Wie aus dem „Pegida“-Handbuch, Bombenticker, Bushido fliegt raus

1. „Eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Wie erst kürzlich bekannt wurde (siehe dazu auch unsere „6 vor 9“ von gestern), stellt der MDR die Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Uwe Steimle ein. „Ich wurde entfernt, das ist eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades!“, habe Steimle der Website „Tag24“ gesagt. Ein Satz wie aus dem kleinen „Pegida“-Handbuch des Wutbürgers, denn natürlich verbietet keiner Steimle, seiner Tätigkeit nachzugehen. Nur der MDR will nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten.

2. Follower kaufen: Wir haben unseren Bürohund zum Influencer gemacht
(vice.com, Sebastian Meineck & Theresa Locker)
Die „Vice“-Redaktion hat ein Experiment angestellt: Wie kann man Bürohund Henri zum (Fake-)Influencer auf Instagram machen? Wie viel Zeit ist dafür nötig, wie lässt sich am besten schummeln, und wo bekommt man die meisten Follower für sein Geld? Das Ganze ist nicht nur ein lustiger Versuch, sondern sagt viel aus über die in großen Teilen manipulierte und künstliche Instagram-Welt.

3. „Investigative Geschichten sind überlebenswichtig“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Ulrike Bremm hat sich für den „Fachjournalist“ mit dem Chefredakteur des Medienmagazins „Wirtschaftsjournalist“, Wolfgang Messner, unterhalten. In dem Interview geht es unter anderem um das journalistische Anforderungsprofil, konkrete Tipps für junge Kolleginnen und Kollegen und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus im Allgemeinen. Messners Prognose für Deutschland: „Ein neues Wirtschaftsmagazin wird es zumindest im Printbereich nicht mehr geben. Aber wir werden im Internet viel neuen starken und kämpferischen Journalismus und auch Wirtschaftsjournalismus erleben.“

4. Bushido fliegt bei Youtube raus
(faz.net)
Auf Veranlassung der Medienanstalt von Hamburg und Schleswig-Holstein hat Youtube einige Bushido-Videos für deutsche Nutzerinnen und Nutzer gesperrt. Hintergrund: Bushidos Album „Sonny Black“ stehe in Deutschland wegen Frauen- und Schwulenfeindlichkeit sowie Gewaltverherrlichung auf dem Index. Dies sei erstmals 2015 festgestellt und Ende Oktober 2019 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden.

5. Bombenticker hinter Paywall: LVZ-Chefredakteur reagiert auf Shitstorm
(flurfunk-dresden.de, Peter Stawowy)
Da mit Werbung im Internet immer weniger Geld zu verdienen ist, stellen viele Medien Paywalls auf, so auch die „Leipziger Volkszeitung“ („LVZ“). Dafür wird auch jeder Verständnis haben, doch wie sieht es bei lebenswichtigen Informationen für die Allgemeinheit aus? Sollten diese Informationen frei zugänglich sein? Über diese Fragen wurde und wird heftig gestritten. Der konkrete Anlass: Ein „LVZ“-Liveticker zu einer Bombenentschärfung im Leipziger Norden, der nur mit kostenpflichtigem Abonnement zu lesen war.

6. Nichts war erfolgreicher als „Die Zerstörung der CDU“
(spiegel.de)
Zum Ende des Jahres veröffentlichen viele große Plattformen ihre Jahrescharts. Bei Youtube Deutschland wird die Hitliste erwartungsgemäß von Rezo und seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ angeführt. Neun der Top-Ten-Videos hierzulande kämen laut Youtube aus Deutschland oder hätten einen lokalen Bezug.

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Bis sich die Balken biegen (9)

Um zu zeigen, dass das alles ganz schrecklich werden dürfte mit dem designierten neuen SPD-Führungsduo, präsentiert Welt.de:

Screenshot Welt.de - Wirtschaft - Norbert Walter-Borjans - Die bisherige Schulden-Bilanz des künftigen SPD-Chefs

Norbert Walter-Borjans war von 2010 bis 2017 Finanzminister in Nordrhein-Westfalen. Diese Zeit hat sich „Chefökonomin“ Dorothea Siems noch einmal genauer angeschaut. Und zu einer richtigen „Schulden-Bilanz“ gehört natürlich auch eine ordentliche Grafik. Et voilà:

Screenshot Welt.de - Hoffnungslos überschuldet - dazu eine Grafik laut der der Schuldenstand Nordrhein-Westfalens Ende 2015 etwa 35 Billionen Euro betrug
(Draufklicken für größere Version.)

Nun wäre da erstmal die Frage, warum Welt.de eine Grafik mit „Stand: 31. Dezember 2015“ wählt. Walter-Borjans war bis Ende Juni 2017 Finanzminister in Nordrhein-Westfalen. Warum nimmt die Redaktion also nicht den Schuldenstand, den er der Folgeregierung hinterlassen hat? Vielleicht weil dieser etwas niedriger war als jener Ende 2015? Oder vielleicht einfach nur weil diese Grafik schon fertig in irgendeinem Archiv lag, und bei Welt.de niemand Lust hatte, eine neue zu bauen?

Dann wäre da noch die Frage, warum Welt.de den „Schuldenstand nach Ländern inkl. Gemeinden“ wählt und nicht nur den der Länder, wenn Walter-Borjans Finanzminister auf Landesebene war.

Vor allem aber wäre da die Frage, wie Welt.de auf diese Zahlen und diese Skalen kommt. Wenn Nordrhein-Westfalen am 31. Dezember 2015 einen Schuldenstand in Höhe von etwa 35.000 Milliarden Euro — also in Höhe von etwa 35 Billionen Euro — gehabt haben soll, dann wäre das Bundesland zu diesem Zeitpunkt weitaus höher verschuldet gewesen als die USA.

Tatsächlich betrug der Schuldenstand des Landes inklusive der Gemeinden und Gemeindeverbände Ende 2015 240,1 Milliarden Euro (PDF, Seite 30). Am 31. März 2019 waren es 230,4 Milliarden Euro — was man übrigens auch bei Welt.de nachlesen konnte.

Die „Schulden je Einwohner“, die laut „Welt“-Grafik im Fall von Nordrhein-Westfalen bei knapp unter 100 Euro liegen sollen, sind in Wirklichkeit hingegen um ein Vielfaches höher: Sie lagen laut Statistischem Bundesamt am 31. Dezember 2015 bei 13.576 Euro, Ende 2018 waren es 12.251 Euro.

Mit Dank an Sven B. für den Hinweis!

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Gabor Steingarts Importgeschäft: falsches Futter für Islamhasser

Mit einem Schiff und regelmäßigen Bootstouren durch das Berliner Regierungsviertel will Herausgeber Gabor Steingart den deutschen Journalismus retten. Für den Anfang wäre es aber schon hilfreich, wenn er sich Statistiken, über die er schreibt, vorher auch mal anschauen würde.

„Focus Online“ hat einen Gastbeitrag von Steingart zur „Partnerschaftsgewalt“ veröffentlicht:

Screenshot Focus Online - Gastbeitrag von Gabor Steingart - Frauenrechtlerin kritisiert: Haben Gewaltbereitschaft gegen Frauen importiert

Und schon Steingarts erster Satz ist falsch:

Das Bundesfamilienministerium hat erst kürzlich die jährliche Studie zur Partnerschaftsgewalt vorgelegt.

Die „jährliche Studie zur Partnerschaftsgewalt“ wird nicht vom Bundesfamilienministerium vorgelegt. Zwar hat Familienministerin Franziska Giffey die Statistik vor wenigen Tagen anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen herangezogen, um auf das Problem aufmerksam zu machen — erstellt und herausgegeben (PDF) wird sie aber vom Bundeskriminalamt (BKA).

Steingart schreibt zu den Zahlen:

Ein Drittel der männlichen Täter besitzt keine deutsche Staatsangehörigkeit, was bei einem Ausländeranteil von zwölf Prozent in Deutschland ein überproportionaler Anteil ausländischer Täter wäre.

Das ist erstens unpräzise, denn in den BKA-Zahlen geht es immer um Tatverdächtige und nicht um Täter. Und zweitens ist es ein krummer Vergleich: Steingart setzt den Anteil männlicher Tatverdächtiger in Relation zum gesamten Ausländeranteil in Deutschland, zu dem dann auch Frauen und Kleinkinder zählen. Hinzu kommt, dass das BKA stets darauf hinweist, dass ein solcher Vergleich zwischen Tatverdächtigen und Wohnbevölkerung auf Grundlage seiner Zahlen gar nicht möglich sei. In der aktuellen Ausgabe der Polizeilichen Kriminalstatistik (PDF) etwa schreibt die Behörde zu den „Bewertungsproblemen“ bei „nichtdeutschen Tatverdächtigen“:

Ein Vergleich der tatsächlichen Kriminalitätsbelastung der nichtdeutschen Wohnbevölkerung mit der deutschen ist schon wegen des Dunkelfeldes der nicht ermittelten Tatverdächtigen in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht möglich. Ferner enthält die Bevölkerungsstatistik keine Angaben zu bestimmten Ausländergruppen wie vor allem Personen ohne Aufenthaltserlaubnis, Touristinnen und Touristen, Durchreisende, Besucherinnen und Besucher, Grenzpendlerinnen und Grenzpendler und Stationierungsstreitkräfte, die jedoch in der Kriminalstatistik als Tatverdächtige mitgezählt werden. Die Volkszählungen von 1979 und von 2011 haben gezeigt, dass auch die Daten der gemeldeten ausländischen Wohnbevölkerung (fortgeschriebene Bevölkerungsstatistik) sehr unzuverlässig sind.

Die Kriminalitätsbelastung der Deutschen und Nichtdeutschen ist zudem aufgrund der unterschiedlichen strukturellen Zusammensetzung (Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur) nicht vergleichbar. Die sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind im Vergleich zur deutschen Bevölkerung im Durchschnitt jünger und häufiger männlichen Geschlechts. Sie leben eher in Großstädten, gehören zu einem größeren Anteil unteren Einkommens- und Bildungsschichten an und sind häufiger arbeitslos. Dies alles führt zu einem höheren Risiko, delinquent und damit als Tatverdächtige polizeiauffällig zu werden.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass nicht-deutsche Tatverdächtige in den BKA-Zahlen zur „Partnerschaftsgewalt“ überrepräsentiert sind. Man kann es aber nicht so simpel belegen, wie Gabor Steingart es versucht.

Aber der eigentliche Punkt, um den es Steingart geht, ist ja sowieso ein anderer: Flüchtlinge. Dazu zitiert er „die in Istanbul geborene Publizistin und Frauenrechtlerin Necla Kelek“, die zuvor in Steingarts Podcast „Morning Briefing“ zu Gast war:

Mit den Flüchtlingsströmen habe man Gewaltbereitschaft „importiert“, so Kelek.

Steingart nennt zwei „Schlussfolgerungen“ Keleks. Erstens:

„Unsere Gesellschaft muss begreifen: Der Islam ist nicht einfach eine spirituelle Religion, gleichgesetzt mit der katholischen oder evangelischen Kirche, sondern der Islam kann als ein Gesellschaftssystem gelebt werden. Das müssen wir unbedingt verhindern.“

Und zweitens:

„Warum steigen die Zahlen seit 2015, seitdem wir eine sehr, sehr große Gruppe geflüchteter Menschen, beispielsweise aus dem Orient und aus Nordafrika haben. Diese Zusammenhänge werden überhaupt nicht hergestellt.“

Schaut man sich die BKA-Statistiken etwas genauer an, sieht man, dass es ziemlich tendenziöses Geraune ist, das Kelek da von sich gibt und Steingart weiterträgt.

Von den 117.473 Tatverdächtigen, die das BKA für 2018 nennt, sind 38.714 nicht-deutsche. Die zehn am stärksten vertretenen Nationalitäten unter diesen nicht-deutschen Tatverdächtigen sind:

  • Türkei (6694 Tatverdächtige)
  • Polen (3042)
  • Syrien (2759)
  • Rumänien (1909)
  • Italien (1624)
  • Afghanistan (1563)
  • Serbien (1500)
  • Irak (1228)
  • Kosovo (1165)
  • Bulgarien (1163)

Die Polen, Rumänen, Italiener, Serben und Bulgaren dürften mehrheitlich keine Muslime sein, die den Islam „als ein Gesellschaftssystem“ leben. Die Türken dürften mehrheitlich nicht zu der „sehr, sehr großen Gruppe geflüchteter Menschen“ zählen, die „seit 2015“ nach Deutschland gekommen ist. Dass Kelek auch die Geflüchteten aus Nordafrika erwähnt, zeigt, dass sie keinen blassen Schimmer hat, was in der BKA-Statistik steht. Lediglich Marokko taucht darin mit 643 Tatverdächtigen auf. Die Länder Nordafrikas spielen in der Statistik zur „Partnerschaftsgewalt“ also so gut wie keine Rolle.

Bleiben noch die Syrer, Afghanen und Iraker. Von ihnen gibt es tatsächlich mehr Tatverdächtige bei der „Partnerschaftsgewalt“ als 2015 — was nach dem Zuzug von vergleichsweise vielen Syrern, Afghanen und Irakern auch keine ganz große Überraschung ist. Und dennoch: Mit 5550 Tatverdächtigen machen sie gerade mal 4,7 Prozent aller 117.473 Tatverdächtigen aus. Das reicht Gabor Steingart, um Panik zu verbreiten: Wir Deutschen hätten mit den „Flüchtlingsströmen“ die Gewaltbereitschaft gegen Frauen importiert — als wäre das nicht seit Jahrzehnten auch ein urdeutsches Produkt.

Auch ganz allgemein und unabhängig von Nationalitäten taugt die BKA-Statistik übrigens nicht, um einen Anstieg bei der „Partnerschaftsgewalt“ durch „Flüchtlingsströme“ „seit 2015“ zu belegen. Das BKA hat die Statistik erstmals für das Berichtsjahr 2015 herausgegeben. Für einen Zeitraum davor existiert keine derart detaillierte Auswertung, mit der man aktuelle Zahlen vergleichen könnte.* Seit der ersten Ausgabe hat sich die Zahl der Tatverdächtigen zwar kontinuierlich erhöht (2015: 108.363, 2016: 113.080, 2017: 116.318, 2018: 117.473), allerdings nur um wenige Prozent. Das könnte laut Familienministerin Franziska Giffey auch an der gestiegenen Bereitschaft, Anzeige zu erstatten, liegen. Und es dürfte auch damit zu tun haben, dass das BKA ab 2017 zusätzlich die Deliktsbereiche Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution in die Statistik aufgenommen hat. Die Behörde schreibt zwar nicht, wie viele Tatverdächtige dadurch 2017 und 2018 hinzugekommen sind. Aber bei den Opfern sind es 6898 von insgesamt 138.893 Personen (2017) beziehungsweise 6817 von insgesamt 140.755 Personen (2018).

Der fehlerhafte, krumme und tendenziöse Gastbeitrag von Gabor Steignart hat in den Sozialen Netzwerken eine beachtliche Runde gedreht. Besonders gut kam er bei AfD-Ortsverbänden, „Pegida“-Anhängern und FPÖ-Politikern an.

  • Ebenfalls zum Thema: Elisabeth Raether und Michael Schlegel haben für die „Zeit“ in einer besonderen Rechercheleistung alle 122 Fälle aus dem Jahr 2018, in denen Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht wurden, dokumentiert: Von ihren Männern getötet.

Mit Dank an @wilke_tobias für den Hinweis!

*Nachtrag, 16:54 Uhr: In seiner ersten Statistik zur „Partnerschaftsgewalt“ aus dem Jahr 2015 (PDF) hat das BKA immerhin Zahlen aus den Jahren 2012, 2013 und 2014 genannt, allerdings nur zu den Opfern und nicht zu den Tatverdächtigen. Aber auch die besitzen ja eine Aussagekraft: 2012 waren es 120.758 Opfer, 2013 stieg die Zahl auf 121.778 und 2014 noch einmal auf 126.230. 2018 waren es, wie bereits geschrieben, 140.755 Opfer. Das heißt, dass seit 2014 — also dem Zeitpunkt, zu dem laut Necla Kelek noch nicht „eine sehr, sehr große Gruppe geflüchteter Menschen“ nach Deutschland gekommen war — die Zahl der Opfer um 11,5 Prozent gestiegen ist. Allerdings hat das BKA, wie ebenfalls weiter oben bereits beschrieben, in der Zwischenzeit auch neue Deliktsbereiche in die Statistik aufgenommen. Rechnet man diese für 2018 heraus, ergibt sich bei den Opfern eine Steigerung von 6,1 Prozent seit 2014.

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MDR trennt sich von Steimle, Löscht den Mist, Post-Relotius-Reporterpreis

1. Mitteldeutscher Rundfunk trennt sich von Uwe Steimle
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) trennt sich von seinem Kabarettisten, „Heimatforscher“ und „Störenfried“ Uwe Steimle. Dieser war die vergangenen Jahre immer wieder durch fragwürdige Äußerungen aufgefallen und hatte zudem die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frage gestellt. In seinem Kommentar kritisiert Joachim Huber auch den MDR und fragt, warum der Sender Steimles Treiben so lange tatenlos zugesehen habe: „Offensichtlich verstand sich die ARD-Anstalt bei Uwe Steimle als Besserungsanstalt und den Programmauftrag als Erziehungsauftrag. Das ist schiefgegangen, genährt wurde Steimles Opferhaltung, aktuell befördert wird die gängige Haltung, man dürfe seine Meinung in diesem Land nicht mehr sagen.“
Weiterer Lesehinweis: Auf „Übermedien“ wurde die Causa Steimle schon Mitte vergangenen Jahres thematisiert: Uwe Steimle und das verspätete Ende der Akzeptanz beim MDR (uebermedien.de, Philipp Greigenstein). 
Und auch bei „Zapp“ waren Steimle und dessen fremdenfeindliche Geschichten bereits Thema: Grenzen der Satire? Der MDR und Uwe Steimle (ndr.de, Nadja Mitzkat, Video: 6:09 Minuten).

2. Auf in die nächste Dekade!
(detektor.fm, Christian Bollert)
Lange bevor der Podcast-Hype einsetzte, war bereits der Sender detektor.fm mit seinem starken Fokus auf Podcasts am Start. Nun feiert das detektor-Team sein zehnjähriges Bestehen mit einer Renovierung der Website und neuen Produktionen. Außerdem wurde das Redaktionsteam um zwei erfahrene Köpfe erweitert.

3. Der Post-Relotius-Reporterpreis
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 4:17 Minuten)
Samira El Ouassil hat einen Blick auf die mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichneten Texte geworfen und ist im Großen und Ganzen zufrieden: „Diese und die anderen Gewinnertexte klingen in ihrer Schnörkellosigkeit geradezu wie Gegenentwürfe zu den prämierten Texten der Vorjahre. Sie machen genau die Fehler nicht, die zu Beginn des Jahres moniert wurden — aber das Wichtigste: kein Text klingt so als sei er nur geschrieben worden, um einen Reporterpreis zu gewinnen.“

4. Springer-Chef als Zeuge geladen
(taz.de, Kersten Augustin & Yossi Bartal)
Israels Generalstaatsanwalt hat Anklage gegen Premierminister Benjamin Netanjahu erhoben. Einer der Vorwürfe: Korruption. In der 63-seitigen Anklageschrift taucht auch der Axel-Springer-Verlag auf. Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner soll sogar als Zeuge nach Israel geladen werden. Kersten Augustin und Yossi Bartal erklären den verwickelten, aber spannenden Wirtschaftskrimi.

5. Rücken „Berliner Morgenpost“ und „Tagesspiegel“ zusammen?
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der Berliner Zeitungsmarkt kommt nicht zur Ruhe. Nach DuMonts Verkauf des Berliner Verlags samt „Berliner Zeitung“ an das Ehepaar Friedrich, stehen jetzt eventuell neue Veränderungen an. Es wird spekuliert, ob die „Berliner Morgenpost“ (Funke-Gruppe) und der „Tagesspiegel“ (Holtzbrinck) enger zusammenrücken.

6. Tiktok, tiktok, die Uhr ist abgelaufen. Löscht den Mist.
(t3n.de, Enno Park)
Nachdem bekannt wurde, dass die Social-Video-App TikTok Content von Menschen mit Behinderung in der Sichtbarkeit reduziert beziehungsweise versteckt, ist für Enno Park endgültig Schluss mit der App: „In dunklen Zeiten wurden behinderte Menschen schamvoll von ihren Familien versteckt. Noch heute verbannt die Gesellschaft sie in versteckte Pflegeeinrichtungen und Werkstätten am Stadtrand. Und nun werden sie auch in der schönen neuen Tiktok-Welt aussortiert und unsichtbar gemacht. Da bleibt als Fazit nur: Tiktok ist menschenfeindlicher Dreck. Löscht eure Accounts, werft die App von euren Telefonen und erklärt euren Kindern, was Tiktok macht.“
Weiterer Lesehinweis: Warum TikTok im Azubimarketing und Recruiting tabu sein sollte (personalmarketing2null.de, Henner Knabenreich).

Bild  

Ungefragt im Briefkasten

Wie wir heute erfahren haben, will der Axel-Springer-Verlag morgen wieder Millionen von Haushalten ungefragt eine Gratis-„Bild“ einwerfen.

In der Sonderausgabe zu Nikolaus machen Friede Springer und Uschi Glas Werbung für die umstrittene „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“, Harald Glööckler (der sich offenbar wieder mit „Bild“ vertragen hat) gibt Einblicke in sein „opulent geschmücktes Haus“, und Harry Wijnvoord trinkt Glühwein.

Wer darauf verzichten will, kann zum Beispiel dem Rat von Ralph Ruthe folgen:

Tweet von Ralph Ruthe: "Einfach diesen Sticker am Briefkasten befestigen und Ruhe haben: [Auf dem Aufkleber sagt eine Schmeißfliege: "Ich rieche Scheiße. Aber ich möchte sie nicht." Darunter steht: "Hier bitte keine BILD einwerfen!"]

PS: BILDblog wird morgen übrigens wie üblich für sieben Milliarden Menschen produziert, die frei entscheiden können, ob sie uns lesen wollen. Wir sind weiterhin jeden Tag kostenlos, freuen uns aber über finanzielle Unterstützung.

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Die schaurige Theorie der Ermittler, die die Ermittler nicht bestätigen

Bei „Bild“ und Bild.de gibt es zu Mordfällen nicht einfach irgendwelche Details aus Ermittlungsakten, sondern …

Screenshot Bild.de - Die schaurigen Details aus der Ermittlungsakte - Überführt eine Wohnungs-Anzeige Peggys Mörder?
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Der Artikel zum Fall der 2001 verschwundenen, damals neunjährigen Peggy, deren unvollständiges Skelett erst 2016 in einem Wald gefunden wurde, befindet sich hinter der „Bild plus“-Paywall. Die Redaktion versucht, potenzielle Abonnentinnen und Abonnenten mit diesem Versprechen dahinter zu locken:

Erfahren Sie außerdem weitere Details aus den Ermittlungsakten und welche Theorie die Soko Peggy beschäftigt.

Zum Beispiel:

Doch die Ermittlungen laufen weiter, der Fokus liegt vor al­lem auf der Suche nach mög­lichen Trophäen — und den fehlenden Knochen ab dem 12. Brustwirbel abwärts. Die Theorie der Ermittler ist schaurig: Die Leiche könnte zur Vertuschung eines Sexu­aldeliktes zerteilt worden sein.

Und was sagen die Ermittler zu ihrer angeblichen „Theorie“?

Für offizielle Stellungnahmen zu dem Fall ist die Staatsanwaltschaft Bayreuth und dort der Leitende Oberstaatsanwalt Martin Dippold zuständig. Auf unsere Anfrage sagt er: „Die Aussage kommt nicht aus unserem Haus.“

Bliebe noch die Polizei. Der Journalist Thorsten Gütling hat für den Bayerischen Rundfunk beim zuständigen Polizeipräsidium Oberfranken nachgefragt. Von dort heiße es, dass „man bezweifle, dass die Bild-Zeitung über neue Erkenntnisse verfüge.“ Also auch von der Polizei keine Bestätigung.

Wir haben auch bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, woher die Informationen stammen und welche „Ermittler“ genau gemeint sind. Senft antwortete uns, die Redaktion äußere sich grundsätzlich nicht zu Quellen und Recherchen.

Mit Dank an @KaiSteger und Justus F. für die Hinweise!

Narrativ der Kulturverdrängung, Falsch gekachelt, Aufkleber

1. Narrativ der Desinformation: Migration verdrängt deutsche Traditionen
(correctiv.org, Cristina Helberg)
Seit Jahren erzählen rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker, Blogger und Websites immer dasselbe Märchen von den bösen Andersgläubigen, die uns angeblich unserer christlichen Traditionen berauben. Es ist das „Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz“. Cristina Helberg zählt einige Beispiele auf und hat zum Schluss eine schöne Pointe aus dem „AfD-Werbemittelshop“ parat.

2. Was ist Rundfunk?
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Der veraltete Rundfunkstaatsvertrag mit seinem Fokus auf die traditionellen Medien soll demnächst durch einen Medienstaatsvertrag ersetzt werden, der auch die neuen Medien im Visier hat. Benedikt Frank erklärt in einer Art FAQ, was das für Produzenten und Publikum bedeutet.

3. Mit Unwahrheiten für die „Wahrheit“ kämpfen: Die falschen Zahlen der AfD
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die AfD provozierte unlängst mit einem „Aussteigerprogramm für Mainstreamjournalisten“. Beworben wurde die Aktion unter anderem mit einer Social-Media-Kachel mit vermeintlichen Zuschauer- und Marktanteilen. Stefan Niggemeier hat nachgerechnet und befindet: Es sei „schwer, die vielen verschiedenen Ebenen von Falschheit, die sich hier aufs Falscheste miteinander verbinden, überhaupt zu würdigen.“

4. Fast alle Schweizer Medien liefern freiwillig Daten an Facebook
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl & Matthias Eberl)
Ungeachtet der vielen Kontroversen lassen fast alle Schweizer Medienunternehmen ihre Leser und Leserinnen von Facebook tracken, so die Beobachtung von Benjamin von Wyl und Matthias Eberl. Das ist besonders interessant im Zusammenhang mit der sogenannten Login-Allianz einiger Schweizer Medien, denn: „Ein konsequentes Abschirmen gegen Facebook wäre das beste Argument für die Registrierung bei der Login-Allianz gewesen.“

5. Phoenix: Anti-Rassismus-Aufkleber waren „unangebracht“
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Als Phoenix am vergangenen Wochenende vom AfD-Bundesparteitag berichtete, kam eine Gerätebox eines Dienstleisters zum Einsatz, die mit politischen Parolen und Anti-Rassismus-Sprüchen beklebt war. Die Leitung des technischen Dienstleisters habe sich im Nachhinein davon distanziert, weil damit die gebotene Neutralität verletzt worden sei. Auch Phoenix nahm dazu Stellung: Private Meinungsäußerungen seien an einem professionellen Fernseh-Set „unangebracht“ und „sollten unterbleiben“.

6. Spotify-Charts: Post Malone ist der Streamingkönig des Jahres
(rnd.de)
Zum Ende des Jahres verrät Streaminganbieter Spotify, was 2019 weltweit am meisten gehört wurde. Auf den ersten fünf Plätzen liegen der US-Rapper Post Malone (mehr als 6,5 Milliarden Streams), die Newcomerin Billie Eilish sowie Ariana Grande, Ed Sheeran und Bad Bunny. In Deutschland führt Capital Bra die Charts an. Bemerkenswert ist die Hitliste der weltweit am meisten gehörten Spotify-Podcasts. Dort stehen gleich zwei deutsche Produktionen in den Top 5: „Gemischtes Hack“ von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht sowie „Fest & Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Apokalyptische Writer, TikToks Obergrenze, Taub für falsche Töne

1. Apokalyptische Writer
(uebermedien.de, Samira El Ouassil)
Samira El Ouassil kommentiert auf „Übermedien“ den Weltuntergangs-Alarmismus vieler Medien angesichts des SPD-Mitgliederentscheids: „Der seltsam passiv-aggressive Sound der Stücke ist um keinen defätistischen Superlativ verlegen und klingt stellenweise, als sei man eingeschnappt darüber, dass die Wahl anders ausging, als vorhergesagt; kompensatorisch musste sie ins Katastropheske hinabgeschrieben werden.“ (Dass der Text nicht, wie vorgesehen, hinter die Paywall gepackt wurde, ist übrigens der Vergesslichkeit eines der „Übermedien“-Verantwortlichen zu verdanken.)

2. TikToks Obergrenze für Behinderungen
(netzpolitik.org, Chris Köver & Markus Reuter)
netzpolitik.org hat die Moderationsregeln des aus China stammenden Sozialen Videonetzwerks TikTok eingesehen und dabei allerlei besorgniserregende Besonderheiten festgestellt (Teil 1, Teil 2). Im aktuellen Beitrag geht es um den Umgang mit „Bildern von Subjekten, die hochgradig verwundbar für Cyberbullying sind“ wegen ihrer „physischen oder mentalen Verfassung“. Der Versuch, Mobbing zu bekämpfen, habe bei TikTok bedeutet, dass man Videos von Menschen mit Behinderungen, aber auch Videos von queeren und dicken Nutzern und Nutzerinnen weniger oft angezeigt beziehungsweise sie „versteckt“ habe.

3. „Wilde Kerle“, zahme Zahlen: Warum Sparer Kai Diekmanns „Zukunftsfonds“ links liegen lassen
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Mehr als 20 Milliarden Euro wollten Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und sein Geschäftspartner für ihren „Zukunftsfonds“ einsammeln. Nach zwei Jahren sind es gerade mal 12 Millionen geworden. Eines von Diekmanns weiteren Projekten ist das Online-Finanzmagazin „Zaster“, das unabhängig vom „Zukunftsfonds“ sein soll, es aber irgendwie doch nicht so ganz zu sein scheint.

4. Reporter entlassen
(buzzfeed.com/de, Pascale Müller)
Wie „BuzzFeed News“ berichtet, habe der Berliner „Tagesspiegel“ einem Reporter gekündigt, dem mehrere Frauen vorgeworfen hatten, sie bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt zu haben. Der Reporter soll über Jahre hinweg seine Stellung gegenüber Praktikantinnen, Volontärinnen und freien Journalistinnen ausgenutzt haben. Zum Hintergrund siehe auch: Ein Reporter des „Tagesspiegel“ soll Kolleginnen bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt haben (buzzfeed.com, Pascale Müller).

5. Wir fragen die Parteimitgliedschaft nicht ab.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre von „Planet Interview“ hat sich am Rand der ARD-Pressekonferenz mit dem ARD-Rundfunkratsvorsitzenden Lorenz Wolf unterhalten und ihn in bewährter Hartnäckigkeit dazu befragt, was es mit den Parteibüchern in den Rundfunkräten auf sich hat. Buhre hat dazu auch eine Liste erstellt (PDF), die zeigt, von welchen Mitgliedern des Rundfunkrats die Sender NDR und BR die Parteimitgliedschaft transparent machen und von welchen nicht.

6. Taub für die falschen Töne
(faz.net, Harald Staun)
„FAZ“-Redakteur Harald Staun hat sich die für den Reporterpreis nominierten Arbeiten angesehen, den ersten Reporterpreis der Post-Relotius-Ära. Staun will gar nicht glauben, „wie taub die Jury immer noch für die falschen Töne ist, die sich schon von Ferne anhören wie das Detailgeklingel, welches Claas Relotius so perfekt beherrschte, bis in die Satzmelodie hinein“. Mittlerweile wurde der Reporterpreis vergeben, unter anderem an den „lautesten Text dieses Jahres“.

Bestechungsvorwürfe, Job-Angst bei Springer, Kunst des Interviews

1. Bestechung beim Rundfunk Berlin-Brandenburg?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber & Kurt Sagatz)
Nach einem von „Bild“ thematisierten Bericht des Brandenburger Landesrechnungshofs soll es bei der Fernsehproduktionsgesellschaft Dokfilm Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Das Unternehmen, im Besitz von RBB und NDR, soll regelmäßig Redakteure öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Restaurants bewirtet und mit Geschenken bedacht haben. Der RBB habe Korruptionsvorwürfe gegen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgewiesen. Es handele sich zwar um teilweise erhebliche Abrechnungsmängel, die aus diesen Mängeln konstruierten Korruptionsvorwürfe seien jedoch abwegig.

2. Die Kunst des Interviews
(faz.net, Timo Frasch)
Die „FAZ“ veröffentlicht eine gekürzte Fassung der Einleitung zu Timo Fraschs Interviewband „Sie stellen mir Fragen, die ich mir nie gestellt habe“. Die Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil einem unter Umständen der naive Glaube genommen wird, ein veröffentlichtes Interview entspräche stets dem tatsächlichen Gesprächsverlauf: „Die Dramaturgie eines Gesprächs kann man nachträglich noch ganz gut gestalten — bestimmte Kniffe sollte man sich sogar für die Bearbeitungsphase aufheben. Eine provokante Frage zum Auftakt mag sich im gedruckten Interview gut machen, es empfiehlt sich aber nicht, im tatsächlichen Gespräch damit einzusteigen. Man will die Leute ja nicht gleich vor den Kopf stoßen.“

3. Ein Gespräch mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister
(medienkorrespondenz.de, René Martens)
René Martens hat sich mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt. Es geht unter anderem um die Krise des öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus. Hachmeisters ernüchterndes Fazit: „Was fehlt, sind Fachwissen, Souveränität, handwerkliche Fähigkeiten im Interview — wobei die Schwächen bei der ARD noch etwas stärker ausgeprägt sind als beim ZDF. Man würde sich da lieber irgendwelche Live-Kanäle ohne Kommentar anschauen, wo die Politiker direkt etwas in die Kamera sagen, als diesen Statisten, die Pseudo-Fragen stellen, noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Man hat das Gefühl, die Berichterstattung besteht zum einen aus Zahlensalat und zum anderen aus hilflosen Interviewern. An solchen Wahlabenden wird deutlich: Dem öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus würde nur ein härtestes Weiterbildungsprogramm weiterhelfen. Doch ich fürchte, im real existierenden System ist es dafür wohl zu spät.“

4. Axel Springer: Die „Bild“ vom Betriebsrat
(clap-club.de, Daniel Häuser)
„Clap“ („Das People-Magazin der Kommunikationsbranche“) veröffentlicht Fotos einer offenbar vom Axel-Springer-Betriebsrat initiierten Sonderausgabe der „Bild“-Zeitung, in der es um die „Job-Angst bei Springer“ und die bevorstehenden Umstrukturierungen geht. Der Betriebsrat wird darin mit den Worten zitiert: „Die Stimmung bei Springer war noch nie so schlecht.“

5. „Ey, Ihr verarscht uns“ – Interview mit Rezo aus dem Film „Die Notregierung“
(youtube.com, dbate, Video: 11:04 Minuten)
Heute Abend strahlt das Erste die Doku „Die Notregierung – Ungeliebte Koalition“ (SWR, NDR, RBB) von Autor Stephan Lamby aus. Auf Youtube gibt es bereits Auszüge daraus zu sehen, wie zum Beispiel das hier verlinkte Interview mit Rezo, der sich unter anderem zur oft unverständlichen Sprache von Politikerinnen und Politikern sowie deren Umgang mit den Medien äußert.

6. Sehnsucht nach Nähe
(taz.de, Martin Krauss)
Mit der Tennisspielerin Andrea Petkovic wechselt eine weitere Berufssportlerin in den Sportjournalismus: Petkovic führte am Sonntag erstmals als Moderatorin durch die „Sportreportage“ des ZDF. Martin Krauss kommentiert: „Es fällt bei den Sendeanstalten gar nicht mehr auf, dass große Kenntnis von einem Gegenstand, egal ob Sport oder Wirtschaft, nicht einhergehen muss (und im Journalismus nicht einhergehen darf) mit Abhängigkeit davon. Dass Andrea Petkovic viel vom Sport im Allgemeinen und noch mehr vom Tennis im Besonderen versteht, ist ja unstrittig. Aber ist jemand, dessen Karriere gerade ausklingt und der folglich noch Gegenstand der Berichterstattung ist, automatisch qualifiziert, die Seite zu wechseln?“

7. Mario Barth und die Heiligen Drei Burger-Könige
(uebermedien.de, Lorenz Meyer)
Als zusätzlicher Link, weil unter Mitwirkung des „6 vor 9“-Kurators: Auf „Übermedien“ gibt es einen Adventskalender mit 24 neuen Versionen der Weihnachtsgeschichte! Tag für Tag aus der wechselnden Sicht von bekannten Medienpersönlichkeiten. Gestern gab es einen fiktiven Auftritt von Mario Barth („Pass uff! Waaahre Jeschichte! Waaaahre Jeschichte!!! Kennste Kaiser Aujustus? Kennste??“). Heute twittert uns „heute Journal“-Moderator Claus Kleber die Weihnachtsgeschichte, bei der er live zugegen war. Für Kleber eine „Lifetime-Experience“ mit „goosebumps“.

Bei Prozentrechnung sollte Bild.de das geklaute Handtuch werfen

Es gibt Redaktionen, die haben so ihre Probleme damit, Studienergebnisse korrekt wiederzugeben, und mit der Prozentrechnung klappt es bei ihnen auch nicht so recht. Und es gibt …

Es gibt Hotelgäste, die der Meinung sind, dass alles, was in ihrem Zimmer ist, ihnen gehört. Und nach ihrer Abreise fehlen plötzlich Kissen, Kleiderbügel und anderes.

Manchmal finden die einen und die anderen zusammen:

Screenshot Bild.de - Studie - Raten Sie mal, was in Hotels am meisten geklaut wird!

Bild.de berichtet über die Ergebnisse einer Studie des Reiseportals „Wellness Heaven“, das bei 1157 Hoteliers unter anderem gefragt habe, „welche Gegenstände am häufigsten geklaut werden“. Die Auflösung im Artikel:

77,5 Prozent der gestohlenen Gegenstände sind Handtücher, gefolgt von Bademänteln (65,1 Prozent), Kleiderbügeln (49,3 Prozent), Stiften (39,1 Prozent), Besteck (33,6 Prozent) und Kosmetik (32,8 Prozent). Deutlich seltener landen zum Beispiel Kunstwerke (20,2 Prozent), Decken (15,6 Prozent) und Tablet-PCs (12 Prozent) im Koffer. Aber damit hört der Klau nicht auf: Auch Föhne, Kaffeemaschinen, Fernsehgeräte und Telefone werden mitgenommen, und mancher schleppt sogar seine Matratze aus dem Hotelzimmer!

Das ist erstens mathematisch völliger Murks, schließlich gäbe so 345,2 Prozent gestohlene Gegenstände (und da wären die Föhne, Kaffeemaschinen, Fernsehgeräte, Telefone und Matratzen noch nicht mal eingerechnet); und zweitens nicht das, wonach „Wellness Heaven“ gefragt hat. „Zur Methodik der Umfrage“ erklärt das Portal:

Die Multiple-Choice Antworten wurden randomisiert dargestellt, eine Mehrfachnennung war möglich.

Zum Beispiel „Handtücher“ in Abb. 1: 77,5% der befragten Hoteliers haben angegeben, dass Handtücher in ihrem Hotel gestohlen wurden.

Allerdings schafft es auch „Wellness Heaven“, das Ergebnis der eigenen Studie (anders) falsch zusammenzufassen:

Das Hauptergebnis der Studie: die erdrückende Mehrheit der Gäste klaut Handtücher und Bademäntel

Mit Dank an Julia und Aron für die Hinweise!

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BILDblog-Klassiker

Allgemein  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete „Bild“:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat „Bild“ im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin „Annelise Krauß“ ein „e“ vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in „Bild“. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‚Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche‘, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.“

Und das sei nun wirklich „Quatsch“, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von „Bild“ zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: „Das wäre ja auch idiotisch,“ sagt Krauß, „denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!“ Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut „Bild“ ja „aus Katzen Benzin machen“ kann):

„Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.“

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu „Bild“ gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn „der Herr Helfricht“, also einer der Autoren des „Bild“-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in „Bild“ stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass „Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)“, wie es in „Bild“ heißt, „aus Katzen Benzin machen“ könne: Denn dass die „Benzin“-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige „Bild“-Text selbst, weil darin nur von „Bio-Diesel“ oder „Diesel“ die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die „Welt“ im Januar 2005, die „Pirmasenser Zeitung“ im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

„Bild“ indes nennt Kochs Erfindung einen „Spezialreaktor“ und schreibt Sätze wie diesen:

„Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

Und fragt man einfach mal nach bei dem „Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann“ („Bild“), antwortet Christian Koch, der „Bild“-Bericht habe „nichts mit der Wahrheit zu tun“ und sei „zudem grenzenlos dumm“. Koch weiter:

„Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.“

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
„Bild“ hat die Sache mit der „Katzen-Kraft“ heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch „theoretisch auch aus Katzen“ Bio-Diesel herstellen „könnte“, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von „Bild“ aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen „Bild“-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz („Die Diskussion ist überflüssig“) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es „Bild“ offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen „Benzin“ (Überschrift) und „Diesel“ (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.