Archiv für Bild.de

Für ein paar Klicks einen kranken Menschen vorführen

Im Internet kursiert derzeit ein Video, das eine Frau zeigt, die sich am Flughafen von Miami auszieht und nackt durch das Gebäude läuft. Dabei singt die Frau.

Die Bild.de-Redaktion veröffentlicht diese Aufnahmen — wohl wissend, dass die Person, die dort zu sehen ist, „verwirrt“ ist:

Screenshot Bild.de - Verwirrte Frau zieht am Flughafen Miami blank - Striptease am Gepäckband
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Auch im Video schreibt Bild.de, dass die Frau verwirrt sei und „unter Wahnvorstellungen“ leide:

Screenshot aus dem Video bei Bild.de - Die Frau sei verwirrt und leider unter Wahnvorstellungen

Rücksicht nimmt die Redaktion darauf nicht. Aber was ist auch schon sowas wie Menschenwürde im Vergleich zu ein paar geilen Klicks?

Mit Dank an Hauke G. für den Hinweis!

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„Bild live“: „Das wissen wir noch nicht“, aber eine Sondersendung kann man ja schon mal bringen

Am vergangenen Donnerstag war großer Messer-Tag bei den „Bild“-Medien. Die „Bild“-Zeitung verkündete auf ihrer Titelseite, dass die „Messer-Gewalt“ „immer schlimmer“ werde:

Ausriss Bild-Titelseite - großes Titelthema: Messer-Gewalt immer schlimmer! Neue, erschreckende Zahlen - Innenminister warnt - Polizisten schlagen Alarm - Opfer sprechen in Bild - Heute große Sondersendung bei Bild.de

Und bei Bild.de lief am Morgen die auf der Titelseite angekündigte „große Sondersendung“.

Ein paar Stunden später, am frühen Nachmittag, gab es noch eine „Bild live“-Sendung. Denn es gab einen „NEUEN MESSERANGRIFF“:

Screenshot der Bild-live-Sendung - Bild live zur Messerattacke in Rottweil - Breaking News - Neuer Messerangriff - Motiv noch unklar

Im baden-württembergischen Rottweil hatte ein Mann eine Mitarbeiterin des örtlichen Jobcenters mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Die Frau musste per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei konnte noch vor Ort einen Tatverdächtigen festnehmen. Und „Bild“ berichtete mit einer Messer-Sondersendung.

Diese Sendung dürfte ein weiterer Testballon der Redaktion und ein Vorgeschmack darauf gewesen sein, wie das von Chefredakteur Julian Reichelt und dem Axel-Springer-Verlag geplante „Bild TV“ aussehen könnte. Wenn das „Bild“-Team mehrere Stunden am Tag durchgängig senden möchte, muss es auch kurzfristig Sendungen zu aktuellen Themen auf die Beine stellen können. Durch die gut 16-minütige „Bild live“-Sendung vom Donnerstag konnte man einmal mehr erahnen, wie schrecklich das alles werden dürfte.

Das größte Problem war, dass es diese Sendung überhaupt gab; dass ein singuläres Ereignis, das eher von lokalem Interesse ist, durch „Bild“ zu einer „BREAKING NEWS“ von angeblich deutschlandweiter Relevanz aufgeblasen wurde. So schlimm der Angriff im Jobcenter in Rottweil war, bleibt es ein Vorfall von begrenzter Bedeutung. Die „Bild“-Redaktion aber schnappt ihn sich und schaltet zwei, drei Alarmgänge hoch: Hier, schaut her! Schon wieder ein Messerangriff! Überall Messergewalt! Und wie ist es beim nächsten Vorfall und beim übernächsten — berichtet „Bild live“ dann wieder? Vermutlich nicht. Nicht einmal die „Bild“-Redaktion schafft es, aus jedem Messerangriff in Deutschland eine angstverbreitende TV-Sendung zu machen.

Ein möglicher Grund, warum gerade der Angriff in Rottweil zu einer „Bild live“-Sendung führte: Ein Plan von Julian Reichelt soll sein, plattformübergreifende Themenschwerpunkte zu setzen, mit denen er dank „Bild“-Zeitung, Bild.de und eben „Bild TV“ bis zu 40 Millionen Menschen erreichen will. Wenn man zufällig sowieso schon eine Titelseite zur „Messer-Gewalt“ an den Kiosken liegen hat, und dann ein aktueller Fall reinkommt, kann man doch wunderbar mit einer Messer-Sondersendung testen, wie das klappen könnte. Auch Moderatorin Juliane Bauermeister sagte gleich zu Beginn der Sendung:

Ein Mann greift eine Frau mit dem Messer an und verletzt sie schwer. Ja, dieser furchtbare Angriff passierte heute Vormittag. Das Opfer: eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Rottweil in Baden-Württemberg. Ja, und wir haben ja erst heute morgen in unserer 8-Uhr-Sendung über den Anstieg von Messerangriffen in Deutschland berichtet. Nun also dieser neueste tragische Fall.

Durch diese Aktualitätshechelei begibt sich die „Bild“-Redaktion in einen selbst auferlegten Breaking-News-Modus, der dazu verpflichtet, irgendetwas zu erzählen und irgendetwas zu zeigen, auch wenn kaum bis gar nichts zu erzählen und zu zeigen ist. Das führt etwa dazu, dass Moderatorin Bauermeister dann einen Tweet wie diesen der Polizei Konstanz vorliest:

Screenshot von Bild live, wo ein Tweet der Polizei Konstanz eingeblendet wird - Am Tatort im Jobcenter hat unsere Kriminalpolizei die Ermittlungen übernommen. Ein Hintergrund der Tat ist bisher noch nicht bekannt.

Bauermeister: „Da müssen wir also abwarten, was jetzt die Ermittlungen dazu bringen.“ Diesen Tweet, der eigentlich nur sagt, dass es noch nichts zu sagen gibt, liest sie später in der Sendung noch ein zweites Mal vor. Viel weniger kann man nicht zu berichten haben.

Und auch „Bild“-Redakteur Frank Klauss, der mit der Moderatorin im Studio steht, kann nicht viel mehr beitragen als: Mann, Messer, Jobcenter, Mitarbeiterin, Hubschrauber, Krankenhaus, Polizei, Festnahme. Ansonsten sagt er Dinge wie:

Ob sie in Lebensgefahr schwebt, ist derzeit noch nicht bekannt. Wir warten da auch noch auf weitere Nachrichten von Seiten der Polizei.

Und: Angriffe in Jobcentern kämen immer wieder vor …

so dass viele Jobcenter auch mittlerweile einen Sicherheitsdienst haben und auch ihre Mitarbeiter schulen. Ob das hier in Rottweil der Fall war, das wissen wir noch nicht. Aber das ist sicherlich auch eine interessante Frage, der wir noch nachgehen werden.

Dazu noch ein paar Allgemeinplätze: Die Polizei sei jetzt damit beschäftigt, Spuren zu sichern und mit Zeugen zu sprechen. Außerdem werde der Tatverdächtige nun vernommen. Schau an. Zum möglichen Motiv des Mannes sagt Klauss:

Über das Motiv können wir bislang erst noch spekulieren.

… und spekuliert dann über einen möglichen Streit um Leistungskürzungen.

Noch trauriger ist nur die Schalte zu „Bild“-Reporter Frank Schneider, der aus irgendeinem Grund vor einer Burger-King-Filiale steht, aber nicht in Rottweil. Schneider erzählt von der Statistik aus Nordrhein-Westfalen, die die Grundlage für die „Bild“-Titelseite mit der „immer schlimmeren“ „Messer-Gewalt“ ist:

Naja, die wichtigste Nachricht ist natürlich: Die Attacken nehmen deutlich zu. Es gibt ja wenige Zahlen in der Vergleichbarkeit, weil natürlich viele Bundesländer sie noch nicht erheben. Aber wir haben zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen seit einem Jahr diese Erhebung. Und man sieht ja schon: Vom ersten zum zweiten Halbjahr nimmt die Zahl der Attacken deutlich zu.

Das ist deswegen bemerkenswert, weil nur kurz darauf von der „Bild“-Redaktion ein morgens aufgezeichnetes Interview mit Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul eingespielt wird, der gewissermaßen Herausgeber der Statistik ist, zu der „Bild“-Reporter Schneider behauptet, dass das alles „deutlich“ steige. Reul sagt:

Man muss da behutsam sein, weil wir es das erste Mal machen, aber auch die einzigen sind in Deutschland, die das gemacht haben. Aber die Zahlen sind erschreckend. Wir können jetzt nicht sagen, ob sie wirklich gestiegen sind. Aber mein Gefühl ist, das nimmt zu, da tut sich was, da müssen wir achtsam sein. Das muss man vor allen Dingen ernst nehmen. Und das ist auch nicht einfach mit billigen Parolen zu lösen, sondern da muss man ganz genau hinschauen: Warum passiert das? Und welche Möglichkeiten haben wir als Polizei oder als Staat oder als Gesellschaft?

Aber zurück zu „Bild“-Mann Schneider, der noch mal sagen will, auf wen die Gesellschaft da besonders schauen muss: die Ausländer:

Es sind hauptsächlich männliche Tatverdächtige, es sind junge Männer. Es sind nicht nur Jugendliche, es sind auch viele Erwachsene, aber junge Männer, dabei. Es sind relativ viele Nicht-Deutsche dabei. Von den Deutschen haben viele auch noch Migrationshintergrund. Es ist offenbar auch ein kulturelles Problem. Der Psychologe hat es heute morgen ja auch noch mal erklärt: Das ist so ein Männlichkeitssymbol. Und das kommt eben diesem archaischen und patriarchalischen Männerbild von vielen Zuwanderern nahe. Man hat das Messer dabei, um seine Ehre, seine Männlichkeit zu verteidigen. Und das ist sicherlich die Aussagekraft dieser Statistik bisher.

Auch zu dieser billigen Parole zu diesem Aspekt gibt es eine Aussage von NRW-Innenminister Reul. Auf die Frage, wie „das Täterprofil von solchen Menschen“ aussehe, sagt er im Interview:

Sie haben es richtig beschrieben: Vorrangig Männer. Vorrangig Männer und vorrangig Deutsche. Und das heißt zum Beispiel, dass die einfache Erklärung ‚Das sind nur diejenigen, die aus dem Ausland kommen‘ falsch ist und nicht reicht. Aber auch da gibt es 40 Prozent. Und deswegen sind beide Sachverhalte ernst zu nehmen.

Inzwischen steht fest, dass der 58-jährige Tatverdächtige in Rottweil Deutscher ohne Migrationshintergrund ist.

Am Ende der „Bild live“-Sondersendung sagt Moderatorin Juliane Bauermeister:

So viel zu dem, was wir wissen über den heutigen Messerangriff.

Und:

Wir halten Sie natürlich weiterhin auf dem Laufenden.

Das kann man durchaus als Drohung verstehen.

Mit Dank an @panajotaki für den Hinweis!

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„Bild“ meldet falsche „Messer-Attacke“ auf Karamba Diaby

Nachricht 1: Auf das Bürgerbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby in Halle (Saale) wurde geschossen.

Nachricht 2: Das Land Nordrhein-Westfalen präsentiert die „Gesamtjahresbilanz der Messerstraftaten 2019“ (PDF).

Auf der „Bild“-Titelseite von heute kommen beide Nachrichten vor:

Ausriss Bild-Titelseite - großes Titelthema: Messer-Gewalt immer schlimmer! Neue, erschreckende Zahlen - Innenminister warnt - Polizisten schlagen Alarm - Opfer sprechen in Bild - Heute große Sondersendung bei Bild.de

… wobei die „Bild“-Redaktion die „immer schlimmere“ „Messer-Gewalt“ offenbar für ein deutlich größeres Thema hält als den Angriff mit einer Schusswaffe auf das Büro eines gewählten Parlamentariers — allein das Wort „Messer-“ ist größer als die gesamte Meldung zu Karamba Diaby auf Seite 1. (Dazu muss auch noch sagen, dass nur die aktuellen Zahlen aus Nordrhein-Westfalen die These „immer schlimmer“ nicht stützen beziehungsweise gar nicht stützen können: Sie wurden zum ersten Mal erhoben, Vergleichswerte aus den Vorjahren gibt es nicht. Außerdem heißt „Messerstraftaten“ nicht, dass es sich automatisch um „Messer-Gewalt“ im Sinne von Gewaltdelikten handelt.)

In der auf der Titelseite angekündigten „großen Sondersendung bei Bild.de“ hat die Redaktion es dann leider nicht geschafft, die zwei Nachrichten, die nichts miteinander zu tun haben, auseinanderzuhalten. Auf einmal meldet „BILD LIVE“, dass es eine „Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby“ gegeben habe:

Screenshot Bild.de - Willkommen zu Bild live - Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby - 6827 Messer-Taten in NRW 2019

Was kann schon schiefgehen, wenn „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt seine TV-Pläne erfolgreich umsetzen sollte und mit dieser grottenschlechten Berichterstattung 40 Millionen Menschen erreicht?

Mit Dank an @papalaeuft, @BehluelCevikel und @BergChris1 für die Hinweis!

Wenn „Bild“ einen Fehler macht, sind die anderen schuld

Wer — wie ich — lange Jahre bei Boulevard-Zeitungen gearbeitet hat, kennt auch die Kniffe, mit denen man immer halbwegs überleben kann, auch wenn man gerade ins Klo gegriffen hat. Eine Rettungs-Regel z.B. lautet: wenn Du falsch berichtet hast, lass die Korrektur aussehen wie eine neue Enthüllung.

Das schrieb Georg Streiter im Dezember 2018 über eine fehlerhafte „Bild“-Kampagne gegen Annette Widmann-Mauz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Streiter hat früher selbst bei „Bild“ gearbeitet.

Vergangene Woche lieferte die „Bild“-Redaktion neues Anschauungsmaterial, wie sie diese „Rettungs-Regel“ in der Paraxis umsetzt.

Viele Medien berichteten, dass die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin scheinbar eine 24-Stunden-Woche einführen wolle — nur vier Tage in der Woche à sechs Stunden arbeiten. Auch bei Bild.de gab es einen Artikel zum „JOB-HAMMER IM NORDEN“:

Screenshot Bild.de - Job-Hammer im Norden - Finnen-Chefin (34) will Vier-Tage-Woche einführen

Premierministerin Sanna Marin will zudem den Arbeitstag von acht auf sechs Stunden verkürzen

Nach einer Runde großem Staunen und Abschreiben kamen die ersten Journalistinnen und Journalisten auf die verrückte Idee, doch noch zu recherchieren. Und siehe da: Sanna Marin sprach zwar mal von einer Vier-Tage-Woche und auch von einem Sechs-Stunden-Tag, aber erstens nie in Kombination (also: entweder eine kürzere Arbeitswoche oder kürzere Arbeitstage — und nicht beides auf einmal) und zweitens nie in ihrer Rolle als Ministerpräsidentin. Im August 2019 erwähnte Marin, damals noch Transportministerin Finnlands, bei einer Podiumsdiskussion ihrer Partei die Vier-Tage-Woche und den Sechs-Stunden-Tag. Sie twitterte noch etwas dazu. Das war’s aber auch schon — im aktuellen Regierungsprogramm findet man zu dem Thema nichts. Das stellte auch die finnische Regierung recht schnell klar. Der Journalist David Mac Dougall hat versucht nachzuzeichnen, wie sich die falsche Nachricht zur finnischen Arbeitswoche vermutlich von Belgien aus über Großbritannien bis nach Indien und Australien verbreitet hat.

Was macht man nun als Redaktion, „wenn man gerade ins Klo gegriffen hat“, wie Ex-„Bild“-Ressortleiter Georg Streiter es nennt? Man könnte den Murks transparent korrigieren, wie in diesem Fall etwa Stern.de, Welt.de und Handelsblatt.de.

Oder man tut so, als wären die anderen schuld; als hätte man selbst keinen Fehler gemacht, sondern eine neue Enthüllung zu bieten; als gäbe es „bei den Finnen“ eine „Rolle rückwärts“; und als hätte die finnische Regierungschefin auf einmal „kalte Füße“ bekommen:

Screenshot Bild.de - Kriegt die Regierungschefin kalte Füße? Doch keine Vier-Tage-Woche bei den Finnen

Rolle rückwärts bei den Finnen!

Was fällt Sanna Marin auch ein, die 24-Stunden-Woche nicht so einzuführen, wie „Bild“ und die anderen es falsch vermeldet hatten?

Damit war aber noch nicht Schluss bei Bild.de. Noch bescheuerter wurde es, als die Redaktion einen Tag später wieder behauptete, dass es in Finnland nun doch die schon längst rückwärtsgerollte Vier-Tage-Woche geben werde:

Screenshot Bild.de - Wirbel um kürzere Arbeitszeiten in Finnland - Vier-Tage-Woche - Geht das auch bei uns?

Vier Tage pro Woche und jeden Tag nur sechs Stunden arbeiten?

Finnlands neue Regierungschefin Sanna Marin (34) will eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit testen.

Dazu auch:

Macht’s noch einmal, Will und Martin

Ein exklusives Interview mit zwei Hollywood-Stars — darauf kann eine Redaktion schon stolz sein. Und klar, dass diese Redaktion dann auch extra schreibt: „BILD traf Will Smith und Martin Lawrence zum Interview“.

Screenshot Bild.de - Bad-Boys-for-Life-Premiere in Berlin - Dieser Film hat unsere beiden Karrieren gestartet - Bild traf Will Smith und Martin Lawrence zum Interview

Blöd nur, wenn es gar kein Interview gegeben hat.

Der Artikel auf Bild.de zitiert Will Smith und Martin Lawrence zwar mehrfach und ausführlich; diese Zitate stammen aber alle von einer Pressekonferenz in Berlin, bei der die zwei Schauspieler gemeinsam mit Produzent Jerry Bruckheimer sowie den Regisseuren Adil El Arbi und Bilall Fallah ihren neuen Film „Bad Boys for Life“ vorgestellt haben. Hier der Vergleich:

Bild.de Pressekonferenz
„Ich habe in meiner Karriere einige Fortsetzungen gedreht, ich war niemals richtig glücklich mit der Qualität. Aber das hier war unser Baby, dieser Film hat unsere beiden Karrieren gestartet. Es musste also vernünftig werden und nicht einfach nur der dritte Teil. Sehr selten werden Fortsetzungen besser, aber bei dieser Trilogie ist der dritte Film der beste.“ Smith: „I’ve made a couple of sequels in my career and I was never totally happy with the quality of the sequel, and this was like our baby, like this was the movie that really launched both of us and it just, it had to be right, it had to be a movie, that was worthy of coming back to it by itself. Not just: Hey, wouldn’t it be cool to make a third one, and you know, I wanted to do something that was great and I wanted to take a shot at making the best of the three movies. And very rarely in sequels do the films get better, as you go along, and I think that with this trilogy, I think that definitely in terms of story, definitely in terms of performance, this third one is the best of the three.“
Als Lawrence etwas von „Ich mache Sport“ ins Mikrofon flüstert, kriegt sich Smith gar nicht mehr ein. Er fängt an, laut zu lachen und klatscht begeistert in die Hände. Dann gibt er zu: „Ich fühle mich älter.“ Lawrence: „Well, exercise.“ – Gelächter – Smith: „I don’t know, ah, you know, I just feel like, I’m feeling all of my 50 years old.“ – Lawrence: „I feel all of 54.“
Vor Beginn der Dreharbeiten zu „Bad Boys for Life“ habe er [Smith] gesagt, er mache alle Stunts selbst – Tom Cruise (57) schaffe das schließlich auch. „Nach drei Tagen war klar, es ist viel tougher als ich dachte.“ Kampfszenen und aus dem Fenster springen sei in seinem Alter doch weitaus schwieriger als mit 25. „Danke Gott für die Spezialeffekte!“ Smith: „We came into this movie, and I was like: I’m doing all the stunts, I don’t need no stuntman. Just whatever it is. Tom Cruise can do all his stunts, I can do all my stunts. And, we had about three days of that, we had about three days and we had a scene calling the subs. I said: ‚Hey, you think we should use our stuntman for this?‘ And you know, it was really a lot tougher than I imagined, it’s a whole lot easier doing a fight scene and trying to fall out of a window and all of that kind of stuff at 25, than it is at 50. Thank god for special effects!“
Er [Bruckheimer] hat keinerlei Zweifel am Erfolg der Fortsetzung: „Wenn du eine Kamera auf Martin und Will richtest, weißt du, sie werden fantastisch sein.“ Bruckheimer: „When you put Martin and Will together, and you turn a camera on, it’s magic, no matter what, so I knew they would be fantastic.“
Smith erinnert sich noch gut an die Dreharbeiten des ersten Films in Florida. „Prince hatte einen Club in Miami, selbst designt. Es war wirklich hart für uns zu arbeiten, wenn du jede Nacht in den Club gehen konntest …“ Smith: „For me, it was Miami. It was like, you know, for this, for ‚Bad Boys‘ was the first time we really spent time in Miami, it was like our introduction to that. And, one of the major memories: Prince had a club in Miami, when we first made the film, with ‚glam slam‘ or something like that. Prince designed a club, it was really hard to get work done in Miami when you could go to Prince’s club every night. So that was one of my fondest memories.“
Was für ihn die Freundschaft der beiden Hauptfiguren ausmacht: „Es muss nicht liebenswürdig sein, es muss nicht besonnen sein oder goldig. Aber sehr zuverlässig.“ Motto: „We ride together, we die together“. Smith: „Yeah, that’s really at the center of ‚Bad Boys‘, you know, that idea: ‚We ride together, we die together.‘ It’s like perfect friendship. And it doesn’t have to be gentle, and, you know, it doesn’t have to be calm, it doesn’t have to be sweet, but what it is: it’s rocksolid. We ride together, we die together. Bad Boys for life.“

(All diese Zitate (bis auf eines — aber auch dieses stammt von der Pressekonferenz), sind in einem gekürzten Zusammenschnitt auf Youtube zu finden.)

Der „Bild“-Autor hat während der gesamten Pressekonferenz keine einzige Frage gestellt — das geht aus einem Audiomitschnitt hervor, der uns vorliegt. Dennoch gibt die Redaktion die Antworten als eigenes „Interview“ aus.

Diese Interviewvorgaukelei hat bei „Bild“ eine gewisse Tradition:

Mit Dank an den Hinweisgeber!

Prozess zum Beinstellen in Connewitz: Mit wenigen Kniffen zum Feindbild

Wenn sich in einem Gerichtsprozess herausstellt, dass ein Angeklagter nicht so ganz in das Feindbild passt, das die „Bild“-Medien ihrer Leserschaft präsentieren wollen, kennt die Redaktion ein paar Kniffe.

Ein 27-Jähriger stand am Mittwoch in Leipzig vor Gericht, weil er in der Silvesternacht einem Polizisten ein Bein gestellt hatte. Der Beamte fiel zu Boden und verletzte sich leicht an Arm und Knöchel. Der Angeklagte wurde wegen Angriffs auf und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte sowie Körperverletzung schuldig gesprochen — sechs Monate Haft auf Bewährung und 60 Stunden gemeinnützige Arbeit, so das Urteil. Der Prozess hat vor allem deswegen viel Aufmerksamkeit bekommen, weil das Beinstellen im Leipziger Stadtteil Connewitz passiert ist, wo es an dem Abend gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen mutmaßlichen Linksradikalen und der Polizei gab.

Kniff 1: Bei Bild.de schreibt der anonyme Autor, der Angeklagte sei nach wie vor uneinsichtig:

Wohl auch wegen der eindeutigen Beweislage hatte [A.] vor dem Urteilspruch ein Geständnis abgelegt. Einsicht zeigte der Mann jedoch nicht. Er rechtfertigte den Angriff auf die Polizei vielmehr: Er sei das erste Mal zu Silvester am Connewitzer Kreuz gewesen. Bevor er den Beamten angriff, habe er gesehen, wie Polizisten auf Zivilisten losgegangen seien.

Bei so gut wie allen anderen Medien klingt das völlig anders:

Der nicht vorbestrafte Angeklagte entschuldigte sich in der Verhandlung immer wieder. Er könne sich nicht erklären, warum er das Bein gestellt habe. „Das war eine riesengroße Dummheit“, sagte er.

… schreibt Süddeutsche.de.

„Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Das war ein riesengroßer Fehler“, sagte er.

… zitiert ihn die dpa.

An den Polizisten wendet er sich direkt: „Ich will mich auf jeden Fall entschuldigen, dass ich das getan habe.“

… steht bei taz.de. Und der MDR resümiert:

Der 27-jährige Straßenkünstler zeigte sich reumütig.

Auch Bild.de erwähnt die Entschuldigung in einem Halbsatz und schreibt, dass der Mann von einem riesengroßen Fehler „gestammelt“ habe.

Anders als Bild.de behauptet, nutzte der Angeklagte es auch nicht als Rechtfertigung für seine Tat, dass er gesehen habe, „wie Polizisten auf Zivilisten losgegangen seien“: Die Frage des Richters, ob er dem Beamten deswegen das Bein gestellt hatte, verneinte der Angeklagte.

Kniff 2: Bild.de schreibt, die Staatsanwaltschaft sei davon überzeugt gewesen, dass der Mann in Connewitz „mitgemischt“ habe:

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte der 27-Jährige mitgemischt, als an Silvester nach Mitternacht die Situation zwischen Linksradikalen und der Polizei eskalierte.

Die dpa schreibt hingegen:

Der 27-Jährige war eher eine Randfigur in dem gewalttätigen Geschehen auf dem Connewitzer Kreuz in dem als linksalternativ geltenden Stadtteil Leipzigs. Mit dem schwerwiegendsten Tatvorwurf aus der Silvesternacht — einem versuchten Mord an einem 38 Jahre alten Polizisten — hatte er laut Staatsanwaltschaft nichts zu tun.

Die Darstellung von Bild.de passt schon zeitlich nicht richtig. Bei taz.de steht:

Was der 27-Jährige sich hat zuschulden kommen lassen, geschah weit später als die Tat, die nun als Mordversuch gilt und über die jetzt alle reden. In dem Zusammenhang habe man A. nicht gesehen, bestätigen auch die zwei Polizeizeugen.

Und der MDR schreibt:

Zum Tatzeitpunkt gegen ein Uhr nachts war es wieder ruhiger am Connewitzer Kreuz. Auch sei der Angeklagte den Polizisten zuvor nicht aufgefallen. Daher sah das Gericht keinen Zusammenhang mit den Ausschreitungen in der Silvesternacht.

Kniff 3: Im Post in den Sozialen Netzwerken lässt die „Bild“-Redaktion es trotzdem so aussehen, als habe der Angeklagte mit jenen „Angriffen auf Polizisten“ zu tun, über die seit Tagen heftig debattiert wird:

Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion - Angriffe auf Polizisten - Blitzprozess gegen ersten Silvester-Chaoten
(Der Augenbalken stammt von „Bild“, die restliche Unkenntlichmachung von uns.)

Kniff 4: In der Überschrift des Artikels schreibt Bild.de, dass der Angeklagte ein „mildes Urteil“ bekommen habe:

Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion - Screenshot Bild.de - Angriffe auf Polizisten in Leipzig - Mildes Urteil im Blitzprozess gegen Silvester-Chaoten

Darüber lässt sich natürlich streiten. Man kann aber auch der Meinung sein, dass bei einem nicht vorbestraften, geständigen und reumütigen Täter sowie den überschaubaren Folgen der Körperverletzung ein halbes Jahr Gefängnis auf Bewährung plus 60 Stunden gemeinnützige Arbeit durchaus angemessen sind — wenn man nicht gerade versucht, auf Biegen und Brechen ein Feindbild zu bedienen.

Mit Dank an @RobertDaut und @Schuhbrahimovic für die Hinweise!

Das miese Geschäft der „Bild am Sonntag“

Da waren sie bei „Bild am Sonntag“ und Bild.de aber ziemlich empört:

Screenshot Bild.de - Becher, Tassen, Mützen - Das miese Geschäft mit Greta Thunberg

Irgendwelche Leute versuchen nämlich, mit den Image von Greta Thunberg Geld zu machen, indem sie deren Gesicht auf T-Shirts packen, Puppen der Klimaaktivistin herstellen oder Kaffeebecher mit Greta-Sprüchen bedrucken. „Bild am Sonntag“ erklärt, dass man sich dagegen wehren kann, und dass Greta Thunberg das auch macht, indem sie „den Schutz ihres eigenen Namens beantragt“ habe: „Einen entsprechenden Antrag hat ihr Anwalt beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) eingereicht.“

Zur Situation in Deutschland schreibt „BamS“:

In Deutschland hat jeder ein Recht am eigenen Bild und Namen. Wenn jemand anderes das kommerziell nutzt, kann man als Betroffener dagegen vorgehen.

Ein Markenrechtsexperte erklärt das noch mal genauer:

Der Frankfurter Markenrechtsexperte Eckart Haag (46) sagt: „Ich kann den Nutzer auffordern, das zu unterlassen und mir Auskunft zu erteilen, wie viele Tassen, T-Shirts oder Sonstiges er mit meinem Bild oder Namen verkauft hat. Wenn er das nicht tut, lasse ich per Gericht die Handlung stoppen.“

Im nächsten Schritt kann man Schadenersatz einklagen. Haag: „Das positive Image des Prominenten fördert den Absatz und steigern der (sic) Wert eines Gegenstandes erheblich. Dadurch kann ein erheblicher Teil des erzielten Gewinns eingefordert werden. 80 Prozent sind durchaus denkbar.“

Bei „Bild am Sonntag“ kennen sie sich mit dem Thema aus: Im Oktober des vergangenen Jahres entschied das Oberlandesgericht Köln, dass die Redaktion ein Foto des Schauspielers Sascha Hehn in dessen früherer Rolle als „Traumschiff“-Kapitän nicht hätte verwenden dürfen. Im Blatt hatte sie mit diesem Foto, auf dem Hehn und zwei weitere Schauspieler zu sehen waren, für ihr „Urlaubslotto“ geworben, bei dem die Leserinnen und Leser eine Kreuzfahrt gewinnen konnten, wenn sie eine kostenpflichtige Telefonnummer anriefen oder eine kostenpflichtige SMS schickten. Sascha Hehn hatte mit dem Gewinnspiel aber überhaupt nichts zu tun. Er hatte einer Verwendung des Fotos in diesem Zusammenhang nicht zugestimmt. Und er war auch nicht Teil des Gewinns — in „Bild am Sonntag“ stand sogar, die Abgebildeten werde man auf der Kreuzfahrt „zwar nicht treffen. Aber wie auf dem echten TV-Traumschiff schippern Sie zu den schönsten Buchten und spannendsten Städten.“

Das Gericht schrieb dazu in einer Pressemitteilung (PDF):

Die Beliebtheit des Klägers als Traumschiff-Kapitän habe als „Garant“ für eine Traumreise ersichtlich auch auf den Hauptgewinn abfärben sollen. Außerdem sei mit dem Bild des Klägers die Aufmerksamkeit der Leser auf die kostenpflichtigen Mehrwertdienstnummern gelenkt worden, mit denen eine gewisse Refinanzierung des Gewinnspiels erfolgt sei.

Das Urteil war zu dem Zeitpunkt, als die Pressemitteilung veröffentlich wurde, noch nicht rechtskräftig.

Die „Bild“-Medien wollen mit Greta Thunberg übrigens auch ein bisschen Geld verdienen, wenn auch auf etwas andere Weise: Den Artikel, der „das miese Geschäft“ mit Thunberg anprangert, kann man nur mit einem „Bild plus“-Abo lesen:

Screenshot Bild.de - Greta-Shirts, Greta-Handyhüllen, Greta-Püppchen: kaum ein Souvenir, das es nicht von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg gibt. Ihre Einwilligung gab sie nie. Lesen Sie mit BILDplus, was Greta jetzt dagegen unternimmt
(Draufklicken für größere Version.)

Mit Dank an @yanjulang für den Hinweis!

„Bild“ berichtet über den Unfall in Südtirol: „HABT IHR SIE NOCH ALLE?“

Die „Bild“-Medien berichten seit einigen Tagen ausgiebig über einen Unfall in Südtirol, bei dem sieben Menschen starben, und der Fahrer stark alkoholisiert war. Dabei läuft sehr vieles sehr schief.

***

Auf der heutigen „Bild“-Titelseite zeigt die Redaktion Fotos der Opfer und des Unfallfahrers:

Ausriss Bild-Titelseite - Horror-Unfall in Südtirol - Die jungen Leben zerstörte der Totraser - Und dieses Auto machte er zur Waffe

Die Unkenntlichmachung bei drei der Opfer und beim Fahrer stammt von uns, die beim Opfer ganz rechts stammt von „Bild“ (dazu später mehr). Das zweite Opferfoto von links, das „Bild“ heute auf Seite 1 und auf Seite 3 unverpixelt zeigt und das auch bei Bild.de auf der Startseite unverpixelt zu sehen war, zeigt allerdings eine Frau, die mit dem Unfall rein gar nichts zu tun hat. Sie war nicht in Südtirol und vor allem: sie lebt.

Gestern Abend schrieb sie bei Facebook (nur für Freunde öffentlich zu sehen):

LIEBE BILD? Wie kann das passieren? Ich bin am Leben und es wird wahllos ein Bild vor gefühlt 8 Jahren ins Netz gestellt obwohl ich nicht betroffen bin? HABT IHR SIE NOCH ALLE? schlimm genug dass ihr mit der Story Kohle verdient!

Bild.de hat das Foto inzwischen ausgetauscht und zeigt nun zum selben Opfernamen ein unverpixeltes Foto einer anderen Frau. Im „Bild“-E-Paper war das Foto noch lange zu sehen. Inzwischen sind auch dort die Fotos auf der Titelseite und auf Seite 3 ausgetauscht. An Tankstellen, in Bäckereien und an Kiosken liegen hingegen weiter Hunderttausende „Bild“-Exemplare aus, auf deren Titelseiten eine lebende Frau mit unverpixeltem Foto für tot erklärt wird.

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, wie es zu dem Fehler kommen konnte. Er hat uns bisher nicht geantwortet.

***

Die „Bild“-Medien zeigen Fotos von vier weiteren Personen, bei denen es sich um Menschen handeln soll, die bei dem Unfall gestorben sind. Als Quellenangabe gibt die Redaktion für alle „PRIVAT“ an, was nichts anderes heißen dürfte als: Bei Facebook oder Instagram per rechter Maustaste zusammengeklaubt.

Außerdem geht „Bild“ sehr unterschiedlich bei der Unkenntlichmachung vor: Manche Fotos sind verpixelt, andere nicht. Bei den zwei Personen, die verpixelt sind, steht in den Bildunterschriften:

Ausriss Bild-Zeitung - Auf Wunsch der Eltern hat Bild sein Foto verpixelt und Auf Wunsch der Familie hat Bild das Foto verpixelt
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Eines der Fotos zeigt einen Mann, das andere eine Frau. Bei dem Mann ist die „Bild“-Redaktion ziemlich inkonsequent: Im Blatt ist sein Gesicht entsprechend der Bildunterschrift verpixelt, auf der Titelseite hingegen nicht — zumindest in der E-Paper-Ausgabe. Bei der gedruckten „Bild“ ist sein Gesicht zumindest in Berlin auch auf der Titelseite verpixelt. Nachdem wir „Bild“-Sprecher Senft in unserer Mail auf die fehlende Verpixelung auf Seite 1 aufmerksam gemacht haben, hat die Redaktion es auch im E-Paper überall verpixelt.

Wir wollten von Christian Senft wissen, ob „Bild“ und Bild.de bei den Eltern aller Opfer nachgefragt hat, ob diese mit einer Foto-Veröffentlichung — gepixelt oder ungepixelt — einverstanden sind. Er hat uns bisher nicht auf unsere Frage geantwortet.

Und wir haben Senft gefragt, ob „Bild“ die Eltern und Familien, die in den Bildunterschriften erwähnt werden, vor der Veröffentlichung der Fotos gefragt hat, ob das verpixelte Zeigen ihres Kindes für sie in Ordnung ist — oder ob diese sich bei „Bild“ melden mussten, nachdem die Redaktion die Fotos bereits unverpixelt veröffentlicht hatte, um wenigstens noch die Verpixelung zu erreichen.

Auch darauf hat Christian Senft nicht geantwortet. Es spricht aber vieles dafür, dass die Familien intervenieren mussten, damit die Fotos ihrer Kinder nachträglich verpixelt werden: Der oben bereits erwähnte Mann, dessen Foto die „Bild“-Medien „auf Wunsch der Eltern“ verpixelt haben, war gestern Nachmittag noch ohne Unkenntlichmachung auf der Bild.de-Startseite zu sehen:

Screenshot Bild.de - Suff-Fahrer raste J. in den Tod
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Entweder haben die Eltern sich umentschieden (erst unverpixelt in Ordnung, dann nur verpixelt in Ordnung). Oder die „Bild“-Redaktion hat einfach, ohne zu fragen, das Foto unverpixelt veröffentlicht, und die Eltern mussten aktiv werden.

Ganz ähnlich bei der Frau, deren Foto „Bild“ „auf Wunsch der Familie“ verpixelt hat: Anfangs war ein Foto, das sie zeigt, bei Bild.de verpixelt, dann nicht mehr und nun wieder.

***

Wir haben „Bild“-Sprecher Senft gefragt, ob die Eltern und Familien der Opfer, deren Fotos nicht verpixelt sind, einer unverpixelten Veröffentlichung zugestimmt haben, oder ob sie sich bisher einfach nicht gegen die unverpixelte Veröffentlichung gewehrt haben. Auch darauf bekamen wir keine Antwort.

Die Veröffentlichung des Fotos der Frau, die „Bild“ fälschlicherweise für tot erklärt hat, spricht dafür, dass die „Bild“-Medien niemanden vorher gefragt haben — denn wer stimmt schon einer (unverpixelten) Veröffentlichung zu, wenn man überhaupt nichts mit dem Fall zu tun hat?

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Viele Beiträge zum Thema hat Bild.de hinter die Paywall gestellt. So auch diesen „MIT VIDEO“:

Screenshot Bild.de - Um 16.55 Uhr postete J. noch ein Video aus dem Hexenkessel - Knapp neun Stunden später war sie tot
(Unkenntlichmachung des Namens und der Person in der Mitte durch uns. Unkenntlichmachung der beiden Personen außen durch Bild.de.)

Nicht nur, dass die Redaktion sich private Videoaufnahmen einer verstorbenen Person besorgt — sie versucht dann auch noch, damit ein paar Abos zu verkaufen und Geld zu machen.

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Um an Informationen zu kommen, scheinen die „Bild“-Medien nicht nur die Profile der Opfer in den Sozialen Netzwerken zu durchforsten — offenbar behelligen sie auch deren Familien. Bei Reddit schreibt ein User:

Heute hab ich plötzlich eine Nachricht von einer Freundin bekommen, dass eines der Opfer der Bruder ihres Freundes ist. Ich kannte den verstorbenen Bruder nicht persönlich, aber dafür ihren Freund und war auch wenn ich nicht viel mit ihm zutun habe zutiefst geschockt.

Was mir allerdings dann erzählt wurde lässt mir echt den Kragen platzen. Anscheinend haben irgendwelche fuckig Reporter von der Bildzeitung wie auch immer herausgefunden, wo die Angehörigen des verstorbenen wohnen und noch am selben Tag angeschellt, die Familie bedrängt und nach einem Interview gefragt. Wie kann man so fucking dreist sein? Man kriegt die Nachricht von der Polizei, dass dein Sohn/Bruder gestorben ist und am selben Tag kommt die scheiß Bildzeitung zu dir nach Hause und fragt nach einem Interview, damit sie aus der Tragödie anderer Menschen Material für ihre scheiß Titelseite haben um Leute zu ködern ihre scheiß Zeitung zu kaufen?

Außerdem haben uns mehrere BILDblog-Leserinnen und -Leser geschrieben, dass sie Verwandte der Opfer kennen. Sie alle sagen, dass die Berichterstattung der „Bild“-Medien für die Familien nur schwer zu ertragen sei.

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Neben den Fotos der Opfer veröffentlichen „Bild“ und Bild.de auch mehrere unverpixelte Fotos des Unfallfahrers. Online ist sein Gesicht seit mehreren Tagen durchgängig auf der Startseite zu sehen. Dass der Mann derzeit „als psychisch nicht stabil gilt“, berichten die „Bild“-Medien zwar; ein Grund, seine Fotos nur verpixelt zu zeigen, ist das für sie aber offensichtlich nicht. In einem Video zeigte Bild.de sogar eine unverpixelte Aufnahme, während ein Reporter erzählt, dass der Mann gerade in eine psychiatrische Einrichtung eingeliefert wurde.

Wir haben den „Bild“-Sprecher gefragt, ob die Redaktion eine Erlaubnis des Mannes hat, seine Fotos ohne Unkenntlichmachung zu zeigen. Christian Senft hat darauf nicht geantwortet.

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„Bild“ und Bild.de hauen alles zu dem Fall raus, was sie in die Finger bekommen. Zwei Titelseiten sind zu dem Unfall in Südtirol schon erschienen, im Blatt zwei Doppelseiten, weit mehr als ein Dutzend Artikel bei Bild.de und dazu online mehrere Live-Sendungen. Es wirkt ein bisschen wie ein weiterer Probelauf für den geplanten „Bild“-TV-Sender: Wie groß können alle „Bild“-Kanäle auf einmal ein Thema machen?

Dafür sind 14 (!) Autorinnen und Autoren im Einsatz. Mit ihrer Arbeit sorgen sie dafür, dass Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, sich in ihrer Trauer auch darum kümmern müssen, dass das Schicksal ihres Kindes, ihres Bruders oder ihrer Schwester nicht gnadenlos von einer Boulevardredaktion ausgeschlachtet wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 8. Januar: Von „Bild“-Sprecher Christian Senft haben wir nach wie vor keine Antworten auf unsere Fragen bekommen. „DWDL“ hat er heute allerdings geantwortet:

Gegenüber DWDL.de äußerte sich Springer-Sprecher Christian Senft am Mittwoch jedoch zu der Foto-Panne: „Aufgrund eines bedauerlichen Fehlers in der Herstellung ist bei der umfassenden Berichterstattung von ‚Bild‘ zum tragischen Unfall in Südtirol in der gedruckten Zeitung ein falsches Foto für eines der Unfallopfer erschienen. Wir haben dafür bei der betroffenen Familie um Entschuldigung gebeten und das Foto online sowie im E-Paper sofort ausgetauscht. Insofern uns die Familien darum gebeten haben, wurden die Fotos der Opfer bei der Berichterstattung verpixelt.“

Eine Antwort auf die Frage, weshalb sich „Bild“ überhaupt dazu entschlossen hat, Fotos der Opfer unverpixelt zu drucken, gab es nicht.

Nachtrag, 9. Januar: Für eine Bitte um Entschuldigung oder wenigstens eine Korrektur, dass die Redaktion eine falsche Person für tot erklärt hat, war in „Bild“ bisher leider kein Platz.

Bild.de liefert „Terror“-Futter für Islamhasser und rechte Hetzer

+++ Messermann erschossen! Polizei verhindert Terror-Anschlag in Gelsenkirchen! +++

… schreibt der AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber.

++ Angreifer erschossen: Islamistischer Terror-Anschlag vereitelt! ++

… schreibt die AfD-Fraktion, die im nordrhein-westfälischen Landtag sitzt.

+++ Islamistischer Terror? Bewaffneter greift Polizeiwache an, ruft „Allahu akbar“ und wird erschossen! +++

… schreibt der AfD-Landesverband Hessen.

Islamisch motivierter Anschlag konnte vereitelt werden!

… schreibt Pierre Jung, Sprecher des AfD-Kreisverbandes Hamm.

Polizei verhindert Terror-Anschlag!

… schreibt Dimitri Schulz, der für die AfD im hessischen Landtag sitzt.

Sie alle beziehen sich in ihren Facebook-Posts auf einen Artikel, der gestern Abend bei Bild.de erschienen ist. Darin geht es um einen Vorfall in Gelsenkirchen: Ein Mann soll sich einer Polizeiwache genähert und dabei mit einem Gegenstand, wohl einem Stock, auf einen Streifenwagen geschlagen haben. Zwei Polizisten, die vor der Wache standen, sollen ihn aufgefordert haben, dies zu unterlassen und stehenzubleiben. Der Mann soll auf sie zugegangen sein und in der anderen Hand ein Messer getragen haben. Daraufhin soll einer der Polizisten den Mann erschossen haben.

Ob es sich dabei um einen „Terror-Anschlag“ handelte, den die Polizisten vereitelten, ob es tatsächlich einen islamistischen Hintergrund gab, und ob der Mann wirklich „Allahu Akbar“ rief — all das war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Bild.de-Beitrags alles andere als klar. Und dennoch titelte die Redaktion auf ihrer Startseite:

Screenshot Bild.de - Messer-Mann (37) erschossen - Polizei verhindert Terror-Anschlag in Gelsenkirchen

Sowas greifen die AfD-Abgeordneten, -Landesverbände und -Fraktionen genauso gern auf wie die Facebook-Gruppen „Unsere Heimat Deutschland“, „Deutschland – quo vadis“, „Frankfurt gegen Salafismus – Das Original“, „Patrioten des Vaterlands 5“ und so weiter. Auch die NPD verbreitet den Bild.de-Artikel, der laut dem Analysetool CrowdTangle allein bei Facebook bisher mehr als 5000 Mal geteilt wurde.

Direkt zu Beginn ihres Textes schreiben die zwei „Bild“-Autoren Celal Çakar und Frank Schneider:

Die Polizei ist sich sicher: Diese feige Attacke war ein versuchter Terror-Anschlag auf Polizisten mitten in Deutschland!

Das ist gleich aus drei Gründen interessant: Erstens hat die Polizei nicht gesagt, dass sie „sicher“ sei, dass es sich um einen „versuchten Terror-Anschlag auf Polizisten“ handele. Der dpa sagte ein Sprecher, dass ein möglicher terroristischer Hintergrund Gegenstand der Ermittlungen sei. Und auch Zeugenaussagen, nach denen der Mann „Allahu Akbar“ gerufen habe, und die erst die zwei „Bild“-Autoren ins Spiel brachten („Zeugen schilderten BILD, der Mann habe stattdessen laut ‚Allahu Akbar‘ (arabisch ‚Gott ist groß‘) gerufen“), seien einem Polizeisprecher zufolge erstmal nur „Gerüchte“, die bislang nicht bestätigt seien.

Zweitens lautete dieser erste Satz des Bild.de-Artikels mal ziemlich anders. In einer früheren Version behaupteten Çakar und Schneider noch selbst, dass es sich um einen „Terroranschlag“ handelt, und schoben nicht die Polizei als vermeintliche Quelle vor:

Die Polizei hat im Ruhrgebiet einen Terroranschlag verhindert!

Und drittens hat die Polizei inzwischen bekanntgegeben, dass sie nicht von einem terroristischen Hintergrund ausgehe.

Das ist inzwischen auch bei Bild.de angekommen. Die Überschrift hat die Redaktion klammheimlich geändert in:

Screenshot Bild.de - Messer-Mann (37) erschossen - Polizisten in Gelsenkirchen angegriffen

Und den ersten Satz genauso klammheimlich in:

Die Polizei ist sich sicher: Diese feige Attacke war ein versuchter Anschlag auf Polizisten mitten in Deutschland!

Einen Korrekturhinweis darauf, dass man mal etwas völlig anderes berichtet hat, gibt es nicht. Nur zur Erinnerung: Bild.de wird von einem Mann geleitet, der über sich selbst gern sagt, dass es ihm „grundsätzlich leicht“ falle, „mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.“

Mit Dank an @MeiersKaettche für den Hinweis!

Bringt Julian Reichelt die Familien der TV-Köche in Gefahr?

Screenshot Bild.de - Deutschlands Topf-Verdiener - Wie viel unsere TV-Köche absahnen

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Bei dieser wortspielreichen Geschichte von „Bild“ und Bild.de müssten bei Chefredakteur Julian Reichelt eigentlich alle Alarmglocken läuten. Denn nach dessen Logik bringt die öffentliche Schätzung des Gehalts einer Person ja deren Familie in Gefahr — zumindest sieht es Reichelt so, wenn es um ihn selbst geht. Bekanntermaßen wollte er nicht, dass sein Einkommen geschätzt wird, als das Medienmagazin „kress pro“ zu Gehältern von Chefredakteuren recherchierte.

Allerdings scheint Julian Reichelt nur bei sich selbst so strikt sein zu wollen, auf jeden Fall nicht bei Fernsehköchen. Und so sind laut der Reicheltschen Logik nun Tim Mälzers, Frank Rosins und Jamie Olivers Familien in Gefahr.

Ein Glück, dass die „Bild“-Medien nur bei den dreien in der Lage waren, Gehalt beziehungsweise Vermögen zu recherchieren. Alle anderen Zahlen, die die Redaktion nennt, sind lediglich vage Schätzungen von Gagen. Die Familien der restlichen Fernsehköche, die sich „reich gekocht“ haben, wie „Bild“ schreibt, können also erstmal aufatmen.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Tony und @8menschlich für die Hinweise!

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