für die BRD kein Platz mehr“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Es gibt nur ein Deutschland - und da ist für die BRD kein Platz mehr

Zudem würden „immer mehr Ausländer hier angesiedelt“:

Screenshot eines Posts des Wirts - 300.000 Deutsche ohne Wohnung, darunter 30.000 Kinder! Doch die völlig verblödeten Gutmenschen in Deutschland stehen auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt und brüllen den letzten Rest ihres Verstandes heraus, dass immer mehr Ausländer hier angesiedelt werden sollen

Außerdem: „DEUTSCH SEIN IST KEIN VERBRECHEN!“:

Screenshot eines Posts des Wirts - 300.000 Deutsche ohne Wohnung, darunter 30.000 Kinder! Doch die völlig verblödeten Gutmenschen in Deutschland stehen auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt und brüllen den letzten Rest ihres Verstandes heraus, dass immer mehr Ausländer hier angesiedelt werden sollen

Und Angela Merkel und Joachim Gauck könnte man auch mal ganz gut aus dem Flugzeug „hinunterwefen“, dann „freut sich ganz Deutschland“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Angela Merkel und Joachim Gauck fliegen über Deutschland. Sagt Gauck: Angela, wenn ich jetzt einen Fünfhunderter hinunterwerfe, freut sich ein Deutscher. Antwortet Merkel: Wenn aber ich zehn Hunderter hinunterwerfe, freuen sich zehn Deutsche! Plötzlich murmelt der Pilot: Wenn ich euch beide hinunterwerfe, freut sich ganz Deutschland

Natürlich können Menschen ihre Ansichten nach Jahren geändert haben (sollte das so sein, könnten sie allerdings auch alte NPD-Reichsbürger-die-Fremden-kriegen-alles-und-wir-nix-Posts von ihrer Facebook-Seite löschen). Es wäre jedenfalls etwas gewesen, mit dem die „Bild“-Reporter den Wirt hätten konfrontieren können, anstatt ihn unwidersprochen von seiner angeblichen Multikulti-Kneipe erzählen zu lassen. Hätte man mal vorher recherchiert.

Blättern: 1 2 3 4 ... 145