„Ich kann noch alles ändern“

Ich sage dies, weil es teilweise bekannt ist, weil es Fotos gibt — und dass ich „Vetternwirtschaft“ oder Beeinflussung bei dieser Recherche trotzdem komplett ausgeschlossen habe.

Das versprach „Bild“-Kolumnist Alfred Draxler im Oktober 2015. Sein Text zur Sommermärchen-Affäre, zur möglicherweise gekauften Fußball-WM 2006 in Deutschland, war laut Draxler das Ergebnis einer „Intensiv-Recherche“:

Screenshot Bild.de - Das Sommermärchen war nicht gekauft - So war es wirklich mit den 6,7 Millionen Euro

Draxlers Unabhängigkeitserklärung, die Betonung, er habe „Beeinflussung bei dieser Recherche“ komplett ausgeschlossen, wirkte damals bereits ziemlich lächerlich, schließlich beruhte sein Freispruch für seine Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund einzig auf „langen und intensiven“ Gesprächen mit seinen Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund. Jetzt scheint sich Draxlers Beteuerung als glatte Lüge zu entpuppen.

Ein Text im aktuellen „Spiegel“ zu einem Gerichtsurteil rund um das Sommermärchen beginnt mit dieser Geschichte:

Das Arbeitsprinzip des Sportjournalisten Alfred Draxler ist das eines Unterziehleibchens: Keiner klebt so eng am Deutschen Fußball-Bund wie der Chefkolumnist der „Bild“, keiner umgarnt die großen Namen so hautfreundlich wie Draxler.

Das war schon so, als er 2015 den Verband nach einer angeblichen „Intensiv-Recherche“ in Schutz nahm. Nein, das Sommermärchen, die deutsche WM 2006, sei nicht gekauft gewesen, schrieb er in einer Kolumne. Was der Leser damals nicht erfuhr: dass Draxler seinen Artikel zuvor noch dem amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach zum Gegenlesen geschickt hatte, mit der devoten Betreffzeile „Ich kann noch alles ändern.“

Genauso ging das Stück vorab auch an Elvira Netzer, Ehefrau von Altstar Günter Netzer, der ebenfalls in jenen dubiosen Deal um 6,7 Millionen Euro aus der deutschen WM-Kasse verwickelt war: „Ich kann noch alles ändern.“

Alfred Draxler soll seinen Text also den Leuten, über die er berichtet hat, zum Gegenlesen geschickt und ihnen versprochen haben, er könne „noch alles ändern“ — und hat dann in genau diesen Text geschrieben, dass er „bei dieser Recherche“ Beeinflussung „komplett ausgeschlossen“ habe.

Ein anderer Satz in Draxlers DFB-Verteidigungsschrift lautete:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Kai Diekmann, damals noch „Bild“-Chefredakteur, fand das wohl so überzeugend, dass er in gleich zwei Tweets jubelte, was für eine vermeintliche „Hammer!!!“-Enthüllung seinem Kolumnisten Draxler da gelungen sei. Und auch für die „Zeit“ wurde es etwas peinlich: Den redaktionellen Twitter-Account hatte auf Einladung „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn übernommen, die im Namen der „Zeit“ ihrem „Bild“-Kollegen zur Seite sprang und schrieb, dass sie „keinen Grund“ habe, „an den Recherchen von Alfred Draxler zu zweifeln“. Zu diesem Zeitpunkt war schon recht offensichtlich, dass es sich nicht um eine Recherche handelte, sondern lediglich um einen Kniefall vor DFB-Buddys.

Alfred Draxler schreibt auch heute noch über die Sommermärchen-Affäre. Am Dienstag erschien in „Bild“ ein Artikel von ihm mit der Überschrift „Kein Stimmenkauf!“. Auch dazu finden die „Spiegel“-Redakteure Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt sehr treffende Worte:

So gesehen war es keine Überraschung, dass Draxler in dieser Woche wieder für den DFB jubelte. Hintergrund: Das Landgericht Frankfurt hatte die Sommermärchen-Anklage gegen drei Ex-Funktionäre des DFB verworfen, darunter Niersbach. Den Beschluss legte Draxler gewohnt verbandsnah aus: „Der schwere Vorwurf des Stimmenkaufs wurde entscheidend entkräftet.“ Eine Lesart, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Die Frage, ob das Sommermärchen gekauft war oder nicht, war nämlich zu keinem Zeitpunkt Gegenstand der zweieinhalb Jahre währenden Ermittlungen.

Mehr zu Alfred Draxlers Tätigkeit als inoffizieller DFB-Pressesprecher:

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„Bild“-Chef Reichelt ganz stolz: Es stimmte fast alles

Gerade in der Konditorei: Ja, gut, das sei schon ein ärgerlicher Fehler, so der Meister, dass er und sein Team beim Teig für die Sahnetorte Gips statt Mehl genommen haben, und dass sich in dem Glas, auf dem Salz steht, kein Zucker befindet, nun ja, das hätte vielleicht auch auffallen können. Aber sonst sei das alles Top-Qualität! Ach, warum die Creme so merkwürdig schmeckt? Das könne daran liegen, dass sie Rasierschaum statt Sahne verwendet hätten. Aber sonst stimme so gut wie alles.

So würde es klingen, wenn Julian Reichelt seine Ware nicht als „Bild“-Chefredakteur unter die Leute bringen würde, sondern als Konditor.

Drüben bei Twitter rühmt er sich damit, dass seine Redaktion nur ein paar grobe Schnitzer in einem Artikel untergebracht hat — abgesehen davon habe „so gut wie alles“ gestimmt in der „BILD kennt den geheimen Ablauf“-Geschichte über Stefan Raabs Bühnencomeback. Zur Erinnerung: Das Raab-Team hatte auf der „TV Total“-Facebookseite einem „Bild“-Beitrag deutlich widersprochen. Der Artikel sei in großen Teilen schlicht erfunden.

Das ist also der journalistische Anspruch von „Bild“ unter Julian Reichelt: Ist doch super, wenn „so gut wie alles stimmt“:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Vor wenigen Tagen dementierte TV total die Bild-Berichterstattung über Stefan Raabs Comeback als frei erfunden und in Teilen erfunden. Hier sieht man nun, dass so gut wie alles stimmte (die Schalte zu ProSieben war ein ärgerlicher Fehler).
Screenshot eines weiteren Tweets von Julian Reichelt - Online haben wir berichtet, dass auch die Heavy Tones auftreten würden. Auch das stimmt. Das Dementi von TV Total zu der Geschichte in Bild ist in weiten Teilen frei erfunden.

Leider stimmt nicht mal Reichelts „so gut wie alles stimmt“. Da der „Bild“-Chef von sich aus nur den „ärgerlichen Fehler“ mit der „Schalte zu ProSieben“ anspricht, helfen wir ihm — mit Blick auf den Auftritt von Stefan Raab gestern Abend in Köln — gern noch einmal auf die Sprünge:

Nein, Lena Meyer-Landrut war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Teil der Show.

Nein, Aaron Troschke war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Moderator der Show.

Nein, es waren nicht, wie von „Bild“ angekündigt, 20.000 Zuschauer, sondern rund 14.000.

Nein, es gab keine „Aufarbeitung verschiedener Ereignisse der letzten Wochen“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab gab keinen „(beruflichen) Rückblick auf seine TV-Abstinenz“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab sprach nicht, wie von „Bild“ angekündigt, „über seine zukünftigen Pläne“.

Mathias Döpfner sagte neulich in einem Interview zur angeblichen neuen Fehler-Kultur bei „Bild“:

Und was ich toll finde: Dass Julian Reichelt, wenn er Fehler macht, sich dafür entschuldigt und sofort Transparenz herstellt.

Dem Springer-Chef könnte ein Konditor Reichelt vermutlich auch ein Stück Sahnetorte andrehen.

Wie es bei Stefan Raabs Bühnencomeback tatsächlich war:

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Twitters Troll-Archiv, Unstatistik, Raabs Temporär-Comeback

1. So arbeiten russische Internet-Trolle
(spiegel.de, Angela Gruber & Marcel Pauly & Patrick Stotz)
Twitter hat ein riesiges Troll-Archiv veröffentlicht mit mehr als zehn Millionen Tweets von 5.000 Fake-Accounts. Forscher und andere Datenspezialisten sollen sich anhand des Datensatzes ein besseres Bild davon machen können, wie die Trolle arbeiten. Die Digital-Forensiker eines amerikanischen Thinktanks hatten bereits Zugriff auf die Daten, und auch „Spiegel Online“ hat sich den Datensatz angeschaut.

2. Social Media: Erinnerung an Nachrichtenquelle verblasst
(de.ejo-online.eu, Antonis Kalogeropoulos)
In einer Repräsentativbefragung zur Nachrichtennutzung kam Interessantes zutage: Die Mehrheit der befragten Online-Nachrichtennutzer aus 37 Ländern bezieht ihre Nachrichten lieber über Suchmaschinen und soziale Medien als direkt von den Medien. Nachrichten, die über Newsfeeds von Facebook oder Twitter verbreitet werden, sehen jedoch weitgehend gleich aus, was die Folge habe, dass sich die meisten Nutzer nur selten an die Original-Nachrichtenquelle erinnern.

3. Unstatistik: Wie eine «erdrückende Mehrheit» entsteht
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Die Schweizer „Tagesschau“ (SRF) berichtete, dass laut einer Studie 85 Prozent aller europäischen Parlamentarierinnen sexistische Belästigungen erlebt hätten. Die „Tagesschau“ habe es laut Urs P. Gasche jedoch unterlassen, darüber zu informieren, dass nur ein Drittel aller befragten Parlamentarierinnen geantwortet haben. Die Autorinnen der Studie hätten sogar ausdrücklich betont, dass die Resultate statistisch nicht repräsentativ seien.

4. Die Pilgerreisen der Instagram-Jünger
(heise.de, Laura Krzikalla & dpa)
Die Influencer und Möchtegern-Influencer der Plattform Instagram haben eine neue Tourismus-Form hervorgebracht: Selbst die entlegensten Ecken der Welt werden nun zu überlaufenen Knips- und Selfie-Destinationen. Mit teilweise fatalen Folgen für Anwohner und Umwelt — wie kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen.

5. „Der Medienkrieg ist in vollem Gange“
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio, 7:28 Minuten)
Der Fall des mutmaßlich getöteten Journalisten Jamal Khashoggi sorgt nicht nur im Westen, sondern auch in der arabischen Welt für Aufruhr. Kritische Stimmen sind aus Syrien zu hören, aber auch aus Katar, dem Erzfeind Saudi-Arabiens. Der „Deutschlandfunk“ hat darüber mit Daniel Gerlach gesprochen, dem Chefredakteur des Magazins „Zenith“, das sich mit der arabisch-islamischen Welt beschäftigt. Sein Befund: „Der Medienkrieg ist in vollem Gange“.

6. Er ist wieder da: So lief das große Raab-Comeback
(haz.de, Imre Grimm)
Nach mehr als 1000 Tagen Sendepause hat sich Stefan Raab mit einer Liveshow in Köln vor 14.000 Zuschauern zurückgemeldet. Imre Grimm war dabei und berichtet über den Abend, der jedoch nicht von Raabs altem Haussender ProSieben übertragen wurde.

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Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann

Auf der „Bild“-Titelseite ist heute wieder alles ganz aufgeregt:

Ausriss der Bild-Titelseite - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg!

Deutschland drohe „EIN KLINGELSCHILD-CHAOS“, weil Vermieter aufgrund der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) womöglich bald überall im Land die Klingelschilder abschrauben müssten. Dieselbe Alarmstufe bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg - Haben wir bald etwa nur noch Nummer an der Tür?

Wie die „Bild“-Medien auf den „Datenschutz-Irrsinn“ kommen? Mit einem Zitat, das der Zitatgeber so nicht gegeben haben will, falschen Fakten zur DSGVO und viel, viel Biegerei.

Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise schreiben gleich zu Beginn ihres Artikels:

„Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …“ Damit kann bald Schluss sein!

Schuld daran ist die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Zwei Sätze weiter sind sich die beiden „Bild“-Autoren zwar schon nicht mehr ganz so sicher („Ob darunter auch ein Name auf einem Klingelschild fällt, ist unklar.“), aber dennoch: „Schuld daran ist“ für sie erstmal die EU.

Nun gibt es seit einigen Tagen schon Diskussionen darüber, ob Klingelschilder unter die DSGVO fallen. Rechtsanwalt und Datenschutzexperte Niko Härting hat sich bereits vor zwei Tagen die Mühe gemacht, das Thema aufzudröseln. In einem lesenswerten Beitrag bei „CRonline“ geht er der Frage nach, ob öffentlich einsehbare Namen auf Klingelschildern mit Blick auf die DSGVO problematisch sein könnten. Seine Antwort in Kurzform: nein. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Entscheidend sei dabei, ob die Daten (in diesem Fall: die Namen auf den Klingelschildern) Teil einer „strukturierten Sammlung“ und ob sie „nach bestimmten Kriterien zugänglich sind“.

Härting schreibt dazu:

Das Haus, in dem ich wohne, ist „old school“, was die Klingelschilder angeht. Sie sind in Messing geprägt und so angeordnet, dass man nicht erkennen kann, wer in welchem Stockwerk wohnt. Es fehlt somit an jeder „Struktur“. Datenschutzrechtliche Fragen stellen sich nicht. Das Datenschutzrecht bleibt vor der Tür.

Wenn die Klingelschilder so angeordnet sind, dass sich das jeweilige Stockwerk des Bewohners erkennen lässt, fehlt es zwar nicht an einer „Struktur“. Wohl aber stellt sich die Frage einer weitergehenden „Zugänglichkeit“. (…) Eine Datenauswertung, die über die Informationen hinausgeht, die sich aus den Klingelschildern selbst ergeben, wird durch die Beschilderung nicht ermöglicht. Auch hier fehlt es demnach an einem „Dateisystem“, das die Anforderungen des Art. 4 Nr. 6 DSGVO erfüllt. Das Datenschutzrecht bleicht auch hier außen vor.

Eine Ausnahme gebe es, wenn die Klingelschilder nicht analog angebracht seien, sondern „auf einem Monitor sichtbar“. Dann finde die DSGVO Anwendung.

Zu einem ähnlich klaren Ergebnis kommen der Datenschutzexperte Thomas Schwenke, der frühere Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar, die aktuelle Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff, die Stiftung Datenschutz, der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW und die EU-Kommission.

Nur die „Bild“-Medien, Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise sind der Meinung, die DSGVO sei am „KLINGELSCHILD-CHAOS“ schuld. Sie haben ja auch diese Ankündigung des Immobilien-Eigentümerverbandes „Haus & Grund“:

Deshalb will der wichtige Immobilien-Eigentümerverband Haus & Grund seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen, die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben!

„Nur so können sie sicher sein, nicht gegen die DSGVO zu verstoßen“, sagt Kai Warnecke, Präsident von Haus & Grund, zu BILD.

Wir haben bei Haus & Grund nachgefragt, ob man wirklich „seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen“ wolle, „die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben“. Die Antwort von Pressesprecher Alexander Wiech: Die Empfehlung sei so nicht gegenüber „Bild“ angekündigt worden. Man fordere „nicht auf, Klingelschilder abzumontieren.“ Stattdessen wolle man die Mitglieder warnen, dass es irgendwann mal soweit kommen könne.

Daraufhin haben wir bei „Bild“ nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibe, dass Haus & Grund ein Empfehlung an die vielen Mitglieder gegenüber den „Bild“-Autoren angekündigt habe. Sprecher Christian Senft antwortete uns, dass er uns dringend empfehle, unsere Recherche bei Haus & Grund noch einmal zu verifizieren: „Diese haben nichts relativiert und stehen voll zu der Geschichte und dem Zitat. Sie haben Ihnen nur gesagt, dass sie diese Empfehlung bisher noch nicht ausgesprochen haben, weil sie noch nicht dazu gekommen sind.“ Also, noch mal nachgefragt bei Haus & Grund: Alexander Wiech sagt uns noch einmal, dass man keine Empfehlung gegenüber „Bild“ angekündigt habe, sondern davon gesprochen habe, die Mitglieder sensibilisieren zu wollen.

Das hat Haus & Grund übrigens auch gegenüber anderen Medien so gesagt — etwa gegenüber „Zeit Online“, gegenüber dem WDR, gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen“.

Inzwischen hat Haus & Grund, nach der Klarstellung durch die Bundesdatenschutzbeauftragte, eine Pressemitteilung rausgegeben, in der der Verband schreibt: „Bundesdatenschutzbeauftragte: Mieternamen an Klingelschildern sind zulässig“.

Nachtrag, 17:40 Uhr: Wir haben die Überschrift von „Klingelingeling, hier kommt der Fake-News-Mann“ in „Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann“ geändert. Der Begriff „Fake News“ war für diesen Fall nicht passend.

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Der Fall Khashoggi, Ziemlich Tauber Tweet, Beredtes Schweigen

1. Fakten, Gerüchte, Schauermärchen
(spiegel.de, Dominik Peters)
In der Affäre um den in der saudischen Botschaft verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi wurden und werden nach und nach Details bekannt. Die Quellen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, es herrschen die verschiedensten Interessenlagen. Dominic Peters berichtet, was amerikanische und türkische Medien bislang veröffentlichten und ordnet die Lage ein.
Weiterer Lesehinweis: „Zapp“ hat den Autor und Chefredakteur des Magazins „Zenith — Zeitschrift für den Orient“, Daniel Gerlach, zum Fall Khashoggi interviewt. Dieser geht auch auf die Medienstrategie Saudi-Arabiens ein: „Es entsteht der Eindruck, dass sich die saudischen Informationskampagnen sehr am russischen Beispiel orientieren, das aber wesentlich weniger professionell. Die Russen benutzen Kontra-Propaganda und Gegen-Narrative ja nahezu perfekt, um westliche Narrative, Erzählmuster, zu hinterfragen.“
Und im „Tagesspiegel“ kommentiert Christian Böhme das Schweigen Europas: Der Westen duckt sich im Fall Kaschoggi kläglich weg.

2. Beredtes Schweigen
(twitter.com/marcusengert)
Als politischer Reporter bei „BuzzFeed News“ Deutschland ist Marcus Engert darauf angewiesen, dass ihm Pressestellen von Behörden und Organisationen Auskunft erteilen. Die Zusammenarbeit mit den Presseverantwortlichen gestaltet sich jedoch hakelig: „Wir erleben immer öfter PressesprecherInnen, die enormen Aufwand darauf verwenden, nicht mit der Presse zu sprechen. Die Antworten schicken, mit denen sie auf keine der gestellten Fragen antworten.“ Anhand eines Screenshots erklärt Engert einen typischen Fall und denkt über eine mögliche Lösung nach.

3. Rommel mit Widerstand verbunden?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Peter Tauber (CDU) ist Staatssekretär im Verteidigungsministerium und twitterte am Wochenende eine Art Gedenktweet in die Welt hinaus: „Heute vor 74 Jahren starb Erwin Rommel, von den Nazis zum Selbstmord gezwungen.“ Tauber betrachtet Hitlers Lieblingsgeneralfeldmarschall Rommel augenscheinlich nicht als Nazi, sondern als eine Art Widerstandskämpfer. Dem geht der ARD-„Faktenfinder“ nach und befindet: „Dass Rommel „seine Rolle auch im Widerstand“ hatte, beziehungsweise mit dem Widerstand verbunden gewesen sei, ist keineswegs bewiesen, sondern unter Historikern höchst umstritten.“
Auf die Kritik bei Twitter reagierte Tauber übrigens mit einer, nun ja, interessanten Volte: „Freue mich über die ganzen Linken, die durch ihre Tweets offenbaren, dass sie in Wahrheit Popo an Popo mit den Nazis stehen.“

4. Mit Filtern gegen Kinderpornos
(taz.de, Christian Rath)
Im Oktober 2017 trat das Gesetz zur Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (NetzDG) in Kraft, nach dem rechtswidrige Inhalte von den Plattformbetreibern binnen sieben Tagen entfernt werden müssen, „offensichtlich rechtswidrige“ Inhalte sogar binnen 24 Stunden. Wie hat sich das Gesetz auf Youtube ausgewirkt? Ist es zum befürchteten „Overblocking“ gekommen? Christian Rath hat für die „taz“ hingehört, was eine Google-Juristin bei einer Veranstaltung im Mainzer Abgeordnetenhaus dazu gesagt hat.

5. Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!
(faz.net, Stephan Stach)
Wie steht es um die Pressefreiheit in Polen? Nicht sonderlich gut, wie Stephan Stach in der „FAZ“ erklärt. Er schickt sarkastisch voraus: „Was Intoleranz angeht, ist die Publizistik in Polen anderen Ländern voraus.“ Wer „falsche“ Ansichten äußert oder Witze über die Regierung macht, werde entlassen: „Die politische Linie erhält Vorrang vor der Debatte. Weichen Redakteure von der jeweiligen politischen Linie ab, gilt das schnell als Verrat.“

6. Er tut es wieder: Fake-Restaurantbesitzer veräppelt Medien mit Doppelgänger
(watson.ch)
Nachdem Oobah Butler es geschafft hat, bei Tripadvisor ein von ihm erfundenes, nicht-existentes Restaurant mittels falscher Bewertungen auf Platz eins zu hieven, ist er ein gefragter Ansprechpartner der Medien. Zu den Interviews schickte er irgendwelche ihm ähnlich sehenden Menschen. Und keiner merkte etwas.

Kurz korrigiert (517-521)

Bei „Zeit Online“ haben sie neulich das Kunststück hinbekommen, einen offensichtlichen Fehler nicht zu korrigieren, dabei aber ganz im Sinne der Transparenz zu behaupten, ihn korrigiert zu haben.

In einer Reportage über den Ort Schwarzenberg im Erzgebirge, in dem vor einer Weile eine schwarze Puppe mit einer Schlinge um den Hals von einer Brücke hing, standen diese zwei Sätze:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke in Jena, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Während Schwarzenberg tatsächlich in Sachsen liegt, liegt Jena in Thüringen — die in der „Zeit“-Reportage hergestellte Wiederholung von an Brücken aufgeknüpften Puppen in Sachsen passt also nicht so ganz. Im Kommentarbereich wiesen Leser die Redaktion auf den Fehler hin, worauf „Zeit Online“ reagierte. Nun steht am Ende des Artikels:

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes schien es so, als läge Jena in Sachsen. Es liegt aber in Thüringen. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion.

Das ist sehr vorbildlich. Bloß stimmt „Wir haben das online korrigiert“ nicht. Die Stelle im Text lautet nun nämlich:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Die Redaktion hat einfach „in Jena“ gestrichen, wodurch „in Sachsen“ allerdings nicht richtiger wird.

Völlig anderes Thema, aber geographisch genauso falsch: dieser Satz von Bild.de in einem Beitrag zum „längsten Langstreckenflug der Welt“:

Der Flug von Singapur nach New York, der bei guten Wetterbedingungen planmäßig 18 Stunden und 45 Minuten dauern soll, löst den bisher weitesten Langstreckenflug ab: Qatar Airways fliegt in 17 Stunden und 40 Minuten von Auckland in Australien nach Doha.

Auckland ist die größte Stadt Neuseelands und hat mit Australien nichts zu tun, selbst wenn CNN und Rapper das behaupten.

Mit dem Taschenrechner können „Bild“-Mitarbeiter mindestens genauso schlecht umgehen wie mit Google Maps. Zum Abschneiden der SPD bei den bayrischen Landtagswahlen verrechnete einer von ihnen:

Mit Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (50) verzeichnete die SPD ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Mehr als 50 Prozent der Stimmen haben die Sozialdemokraten verloren.

Nee. Bei der Bayernwahl 2013 bekam die SPD insgesamt 2.437.401 Stimmen. Bei der Wahl am Sonntag waren es laut vorläufigem Ergebnis 1.317.942, also 1.119.459 Stimmen weniger. Das sind nicht „mehr als 50 Prozent“ weniger, sondern 45,9 Prozent weniger.

Und zum Schluss noch ein Hinweis an „Bild“-Chefreporter Peter Hell, bevor er das nächste Mal ein Video bei Twitter per Retweet verbreitet …

Screenshot des Retweets von Peter Hell - Indonesia. Few Seconds before Tsunami when it hits

… das scheinbar den Tsunami in Indonesien Ende September dieses Jahres zeigt: Es handelt sich um Aufnahmen von 2011 aus Japan (ab Minute 1:26).

Mit Dank an Sebastian M., Joshua R., Sven W., Timo R. und Roland W. für die Hinweise!

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Rechte Verlage, Gemeinmacher, Brot- und Auflagenvermehrung

1. Trotz PR-Gag: Rechte Verlage floppen auf der Buchmesse
(jfda.de)
Rechte Verlage haben erneut versucht, die Frankfurter Buchmesse als Bühne für sich zu nutzen. Obwohl sie teilweise mit fragwürdigen PR-Gags operierten und einiges prominentes Personal auffuhren, sei dies wenig bis gar nicht gelungen. Was auch am professionalisierten Umgang der Messeleitung mit den rechtsradikalen Verlagen gelegen habe, wie das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus berichtet.
Weiterer Lesehinweis: Rechter Verleger verbreitet Fake News in eigener Sache (welt.de, Matthias Kamann).

2. Ermittlungen, nachdem „Unzensuriert“-User Florian Klenk drohten
(derstandard.at, Fabian Schmid)
Der Chefredakteur des österreichischen „Falter“, Florian Klenk, wurde massiv von Nutzern der Plattform Unzensuriert.at bedroht. Klenk veröffentlichte die Drohungen in Sozialen Medien, woraufhin sich die Polizei bei ihm meldete. Klenk auf Facebook: „Ein großes Kompliment der Landespolizeidirektion Wien. Sie reagiert demonstrativ schnell im Fall „unzensuriert.at“. Heute schon um 14 Uhr habe ich meine Zeugeneinvernahme wegen gefährlicher Drohung.“

3. Welche Rolle spielt die Regierung?
(deutschlandfunk.de, Iris Rohmann)
Ein Jahr ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia Opfer einer Autobombe wurde. Mittlerweile sitzen die mutmaßlichen Täter in Haft, aber die Suche nach den Hintermännern gestaltet sich schwierig. Zumal die maltesische Regierung ein falsches Spiel spiele, wie ihr von Journalisten vorgeworfen wird.
Lesenswert in diesem Zusammenhang das „taz“-Interview mit dem EU-Parlamentarier Sven Giegold: „Es fehlt das politische Interesse“.

4. Kann das weg?
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Um die Meinungsvielfalt im deutschen Privatfernsehen zu garantieren, wurden einst die sogenannten Drittsendezeiten eingeführt. Bekannteste Sendereihe: Alexander Kluges Talkformat „10 vor 11“ mit Interviews mit Künstlern, Schriftstellern, Regisseuren und Forschern, das es in 30 Jahren auf mehr als 1500 Ausgaben gebracht hatte, bevor es im Juni eingestellt wurde. Wie steht es heutzutage um die Drittsendeplätze? Benedikt Frank hat sich mit der Fernbedienung auf Spurensuche begeben.

5. Wie sich Hanns-Joachim Friedrichs mal mit einer Sache gemein machte
(stefan-fries.com)
Selten sind Worte so missverstanden und aus dem Zusammenhang gerissen worden wie die des legendären „Tagesthemen“-Moderators Hanns Joachim Friedrichs, man solle sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen, auch keiner guten. Stefan Fries hat einen kritischen Song von Udo Jürgens aus dem Jahr 1988 ausgegraben, in dem Friedrichs eine Art Intro spricht und sich damit durchaus die Kritik des Songs zu eigen macht.

6. Luftnummer 1
(noemix.wordpress.com, Michael Nöhrig)
Michael Nöhrig über die wundersame Auflagenvermehrung von Österreichs viel gedruckter, aber wenig gelesener Kostenlos-Tageszeitung: „Ein Bäcker backt täglich neun Brote, obwohl seine Kunden täglich nur sieben kaufen. Daraufhin backt er täglich zehn Brote, aber seine Kunden kaufen täglich nur mehr sechs. Also prahlt der Bäcker vor seinen Kunden: »Als Bäcker bin ich die neue NUMMER 1, denn keiner backt täglich soviel unverkäufliche Brote wie ich!«“

Medienmäzen Google, Ausgespext, Lokalzeitungen als Klauopfer

1. Wie Google zum Medien-Mäzen wurde
(republik.ch, Adrienne Fichter)
Wenn die Kritik der Schweizer Verlage an Google leiser geworden ist, könnte das an den Millionen liegen, die ihnen der Suchmaschinenkonzern überweist. Die „Republik“-Recherche in Zusammenarbeit mit Netzpolitik.org schlüsselt die Zahlungen auf und zeigt, wie intransparent die privaten Deals zwischen Google und den Schweizer Medien laufen.

2. Das Internet, es scheint an allem Schuld zu sein
(sueddeutsche.de, Jan Kedves)
Die Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“ wird nach 38 Jahren eingestellt. Damit verschwindet nach „Groove“ ein weiteres prägendes Musikmagazin. Gründe sind der Auflagen- und Anzeigenschwund, und das hat wiederum mit dem Internet zu tun. Jan Kedves blickt von außen aufs Ganze, kennt aber auch die Innenansicht: Er hat einige Jahre in den Redaktionen von „Groove“ und „Spex“ gearbeitet, unter anderem als Chefredakteur.
Weiterer Lesehinweis: Auf Spex.de verabschiedet sich der aktuelle Chefredakteur Daniel Gerhardt von Lesern und Leserinnen.
Und die „taz“ hat einige Stimmen zum Ende des Berliner Musikmagazins eingeholt: Krach, bum! Spex kaputt (Julian Weber & Tim Caspar Boehme).

3. Brinkbäumer geht ganz
(taz.de, Frederik Schindler)
Der „Spiegel“-Verlag und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer haben sich geeinigt: Brinkbäumer wird das Nachrichtenmagazin im März 2019 verlassen und nicht, wie von manchen vermutet, als Korrespondent weiterschreiben. Als Grund für das Zerwürfnis wurden im August unterschiedliche Auffassungen über die Zusammenführung der Print- und Onlineredaktionen genannt. Ihm sei zudem der Auflagenverlust des Magazins angelastet worden. Brinkbäumer hatte sich im Rahmen der Auseinandersetzung von den Medienrechtsanwälten Christian Schertz und Simon Bergmann vertreten lassen, die immer wieder auch gegen Berichterstattungen des „Spiegels“ vorgehen, so jüngst im Fall Ronaldo.

4. Alles nur geklaut?
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio, 4:55 Minuten)
Zu den Grundlagen des journalistischen Handwerks gehört es, Quellen korrekt zu zitieren und zu nennen. Doch ausgerechnet Medien tun sich damit manchmal schwer. So werden Lokalzeitungen häufig nicht genannt, wenn überregionale Redaktionen deren Recherchen übernehmen. Dem „Mindener Tageblatt“ erging es so bei einer Geschichte über Alltagsrassismus in Deutschland.

5. Der dänische Rundfunk im Würgegriff
(de.ejo-online.eu, Henrik Kaufholz)
Der dänische Rundfunk sieht schweren Zeiten entgegen: Er wird zukünftig nicht mehr aus Gebühren, sondern aus Steuermitteln finanziert. Und muss in den nächsten fünf Jahren 20 Prozent seines Budgets einsparen. Einen „Generalangriff auf die freie Meinungsbildung“ nennt dies der dänische Journalist Henrik Kaufholz.

6. Sigi Maurer startet Crowdfunding-Kampagne gegen Hass im Netz
(futurezone.at)
Die österreichische Ex-Grüne Sigi Maurer hatte sich öffentlich gegen obszöne Drohnachrichten zur Wehr gesetzt. In der Folge war sie von einem Gericht wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe und Entschädigung verurteilt worden. Dagegen will Maurer juristisch vorgehen und hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Insgesamt wollen Maurer und der Verein Zara 100.000 Euro einsammeln, um damit die Prozesskosten ihres Falles zu finanzieren sowie Klägerinnen in anderen Fällen Geld zur Verfügung stellen zu können. Am ersten Tag sind bereits mehr als 50.000 Euro zusammengekommen.

Framing, „Musenalp“, Schubsbilanz

1. Alle reden über Framing – so funktioniert es
(spiegel.de, Elisabeth Wehling)
Die Wissenschaftlerin Elisabeth Wehling ist durch ihre Ausführungen zum politischen Framing bekannt geworden. In einem Gastbeitrag für „Spiegel Online“ beschäftigt sie sich mit einer sprachlichen Falle, wenn es um Alltagssexismus und sexuelle Gewalt geht: Der „sexualisierten Gewalt“. Der Begriff sei faktisch irreführend und nehme unseren Gehirnen die Chance auf Empathie und moralische Entrüstung.

2. Himmelhoch
(sueddeutsche.de, Burkhard Riedel)
Ältere werden sich vielleicht noch an den „Musenalp-Express“ erinnern, eine kostenlos verteilte schweizerische Jugendzeitschrift. 1988 war dem Blattmacher ein sensationeller Coup gelungen: Das „Musenalp“-Magazin lag kostenlos in 17.500 bundesdeutschen Postfilialen aus, in der stolzen Auflage von einer Million Exemplare. Der ehemalige „Musenalp“-Mitarbeiter Burkhard Riedel erzählt vom Aufstieg und Fall des einzigartigen Projekts.

3. Alles Werbung? Ja, nein, vielleicht
(taz.de, Juliane Fiegler)
Instagram ist ein Ort, der sich gut für Schleichwerbung eignet. Dementsprechend aufmerksam beobachten Wettbewerbshüter und andere das Treiben der Influencer und mahnen bei Verstößen ab. Ob sie dabei über das Ziel hinausschießen, muss nun ein Gericht entscheiden: Das Model Fiona Erdmann wehrt sich gegen eine der Abmahnungen. Sie hatte ihren Fotografen verlinkt, was ihr als Werbung ausgelegt wurde.

4. Wann merken die letzten deutschen Medien endlich …
(twitter.com/martinhoffmann)
Mit Blick auf ein Sharepic des „Deutschlandfunks“ fragt Martin Hoffmann bei Twitter: „Wann merken die letzten deutschen Medien endlich, dass es manchmal einfach keinen Sinn macht, Zitate auf Fotos zu klatschen und auf Facebook zu posten? Dass sie damit — im Gegenteil — nur die Arbeit von Populisten machen?“

5. Warum es «Vice» in der Schweiz wahrscheinlich nicht mehr schafft
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Nachdem die österreichische „Vice“-Redaktion vor einigen Wochen ihren Abschied erklärte, hat nun der Schweizer Redaktionsleiter Sebastian Sele gekündigt. Wie lassen sich diese Auflösungserscheinungen erklären? Benjamin von Wyl hat selbst für die Schweizer „Vice“ gearbeitet und bringt Licht ins Dunkel.

6. Tagesfazit und Schubsbilanz
(twitter.com/anettselle)
Die Reporterin Anett Selle hat es im Zusammenhang mit ihren Livestreams aus dem Hambacher Forst zu einiger Berühmtheit gebracht und ihrem Auftraggeber, der „taz“, einige neue Abonnenten beschert. Anlässlich der gestrigen Bayernwahl hat Selle aus München berichtet. Sie schließt den Tag mit einer Zusammenfassung und ihrer persönlichen „Schubsbilanz“ (ab Minute vier).

„Nichts anderes als übelste Propaganda“

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, twitterte vorgestern zur anstehenden Landtagswahl in Bayern das hier:

Screenshot eines Tweets von Robert Habeck - Sonntag wählt Bayern. Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern. Eine Alleinherrschaft wird beendet. Demokratie atmet wieder auf. Damit das möglich wird, geht zur Wahl und wählt mit beiden Stimmen Grüne Bayern!

Das ist ziemlicher Unfug. Der Satz „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern“ ist schlicht falsch. Die absoluten Mehrheiten der CSU waren immer durch Wahlen demokratisch legitimiert.

Habecks Aussage störte auch „Bild“-Chef Julian Reichelt:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Die Grünen beenden den Wahlkampf in Bayern mit einer gefährlichen Botschaft, die nichts anderes ist als übelste Propaganda: Es gäbe keine Demokratie in Bayern, sondern Alleinherrschaft. Wer so über frei gewählte Demokraten spricht, kriminalisiert sie und ihre Wähler.

Ihm missfiel offenbar beides: Habecks Behauptung, es gäbe keine Demokratie in Bayern, und der Begriff „Alleinherrschaft“ — jedenfalls zitiert er ihn extra noch einmal.

Schaut man mal bei Bild.de nach, wofür Reichelt ja verantwortlich ist, findet man einen recht aktuellen Artikel, in dem etwas über eine „Alleinherrschaft“ der CSU in Bayern stand:

Screenshot Bild.de - Bei der Landtagswahl 2008 musste die CSU dann nicht nur einen dramatischen Absturz von 60,7 auf 43,4 Prozent verkraften, sondern auch, was für sie noch schlimmer war, den Verlust der jahrzehntelangen Alleinherrschaft.

Sicher, es gibt einen Unterschied zwischen Habecks Aussage zur „Alleinherrschaft“, die er in den Zusammenhang mit einer vermeintlich fehlenden Demokratie bringt, und der Aussage zur „Alleinherrschaft“ von Bild.de, die erstmal nur die absolute Mehrheit der CSU überspitzt umschreibt. Und dennoch: In der „Bild“-Redaktion hielten sie es offenbar mal nicht für „übelste Propaganda“, von einer CSU-„Alleinherrschaft“ zu sprechen.

Robert Habeck hat bereits gestern eingeräumt, dass sein Tweet „einer zu viel“ gewesen sei. Das Vorgehen der Bild.de-Mitarbeiter steht im Kontrast zu dieser transparenten Reaktion des Politikers: Sie haben — nachdem mehrere Personen Julian Reichelt auf den „Alleinherrschaft“-Artikel hingewiesen haben — einmal mehr klammheimlich gehandelt. In ihrem Text steht nun, ohne weiteren Hinweis:

Screenshot Bild.de - Bei der Landtagswahl 2008 musste die CSU dann nicht nur einen dramatischen Absturz von 60,7 auf 43,4 Prozent verkraften, sondern auch, was für sie noch schlimmer war, den Verlust der jahrzehntelangen alleinigen Regierung.

Sollte es den Leuten bei Bild.de wirklich wichtig sein, dass bei ihnen nicht von einer „Alleinherrschaft“ der CSU die Rede ist, dann können sie gern auch noch mal hier

Screenshot Bild.de - In den Umfragen liegt die CSU aktuell bei 36 Prozent: Adé Alleinherrschaft!

… und hier aufräumen:

Screenshot Bild.de - Dem CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten ist die Rückeroberung der CSU-Alleinherrschaft spektakulär gelungen.

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BILDblog-Klassiker

Aus Lustprinzip gegen Klaus Wowereit

Die „Welt am Sonntag“ veröffentlichte heute ein Interview, das ihr stellvertretender Chefredakteur Ulf Poschardt mit Klaus Wowereit geführt hat. Das Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin ist in der Printausgabe mit „Klientelpflege ist nichts Schlechtes“ überschrieben — nicht gerade ein eye catcher für um Aufmerksamkeit buhlende Internetseiten.

Aber zum Glück ergab sich ja folgender Dialog:

Welt am Sonntag: Viele Beobachter glauben, Sie haben die Lust an Ihrem Job verloren.

Wowereit: Wenn das so wäre, könnte ich morgens nicht ins Büro gehen. Das geht nur, wenn man wirklich Lust auf diesen Job hat.

Und so mussten die Kollegen von „Welt Online“ nur noch ein wenig an der Logik-Schraube drehen und hatten endlich eine knallige Überschrift:

Berlins Regierender Bürgermeister: Wowereit geht nur ins Büro, wenn er Lust dazu hat

Mit Dank an Alfons S., Horst-Schantalle, Ulf S. und Johannes K.

Nachtrag, 17 Uhr: „Welt Online“ hat die Überschrift zu „Haben Sie die Lust an Ihrem Job verloren?“ geändert.

WM-Maskottchen Fuleco verarscht

Mensch, diese Fifa schon wieder. Kaum steht die Fußball-WM vor der Tür, leistet sie sich die nächste „Blamage“ (Welt.de). Einen „peinlichen Fehlgriff“ (stern.de). Einen „Fauxpas“ (oe24.at). Eine „unnötige“ (mopo.de) und „verheerende“ („RP Online“) „Panne“.

Es geht um den Namen des Maskottchens. „Fuleco“ heißt das Vieh Gürteltier, wie seit November 2012 bekannt ist. In einer mehrmonatigen Abstimmung hatten zuvor fast zwei Millionen Brasilianer über den Namen abgestimmt. „Fuleco“ setzte sich als klarer Sieger gegen die beiden anderen Vorschläge durch. Laut offizieller Fifa-Erklärung ist das Wort „eine Verschmelzung von ‚futebol‘ (Fussball) und ‚ecologia“ (Umweltschutz)“.

Die „Welt“ weiß es aber besser:

Außerdem – und das mag die Fifa nicht gewusst haben – existiert das Wort „Fuleco“ in der brasilianischen Umgangssprache bereits und heißt nichts anderes als … Arsch. Tja, nun ist es raus.

Fifa-Blamage - Das Maskottchen der Fußball-WM 2014 heißt "Arsch"

Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen:
Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(mopo.de)

Kugelgürteltier "Fuleco" - Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(stern.de)

Fauxpas - Peinlich! WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(oe24.at)

WM 2014 - Peinliche Panne: WM-Maskottchen Fuleco heißt „Arsch“
(tt.com)

Fußball / WM 2014 - WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(sport1.de)

Fussball-WM 2014 - Maskottchen „Fuleco“ – der „Arsch“
(shz.de)

Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(express.de)

Peinliche Panne in Brasilien - "Arsch" ist das Aushängeschild der Fußball–WM
(„RP Online“)

Peinliche FIFA-Panne - Brasiliens WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(n24.de)

Wir machen es kurz: Das ist alles Unsinn. „Fuleco“ heißt nicht „Arsch“. Bis vor Kurzem existierte das Wort im Sprachgebrauch nicht einmal.

Der Journalist Dietmar Lang, der seit zehn Jahren in Brasilien lebt und laut eigenen Angaben weder im beruflichen noch im privaten Umfeld „jemals nur im entferntesten“ gehört hat, „dass der Name ‚Fuleco‘ negativ besetzt ist oder sein könnte“, hat das in einem Blogeintrag ausführlich erläutert. Ein anderer Journalist aus Brasilien hat uns unabhängig davon das Gleiche geschildert: Das Wort bedeute keineswegs „Arsch“ und tauche — wenn überhaupt — erst seit der Vorstellung des Maskottchens hin und wieder auf.

Auch in den Kommentaren bei Welt.de regte sich gleich Widerspruch:meine Frau ist Brasilianerin, sie meinte das stimmt nicht, Fuleco bedeutet gar nichts, ist kein Wort aus Brasilien...und sie muss es ja wissen... Als Brasilianerin finde ich äußerst peinlich, dass ein solcher Text ohne Recherche veröffentlicht wird. Fuleco existierte bis 2012 nicht in unserer Sprache, damit meine ich auch die Umgangssprache. Ich bin Brasilianer und kenne das Wort "Fuleco" nicht. Falls es "Arsch" bedeuten sollte, muss es regional sein, denn viele von uns kennen es nicht.

Wie kommt die „Welt“-Autorin also darauf, dass die Vokabel „im Brasilianischen schon besetzt“ war (ergo: peinliche Blamage für die Fifa)? Eine Quelle für diese Behauptung gibt sie nicht an.

Vielleicht hat dieser Eintrag in einem portugiesischen „Urban Dictionary“ etwas damit zu tun. Dort ist nämlich in der Tat zu lesen, „Fuleco“ bedeute „Arsch“. Doch der Eintrag wurde exakt an dem Tag veröffentlicht, an dem auch die Namenswahl verkündet wurde. Dietmar Lang schreibt:

Ein schlechter Scherz, ein Hoax, den im Land des fünffachen Weltmeisters keiner ernst genommen hat – zumal auf besagter Seite weitere 53 zweifelhafte Definitionen nachzulesen sind. Auch die brasilianischen Medien haben eine mögliche Zweideutigkeit nie aufgegriffen.

Inzwischen sind auch einige deutschen Medien nicht mehr ganz so überzeugt von dem, was sie zuvor noch munter nachgeplappert hatten. Die „Huffington Post“ hat unter ihrem Artikel einen Nachtrag veröffentlicht, in dem sie mit Verweis auf Langs Blogeintrag einräumt, dass „Fuleco“ „offenbar doch nicht ‚Arsch'“ bedeute. Bei Bild.de haben sie ihren ursprünglichen Artikel („Au, Backe! WM-Maskottchen heißt ‚A….'“) lieber gleich ganz gelöscht. In einem neuen Artikel („Wirbel um Namen von WM-Maskottchen“) stellen sie nun fest, dass „ziemlich viel Verwirrung“ geherrscht habe, freilich ohne zu erwähnen, dass auch sie ziemlich viel verwirrt waren.

Die „Welt“-Autorin wehrt sich jedoch gegen die Kritik und beharrt weiterhin auf ihrer Version:

Das Wort „Fuleco“ hatte schon zu Zeiten der afrikanischen Sklaven in Brasilien eine Bedeutung. Weil sie das R zwischen Vokalen nur schwer aussprechen konnten, sprachen sie es wie L (s.g. lambdacismo). Deshalb wurde aus dem Wort Furo (Loch) das gesprochene Wort Fulo. Das Suffix „eco“ wird in der brasilianisch/portugiesischen Sprache auch als Verkleinerungsform genutzt. Aus Fulo + eco wurde Fuleco, um „kleines Loch“ zu sagen. Das war mir als Erklärung in der Kolumne aber zu viel des Guten, weswegen ich es nur wie im veröffentlichten Text beschrieben habe.

Sie fügt noch eine Textstelle auf Portugiesisch als „Quelle“ an, die aber lediglich erklärt, warum aus „furo“ „fulo“ wurde („Lambdazismus“). Alle anderen Behauptungen belegt sie nicht.

Und selbst wenn die Geschichte stimmt: Wie aus dem „kleinen Loch“ der „Arsch“ und letztlich die große „Fifa-Blamage“ wurde, hat sie damit immer noch nicht erklärt.

Mit Dank an Marcelo S.

„Ich mache nur die Fotos – alles andere ist Sache der Redaktionen“

Am Sonntagnachmittag ist vor dem Hamburger Hauptbahnhof ein Mann niedergestochen worden. Er starb wenig später an seinen Verletzungen. Der Täter wurde kurz nach der Attacke in der Nähe des Hauptbahnhofs festgenommen.

Zufällig war auch ein freier Fotograf vor Ort, der einige der Szenen mit seiner Kamera festhielt. Veröffentlicht wurden seine Fotos am Dienstag in der „Bild“-Bundesausgabe, der „Bild Hamburg“ und bei Bild.de.

So sah die gedruckte Version (blatthoch auf Seite 3 der Bundesausgabe) aus:

Die Beschreibung des großen Aufmacherfotos lautet:

Das blutüberströmte Opfer sitzt am Boden, die Klinge steckt in seinem Bauch. Direkt hinter ihm: der Messerstecher (blaue Jacke). Geschockte Passanten beobachten die Szene, darunter auch Kinder.

Und zu sehen ist — genau das. Die Augenpartie des sterbenden Mannes ist unkenntlich gemacht worden (in der Online-Version auch die Messerklinge in seinem Bauch), alles andere aber nicht. Im Text erfährt der Leser im Grunde nur, dass ein Mann niedergestochen, der Täter festgenommen und ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen wurde.

Selbst für „Bild“-Verhältnisse ist das eine außerordentlich drastische Darstellung von Brutalität und Leid; entsprechend viele Leser empörten sich darüber bei uns oder in den sozialen Medien.

Wir wollten wissen, wie es zu den Fotos gekommen ist und wie sie in der „Bild“-Zeitung gelandet sind — darum haben wir dem Fotografen ein paar Fragen gestellt.

Er erklärte uns, er arbeite neben der Schule als freier Fotograf und sei an jenem Tag mit einem Kollegen auf dem Weg zur S-Bahn gewesen, als sie eine kurdische Demo entdeckten. Aus journalistischer Neugier seien sie

dort hingegangen, und ich habe angefangen, mit meiner Kamera, die ich fast immer bei mir habe, zu fotografieren.

Plötzlich gab es einen Tumult hinter der Demo, viele bewegten sich dorthin. Für mich war der Grund nicht sofort erkennbar, und so bewegte ich mich ebenfalls aber schnell dort hin. Das erste, was ich wahrnahm, war ein Mann, der offenbar verletzt auf dem Boden zusammensackte. Intuitiv hab ich dann angefangen zu fotografieren, da ich vermutete, dass das Ganze mit der Demo zu tun hatte, vielleicht eine heftigere Schlägerei nach einer Meinungsverschiedenheit, was bei Demos ja durchaus mal vorkommen kann.

Die Menschen drumherum waren sehr erregt, und ich habe weiterfotografiert, bis ich das Messer im Bauch des Mannes entdeckte. Meiner Erinnerung nach war ich kurz geschockt, dann kamen ziemlich schnell die ersten Beamten der DB-Sicherheit, drängten die Passanten weg, und auch die Bundespolizei tauchte auf, während sich die ersten Passanten bereits um den Verletzten kümmerten. Ich habe dann noch weitere herbeigeeilte Beamte der Bundespolizei und DB-Sicherheit beobachtet, wie diese die Passanten hektisch nach dem Täter fragten, und, als sie in Richtung St. Georg liefen, bin ich ihnen gefolgt und habe auch die Festnahme fotografiert und dokumentiert.

Trotz all der Schrecklichkeit dieses Ereignisses und der Anteilnahme, die ich hiermit ausdrücklich allen Beteiligten und Angehörigen ausspreche, war es für mich Teil meiner journalistischen Arbeit. So abartig das in dem Zusammenhang klingt. Fotografen dokumentieren das, was geschieht. Dass im Kontext einer Demonstration ein Mensch attackiert wird (auch wenn wir mittlerweile wissen, dass es nichts mit der Demonstration zu tun hatte), ist definitiv bedeutsam und ist es wert, dokumentiert zu werden. Ähnliche Bilder entstanden vieltausendfach in anderen Konflikten — seien sie militärischer oder ziviler Natur gewesen — und dokumentieren Zeitgeschehen, auch wenn man sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung vielleicht noch nicht so eingeschätzt hat.

Ich bin eigentlich sogar sehr froh darüber, dass ich dank der Demo bereits im „Arbeitsmodus“ war und das ganze nicht als Privatperson wahrgenommen habe, weil es für mich eine wichtige Distanz bedeutet, die mich im Nachhinein persönlich auch sehr geschützt hat, wie übrigens bei einigen anderen Ereignissen, die ich schon dokumentiert habe, auch.

Das heißt nicht, dass ich als Mensch keine Emotionen habe oder kein Mitgefühl. Ich bin trotzdem der gleiche Mensch wie vorher, nur um ein paar Erfahrungen reicher. Leider gibt es viele Menschen, die voreilig Schlüsse über mich als Privatperson ziehen, anhand der Bilder, die während meiner Arbeit und aus der Distanz heraus entstanden sind. Viele Berufe, die mit menschlich schweren Schicksalen umgehen müssen, brauchen diese professionelle Distanz: Ärzte, Sanitäter etc., also auch Journalisten.

Und wie sind die Fotos in der „Bild“-Zeitung gelandet?

Der Fotograf erklärte:

Die BILD ist in Hamburg immer noch eine der großen Abnehmer, und ich habe die Fotos, wie bei freien Fotografen üblich, den Medien angeboten. Nicht nur und einzig der BILD, aber zu allem Weiteren werde ich professionelles Stillschweigen bewahren, da ich auch in Zukunft noch als Fotograf arbeiten möchte, auch wenn ich natürlich weiterhin und situationsabhängig selbst entscheide, wer, wie und wo meine Fotos nutzt oder nutzen und verbreiten darf. Vielleicht werde ich in Zukunft anders handeln bei der Verbreitung meiner Bilder. Meine persönliche Meinung, zu welchem Medium auch immer, versuche ich übrigens in solchen Momenten professionell zurückzuhalten.

Wir wollten wissen, ob er es in Ordnung findet, das Foto des sterbenden Mannes (so) zu zeigen, darauf schrieb er:

Was ich persönlich ganz und gar nicht in Ordnung finde, ist, dass Passanten, Beteiligte (also auch der Täter) und vor allem auch Kinder so deutlich erkennbar dargestellt und veröffentlicht werden! Allerdings möchte ich nochmal klarstellen, das ich einzig und allein für die Entstehung und das zur Verfügung stellen der Fotos verantwortlich bin. Alles andere ist Sache der jeweiligen Redaktion! Es ist gängige Praxis, dass Fotografen ihre Bilder relativ unbearbeitet und unverändert zur Verfügung stellen und die jeweilige Redaktion diese dann den journalistischen und ethischen Gesetzen und Grundsätzen entsprechend veröffentlicht.

Die Reaktionen, die er auf die Fotos bekommen habe, seien „großteils relativ sachlich“ gewesen, doch er habe den Eindruck,

dass viele Personen sich wenig bis gar nicht mit der Arbeit eines Fotojournalisten auskennen, die Situation vor Ort und mich persönlich natürlich noch weniger, und trotzdem ihre Schlüsse auf mich ziehen oder Entscheidungen mich betreffend fällen.

Sein „persönliches Fazit“:

Durch viele zusammenhängende Zufälle habe ich, in dem Moment aus professioneller Distanz, ein schreckliches Ereigniss dokumentiert und diese bildliche Dokumentation verkauft. Diese wurde dann verbreitet. Inwieweit ich Verantwortung für die Art der Verbreitung trage und sie beeinflussen kann (es geht hier um das Unkenntlichmachen von Beteiligten), möchte und kann ich nicht an dieser Stelle klären, für mich selbst werde ich es aber zu gegebener Zeit auf jeden Fall tun, um vor allem für mich und meine Zukunft daraus zu lernen!

Sein „berufliches Fazit“:

Theoretisch hätte die Verbreitung der Bilder ein wenig anders laufen können (!), praktisch ist genau das geschehen, was die Arbeit eines Fotojournalisten bewirken soll: Im besten Fall lösen die Bilder Emotionen bei den Betrachtern aus und stoßen so eine wichtige Diskussion an. Zum Schluss würde ich mir wünschen, dass sich diese Diskussion nun mehr um das eigentliche, schreckliche Geschehen dreht, als um einen Fotografen, der eigentlich nur seine Aufgabe erfüllt hat!

PS: Unseres Erachtens verstoßen „Bild“ und Bild.de mit den Artikeln gegen Ziffer 11 („Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“) und gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) des Pressekodex, darum haben wir Beschwerde beim Presserat eingereicht.

Nachtrag: Der Presserat sieht es auch so und hat „Bild“ und Bild.de öffentlich gerügt.

Halbgares über die Herdprämie

Der schnellste und sicherste Weg, einen möglichst fehlerhaften Text zu bekommen, ist, einen Bild.de-Mitarbeiter mit Statistiken jonglieren und anschließend alles aufschreiben zu lassen. Zum Beispiel zum Thema Betreuungsgeld.

Momentan entscheidet das Bundesverfassungsgericht, ob die monatlichen Zahlungen von 150 Euro für Kinder zwischen dem 15. und 36. Lebensmonat mit der Verfassung vereinbar sind.

Aber welche Eltern haben bisher eigentlich vom Betreuungsgeld profitiert?

… fragt Bild.de.

Das Statistische Bundesamt hat nun aktuelle Daten dazu veröffentlicht.

Na, dann mal ran ans Durcheinanderbringen an die Daten!

Nur in Bremen und Berlin war der Anteil der Väter, die die Prämie beantragt haben, mit knapp 11 und 8 Prozent recht groß. Am niedrigsten lag die Väter-Quote in Bayern (3,2 %), Thüringen (3,4 %) und Baden-Württemberg (3,6 %).

Das stimmt schon mal fast. Man müsste bloß die „knapp 11“ und die „8 Prozent“ für Bremen und Berlin jeweils durch 9,1 Prozent ersetzen, statt der „3,2 %“ für Bayern 3,1 Prozent schreiben und anstelle der „3,4 %“ für Thüringen 3,6 Prozent nehmen. Steht so auch alles in der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts (PDF):

Aber weiter im Bild.de-Text:

Die Bezugsdauer ist in den Bundesländern im Osten mit durchschnittlich 13,7 Monaten viel kürzer als in den westlichen Bundesländern mit im Schnitt 19,6 Monaten.

Auch fast richtig. Nur dass die durchschnittliche voraussichtliche Bezugsdauer „in den Bundesländern im Osten“ (einschließlich Berlin) 14,4 Monate beträgt und die „in den westlichen Bundesländern“ 19,9:

Weiter:

Etwa jedes zweite Kind (51 %), für das Betreuungsgeld bezogen wird, ist derzeit ein Einzelkind.

Und wieder ein Volltreffer — also im Sinne von voll daneben. Denn nicht 51, sondern 49,5 Prozent aller Kinder, für die Betreuungsgeld gezahlt wird, sind Einzelkinder:

Und irgendwas mit Ausländern gibt’s doch sicher auch noch:

15 Prozent der Bezieher des Betreuungsgeldes besaßen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft.

Um es kurz zu machen: Es sind 16,6 Prozent:

Wie Bild.de auf all die wirren Zahlen kommt, wissen wir auch nicht*. Sie haben — entgegen der Behauptung im Artikel — jedenfalls nichts mit der aktuellsten Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts zu tun, das hat uns eine Mitarbeiterin dort auf Nachfrage bestätigt.

Aber das hindert die Leute von Bild.de natürlich nicht, den Artikel so zu überschreiben:

Joar.

Mit Dank an Christof D. und Joachim L.

*Nachtrag, 26. April: Inzwischen wissen wir, wie das Zahlen-Durcheinander zum Betreuungsgeld entstanden sein dürfte. Bild.de hat nämlich drauf gepfiffen, dass das Statistische Bundesamt „nun aktuelle Daten dazu veröffentlicht“ hat, und stattdessen die Zahlen aus dem zweiten Quartal 2014 (Stand: August 2014, PDF) verwurstet.

Lob im Tarnanzug

Seit Anfang des Monats läuft die Youtube-Serie „Die Rekruten“, mit der die Bundeswehr versucht, junge Leute für sich und die Grundausbildung zu begeistern. Und das scheint ganz gut zu klappen — jedenfalls hat der zugehörige Kanal inzwischen mehr als 200.000 Abonnenten, einzelne Videos wurden bereits hunderttausendfach angeschaut. Ob sich die Youtube-Nutzer alle direkt bei der Bundeswehr bewerben, ist freilich eine andere Sache.

Und auch von Seiten der Medien gibt es positive Rückmeldungen. Also, von zwei Medien zumindest. Die hat die Bundeswehr jedenfalls auf ihre „Rekruten“-Webseite gestellt:

„Bild am Sonntag“ — geschenkt.
Aber die „ARD“?

Es gibt dieses Zitat („Geheimnis, Spannung, Abenteuer“) tatsächlich. Der Text, in dem man es nach kurzer Suche findet, ist im Blog des „ARD“-Hauptstadtstudios erschienen:

Interessanter als die drei Schlagworte, die die Bundeswehr als Lobpreisung daraus übernommen hat, ist allerdings das, was danach kommt:

Geheimnis, Spannung, Abenteuer — das ist der Sound der neuen Reality-Doku „Die Rekruten“. Wie der Vorspann einer angesagten amerikanischen Serie. Dabei geht es um etwas, was eigentlich so spannend gar nicht klingt: die Grundausbildung bei der Bundeswehr.

Und etwas weiter hinten im Beitrag heißt es:

Betten machen, früh aufstehen, Ausrüstung schleppen — natürlich wirkt das angesichts der knalligen Aufarbeitung in den Filmchen deutlich spannender als es in Wahrheit ist.

Und noch mal etwas weiter hinten:

Die Bundeswehr hat sich diese Reality-Doku übrigens einiges kosten lassen, nämlich 1,7 Millionen Euro. Dafür gab es schon Kritik.

Von all dem ist auf der Seite der Bundeswehr nichts zu lesen. Sie reißt ein paar Schlagworte aus dem Zusammenhang, wirft so den Tarnanzug über einen durchaus kritischen Beitrag des „ARD“-Hauptstadtstudio-Blogs und schmückt sich mit dem Endprodukt.

Mit Dank an Ole für den Hinweis!

WAZ, waz.de  

Den bot zum Gärtner machen

Wirklich sicher sind wir auch nicht, was Donald Trump meinte, als er gestern in einer Rede im US-Bundesstaat Florida sagte: „You look at what happened last night in Sweden“. Mit irgendeinem Vorfall in Schweden wollte Trump seinen Zuhörern klarmachen, wie wichtig seine verschärften Einwanderungsgesetze seien, und wie schnell unkontrollierte Einwanderung zu Terroranschlägen führen könne. Nur: In Schweden ist „last night“ nichts Dramatisches passiert, das im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik des Landes steht.

Es gibt die Vermutung, dass der US-Präsident Schweden mit dem pakistanischen Sehwan verwechselt haben könnte, wo es tatsächlich gerade erst einen Selbstmordanschlag mit vielen Toten gab.

Wir haben aber noch eine andere Theorie, wie Donald Trump auf die Schreckensmeldung aus Schweden gekommen sein könnte: Zwischen zwei Hasstiraden gegen die US-Medien hat er sich einmal durch Twitter geklickt und ist auf den Account der „WAZ“ gestoßen.

Dort steht seit gestern morgen:

Und auch wenn man dem Link folgt und nur die Überschrift des Artikels liest, denkt man noch, es sei in irgendeinem schwedischen Supermarkt etwas Schlimmes passiert:

Wir können Sie aber beruhigen: Es gab kein „Geiseldrama im schwedischen Supermarkt“, also nicht in echt. Samstagabend lief im „ZDF“ bloß ein neuer Krimi mit Walter Sittler. Der spielt in Schweden. Und in der Folge von gestern gab es auch eine Geiselnahme im Supermarkt. Das ist alles.

Was erstmal nach ganz dämlichem Clickbaiting aussieht, dürfte an der Automatisierung der „WAZ“-Twitterei liegen. Denn die Redaktion aus Essen schreibt ihre Tweets in der Regel nicht selbst — ein Auto-Twitterer („(bot)“) übernimmt die Arbeit. Und der greift sich immer nur die Überschrift eines Artikels und schickt diese dann samt Link an die 213.000 Follower.

So wirkt ein Filmplot dann schnell wie eine ernste Nachricht. Und landet in einer Rede von Donald Trump. Oder auch nicht.

Mit Dank an @Amoebication für den Hinweis!

Nachtrag, 20. Februar: Vielleicht lagen wir mit unserer „WAZ“-Twitter-Theorie doch daneben. Donald Trump hat sich inzwischen dazu geäußert, was er mit „You look at what happened last night in Sweden“ meinte — er schreibt, er habe sich dabei auf eine Sendung von „Fox News“ bezogen.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!