Bild  

AfD-Anfrage landet ungeschminkt in „Bild“

Wenn die AfD-Fraktionen inhaltlich schon nichts in den Landtagen und im Bundestag beizutragen haben, wollen sie wenigstens durch sinnlose Kleine Anfragen an die jeweiligen Regierungen den Apparat ein bisschen lahmlegen. Sie fragen dann zum Beispiel nach Vergewaltigungen in Parks, die gar nicht existieren (PDF), oder nach einer angeblichen „militanten Szene der Veganer in NRW“ (PDF) . Eine der peinlichsten Anfragen auf Bundesebene dürfte jene nach dem Einsatz von „Visagisten, Stilberatern und Friseuren“ bei „der Bundeskanzlerin, den Bundesministern, den Staatsministern oder anderen hochrangigen Regierungsvertretern“ sein (PDF).

Die (bereits zwei Wochen alte) Antwort darauf (PDF) könnte unspektakulärer nicht ausfallen: Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz nahm im Zusammenhang mit ihren beruflichen Aufgaben zweimal die Dienste eines Visagisten in Anspruch, Finanzminister Olaf Scholz einmal, genauso Außenminister Heiko Maas, Umweltministerin Svenja Schulze viermal, Bildungsminist …

… Pardon, wir sind kurz eingenickt …

… Bildungsministerin Anja Karliczek einmal und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner „in Einzelfällen“.

Joar.

Wer diese ganze Sache nicht spätestens jetzt wegen Bedeutungslosigkeit ignoriert, dem ist nicht mehr zu helfen. Oder er arbeitet bei „Bild“. Oder beides. Florian Kain gestern in der „Bild“-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Die ungeschminkte Wahrheit über unsere Minister - Welche Minister haben sich in dieser Legislatur einen Visagisten gebucht, um sich vor Auftritten schminken zu lassen?

Es folgt dann lediglich noch die Aufzählung aus der Antwort der Bundesregierung. Sonst nichts weiter. Keine Einordnung, keine weiteren Gedanken, nichts. Wobei, nicht ganz — es gibt noch eine Quellenangabe ganz am Ende des Artikels:

Ausriss Bild-Zeitung - Quelle: Regierungsantwort auf AfD-Anfrage

„Bild“ und andere Medien des Axel-Springer-Verlags akzeptieren grundsätzlich keine Anzeigen der AfD. Aber das ist letztlich auch gar nicht nötig — der Nonsens der Partei landet ja auch so ungefiltert im Blatt.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Rechte Online-Strategien, Medien im Endlostunnel, Geistesblitze für alle

1. Bürgerbewegung warnt Facebook vor rechter Propagandaflut
(spiegel.de, Markus Becker & Patrick Beuth)
Die Online-Bürgerbewegung Avaaz hat auf Facebook nach eigener Aussage rechte Desinformationsnetzwerke in Millionengröße entdeckt und diese an Facebook gemeldet. Daraufhin wurden von Facebook angeblich 77 Seiten mit rund sechs Millionen Followern stillgelegt. Während Avaaz die Funde als „Massenvernichtungswaffen für die Demokratie“ bezeichnet, wiegelt Facebook ab.
Weiterer Lesehinweis: Eine Untersuchung des Medienwissenschaftlers Trevor Davis habe herausgefunden, dass rund 200.000 wahrscheinlich gefälschte Facebook-Accounts für die AfD Stimmung machen würden: Verdächtige Accounts unterstützen AfD (zdf.de, Stephan Mündges & Ulrich Stoll).

2. Influencer der „Neuen Rechten“
(deutschlandfunk.de, Burkhard Schäfers)
Junge Rechtsextreme haben eine neue Strategie für sich entdeckt: Sie präsentieren sich in Videos und Fotos als Youtube-Stars und Influencer. Der Journalist Patrick Stegemann beschreibt das Vorgehen: „Die machen Selfies, es ist ein Filter drüber, sie machen Naturbilder, sie fotografieren ihre Schuhe, ihre Klamotten. Die sind dann teilweise von Klamottenmarken der extremen Rechten. Aber auf den ersten Blick unterscheidet sie eigentlich kaum etwas.“

3. Das fahle Licht am Ende des Endlostunnels
(meta-magazin.org, Franco Zotta)
Vor Kurzem jubelte die Branche über die positive wirtschaftliche Entwicklung beim „Guardian“. Dabei geriet jedoch in den Hintergrund, dass der „Guardian“ in den vergangenen Jahren hunderte Millionen Euro Verluste angehäuft und 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gekündigt hat. Franco Zotta nutzt dieses Beispiel als Einstieg für einige gute Gedanken über die zukünftige Medienentwicklung. Dabei hinterfragt er auch das Businesskonzept des von Gabor Steingart angekündigten Medienschiffs.

4. Geistesblitze für alle
(zeit.de, Hedwig Richter)
Die Historikerin Hedwig Richter ist ein Twitter-Fan: „Twitter ist eine digitale Agora. Es ist eben auch ein Ort der Wissenschaft, es bietet Platz für Neugierde, Debatten und Austausch.“ Folgerichtig hat sie im Sommersemester 2018 ihre Vorlesung an der Universität Heidelberg zusätzlich auf Twitter präsentiert. Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Richters Resümee: „Twitter kann den Horizont für gemeinsame Projekte öffnen.“

5. Ein neues Tool für mehr Glaubwürdigkeit
(de.ejo-online.eu, Kornélia R. Kiss)
„NewsGuard“ will Desinformationen entgegentreten und stuft daher Nachrichtenwebsites und deren Glaubwürdigkeit ein. Dazu muss der Nutzer ein Browser-Plugin installieren. In Deutschland seien bislang ungefähr 80 Seiten bewertet worden, unter denen drei „rot“ markiert seien: „Sputnik“, „RT“ und „Epoch Times“. Auf Twitter gab es bereits Kritik: „Gut als erste Einschätzung. Aber bei „Bild“ zeigt sich, dass sich viele Hinweise zu einer Publikation erst hinter einem Klick im „Kleingedruckten“ verstecken.“

6. Whoah, we’re going to Ibiza!
(taz.de, Silke Mertins)
Die Boulevardzeitung „Österreich“ verlost einen Kurzaufenthalt in der Ibiza-Villa, die durch das Strache-Video einige Berühmtheit erlangt hat. Die „taz“ hat einen Tipp für die Vermieter des Luxusanwesens: „Wenn die Vermieter der Villa auf Ibiza schlau sind, dann richteten sie am Ort des korrupten Geschehens eine Pilgerstätte für Gegner der Neuen Rechten ein. Mit Eintritt, Andenkenshop und Fotoshooting auf dem Schicksalssofa.“

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Bild  

Ganz Deutschland findet noch immer: „Bild“ tut nichts für das Gemeinwohl

Nach dem ersten „GemeinwohlAtlas“ der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2015 gibt es nun, in Kooperation mit der HHL Leipzig Graduate School of Management, die zweite Ausgabe. Dieser „Atlas“ soll den „gesellschaftlichen Nutzen von deutschen sowie internationalen Organisationen und Institutionen“ systematisch untersuchen und transparent abbilden:

Im Jahr 2019 nahmen insgesamt 11.769 Personen im Alter zwischen 18 und 93 Jahren an der Befragung teil.

Kannten die Befragten mindestens eine der aufgelisteten Organisationen, wurden sie aufgefordert, für einzelne, randomisiert ausgewählte Organisationen den Beitrag zum Gemeinwohl in den vier Dimensionen Lebensqualität, Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt und Moral zu bewerten.

Dieses Mal wurden 137 Unternehmen, Marken, Organisationen und Institutionen bewertet. Dabei ganz vorne: Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz und der Weiße Ring. Auf dem letzten Platz landete Marlboro. Auf dem vorletzten die FIFA. Und auf dem drittletzten:

Screenshot des GemeinwohlAtlas - auf dem Drittletzten Platz dabei Bild

… noch hinter solch ausgesprochenen Sympathieträgern wie Deutsche Bank, UEFA, Facebook, Twitter und Nestlé.

Beim ersten „GemeinwohlAltas“ landete „Bild“ noch auf dem letzten von 127 Plätzen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich der Ruf des Blattes seit 2015 verbessert hat — im Gegenteil: Marlboro und FIFA waren damals schlicht noch nicht dabei; die „Gemeinwohl“-Werte von „Bild“ sind im Vergleich zu vor vier Jahren noch einmal gesunken (Durchschnitt 2015: 2,37 – Durchschnitt 2019: 2,26 – die Skala geht von 1 bis 6, der Median lag 2019 bei 3,79).

Andere Medien schnitten deutlich besser ab: Die Dritten der ARD liegen auf Platz 16, die ARD auf Platz 18, das ZDF auf Platz 21, die „Süddeutsche Zeitung“ auf Platz 32, die „FAZ“ auf Platz 36, die „Welt“ auf Platz 65 und der „Spiegel“ auf Platz 67. Nur die TV-Sender Vox (120), Sat.1 (122) und RTL (128) können einigermaßen mit dem schlechten „Bild“-Ergebnis mithalten.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Drei Verdächtige, zwei anonym, eine Vorlage für rechte Scharfmacher

An einer Gesamtschule in Dortmund sollen drei Schüler geplant haben, einen Lehrer zu töten. Bild.de berichtete am vergangenen Dienstag erstmals über den Fall:

Screenshot Bild.de - In Hinterhalt gelockt - Schüler wollten Lehrer mit einem Hammer töten

Ein weiteres Mal am vergangenen Mittwoch:

Screenshot Bild.de - Schüler wollten Lehrer mit Hammer erschlagen - Darum sind die Täter auf freiem Fuß!

Und vorgestern dann noch einmal:

Screenshot Bild.de - Erster Anlauf mit Hämmern war gescheitert - Dortmunder Schüler planten Lehrer-Mord ein zweites Mal

Der Plan der Schüler ging nicht auf. Beim ersten Versuch wurde der Lehrer misstrauisch, als zwei der Schüler ihn an einen abgelegenen Ort lockten, wo der dritte Schüler einen Kreislaufkollaps vortäuschte. Der Lehrer drehte den Schülern laut Staatsanwaltschaft zu keinem Zeitpunkt den Rücken zu und rief einen Krankenwagen. Die Schüler setzten die Hämmer, die sie dabei gehabt haben sollen, daraufhin nicht ein. Bevor es zum zweiten Versuch kommen konnte, hatte die Polizei die drei Tatverdächtigen bereits festgenommen.

Und obwohl es drei Verdächtige sind, nennen „Bild“ und Bild.de wiederholt nur den Vornamen eines Verdächtigen:

Haupttäter Serkan wollte sich offenbar rächen, gewann zwei Mitschüler (17, 18) als Komplizen.

Im Verhör gaben zwei Schüler zu, dass der Lehrer an einer abseits gelegenen Raucherecke mit einem Hammer erschlagen werden sollte. Haupttäter Serkan (16) stritt dagegen alles ab.

Seit mehr als einer Woche ermittelt die Polizei gegen Serkan (16), einen Mitschüler (17) und einen Bekannten (18).

Dieses partielle Desinteresse der „Bild“-Mitarbeiter an Namen von Tatverdächtigen und Tätern ist bemerkenswert. Es kann nichts damit zu tun haben, dass sie Serkan für den Haupttäter halten und die anderen Namen damit nicht für nennenswert — in anderen Fällen nennen sie durchaus die Namen von Haupttätern und deren Komplizen. Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum in den „Bild“-Medien nur der Name eines Tatverdächtigen genannt wurde. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Nun weist ein Name nicht automatisch auf eine Staatsangehörigkeit hin. Wir wollten aber gern wissen, ob die Vornamen der beiden anderen, von „Bild“ und Bild.de nicht genannten Verdächtigen ebenfalls türkischstämmig oder arabisch klingen. Und siehe da: Wie uns der Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitgeteilt hat, trägt der eine Tatverdächtige einen „urdeutschen Namen“, der andere einen, der nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeute.

Dass die „Bild“-Medien nur den einen Namen nennen — und nicht etwa auch den „urdeutschen“ –, ist ein gefundenes Fressen für alle rechten und noch rechteren Scharfmacher. Die Bild.de-Artikel drehen in den entsprechenden Kreisen derzeit die ganz große Runde: Neben Seiten wie „Widerstand für Deutschland“, „Patriotische Vernetzung – Wir wollen unser Land zurück“ und „Meine Heimat Deutschland“ haben auch die Accounts „AfD Nürnberg“, „AfD Chemnitz“, „AfD Freunde Kinzigtal“, „AfD Kyffhäuser-Sömmerda-Weimarer Land“, „AfD Weiden in der Oberpfalz“, „AfD Hannover Stadt“, „AfD Kreisverband Ravensburg“, „AfD Freunde Landkreis Hildesheim“, „AfD Kreisverband Augsburg-Stadt“, „AfD Cloppenburg/Vechta“, „AfD Südliche Ortenau – Kinzigtal“, „AfD Regionalgruppe Hoyerswerda“, „AfD OV Unteres Jagsttal“, „AFD-FANCLUB DEUTSCHLAND“, „AfD Wolfsburg“, „AfD Kreisverband Wittmund“, „AfD Freunde Ortenau“, „AFD Freunde Berlin“, „AfD – Kreisverband Weserbergland“, „AfD Gemeindeverband Großrosseln“, „AfD Waiblingen-Fellbach“, „AfD Burscheid“ und „AfD Kreisverband Dachau“ die Texte bei Facebook und Twitter geteilt. Hinzu kommen zahlreiche AfD-Freunde wie Erika Steinbach und AfD-Mitglieder wie Guido Reil. Und auch AfD-Fraktionschefin Alice Weidel verbreitete den Bild.de-Artikel von vergangenem Dienstag. Dazu schrieb sie bei Facebook:

Wie weit die Verrohung in Deutschland fortschreitet, beweist NRW. (…) Hauptbeschuldigter ist ein Schüler namens Serkan (16), der mit seiner Benotung in den Fächern Chemie und Deutsch offenbar nicht einverstanden war.

Ihm zu Hand gehen sollten zwei Bekannte (17 und 18 Jahre). (…) Die Martin-Luther-King-Gesamtschule ist für ihre Anti-Mobbing-Projekte bekannt. Gegen bestimmte Sozialisierungen kommen wohl auch die besten Präventivmaßnahmen nicht an.

Fast 3000-mal geliket, fast 1000-mal kommentiert, über 1500-mal geteilt.

Und auch in den Kommentaren auf der „Bild“-Facebookseite stürzten sich die Leserinnen und Leser vor allem auf einen Aspekt der Geschichte:

Collage mit Kommentaren von der Bild-Facebookseite - Viele Beispiel von Leserinnen und Lesern, die den Namen Serkan thematisieren

Mit Dank an Clemens für den Hinweis!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

CDU-Zerstörung, AfD-Medien-Treff im Bundestag, Mein Heft und ich

1. Die Zerstörung der CDU durch einen Youtuber
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
„Die Zerstörung der CDU“ heißt das 55-minütige Video des Youtubers Rezo, das innerhalb weniger Tage mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. Thomas Knüwer kommentiert: „Ich habe das Gefühl, dass hier eine neue Generation von Journalismus entsteht. Er ist genauso emotional, kommentierend und subjektiv wie der aktuelle Journalismus älterer Generationen — und dies kann ich nicht gut finden. Doch haben Youtuber wie Rezo eine Fähigkeit, die den Redaktionen klassischer Medien abhanden gekommen ist: Sie sprechen die Sprache ihrer Zielgruppe. Und deshalb sind sie in der Lage, diese für sich zu gewinnen.“
Weitere Lesetipps: Das Interview mit Rezo, dem Macher des Videos: Wie der Youtuber Rezo in einer Stunde die Logik der CDU zerlegt (jetzt.de, Sophie Aschenbrenner & Nicolas Freund). Sowie Fridtjof Küchemann bei FAZ.net: Kommt damit klar!

2. „Erste Konferenz der freien Medien“: Wie die AfD rechte Blogger und Identitäre in den Bundestag einlud
(correctiv.org, Till Eckert)
Die AfD hat ein größeres Treffen mit Vertretern alternativer, rechter Medien im Bundestag organisiert. „Die größten Netzwerker der rechten Szene tauschten dort mit Abgeordneten Nummern aus“, schreibt Till Eckert, der für „Correctiv“ ebenfalls vor Ort war und seine Eindrücke von der „1. Konferenz der freien Medien“ schildert.

3. Facebook hat offenbar Mitglieder einer EU-Expertengruppe unter Druck gesetzt, die Desinformation bekämpfen sollten
(buzzfeed.com, Nico Schmidt & Daphné Dupont-Nivet)
Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die Mitglieder einer EU-Expertengruppe gegen Facebook erheben: Das Netzwerk habe ihnen bei zu harter Regulierung mit dem Entzug von Fördergeldern für journalistische und akademische Projekte gedroht. Offenbar nutze Facebook die finanziellen Unterstützungen für Journalismus (für die nächsten drei Jahre 300 Millionen Euro) als Druckmittel.

4. Was ist in unseren journalistischen Beiträgen erlaubt, was nicht?
(blog.zeit.de)
Bei „Zeit“ und „Zeit Online“ hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe „Standards und Regeln“ formuliert und mit den Redaktionen diskutiert. Anschließend wurden die Regeln im Sinne der Transparenz im sogenannten „Glashaus-Blog“ veröffentlicht.

5. Forscher halten Falschmeldungen für überschätztes Problem
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Gemäß einer Untersuchung der Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers geht die Mehrheit der Deutschen davon aus, dass auf Facebook und Twitter vor der Europawahl massiv mit Falschmeldungen Stimmung gemacht und so die Wahl beeinflusst wird. Zu einem anderen Ergebnis kommt das Oxford Internet Institute: Derartige Falschmeldungen seien ein überschätztes Problem. Patrick Beuth stellt de Ergebnisse der Oxford-Studie vor.
Weiterer Lesetipp: EU-Wahl: Gehen Facebook, Google und Twitter ausreichend gegen Desinformation vor? (sciencemediacenter.de).

6. Mein Heft und ich
(taz.de)
Personality-Titel sind im Zeitschriftenmarkt gerade schwer angesagt, ob Barbara Schönebergers „Barbara“, Joko Winterscheidts „JWD“, Guido Maria Kretschmers „Guido“ oder Eckhard von Hirschhausens „Stern Gesund leben“. Die „taz“ hat ein paar Ideen für weitere Personality-Magazine und sogar schon die passenden Cover dafür parat. Mit dabei: Die Magazine „Verena“ von Keks-Erbin Verena Bahlsen und das Wutbürger-Magazin „Hans-Georg“.

Der Klick heiligt die Mittel

Herzlich Willkommen zu unserer spannenden Entdeckungsreise durch die Rotlichtmilieus der deutschen Klick-Industrie! Wir gehen an die Orte, an denen für Klicks alles gemacht wird. Nach einigen Abstechern in den Westen verschlägt es uns heute mal in den Süden. Genauer: nach München.

Merkur.de, die Online-Seite des „Münchner Merkur“, ist eines der erfolgreichsten News-Portale des Landes. Gut 70 Millionen Visits verzeichnet die Seite pro Monat, damit gehört sie zu den Top 10 der besucherstärksten Nachrichtenportale, liegt oft sogar vor Seiten wie Süddeutsche.de, Stern.de, RTL.de oder FAZ.net:

Medium Visits im April 2019
1. Bild.de 427.691.776
2. Spiegel Online 251.339.088
3. Upday 190.994.183
4. Focus Online 184.522.143
5. n-tv.de 142.683.268
6. Welt 120.681.764
7. Funke Medien NRW 72.311.095
8. Zeit Online 68.332.153
9. Merkur.de 67.354.570
10. DuMont Newsnet 65.558.438
11. Stern.de 63.872.828
12. RTL.de 59.734.317
13. Süddeutsche.de 58.826.504
14. FAZ.net 57.227.517
15. tz 49.835.599

(Quelle: IVW via „Meedia“; in den Monaten davor sah es ähnlich aus.)

Wie Merkur.de das schafft, wollen wir an zwei Beispielen vom Wochenende zeigen. (Wir haben sie willkürlich rausgepickt, man könnte auch so gut wie jeden anderen Artikel nehmen.)

Am Samstag, genau drei Monate nach dem Verschwinden der 15-jährigen Rebecca aus Berlin, lockte Merkur.de mit einer „Sensation“ auf die Seite:

Rebecca Reusch vermisst: Eltern veröffentlichen trauriges Statement - Was für eine Sensation

Im Artikel geht es um einen Brief der Eltern, den RTL.de veröffentlicht hatte. Merkur.de schreibt:

Seit genau drei Monaten fehlt von der 15-jährigen Rebecca aus Berlin jede Spur. Nun veröffentlichte ihre Familie einen bewegenden Brief über RTL. Darin beschreiben die Eltern ihren unvorstellbaren Schmerz. „Wir sind verloren in unserer Angst und jeden Tag schwindet die Hoffnung, dich jemals wiederzusehen. Wir sind erstarrt in unserer Trauer, alles verhärtet sich innerlich in uns und doch funktionieren wir jeden Tag“, zitiert der TV-Sender die Eltern des vermissten Mädchens. Obwohl Bernd und Brigitte Reusch von Anfang an die Öffentlichkeit nutzten, um die Suche nach ihrer Tochter am Leben zu erhalten, berichten sie nun von dramatische Erlebnissen mit Unbekannten.

„Wir stehen am Fenster starren hinaus und denken jetzt… jetzt musst du doch kommen, doch stattdessen fahren die Autos ganz langsam an unserem Haus vorbei und schauen zu uns rüber… rüber zu Eltern, die trauern. Was für eine Sensation!“

Die Eltern schreiben also, dass ihnen die Sensationalisierung ihrer Trauer zu viel wird. Und daraus — daraus — wird die Überschrift:

Eltern veröffentlichen trauriges Statement – „Was für eine Sensation“

Das ist auf so vielen Ebenen gemein, da hätte selbst „Bild“ Mühe mitzuhalten.

Bemerkenswert ist auch die schiere Masse. Der Rebecca-Artikel ist nur einer von etlichen; seit Monaten führt Merkur.de zu dem Fall einen „Nachrichten“-Ticker, für den jeder Instagram-Post von Angehörigen, jedes Gerücht und jede Spekulation mit einem eigenen Beitrag gewürdigt wird. Kleiner Auszug der vergangenen Wochen:




















Fast täglich lockt Merkur.de so mit neuen Sensationsüberschriften auf seinen Rebecca-„News“-Ticker, und oft gehören die Artikel dann tagelang zu den meistgeklickten des Ressorts.

Zum Thema Clickbaiting sagte der Chefredakteur von Merkur.de vor einigen Monaten auf Nachfrage von „Übermedien“:

Ich finde ‚Clickbait‘-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden. Wird die Erwartungshaltung erfüllt, spricht nichts dagegen, dass Autoren einen Spannungsbogen aufbauen, der im Leser das Gefühl weckt, unbedingt diesen Text lesen zu müssen.

Okay, schauen wir uns einen anderen Artikel an, ebenfalls am Wochenende erschienen:

Wahnsinn in Hamburg - Drama bei illegalem Autorennen: Für Mercedes-Fahrer endet Raserei verheerend

Verheerend. Drama. Wahnsinn. Welche Erwartung wird da geweckt? Verletzte? Tote? Explosionen? Vielleicht werden wir aus dem Teaser schlauer:

Zwei Autofahrer halten an einer roten Ampel in Hamburg. Dann geben sie im Mercedes und Peugeot Gas. Das illegale Autorennen nimmt jedoch ein verheerendes Ende.  - Zwei Autofahrer lieferten sich im Mercedes und Peugeot ein illegales Rennen in Hamburg - Es kam zu wilden Szenen auf Hamburgs Straßen - Für einen der bedien Duellanten endete das illegale Rennen im Unglück

„Für einen“ der beiden endete es also „im Unglück“. Also ein Toter? Schwerverletzter? Lesen wir weiter:

Zwei Autos halten an einer roten Ampel. Die beiden Fahrer blicken sich an, dann sind sie sich einig - und geben Vollgas. Für einen der beiden endet die Raserei im Unglück. Am Mittwoch (15. Mai) lieferten sich zwei Autofahrer in Hamburg-Ottensen nach Angaben der Polizei mutmaßlich ein illegales Autorennen zwischen einem Mercedes und einem Peugeot. Schon in der Behringstraße in Hamburg fuhren die beiden Autofahrer, ein 65-Jähriger und ein 28-jähriger Mann stadteinwärts nebeneinander her. Währenddessen müssen sie die Entscheidung getroffen haben, sich zu duellieren - bei höchster Geschwindigkeit. Als dann beide Autofahrer an einer roten Ampel an der Kreuzung Friedensallee in Hamburg halten mussten, bereiteten sich die Fahrer vom Mercedes und Peugeot auf ihr Duell vor. Das illegale Rennen startete bei Grün, beide Fahrer beschleunigten stark. Dem 28-jährigen Peugeot-Fahrer gelang es, sich an einer Fahrbahnverengung mit seinem Auto vor der Mercedes C-Klasse des 65-Jährigen einzufädeln, wie die Polizei Hamburg mitteilt. Der Mercedes-Fahrer versuchte dann den vor ihm fahrenden 28-Jährigen zu überholen - mit Erfolg. Nach mehreren Versuchen zog er am Peugeot vorbei. Dann der Schock! Beim Wiedereinscheren schnitt der 65-jährige Mann mit seinem Mercedes den Peugeot, es kam zur Berührung - mit verheerenden Folgen.

Uh, jetzt aber! Ach nee, zuerst noch ein Link zum Schwesterportal:

... es kam zur Berührung - mit verheerenden Folgen.  Auch ein Unfall auf der Autobahn A2 bei Braunschweig hatte schreckliche Folgen für einen Lkw-Fahrer, wie nordbuzz.de berichtet. [Zwischenüberschrift: Hamburg: Unfall bei illegalem Rennen - Mercedes kracht in Auto]  Durch die Kollision drehte sich der Mercedes auf der Straße in Hamburg und stieß gegen ein am Fahrbahnrand geparktes Auto. An allen beteiligten Fahrzeugen entstand nach Angaben der Polizei ein Sachschaden.  Durch den Unfall wurde immerhin niemand verletzt. Die beiden Unfallbeteiligten aus dem Mercedes und Peugeot konnten nach erfolgter Unfallaufnahme durch die Polizei Hamburg ihren Weg mit ihren Autos fortsetzen. Die weiteren Ermittlungen übernahm der Verkehrsermittlungsdienst West (VD 22) in Hamburg.  Vor Gericht muss sich derzeit ein Mann verantworten, der seiner Nachbarin in Hamburg die Kehle durchgeschnitten hat. Das berichtet nordbuzz.de.

Verheerend. Drama. Weil sich das Auto drehte und gegen ein anderes Auto stieß. Wahnsinn. Und am Ende einfach noch den Kehle-Durchschneider rein, ist ja eh alles egal.

Und damit beenden wir unsere kleine Reise in den klickgeilen Süden, schaut auch nächstes Mal wieder rein, wenn es heißt: Es sah aus wie Journalismus, aber was dann geschah, hat uns tief getroffen.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Prahlheinz Strache, Mathematischer Clusterfuck, Vergifteter Tee

1. „Prahlerisch wie ein Teenager“ – Jetzt erst recht!
(arminwolf.at)
Der österreichische Journalist und Moderator Armin Wolf kennt den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache bereits seit dem August 2005. In dieser Zeit führte er mit Strache das sogenannte Sommergespräch, das zu Straches erstem großen medialen Auftritt wurde. In Vorbereitung auf die Sendung schaute sich Wolf die Homepage seines Interviewpartners an und stolperte dort über eine Kurzrezension eines Ernst-Jünger-Bandes. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei Straches angeblicher Jünger-Rezension um eine gekürzte Version eines Textes einer rechtsextremen „Heimatseite“. Dies ist nur eine der vielen interessanten Aspekte des lesenswerten Berichts über den Menschen und Politiker Strache.

2. Wenn Journalisten angegriffen werden, sind wir alle das Ziel
(fr.de, Bascha Mika)
Bei einer Gedenkfeier von kroatischen Nationalisten im österreichischen Bleiburg wurde Danijel Majic, Reporter bei der „Frankfurter Rundschau“, beschimpft, bespuckt, geschlagen und getreten. „FR“-Chefredakteurin Bascha Mika kommentiert: „In wenigen Tagen ist die Europa Wahl. Wenn, was sich abzeichnet, die Nationalisten und Rechtsextremen stärker werden, können wir uns ausrechnen, was daraus folgt. Nicht nur für den kritischen Journalismus.“
Zum Hintergrund: Angriff von rechtsextremem Moderator — Keine Anzeige gegen FR-Reporter (fr.de).

3. Seltsamer „Tagesschau“-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?
(vice.com, Sebastian Meineck)
Als „mathematischen Clusterfuck“ bezeichnet Sebastian Meineck die Berichterstattung der „Tagesschau“ über die angebliche AfD-Dominanz in den Sozialen Medien (war hier auch bei uns in den „6 vor 9“ verlinkt). Die Schlussfolgerungen seien stark vereinfacht und würden ein irreführendes Bild zeichnen. Sein Resümee, nachdem er mit dem Team der Analyse-Firma gesprochen hat, auf deren Daten der „Tagesschau“-Bericht basiert: „[W]as Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äußerung über die AfD getätigt werden — eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.“

4. „Das Urheberrecht verteilt Vermögen von den Lebenden zu den Toten“
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Martin Kretschmer leitet an der Universität Glasgow das Forschungszentrum CREATe für Urheberrecht und Kreativwirtschaft und ist ein profunder Kenner der EU-Urheberrechtsreform. Im Interview spricht er über Spielräume bei der Umsetzung, die berühmt-berüchtigten Upload-Filter und den Einfluss von Unternehmen auf das Gesetz. So richtig optimistisch ist der Experte nicht, was die Zukunft angeht. Doch eine Sache könne Mut machen: „Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass öffentlicher Druck hilft. Die SPD hat nachweislich anders verhandelt, weil der Widerstand in Deutschland so laut und deutlich wurde. Der Koalitionsvertrag schließt verpflichtende Upload-Filter aus. Es ist wichtig, die Parteien beim Wort zu nehmen. Es ist noch so viel Spielraum bei der Umsetzung vorhanden, dass sich die Mühe lohnt.“

5. 23 Milliarden für Flüchtlinge? Die Geschichte einer Zahl
(zdf.de, Florian Neuhann)
Alice Weidel (AfD) ließ ihrer Empörung freien Lauf: Im Jahr 2018 seien 23 Milliarden Euro Asylkosten aufgelaufen. Auch die „Bild“-Zeitung schrieb von einem Rekord: „Flüchtlingskosten 2018 hoch wie nie“. Das Problem: Die Zahl stammt zwar aus dem Finanzministerium, fasse jedoch Positionen zusammen, die nicht dorthin gehören würden, so Florian Neuhann. Für das ZDF hat er näher hingeschaut und siehe da: „Bei genauerem Betrachten schrumpft die ursprüngliche Rekordzahl immer weiter in sich zusammen.“

6. Journalistische Verantwortung am Beispiel Bubble Tea
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer führt drei Beispiele für schlampige bis verantwortungslose Berichterstattung an: die Berichte über Angela Merkels angeblichen Wechsel auf eine EU-Position, die bereits etwas zurückliegende Berichterstattung zu angeblich giftigem Bubble-Tea und die mindestens irreführende Überschrift über ein angebliches Aufeinandertreffen von Verena Bahlsen und Kevin Kühnert. Knüwers Kommentar: „Früher waren solche Halb- und Unwahrheiten dem Boulevard und den Klatschblättern vorbehalten — heute darf jeder mal, weil er glaubt, dass sich alles versendet.“

Abos verkaufen mit Manfred Burgsmüllers Tod

Der frühere Profifußballer Manfred „Manni“ Burgsmüller ist vorgestern gestorben. Die Bild.de-Redaktion, die diese Nachricht zuerst hatte, versucht, mit dem Tod des bis heute viertbesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte noch ein paar Abos zu verkaufen und ein bisschen Kohle zu verdienen:

Screenshot Bild.de - Manni Burgsmüller - Das größte Schlitzohr der Liga ist tot

Alles hinter der „Bild plus“-Bezahlschranke. Klickt man auf den Banner auf der Startseite, erscheint dieser Teaser:

Er war das größte Schlitzohr der Bundesliga — jetzt ist Manfred Burgsmüller im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben.

Lesen Sie mit BILDplus die Hintergründe zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende.

Bis auf die Info, dass Burgsmüller „völlig überraschend eines natürlichen Todes“ gestorben sei, steht dort dann aber auch nicht wirklich mehr „zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende“.

Mit Dank an @PaulBartmuss und @Malte_1906 für die Hinweise!

Strache-Video, Ventil oder Brandbeschleuniger, „heute-show“

1. Es geht alle an
(sueddeutsche.de, Kurt Kister)
Durften „SZ“ und „Spiegel“ das Strache-Video veröffentlichen, das vor zwei Jahren heimlich in einer Villa auf Ibiza aufgezeichnet wurde? Und spielt es eine Rolle, dass sie offenbar nichts über das Woher und Warum wussten? Kurt Kister wägt die Argumente gegeneinander ab und befindet: „Entscheidend ist, ob der Inhalt relevant ist. Dann gehört es in die Öffentlichkeit.“
Weitere Tipps zum Thema: Wie die SZ an das Videomaterial gelangt ist (sueddeutsche.de, Leila Al-Serori & Bastian Obermayer) und Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat (spiegel.de). Und wer angesichts der ganzen Geschichte das Lachen verloren hat, kann es eventuell hier wiederfinden: So finden Sie versteckte Kameras in Ihrem Airbnb-Appartement (standard.at, Andreas Proschofsky).

2. Österreichs Medien und die Politik: Nicht für blöd verkaufen lassen
(derstandard.at, Hans Rauscher)
Der Sturz von Strache und Gudenus sei „nur eine Etappe im Kampf um Medien, die ihre Rolle in der Demokratie wahrnehmen“, findet Hans Rauscher im österreichischen „Standard“. Außerdem erklärt Rauscher die politisch-mediale Gemengelage: „Die „Krone“ (und Fellners „Österreich“) haben die türkis-blaue Regierung hinaufgeschrieben und sind dafür mit Millionen in Form von Inseratengeld gefüttert worden. Die „Krone“ wurde durch die unfassbare Dummheit von Strache und Co („Die übernehmen wir mit russischem Geld“) vom Unterstützer zum Gegner der FPÖ. Seit sich René Benko, der Immobilientycoon und gute Bekannte von Sebastian Kurz, bei der „Krone“ (und beim „Kurier“) eingekauft hat, betrachtet die „Krone“ auch Kurz etwas skeptischer.“

3. Analyse der Rede von Sebastian Kurz
(threadreaderapp.com, Natascha Strobl)
Am Samstagvormittag trat Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nach der Veröffentlichung des sogenannten „Ibiza-Videos“ zurück. Abends trat Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) vor die Kameras, verkündete das Ende der Zusammenarbeit mit der FPÖ und kündigte Neuwahlen an. Natascha Strobl hat genau hingehört und die Kurz-Rede einer lesenswerten und lehrreichen Textanalyse unterzogen.

4. Ventil oder Brandbeschleuniger?
(facebook.com/moritz.gathmann)
„Bild“-Chef Julian Reichelt hat jüngst bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Schwarzkopf- und Hertie-Stiftung über die „Verantwortung im Journalismus“ gesprochen (ja, wir mussten auch lachen). Moritz Gathmann hatte die Ehre, die Veranstaltung zu moderieren, und hat seine Eindrücke von dem Abend auf Facebook niedergeschrieben. Gathmanns Resümee: „Am Ende wirkt Reichelt auf mich wie ein Metzger, der sich an solchen Abenden nachdenklich gibt über die Frage, ob man Tiere essen solle. Und dann geht er am nächsten Tag wieder lustvoll an die Arbeit.“

5. Schädliche Neigungen
(message-online.com, Volker Lilienthal & Journalistik-Studierende der UHH)
Claas Relotius hat mit seinen gefälschten Artikeln vor allem dem „Spiegel“ schweren Schaden zugefügt. Doch Relotius hat auch bei anderen Medien veröffentlicht, unter anderem bei der mittlerweile eingestellten „Financial Times“ (Gruner + Jahr). Nun haben sich Volker Lilienthal, Professor für die „Praxis des Qualitätsjournalismus“ an der Uni Hamburg, und ein Team aus Studenten und Studentinnen daran gemacht, die Relotius-Texte bei der „FTD“ zu überprüfen. Eine der Einsichten: „Schon der frühe Relotius entwickelte schädliche Neigungen, er recherchierte seine Fakten nicht immer sorgfältig, er kupferte manchmal bei anderen ab, und er hübschte seine Storys gelegentlich auf, indem er Vor-Ort-Sein suggerierte und mutmaßlich auch Zudichtungen vornahm. Dies alles zu einer Zeit, als der damalige Mitzwanziger noch an der Hamburg Media School studierte bzw. kurz nachdem er dort Ende 2011 seinen Masterabschluss gemacht hatte.“

6. Liebe „heute-show“, wo ist deine Ambition geblieben?
(dwdl.de, Hans Hoff)
Anlässlich des bevorstehenden zehnten Geburtstags, hat Hans Hoff der „heute-show“ einen Brief geschrieben. Dabei geht es um eine enttäuschte Liebe: „Mensch, „heute-show“. Du wirst zehn Jahre alt. Reiß dich mal am Riemen, mach mal das Kreuz gerade und schiel nicht immer nur nach Masse. Du warst doch mal eine ganz intelligente Form der Unterhaltung. Warst du nicht? Okay, dann war ich früher vielleicht anspruchsloser.“

Bringt Julian Reichelt die Familien der Eishockeynationalspieler in Gefahr?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Julian Reichelt gern möchte, dass sein Gehalt als „Bild“-Oberchef ein Geheimnis bleibt. Die Nennung seines geschätzten Einkommens könne seine Familie in Gefahr bringen, so Reichelts Argument, als der Branchendienst „kress“ in der Sache mal recherchierte.

Mit den Familien anderer Menschen geht Julian Reichelt hingegen nicht so rücksichtsvoll um wie mit seiner eigenen. Heute erschien auf der Bild.de-Startseite diese Geschichte:

Screenshot Bild.de - Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden - Wer Millionen verdient - Wer gar nichts bekommt

Die deutschen Eishockeynationalspieler sind bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei derzeit ziemlich erfolgreich, und ihre Angehörigen nach Reichelts Logik nun in Gefahr. Und zwar die Familien des gesamten Kaders, denn die Bild.de-Redaktion schätzt von allen Spielern das „Jahres-Netto-Gehalt“ — von Ausnahmetalent Leon Draisaitl, von den NHL-Profis Philipp Grubauer, Dominik Kahun und Korbinian Holzer, von Moritz Müller, Matthias Plachta, Yannic Seidenberg, Yasin Ehliz, Patrick Hager, Frank Mauer, Denis Reul, Markus Eisenschmid, Niklas Treutle, Leo Pföderl, Marcel Noebels, Frederik Tiffels, Mathias Niederberger, Gerrit Fauser, Jonas Müller, Marco Nowak, Stefan Loibl, Benedikt Schopper, Lean Bergmann, Moritz Seider und Marc Michaelis.

„Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden“ befindet sich übrigens hinter der Paywall. Man muss also ein „Bild Plus“-Abo bezahlen, um sie sehen zu können. Oder anders gesagt: Julian Reichelt sichert sein Gehalt, das niemand publik machen soll, indem er das Gehalt anderer publik macht.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an HD Z. für den Hinweis!

Blättern: 1 2 3 4 ... 946

BILDblog-Klassiker

Seemannsgarn über die einsame Seglerin

Liz Clark hat wahrlich ein traumhaftes Leben: Vor zehn Jahren bekam die Studentin eine Segelyacht geschenkt, seitdem schippert sie alleine über die Meere, macht hier und da einen Zwischenstopp unter Palmen, engagiert sich für den Umweltschutz und lässt es sich an den Stränden dieser Welt so richtig gutgehen.

Doch seit dem Wochenende ist es plötzlich vorbei mit der Idylle. Denn seit Sonntag widerfährt der armen Liz Clark etwas sehr, sehr Unparadiesisches: Sie bekommt Post von „Bild“-Lesern.

Bild.de hatte kurz zuvor nämlich (von der „Daily Mail“ ab-)geschrieben:

Zu zweit in den Sonnenuntergang segeln – was kann romantischer sein?

Das denkt sich auch Seglerin Liz Clark (34): Die US-Amerikanerin aus San Diego (Kalifornien) war zehn Jahre und 25 000 Seemeilen alleine auf den Weltmeeren unterwegs. Jetzt sucht die Skipperin einen jungen Seebären zum Mitreisen! (…)

Bewerbungen an Liz können abenteuerlustige Matrosen unter www.swellvoyage.com schicken.

Ja, da wird sich Liz sicher tierisch gefreut haben über die all die abenteuerlustigen „Bild“-Matrosen, die sich seither bei ihr melden, vor allem, weil die Geschichte überhaupt nicht stimmt. Bei Instagram schreibt Clark (Übersetzung von uns):

Ich möchte die irreführenden Schlagzeilen der „Daily Mail“ und anderer europäischer Medien klarstellen, die geschrieben haben, ich würde „einen Mitsegler suchen“. Sie [die „Daily Mail“] hat mit mir ein sehr umfangreiches Interview über mein Leben geführt und dann die Schlagzeile aus einer meiner Antworten gezogen: Auf die Frage „Fühlen Sie sich manchmal einsam?“ antwortete ich: „Ja, natürlich fühle ich mich manchmal einsam, und ich hoffe, dass ich eines Tages den richtigen Segelpartner finde…“

Ich habe außerdem darüber gesprochen, wie mich das Alleine-Reisen mit der Natur/Gott/dem Spirit verbunden hat und dass ich überall, wo ich hingehe, immer nette und gastfreundliche Menschen treffe! Aber die Medien fanden wohl, das wäre das Aufregendste gewesen, das ich in der ganzen Stunde gesagt habe, also wurde „Mitsegler gesucht“ fälschlicherweise zur Überschrift. In Wahrheit suche ich momentan gar keinen „Segelpartner“, trotzdem bin ich dankbar für Eure Anfragen und wünschte, ich könnte ein Stück von diesem Leben mit Euch allen teilen.

Mit Dank an Michael K.

Mit Bindestrich und ohne Würde

„Bild“ und Bild.de geben Personen gerne neue Namen. Knackig müssen sie sein, so richtig griffig und auf jeden Fall mit Bindestrich. So wird eine 21-jährige Russin, die bei Instagram über vier Millionen Follower hat, zum „Russen-Model“. Ein Vietnamese, der bei Olympia im Schießen Gold holt, zum „Pistolen-Vietnamesen“. Und ein Seemann, der auf Rügen lebt, zum „Rügen-Fischer“. „Lausitz-Luder“, „Mucki-Wiese“, „Abwehr-Grieche“, „Malle-Jens“ — tagtäglich erfinden die „Bild“-Medien neue Bindestrich-Gebilde.

Auch für Lane Graves. Der kleine Junge wäre am Samstag (Bild.de schreibt fälschlicherweise von Sonntag) eigentlich drei Jahre alt geworden. Seine Familie versammelte sich vorgestern mit vielen Freunden und Nachbarn auf einem Footballfeld in ihrer Heimatstadt Omaha im US-Bundesstaat Nebraska, um Lanes Geburtstag zu feiern, allerdings ohne ihren Sohn. Der wurde im Juni beim Sandburgenbauen im „Walt Disney World Resort“ von einem Alligator ins Wasser gezogen und starb.

Die Feier war sehr emotional, Lanes Eltern hielten Reden und sprachen über die Zeit mit ihrem Sohn. Fotografen waren vor Ort, viele Medien in den USA berichteten. Und auch Bild.de. In ihrem Drang, Menschen mit möglichst einfallsreichen Spitznamen zu versehen, machten die Mitarbeiter aus Lane Graves, dem Jungen, der durch einen Alligator ums Leben gekommen ist, den „toten Alligator-Jungen“:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Das ist so herz- und würdelos, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass das niemandem bei Bild.de vor Veröffentlichung aufgefallen ist.

Und dazu ist es sprachlich-inhaltlich auch noch so schief. Wenn ein Mann aus Bangladesch durch eine seltene Krankheit warzenähnlichen Wucherungen bekommt, die ein wenig aussehen wie Baumrinde, dann nennen die „Bild“-Medien ihn „Baum-Mann“. Immer noch platt, aber inhaltlich nicht völlig daneben. Doch Lane Graves hatte selbstverständlich nichts von einem Alligator. Er hatte das schreckliche Pech, von einem getötet zu werden. Lane Graves war kein „Alligator-Junge“. Er war ein ganz normales Kind.

Bild.de macht bei Amokläufer-Inszenierung mit

Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken.

Das sagte der Psychologe Jens Hoffmann in einem Interview nach dem Amoklauf in München im Juli 2016. Seit vielen Jahren warnt er Redaktionen davor, Amokläufer (unfreiwillig) zu Helden der Szene zu machen, indem sie die Täter in der Berichterstattung auf ein Podest heben.

Bei Bild.de scheinen sie von solchen Bedenken nicht viel zu halten. Die Mitarbeiter des Portals nennen — entgegen Hoffmanns Empfehlung — den Namen des Amokschützen, der in Florida 17 Menschen erschossen hat. Sie zeigen — entgegen Hoffmanns Empfehlung — sein Gesicht, zum Beispiel auf einem Foto, das ihn bei der Festnahme zeigt. Beides gehört seit langer Zeit zum „Bild“-Standardprogramm und wird auch von anderen Medien im aktuellen Fall praktiziert.

Bild.de geht in der Berichterstattung über den Amoklauf in Parkland aber noch einen gefährlichen Schritt weiter: Das Portal zeigt Fotos, auf denen sich der Schütze mit Waffen in Szene setzt. Er posiert darauf mit Messern und mit einer Pistole. Das Bild.de-Team tut ihm den Gefallen, diese Inszenierungen einem Millionenpublikum zu präsentieren — groß in einem Artikel und etwas kleiner, aber dafür ganz oben auf der Startseite:

Screenshot der Bild.de-Startseite, auf der Fotos des Amokschützen zu sehen sind, darunter auch ein Foto, auf dem er mit einer Pistole posiert
Screenshot Bild.de - Fotos, auf denen der Amokschütze mit mehreren Messern posiert
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

Jens Hoffmann sagt:

Wer die Amokläufer mit Gesicht und vollem Namen zeigt, der macht sie damit zu Helden. Potenzielle Nachahmungstäter sehen das und begreifen, dass eine solche Tat sie unsterblich machen wird.

… und dass ihnen mit ihren Poser-Fotos ein prominenter Platz in den „Bild“-Medien sicher ist.

Es geht hierbei auch gar nicht darum, dass wir beim BILDblog laut „Bild“-Chefchef Julian Reichelt die „Das-darf-man-nicht-Ayatollahs“ sind. Es geht schlicht um den gesunden Menschenverstand: Wenn das Veröffentlichen derartiger Fotos auch nur im Ansatz die Gefahr birgt, dass sich Nachahmungstäter dadurch angesprochen und motiviert fühlen, dann muss man eine solche Veröffentlichung unbedingt bleiben lassen.