KW 32/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. “Ohne Block und Bleistift”: Stress im Journalismus
(djv-nrw.de, Sascha Fobbe, Audio: 42:39 Minuten)
“Viele von Euch kennen das nur zu gut: Man liegt nachts im Bett und grübelt über die drei Artikel oder den Beitrag nach, der bis morgen fertig sein muss. Dann ist da noch die Konferenz, die einem den Schlaf raubt. Dabei ist Journalismus doch eigentlich Euer Traumberuf – wenn da nicht immer dieser Stress wäre.” In der neusten Folge “Ohne Block und Bleistift”, dem Podcast des Deutschen Journalisten-Verbands NRW, unterhält sich Sascha Fobbe mit dem Psychologen und Journalisten René Träder über Stress im Journalismus.

2. Warum wollen Jugendreporter:innen lieber TikToks als Texte veröffentlichen, Hatice Kahraman?
(newsfluence.podigee.io, Eva-Maria Schmidt, Audio: 34:10 Minuten)
Beim “Horizont”-Podcast “Newsfluence” ist die Journalistin und Schriftstellerin Hatice Kahraman zu Gast. Kahraman ist seit Jugendtagen journalistisch engagiert und derzeit Redaktionsleiterin der “Correctiv”-Jugendredaktion “Salon5”: “Ein Hörtipp für alle Medienschaffenden, die jüngere Zielgruppen wie die GenZ erreichen, die eigenen Reihen diverser staffen und bei der Themenfindung über den Tellerrand blicken wollen.”

3. Schlachtfeld Twitter – User verlassen das Netzwerk
(sr.de, Katrin Aue & Michael Meyer, Audio: 18:43 Minuten)
Nach dem Tod der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr haben sich einige prominente Stimmen von Twitter abgewandt. Was bedeutet das alles für die Debattenkultur? Darüber sprechen Katrin Aue und Michael Meyer bei “Medien – Cross und Quer” mit Michael Blume, Twitter-User und Landesbeauftragter gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg.

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4. Eine Uni – ein Buch: Podiumsdiskussion “Hass in den Sozialen Medien”
(youtube.com, Stephanie Geißler, Audio: 1:24:34 Stunden)
Aufbauend auf dem Buch “Gegen den Hass” von Carolin Emcke gab es an der Universität Freiburg eine Diskussionsveranstaltung zum Thema “Hass in den Sozialen Medien”, seinen Vorläufern und Wegbereitern. Unter der Leitung von Stephanie Geißler (SWR) diskutierten Max Orlich (Uni Freiburg), Thomas Fricker (“Badische Zeitung”), Katja Espey (SWR) und Lukas Staier (Influencer/Youtuber).

5. Wie illustriert man Journalismus? – mit Christoph Niemann, Visual Storyteller
(omrmedia.podigee.io, Pia Frey, Audio: 1:02:59 Stunden)
Bei “OMR Media” ist der Künstler, Autor und Illustrator Christoph Niemann zu Gast, dessen Arbeiten regelmäßig auf den Covern des “New Yorker”, der “National Geographic” und des “New York Times Magazine” erscheinen. Im Gespräch geht es unter anderem um die Fragen, was Illustration für Niemann bedeutet, wie stark die Bildsprache im Journalismus sein kann beziehungsweise sein sollte, und welchen Wert Illustrationen bei Print- im Vergleich zu Digital-Veröffentlichungen haben.

6. Die Goldenen Blogger 2022
(wasmitmedien.de, Sebastian Pähler & Dennis Horn, 1:32:51 Stunden)
Am 4. April fand in Berlin die Verleihung der “Goldenen Blogger” statt, “Deutschlands ältestem und renommiertestem Social-Media- und Influencer-Award”. Was als Privatinitiative mit einer Webcam auf dem Bügelbrett begonnen hat, hat sich zu einer professionellen und aufwändigen Veranstaltung entwickelt. Im Rahmen des Sommer-Specials von “Was mit Medien” gibt es den Zusammenschnitt der Veranstaltung, kommentiert von Sebastian Pähler. Transparenzhinweis: Der “6-vor-9”-Kurator gehörte zu den Nominierten.

Schlesinger-Recherchen, Woelkis Strategie?, Jean-Jacques Sempé

1. Generalstaatsanwaltschaft Berlin übernimmt Ermittlungen im Fall Schlesinger
(rbb24.de)
In der Affäre um die zurückgetretene rbb-Intendantin Patricia Schlesinger hat die Generalstaatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen übernommen. Das habe die Behörde am Donnerstag gegenüber “rbb24 Recherche” bestätigt, der Investigativ-Redaktion des rbb. Die Übernahme durch den Generalstaatsanwalt passiere bei Fällen “von herausragender Bedeutung”, auf die man einen besonderen Fokus legen wolle.
Derweil habe ein hauseigenes Rechercheteam neue Informationen gesammelt, die einen Betrugsverdacht für ein als dienstlich abgerechnetes Essen nahelegen sollen.
In der “Berliner Zeitung” geht es um die Doppelstandards und die Entlassungskultur des Senders, von der die rund 1.500 “arbeitnehmerähnlich” beschäftigten freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen seien. So habe beispielsweise Wettermoderator Frank Abel erst über eine Pressemitteilung erfahren, dass es für ihn beim Sender nicht weitergehe.
In der “taz” erinnert Kolumnist Steffen Grimberg an die Idee, einen sogenannten Publikumsrat einzurichten.
Beim “Freitag” lenkt Wolfgang Michal den Blick auf einen bislang wenig beachteten Aspekt der Schlesinger-Affäre: “Wie konnte ein in Berlin engagierter Immobilienunternehmer, der zahlreiche einflussreiche Pöstchen in der Stadt bekleidet (nicht nur bei der Berliner Messe), Verwaltungsratsvorsitzender eines öffentlich-rechtlichen Senders werden? Warum überlässt dieser Sender die Planungen für sein neues ‘Medienhaus’ einem Immobilienunternehmer, ohne über mögliche Interessenkonflikte auch nur nachzudenken?”

2. Nach Live-Protest im TV: Russische Journalistin Owsjannikowa bis Oktober unter Hausarrest
(derstandard.at)
Die russische TV-Journalistin Marina Owsjannikowa hatte Mitte März während einer Livesendung eines kremltreuen Senders ein gegen den Angriff auf die Ukraine gerichtetes Protestplakat in die Kamera gehalten. Wegen Veröffentlichungen in Online-Netzwerken sei sie bereits zweimal wegen “Diskreditierung der Armee” zu Geldstrafen verurteilt worden. Nun sei sie unter Hausarrest gestellt worden. Ihr drohe eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.

3. Nicht falsch Zeugnis reden
(taz.de, Simone Schmollack)
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki stehe im Verdacht, Missbrauchsopfer und Medien für seine PR-Strategie instrumentalisiert zu haben, so Simone Schmollack in ihrem Kommentar in der “taz”: “So ist der Kölner Kardinal offenbar dem Rat einer Kommunikationsagentur gefolgt und hatte nicht nur versucht, den Betroffenenbeirat auf seine Seite zu ziehen, sondern auch einen Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in dessen Berichterstattung zu beeinflussen.”

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4. Das müssen Sie wissen …
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Sebastian Pertsch und Udo Stiehl werfen im Rahmen ihres Projekts “Floskelwolke” einen sprach- und medienkritischen Blick auf vielbenutzte Formulierungen. Diesmal nehmen sie sich die Eigenart von Journalisten und Journalistinnen vor, ihre Überschriften mit der Floskel “Das müssen Sie wissen …” anzureichern.

5. Deutscher Radiopreis 2022: Die ersten Finalisten stehen fest
(deutscher-radiopreis.de)
“Mit welchem Sender starten die Hörerinnen und Hörer am besten in den Tag? Welches Reporterteam hat die spannendste Geschichte recherchiert? Wo läuft die beste Comedy?” Über diese und weitere Hörfunkthemen geht es beim Deutschen Radiopreis, für den die ersten Nominierungen feststehen. Eine Jury hat sich durch fast 400 Wettbewerbsbeiträge gehört und ihre Favoriten für die Radiopreis-Gala am 8. September bekanntgegeben.

6. Der Zeichenzauber des Zauberzeichners
(faz.net, Andreas Platthaus)
Der Zeichner und Karikaturist Jean-Jacques Sempé ist gestorben. In seinem Nachruf blickt Andreas Platthaus auf das Leben und Schaffen Sempés zurück, der unter anderem den “kleinen Nick” erschuf und in Frankreich zum Liebling eines ganzen Landes geworden sei.

Schlesinger-Affäre und kein Ende, Problem TikTok, Fußball-Euphorie

1. Beispielhafte Aufarbeitung
(taz.de, Erik Peter)
Erik Peter lobt die Arbeit der rbb-“Abendschau”, die den Themenkomplex rund um die Causa Schlesinger beispielhaft aufarbeite und dabei nicht davor zurückschrecke, den eigenen Programmdirektor oder Mitglieder des Aufsichtsrats zu “grillen”. Tragisch sei, dass ausgerechnet diese rbb-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter die Folgen des Skandals spüren würden: “Sie werden angefeindet, verächtlich gemacht und immer öfter auch körperlich angegriffen. Dabei machen sie nur ihren Job. Zurzeit einen exzellenten.”
Weitere Lesetipps: Beim “Spiegel” spricht “Abendschau”-Moderatorin Sarah Oswald über die Rolle der Autorinnen und Autoren im Rechercheprozess sowie ihre eigene Herangehensweise beim Interview mit dem Programmdirektor: “Mir war aber klar, dass ich mit der gleichen Haltung rangehen muss wie bei einem Politiker.” Beim “Tagesspiegel” berichtet Markus Ehrenberg, was die Personalvertretungen des rbb fordern.” Bei “Kress” kann man von einer Personalversammlung lesen, bei der es anscheinend hoch her ging. Dagmar Bednarek vom ver.di-Senderverband wird dort mit den Worten zitiert: “Ich habe selten ein Forum erlebt, das so wütend, erschüttert, bestürzt, sauer, fassungslos war wie heute” (kress.de, Marc Bartl).
Derweil tauchen neue Vorwürfe gegen die ehemalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger auf. Der “Spiegel” fragt: “Welchen dienstlichen Anlass hatte eine dreitägige Reise zu einem glamourösen britischen Charity-Event?” Währenddessen werde im Hintergrund darüber gestritten, ob Schlesinger die von ihr ins Spiel gebrachte Abfindung zustehe.

2. Warum TikTok so interessant ist – und trotzdem ein Problem
(spiegel.de, Sascha Lobo)
“Zwischen spektakulärer, generationenprägender Qualität der Inhalte und radikal-dystopischem, weltweitem Überwachungsinstrument – in keiner digitalen Anwendung lagen gleißendes Licht und gefährlicher Schatten bisher so nah beieinander wie bei TikTok”, schreibt Sascha Lobo in seiner jüngsten “Spiegel”-Kolumne. Deshalb wünsche er sich Konkurrenz für TikTok, womöglich von einem der bisherigen Social-Media-Anbieter: “Denn bei allen Schwierigkeiten von Facebook, Instagram, YouTube, LinkedIn, Snapchat und den sozialen Medien insgesamt, sie scheinen in liberalen Demokratien mittelfristig bewältigbar.”
Weiterer Lesehinweis: TikTok-Moderator:innen sollen mit Aufnahmen sexualisierter Gewalt geschult worden sein: “Content-Moderator:innen prüfen im Auftrag von TikTok verbotene Uploads. Wie ein US-Magazin berichtet, sollten sie dafür ein Dokument mit Hunderten Aufnahmen sexualisierter Gewalt gegen Kinder zurate ziehen. Die betroffenen Unternehmen bestreiten das.” (netzpolitik.org, Thomas Seifert)

3. UN in “ernster Sorge”
(faz.net, Elena Witzeck)
Wie Elena Witzeck berichtet, leiden persische BBC-Mitarbeiter im Iran unter diversen Schikanen, Anfeindungen und Attacken. Der Sender habe sich daraufhin mit einem dringenden Ge­such an die Vereinten Nationen ge­wendet und um Hilfe gebeten. In einer Reaktion des Irans werden die Vorwürfe abgestritten und Gegenvorwürfe erhoben. Die BBC-Journalisten würden angeblich auf den Umsturz des Staates hinwirken: “BBC Persian habe Irans nationale Sicherheit zu seiner Zielscheibe gemacht, einen Me­dienkrieg entfacht und vielfach Meinungen beeinflusst, etwa mit der Unterstellung, die Regierung sei un­fähig, die Probleme der Menschen zu lösen. Diese bereits mehr als ein Jahrzehnt andauernde ‘feindliche Ak­tivität’ verunglimpfe die Obrigkeit und sei darauf angelegt, den geistigen Frieden der Gesellschaft zu stören.”

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4. Frauenfußball-Euphorie: Ist das der Durchbruch im Fernsehen?
(dwdl.de, Alexander Krei)
Alexander Krei fragt sich, ob die vergangene Fußball-Europameisterschaft der Frauen und die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit für den endgültigen medialen Durchbruch gesorgt haben. Das Finale zwischen England und Deutschland sei zwar in der Spitze von mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland gesehen worden, Krei bleibt dennoch skeptisch: “Allerdings steht die berechtigte Frage im Raum, ob der Erfolg auch nachhaltig sein wird, schließlich hat es auch in der Vergangenheit immer mal wieder einen Hype um Frauenfußball gegeben.”
Weitere Lesehinweise: Im Deutschlandfunk beschäftigt sich Kolumnist Matthias Dell mit der “Onkeligkeit in der Sportberichterstattung” (Audio: 3:48 Minuten), und bei der “FAZ” ist man “irritiert” über Fredi Bobic, Geschäftsführer bei Hertha BSC. Bobic rate zu stärkeren Investitionen in den Fußball der Frauen durch ARD und ZDF und bezeichne die Sender als “teilweise Zwangs-Pay-TV”.

5. Podcasts, die (Abteilungs-)Grenzen durchbrechen – mit David Krause, Head of Podcast der dpa
(omrmedia.podigee.io, Vincent Kittmann, Audio: 28:34 Minuten)
David Krause ist “Head of Podcast” bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Im “OMR”-Media-Podcast geht es um Krauses Anfänge in der Audiowelt, seine Zeit beim Radio und seine aktuelle Rolle als Podcast-Stratege der dpa. Außerdem spricht er darüber, welches Wunschformat er gerne mal umsetzen würde, und wie es mit der Podcast-Branche generell weitergehen werde.

6. Zusammenlegen zum Geburtstag
(netzpolitik.org)
netzpolitik.org wird 18 Jahre alt, und das ist natürlich – auch für uns! – ein Grund, recht herzlich zu gratulieren. Doch die Freude bei den mittlerweile 18 festangestellten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist getrübt: Die Leserschaft wachse zwar unaufhaltsam, aber wegen Pandemie, Inflation und Energiekrise würden viele Unterstützerinnen und Unterstützer ihre Spenden reduzieren oder gar einstellen. Für dieses Jahr würden noch etwa 700.000 Euro für das anvisierte Ziel fehlen.

Causa Schlesinger, Unterhaltung statt Aufklärung, Bund fördert Projekte

1. RBB stellt weitere Managerin frei
(spiegel.de)
Die Affäre um die nunmehr ehemalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger zieht weitere Kreise. Nach “Spiegel”-Informationen habe der öffentlich-rechtliche Sender Verena Formen-Mohr, Leiterin der Hauptabteilung Intendanz, mit sofortiger Wirkung freigestellt. Die als Vertraute Schlesingers geltende Formen-Mohr war unter anderem für die ARD-Gemeinschaftseinrichtungen, die Unternehmensplanung und die Leitung der Projekte zum Neubau des Nachrichtencenters und des Digitalen Medienhauses des rbb zuständig. Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Aufsichtsratschef der Messe Berlin, Wolf-Dieter Wolf, der wegen der Vergabe von Berateraufträgen in der Kritik steht, sein Amt niedergelegt habe.
Weiterer Gucktipp: In der “rbb24 Abendschau” geht man weiter unerschrocken dem Fall im eigenen Haus nach (rbb-online.de, Eva-Maria Lemke, Video: 28:59 Minuten).

2. Für mehr Kontrolle statt Abnicken: Schafft die Rundfunkräte ab!
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath sieht in der Causa Schlesinger auch ein systemisches Versagen und fordert die Abschaffung der Rundfunkräte: “Für die wirksame, wirtschaftliche Kontrolle der Geschäfte der Rundfunkanstalten sind sie völlig falsch aufgestellt: Dafür braucht es keine Repräsentation der deutschen Bevölkerung sondern Expertinnen und Experten. Es braucht echte Kontrolle, die sich ohne entsprechende Expertise nicht mal eben nebenher erledigen lässt.”

3. So beschissen wie Männer?
(taz.de, Silke Burmester)
Silke Burmester fühlt sich mit Blick auf die Vorwürfe gegen Patricia Schlesinger im Kampf um gleiche Rechte und gleiche Chancen für Frauen verraten. In einem “taz”-Kommentar schreibt sie: “Hat Schlesinger eine Ahnung, wie dumm wir Kämp­fe­r*in­nen jetzt dastehen, wie dünn unsere Argumente werden, wenn wir die Notwendigkeit von Frauen in Führung mit einem anderen Führungsstil und einem anderen Blick für und auf die Gesellschaft begründen?” Burmester beendet ihren Text mit einem lakonischen Gedanken: “Vielleicht ist auch das Teil des feministischen Kampfes: zu verstehen, es geht nicht nur darum, Frauen die Möglichkeit zu erstreiten, genauso scheitern zu können wie Männer. Es geht auch darum zu akzeptieren, dass sie sich oft genug genauso beschissen verhalten.”

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4. Journalisten machen weiter
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen macht auf die katastrophalen Bedingungen für Journalistinnen und Journalisten in Belarus aufmerksam. Seit der Scheinwiederwahl von Machthaber Alexander Lukaschenko vor zwei Jahren habe sich die Situation dramatisch verschlechtert: “Im Zuge seiner Kampagne gegen jedwede Kritik verschärfte Lukaschenko auch die belarussischen Mediengesetze. Seitdem wurden zahlreiche Medienschaffende verhaftet und mit Geldstrafen oder Zensur belegt. Auch Misshandlungen, Folter und Repressionen gegen Angehörige von Journalistinnen und Journalisten gehören zum Repertoire des Regimes.”

5. Bund fördert Projekte zur strukturellen Stärkung des Journalismus – Förderung von zehn Projekten mit rund 2,3 Millionen Euro
(bundesregierung.de)
Die Bundesregierung fördert zehn Projekte zum Schutz und zur strukturellen Stärkung des Journalismus mit einer Gesamtsumme von rund 2,3 Millionen Euro aus dem Etat für Kultur und Medien. Nach dem Förderaufruf seien 31 Anträge eingegangen, von denen eine Fachjury zehn Projekte ausgewählt habe.

6. Unterhaltung statt Aufklärung
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 5:10 Minuten)
Ob “Bild” oder “Spiegel”: Viele Medien arbeiten mit Online-Umfragen der Institute Insa oder Civey. Der wissenschaftliche Leiter des Institus für Umfragen, Analysen und DataScience in Duisburg, Frank Faulbaum, kann dieser Art von Demoskopie wenig abgewinnen. Die ausführenden Institute würden bei ihren Befragungen oft selbstselektiv vorgehen, also nicht nach dem Zufallsprinzip.

Schlesinger und das Nachbeben, Strafbare Hetze?, Investigativ im Netz

1. Wie geht es weiter?
(rbb-online.de, Sarah Oswald, Video: 16:14 Minuten)
In der Affäre um die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger ist einiges kaputtgegangen, was das Vertrauen ins öffentlich-rechtliche System und die Reputation des Senders anbelangt. Erfreulich ist jedoch, wie Teile der rbb-Belegschaft für Aufklärung sorgen wollen. So ist es bemerkenswert, wie unerschrocken “Abendschau”-Moderatorin Sarah Oswald den Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus ins Verhör nimmt. Empfehlenswert ist auch das “rbb24 Spezial”, das sich mit den Vorgängen im eigenen Haus beschäftigt (Video, 19:10 Minuten).
Mittlerweile ermittelt auch die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des “Verdachts der Untreue und Vorteilsannahme”, wie Alexander Fröhlich im “Tagesspiegel” berichtet. In einem weiteren Beitrag berichtet die Redaktion über ein illustres Abendessen zu Hause beim Ehepaar Schlesinger, für das die Gebührenzahlenden mit über 1.100 Euro zur Kasse gebeten wurden. Besonders pikant ist die Reaktion der damals miteingeladenen Polizeipräsidentin Berlins, die überrascht ist: “Frau Dr. Slowik hat die Information darüber, dass die Kosten für ein Abendessen bei der Familie Schlesinger und Spörl dem RBB in Rechnung gestellt wurden, mit großem Erstaunen und Irritation am gestrigen Tag zur Kenntnis genommen”, so ein Polizei-Sprecher: “Es war für sie in keiner Weise ersichtlich, dass dieses Treffen einen beruflichen Hintergrund hatte.”
Im Deutschlandfunk kommentiert Olaf Steenfadt von der Initiative “Unsere Medien” die Causa Schlesinger, und in den “Tagesthemen” befindet Medienkritiker Stefan Niggemeier: “Der Schaden für die ARD ist immens.”

2. Bloßes Theater oder straf­bare Hetze
(lto.de, Arne Klaas)
In einem von der rechtsextremen Gruppe “Freies Heidenau” geteilten Video wurde die Entführung von Wirtschaftsminister Robert Habeck inszeniert. Haben sich die Videohersteller damit strafbar gemacht? Die zuständige Staatsanwaltschaft hat jedenfalls die Ermittlungen aufgenommen. Rechtsanwalt Arne Klaas stellt in seinem Gastbeitrag für “Legal Tribune Online” die in Frage kommenden Straftatbestände vor.

3. Investigativ im Netz
(drehscheibe.org, Max Wiegand, Audio: 24:45 Minuten)
Im “drehscheibe”-Podcast erzählt Investigativreporterin Isabell Beer von ihren Recherchen, in denen sie in ein Netzwerk aus Vergewaltigern und Voyeuren (PDF) oder in die Online-Drogenszene (PDF) eintaucht. Wie verarbeitet sie das im Netz Gesehene? Und warum sollten auch Lokalzeitungen mehr im Internet recherchieren?

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4. Sendungsbewusstsein außerhalb der Echokammer
(netzpolitik.org, Thomas Seifert)
Eine neue Studie beschäftigt sich mit dem Verhalten von deutschen Twitter-Nutzern und -Nutzerinnen bei der Europawahl. Thomas Seifert fasst zusammen: “Als Ergebnis haben sie die Annahme widerlegt, dass rechtsradikale Nutzer:innen abgeschlossene Echokammern bilden würden. In Echokammern konsumieren die Nutzer*innen – ähnlich wie bei einer Filterblase – nur Meldungen, die in ihr Weltbild passen. Sie bestärken ihre Ansichten in diesen Kammern gegenseitig und radikalisieren sich auf diese Weise. Die Befunde der Forscher*innen legen nun aber vielmehr ‘die Existenz einer selbstbewussteren Form von Echokammern nahe’.”

5. Kampf um den Hetzmarkt
(jungle.world)
Mit dem neu gegründeten Internetradiosender “Kontrafunk” und dem österreichischen Internetfernsehsender “AUF1” starten gleich zwei Medien ins Geschäft mit rechtem Gedankengut und toxischen Inhalten. Der Beitrag der “jungle.world” fasst dieses Geschäftsmodell der “Alternativmedien” zusammen und erklärt, wie sie sich finanzieren wollen.

6. Knossi über TV-Auftritte, sein Software-Startup und wie viel er mit Youtube verdient
(omr.com, Philipp Westermeyer, Audio: 1:03 Stunden)
Youtuber, Streamer und Unterhaltungskünstler Jens “Knossi” Knossalla war beim “OMR”-Podcast zu Gast: “Knossi erzählt von seiner abgesetzten RTL-Show ‘Täglich frisch geröstet’, spricht über seine Auftritte als Musiker im Megapark, das Software-Startup Digital Blast, an dem er beteiligt ist. Und er beziffert auf den Euro genau, wie viel er mit Youtube in den vergangenen 28 Tagen verdient hat.”

Schlesingers Rücktritt, Trollforum “Kiwi Farms”, Klimajournalismus

1. Schlesinger tritt als RBB-Intendantin zurück
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz & Alexander Fröhlich & Benjamin Lassiwe)
Nachdem Patricia Schlesinger am Donnerstag bereits von ihrem Posten als ARD-Vorsitzende zurückgetreten ist, legte sie gestern auch ihr Amt als RBB-Intendantin nieder. Zuvor hatte es neue Vorwürfe gegeben, welche sich auf allerlei Extra-Zuwendungen sowie die Kosten für den Umbau von Schlesingers Büro bezogen. In einem Kommentar schreibt Kurt Sagatz: “Noch größer, wenn nicht sogar irreparabel ist allerdings der Schaden für das Ansehen des RBB und die Reputation des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Nicht nur den erklärten Gegner von ARD, ZDF und Deutschlandfunk steht nun ein gewaltiges Arsenal von Beispielen zur Verfügung, was bei den Öffentlich-Rechtlichen im Argen liegt und warum dieses System nicht zu retten ist.”

2. Das Troll-Forum “Kiwi Farms”
(belltower.news)
“Belltower.News”, das Internetportal der Amadeu Antonio Stiftung, analysiert “ein rechtsradikales Trollforum” namens “Kiwi Farm”, dessen User und Userinnen mehrere Menschen in den Suizid getrieben haben sollen: “Den Nutzer*innen wird unter der hohngrinsend vorgetragenen Behauptung, es würde um die Verteidigung von free speech gehen, jegliche Menschenverachtung durchgewunken. Die Plattform bietet eine Möglichkeit zur Vernetzung, zur gemeinsamen Suche nach neuen Opfern, und zum Austausch von Material zur weiteren Radikalisierung.”

3. Parteiisch, aber unabhängig
(taz.de, Christopher Wimmer)
Im Vergleich zum Rest Syriens herrscht im Nordosten Pressefreiheit mit einer hoch politisierten Medienladschaft. Ein entscheidender medialer Akteur sei dabei das “Rojava Information Center”, berichtet Christopher Wimmer: “Die unabhängige Medienorganisation mit Sitz in der Großstadt Qamişlo koordiniert die Arbeit internationaler Jour­na­lis­t*in­nen und veröffentlicht auch eigene Inhalte. Seit seiner Gründung 2018 hat sich das Center zu einem bedeutenden Akteur der lokalen Presselandschaft entwickelt.”

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4. Wie der Kreml die Pressefreiheit in Russland immer weiter einschränkt
(de.ejo-online.eu, Christopher Baczyk)
Die journalistische Berichterstattung in Russland war bereits vor dem Krieg gegen die Ukraine eingeschränkt, jetzt ist sie fast unmöglich. Christopher Baczyk fragt sich, wie es so weit kommen konnte, und wie die Russinnen und Russen noch an unabhängige Informationen kommen. Sein Fazit: “Es gibt kleine Hoffnungsschimmer. Doch die russische Medienlandschaft ist fest in der Hand des Kremls.”

5. Ich rede mit, also bin ich
(tagesspiegel.de)
Beim “Tagesspiegel” blickt “tip”-Chefredakteurin Stefanie Dörre auf die vergangene Medienwoche zurück: Worüber hat sie sich am meisten geärgert? Worüber am meisten gefreut? Und was empfiehlt sie gerade aus dem Internet?

6. Klimajournalismus
(sr.de, Isabel Sonnabend & Thomas Bimesdörfer, Audio: 19:04 Minuten)
Bei “Medien – Cross und Quer” sprechen und diskutieren Isabel Sonnabend und Thomas Bimesdörfer mit Raphael Thelen vom Netzwerk Klimajournalismus. Ihre Themen: Wie sieht eine angemessene Klimaberichterstattung aus? Wo ist die Linie zwischen Journalismus und Aktivismus? Werden Klimathemen genug abgebildet? Und wie kann Klimajournalismus in einer neuen Form in Redaktionen integriert werden?

KW 31/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Dienstwagen-Vorwurf und Compliance-Aufklärung im rbb
(ardaudiothek.de, Jörg Wagner, Audio: 1:20:14 Stunden)
Im radioeins-Medienmagazin beschäftigt sich Jörg Wagner mit den Vorwürfen, die gegenüber der rbb-Intendantin Patricia Schlesinger erhoben werden, darunter die strittige Zurverfügungstellung eines Dienstwagens der Luxusklasse. Obwohl es das eigene Haus betrifft, stellt Wagner unbeeindruckt die richtigen Fragen.

2. Nähe oder Distanz? Podcast zum pikanten Verhältnis zwischen Journalisten und Politik
(rnd.de, Steven Geyer & Andreas Niesmann, Audio: 38:08 Minuten)
In einer Sonderausgabe widmen sich die “RND”-Hauptstadtkorrespondenten Steven Geyer und Andreas Niesmann der Frage: Wie viel Nähe darf und wie viel Distanz muss man als Journalist oder Journalistin zum Politikbetrieb pflegen? Zu Gast sind zwei ehemalige Bundespräsidentensprecherinnen: Anna Engelke, heute wieder Journalistin beim NDR, und die Journalistin Ferdos Forudastan, inzwischen unter anderem für den WDR tätig.

3. Podcasts im Kampf für die gute Sache
(deutschlandfunkkultur.de, Carina Schroeder, Audio: 35:15 Minuten)
In der aktuellen Folge “Über Podcast” geht es um die Frage: Was macht es mit einem Medium, wenn die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus verschwimmen? Carina Schroeder spricht darüber unter anderem mit Sara Schurmann vom Politik-Podcast “Pod steh uns bei” sowie mit der Podcast-Expertin Arielle Nissenblatt.

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4. Medien im Gefängnis
(podcast.hans-bredow-institut.de, Audio: 44:28 Minuten)
Anne Kaun, Professorin an der schwedischen Universität Södertörn und Gastforscherin am Hans-Bredow-Institut, erforscht, wie Medien im Gefängnis funktionieren: Welche Formen der Kommunikation existieren in Gefängnissen? Wozu werden Medien im Gefängnis benutzt? Und welche Medien werden zu welchen Zwecken ins Gefängnis geschmuggelt?

5. Tatjana Ohm über Kriegs- und Krisenberichterstattung
(youtube.com, Markus Trantow & Pauline Stahl, Audio: 45:08 Minuten)
Im “turi2 clubraum” sprechen Markus Trantow und Pauline Stahl mit Welt-TV-Chefmoderatorin Tatjana Ohm, die vor Kurzem von ihrem Einsatz in der Ukraine zurückgekehrt ist. Wie ist es ihr dort ergangen? Wie sieht Kriegs- und Krisenberichterstattung in der Realität aus? Und wie hat sie die Erlebnisse verarbeitet?
Weiterer Hörtipp, jedoch in englischer Sprache: Journalismus im Krieg: “Die Journalistin Olga Tokariuk berichtet für internationale Medien aus der Ukraine. Sie beschreibt die Rolle der Oligarchen in der ukrainischen Medienwelt, warum es so viele arbeitslose Reporter gibt und wie objektiver Journalismus unter den Bedingungen der russischen Aggression funktioniert.” (youtube.com, Falter, Tessa Szyszkowitz, Audio: 33:10 Minuten)

6. “Nah dran, aber trotzdem kritisch” – Berichterstattung über Männer- und Frauenfußball
(br.de, Ingo Lierheimer, Audio: 22:13 Minuten)
Im Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks geht es um die Berichterstattung über Männer- und Frauenfußball: Warum bekommt Frauenfußball immer noch deutlich weniger Aufmerksamkeit als der von Männern? Wie steht es um kritische Berichterstattung, um Nähe und kritische Distanz zwischen Reportern und Sportlern? Und wie viele Reporterinnen arbeiten inzwischen hinter dem Mikrofon?

Geleakter Jones, Documenta, Schlesingers (Teil)Rückzug

1. Geleakte Textnachrichten bringen Alex Jones in Bedrängnis
(spiegel.de)
Der rechte US-Moderator und Verschwörungsvermarkter Alex Jones ist anscheinend Opfer seiner eigenen Anwälte geworden. Die haben in einer juristischen Auseinandersetzung der Gegenseite offenbar eine vollständige digitale Kopie seines Handys samt aller Nachrichten zukommen lassen. Die Informationen gäben interessante Interna über das Geschäftsmodell aus Hass und Hetze preis, aber stünden auch im Widerspruch zu vorherigen Aussagen von Jones vor Gericht.
Weiterer Lesetipp: “Urteilsspruch gegen Amerikas obersten Verschwörungsideologen: Alex Jones muss den Eltern eines der Opfer des Sandy-Hook-Massakers eine Millionenentschädigung zahlen. Weitere Strafen dürften folgen.” Alex Jones muss mindestens vier Millionen Dollar Schadensersatz zahlen (spiegel.de).

2. Documenta-Bericht beim „Spiegel“: „Jagdtrieb wie ‚Bild‘, ‚Welt‘ und AfD“
(meedia.de)
“Spiegel”-Redakteur Alexander Neubacher hat in einem Meinungsbeitrag die Documenta wegen des Skandals um antisemetische Bilder als “Horrorshow” bezeichnet. Bei “Meedia” antwortet Peter-Matthias Gaede, langjähriger Chef der Gruner-Zeitschrift “Geo”, mit einem offenen Brief: “Der Jagdtrieb, den ‚Bild‘ und ‚Welt’ und in einer besonderen Volte sogar die AfD auf vermeintlich in allen Gremien der Documenta 15 verwurzelte Antisemiten entfalten, ist deren Sache. Wie aber auch Sie und weitere Kolleg*innen vom ‚Spiegel‘, ebenso wie manche von der ‚SZ‘, derart hyperventilieren, einen derartigen Furor gegenüber der gesamten Documenta 15 entwickeln, halte ich für eine Form von Erregungsjournalismus, die fassungslos machen kann.”

3. Aufklärung in München
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Der Bertelsmann-Konzern hat das Institut für Zeitgeschichte in München mit der unabhängigen Aufarbeitung der Geschichte des “Stern” und dessen Gründers Henri Nannen beauftragt. Dabei werde auch die Bildsprache des “Stern” gescannt und ausgewertet. Es gehe um die Frage, wie “Topoi, Klischees, Charakterisierungen, Perspektiven, die schon im Nationalsozialismus zur Repräsentation von Personen und Kulturen in Bildern und Texten genutzt wurden, auch nach 1945 wieder auftauchen”.

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4. Digitaler Wandel „gewinnt an Tempo“
(verdi.de, Günter Herkel)
Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger hat einen Report “Zur wirtschaftlichen Lage der deutschen Zeitungen” (PDF) herausgebracht. Günter Herkel hat sich den Bericht im Auftrag einer Journalistengewerkschaft angeschaut und fasst die seiner Meinung nach entscheidenden Erkenntnisse zusammen.

5. Resilienter Journalismus
(journalist.de)
“Wie können Medienschaffende und Mediennutzer mit dem permanenten Ausnahmezustand umgehen? Wie werden die Menschen resilienter in ihrer digitalen Mediennutzung? Und was muss getan werden, damit der Journalismus selbst robuster durch die vielfältigen Krisen kommen kann?” 40 Medienprofis beschäftigen sich im Sammelband “Resilienter Journalismus” mit den Herausforderungen des Journalismus in Zeiten des permanenten Ausnahmezustands.

6. Auch RBB-Intendantin kann Schlesinger nicht bleiben
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Die umstrittene RBB-Intendantin Patricia Schlesinger hat den ARD-Vorsitz abgegeben. Nun sei ein weiterer Schritt fällig, findet Kurt Sagatz: “Sie sollte darum ebenso wie Verwaltungsratschef Wolf-Dieter Wolf ihr Amt als RBB-Intendantin bis zum Abschluss der Untersuchungen ruhen lassen. Dieser Schritt ist ebenso unausweichlich wie ihre ARD-Entscheidung von Donnerstag.”
Weiterer Lesetipp: Der Deutsche Journalisten-Verband begrüßt die Entscheidung von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, von ihrem Amt als ARD-Vorsitzende zurückzutreten (djv.de).

Diversität in Aufsichtsgremien, Absturz bei Jüngeren, Rolf Kauka

1. Wen vertreten eigentlich die Rundfunkräte von ARD und ZDF?
(uebermedien.de, Fabian Goldmann)
Die Neuen deutschen Medienmacher*innen haben eine Untersuchung über Diversität in Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks veröffentlicht (PDF). Es gehr dabei um die Fragen: Welche gesellschaftlichen Gruppen sind in den Gremien vertreten? Welche Stimmen bleiben ungehört? Welche informellen Faktoren wie Zugang zu Ressourcen oder politische Loyalitäten beeinflussen die Machtverhältnisse in den Gremien? Fabian Goldmann war für die Untersuchung als Autor verantwortlich. Bei “Übermedien” stellt er die wichtigsten Ergebnisse vor.
Kritik an der Auswertung kommt von “DWDL”-Chef Thomas Lückerath bei Twitter – wiederum mit Widerspruch zur Kritik in den Antworten.

2. “Mein Postfach muss nicht jede Beleidigung der Welt schlucken”
(mdr.de, Marc Zimmer)
Nach sieben Jahren nahezu täglicher Twitter-Präsenz hat die Ärztin und Autorin Natalie Grams-Nobmann ihren Account gelöscht. Im Interview mit dem MDR hat sie über ihre Beweggründe gesprochen, die mit dem Tod ihrer österreichischen Kollegin Lisa-Maria Kellermayr zu tun haben: “Ich ertrage es nicht mehr, in diese Hölle zu blicken, wo Menschen den Tod eines anderen Menschen, den Suizid eines anderen Menschen regelrecht feiern – und das als Schuldeingeständnis dieser wirklich bedrohten und verfolgten Ärztin sehen und sich so darüber erheben.”

3. Weiblicher Auslandsjournalismus weltweit: Berichterstattung aus dem Libanon
(fachjournalist.de, Julia Neumann)
Julia Neumann berichtet als Auslandskorrespondentin aus dem Libanon. In ihrem Beitrag für den “Fachjournalist” geht es um die Vorurteile hinsichtlich Gefahrenpotenzial und Diskriminierung. Neumann kann die gängigen Klischees nicht bestätigen. Das Gegenteil sei der Fall: “Tatsächlich erfahre ich im Libanon, aber auch in Jordanien oder in den Emiraten kaum Diskriminierung als Reporterin. Im Gegenteil: Ich kann unverblümt mit aus Syrien geflüchteten Frauen in einem Zelt sitzen und zuhören, wie sie über Genitalhygiene oder die Periode reden. Auch im Iran habe ich viele Frauen zu ihrer politischen Meinung bei den Wahlen befragen können. Als Reporterin habe ich einen direkten Zugang, vor allem zu Frauen in ländlichen Gegenden.”

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4. Absturz bei Jüngeren: So schnell altert das lineare Fernsehen
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Mit 59 Jahren habe das Durchschnittsalter des deutschen TV-Publikums im ersten Halbjahr 2022 einen neuen Höchststand erreicht, berichtet Uwe Mantel bei “DWDL”. Dies hänge mit der allgemeinen demografischen Entwicklung, mit dem Wandel der Mediennutzung und mit dem Umstand zusammen, dass TV-Geräte bei den Älteren immer länger laufen würden.

5. Neue Narrative für den Krieg
(taz.de, Barbara Oertel)
Zwei Handreichungen aus der russischen Präsidialverwaltung von Mitte Juli würden festlegen, wie staatstreue Medien über den Krieg, der so offiziell nicht heißen darf, berichten sollen. Barbara Oertel fasst zusammen, mit welchen Argumenten die Medien der Bevölkerung den Krieg mitsamt seiner Folgen erklären sollen.

6. Fix & Foxi als ewige Pimpfe
(kreuzer-leipzig.de, Stefan Pannor)
In seinem Buch “Fürst der Füchse” beschäftigt sich der Historiker Bodo Hechelhammer mit dem Leben des Comic-Verlegers Rolf Kauka (unter anderem “Fix & Foxi” und “Bussi Bär”), dessen Verstrickungen mit dem Bundesnachrichtendienst und Kaukas rechter Gesinnung. Für den Journalisten und Comic-Spezialisten Stefan Pannor ergibt sich nach Lektüre des Buchs folgendes Bild: “Kauka wie seine Comics waren Produkte bundesdeutscher Kontinuitäten über den NS-Staat zur Adenauer-Republik bis zur Kohl-Kanzlerschaft. Der Finanzminister Klaus Kinkel, ebenfalls Wessel-Intimus, besorgte Kauka das Bundesverdienstkreuz. Erster Klasse, natürlich. In Kaukas Lebensgeschichte, wie der vieler, die nach der NS-Zeit zu Ruhm und Geld gelangten, zeigt sich das Bild eines Menschen, der gleichzeitig unfassbar reich und mächtig war, der sich aber dennoch nach zwei verlorenen Weltkriegen als zu kurz gekommen sah, als ‘Herrenmensch’, der keiner sein durfte.”

Reichelts Apokalypse, Schutzkonzepte für Herbst nötig, Das Bier der Polizei

1. Aufmerksamkeitssuche mit Apokalypse
(belltower.news, de:hate)
“Belltower.News”, das Internetportal der Amadeu Antonio Stiftung, analysiert, mit welchen Mitteln Ex-“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt auf Youtube operiert. Bei Reichelts Videos handele es sich um “geistige Brandstiftung mit aggressiver Rhetorik”, wie man sie aus den USA kenne: “Sein neues YouTube-Format ‘Achtung, Reichelt!’ ist dabei nicht innovativ, sondern stark am rechtspopulistischen Meinungsjournalismus des amerikanischen Nachrichtensenders Fox News angelehnt. Insbesondere die rhetorischen Mittel des verrufenen Fox News Talkers Tucker Carlson scheinen den Ex-BILD-Chef überzeugt zu haben.”

2. Frankreich schafft Rundfunkgebühren ab
(tagesschau.de)
In Frankreich rücke das Ende der Rundfunkgebühren näher: Nach der französischen Nationalversammlung habe nun der Senat für die Abschaffung der Rundfunkgebühren gestimmt. Künftig solle der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch den Staat finanziert werden. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert die Entwicklung: “Zum einen ist die Höhe der staatlichen Finanzierung unklar, zum anderen gerät die journalistische Unabhängigkeit unter die Räder, wenn der Staat die Finanzierung übernimmt.”

3. Deshalb habe ich meinen Twitter Account deaktiviert
(youtube.com, Anwalt Jun, Video: 20:55 Minuten)
Nach dem Tod der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, der im Netz viel Hass entgegengeschlagen war (BILDblog berichtete), haben sich einige prominente Stimmen von Twitter verabschiedet, darunter der Anwalt Chan-jo Jun. Auf Youtube erklärt Jun noch einmal ausführlich die Beweggründe für seine Entscheidung.
Weiterer Lesehinweis: Nach dem Tod von Lisa-Maria Kellermayr “stehen Polizei, Justiz und die Plattformen in der Pflicht”, findet Tanja Tricarico in der “taz”.

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4. DJV fordert Schutzkonzepte
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband fordert von den Polizeibehörden des Bundes und der Länder Schutzkonzepte für Medienschaffende, die über Protestkundgebungen berichten: “Es ist höchste Zeit, dass die Polizeiführungen festlegen, wie sie uns schützen wollen.” Wenn der von Impfgegnern und “Querdenkern” angekündigte heiße Herbst erst begonnen habe, sei es für vorausschauende Maßnahmen zu spät.

5. Dem Kreml glaubt fast niemand
(faz.net, Lara Kirschbaum)
Gemäß einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom verfange die russische Staatspropaganda in Deutschland nicht: “Von den 1004 befragten Bürgern ab 16 Jahren, die Teil der Studie waren, gab die Mehrheit von 87 Prozent zum Thema an, sie misstraue der russischen Regierung, 80 Prozent sagten dies mit Blick auf die russischen Medien. Nur vier Prozent gaben an, sie mäßen russischen Medien Wahrheitsgehalt zu, der Rest der Befragten enthielt sich.”

6. Polizei Essen bittet nach Twitter-Panne um Entschuldigung
(spiegel.de)
“Fürs Biertasting am Freitag im Café Kram in Bottrop sind noch Plätze frei”, verkündete die Polizei Essen auf Twitter und sorgte damit für größere Verwirrung, offenbar auch in den eigenen Reihen: “Wir können uns nicht erklären, wie dieser Beitrag in unser Profil gelangen konnte, Nachforschungen diesbezüglich laufen.” Mittlerweile sind diese “Nachforschungen” abgeschlossen, die Polizei konnte den Täter ermitteln.

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BILDblog-Klassiker

Hetzjagd in Chemnitz, Twitterleid, Goethes Vergewaltigungslyrik

1. Rechtsextreme wollten Migranten jagen
(tagesschau.de, Lena Kampf & Katja Riedel & Sebastian Pittelkow)
Im Zuge der Ausschreitungen in Chemnitz vor einem Jahr kam es zu Angriffen auf Migranten und vermeintliche Migranten. Damals entstand eine große mediale und politische Debatte darüber, ob es sich bei bestimmten Szenen um eine “Hetzjagd” gehandelt habe. Der damalige Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, stritt dies vehement ab. Nun wurden Chats von rechtsextremen Demonstrationsteilnehmern ausgewertet, die selbst den Begriff “Jagd” verwendeten.

2. “Ein bärtiger Sandalen-Hipster bringt die Zensur zurück nach Deutschland”
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Tom Hillenbrand erzählt über seine Erfahrungen mit dem Kurznachrichtendienst Twitter, der ihn wegen eines harmlosen Witzes gesperrt hat: “Twitter ist ein globaler Konzern und verhält sich wie eine schmierige Versicherungsbude. Es gibt zwar eine deutsche Geschäftsführung, aber keine Adresse, an die man Abmahnungen und Einstweilige Verfügungen schicken kann. Die versuchen bewusst, sich zu verstecken und ignorieren Entscheidungen deutscher Gerichte. Diese Erfahrung habe nicht nur ich gemacht. Das geht anderen gesperrten Nutzern genauso, die sich ebenfalls wehren. Dieses Unternehmen ist genauso seltsam wie sein Chef Jack Dorsey: Ein bärtiger Sandalen-Hipster, der in seiner Freizeit in einer eiskalten Kryo-Kammer rumsitzt, bringt die Zensur zurück nach Deutschland.”

3. Künstlerkollektiv gegen Goethe: “Das ist humoristische Vergewaltigungslyrik”
(bento.de, Fabian Schmidt)
Das Künstlerkollektiv “Frankfurter Hauptschule” kritisiert Goethes “humoristische Vergewaltigungslyrik” und hat das Gartenhäuschen des Dichters videowirksam mit Klopapier beworfen. Konkret geht es um das bekannte Werk “Heidenröslein”, in dem Goethe eine Vergewaltigung verharmlose. Dort heißt es in der letzten Strophe: “Und der wilde Knabe brach / ‘s Röslein auf der Heiden / Röslein wehrte sich und stach / Half ihm doch kein Weh und Ach, / Mußt’ es eben leiden.” “Bento” hat mit einem der Vertreter der Gruppe über die Aktion und ihren Hintergrund gesprochen.

4. Das Märchen von der Sogwirkung
(spiegel.de, Oliviero Angeli)
“Die wollen es sich bei uns bequem machen … Die kommen alle, weil Merkel sie eingeladen hat … Der UN-Migrationspakt wird eine Invasion auslösen … Seenotrettung lockt Flüchtlinge aufs Meer …” Politikwissenschaftler und Migrationsexperte Oliviero Angeli hat die beliebtesten Behauptungen von rechts einem Faktencheck unterzogen. Abspeichernswert für das nächste Gespräch mit dem Besorgtbürger von nebenan.

5. Radikalisierung durch YouTube? Großzahlige Studie zur Empfehlung rechtsextremer Inhalte
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Um “Radikalisierungspfade” auf Youtube nachzuzeichnen, hat eine neue Studie die Empfehlungsalgorithmen des Netzwerks untersucht und dazu einen großen Datensatz mit 300.000 Videos, zwei Millionen Empfehlungen und 79 Millionen Kommentaren herangezogen. Das Fazit der Forscher: “Wir liefern starke Belege für Radikalisierung unter YouTube-Nutzern sowie dafür, dass YouTubes Empfehlungssystem das Entdecken von rechtsextremen Kanälen unterstützt, und das sogar in einem Szenario ohne Personalisierung.”

6. Lieber keine Journalisten-Fragen
(deutschlandfunk.de, Friedbert Meurer)
Es ist eine neue Taktik von rechtspopulistischen Politikern: Interviews mit der Presse ausweichen und stattdessen die eigenen Social-Media-Kontakte nutzen, um Informationen zu streuen. Auch Boris Johnson, neuer Premierminister des Vereinigten Königreichs, setzt auf diese Methode. Friedbert Meurer kommentiert: “Interviews können riskant sein für Politikerinnen und Politiker. Es kommt aber noch etwas Entscheidendes hinzu: im Zeitalter der sozialen Medien fragen sich Politiker immer mehr, warum sollen wir uns Interviews antun, wenn es doch auch anders, leichter und schneller geht?”

“Bild” weiß sogar noch weniger und schreit: Alarm in “unserem Freibad”

Vor knapp zwei Monaten, am 2. Juli, schrieb die “Bild”-Zeitung auf ihrer Titelseite vom Untergang des Badelandes:

Ausriss Bild-Titelseite - Deutschlands Chef-Bademeister klagt an - Das ist nicht mehr unser Freibad!

Neben dem alarmistischen Ton fiel vor allem auf, dass die Redaktion kaum Fakten präsentierte, mit der sie die These von zunehmenden “+++ Schlägereien +++ Pöbeleien +++ Messern” in Deutschlands Freibädern stützten konnte. Auf der kompletten Seite, die “Bild” zu dem Thema veröffentlichte …

Ausriss Bild-Zeitung - Früher war baden gehen irgendwie anders - Freibad-Report Sommer 2019

… gab es vor allem viel Gefühl und vage Angaben (“Doch in diesem Jahr scheint die Stimmung in vielen Freibädern Deutschlands auffällig aggressiv zu sein.” – “‘Gefühlt gibt es immer mehr Polizeieinsätze in den Bädern.'” – “Zahlreiche Badegäste berichten von unangenehmen Erlebnissen”). Das reichte “Bild” bereits, um “Das ist nicht mehr unser Freibad!” von Seite 1 zu schreien. Aber Fakten, die den “gefühlten” Schein belegen?

Wir mussten schon eine Weile suchen, bis wir die einzige Stelle fanden, die etwas darüber hätte sagen können, ob’s denn nun wirklich schlimmer geworden ist in deutschen Freibädern — oder zumindest in einem deutschen Freibad: Sie versteckte sich im Report “Bäuche, Burkinis und nackte Brüste” aus dem “berüchtigten Prinzenbad” in Berlin-Kreuzberg. “Bild”-Reporter Til Biermann hatte das Bad für einen Tag besucht und die Vorkommnisse protokolliert. Und die waren spektakulär unspektakulär (BILDblog berichtete): Der dramatische Höhepunkt im Prinzenbad-Report war das Festhalten eines Mannes, der sich vermutlich ins Bad geschlichen hatte, ohne zu bezahlen.

Aber, immerhin, Biermann nannte eben auch eine Zahl:

Das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg ist wohl das berühmteste Freibad Deutschlands. Auf jeden Fall ist es das berüchtigtste. Immer wieder wird es Schauplatz von Krawallen.

Allein im vergangenen Jahr wurden 122 Straftaten registriert — mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Und diese einzige Zahl, die “Bild” auf einer ganzen Seite liefert und mit der man etwas anfangen könnte, diese Zahl — nun ja:

Ausriss Bild-Zeitung - Gegendarstellung zu Bäuche, Burkinis und nackte Brüste in der Bildzeitung vom 2. Juli 2019 - Sie schreiben über das Prinzenbad in Kreuzberg: Immer wieder wird es Schauplatz von Krawallen. Allein im vergangenen Jahr wurden 122 Straftaten registriert. Dazu stellen wir fest: Die 122 Straftaten wurden unter der Anschrift des Sommerbads Kreuzberg auch in den sieben Monaten erfasst, in denen das Bad nicht geöffnet ist. In der Statistik enthalten sind nicht nur Taten im Bad, sondern auch solche im Nahbereich. Es gab keinen einzigen Krawall. Berlin, den 12. Juli 2019 - Rechtsanwalt Eisenberg für Annette Siering, Vorständin, und Dr. Matthas Oloew, Unternehmenssprecher Berliner Bäder Betriebe, Anstalt des öffentlichen Rechts - Die Berliner Bäder Betriebe haben recht. Die Redaktion

Diese Gegendarstellung musste “Bild” gestern unten auf Seite 3 veröffentlichen. Autor Til Biermann hatte nicht nur über irgendwelche nicht existenten “Krawalle” geschrieben, sondern bei seiner Recherche offenbar auch etwas missverstanden: Wenn bei einer Straftat als Ort das Prinzenbad vermerkt ist, hat die Tat nicht automatisch im Prinzenbad stattgefunden. Wird beispielsweise jemandem auf dem Gehweg vor dem Prinzenbad das Handy geklaut, kann dieser Diebstahl mit “Prinzenbad” verschlagwortet werden, auch wenn es November ist, und im Prinzenbad die Becken leer sind.

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Datenspendedienst, Filmbranche mit Nachwuchssorgen?, Nationalitäten

1. Blutspendedienst übermittelte heikle Daten an Facebook
(sueddeutsche.de, Matthias Eberl)
Der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes hat auf seiner Website gesundheitsbezogene Daten abgefragt und diese, ob bewusst oder unbewusst, Facebook zugänglich gemacht. Matthias Eberl von der “Süddeutschen Zeitung” erklärt, wie das technisch geschehen konnte. Auf das Problem angesprochen, habe der Sprecher des Spendedienstes bestritten, dass sich aus den Daten Rückschlüsse auf Krankheiten einzelner Personen ziehen lassen. Die “SZ”-Recherche zeige jedoch, dass dem nicht so sei: “Unklar bleibt, warum der BSD Facebooks Überwachung einsetzte, wie lange diese aktiv war und wie viele Menschen die Umfrage mitmachten. Sie lief mindestens seit dem Frühjahr. Jährlich spenden beim BSD 250 000 Personen Blut, sodass erhebliche Mengen Krankheitsdaten bei Facebook liegen könnten. Der Blutspendedienst machte keine Angaben zu Dauer und Nutzerzahl der Umfrage.”

2. Security by Obscurity: Nach dreieinhalb Jahren vor Gericht
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Das Transparenzportal “FragdenStaat” wollte vom Gesundheitsministerium wissen, welche Domains die Behörde betreibe. Eine einfache Frage, die mit einer kurzen Mail eigentlich beantwortet sein müsste, meint man. Doch weit gefehlt: Das Ministerium verweigert die Information und hat sich deshalb sogar verklagen lassen. Seitdem sind über drei Jahre ins Land gegangen. Eine unerträgliche Situation, wie Arne Semsrott von “FragdenStaat” findet: “Hätten wir die Ergebnisse der Klage damals etwa journalistisch oder für Forschung nutzen wollen, wäre die Klage absolut nutzlos gewesen. Die Überlastung der Justiz führt dazu, dass das Recht auf Informationsfreiheit vielerorts nicht effektiv in Anspruch genommen werden kann.”

3. Frankfurter PR-Berater hetzt auf CDU-Seite gegen “Wilde”
(fr.de, Katja Thorwarth & Daniel Dillmann)
Der berühmt-berüchtigte PR-Berater Moritz Hunzinger hat auf Facebook Flüchtlinge als “Wilde” bezeichnet. Die “Frankfurter Rundschau” kommentiert: “Es ist erschreckend, dass ein prominenter Geschäftsmann tatsächlich glaubt, solche Äußerungen als seriös getätigte Meinung in den sozialen Netzwerken zu verbreiten, ohne dass sein Ruf Schaden nehme. Und es ist bedenklich, dass ein Bundestagsabgeordneter und langjähriger CDU-Politiker wie Matthias Zimmer diesem schäbigen Rassismus nur dezent widerspricht, statt die Hetze von seiner Facebook-Seite zu nehmen.”

4. Ein Jahr Projekt Orange – was wir geschafft haben
(medium.com, Susanne Amann & Birger Menke)
Es hört sich einfach an, aber es stecken mehr Anstrengungen dahinter, als man ahnt: Beim “Spiegel” werden die Print- und die Onlineabteilung zusammengelegt. Nach einem Jahr Vorlaufzeit soll es nun am 1. September in den “Gemeinschaftsbetrieb” gehen. Im “Spiegel”-Blog erklären Susanne Amann und Birger Menke von der “Projektleitung Orange” die Auswirkungen auf Ressorts, Strukturen und Arbeitsabläufe.



5. Polizei in NRW soll künftig Nationalität aller Tatverdächtigen nennen
(faz.net)
Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hat die Pressestellen der Polizei angewiesen, generell Angaben zur Nationalität von Tatverdächtigen zu machen, sofern diese bekannt ist. Andere Bundesländer handhaben dies nicht so, und auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat eine andere Sichtweise: Die Nationalität von Tatverdächtigen spiele bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit immer eine Rolle, Ermittlungsergebnisse würden aber nur begrenzt in die Öffentlichkeit gehören: “Deshalb kann es eine generelle Transparenz bei der polizeilichen Pressearbeit in diesem Zusammenhang nicht geben.”
Weiterer Lesehinweis: NRW als Vorbild für ganz Deutschland? (deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann).

6. Film & Fernsehen: Eine Branche mit großen Nachwuchssorgen
(blmplus.de, Lisa Priller Gebhardt)
Die Filmproduktionsbranche leidet unter Fachkräftemangel, die Produzenten jammern über Nachwuchssorgen. Teilweise müssten Produktionen verschoben werden, weil kein komplettes Team zur Verfügung stehe. Was im Artikel leider nicht thematisiert wird, sind die teilweise unterirdischen Einstiegsgehälter der Branche, die ein Überleben an Medienstandorten wie Köln nahezu unmöglich machen.

Kultur als Kampffeld, Offener Brief zu “Todeslisten”, Regenwald-Bilder

1. Druck von rechts
(sueddeutsche.de, Peter Laudenbach & John Goetz)
Die Neue Rechte ist durchtränkt von der Ablehnung eines weltoffenen und liberalen Kulturlebens. Vielerorts hat sie die Kultur als regelrechtes Kampffeld für sich entdeckt. Und seit Einzug der AfD in die Parlamente wird auch mit parlamentarischen Anfragen Stimmung gegen Kultureinrichtungen gemacht. Das ARD-Kulturmagazin “Titel, Thesen, Temperamente” und die “SZ” haben einige Vorfälle der vergangenen Jahre exemplarisch dokumentiert. Es ist eine erschreckende Chronik der Hetze gegen Kultur und Kulturschaffende in diesem Land.

2. Lena Meyer-Landrut gewinnt gegen Bild-Zei­tung
(lto.de)
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in einer bemerkenswerten Entscheidung festgestellt, dass die “Bild”-Zeitung in unzulässiger Weise über Nacktfotos von Popstar Lena Meyer-Landrut berichtet hat. Die Zeitung habe damit das Persönlichkeitsrecht der Sängerin verletzt. Der BGH ist auch auf die “Anlockwirkung” der Berichte eingegangen: “Zwar zeigten diese nicht die Bilder oder führten direkt zu ihnen, doch könnten sich dadurch viele Leser — speziell durch den Hinweis “mit ein paar Klicks kann jeder die Dateien sehen” — veranlasst sehen, selbst nach ihnen zu suchen, so die Befürchtung der Richter. Indem man die Erpresser-Tweets wiedergebe, lasse man den Leser zudem daran teilhaben, “wie die Klägerin gegen ihren Willen zum reinen Objekt des Bildbetrachters wird und dadurch ein Ausgeliefertsein sowie eine Fremdbestimmung erfährt, die als demütigend wahrgenommen wird”. Als Opfer einer vorangegangenen Straftat sei Meyer-Landrut darüber hinaus besonders schutzwürdig.”

3. “Todeslisten”: Offener Brief an Innenminister Seehofer
(netzwerkrecherche.org)
Sechs Journalisten- und Medienverbände fordern in einem Offenen Brief an Innenminister Horst Seehofer Aufklärung über die von Rechtsextremen aufgestellten “Todeslisten”. Es gehe um die Sicherheit von Medienschaffenden und die Möglichkeit der ungehinderten Berufsausübung. “Zudem fordern wir zu den nötigen Schritten auf, um Medienschaffenden bundesweit wieder zu ermöglichen, eine unkomplizierte Auskunftssperre für Privatadressen im Melderegister zu erwirken. In einigen Bundesländern muss inzwischen eine akute Gefahr für Leib und Leben nachgewiesen werden, damit eine Auskunftssperre erfolgt — dann könnte es bereits zu spät sein, um sich zu schützen.”

4. Alarm wie aus dem Bilderbuch
(taz.de, Ingo Arzt)
In den Medien zirkulieren farblich bearbeitete Satellitenbilder des brennenden Regenwaldes, die teilweise falsch interpretiert werden, schreibt Ingo Arzt. Die roten Flächen würden nämlich nicht die tatsächliche Größe der Feuer zeigen, sondern lediglich als eine Art Markierung dienen. Die tatsächlichen Feuer könnten, je nach Darstellung der Karte, um den Faktor 100.000 kleiner sein. Umwelt- und Wirtschaftsredakteur Arzt fordert: “Die zum Teil irreführende Darstellung der Feuer auf vermeintlich objektiven Bildern aus dem All bedürfen der Erklärung. Weil sonst die Glaubwürdigkeit derer leidet, die auch weiter um den Erhalt der Wälder ringen, wenn die mediale Karawane weitergezogen ist.”

5. “Als etwas dümmliche Masse wahrgenommen”
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio: 5:52 Minuten)
Die Journalistin Marieke Reimann empfindet die Berichterstattung über Ostdeutschland als ein “großes Problem für die gesellschaftliche Gesamtwahrnehmung”. Reimann kritisiert, “dass wir auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nach wie vor eine hauptsächlich westzentrierte (…) Ostdeutschland-Berichterstattung haben, die oft Ostdeutsche pauschalisiert und als homogene Masse darstellt, fast nie über die 80 Prozent berichtet, die eben nicht rechts wählt. Und, wenn es um die Bebilderung von Artikeln geht, auch dort oft pauschal herabsetzt, vielleicht sogar diskriminiert oder zu Altbewährtem wie Plattenbauten und Trabbis greift, um dort Sachen zu bebildern.”

6. Mikro noch offen: Jan Hofer plaudert über seine Bitcoins
(t-online.de, Jannis Seelbach)
Aufgrund einer Panne beim Digitalsender Tagesschau24 blieben die Mikrophone in einer Pause offen. Nachrichtensprecher Jan Hofer erzählt seinem Kollegen unter anderem, dass seine Bank eine Neubewertung seiner Immobilien vorgenommen habe und flüstert “teilweise das Dreifache …”. Die Redaktionsleiterin habe auf Nachfrage von t-online.de erklärt, dass es sich um ein privates Gespräch gehandelt habe, das nicht ernst gemeint gewesen sei.

Ferndiagnostiker, Wolkenformationen, Medienkampagne SPD-Vorsitz

1. Vorsicht, Ferndiagnose!
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Bei Kriminalfällen und Katastrophen bemühen die Medien gern Experten, die auf die Schnelle und aus der Ferne Täter und Tathergang begutachten. Oft, ohne vor Ort gewesen zu sein und ohne mit dem oder den Betroffenen gesprochen zu haben. Hinnerk Feldwisch-Drentrup schreibt über ein mediales Phänomen, das sich an der Grenze zum Unredlichen und Unmoralischen bewegt.

2. “Ein großes Missverständnis”
(sueddeutsche.de, Peter Münch)
Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm sollte eigentlich einen mit 10.000 Euro dotierten Journalistenpreis erhalten, doch er hat die Annahme des Preises abgelehnt. Das habe vor allem mit den beiden neuen Sponsoren zu tun: Dem Land Burgenland und der Esterházy-Stiftung, denen er eine “Law-and-Order-Politik” und “feudalistisches Denken” vorwirft: “Ich schreibe nicht ein Leben lang gegen diese Zustände, um mich dann mit ihnen gemein zu machen.”

3. Instagram-Fakes: Wenn die Wolken immer gleich schön aussehen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Eine argentinische Reise-Influencerin hat auf Instagram Bilder gepostet, bei denen immer die gleichen Wolkenformationen zu sehen sind. Ermöglicht durch eine App, die den Bildhintergrund austauscht und für mehr Drama sorgt. Nun wird diskutiert, ob ein derartiges Fälschen von Bildern erlaubt sei, oder ob Instagram eh ein Ort von Inszenierung und Manipulation sei.

4. Neu: DIE POLITIKANALYSE #1 – Kandidatencheck Sachsen & Brandenburg
(youtube.com, Wolfgang M. Schmitt & Tilo Jung, Video: 20:47 Minuten)
Auf Tilo Jungs Youtube-Kanal gibt es ein neues Format: Die Politikanalyse von Wolfgang M. Schmitt. Dabei dienen Ausschnitte aus Jungs Politikerinterviews als Basis für einen “ideologiekritischen Blick auf die Politik von heute”. In der ersten Folge befasst sich Schmitt mit den Interviews vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen.

5. Christian Fuchs über… Grenzen
(message-online.com, David Baldauf)
Im Interview mit “Message” spricht Investigativreporter Christian Fuchs über Schwierigkeiten bei der Recherche im rechten Umfeld, ethische Grenzen und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen: “Gerade im investigativen Bereich geht es oft nur noch in Gruppen, weil einem einfach die Expertise für andere Länder fehlt. Die allermeisten Kooperationen und Verbünde, die ich mit ausländischen KollegInnen hatte, waren sehr fruchtbar und für alle Seiten ein Gewinn. Ich würde es jedem empfehlen, seine Fühler auch in die anderen Länder auszustrecken, denn ich glaube, die allermeisten Themen sind heute international und man braucht die Kontakte ins Ausland, um sauber arbeiten zu können.”

6. Ich, Jan Böhmermann, bewerbe mich als SPD Vorsitzender!
(youtube.com, Jan Böhmermann)
Jan Böhmermann möchte Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands werden. Ein in vielerlei Hinsicht ehrgeiziges Vorhaben: Die Bewerbungsfrist endet am Sonntag um 18 Uhr. Bis dahin muss Böhmermann in die Partei aufgenommen worden sein. Außerdem müssen fünf SPD-Unterbezirke, ein Bezirk oder ein Landesverband seine Kandidatur unterstützen.

Entzauberte Verlagsmythen, Talkshows hassen, Wahlprogramme

1. Weil der Verlag sich ändern muss – Version 2019
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer hat einen langen, aber gut durchstrukturierten Text über die aktuelle Situation der deutschen Medien und Verlage geschrieben. Dabei räumt er mit den vielen Mythen auf, die in dem Zusammenhang gerne als Erklärung beziehungsweise Ausrede für sinkende Verkaufszahlen herangezogen werden. Lesenswert nicht nur für Medienmachende, sondern auch für Medienkonsumierende.

2. Warum Clickbait-Überschriften keine schlechten Überschriften sein müssen
(zeitgeist.rp-online.de, Christian Albustin)
Auf dem Campfire-Festival 2019 sprachen unter anderem vier Chefredakteurinnen beziehungsweise Chefredakteure aus dem Rheinland über ihre Sorgen und Hoffnungen. Vier Erkenntnisse hätten sich herauskristallisiert: 1. In wenigen Jahren könnte der Boulevard-Print tot sein. 2. Clickbait-Überschriften sind gute Überschriften — wenn sie nicht zu viel versprechen. 3. Podcasts sind ein ideales Medium fürs Stauland NRW. 4. Journalistinnen und Journalisten müssen noch mehr um Glaubwürdigkeit kämpfen.

3. “Eine versteinerte Diskussion”
(spiegel.de, Arno Frank)
Der “Spiegel” hat sich mit Oliver Weber unterhalten, dem Autor des Buchs “Talkshows hassen”. Weber rät den Talk-Redaktionen, bei der Zusammenstellung der Gäste nicht nur an Fachleute zu denken: “Ich würde empfehlen, dass man öfter Bürger einlädt. Talkshows sollten sich auch nicht in Expertengremien verwandeln. Macht muss sich auch im Fernsehen darstellen und zu Ansichten und Meinungen eine Stellung beziehen können. In der Talkshow können Parteipolitiker nicht mehr selbst die Konstellation festlegen, in der sie ihre Standpunkte vertreten. Das ist ein Vorteil der Talkshow.”

4. Nur tote Soldaten zählen
(taz.de, René Martens)
Christoph Heinzle und Kai Küstner, früher ARD-Korrespondenten in Afghanistan, erzählen in einer Radio- und Podcastserie vom Bundeswehreinsatz in dem Land. In den sechs Folgen geht es neben der Schilderung der Geschehnisse auch um die öffentliche Debatte und die mediale Verarbeitung.
Hier geht es zu den Folgen: Folge 1
, Folge 2, 
Folge 3, Folge 4, Folge 5, Folge 6.

5. Exklusiv: Verwerter planen Lobby- und Medienkampagne gegen Digitalkonzerne
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Netzpolitik.org berichtet über ein internes Schreiben einer “Verwerterlobby”, zu der unter anderem der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Börsenverein des deutschen Buchhandels gehören, aber auch die Kinderschützer von Innocence in Danger, die “eine große Kampagne” plane, “um für mehr Regulierung der Digitalkonzerne zu werben.” Das Ziel, so steht es in dem Schreiben, sei die “Einflussnahme auf die öffentliche Meinungsbildung zum Umgang mit Digitalmonopolisten und sich daraus ergebende mittelbare Ertüchtigung von Beamten, Politikern, Richtern und Entscheidungsträgern”. Für diesen Zweck sollen Medienunternehmen frei Werbeplätze zur Verfügung stellen.

6. Wahlprogramme oft unverständlich
(politik-kommunikation.de, Judith Cech)
Forscher der Universität Hohenheim haben die Wahlprogramme der brandenburgischen und sächsischen Parteien auf Verständlichkeit hin überprüft. Sie stießen auf zu lange Sätze, viele Fachbegriffe, Fremdwörter sowie zusammengesetzte Worte und bildeten daraus den “Hohenheimer Verständlichkeitsindex”.

Wahlberichterstattung, Jatta ist Jatta, “Das sagt man nicht!”

1. Schön komfortabel für die AfD
(zeit.de, Matthias Dell)
Matthias Dell analysiert den Wahlabend im “Ersten” mit Fokus auf die AfD. Der Sender sei daran gescheitert, angemessen über die Partei zu berichten: “Die eigentlich doch bestens informierten ARD-Journalisten haben in sechs Jahren AfD-Auftritten scheinbar nicht verstanden, worum es sich bei der Partei handelt, wie verschieden sie intern und nach außen spricht und mit welchen Lügen und falschen Selbstviktimisierungen sie sich ihren Platz im öffentlichen Diskurs erbrüllt hat.”
Die “taz” sieht das ähnlich, wenn sie den Umgang des MDR mit der AfD kritisiert und fragt: “Darf das passieren?”

Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org hat ein paar Beispiele für guten Datenjournalismus zur Wahl zusammengesucht: Wahlen in Brandenburg und Sachsen: Diese Grafiken und Karten visualisieren den Rechtsruck
Für den “Tagesspiegel” hat Sebastian Leber das brandenburgische “AfD-Rekorddorf” Hirschfeld im Elbe-Elster-Kreis besucht und eine lesenswerte Reportage mitgebracht.

2. Absurd peinliches CSU-Video: CSYOU im Faktencheck
(vice.com)
Die CSU hat auf ihrem Youtube-Kanal ein Video veröffentlicht, das auf viele wie eine Karikatur eines jugendlich-flippigen Beitrags im Rezo-Style wirkt. Kein Wunder, dass das Video viele negative Reaktionen hervorruft (bislang 94.000 Daumen nach unten, bei 2400 Daumen nach oben). Außerdem wird vielerorts der Vorwurf geäußert, die CSU habe negative Kommentare gelöscht — was von der CSU jedoch bestritten wird. Aber es besteht auch inhaltliche Kritik an dem Werk: Journalist Sebastian Meineck hat einige der Behauptungen aus dem Video einem Faktencheck unterzogen (Twitter-Thread). Sein Fazit: “Diese Häufung irreführender Informationen ist ein sehr schlechter Stil. Hinzu kommt das Cringefest aus Schnitten, Soundeffekten und hippeligem Host. Mehr als 3 Monate nach dem Rezo-Video ist das eine Riesenblamage.”

3. 5 Learnings aus einem Jahr Paywall
(medium.com, Martin Fehrensen)
Martin Fehrensen ist der Herausgeber des “Social Media Briefings”. Dabei handelt es sich um Fachinformationen, die zwei- bis dreimal die Woche per Newsletter an die (zahlenden) Abonnenten verschickt werden. In einem Bericht hat Fehrensen seine fünf “Learnings” notiert, die er im vergangenen Jahr, seit sein Angebot hinter einer Paywall steht, gewonnen hat. Davon könnten auch andere journalistische Angebote profitieren, die auf der Suche nach tragfähigen Finanzierungsmodellen sind.

4. Rassistischer Konjunktiv
(taz.de, Johannes Kopp)
Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hat gestern mitgeteilt, dass es sich bei dem HSV-Fußballer Bakery Jatta tatsächlich um Bakery Jatta handelt. Eigentlich könnte nun endlich Schluss sein mit den vom Springer-Verlag ausgehenden Spekulationen um die Identität des gambischen Fußballprofis. Springer zündele jedoch munter weiter: “Dass der Springer-Verlag seine eigenen Mutmaßungen für beweiskräftiger hält als die Einträge im Geburtenregister von Gambia mag auch deren rassistischen Vorstellungen geschuldet sein.”

5. Das sagt man nicht!
(spiegel.de, Nils Minkmar)
In einem Essay hat sich Nils Minkmar mit der oftmals geäußerten Behauptung auseinandergesetzt, man dürfe heutzutage nicht mehr sagen, was man denke. Dies führe zu unterschiedlichen Verhaltensweisen, etwa dem Rückzug ins Schweigen oder dem lautstarken Schimpfen im Netz. Bei der Antwort auf übertriebene Ängste seien Politikerinnen und Politiker oftmals überfordert. Daher sollten sie von anderen Akteuren, Unternehmerinnen und Unternehmern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Künstlerinnen und Künstlern unterstützt werden: “Sicher ist, dass ein neuer Prozess nötig ist — man kann nicht immer nur retrospektiv den Aufstieg der Nazis von 1933 verhindern wollen. Die Dialektik von Provokation und Empörung führt zu Lagerbildung, und irgendwann sind alle nur noch beleidigt. Etwas Sportsgeist und Forscherdrang helfen in diesen bewegten Zeiten weiter. Was gesagt wird, ist mitunter nicht halb so spannend wie die Gründe, die Gedanken und Ansichten, die zu der Aussage führten.”

6. Gehet hin und bleibt zu Hause
(faz.net, Nele Antonia Höfler)
Die Kirche hat es heutzutage schwer. Jahr für Jahr gehen die Mitgliederzahlen zurück und die meisten Gotteshäuser sind nur zu den Feiertagen oder bei besonderen Anlässen voll. Da liegt der Gedanke nahe, die Leute dort abzuholen, wo sie sind: im Internet. Nele Antonia Höfler stellt Geistliche vor, die online aktiv sind und die “Frohe Botschaft” via Youtube verbreiten.

Krankentracking, “Jerks”-Klischees, Schief gewickelt

1. Wie Hilfesuchende im Netz erfasst werden
(sueddeutsche.de, Jannis Brühl & Felix Ebert & Svea Eckert & Jan Strozyk & Vanessa Wormer)
Wer sich im Netz über psychische Erkrankungen informiert oder einen Depressions-Selbsttest durchführt, muss damit rechnen, dass seine Daten an Dritte weitergegeben werden. Das hat eine Analyse der Organisation Privacy International ergeben, die der “Süddeutschen Zeitung” und dem NDR vorliegt: “Heikel ist das vor allem, weil wenige Themen so schambesetzt sind wie psychische Krankheiten. Daten, die Rückschlüsse auf die Gesundheit Einzelner zulassen können, sollten deshalb nicht nur in der Krankenakte beim Arzt, sondern auch im Netz besonders geschützt sein.”

2. “Jerks”: Sind Klischees über behinderte Menschen witzig?
(ze.tt, Konrad Wolf)
Der studierte Theaterregisseur und Autor Konrad Wolf hat sich angeschaut, wie in der Comedyserie “Jerks” mit dem Thema Behinderung umgegangen wird: “Die Serie gibt vor, mit Klischees zu spielen. Aber tut sie das wirklich? Der Serie gelingt in den Szenen, die die Behinderung thematisieren, nicht, was ihr in vielen anderen Szenen sehr wohl gelingt: dass der Witz auf Christian und Fahri zurückfällt. Jerks bedient die Klischees über Menschen mit Behinderung, ohne sie überraschend zu brechen.”

3. Geleakte Lobbystrategie: VG Media fühlt sich missverstanden und entschuldigt sich
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Netzpolitik.org hat vor ein paar Tagen über ein internes Schreiben einer “Verwerterlobby” berichtet, zu der unter anderem der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Börsenverein des deutschen Buchhandels gehören, aber auch die Kinderschützer von Innocence in Danger, die “eine große Kampagne” plane, “um für mehr Regulierung der Digitalkonzerne zu werben.” Nun hat sich die Lobbyorganisation VG Media zu Wort gemeldet und sich “für missverständliche Formulierungen” entschuldigt. Markus Beckedahl ist nicht überzeugt: “Für uns zeigte sich vor allem eine große Doppelmoral: Die beteiligten Verlegerverbände kämpfen auf EU-Ebene Hand in Hand mit den Digitalkonzernen gegen besseren Datenschutz und Verbraucherrechte beim intransparenten Tracking und drohen dabei mit dem “Ende der Demokratie”.”

4. Liebe 20 Minuten-Redaktion…
(daslamm.ch, Miriam Suter)
Miriam Suter ärgert sich über einen Artikel der kostenlosen Schweizer Pendlerzeitung “20 Minuten” zum Wickeln eines Kindes in der Öffentlichkeit: “Dass sich eine Frau 2019 tatsächlich noch immer schämen muss, wenn sie ihr Kind in der Öffentlichkeit wickelt oder stillt, ist auch Artikeln wie euren zu verdanken. Dass die Frau dafür öffentlich an den Pranger gestellt wird und man in euren Kommentarspalten gar von ihr verlangt, sich öffentlich für ihr “Verhalten” zu entschuldigen, ist einer übertrieben klickgeilen Art von Journalismus geschuldet, wie ihr ihn betreibt. Es ist eine bewusste redaktionelle Entscheidung von euch, mit Frauenfeindlichkeit Geld zu machen.”

5. YouTube löscht Rekordzahl an Hassvideos
(tagesschau.de)
Youtube hat im vergangenen Quartal nach eigenen Angaben wesentlich mehr Videos wegen Hassinhalten gelöscht als bisher. Mehr als 100.000 Videos habe das Netzwerk gelöscht, das sei fünfmal so viel wie zuvor. Des Weiteren habe man 17.000 Youtube-Kanäle wegen Hassinhalten gesperrt und mehr als 500 Millionen Kommentare unter Videos entfernt. Leider fehlen Zahlen zur quantitativen Gesamtentwicklung, mit denen sich die Entwicklung besser einordnen lassen würde.

6. Ich bin ein Mann mit Bauch
(faz.net, Anna Vollmer)
Der (derzeit geschäftsführende) italienische Innenminister und Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini ist ein Meister der Selbstinszenierung. Auf seinem Twitter-Account soll er bereits über 11.000 Fotos und Videos gepostet haben. Der rassistische Politiker und volkstümliche Kumpel von nebenan sende dabei gerne doppeldeutige Signale: “Salvinis Fotos suggerieren ein Italien-Bild, bei dem es vor allem um drei Dinge geht: Essen, Fußball und Katholizismus. Themen, die auch in den klassischen italienischen Komödien immer wieder eine Rolle spielen. Wo die Filme jedoch mit Leichtigkeit und Selbstironie daherkommen, haben Salvinis Bilder einen doppelten Boden, der durchaus politisch ist. Indem Salvini vorgibt, was italienisch ist, zeigt er auch, wer nicht dazugehört.”

Journalisten müssen sich Studie von Lesern erklären lassen

Vergangene Woche ging das Ergebnis einer Studie um die Welt, das von vielen Medien so zusammengefasst wurde:

Studie: Es gibt kein "Schwulen-Gen"
Ein Gen für Homosexualität existiert nicht
Studie: Homosexualität ist nicht durch Genetik erklärbar

Tatsächlich spielen Gene beim Sexualverhalten aber sehr wohl eine Rolle. In der Studie (PDF) heißt es sinngemäß, dass sich zwar nicht ein einzelnes Gen isolieren lässt, das die sexuelle Orientierung bestimmt, dass es aber auf verschiedenen Chromosomen bestimmte genetische Marker gibt, die dafür mitverantwortlich scheinen. Einfacher gesagt:

Same-sex sexual behavior is influenced by not one or a few genes but many.

Oder wie Anna Müllner auf der Blogplattform “Scilogs” schreibt:

Viele News-Outlets — unter anderem renommierte wie Nature.com — titelten kürzlich: “Das Schwul-Gen gibt es nicht”. Peinlich, denn die Studie, über die sie berichten, sagt etwas ganz anderes: Es gibt zwar kein einzelnes Gen, dass unsere Sexualität reguliert, dafür scheint es aber viele genetische Veränderungen zu geben, deren Zusammenspiel am Ende einen Teil unseres Sexualverhaltens beeinflusst.

Warum die “Kein Schwulen-Gen!”-Schlagzeilen so problematisch sind, erklärt ein LGBTQ+-Wissenschaftler in den “Scilogs” so:

Die Wissenschaftler*innen selbst haben bereits erwähnt, dass dies ein Minenfeld sein könnte, und “Nature” hat sich dennoch für die Verwendung von “no gay gene” in ihrer Schlagzeile entschieden. Das ist problematisch, da dies keine genaue Take-Home-Message war und auch unverantwortlich. Viele der Gegner der LGBTQ+-Community glauben uns bereits nicht, wenn wir den Ausdruck “so geboren” verwenden. Was wir jetzt befürchten, ist, dass sie sich befähigt oder (falsch) wissenschaftlich gerechtfertigt fühlen könnten, weil sie solche sensationshungrigen Schlagzeilen haben.

Und damit kommen wir zum Deutschlandfunk (DLF), der gestern bei Facebook folgenden Post veröffentlichte:

Facebook-Post des Deutschlandfunks: Auf dem Foto sieht man zwei Männer von hinten, die sich an den Händen halten. Dazu die Überschrift: "Homosexualität ist nicht genetisch bedingt - Eine Studie im Science-Magazin zeigt, dass Gene zwar Einfluss auf das sexuelle Verhalten haben, die Umgebung aber wichtiger ist"

Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass es mehrere Stunden und hunderte Leserkommentare brauchte, bis es auch der DLF endlich verstanden hatte. Den nicht gerade schmeichelhaften Lernprozess konnte man dabei live mitverfolgen:

Nachdem einige Leserinnen und Leser den Post kritisiert und als Beleg den Artikel der “Scilogs” verlinkt hatten, räumte der DLF ein:

Es muss heißen: “Nicht ausschließlich genetisch bedingt”. Es stimmt, das ist ein wichtiger Unterschied.

Und so antwortete er in den darauffolgenden Stunden auf kritische Einwände immer wieder:

Ja, es stimmt: Es muss heißen, dass die Studie besagt, dass die Gene nicht ausschließlich für Homosexualität ausschlaggebend sind; prägender ist das soziale Umfeld. In dem Bild kann man das leider nicht ändern, so gerne wir das tun würden. Wir bitten um Entschuldigung für diesen krassen Lapsus.

Was der DLF da noch nicht bemerkt hatte: Es war nicht sein einziger “krasser Lapsus”. Denn wie die Leserschaft erklärte:

Umgebung heisst NICHT soziales Umfeld und kann 100% biologische Prozesse sein.

Gene = Bauplan
Biologische Prozesses = der Bau selbst.

Aber das schien den DLF nur noch mehr zu verwirren. Er entgegnete:

Die Studie besagt doch, dass die Gene bis zu 25% ausschlaggebend für die Sexualität sind. Das würde doch im logischen Umkehrschluss bedeuten, dass die restliche Prägung über das soziale Umfeld zustande kommt, oder nicht?

Antwort:

NEIN.

Sie verstehen Genetik nicht!!

Der Körper baut das Gehirn anhand von Genen auf (also der Bauplan).

Wenn jetzt 25% Genetik ist, dann ist Homosexualität zu 25% verursacht durch die Gene (den Bauplan), und der Rest kann 75% biologische Prozesse sein. Zum Beispiel durch abnormalen Hormonspiegel (durch irgendwelche Gründe) in der Schwangerschaft kann das Embryo eine andere als normal Neurobiologie bekommen OHNE irgendwelchen Einfluss von Genen!!

Die 75% nicht-genetischen Faktoren kann ALLES sein: biologische Entwicklung, physikalische Umwelt, soziales Umfeld, usw.

Ein anderer Leser versuchte es mit einem Zitat aus dem Artikel, den der DLF selbst verlinkt hatte:

So steht es in dem Artikel: “When the researchers combined all the variants they measured across the entire genome, they estimate that genetics can explain between 8% and 25% of nonheterosexual behavior. The rest, they say, is explained by environmental influences, which could range from hormone exposure in the womb to social influences later in life.”

Worauf der DLF antwortete:

Vielen Dank. Wir sind Journalisten und Redakteure und keine Gen-Forscher, aber so haben wir das auch verstanden.

Das ist von allen Antworten des DLF wahrscheinlich die traurigste. Können wir ja nix für, dass wir da nicht durchblicken, wir sind ja nur Journalisten.

Und es ist ja schön, dass der DLF so transparent mit seinen Fehlern umgeht, aber noch schöner wäre es, wenn er seinen Lesern die Welt erklären würde, statt andersherum.

Geändert wurde an dem Post bislang übrigens — nichts. Zur Begründung schreibt der DLF in den Kommentaren:

Leider lässt sich das in dem Bild nicht ändern; und den ganzen Post wollten wir nicht löschen, weil dann auch alle Kommentare aller Beteiligten hier gelöscht werden. Und wir wollen nicht den Eindruck erwecken, als wollten wir den Fehler unter den Teppich kehren. Die Vorwürfe sind hart und tun weh, sind aber berechtigt. Danke in diesem Sinne für die sachliche kritische Rückmeldung.

Das Problem ist, dass die Kommentare vermutlich nur von einem Bruchteil der Leute gelesen werden. Die meisten dürften nur das Bild mit den Falschaussagen sehen.

Und es gäbe ja noch andere Möglichkeiten, die Leser darauf hinzuweisen, dass die Meldung falsch war. Man könnte zum Beispiel eine Korrektur posten. Oder wenigstens eine Korrektur im Begleittext des falschen Posts veröffentlichen. Aber so weit reicht die Selbstkritik des Deutschlandfunks dann wohl doch nicht.

Mit Dank an Dominik D. für den Hinweis!

Nachtrag, 5. September: Der DLF hat auf unseren Beitrag reagiert:

Tweet des Deutschlandfunks: "Wir haben die Ergebnisse einer Studie unzulässig verkürzt und dadurch das Studienergebnis falsch dargestellt. Dafür bitten wir in aller Form um Entschuldigung. Dieser Social-Media-Post genügte anders als der Radio- und Online-Beitrag nicht unseren journalistischen Standards."

Tweet des Deutschlandfunks: "Da wir grundsätzlich mit Fehlern einen transparenten Umgang pflegen, hatten wir ursprünglich entschieden, diesen Post nicht zu löschen. Um allerdings die Weiterverbreitung dieser unzulässig verkürzten Aussage zu stoppen, werden wir diesen Post in zwei Stunden löschen."

Diese Stellungnahme hat die Redaktion auch in dem von uns kritisierten Facebook-Post veröffentlicht. Diesen Post hat sie inzwischen, wie angekündigt, gelöscht.

“NZZ” vs. Wissenschaft, Waldorf in Tagesthemen, Hortensien geraucht?

1. Die NZZ gegen die Wissenschaft
(infosperber.ch, Lukas Fierz)
Als “Desinformationskampagne” bezeichnet Lukas Fierz die in der “NZZ” erscheinenden Beiträge zur Klimafrage: “Mit wachsender Verärgerung und Besorgnis lese ich (…) in der NZZ Artikel, die in der Klimafrage wissenschaftliche Tatsachen als Meinung darstellen und ihnen die Meinung von Schwätzern und Interessenvertretern gegenüberstellen, um den Eindruck zu erzeugen, dass es darüber noch eine “Debatte” gebe.”

2. Wer lesen will, muss bezahlen
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 5:57 Minuten)
Immer mehr Regional- und Lokalzeitungen errichten Paywalls und hoffen auf möglichst viele Digitalabonnenten. Die Verlage probieren derzeit die verschiedensten Varianten und Modelle aus, von der “Time-Wall” bis zum Sparten-Abo oder der “Total-Schranke”.

3. Wie sich bento neu erfinden wird
(medium.com/@devspiegel)
Ein Jahr hat der “Spiegel” an einer tiefgreifenden Umstrukturierung gearbeitet, an deren Ende die Zusammenlegung von Print- und Onlineabteilung steht (“Projekt Orange”). Vier Jahre nach Gründung des Junge-Leute-Ablegers “Bento” überarbeitet der “Spiegel” nun Website und Angebot. In einem Blogbeitrag erklärt die Redaktion, was bei “Bento” bleiben, was weichen und was dazukommen soll.

4. Werbeunterbrechung für Waldorfschulen in den Tagesthemen
(hpd.de, Andreas Lichte)
In den “Tagesthemen” gab es einen Beitrag über Waldorfschulen, der ohne jede Kritik auskam. Was vielleicht auch daran lag, dass die beteiligte Journalistin nicht nur Waldorfschülerin war, sondern auch Vorstandsmitglied eines Waldorfvereins ist, auf Podien von Waldorfveranstaltungen spricht und demnächst eine Waldorffestveranstaltung moderiert. Andreas Lichte kommentiert: “Nun ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn Journalistinnen und Journalisten sich in dem Themenfeld, über das sie berichten, auskennen. Wer allerdings, wie Esther Saoub, so eng mit der Waldorfbewegung verbunden ist, den sollte sein eigenes journalistisches Berufsethos davon abhalten, Berichte über das Thema für öffentlich-rechtliche Medien zu gestalten. Sollte das eigene Berufsethos versagen, so wäre es Aufgabe der Tagesthemen-Redaktion, entsprechende Interessenkonflikte aufzuspüren und von einer Beauftragung abzusehen. Dass beides nicht geschehen ist, ist traurig.”

5. “Live ist spannender”
(taz.de, Wilfried Urbe)
Talkmaster Jürgen Domian drängt es wieder in die Talk-Domäne, ab November ist er mit seiner neuen Show im WDR zu sehen: “Ich wundere mich schon seit Jahren, dass es im deutschen Fernsehen keinen No-Name-Talk gibt, also eine Talkshow, in der ausschließlich nichtprominente Menschen zu Wort kommen. Meine Nachtsendung hat bewiesen, dass ganz normale Leute hochinteressante, spannende, zu Herzen gehende und tolle Geschichten zu erzählen haben. Im Übrigen wird unser Format sich von den anderen Talkshows auch dadurch unterscheiden, dass ich nicht nur Interviewer und Talkmaster sein werde, sondern, so wie auch im Nighttalk damals, Gesprächs- und Diskussionspartner, Zuhörer und vielleicht auch Ratgeber.”

6. Die Mafia mit der Gartenschere
(kontextwochenzeitung.de, Minh Schredle)
Stimmt es wirklich, dass Hortensien-Junkies sich über fremde Blumenbeete hermachen, weil die Knospen so wirkungsvoll sind wie feinstes Cannabis? Minh Schredle schreibt über ein Boulevardthema, bei dem die einzigen Bekifften anscheinend die Reporter waren, die mit viel Fantasie den Unfug aufgeschrieben haben.