Goldener Vorruhestand, Meta muss zahlen, Totgeglaubter Ex-Kanzler

1. Teure Verträge aus alten Zeiten
(tagesschau.de, Gabi Probst)
Unter der damaligen Intendantin Patricia Schlesinger sind beim RBB anscheinend viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur in den wohlverdienten, sondern auch in den hochvergüteten Vorruhestand gegangen. Mindestens in einem Fall liege das sogenannte Ruhegeld sogar über der Summe des einstigen Gehalts: “So zahlt der rbb einem ehemaligen SFB-Intendanten derzeit gut 13.100 Euro Ruhegeld monatlich, das sind rund 157.600 Euro im Jahr. Als Intendant hatte er ein Gehalt von rund 135.000 Euro jährlich.”

2. Was Elon Musk bei Twitter anrichtet
(blog.torial.com, Simon Hurtz)
Simon Hurtz, Journalist und einer der Köpfe des Newsletters “Social Media Watchblog”, beobachtet seit Elon Musks Twitter-Einstieg genau, was bei dem Netzwerk passiert. Zwischen all den Entlassungen und Entgleisungen des mitunter getrieben wirkenden Neu-Eigentümers versucht Hurtz, ein paar größere Linien und Zusammenhänge herauszuarbeiten.

3. Meta kassiert dritthöchstes DSGVO-Bußgeld
(netzpolitik.or, Ingo Dachwitz)
Laut einer Mitteilung der irischen Datenschutzbehörde DPC soll Facebooks Mutterkonzern Meta erneut eine Rekordstrafe wegen Verstößen gegen die Datenschutzgrundverordnung zahlen. Dieses Mal betrage das Bußgeld 265 Millionen Euro. Der Grund seien Mängel beim Schutz von Telefonnummern und Mailadressen von Facebook- sowie Instagram-Nutzerinnen und Nutzern.

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4. Der Podcast: Profile und Prognosen
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Bei den diesjährigen Medientagen München ging es auch um den wachsenden Podcast-Markt. Petra Schwegler fasst zusammen, wie Studien und Experten die zukünftige Entwicklung einschätzen, in welchen Bereichen noch Wachstumspotenzial steckt und welche Werbemöglichkeiten das Medium bietet.

5. ntv wird 30: In der Welt vor Ort, aber bodenständig in Köln
(dwdl.de, Alexander Krei)
Vergangene Woche feierte der Fernsehsender ntv seinen 30. Geburtstag. Alexander Krei freut sich, dass es diese Form des Nachrichtenfernsehens trotz schwieriger wirtschaftlicher Situation immer noch gibt: “So gesehen ist es dem Betreiber RTL Deutschland, dem ntv seit 2006 gehört, durchaus hoch anzurechnen, dass man sich bis heute den teuren Luxus eines solchen Senders leistet – erst recht in Konkurrenz zu einem starken öffentlich-rechtlichen System.”

6. Parlamentsausschuss hielt Trauerminute für totgeglaubten Ex-Kanzler Vranitzky ab
(derstandard.at, Katharina Mittelstaedt & Fabian Schmid)
Gestern wurde im Sozialausschuss des österreichischen Parlaments eine Trauerminute für den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky abgehalten. Eine Abgeordnete war bei Twitter offenbar einem Fake-Account aufgesessen, der fälschlicherweise eine Meldung über Vranitzkys Tod verbreitete.

Journalismus ist kein Verbrechen, Twitter im Visier, Gestrandet

1. Journalismus ist kein Verbrechen
(spiegel.de)
Vor zwölf Jahren haben “New York Times”, “Guardian”, “Le Monde”, “Spiegel” und “El País” eine Serie von Enthüllungsgeschichten veröffentlicht, die auf Tausenden vertraulichen Dokumenten der US-Regierung basierten. Möglich wurde dies durch die Plattform WikiLeaks und deren Herausgeber Julian Assange. Nach jahrelanger Isolation in einem Londoner Botschaftszimmer sitzt Assange nun bereits seit rund dreieinhalb Jahren in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis ein. Über ihm das Damoklesschwert der Auslieferung an die USA und die lebenslange Unterbringung in einem US-Hochsicherheitsgefängnis. Die Chefredakteure und Herausgeber der seinerzeit beteiligten Medien fordern nun Assanges Freilassung: “Zwölf Jahre nach den Botschaftsdepeschen ist es an der Zeit für die US-Regierung, die Verfolgung von Julian Assange wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente einzustellen. Denn Journalismus ist kein Verbrechen.”

2. Twitter im Visier der Behörden
(netzpolitik.org, Julien Schat)
Mit dem zunehmenden Chaos, das Elon Musk bei Twitter anrichtet, rückt der Kurznachrichtendienst verstärkt in den Fokus deutscher und europäischer Behörden. Eine entscheidende Frage sei, ob Twitter weiterhin seinen Hauptsitz in Irland beanspruchen und damit von der irischen DPC reguliert werden kann: “Würde Twitter tatsächlich seinen Anspruch auf Hauptniederlassung in Irland verlieren, könnten alle 27 nationalen Datenschutzbehörden der EU aufsichtsbehördlich tätig werden. Twitter drohen damit erheblicher bürokratischer Mehraufwand und empfindliche Sanktionen, die bis zu vier Prozent des jährlichen Umsatzes ausmachen können – und das jeweils in sämtlichen 27 EU-Staaten.”

3. Gestrandet mit Anna Schneider
(faz.net, Elena Witzeck)
Elena Witzeck geht dem Tun Anna Schneiders nach, der streitfreudigen “Chefreporterin Freiheit” der “Welt”. Witzeck war auf Schneiders letzter Buchpremiere, moderiert von Micky Beisenherz, hat mit ihr später telefoniert und immer mehr Zweifel an der Stringenz des Weltbilds Schneiders bekommen. Eine lesenswerte, da differenzierte Annäherung.

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4. Griechenlands Watergate
(taz.de, Ferry Batzoglou)
Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis hat offenbar mehr als 100 missliebige Personen, darunter viele Medienschaffende, ausspähen lassen. Ferry Batzoglou erklärt “Griechenlands Watergate” und zieht ein bestürzendes Fazit: “Griechenland ist in der unsäglichen Ära Mitsotakis in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 108 von 180 Ländern abgerutscht. Im neuen Ranking dürfte das EU-Schlusslicht Hellas noch tiefer fallen.”

5. Iranischen Botschafter einbestellen
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat Bundesaußenministerin Annalena Baerbock aufgefordert, den iranischen Botschafter einzubestellen. Grund seien die Drohungen iranischer Behörden gegen Journalistinnen und Journalisten der Farsi-Redaktion der Deutschen Welle. “Was muss noch passieren”, so der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, “damit das Außenministerium dem Mullah-Regime endlich die rote Karte zeigt?”
Weiterer Lesehinweis: Deutsche Welle: Rundfunkrat protestiert gegen Vorgehen iranischer Behörden (dw.com).

6. Künftig im Tabloid-Format: “Tagesspiegel” startet in neue Ära
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der “Tagesspiegel” erscheint ab dem heutigen Dienstag im kleineren Tabloid-Format. Auf den ersten 40 Seiten soll es um Deutschland und die Welt, auf den zweiten 40 Seiten um die Hauptstadtregion gehen.
Weitere Lesehinweise: Passend zum Relaunch schwelgt “Tagesspiegel”-Autor Rolf Brockschmidt etwas in Nostalgie und zeigt, wie sich das Blatt über die Jahre verändert hat. Bei medienpolitik.net kritisiert Helmut Hartung die mit dem Neustart verbundene Reduzierung der Medienberichterstattung: “Mit der Verkleinerung des Formats beginnt anscheinend auch – zumindest im Medienbereich – eine Reduzierung der journalistischen Kompetenz. Eine ‘Investition in den Journalismus’ ist die Einstellung der Medienseite jedenfalls nicht.”

Wie die Blackout-Gefahr einmal durch den Springer-Kosmos gereicht wird

Bis vergangenen Mittwoch, also bis die “Bild”-Redaktion sich einschaltete, war es eine Geschichte von einem Behördenchef, der merkwürdig unsachkundige Dinge sagt, und den “Welt”-Medien, die daraus klick- und verkaufsträchtige Überschriften basteln. Dann kam eben “Bild” dazu und verdrehte das Ganze zu einem möglichen Polit-Vertuschungsskandal.

Angefangen hat es alles mit einem Interview in der “Welt am Sonntag”. Auf die Frage “Rechnen Sie angesichts der Energieknappheit mit Blackouts?” antwortete Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK):

Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird. Damit meine ich eine regional und zeitlich begrenzte Unterbrechung der Stromversorgung. Wobei die Ursache nicht nur Energieknappheit sein wird, sondern auch das gezielte, zeitweise Abschalten der Netze durch die Betreiber, mit dem Ziel, die Netze zu schützen und die Gesamtversorgung nicht zu gefährden.

Das Risiko dafür steigt ab Januar und Februar, sodass wir davon ausgehen, dass es von da an stellenweise für eine gewisse Zeit zu Unterbrechungen der Stromversorgung kommt.

Das ist eine bemerkenswerte Aussage, weil sie a) vom “obersten Katastrophenschützer” des Landes kommt und b) dessen Verständnis von einem Blackout ziemlich genau das Gegenteil der Blackout-Definition einer anderen Bundesoberbehörde, der Bundesnetzagentur, darstellt. Die Bundesnetzagentur, die für die Energieinfrastruktur in Deutschland zuständig ist, versteht unter einem Blackout:

ein unkontrolliertes und unvorhergesehenes Versagen von Netzelementen. Das führt dazu, dass größere Teile des europäischen Verbundnetzes oder das gesamte Netz ausfallen (sogenannter Schwarzfall). Ein solches Ereignis könnte beispielsweise auftreten, wenn in einer angespannten Last- und Erzeugungssituation zusätzlich schwere Fehler an neuralgischen Stellen des Übertragungsnetzes auftreten. Ein Blackout ist also grundsätzlich kein durch eine Unterversorgung mit Energie ausgelöstes Ereignis, sondern bedingt durch Störungen im Netzbetrieb.

Das, was Ralph Tiesler im “WamS”-Interview beschreibt – ein regional und zeitlich begrenztes, mitunter gezieltes Abschalten der Netze, um diese zu schützen -, klingt hingegen nach einem Brownout. Auch dafür hat die Bundesnetzagentur eine Definition:

Demgegenüber steht der sogenannte (kontrollierte) Brownout. Dieser kann notwendig werden, wenn im Vergleich zur nachgefragten Menge zu wenig Strom produziert werden kann, z.B. aufgrund eines Brennstoffmangels für Kraftwerke oder einer allgemein zu geringen Erzeugung, beispielsweise auch durch Nichtverfügbarkeiten von Erzeugungsanlagen. In diesem Fall ist es notwendig, die Nachfrage soweit zu reduzieren, dass das Angebot die Nachfrage wieder vollständig decken kann. Nur so kann die Versorgung mit Strom weiterhin stabil und zuverlässig gewährleistet werden.

Tiesler scheint das eigentlich auch zu wissen. Gleich eine Antwort später sagt er:

Wie gesagt, wir rechnen eher mit kurzfristigen, sogenannten Brownouts als mit lang anhaltenden, großflächigen Blackouts. Gute Vorbereitung ist aber auch dafür wichtig.

Er liefert also im gleichen Interview die Auflösung zur Verwirrung, die er eine Antwort zuvor selbst gestiftet hat.

Wie kann eine Redaktion mit diesem Durcheinander nun umgehen? Sie könnte im Interview schon nach der ersten Antwort widersprechen und sowas sagen wie: “Moment, Herr Tiesler, Sie meinen doch gar keinen Blackout, sondern einen Brownout, oder?” Oder sie erklärt der Leserschaft nachträglich in einem Zusatztext, dass Tieslers Aussage “Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird” mit der darauffolgenden “Damit-meine-ich”-Definition nicht zusammenpasst. Oder sie macht es so, wie die “Welt”-Medien es machen, isoliert und überbetont Tieslers Warnung vor einem eher unwahrscheinlichen Blackout und steigert damit bei einer ohnehin schon verunsicherten Bevölkerung die Verunsicherung:

Ausriss Welt am Sonntag - Katastrophenschutz erwartet Strom-Blackouts im Winter
Screenshot Welt.de - Oberster Katastrophenschützer - Müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird

Mit der ersten Schlagzeile auf der Titelseite lag die “Welt am Sonntag” in ganz Deutschland an Kiosken, Tankstellen und in Bäckereien. Die zweite Schlagzeile schaffte es auf die Welt.de-Startseite. Die große Blackout-Winter-Warnung konnte also von vielen gesehen werden, das dazugehörige Interview mit all den Brownout-Einschränkungen in Ralph Tieslers Antworten konnte hingegen nur jener Bruchteil mit einem “Welt-plus”-Abo lesen.

Bereits an dem Sonntag schaltete sich auch Tieslers Behörde ein. Bei Twitter erklärte sie in einer “Klarstellung des BBK”:

Ein großflächiger Stromausfall in Deutschland ist äußerst unwahrscheinlich. Das elektrische Energieversorgungssystem ist mehrfach redundant ausgelegt und verfügt über zahlreiche Sicherungsmechanismen, um das Stromnetz bei Störungen zu stabilisieren.

Ebenso wird die Wahrscheinlichkeit als gering angesehen, dass es regional und zeitlich begrenzt zu erzwungenen Abschaltungen kommt, um die Gesamtversorgung weiter sicherzustellen.

Auf ein solches Szenario hatte sich BBK-Präsident Ralph Tiesler in seinem Interview mit der “Welt am Sonntag” bezogen, um die grundsätzliche Bedeutung von Vorsorgemaßnahmen hervorzuheben.

Die missverständliche Formulierung bedauert das BBK und stellt diese hiermit klar.

Das rief die “Bild”-Redaktion auf den Plan:

Screenshot Bild.de - Rückzieher vom Katastrophenschutz - Will Faeser die Blackout-Warnung vertuschen?

Die “Bild”-Autoren Johannes C. Bockenheimer und Nikolaus Harbusch schreiben:

Versucht das Innenministerium, die Energiekrise zu beschönigen?

Innenpolitiker diskutieren, warum eine Behörde des Ministeriums von Nancy Faeser (52, SPD) Warnungen vor Stromausfällen im Winter kurz darauf zurücknahm. (…)

War Faeser beziehungsweise ihren Beamten die Stromausfall-Warnung des BBK-Chefs also zu heikel?

Bockenheimer und Harbusch geben sich große Mühe, der eigenen Leserschaft möglichst wenig zu dem Fall zu erklären. Sie lassen all das, was gegen ihre Vertuschungsthese spricht, großzügig weg. Im “Bild”-Text erfährt man weder, dass Tiesler im “WamS”-Interview mit einer alternativen Blackout-Definition arbeitet, noch, dass er eine Antwort später seine Aussage selbst relativiert und von Brownouts spricht.

Das “Bild”-Duo könnte ganz einfach erzählen, “warum eine Behörde des Ministeriums von Nancy Faeser (52, SPD) Warnungen vor Stromausfällen im Winter kurz darauf zurücknahm.” Man muss davon ausgehen können, dass sie als Springer-Mitarbeiter Zugang zu “Welt-plus”-Artikeln oder zur “Welt am Sonntag” haben. Im Interview mit Ralph Tiesler hätten sie die Antwort gefunden. Sie hätten es auch in einem Tweet von Malte Kreutzfeldt nachlesen können oder in einem Text vom “Volksverpetzer”. Dort steht überall, dass Tiesler eine erfundene Blackout-Definition verwendet hat, was die “Klarstellung” des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erklärt. Und das wiederum ist auch die Antwort auf die Frage aus den Überschriften von “Bild” und Bild.de, ob Nancy “Faeser die Blackout-Warnung vertuschen” will: Es geht schlicht um die Richtigstellung einer verhunzten Interviewaussage. Johannes C. Bockenheimer, Nikolaus Harbusch und die “Bild”-Redaktion können das alles nicht nicht gewusst haben.

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Tote Briefkästen, Iran-Recherchen, Seltsame Abo-Methoden

1. Tote Briefkästen: Wie sich Verbreiter von Hass oder Desinformation der Justiz entziehen können
(correctiv.org, Kimberly Nicolaus)
Immer mehr Verbreiter von Falschinformationen oder Verschwörungsmythen entziehen sich auf trickreiche Weise ihrer Impressumspflicht, indem sie sich schwer oder gar nicht zugängliche Auslandsadressen zulegen. “Correctiv” ist dem Problem in einer lesenswerten Recherche nachgegangen.

2. Wichtige Recherchen zur Revolution im Iran
(recherche.substack.com, Daniel Drepper)
Daniel Drepper vermisst in deutschen Medien Recherchen zum iranischen Regime und dessen Verbindungen in die deutsche Politik und Wirtschaft. Vor allem international habe es zuletzt ein paar gute Veröffentlichungen gegeben. In der neuesten Ausgabe seines Recherchebriefs stellt Drepper nun einige Texte und eine Doku zum Iran vor.

3. GEO verlangt nur 12 Euro für unverlangt zugesendetes Heft
(uebermedien.de, Eckhard Stengel)
Eckhard Stengel wundert sich über die Methoden des Verlags Gruner + Jahr zur Abonnement-Generierung: “Da werden Leser:innen also tatsächlich mit einem (unbestellten) Zusatz-Abo ohne Widerufsbelehrung zwangsbeglückt, haben angeblich keinen Anspruch, davon verschont zu bleiben – und müssen sich Kontaktdaten auch noch selbst heraussuchen.”

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4. Leitfaden öffentlich machen
(djv.de, Hendrik Zörner)
Die ARD hat einen neuen Compliance-Leitfaden erstellt, “eine Grundlage, auf der die Landesrundfunkanstalten ihre jeweiligen Compliance Managements überprüfen und ggf. anpassen”. Zunächst wollte die ARD den Leitfaden geheim halten, doch nach einem Protest des Deutschen Journalisten-Verbands werde er jetzt “interessierten Medien” zugänglich gemacht.

5. Elon Musk holt die Rechtsextremen zurück
(netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Twitters neuer Eigentümer Elon Musk hat vergangene Woche eine “Generalamnestie” der besonderen Art angekündigt: Er wolle die (meist aus guten Gründen) gesperrten Accounts reaktivieren lassen. Expertinnen und Experten sind entsetzt, sie halten die Maßnahme für eine Katastrophe. Sebastian Meineck hat sich die Reaktionen der Fachleute angeschaut und gibt Tipps, wie man sich angesichts der zu erwartenden Welle von Hass und Hetze schützen kann.

6. Legendär: Als Enzensberger den Stiernacken für “out” erklärte
(freitag.de, Erika Thomalla)
Der Literaturwissenschaftler Kai Sina hat erstmals die Geschichte der Zeitschrift “TransAtlantik” rekonstruiert. Erika Thomalla fasst zusammen: “Der Autor erzählt die Geschichte von TransAtlantik nicht allein auf der Grundlage ihrer Programmschriften oder ihrer Rezeption, sondern liest sie gleichsam im Ganzen. Insbesondere das erste und das letzte Heft unter der Leitung Enzensbergers und Salvatores werden einem Close Reading unterzogen.”

KW 47/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Investigativ-Journalist Jens Weinreich über die FIFA & WM in Katar
(youtube.com, Jung & Naiv, Tilo Jung, Video: 3:49:56 Stunden)
Wer sich für die Abgründe des Sports interessiert, kommt nicht an Investigativ- und Sportpolitik-Journalist Jens Weinreich vorbei. Weinreich hat unter anderem von 13 Olympischen Spielen und drei Fußball-Weltmeisterschaften berichtet und recherchiert seit 20 Jahren auch zur Sportpolitik Katars. Mit Tilo Jung spricht er mehr als drei Stunden über das “mafiöse System FIFA” und den “Sportschurkenstaat” Katar.

2. Der Professor und der Wolf: Politik und Medien
(youtube.com, Peter Filzmaier & Armin Wolf, Video: 37:49 Minuten)
In der letzten Folge von “Der Professor und der Wolf” diskutieren ORF-Anchorman Armin Wolf und Politikprofessor Peter Filzmaier über das oft schwierige Verhältnis von Politik und Medien in Österreich: “Wer ist von wem abhängig – die Politik von den Medien, oder umgekehrt? Sind Politik und Medien in Österreich zu verhabert? Und warum ist die Medienlandschaft in Österreich so speziell?”

3. Cancel Culture: Mediengemachter Mythos?
(sueddeutsche.de, Nadia Zaboura & Nils Minkmar, Audio: 32:37 Minuten)
In der aktuellen Folge von “quoted” unterhalten sich Nadia Zaboura und Nils Minkmar mit Literaturprofessor Adrian Daub über “Cancel Culture”: Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Und welche Rolle spielen Medien in diesem Zusammenhang?

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4. Influencer: Ihr Erfolg bei jungen Menschen
(podcast.leibniz-hbi.de, Johanna Sebauer, Audio: 37:44 Minuten)
Im “Bredowcast”, dem Podcast des Leibniz-Instituts für Medienforschung, geht es um Influencerinnen und Influencer und die Frage, warum sie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen so gut ankommen. Leonie Wunderlich hat dazu eine Studie durchgeführt (PDF) und berichtet im Podcast von ihren Erkenntnissen. “Die Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat einfach gefehlt im wissenschaftlichen Diskurs über diese Personengruppe”, so ihr Beweggrund für ihre Forschung.

5. Was brauchen gute Podcasts?
(deutschlandfunkkultur.de, Massimo Maio, Audio: 36:04 Minuten)
Die wachsende Popularität von Hör-Dokus beziehungsweise Doku-Podcasts ist das Thema im “Kompressor” von Deutschlandfunk Kultur: Was zeichnet eine gute Produktion aus? Darüber sprechen der SWR-Feature-Redakteur Michael Lissek, der erfolgreiche Podcast-Produzent Khesrau Behroz (“Cui bono”, “Noise”, “Legion”, “Drachenlord”) und der freie Feature-Autor und Podcast-Produzent Johannes Nichelmann.

6. Ferngespräche: Pakistan
(ardaudiothek.de, Holger Klein, Audio: 1:03:28 Stunden)
In den radioeins-“Ferngesprächen” lässt Holger Klein Korrespondentinnen und Korrespondenten zu ihrer jeweiligen Region zu Wort kommen. Diesmal hat er sich mit Peter Hornung zusammengeschaltet, dem Südasien-Korrespondenten der ARD und Leiter des ARD-Hörfunkstudios Neu-Delhi. Es geht um Pakistan mitsamt seiner “modernen Städte, unmodernen Provinzen und chaotischen Politik”.

“Bild” schrumpft sein TV-Angebot, KI-Pornos, “Mieses Medien-Spiel”

1. 80 Stellen betroffen: Bild TV stellt tägliche Live-Strecken ein
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Was sich vor zwei Wochen bereits abzeichnete (“Bild” will TV-Angebot schrumpfen, spiegel.de), werde nun laut dem Branchendienst “Medieninsider” (nur mit Abo lesbar) zur Gewissheit: Der Springer-Konzern verabschiedet sich anscheinend von seinem Plan, mit “Bild TV” einen Nachrichtensender zu etablieren. Der Ausstieg aus dem Live-Betrieb soll schätzungsweise 80 Personen und deren Stellen betreffen. Der Deutsche Journalisten-Verband hat bereits mit einer Pressemitteilung reagiert und fordert einen sozialverträglichen Stellenabbau: “Springer muss seiner Verantwortung als Arbeitgeber gerecht werden und den betroffenen Kolleginnen und Kollegen alternative Arbeitsplätze im Konzern anbieten”.

2. “Spiegel” nimmt mehrere Beiträge von der Webseite
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Der “Spiegel” habe nach eigenen Angaben mehrere Beiträge zum Todesfall eines fünfjährigen syrischen Flüchtlingsmädchens vorläufig von der eigenen Website entfernt. Stattdessen ist dort ein redaktioneller Hinweis zu lesen: “Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse. Wir haben daher mehrere Beiträge zu diesem Thema vorläufig von unserer Website entfernt. Wir überprüfen unsere Berichterstattung und entscheiden nach Abschluss der Recherchen, ob die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlicht werden.”

3. Juso-Vorsitzende und weitere Politikerinnen fordern Vorgehen gegen KI-Pornos
(spiegel.de, Max Hoppenstedt)
Deepfake-Pornografie ist laut Wikipedia ein “Pornografie-Segment, das das durch Computer berechnete Einfügen von Gesichtern realer Personen in pornografische Bilder oder Filme zum Inhalt hat”. Opfer von derartigen Videofälschungen sind oftmals Politikerinnen und Prominente. Wie Max Hoppenstedt berichtet, hätten sich Betroffene an Digitalminister Volker Wissing gewandt und Maßnahmen gegen die Fakes gefordert.

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4. Das miese Medien-Spiel mit der Fußball-WM
(georgstreiter.de)
“Zwölf Jahre nach der skandalösen Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar am 2. Dezember 2010 entdecken die Medien, dass die Vergabe ein Skandal war. Dabei ist die Skandal-WM auch ein Medien-Skandal. Vor allem ein öffentlich-rechtlicher.” Georg Streiter über das “miese Medien-Spiel” mit der Fußball-WM.

5. Denkfabriken – nicht immer unabhängig
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 2:50 Minuten)
Denkfabriken beziehzungsweise Thinktanks werden in Medien überraschend oft als Quellen zitiert. Dabei bleibe oft unklar, wie neutral sie wirklich sind und vom wem sie finanziert werden. Es reiche daher nicht, den Namen einer Denkfabrik zu nennen. In der Berichterstattung müsse klar werden, für welche Interessengruppen die jeweilige Organisation stehe, so Annika Schneider im Deutschlandfunk.

6. Social-Media-Benimmkolumne: Wie man sich unmöglich macht – Nonmentions und Snitchtagging
(54books.de, Franziska Reuter)
Franziska Reuter erklärt zwei Kommunikationsphänomene, die typischerweise auf Social Media anzutreffen sind: Die sogenannten Nonmentions und das sogenannte Snitchtagging. Unterhaltsam, anschaulich und lehrreich beschrieben.

Das Schweigen der Fußballer, Generalamnestie?, Studien-Inflation

1. WM in Katar: Das Schweigen der Nationalmannschaft
(ndr.de, Fritz Lüders & Alexander Kobs, Video: 21:03 Minuten)
Fußball-Profis haben – auch dank ihrer Social-Media-Präsenz – einen enormen medialen Einfluss auf Millionen von Fans. In Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft in Katar seien die Erwartungen an die Spieler der deutschen Nationalmannschaft entsprechend hoch. Doch bislang hätten diese sich nur sehr verhalten geäußert. Das Medienmagazin “Zapp” hat sich auf die Suche nach den Gründen dafür gemacht und dabei auch Sponsoren und Verbände mit einbezogen.

2. Elon Musk lässt über »Generalamnestie« für gesperrte Accounts abstimmen
(spiegel.de)
Twitter kommt einfach nicht zur Ruhe. Nach dem inszenierten Einzug des Neu-Eigentümers Elon Musk ins Firmengebäude, einem radikalen Stellenabbau, allerlei Chaos um verifizierte Konten und weiteren Pleiten, Pech und Pannen habe Musk mal wieder eine Online-Umfrage gestartet. Nun wolle der Tech-Milliardär wissen, ob die Nutzer und Nutzerinnen für oder gegen eine “Generalamnestie für suspendierte Konten” seien. Zuvor hatte er bereits das gesperrte Konto von Donald Trump reaktivieren lassen.

3. Kampagne vor Gericht
(taz.de, Christian Rath)
Am heutigen Donnerstag verhandelt das Landgericht Frankfurt am Main über einen Eilantrag des Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg gegen Twitter. Christian Rath erklärt die Hintergründe des Verfahrens, dessen Ausgang mit einiger Spannung erwartet wird.

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4. “Tagesspiegel” bekommt Haustarifvertrag
(verdi.de)
Nach langen Verhandlungen haben die Gewerkschaften ver.di und DJV einen Tarifvertrag für die etwa 600 Beschäftigten des Berliner “Tagesspiegel” unterschrieben: “Damit verpflichtet sich das Medienhaus, ab dem 1. Januar 2023, die Mantel- und Gehaltstarifverträge für Redaktion und Verlag sowie den Tarifvertrag über die Altersversorgung für Redakteur*innen an Tageszeitungen anzuwenden.”

5. Die inflationäre Verwendung des Begriffs “Studie”
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 2 Minuten)
Annika Schneider wünscht sich von Medien mehr Differenzierung. So sei nicht alles, was Redaktionen in ihrer Berichterstattung leichthin als “Studie” bezeichnen, auch tatsächlich eine: “Sobald zu einem Thema irgendwelche Auswertungen vorliegen, werden sie in manchen Medien zur ‘Studie’ geadelt – selbst wenn es nur Zahlen aus einer Online-Umfrage mit wenigen Hundert Teilnehmenden sind.”

6. Deckel
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Sebastian Pertsch und Udo Stiehl werfen im Rahmen ihres Projekts “Floskelwolke” einen sprach- und medienkritischen Blick auf vielbenutzte Formulierungen. Diesmal widmen sie sich dem Sprachbild des “Deckels”.

Springer meidet Prozess, Thema Queer, Versprechen mit Bundesadler

1. Axel Springer kann US-Prozess um Julian Reichelt vermeiden
(spiegel.de)
Eine ehemalige “Bild”-Mitarbeiterin hatte an einem kalifornischen Gericht Klage gegen “Bild” sowie gegen eine Tochterfirma des Axel-Springer-Verlags eingereicht. Unter anderem sei es darin um den Vorwurf der sexuellen Belästigung gegangen (siehe die Berichterstattung des “Spiegel” aus dem Oktober 2021). Anscheinend wollte es der Konzern nicht auf einen Prozess ankommen lassen. Man habe sich für eine “einvernehmliche Lösung” entschieden, so ein Konzernsprecher.

2. Was (israelische) Journalisten bei der WM in Katar erleben
(stern.de, Christine Leitner)
Dass ausländische Journalisten und Journalistinnen in Katar nicht wirklich willkommen sind, sei keine Überraschung. Besonders gelte dies jedoch für Medienschaffende aus Israel, wie Christine Leitner im “Stern” schreibt und mit einigen Beispielen unterfüttert.
Weiterer Lesehinweis: Paradiesische Bedingungen für Sportjournalisten: “Vier Spiele pro Tag und beste Bedingungen für Sportjournalisten mit kurzen Wegen zu allen WM-Stadien. Die FIFA versucht, ihr Kernprodukt perfekt zu vermarkten, um politischen Themen den Raum zu nehmen.” (freitag.de, Günter Klein)
Und noch ein Hörtipp: Beim RBB geht es um die Frage: “Wie reden wir über diese kontroverse Fußball-WM?” Besprochen wird sie mit dem Investigativjournalisten Jens Weinreich (rbb-online.de, Audio: 7:01 Minuten).

3. Wann Medien über queere Themen berichten – und wann nicht
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein)
Anlässlich des Gerangels um das Tragen einer Armbinde bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist das Thema Queerfeindlichkeit in den medialen Fokus gerückt. Etwas, was sich Johannes Kram auch außerhalb von Sportevents wünschen würde: Es gebe auch in Deutschland dauernd Übergriffe auf LGBTQIA+-Personen, aber darüber werde nicht berichtet. “Wir haben ein Sicherheitsproblem, wir haben ein Problem am Arbeitsplatz. Es wird so getan, als ob wir in Deutschland schon alles erreicht hätten. Die Medien hätten die Aufgabe dort genauer hinzuschauen”, so Kram.

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4. Versprechen mit Bundesadler
(taz.de, Christian Rath)
Das für seine subversive Aktionskunst bekannte “Peng! Kollektiv” hat 2018 ein vermeintliches Video des Bundesinnenministeriums produziert und veröffentlicht (hier auf Facebook zu sehen), in dem die Aufnahme von Geflüchteten garantiert wird. Dagegen ging das Innenministerium vor und verlangte vom Plattformbetreiber Youtube die Löschung. Christian Rath erklärt die Argumentationslinien der beteiligten Parteien und die möglichen juristischen Aspekte.

5. Cem und die Tiere
(kontextwochenzeitung.de, Anna Hunger)
Ist Cem Özdemir, Bundeslandwirtschaftsminister von den Grünen, vielleicht auch deshalb einer der beliebtesten Politiker des Landes, weil er Polizeipferde streichelt und Tierheime besucht? Anna Hunger hat ihren Text mit einigen Aufnahmen des Ministers unterlegt, für den Tierliebe anscheinend auch Teil seiner Medienarbeit ist.

6. Die reichsten Verleger 2022
(kress.de, Markus Wiegand)
Das Medienportal “kress” hat nachgeschaut, welche Medienunternehmer und -unternehmerinnen es in die Liste der 500 reichsten Deutschen des “Manager Magazins” (nur mit Abo lesbar) geschafft haben. Eine Sonderrolle spielt dabei der Koblenzer Medizinsoftware-Unternehmer Frank Gotthardt, der Medien als Nebengeschäft betreibe und als Finanzier von Ex-“Bild”-Chef Julian Reichelt gehandelt werde.

Umfrage-Chaos, Twitter-Chaos, Geschönte Bilder vom Eröffnungsspiel

1. Umfrage unter “Bild”-TV-Teilnehmern belegt: Keiner versteht was von Umfragen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Bei “Bild TV” war man mit einer Umfrage aus dem aktuellen ZDF-“Politbarometer” unzufrieden, nach der Außenministerin Annalena Baerbock derzeit die beliebteste Politikerin des Landes sei, gefolgt von Wirtschaftsminister Robert Habeck, Kanzler Olaf Scholz und Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, zweifelte man pauschal die Umfrage samt ihrer Methodik an. Medienkritiker Stefan Niggemeier erklärt die Grundlagen der Meinungsforschung und schließt mit den Worten: “Man kann über den Sinn und die Methodik all dieser Umfragen streiten. Aber viel billiger und wirkungsvoller ist es natürlich, Leute einfach in ihrem Eindruck zu bestätigen, dass das ZDF irgendwelche hanebüchenen Zahlen veröffentlicht, die im Sinne der Bundesregierung sind und niemand nachvollziehen kann.”

2. Nicht anzusehen
(sueddeutsche.de, Harald Hordych)
Während des Auftaktspiels der Fußball-WM in Katar (Katar vs. Ecuador, Ergebnis: 0:2) verließen die Zuschauer und Zuschauerinnen in Scharen das Stadion. Die Fans der Heimmannschaft hatten offenbar keine Lust mehr auf das Spiel und wollten die Staus zu Spielende vermeiden. Fernsehbilder davon gab es jedoch nicht, dafür zahlreiche Aufnahmen von “siegestrunkenen Ecuadorianern und Jubel-Katarern”. Harald Hordych erklärt, woran das liegt, und welche organisatorische Konstruktion dem zugrunde liegt.

3. Twitter-Chaos: Copyright-geschützte Filme in voller Länge hochgeladen
(derstandard.de, Jonas Heitzer)
Die Massenentlassungen bei Twitter sorgen anscheinend dafür, dass auch das automatische Copyright-Schutzsystem der Plattform nicht mehr richtig funktioniert. Ein User habe den Film “The Fast and the Furious: Tokyo Drift” in voller Länge hochladen können, ohne dass die Videodateien automatisch offline genommen wurden. Der Film sei einen ganzen Tag online geblieben, bis der User – offenbar manuell – gesperrt worden sei.

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4. Woran liegt Journalismusmüdigkeit?
(de.ejo-online.eu, Marlis Prinzing)
Laut einer Studie scheinen junge Frauen nur halb so interessiert an Journalismus zu sein wie Männer. Das müsse Medien, Wissenschaft und Politik aufrütteln, findet Marlis Prinzing: “Gerade mal 5,4 Minuten täglich widmen sich Frauen im Alter von 19 bis 24 Jahren journalistischen Inhalten auf ihrem Smartphone, Männer immerhin fast doppelt so lange – 10,7 Minuten.” Wissenschaft und Medien sollten ergründen, wann die jüngere Generation wie und für welche Themen erreichbar ist, sich engagiert und Journalismus “cool” findet, so Prinzing.

5. “El País” wächst digital
(faz.net, Hans-Christian Rößler)
Die spanische Tageszeitung “El País” kann auf beeindruckende Wachstumszahlen im Digitalen verweisen, berichtet der in Madrid ansässige Auslandskorrespondent der “FAZ”, Hans-Christian Rößler. Einer der Gründe: “Bei ‘El País’ setzt man auf anspruchsvolle Berichterstattung mit einer Redaktion mit mehr als 400 Mitgliedern und einem Korrespondentennetz, das sich im Ukrainekrieg bewährte, in dem spanische Medien von Anfang an mehr Präsenz zeigten als die deutschen.”

6. “DB Mobil” erscheint ab 2023 nicht mehr gedruckt
(dwdl.de, Alexander Krei)
Nach über 20 Jahren verabschiedet sich “DB Mobil”, das Kundenmagazin der Deutschen Bahn, von der Papierform. Wie das Unternehmen mitgeteilt habe, soll “DB Mobil” ab 2023 ausschließlich digital weitergeführt werden.

Goldener Handschlag, Macht der Klischeebilder, Eingeknickter Podcast

1. Goldener Handschlag für Ex-Chefredakteur des rbb
(rbb24.de, Marcus Engert & René Althammer & Jo Goll)
Wie Recherchen von NDR und RBB sowie vertrauliche Dokumente zeigen, gab der RBB seinem scheidenden Chefredakteur Christoph Singelnstein ­einen gut dotierten Beratervertrag mit auf den Weg – zusätzlich zur gesetzlichen Rente und einem lebenslangen Anspruch auf ein jährliches Ruhegeld von mehr als 100.000 Euro. Ein Sprecher des RBB habe auf Anfrage erklärt, man könne sich “zu Vertragseinzelheiten aus vertragsrechtlichen Gründen (Verschwiegenheitsklausel) nicht äußern”.

2. Beschäftigte wehren sich juristisch gegen Kündigungen
(golem.de, Ingo Pakalski)
Alle Twitter-Beschäftigten in Deutschland, die von einer Kündigung durch den neuen Eigentümer Elon Musk betroffen sind, sollen in die Gewerkschaft eingetreten sein. Die Kündigungsschutzklagen würden sie nun mit gewerkschaftlicher Unterstützung führen. Außerdem solle ein Betriebsrat gegründet werden.

3. Wie Behörden, Medien und NGOs Mastodon für sich entdecken
(netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Twitter laufen die Nutzerinnen und Nutzer weg, und selbst Behörden, Medien und NGOs sehen sich nach Alternativen um. Als Ausweichmöglichkeit bietet sich derzeit Mastodon an. Sebastian Meineck erklärt, welche Politiker und Politikerinnen, Institutionen und Akteure der Zivilgesellschaft es bereits dorthin gezogen hat und was bei einem möglichen Umzug zu beachten ist.

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4. Böll-Stiftung nimmt Podcast vom Netz: Eingeknickt vor Anthroposophen
(volksverpetzer.de, Matthias Meisner)
Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung in Baden-Württemberg und ihre bayerische Schwesterorganisation Petra-Kelly-Stiftung haben einen etwa 45-minütigen Podcast zum Thema Anthroposophie offline genommen. Dem sei eine Intervention der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland vorausgegangen. Matthias Meisner führt aus, worum es bei der Auseinandersetzung im Einzelnen geht.

5. Massive Kritik an Einsparplänen bei der Ostsee-Zeitung
(verdi.de)
Wie die Gewerkschaft ver.di berichtet, soll es bei der “Ostsee-Zeitung” Pläne für größere Einsparungen geben. So soll zum Jahresende der “Ostsee-Anzeiger” eingestellt werden. Außerdem sähen die Sparpläne die Schließung des Druckstandortes, des Anzeigensatzes und der Bildbearbeitung vor. “Die Überrumpelungstaktik, mit der die Unternehmensführung die geplanten Maßnahmen kommuniziert hat, ist zeitlich wie inhaltlich unakzeptabel und wird von uns so nicht hingenommen”, so eine Gewerkschaftsvertreterin.

6. Die Macht der Klischeebilder
(deutschlandfunk.de, Sandro Schroeder, Audio: 28:44 Minuten)
Im Medienpodcast “Nach Redaktionsschluss” geht es um die oftmals klischeebehaftete Bebilderung von Themen wie Rente und Alter. Es diskutieren eine Hörerin des Deutschlandfunks (Dlf), Andi Weiland (freier Fotograf und Projektleiter beim Verein “Sozialhelden”) Tatjana Blobel (Redaktionsleiterin von “Brigitte Wir” und “Brigitte Woman”) und Sandro Schroeder aus der Dlf-Medienredaktion.

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BILDblog-Klassiker

Gefährliches Feld, G+J-Betriebsrat wehrt sich, Russische Kampagnen

1. “Das gefährlichste Feld für Journalisten überhaupt”
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 5:27 Minuten)
Innerhalb von wenigen Jahren wurden in Europa zwei Journalisten und eine Journalistin ermordet: Die Maltesin Daphne Caruana Galizia, der Slowake Ján Kuciak und, ganz aktuell, der Grieche Giorgios Karaivaz. Juliane Matthey von Reporter ohne Grenzen sieht in den Fällen Parallelen. Alle Mordopfer hätten sich mit Themen wie Korruption und Organisierter Kriminalität beschäftigt: “(…) wenn Journalisten zu solchen Themen recherchieren und gerade auch zu Verbindungen der organisierten Kriminalität in die Politik, in die Verwaltung, ist das ein sehr, sehr gefährliches Feld, und eigentlich das gefährlichste Feld für Journalistinnen und Journalisten überhaupt.”

2. Der liberale Westen sei im Niedergang, Extremisten seien die Guten – wie Moskaus Propaganda die Gesellschaft destabilisieren will
(nzz.ch, Markus Ziener)
Deutschland sei das Hauptzielland russischer Propagandaaktivitäten, so Markus Ziener in der “NZZ”. Kein anderer EU-Staat werde heftiger angegriffen. Laut einer Analyse des Europäischen Auswärtigen Dienstes sei Berlin seit Ende 2015 mehr als 700 Mal das Ziel von Kampagnen russischer Medien gewesen. Wie ist der Wunsch auf Einflussnahme zu erklären? Was bewegt die russische Regierung zu dieser Art von Aktivität?

3. “Bild” wird zum TV-Sender
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Mit “Bild Live” will der Axel-Springer-Konzern einen neuen Fernsehsender starten. Online hatte es schon ein Liveprogramm gegeben. Der neue TV-Sender soll über Kabel, Satellit und im Internet zu empfangen sein. Programmchef des neuen Kanals soll Claus Strunz werden, der Fernsehmoderator und ehemalige Chefredakteur von “Bild am Sonntag”. Der postfaktische Strunz ist für Sätze wie “Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie” bekannt, siehe dazu auch: Claus Strunz will es der Demokratie besorgen (übermedien.de, Boris Rosenkranz, aus 2017).

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4. EM in zwölf Ländern “verantwortungslos”
(zdf.de)
Im Sommer steht nicht nur ein Sport-, sondern auch ein Medienereignis an: die Fußball-Europameisterschaft. “Zehntausende Fans in den EM-Stadien, dazu Nationalmannschaften, die für ihre Spiele munter zwischen Amsterdam, Bukarest oder London hin- und herreisen – für den SPD-Gesundheitsexperten ein Unding inmitten der Pandemie.”

5. G+J-Betriebsrat spricht sich gegen Fusion mit RTL aus
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Betriebsrat von Gruner + Jahr spricht sich gegen eine mögliche Fusion mit RTL aus. Zuvor hatte es im Verlag bereits eine wichtige Personalie gegeben: G+J-Chefin Julia Jäkel war durch den RTL-Verantwortlichen Stephan Schäfer ersetzt worden. Spätestens seit diesem Zeitpunkt deutet vieles auf eine mögliche Fusion der beiden Häuser hin (siehe dazu: Raus aus dem Dschungelcamp, spiegel.de, Isabell Hülsen & Anton Rainer & Alexander Kühn).

6. Gamerin mogelt Fragen in Pressekonferenzen des Weißen Hauses
(spiegel.de, Markus Böhm)
In den USA ist es einer Person gelungen, als angebliche Korrespondentin Zugang zu den Pressekonferenzen des Weißen Hauses zu erhalten und dort Fragen unterzubringen. “Die Trollaktion dürfte einigen, die ‘Kacey Montagu’ für eine echte Kollegin hielten, peinlich sein. ‘Kacey Montagu’ selbst sammelt auf ihrem Twitteraccount derweil Begriffe wie ‘Hochstaplerin’, mit denen sie Medien wie Fox News beschreiben. Zugleich betont sie aber, offen für Jobangebote von Medien zu sein, die jetzt über sie berichten.”

Böhmermann-Boulevard, BR stoppt Blackfacing, Umarmungsvorhang

1. Dreiste Lügen über Hubert Burda! Wie Jan Böhmermann am Kiosk die Klatschpresse foppt
(rnd.de, Imre Grimm)
In der jüngsten Ausgabe seiner Sendung “ZDF Magazin Royale” beschäftigt sich Jan Böhmermann mit dem perfiden Geschäftsmodell der Regenbogenpresse. Außerdem holt er zum Gegenschlag aus: Seit Samstag liegt in den Kiosken das 32-seitige “Freizeit Magazin Royale” für 99 Cent zum Kauf bereit. Im Visier der Schundblatt-Parodie mit reichlich Fake-Geschichten sind jedoch nicht die üblichen Personen wie Michael Schumacher, Helene Fischer oder Günther Jauch, sondern Verleger Hubert Burda (“Starb seine Mutter aus Scham?”) oder Verlegerin Yvonne Bauer von der Bauer Media Group (“Schädel-Schock: Wie lange liegt sie noch im Koma?”).

2. MeToo: Nach 19 Monaten dürfen wir diese Recherchen wieder online stellen
(buzzfeed.de)
2019 hatten “BuzzFeed News” und “Vice” über einen Berliner Arzt berichtet, dem von zahlreichen Patienten vorgeworfen worden sei, sie sexuell missbraucht zu haben. Gegen die Berichterstattung hatte sich der bekannte HIV-Arzt juristisch und zunächst erfolgreich gewehrt. Nun habe das Kammergericht Berlin große Teile der Texte wieder zugelassen.

3. “Welt” täuscht über Fakten zum PCR-Test – bekommt Applaus von Rechtsextremen und Querdenker:innen
(volksverpetzer.de)
Der “Volksverpetzer” kritisiert einen Meinungsbeitrag der “Welt” zur Debatte über die Ergebnisse von PCR-Tests: “Die WELT schreibt einen tendenziösen Artikel voller Falschdarstellungen, die längst bekannte Fakten zum Skandal aufbauschen und wichtigen Kontext und Aussagen von Expert:innen verschweigen.”

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4. BR nimmt Satirefigur aus dem Programm
(spiegel.de)
Der Bayerische Rundfunk zeigte unlängst einen Sketch, für den sich der Satiriker Helmut Schleich das Gesicht schwarz angemalt hatte. In dem Satirebeitrag mimte Schleich den fiktiven Kanzlerkandidaten “Maxwell Strauß”; das Blackfacing sorgte für viel Kritik. Zunächst verteidigte der Sender die umstrittene Kunstfigur. Nun hat sich der BR aber anders entschieden: Die Franz-Josef-Strauß-Karikatur werde künftig nicht mehr im Programm zu sehen sein.

5. Kinderschützer kritisieren geplantes Instagram für Kinder
(zeit.de)
Bei Instagram könnte es demnächst eine “sichere und altersgerechte” Version für unter 13-Jährige geben. Das jedenfalls werde derzeit vom Mutterkonzern Facebook geprüft. Kinderschützer warnen in einem Offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor der ihrer Meinung nach gefährlichen “Babyvariante”.

6. Endlich nah
(sueddeutsche.de)
In Amsterdam wurden zum 64. Mal die World Press Photo Awards vergeben. Als bestes Pressefoto des Jahres wurde eine Aufnahme des dänischen Fotografen Mads Nissen ausgezeichnet. Es zeigt, wie eine 85-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims von einer Krankenschwester umarmt wird – corona-konform durch einen Umarmungsvorhang.

Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen

Beim Gruppenspiel der Fußball-Europameisterschaft zwischen Dänemark und Finnland ist der Däne Christian Eriksen auf dem Platz zusammengebrochen, lebensrettende Maßnahmen waren nötig. Laut Uefa ist Eriksen inzwischen wieder in einem stabilen Zustand, er befindet sich im Krankenhaus.

Während er auf dem Platz behandelt wurde, stellten sich Eriksens Mitspieler um ihn herum. Bild.de schreibt dazu in einer Bildunterschrift:

Schützend stehen die Dänen-Profis vor den medizinischen Maßnahmen an Eriksen

Als er vom Platz getragen wird, wird extra ein Sichtschutz aufgebaut. Bild.de:

Eriksen wird geschützt von Decken vom Platz getragen

Und obwohl sie weiß, dass alles mögliche dafür getan wurde, um den Spieler vor Blicken und Kameras zu schützen, zeigt die “Bild”-Redaktion online auf der Startseite ein großes Foto des gerade reanimierten Christian Eriksen auf der Trage:

Screenshot Bild.de - Nach Wiederbelebung auf dem Platz - Dänen-Star Eriksen stabil im Krankenhaus

Die Unkenntlichmachung stammt von uns, auf der Bild.de-Startseite, im Bild.de-Artikel und in einer “Bild-live”-Sondersendung ist Eriksens Gesicht unverpixelt zu sehen. t-online.de und n-tv.de verwenden die Aufnahme ebenfalls.

Zuvor hatte die “Bild”-Redaktion auch schon die ersten Momente nach Eriksens Zusammenbruch gezeigt: Auf einem Foto liegt der 29-Jährige regungslos auf dem Boden, seine Mitspieler sind zu ihm geeilt, einer von ihnen beugt sich runter und schaut nach, was mit Eriksen los ist. Die Aufnahme veröffentlichte die Redaktion in einem Artikel bei Bild.de und bei Twitter:

Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion - Grausame Bilder bei der EM: Dänemark-Star kämpft um sein Leben
(Diese Unkenntlichmachung ist ebenfalls von uns.)

Auch dieses Foto haben die “Bild”-Leute ohne jegliche Verpixelung veröffentlicht. Den Tweet haben sie inzwischen gelöscht, das Foto bei Bild.de ersetzt – durch jenes, das Christian Eriksen auf der Trage zeigt.

Nachtrag, 13. Juni: Noch als Ergänzung: Neben den oben genannten Aufnahmen veröffentlichte Bild.de auf der Startseite auch ein Foto auf dem aus etwas Entfernung die Reanimation zu sehen ist. Dazu die Überschrift: “Grausame Bilder bei der EM – Dänemark-Star kämpft um sein Leben”. “Der Westen” zeigt ein ähnliches Foto, auf dem auch Eriksens schockierte Mitspieler zu sehen sind, die sich als Sichtschutz vor ihren Teamkollegen positioniert haben, und schreibt dazu: “Spieler und Fans konnten nicht hinsehen, als Christian Eriksen wiederbelebt wurde.”

Offener Brief, Schlechterbezahlung belegt, Laschets verpasste Chance

1. Offener Brief der Autor:innen an die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten
(hoerspielkritik.de, Verband der Theaterautor:innen & Hans-Flesch-Gesellschaft, Forum für akustische Kunst)
Zahlreiche Autorinnen und Autoren befürchten für sie nachteilige Auswirkungen des neuen Medienstaatsvertrags und haben sich deshalb in einem offenen Brief an die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gewandt: “Kunst und Kultur werden in den neuen Medienstaatsverträgen nicht mehr als Auftrag des Rundfunks definiert, sondern lediglich als ‘Angebote’. Die ARD nimmt damit Abschied vom Gedanken der Grundversorgung und wandelt sich schrittweise in einen quasi kommerziellen Anbieter um”. Und natürlich geht es dabei auch ums Geld: “Wir haben die Neugier auf Neues, wir schreiben die Serien, die Dramen und Komödien und auch die crossmedialen Formate des 21. Jahrhunderts. Aber wir nehmen es nicht hin, dass wir nach Honorarbedingungen aus einem anderen Zeitalter bezahlt werden.”

2. Ein Modell mit Schwächen – und Gefahren
(tagesschau.de, Wulf Rohwedder)
Die Idee klingt zunächst gut: “Publikum ist eine Plattform für Schreibende und ihre Leserschaft. Wir bieten Schreibenden die Tools, um mit ihren Texten Reichweite zu bekommen und auch für ihre Arbeit vergütet zu werden.” Das muss sich jedenfalls das Bundesministerium für Wirtschaft gedacht haben, das das Projekt in sein Förderprogramm für innovative Geschäftsmodelle aufgenommen hat. Doch die Macher und Macherinnen scheinen mit der Sichtung der eingereichten Beiträge teilweise überfordert zu sein. Immer wieder würden problematische Inhalte auf der Seite landen.

3. Weiterer Erfolg im Equal Pay-Verfahren: Schlechterbezahlung belegt, Klägerin setzt nun auf Bundesverfassungsgericht
(freiheitsrechte.org, Janina Zillekens)
Bis zum Bundesarbeitsgericht musste sich eine Journalistin hochklagen, um vom ZDF in Form einer Gehaltsauskunft bestätigt zu bekommen, dass vergleichbare männliche Kollegen im Mittel erheblich mehr verdienen. Nora Markard hat das Verfahren für die Gesellschaft für Freiheitsrechte juristisch begleitet: “Die Auskunft erhärtet nicht nur den Diskriminierungsverdacht, sondern zeigt auch, dass der Klägerin jährlich bis zu 18.000 Euro entgehen – das sind ganz erhebliche Summen. Das erklärt, warum der Sender sich bisher mit Händen und Füßen gegen die Auskunftspflicht gewehrt hat.” Sachliche Gründe, warum die Männer mehr verdienen, habe das ZDF bislang nicht überzeugend vortragen können.

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4. Funktioniert das Gendersternchen (und wie)?
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch fasst die Ergebnisse einer Studie über das Gendersternchen zusammen: “Das ‘generische’ Maskulinum ist nicht geeignet, uns neben Männern auch an Frauen denken zu lassen (keine Überraschung, das wissen wir schon lange). Außerdem denken wir bei (fast) jeder sprachlichen Form hauptsächlich an Männer (auch das ist schon lange bekannt). Aber: Das Gendersternchen erhöht signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch an Frauen denken – allerdings nicht stärker als die traditionelle Doppelform (und nicht so stark wie das Binnen‑I)! Wir können also ebensogut weiterhin die Doppelform (Musikerinnen und Musiker) verwenden, um den Effekt des Gendersternchens (Musiker*innen) zu bekommen.” In Bezug auf das Problem der Unsichtbarkeit nicht-binärer Menschen sei das Gendersternchen nicht die Lösung, sondern nur ein erster Schritt.

5. Laschet sagt Kanzlerkandidaten-Runde mit Rezo und Tilo Jung ab
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Den Youtubern Rezo und Tilo Jung ist es nach eigenen Angaben gelungen, Olaf Scholz, Spitzenkandidat der SPD, und Annalena Baerbock, Spitzenkandidatin der Grünen, für ein Online-Kanzlerduell auf Youtube und Twitch zu gewinnen. Von Armin Laschet (CDU) gab es jedoch eine Absage, was von vielen als Kneifen und verpasste Chance empfunden wurde. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband kommentiert in eine ähnliche Richtung: “Nun kann man ja zu Rezo und Jung stehen, wie man will. Aber klar ist, dass sie Interviews anders führen als die meisten Journalisten des Berliner Politikbetriebs und damit den Journalismus bereichern. Und sie erreichen junge Menschen – auch und gerade solche, die sich ausschließlich in Social Media informieren. Ein Triell auf Youtube wäre eine gute Ergänzung zu den Fragerunden der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender gewesen.” Die CDU habe gegenüber netzpolitik.org darauf verweisen, dass “viele digitale Formate für alle Zielgruppen von jung bis alt” mit Laschet geplant seien.

6. ARD, ZDF und die Frage: Ist unser Fernsehen zu Nostalgie-beschwipst?
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader beschäftig sich in seiner aktuellen Medien-Kolumne mit dem “Nostalgiefernsehen-Fernsehen”. Mit liebevoller Wehmut denkt er an die guten, alten Zeiten des linearen Fernsehens zurück und fragt sich: “An was aber erinnern sich Menschen in 30 oder 40 Jahren dann aus dem Programm von heute? Welche Show aus diesem irren Jahr 2021, in dem die erste Pandemie des Jahrhunderts zu Ende ging, läuft zu Ostern in der Wiederholung? Und auf welchem Gerät überhaupt?”

7. Shitstürme und Fake News in unsozialem Medium: Das BILD-kritische Buch von Mats Schönauer und Moritz Tschermak
(scilogs.spektrum.de, Markus Pössel)
Ausnahmsweise ein siebter Link, da in eigener Sache: Bei den “SciLogs” stellt Markus Pössel das “Bild”-kritische Buch meiner BILDblog-Kollege Moritz Tschermak und Mats Schönauer vor: “Wer sowieso schon nach dem Max-Goldt-Zitat von BILD als ‘Organ der Niedertracht’ gehandelt hat, wird sich durch die von den Autoren zusammengetragenen und dokumentierten Beispiele bestätigt sehen.”

KW 25: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Kinder in Dokusoaps: Wie weit darf Reality-TV gehen?
(ndr.de, Lea Eichhorn & Désirée Fehringer, Video: 14:31 Minuten)
Über die (mittlerweile abgesetzte) Sat.1-Reality-TV-Show “Plötzlich arm, plötzlich reich” wurde in jüngster Vergangenheit einiges berichtet. Der Ballermann-Star Matthias Distel (alias Ikke Hüftgold) hatte seiner Aussage zufolge erst vor laufender Kamera davon gehört, dass bei den Dreharbeiten traumatisierte Kinder beteiligt seien, darauf habe er die Dreharbeiten abgebrochen und den Vorgang öffentlich gemacht. Doch nun scheint er eine 180-Grad-Wendung eingelegt zu haben. Ein Deal mit der Produktionsfirma Imago?

2. 13 Podcasts, 15 Stunden, ein Festival
(zeit.de)
Vergangenen Sonntag veranstaltete die “Zeit-Online”-Redaktion ein eigenes “Podcastfestival” mit allen bedeutenden Podcast-Formaten des Hauses. Das Festival fand auf zwei virtuellen Bühnen statt. Auf der Webseite gibt es alle Live-Podcasts zum Nachschauen beziehungsweise Nachhören, darunter “Verbrechen”, “Alles gesagt?”, “Was jetzt?”, “OK, America?”, “Unter Pfarrerstöchtern”, “Das Politikteil” unter “Servus. Grüezi. Hallo.”

3. Ep. 97: Die Zerstörung der INSM
(wohlstandfueralle.podigee.io, Ole Nymoen & Wolfgang M. Schmitt, Audio: 28:46 Minuten)
Unlängst sorgte eine Anzeigenkampagne für Aufsehen und Empörung: In ganzseitigen Inseraten renommierter Zeitungen war die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock als verkleidete Mosesfigur zu sehen – in den Armen zwei Steintafeln mit zehn angeblichen grünen Verboten. Auftraggeber der Kampagne ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dieser “Initiative”? Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt schildern im Podcast ihre Sicht auf die wirtschaftsfreundlichen Lobbyisten: “Die Vorgehensweise dieser Propagandaorganisation des Neoliberalismus ist manchmal laut auftrumpfend, bisweilen aber geht man perfide subtil vor, um gewisse Positionen in der Öffentlichkeit zu lancieren. Auch Prominente lassen sich gern vor den Karren der Initiative spannen, die 1999 gegründet wurde und mit ihren Anzeigenkampagnen auch viele Zeitungsverleger glücklich macht.”

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4. Die Videos der re:publica 21 sind online. Wir haben eine Auswahl für Euch.
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Wegen der Corona-Pandemie fand die re:publica auch dieses Jahr nur im Netz statt. re:publica-Mitgründer und Netzpolitik-Experte Markus Beckedahl stellt eine aus netzpolitischer Sicht besonders interessante Auswahl von Youtube-Mitschnitten vor. Nahezu alle Vorträge berühren auch Medienthemen oder sind komplett medienrelevant.

5. Der CureVac-Absturz: Waren viele Medien in Deutschland zu unkritisch?
(uebermedien.de, Holger Klein, 21:10 Minuten)
Einst wurde der Corona-Impfstoff von CureVac als Hoffnungsträger und Heilsbringer gefeiert, heute sieht die Sache anders aus: Der Impfstoff ist laut Studienergebnissen weniger wirksam, der Aktienkurs des Unternehmens in der Folge deutlich gefallen. Holger Klein hat sich mit Andrej Reisin über den Fall unterhalten, der die Rolle des CureVac-Investors Dietmar Hopp und die Lobhudeleien vieler Medien bereits vor Monaten kritisch sah.

6. Fachjournalist-Podcast: Schätze in Archiven und Bibliotheken für die Recherche heben
(fachjournalist.de, Aenne Chalhoub, Audio: 18:34 Minuten)
Für Journalistinnen und Journalisten sind Archive und Bibliotheken eine ausgezeichnete Recherchequelle, bieten sie doch Zugang zu ganz unterschiedlichen Datenbanken und Fachmagazinen. Im “Fachjournalist”-Podcast unterhält sich Aenne Chalhoub mit der Leiterin des Archivs der Technischen Universität Berlin und mit dem Direktor der Uni-Bibliothek der TU Berlin über die besonderen Möglichkeiten der Archive für die journalistische Recherche.

7. Moritz Tschermak: “Ich will zeigen, wie Bild die Gesellschaft spaltet.”
(hr-inforadio.de, Christoph Scheffer, Audio: 26:35 Minuten)
Hörtipp in eigener Sache und daher als zusätzlicher Link: Am Mittwoch hat sich Christoph Scheffer vom Hessischen Rundfunk mit meinem BILDblog-Kollegen Moritz Tschermak über dessen “Bild”-kritisches Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” unterhalten.

Politmagazine seltener?, “Bild” und “Welt” verlieren, Kino-Status

1. ARD-Intendanten überlegen, seltener Politmagazine auszustrahlen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Nach Informationen von “Übermedien” überlege die ARD, ihre Politmagazine vom kommenden Jahr an seltener auszustrahlen. Das würde Sendungen wie “Panorama”, “Monitor”, “Kontraste”, “Fakt”, “Report Mainz” und “Report München” betreffen. Stefan Niggemeier hat sich umgehört, womit dieser mögliche Schritt begründet wird, und fragt: “Geht es wirklich darum, nach zeitgemäßen Formaten für die digitale Welt zu suchen, oder will man auch lästige Redaktionen zurechtstutzen?”

2. AWA 2021: “Sport Bild”, “Focus” und “Bunte” die größten von vielen Verlierern
(meedia.de, Jens Schröder)
Die aktuelle Markt- und Werbeträgeranalyse des Allensbach-Instituts (oder ganz korrekt: des “Instituts für Demoskopie Allensbach”) weist unter anderem die Reichweite verschiedener Printmedien aus. Nummer 1 im Reichweitenranking ist die “Apotheken Umschau”. Zu den größten Verlierer zählen “Sport Bild”, “Focus” und “Bunte”, die im Vergleich zu 2020 jeweils Verluste von mehr als 400.000 Lesern pro Ausgabe hinnehmen mussten. Bei den überregionalen Zeitungen haben “Bild” und “Welt” kräftig verloren.

3. Wie die Corona-Krise der Psyche von Journalisten schadet
(de.ejo-online.eu, Sarah Karacs)
Das European Journalism Observatory hat Journalistinnen und Journalisten befragt, ob und wie sich die Covid-19-Berichterstattung auf ihre eigene psychische Gesundheit ausgewirkt hat. Die Psychologin Esther Perel kommentiert: “Redaktionen befinden sich in einem Zustand der Trauer und haben im letzten Jahr enorme Verluste erlitten. Sie befinden sich in einem Zustand des kollektiven Traumas, und die Journalisten sind erschöpft.” Sie seien “Teil der Geschichte, über die sie berichten.”

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4. Russische Polizei durchsucht Wohnungen mehrerer Investigativjournalisten
(spiegel.de)
Der Kreml erhöht weiter den Druck auf die letzten verbliebenen unabhängigen Medien des Landes. Diesmal hat es die russische Rechercheplattform “Proekt.media” erwischt, gegen die die Polizei mit großer Härte vorgegangen sei. Ein möglicher Hintergrund der Aktion: Die Seite habe offenbar kurz vor der Veröffentlichung einer Recherche über den Innenminister gestanden.

5. Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk, neu gedacht!
(blog.wikimedia.de, Bernd Fiedler)
Wikimedia Deutschland hat erneut einen “Runden Tisch Freie Lizenzen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk” veranstaltet und dazu verschiedene Repräsentanten aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Politik und Zivilgesellschaft eingeladen. Dabei hat man auch eine Bilanz der vergangenen Jahre gezogen. Positiv habe sich beispielsweise das ZDF geäußert: “Seit über einem Jahr stellen wir im ZDF ausgewählte Clips von Terra X unter CC-Lizenz zur Verfügung. Unsere Bilanz fällt sehr positiv aus. Allein über die Wikipedia konnten wir schon über 15 Millionen Abrufe sammeln. Auch die Rückmeldungen von den Schulen sind positiv.”

6. “Mit Mittelware durchmogeln war schon vor der Pandemie vorbei”
(medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Christian Bräuer ist Vorstandsvorsitzender der AG Kino und weiß daher, wie es der Branche geht. Im Interview kritisiert er das uneinheitliche Regelungsdickicht von Corona-Auflagen sowie die Konzentration von Marktmacht: “Die Effekte der Pandemie wird der gesamte Medienmarkt noch auf Jahre bis Jahrzehnte spüren. Während wir in Europa noch damit beschäftigt sind, die Folgen der Pandemie abzufedern, beobachten wir in den USA eine wahnsinnige Marktdynamik. Der Trend zur Konzentration von Marktmacht hat sie durchaus beschleunigt, auch wenn er vorher schon vorhanden war.”

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Überwachungsfan Reichelt verschweigt “Pegasus”-Affäre

Sucht man auf der Internetseite der “Süddeutschen Zeitung” nach “Pegasus”, findet man aus den vergangenen Tagen mehr als 20 Artikel, in denen es um die Spionagesoftware eines israelischen Unternehmens geht. Denn wie ein internationales Journalistenkonsortium am Wochenende enthüllte, sollen mit Hilfe der “Pegasus”-Software – die eigentlich nur bei der Überwachung von Terroristen zum Einsatz kommen sollte – zahlreiche Journalisten, Politiker und Menschenrechtler ausgespäht worden sein. Die “Süddeutsche Zeitung” hat an den Recherchen mitgewirkt, genauso wie die “Zeit”, der WDR und der NDR, die ebenfalls ausführlich über das Thema berichten.

Tatsächlich berichten so gut wie alle Medien darüber, von der “New York Times” bis zum “Sauerlandkurier”, teilweise in langen Artikeln und umfangreichen Dossiers.

Sucht man hingegen bei “Bild” nach “Pegasus”, findet man als aktuellsten Treffer:

Screenshot von BILD.de: "Chaos am Düsseldorfer Flughafen - Pegasus Airlines soll 40 Mitarbeitern gekündigt haben"

Dieser Artikel ist mehr als zwei Wochen alt. Zum aktuellen “Pegasus”-Thema und dem weltweit für Aufsehen sorgenden Skandal um die Spionagesoftware liest man in den “Bild”-Medien: kein einziges Wort.

Wir haben beim “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum das so ist. Er hat nicht reagiert.

Uns würden spontan drei mögliche Gründe einfallen, warum die Sache für “Bild” kein Thema ist. Zunächst einmal stammt die Software aus Israel, und Israel steht beim Axel-Springer-Verlag seit jeher ganz weit oben auf der Freundesliste; es ist sogar ausdrücklich Teil der Grundsätze und Werte des Unternehmens (“Wir unterstützen das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel”). Dass die Nichtberichterstattung etwas damit zu tun hat, ist aber unwahrscheinlich – schließlich berichtet die “Welt”, die ebenfalls zum Axel-Springer-Verlag gehört, recht ausführlich über das Thema.

Der Grund muss also irgendwo bei “Bild” liegen.

Vielleicht ist es einfach so, dass “Bild”-Chef Julian Reichelt den Medien, die das Thema recherchiert haben, diesen Scoop nicht gönnt und das Thema deshalb ignoriert.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Reichelt ein großer Fan von Spionagesoftware ist. Schon 2013, nachdem Edward Snowden die globalen Überwachungsmethoden des amerikanischen Geheimdienstes NSA offengelegt hatte, kommentierte Reichelt:

Ausriss aus der BILD-Zeitung: Kommentar von Julian Reichelt: "Snowden ist kein Held!"

Denn Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen, seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.

Er ist dafür verantwortlich, dass nun jeder detailliert im Internet und in allen Zeitungen der Welt nachlesen kann, wie die USA und ihre westlichen Verbündeten die gefährlichsten Männer dieses Planeten jagen.

Ja, wir wissen jetzt, wie umfassend die USA das Internet überwachen. Wir können das als Sieg unserer Bürgerrechte feiern.

Aber wahr ist auch: Wir feiern mit den Falschen. Snowden ist auch ein Held für all jene, die in Berlin, Madrid, London Busse in die Luft sprengen wollen.

Zwei Jahre später, nach dem Anschlag auf die französische Zeitschrift “Charlie Hebdo”, insinuierte Reichelt sogar, dass Snowden womöglich Schuld an den Anschlägen sei. Seine Quellen seien sich einig, “dass niemand der Verhinderung von Terroranschlägen so sehr geschadet hat wie Edward Snowden mit all dem, was er über technische Überwachung enthüllt hat”. Und wieder rief er:

Screenshot von BILD.de: "Zwischenruf zum Anschlag in Paris - Warum wir die Überwachung der NSA gegen den Terror brauchen"

Immerhin befänden wir uns im “Krieg gegen den islamistischen Terrorismus”, und in diesem Krieg seien die Methoden “nicht schön, aber notwendig – und geboten”.

Nicht unwahrscheinlich also, dass die “Bild”-Medien ihren Lesern die “Pegasus”-Geschichte verschweigen, weil ihr Chef so sehr auf Überwachung steht. Und ebenfalls nicht unwahrscheinlich, dass Reichelt beim nächsten Terroranschlag nicht den Terroristen die Schuld gibt, sondern den Journalisten, die solche Überwachungsmethoden enthüllen.

Mit Dank an Luca für den Hinweis.

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Nachtrag, 17.35 Uhr: Eineinhalb Stunden nachdem wir bei “Bild” nachgefragt hatten, warum dort nicht über “Pegasus” berichtet wird, erschien plötzlich dieser Artikel:

Screenshot von BILD.de: "Nur für Abonnenten von Bild+ - Nach Pegasus-Skandal - Drei Antiviren, die Stalker-Apss zu 100 Prozent erkennen"

Darin geht es auch um den “Pegasus”-Skandal – ganze drei Sätze lang.

Nachtrag, 17.40 Uhr: Der „Bild“-Sprecher hat sich nun doch noch gemeldet. Er schreibt:

Die Redaktionen bei Axel Springer entscheiden über ihre Berichterstattung unabhängig.

Übrigens ist in der BILD-Gruppe darüber berichtet worden, ausgiebig auch bei WELT.

https://www.computerbild.de/artikel/cb-News-Sicherheit-Pegasus-Journalisten-und-Menschenrechtler-systematisch-ausspioniert-30502495.html

https://www.welt.de/politik/ausland/article232595215/Cyberwaffe-Pegasus-Zahlreiche-Journalisten-und-Aktivisten-wurden-offenbar-ausgespaeht.html

Ansonsten lag der Schwerpunkt der Berichterstattung bei BILD in den letzten Tagen für alle sichtbar auf dem Hochwasser und dessen Auswirkungen auf die Menschen in den betroffenen Gebieten.

Gezerre um Rundfunkbeitrag, Erneut eingegriffen, Stilkritik Parteiplakate

1. Rundfunkbeitrag darf erhöht werden
(tagesschau.de)
Eigentlich hatten sich alle Beteiligten auf eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags verständigt, doch Sachsen-Anhalt blockierte das Vorhaben, indem es die dafür notwendige Abstimmung im Landtag absagte. Das Bundesverfassungsgericht wertete dies nun als eine Verletzung der im Grundgesetz festgeschriebenen Rundfunkfreiheit – der Rundfunkbeitrag darf um um 86 Cent auf 18,36 Euro pro Monat erhöht werden. Bei “DWDL” kommentiert Uwe Mantel: “All jenen, die nun von einer ‘undemokratischen Entscheidung’ des Gerichts sprechen: Es hat einen guten Grund, dass der Einfluss der Politik auf ARD und ZDF begrenzt ist und die Höhe des Rundfunkbeitrags eben kein Ergebnis demokratischer Verhandlungen ist, sondern sich am Bedarf der Anstalten festmacht. Schließlich ist es die Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten der Häuser, der Politik auf die Finger zu schauen – da sollte man sie so unabhängig wie möglich vom Wohlwollen einzelner Parteien in einzelnen Ländern machen.”
Weiterer Lesetipp: Springers rasende Wut auf das Bundesverfassungsgericht (uebermedien.de, Stefan Niggemeier).

2. Erneut eingegriffen
(taz.de, Volkan Ağar)
In der Theorie agiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unabhängig und überparteilich, doch in der Praxis und mit Blick auf das Agieren des Bundesministeriums des Innern (BMI) muss dies bezweifelt werden: “Denn nachdem das BMI der bpb letzthin eine Links-Extremismusdefinition des Verfassungsschutzes diktiert hat, hat es auch die Veröffentlichung des Sammelbandes ‘Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz’ verzögert und erst in Begleitung eines ergänzenden Onlinedossiers erlaubt.”

3. Wenn das neue Format der Topfpflanze nicht gefällt
(journalist.de, Mark Heywinkel)
Mark Heywinkel ist Leiter der Abteilung Formatentwicklung bei “Zeit Online”. In der Reihe “Wie machen wir den Journalismus widerstandsfähiger?” verrät er seine fünf persönlichen Tipps zur Entwicklung neuer journalistischer Formate. Vieles davon ist für jeden interessant, der sich im weitesten Sinn schöpferisch, schriftstellerisch oder redaktionell betätigt.

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4. Die Plakate zur Bundestagswahl 2021
(designtagebuch.de, Achim Schaffrinna)
Der Kommunikationsdesigner Achim Schaffrinna hat sich mit den Plakaten zur anstehenden Bundestagswahl beschäftigt und dabei die Kampagnen von CDU, SPD, FDP, Grünen, AfD und Linken analysiert. Er rät jedoch dazu, sich nicht zu sehr von Äußerlichkeiten beeinflussen zu lassen: “Wahlprogramme bieten eine deutlich bessere Grundlage für einen Wahlentscheid als Plakate, unabhängig davon, wie sie gestaltet sind. Nicht, dass Ästhetik und Gestaltungsqualität nicht auch wichtig wären, gerade im Kontext der Informationsvermittlung sind sie bedeutsam! Der persönliche Geschmack in Sachen Farben sowie Bild- und Formensprache sollte jedoch nicht ausschlaggebend dafür sein, an welcher Stelle man sein Kreuzchen macht.”

5. Gerd Schulte-Hillen ist tot
(sueddeutsche.de)
Fast 20 Jahre lang leitete Gerd Schulte-Hillen den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, in dem unter anderem “Stern”, “Geo” und “Brigitte” herausgegeben werden. Jetzt ist der Verlagsmanager im Alter von 80 Jahren gestorben.

6. Türkische Zeitung druckt erfundenes Laschet-Interview
(faz.net)
In der Europa-Ausgabe der türkischen Zeitung “Sabah” ist ein Interview mit Armin Laschet erschienen, das laut Düsseldorfer Staatskanzlei nie stattgefunden haben soll. “Sabah” habe erklärt, man habe das Interview von der Website von Faruk Şen übernommen, dem ehemaligen Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Dort sei es mittlerweile gelöscht worden.

Journalistische Interessenkonflikte, Bürgertalk, Scientist-Rebellion-Leak

1. “Politisches oder sonstiges Engagement sind generell kein Ausschlussfaktor”
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock war Anfang der Woche in der “Wahlarena” der ARD zu Gast. Im Verlauf des Abends meldeten sich unter anderem zwei Männer zu Wort, die sich jeweils mit ihrem Namen vorstellten. Bei dem einen handelt es sich um ein Mitglied der AfD-Bürgerschaftsfraktion in Lübeck, bei dem anderen offenbar um einen Mitarbeiter des zweitgrößten deutschen Stromerzeugers. Dies wurde jedoch nicht offen kommuniziert. Boris Rosenkranz fragt: “Ein Bürgertalk, in dem auch aktive Parteipolitiker sitzen und Mitarbeiter großer Konzerne – wäre es nicht relevant fürs Publikum, zu wissen, wer diese Leute sind und welchen Hintergrund sie haben?”

2. Journalistische Interessenkonflikte
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 6:00 Minuten)
Der Fernsehsender RTL will seriöser, nachrichtlicher und politischer werden und hat dazu öffentlich-rechtliche Nachrichtengrößen wie Jan Hofer und Pinar Atalay engagiert. Eine wichtige Rolle in der RTL-Politik-Berichterstattung nimmt auch Chefreporterin Franca Lehfeldt ein, die seit Jahren mit FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner liiert ist. Das kann zu möglichen Interessenkonflikten führen.

3. Keine Pressefreiheit im Baumhaus
(freelens.com, David Klammer)
Der Fotograf und Dokumentarfilmer David Klammer war im Dannenröder Forst, um Aufnahmen der dortigen Proteste zu machen. Jetzt soll er dafür zahlen, dass die Polizei ihn aus Baumhäusern geräumt hat. “Ein Unding”, finden Klammer und dessen Anwalt, sie haben Beschwerde eingelegt. Freelens, ein Berufsverband für Fotojournalistinnen und Fotografen, unterstützt David Klammer in dem nun anstehenden Rechtsstreit mit dem Land Hessen.

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4. “Ein Leak – weil es dramatisch ist”
(tagesschau.de, Ingrid Bertram)
Der dritte Teil des Berichts des Weltklimarats (IPCC) soll eigentlich erst im März 2022 veröffentlicht werden. Der Entwurf wurde jedoch bereits im August von einer Organisation namens Scientist Rebellion an Medien geleakt. Die “Tagesschau” hat sich mit den Aktivisten und Aktivistinnen über deren Beweggründe und konkrete Sorgen unterhalten.

5. Kritik am Prozess gegen den Produzenten des Ibiza-Videos
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren mehrere Menschenrechtsorganisationen und Journalistenverbände die “ausufernde Strafverfolgung” gegen den Produzenten des Ibiza-Videos. Sie appellieren: “Die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden muss objektiv und parteiunabhängig erfolgen. Schon der Anschein der politischen Einflussnahme auf die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden birgt eine Gefahr für den Rechtsstaat. Bis Ende 2021 hat Österreich Zeit, die EU-Richtlinie zum Schutz von Whistleblower*innen umzusetzen. Bei diesem wichtigen Projekt muss besonders acht auf den Schutz von Hinweisgeber*innen gelegt werden.”

6. “Bild”-Zeitung muss künftig im Sondermüll entsorgt werden
(der-postillon.com)
“Der Postillon” hat wie immer Informationen, die (aus nachvollziehbaren Gründen) sonst keiner hat: “Nach Appellen von Umweltexperten ist heute die Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) ergänzt worden, die festlegt, wie Abfälle entsorgt werden müssen. Das teilte die Arbeitsgemeinschaft der Sonderabfall-Entsorgungs-Gesellschaften der Länder (AGS) mit. Demnach müssen sämtliche Exemplare der ‘Bild’-Zeitung künftig in den Sondermüll gegeben werden.”

Der Hass der Corona-“Querdenker”, Drosten, Klimathemen für Kinder

1. Corona-Querdenker: “Er will mich impfen, ich will ihn schlagen”
(hessenschau.de)
Es ist immer wieder erschütternd, wieviel Hass und Hetze Medienschaffenden von Seiten einiger Corona-“Querdenker” entgegenschlägt. Für manche Journalistinnen und Journalisten stehen übelste Anfeindungen auf der Tagesordnung, und manchmal bleibt es nicht nur bei Worten: Bei Protesten werden Reporter und Reporterinnen teilweise auch körperlich angegangen. Die “Hessenschau” lässt einige Betroffene zu Wort kommen.

2. Christian Drosten: “Die Wissenschaft muss frei sprechen können”
(riffreporter.de, Kai Kupferschmidt)
Der Virologe Christian Drosten war im “Pandemia”-Podcast zu Gast und hat sich dort unter anderem zu Anfeindungen, die Rolle von Medien und die Tücken der Wissenschaftskommunikation geäußert. Nun haben die “RiffReporter” das Gespräch verschriftlicht. Ob sich die mediale Berichterstattung im Verlauf der Pandemie verändert hat? Drosten: “Ich hatte am Anfang das Gefühl, dass die Medien relativ passiv sind und einfach auch nicht Bescheid wussten. Das war jetzt aber keine irreführende Information, die dabei entstanden ist. Und dann kam so eine Zeit, die leider sehr, sehr lang war, die vielleicht im Sommer oder späten Frühjahr mit dem Ende des ersten Lockdowns losging und die eigentlich jetzt erst vor kurzer Zeit sich ein bisschen gebessert hat, dass man wirklich solche Lager hatte und eine gewisse Absichtlichkeit und auch Agenda spüren konnte.”

3. Türkei wegen langer U-Haft von prominenter Journalistin verurteilt
(rnd.de)
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Türkei zur Zahlung von 16.000 Euro Schadensersatz an die prominente, regierungskritische Journalistin Nazlı Ilıcak verurteilt. Ilıcak hatte zuvor mehrere Jahre und ohne abschließendes Urteil in Untersuchungshaft gesessen. Das Urteil gegen die Türkei sei allerdings noch nicht rechtskräftig und könne innerhalb von drei Monaten von beiden Seiten angefochten werden.

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4. Verlegerangebot unzureichend
(djv.de, Hendrik Zörner)
Die Tarifverhandlungen zwischen dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) und den Zeitungsverlegern (BDZV) gestalten sich schwierig: Die zweite Runde wurde nach mehreren Stunden ohne Ergebnis auf Ende Januar vertagt. “Wir erwarten dann ein deutlich verbessertes Angebot”, so der Verhandlungsführer des DJV. Der BDZV hält hingegen die von ihm gerade erst gemachte Offerte offenbar schon für recht ordentlich: “Unser Angebot berücksichtigt sowohl die für Verlage schwierige aktuelle Corona-Situation als auch das berechtigte Interesse der Redakteure nach tabellenwirksamer Erhöhung.”

5. “Die Welt gerät für manche aus den Fugen”
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber vom “Tagesspiegel” hat sich mit dem NDR-Filmchef Christian Granderath über das deutsche Fernsehen im Allgemeinen und die Produktion “Das Haus” im Speziellen unterhalten. Dabei geht es auch um Funktion und Positionierung der öffentlich-rechtlichen Mediathek. Medienredakteur Huber sorgt sich: “Ich fürchte, dass so komplexe und schwierige Geschichten wie ‘Das Haus’ in die Mediathek geschoben werden, umgekehrt das Publikum des Ersten in ‘Roten Rosen’ gebadet wird. Was fürchten Sie?”

6. Behutsames Berichten
(taz.de, Wilfried Urbe)
Kinder interessieren sich einer internationalen Studie zufolge ausdrücklich für Klima- und Umweltthemen. Wilfried Urbe hat sich angeschaut, wie Medien diese Themen behandeln, und festgestellt, dass vielfach auf positive und konstruktive Erzählweisen gesetzt werde: “Kein Weltuntergangsszenario, sondern Impulse zur Selbstermächtigung der jungen Mediennutzer*innen, um etwas zu einer besseren Welt beizutragen.”