„Bild live“: Das ist jetzt alles natürlich noch Spekulation

„Bild“ will bald Fernsehen machen. Heute gab es einen Vorgeschmack darauf, was uns da erwarten könnte: Zum Terroranschlag in Halle (Saale) auf eine Synagoge sowie auf einen Dönerladen gab es bei Bild.de eine „Bild live“-Sendung. Wir haben uns das mal angeschaut.

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Im „Bild live“-Studio stehen Moderator Moritz Wedel und Redakteur Björn Stritzel, und der eine fragt den anderen: „Björn, was kannst Du uns zu den Tätern sagen?“ Stritzel antwortet, er kenne noch keine Details, und das sei alles natürlich noch Spekulation — was eine hervorragende Zusammenfassung für die kommenden eineinhalb Stunden ist.

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Die Redaktion schaltet zu Michel Milewski. Der ist eigentlich Redakteur bei „Sport Bild“ und dort zuständig für den Bereich eSports, aber jetzt ist er in Halle. Wedel leitet über mit: „Michel, Du warst Augenzeuge“.

Nee, war Milewski nicht, wie er selbst sagt, sondern in einem Café „100 Meter“ vom Tatort entfernt. Er habe auch gar nichts mitbekommen und erst von dem Anschlag erfahren, als der Gastronom sagte, man solle in einen Raum ohne Fenster gehen.

Jetzt ist er aber wirklich vor Ort. Und hat auch was zu berichten: Das Sondereinsatzkommando sei nämlich gerade eingetroffen. Milewski gibt das alles durch und erzählt auch detailliert, wohin das SEK so geht und was es gerade macht. Dass das möglicherweise ziemlich hilfreiche Informationen für einen flüchtigen Täter sein könnten, hält ihn nicht davon ab weiterzuerzählen. Aber gerade hat er sowieso ganz andere Sorgen: „Jetzt muss ich leider ein bisschen Platz machen“.

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Weiter zur nächsten Schalte. Dieses Mal mit „Bild“-Chefreporter Frank Schneider, der davon erzählt, dass seine neuesten Informationen sagen, dass es einen Toten in der Synagoge gegeben habe und einen Toten auf der Straße. Dass nur ein paar Minuten später ein Polizeisprecher in einem Video, das Bild.de einspielt, sagt, dass es einen Toten in einem Dönerimbiss und einen Toten auf der Straße gegeben haben soll, und dass das alles nicht zusammenpasst, kümmert bei „Bild“ offenbar niemanden. Hauptsache erstmal alles raus, was man so an Informationen hat.

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Moderator Weidel verkündet, es gebe jetzt Fotos und Videos, die Augenzeugen in den Sozialen Netzwerken verbreiten würden. Verifizieren könne man das alles nicht, aber zeigen — ja, warum eigentlich nicht?

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Als neueste Entwicklung blendet die „Bild“-Redaktion ein: „REPORTER DARF LOKAL NICHT VERLASSEN“.

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Jetzt kommt das bereits erwähnte Video mit dem Polizeisprecher. Ein Reporter konfrontiert ihn mit allen möglichen Gerüchten, die zu diesem Zeitpunkt so die Runde machen. Etwa: „Kann man schon etwas sagen: Handelt es sich da möglicherweise um, wie sacht man, ein Beziehungsdrama? Oder wir das als Terroranschlag eingestuft?“ Oder: „Im Polizeifunk war eben zu hören, dass man ihn [den Täter] direkt vor sich hätte.“

Auf die Frage, ob der Anschlag dem jüdischen Friedhof galt, betont der Polizeisprecher noch mal, dass das alles Mutmaßungen seien: „Das ist Spekulation. Wir wissen noch nicht, warum weshalb diese Tat hier geschehen ist.“

Das alles wirkt eher wie ein Recherchegespräch, das zufällig mit dem Smartphone mitgefilmt wurde. Der Reporter notiert sich zwischendurch auch immer wieder die Aussagen des Polizisten. „Bild“-Reporter filmen sich selbst bei der Arbeit.

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Jetzt ist Björn Stritzel wieder im Studio und erzählt noch einmal genau dasselbe wie vorhin schon (man wisse natürlich noch nichts rein faktisch über die Täter). Nur scheint er dieses Mal etwas besser zum jüdischen Feiertag Jom Kippur informiert zu sein. Beim vorangegangenen Auftritt kam er dabei etwas ins Schwimmen (man möge ihn korrigieren).

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Nun ist wieder Michel Milewski von vor Ort dran. Das SEK habe jetzt eine Straße abgesperrt, ein Panzerwagen sei auch eingetroffen. Man vermute hier wohl einen weiteren Täter. Er sei auch schon recht weit weggeschickt worden. Aber keine Sorge, er versuche, wieder ein bisschen näher ranzukommen. Man könne es hoffentlich sehen, dass auf der Straße ein vollvermummter Polizist stehe und „an der Ecke“ zwei weitere Spezialeinsatzkräfte.

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Bei Moderator Weidel sind es jetzt schon drei Tote, was aber auch nur ein Versprecher sein könnte. Währenddessen ist die Einblendung zu sehen: „AUFRUF DER POLIZEI — BITTE BEWAHREN SIE RUHE“.

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Die „Bild“-Redaktion hat vier, fünf verschiedene Videos, die sie immer und immer wieder abspielt — das ist der Fluch des Fernsehens in Breaking-News-Situationen: Es gibt eigentlich kaum etwas zu berichten, aber die Sendezeit muss irgendwie gefüllt werden. Zwischendurch gibt es die Schalten und Gespräche im Studio. Jetzt ist Polizeigewerkschafter Rainer Wendt am Telefon. Frage von Moderator Weidel: „Haben Sie Hintergrundinformationen vielleicht zu den möglichen Tätern oder zur Motivlage?“

Wendt antwortet, dass er die nicht habe. Da könnte man auch „nur spekulieren“, und dafür sei jetzt nicht der richtige Moment. Spätestens wenn Rainer Wendt neben einem wie ein besonnener Medienethiker wirkt, solltest man mal überlegen, ob das alles richtig läuft.

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Nächste Schalte zu Reporter Milewski, bei dem nun eine Anwohnerin steht, die aber nicht gezeigt werden und anonym bleiben möchte, „ja, aus Angst“, wie Milewski sagt.

Die Zeugin sagt, dass sie mit sowas wie dem Anschlag gerechnet habe. Warum, wird aber nicht so richtig klar. Auf die Frage des Reporters, ob das jetzt ein Grund für sie sei wegzuziehen, sagt sie: „Nein.“ Dann ist die Anwohnerin, die aus Angst anonym bleiben möchte, auch schon wieder weg, und Michel Milewski erzählt noch schnell, wo und in welcher Straße die Frau arbeitet.

Wirklich Neues weiß der „Bild“-Reporter auch nicht zu berichten. Außer Schreie, die er während der Schalte hört. Aber warum es die gab, wisse er nun auch nicht.

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Im Studio steht jetzt Karl von Guttenberg, der bei „Bild“ der Waffenkenner sei. Auf die Frage, was das denn für eine Waffe sei, mit der der Attentäter in einem Video zu sehen ist, sagt der Kenner: „Im Moment noch etwas schwer zu sagen.“ Und zum Täter: Das könnte vielleicht ein Sammler sein, der die Waffe zu Hause hatte; vielleicht hat er sie auch selbst gebaut. Das sei jetzt noch völlig unklar.

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„Bild“-Chefreporter Frank Schneider spekuliert auch weiter: Es könnte sein, dass einer der Täter sich noch im Nahbereich aufhalte, sich vielleicht in einem Haus verschanzt habe. Vielleicht habe er sogar Geiseln genommen in einer der Wohnungen. Ja, vielleicht.

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Michel Milewski ist zwar wieder mit einer Schalte dran, aber richtige Neuigkeiten hat er immer noch nicht: Viel könne er leider gar nicht sagen. Es habe sich nicht viel geändert. Die größte Neuigkeit sei, dass ein zweiter Polizeihubschrauber im Einsatz ist.

Aber er nennt mal wieder einen Namen einer Straße, in der das SEK angeblich gerade alle Häuser durchsucht. Das passt auch gut zu einer Meldung im Liveticker bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - SEK kurz vor Sturm einer Wohnung
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Währenddessen bittet die Polizei Sachsen bei Twitter darum, „bitte keine Fotos und Videos von Einsatzkräften, deren Ausrüstung oder Standorten“ zu verbreiten.

Plötzlich sagt ein Beamter zu Milewski: „Das ist hier ein Gefahrenbereich. Wenn Sie das geil macht hier …“ Aber der „Bild“-Reporter sagt, dass er von der Presse sei, und muss während der Schalte seinen Presseausweis vorzeigen.

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Waffenexperte von Guttenberg ist weiterhin im Studio und sagt, er möchte jetzt nicht weiter spekulieren, aber es deute — und dann spekuliert er ein bisschen zur Munition und zur „Selbstladerszene“. Und er hat auch eine Theorie: Es könnte sich doch um einen „aus einem Hobby heraus entstandenen Anschlag“ handeln.

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Die beste Nachricht verkündete Moderator Moritz Wedel um 15:26 Uhr. „Das soll’s gewesen sein mit unserer BILD-live-Sondersendung“.

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Nachtrag, 10. Oktober: Drüben bei „Übermedien“ habe sie sich das gestrige Spekulationsfernsehen von n-tv angeguckt.

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