Bild  

Das Geschlecht eines Menschen bestimmt immer noch „Bild“

Georgine Kellermann ist eine mutige Frau. Im Alter von 62 Jahren hatte die Leiterin des WDR-Studios in Essen ihr Coming-out als Transgender. In einem Beitrag der WDR-Sendung „Aktuelle Stunde“ spricht Kellermann über diesen großen persönlichen Schritt und nennt dabei auch ihren Beruf als einen der Gründe, warum das Coming-out für sie erst jetzt möglich war:

Um die Welt fliegen und Geschichten erzählen — meine Angst war, dass das nicht mehr passieren würde. Ich war so glücklich in dem, was ich tat, dass meine Sorge einfach war: Wenn ich jetzt werde, wer ich bin, dass ich dann nicht mehr tun kann, was ich liebe.

Auch die „Bild“-Redaktion berichtet heute in ihrer Bundesausgabe über Kellermann:

Ausriss Bild-Zeitung - WDR-Studio-Leiter ist jetzt Leiterin

Und nennt die Person, die klarmacht, dass sie als Frau leben möchte, „TV-Mann“, „TV-Moderator“ und schreibt konsequent nur „er“:

Ausriss Bild-Zeitung - Der TV-Mann lebt nun als Frau Georgine Kellermann

Er wollte sein wahres Ich nicht mehr verstecken.

In der WDR-Sendung „Aktuelle Stunde“ hat TV-Moderator Georg Kellermann (62) erklärt, dass er nun offiziell als Georgine Kellermann lebt.

Schon in der Pubertät habe Kellermann, der mittlerweile das WDR-Studio in Essen leitet, gespürt, dass er im falschen Körper stecke.

Trotzdem lebte er nur im Privaten als Frau.

Wenn Georgine Kellermann über sich selbst schreibt, benutzt sie Worte wie „Journalistin“ oder „Korrespondentin“, also die weibliche Form. Die „Bild“-Redaktion interessiert es aber natürlich nicht, was andere Menschen wollen.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

„The Buzzard“, Versteckte TikTok-Videos, Böhmermanns Abschied

1. Ein merkwürdiges Verbrechen
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Der frühere Bundesrichter und heutige „Spiegel Online“-Kolumnist Thomas Fischer schreibt über den Tötungsdelikt von Augsburg und geht auch auf die Berichterstattung darüber ein: „Auf der Stecke bleiben dabei die Betroffenen: Die Tatopfer, aber auch die Beschuldigten. Sie werden zu Spielbällen einer willkürlich, zufällig und zynisch erscheinenden Konstruktion von Medien-Wirklichkeit erniedrigt. Auch die Wahrheit bleibt auf der Stecke, wenn Kriminalität nurmehr als Abfolge von ‚Unfassbarem‘, als Anlass sich steigernden ‚Abscheus‘, als unterhaltsame Serie über die schlimmsten Täter, die ärmsten Opfer und die härtesten Knäste wahrgenommen wird.“

2. Den Blick auf die Welt weiten – mit rechtsradikalen Blogs?
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
„Mit Buzzard bekommst du einen ganz neuen Zugang zur Nachrichtenwelt. Eine App, die deinen Blick weitet für Perspektiven des ganzen Meinungsspektrums“, verspricht das Medien-Startup „The Buzzard“ und sammelte bei einem Crowdfunding rund 170.000 Euro ein. Nun gibt es aber reichlich Gegenwind: In einer Art Prototyp gehörte zum „ganzen Meinungsspektrum“, das „The Buzzard“ abbilden will, auch das rechtsextreme und islamfeindliche Blog „PI-News“. Mehrere prominente „The Buzzard“-Unterstützerinnen und -Unterstützer sind inzwischen abgesprungen, die Rechtfertigungen der Projektverantwortlichen machen es eher nur schlimmer. Felix Huesmann schreibt bei „Übermedien“: „‚The Buzzard‘ hat es nach zweieinhalb Jahren laufenden Betriebs des Prototyps nicht geschafft, ein funktionierendes Konzept für den Umgang mit rechtsextremen, rassistischen und verschwörungstheoretischen Seiten zu entwickeln.“

3. „Kollegen sind immer mehr Drohungen ausgesetzt“
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Oliver Das Gupta hat sich mit Jamie Angus, dem Direktor der BBC World Service Group, über Journalismus in Zeiten des britischen Wahlkampfs, Drohungen gegen BBC-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, sowie Boris Johnsons Weigerung, dem bekannten Journalisten Andrew Neil ein Interview zu geben, unterhalten.

4. TikTok: Ich habe China kritisiert, dann wurden meine Videos versteckt
(vice.com, Sebastian Meineck)
Bei „Vice“ wollten wissen: „Was passiert, wenn wir auf TikTok China kritisieren?“ Daher postete Tech-Redakteur Sebastian Meineck mehrere Videos mit Hashtags wie #freexinjiang, #chinacables oder #culturalgenocide in dem Sozialen Netzwerk. Das Ergebnis seines Experiments: Videos, die aus der Hashtag-Suche der Smartphone-App verschwinden, wofür laut TikToks PR-Abteilung natürlich nur ein „Bug“ verantwortlich sein soll.
Weiterer Lesetipp: „TikTok ist die angesagteste Video-App unter Kindern und Jugendlichen. Doch manche Nutzer verleiten ihre Zuschauer in Livestreams zu virtuellen Geldgeschenken — mit fragwürdigen Versprechungen“: Die dubiose Seite der TikTok-Welt (spiegel.de, Markus Böhm).

5. Das Coming-out einer Transgender-Chefin im WDR
(wdr.de, Andrea Moos, Video: 4:16 Minuten)
Georgine Kellermann ist Chefin im WDR-Studio in Essen. Mit 62 Jahren hat sie ihr Coming-out als Transgender. Dass das für sie erst jetzt möglich ist, liege auch an ihrem Beruf: „Um die Welt fliegen und Geschichten erzählen — meine Angst war, dass das nicht mehr passieren würde. Ich war so glücklich in dem, was ich tat, dass meine Sorge einfach war: Wenn ich jetzt werde, wer ich bin, dass ich dann nicht mehr tun kann, was ich liebe.“

6. Böhmermanns Abschied: So war die letzte Ausgabe vom „Neo Magazin Royale“
(rnd.de, Imre Grimm)
Gestern lief die letzte Folge „Neo Magazin Royale“ bei ZDFneo. Moderator Jan Böhmermann wechselt kommendes Jahr ins ZDF, also das richtige, große ZDF. Imre Grimm hat sich das „Neo Magazin Royale“-Finale angeschaut und überlegt, was Böhmermann fürs Hauptprogramm noch fehlt.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Bild  

Unfallursache: Frau

Im baden-württembergischen Gerlingen ist, hehe, in der Nacht zu Mittwoch ein Auto, prust, in eine Hauswand gekracht, und, gleich kommt die Pointe, am Steuer saß, zwinkerzwinker, eine Frau!

Oder wie „Bild“ schlagzeilt:

Ausriss Bild-Zeitung - Morgens um 4 Uhr und eine Frau am Steuer - dazu ein Foto des zerstörten Unfallwagens

Ja, doch, die „Bild“-Redaktion bewegt sich noch immer auf dem Niveau von eigentlich längst eingemotteten Stammtischkloppern wie „Frau am Steuer, das wird teuer“: Es sei „keine Bombe“ gewesen, die dort am Unfallort eingeschlagen ist, …

sondern ein BMW. Mit einer Frau (26) am Steuer, morgens um 4 Uhr.

In den 43 Zeilen, die der Artikel aus der Stuttgart-Ausgabe der „Bild“-Zeitung umfasst, war zwar Platz für eine Beschreibung der „großen Steinbrocken“, die nun „auf dem schönen, weißem Ledersofa liegen“, und für den Hinweis, dass die Fahrerin „in einer Linkskurve (…) die Kontrolle über ihren Wagen“ verlor; die wahrscheinlichen Unfallursachen passten aber leider nicht mehr hinein. Neben zu hoher Geschwindigkeit dürfte das vor allem Alkohol gewesen sein. Das zuständige Polizeipräsidium Ludwigsburg schreibt in seiner Pressemitteilung jedenfalls:

Vermutlich infolge von Alkoholeinwirkung und nicht angepasster Geschwindigkeit ist die 26-jährige Fahrerin (…) von der Fahrbahn abgekommen (…)

Bei der Autofahrerin stellten Polizeibeamte Anzeichen von Alkoholeinwirkung fest und veranlassten die Entnahme einer Blutprobe.

Bei „Bild“ machen sie daraus lieber: Unfallursache: Frau.

Mit Dank an @Medienfestival für den Hinweis!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Bedrohung durch Neonazis, Redaktion im Schleudergang, Esoterik-Murks

1. So bedrohen Neonazis kritische Journalisten
(blog.zeit.de, Jonas Miller & Jens Eumann & Henrik Merker)
Journalistinnen und Journalisten, die über Rechtsextremismus und Neonazis berichten, sind immer wieder Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt. Im „Störungsmelder“-Blog bei „Zeit Online“ erzählen Jonas Miller, Jens Eumann und Henrik Merker, „wie es ist, im Fadenkreuz der Szene zu stehen.“

2. Daphne Caruana Galizia: Druck auf Maltas Regierung steigt
(ndr.de, Ellen Trapp, Video: 6:00 Minuten)
Zwei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch einen Anschlag mit einer Autobombe ermordet wurde. In den vergangenen Wochen ist wieder Bewegung in den Fall und die dazugehörigen Ermittlungen gekommen — bis hin zu einer Rücktrittsankündigung von Maltas Premierminister Joseph Muscat. Ellen Trapp fasst die Ereignisse im Medienmagazin „Zapp“ zusammen.

3. Eine Redaktion im Schleudergang
(sueddeutsche.de, Verena Mayer & Jens Schneider)
Die frühere Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk legten gestern ein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Neu-Verlegers Holger Friedrich vor, der gemeinsam mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag und damit auch die „Berliner Zeitung“ gekauft hatte. Verena Mayer und Jens Schneider fassen die Ergebnisse des Gutachtens (und zusätzlich die weiteren Querelen rund um die Friedrichs) zusammen: „Die Gutachter betonen ausdrücklich ihren Respekt gegenüber den Redaktionen des Berliner Verlags, ‚die in einer schwierigen Situation versucht haben, trotz bestehender Abhängigkeitsverhältnisse so unabhängig wie irgend möglich vorzugehen und vor allem den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden‘.“
Weiterer Lesetipp: Die „Berliner Zeitung“ richtet sich in einem „In eigener Sache“ an die Leserinnen und Leser und veröffentlicht neben einem Brief des Gutachter-Duos Birthler und Kowalczuk auch dessen ausführlichen Bericht.

4. Medien wollen mehr
(taz.de, Christian Rath)
Ein Bündnis aus Journalistengewerkschaften und dem Deutschen Presserat, dem Netzwerk Recherche, Verlegerverbänden und dem Verband privater Medien sowie ARD und ZDF fordert vom Bundestag ein Presseauskunftsgesetz. Christian Rath erklärt: „Die Lücke, die ein derartiges Gesetz schließen soll, besteht seit 2013. Bis dahin galt für Medienanfragen an Bundesbehörden das Pressegesetz des jeweiligen Bundeslandes, in dem die Behörde ihren Sitz hatte. Für Anfragen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf galt zum Beispiel das bayerische Pressegesetz. Völlig überraschend stellte jedoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2013 fest: Für Presseauskünfte gegen Bundesbehörden ist ein Bundesgesetz erforderlich. Ohne ein entsprechendes Bundesgesetz gelte nur ein ‚Minimalstandard‘, der unmittelbar aus dem Grundrecht auf Pressefreiheit abzuleiten sei.“

5. Dieser Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus
(correctiv.org, Alice Echtermann)
„Dawuhd Nabil“ ist angeblich „Syrian Refugee, Muslim, Activist“ und twittert ziemlich provozierende Aussagen, die immer wieder für reale unverschämte Forderungen eines syrischen Flüchtlings gehalten werden. Alice Echtermann hat die Hintergründe des Accounts recherchiert und konnte keine Spuren eines echten „Dawuhd Nabil“ finden. Ihr Fazit: Es handele sich „um einen Fake-Account“, der „Beiträge unter falscher Flagge veröffentlicht“.

6. Leuchtender Feind im Klassenzimmer
(kontextwochenzeitung.de, Jürgen Lessat)
In der SWR-Sendung „Marktcheck deckt auf“ über „Das Geschäft mit LED-Lampen“ gab es auch ein „Experiment“ in einem Klassenzimmer: Können Schülerinnen und Schüler unter LED-Leuchten schlechter lernen als unter Halogenlampen? Jürgen Lessat hat sich den Beitrag für „Kontext“ angeschaut und die Merkwürdigkeiten festgehalten, die Hintergründe der präsentierten „Lichtexperten“ recherchiert und beim SWR nachgefragt: „Warum verschweigen die ‚Marktchecker‘ das anthroposophische Weltbild der aufgebotenen Lichtexperten? Warum suggerieren sie Wissenschaftlichkeit, wo esoterische Maßstäbe angelegt werden? Das wollte Kontext vom SWR wissen.“

„Bild“-Chef schafft „Weihnachten“ ab

Wir wünschen entspannte und besinnliche Feiertage und ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2020.

So lautet der Spruch in der Grußkarte von „Bild“, „Bild am Sonntag“ und „B.Z.“, die die Medienjournalistin Ulrike Simon heute bei „Horizont“ präsentiert. Aber fehlt da nicht was? Wo steckt denn „das wichtige Wort: Weihnachten“? Will Julian Reichelt, der als Chef der Chefredakteure für alle drei Blätter verantwortlich ist, etwa eines der zentralen christlichen Feste abschaffen?

Eigentlich wäre das alles nicht der Rede wert, wenn es für die „Bild“-Medien vor ziemlich genau einem Jahr nicht der Rede der Aufregung der Kampagne wert gewesen wäre, dass in einer Weihnachtskarte der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz das aus „Bild“-Sicht „wichtige Wort: Weihnachten“ fehlte.

Mehrere Tage versuchten sie bei „Bild“ und Bild.de, Widmann-Mauz fertigzumachen und aus dem Amt zu schreiben:

Collage mit Screenshots von Bild.de und Ausrissen aus der Bild-Zeitung - Peinliche Karte aus dem Kanzeramt - Integrations-Beauftragte schafft Weihnachten ab - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten - Kritik-Stum wegen beschämender Weihnachtskarte - Warum ist sie Integrationsministerin?

Filipp Piatov und Franz Solms-Laubach regten sich über die „peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt“ auf. Solms-Laubach kommentierte zusätzlich: „Instinktloser Unsinn!“ Briefonkel Franz Josef Wagner schrieb an die „Liebe Integrationsministerin“. Und die Redaktion ließ den selbst initiierten „Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte“ über Widmann-Mauz ziehen. Es war eine typische „Bild“-Kampagne, in der Julian Reichelt und sein Team aus purer Lust auf Krawall eine Kleinigkeit zum großen Skandal aufbliesen. Und für alle ganz Rechten, die das Abendland untergehen sehen, war es ein gefundenes Fressen für Hass und Hetze.

Ulrike Simon schreibt bei „Horizont“, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags das fehlende „Weihnachten“ noch bemerkt haben sollen:

Glück gehabt, dass Bild den eigenen Faux-pas in diesem Jahr rechtzeitig erkannte. Pech, dass HORIZONT eine von mehreren tausend Karten vor dem Einstampfen retten konnte.

Mit Dank an Max für den Hinweis!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:

Unterstütze uns auf Steady

Herkunft von Tatverdächtigen, feindseliges Verhalten, DJV-Sexyness

1. Wie oft nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Die Hochschule Macromedia hat für eine Studie nachgeschaut, wie oft und in welchen Fällen Redaktionen die Herkunft von Tatverdächtigen in ihrer Berichterstattung nennen. Jennifer Pross fasst die Ergebnisse für den „Mediendienst Integration“ zusammen: Die Herkunft werde „vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.“ Außerdem hat Studienautor Thomas Hestermann für den „Mediendienst Integration“ eine ausführliche „Expertise“ erstellt (PDF). Er nennt darin teils erschreckende Zahlen, etwa: „Verglichen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, ergibt sich daraus ein stark verzerrtes Bild: Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen Tatverdächtigen.“
Weitere Lesetipps: Keine „Lückenpresse“ (deutschlandfunk.de, Gudula Geuther), Die Gefahr der Obsession (taz.de, Peter Weissenburger) und Bizarrer Fetisch: Mann wird nur von Verbrechen erregt, wenn sie von Ausländern begangen werden (der-postillon.com).

2. Impulse aus Straßburg zur grundrechtlichen Bewertung feindseligen Verhaltens Privater gegenüber Journalist*innen
(juwiss.de, Tobias Brings-Wiesen)
Nachdem die NPD zu einer Demonstration gegen drei Journalisten aufgerufen hatte, schreibt Jurist Tobias Brings-Wiesen darüber, „wie schwierig in der grundrechtlichen Bewertung die Abgrenzung zulässiger Opposition von grenzüberschreitender Oppression sein kann“: „Der Sachverhalt bietet daher Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen, wie mit feindseligem Verhalten Privater gegenüber Journalist*innen — auch unterhalb der Schwelle physischer Attacken — auf Ebene der Grundrechte umzugehen ist.“ Er bringt dazu die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Spiel, bei der es um ein „environment protective of journalism“ geht.

3. Fehler im Atom-Kommentar
(blogs.taz.de, Malte Kreutzfeldt)
In einer „taz“-Beilage ist ein Text zum Thema Atomkraft erschienen (Überschrift: „Atomenergie als kleineres Übel“), der in einem Workshop von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten entstanden ist. Malte Kreutzfeldt schreibt im „taz“-eigenen „hausblog“ dazu: „Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zum Sinn der Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten stimmen, auf denen die Meinungen beruhen. Und das ist in diesem Text, wie auch zahlreicher Leser*innen anmerkten, an mehreren Stellen leider nicht der Fall. Folgendes möchten wir darum an dieser Stelle klarstellen“.

4. Auf der Suche nach mehr Sexyness
(deutschlandfunk.de, Vera Linß)
Zum 70. Geburtstag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) spricht Vera Linß über die „Attraktivitätsprobleme“ der Gewerkschaft: „Die Mitgliederzahl ist seit 2003 um 10.000 gesunken — auf derzeit 32.000. Denn junge Leute bleiben fern. Früher ging man nach dem Volontariat direkt in die Gewerkschaft. Heute ist das nicht mehr so. Das hat zum einen finanzielle Gründe. Aber auch die Überalterung des DJV schreckt viele ab.“
Weiterer Hörtipp: Jörg Wagner und Daniel Bouhs hatten im Medienmagazin des rbb den DJV-Vorsitzenden Frank Überall zu Gast.

5. Werbe-Tracking: Datenschutzbeauftragte prüft Landesportal berlin.de
(heise.de, Stefan Krempl)
Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk sagt, „das offizielle Hauptstadtportal“ Berlin.de handle „für das Land Berlin ‚rufschädigend'“, weil es über Werbetracker reichlich Daten der Benutzerinnen und Benutzer absaugt. Stefan Krempl erklärt bei heise.de: Die Betreiberfirma hinter Berlin.de, Berlin Online, gehöre zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag, der bekanntermaßen dem Neu-Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich gehört.
Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org über „die wirre Geschichte einer Hauptstadt-Website“.

6. Wir müssen Autorinnen ermuntern
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat ein „Kurz-Interview“ mit Jörg Schönenborn geführt. Gewohnt hartnäckig fragt Buhre bei dem Fernsehdirektor des WDR und Koordinator Fernsehfilm in der ARD nach, ob dieser Interesse daran habe, dass mehr Frauen die Drehbücher von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreiben (aktuell liege der Anteil bei unter 10 Prozent), und ob Schönenborn es in Ordnung finde, dass bei der ARD für Dokumentationen vergleichsweise wenige Gelder vorhanden sind (allein der „Tatort“ erhalte beinahe so viel Budget wie alle Dokumentarfilme zusammen).

Schumachers Belästiger, Immer gehendes Blaulicht, Feinde des Sports

1. Gericht verbietet Luftaufnahmen von Schumachers Anwesen
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
„Das neue Blatt“ aus dem Hause Bauer ist bekannt dafür, das Schicksal von Michael Schumacher besonders skrupellos auszuschlachten. Nun hat ein Gericht die Veröffentlichung von teilweise hochauflösenden Dronenaufnahmen eines Schumacher-Anwesens auf Mallorca verboten. Der Verlag gibt sich gewohnt hartleibig und uneinsichtig und will gegen den gerichtlichen Beschluss in Berufung gehen.

2. „In jedem Text lauert eine Relotius-Gefahr“: Warum Lead Awards-Macher Peichl ein Umdenken bei den Medien vermisst
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Anlässlich der Verleihung der Lead Awards hat „Meedia“ mit dem Lead-Award-Organisator Markus Peichl gesprochen. Es geht unter anderem um die Folgen der Relotius-Affäre und den Besitzerwechsel beim Berliner Verlag: „Die Übernahme der ‚Berliner Zeitung‘ durch das Unternehmer-Ehepaar Silke und Holger Friedrich hat alle überrascht und baff gemacht. Doch man lernt: Macht es einen zuerst ‚baff‘, kommt meist ein ‚Paff‘ hinterher.“

3. Blaulicht-Themen gehen immer
(deutschlandfunk.de, Vanja Budde)
Die Auflage der „Märkischen Oderzeitung“ ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 20.000 Stück auf die derzeitige Gesamtauflage von etwa 77.000 Exemplaren zurückgegangen. Nun heißt das Motto: „online first“. Welche Themen besonders beliebt sind? Laut Online-Redakteurin Katrin Hartmann liefen die „Blaulicht“-Themen immer gut, aber auch Kitaplätze und -gebühren seien Dauerbrenner und, na klar, die Rückkehr des Wolfes.

4. Man hat den Sport durchkapitalisiert
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Der Journalist Hajo Seppelt ist für einige bemerkenswerte und folgenreiche Reportagen zu Manipulationen und Doping im Sport verantwortlich, in denen er illegale Praktiken aufdeckte. Nun hat er des Buch „Feinde des Sports“ vorgelegt. Darin geht es um eine überaus spannende Thematik, über die sich Jakob Buhre von „Planet Interview“ mit Seppelt unterhalten hat.

5. „Es wird nach wie vor nicht angemessen gezahlt“
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Als Vorsitzender des Bundesverbands der Fernsehkameraleute kritisiert Frank Trautmann die seiner Meinung nach zu niedrige Entlohnung von Kameraleuten. Im Gespräch mit „DWDL“ geht es um Strategien, dies zu ändern, und die Frage eines Mindesthonorars für die Branche: „Wir haben uns lange dagegen gesträubt, ein Mindesthonorar zu nennen, weil wir dachten ein Minimum würde leicht als Standard missverstanden werden. Inzwischen haben wir festgestellt: Dieses Mindesthonorar ist oft noch mehr als das, was viele Kameraleute tatsächlich bekommen.“

6. Das Ende von „mehr, mehr, mehr“
(journalist-Magazin.de, Christian Lindner)
In der Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ äußern sich prominente Persönlichkeiten der Branche zu Gegenwart und Zukunft des Journalismus. Diesmal: Christian Lindner, ehemaliger Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ und bis vor Kurzem stellvertretender „Bild am Sonntag“-Chef. Seine Vorstellung von der Zukunft: „Journalistische Kompetenz wird beim Aufspüren, Sammeln, Sichten, Sortieren, Übersetzen und Aufbereiten dieser Informationen weiter gefragt sein. Eine gewisse Klientel wird auch Fan-Freude an medialen Leitwölfen haben, die mit Verve oder gar Furor ihre Sicht der Welt unters Volk bringen. Die Zukunft aber wird nicht den Journalisten und Angeboten gehören, die vermitteln: ‚Das sollten Sie denken.‘ In unsere auch durch das Digitale ebenso aufgeklärte wie verunsicherte Zeit werden vielmehr jene Medienmacher und Produkte passen, die ihrem Publikum aufzeigen: ‚Das haben wir für Sie gefunden, das könnte Folgendes für Sie, Ihr Leben und unser Land bedeuten, das sollten Sie kennen.'“

Hass-Meldepflicht, Streit-Ressort, „Bild“ als Werkzeug des Attentäters

1. Soziale Medien müssen Hasspostings künftig dem BKA melden
(spiegel.de, Wolf Wiedmann-Schmidt)
Betreiber Sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Youtube müssen Hasspostings künftig dem Bundeskriminalamt melden. So sehen es jedenfalls die Änderungen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes vor, auf die sich Bundesjustiz- und Bundesinnenministerium verständigt haben. Das Löschen allein reicht nicht mehr aus. Die Betreiber sind verpflichtet, die IP-Adresse und Portnummer herauszugeben, mit denen man zumindest das verwendete Endgerät ermitteln kann. Beleidigungen seien jedoch nicht von der Regelung betroffen. Der Strafverteidiger Udo Vetter kommentiert bei Twitter: „Soziale Netzwerke werden jetzt zu Denunziationsmaschinen umgebaut. Freut euch, wenn ihr eure erste polizeiliche Vorladung bekommt, z.B. weil weder der hochqualifizierte Melder bei Twitter noch die Polizei Ironie verstehen.“

2. Ermitt­lungen gegen Jour­na­listen ein­ge­s­tellt
(lto.de)
Nach der Veröffentlichung des „Ibiza-Videos“ hatte der frühere österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache zwei Journalisten, eine Journalistin und zwei Chefredakteure der „Süddeutschen Zeitung“ angezeigt. Die Staatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen nun jedoch eingestellt. Es habe ein „überragendes Interesse an der Berichterstattung über die thematisierten Missstände“ gegeben.

3. Presserat: bild.de als Werkzeug des Attentäters von Halle
(stefan-fries.com)
Der Deutsche Presserat hat Bild.de für die Veröffentlichung von Videomaterial gerügt, das von dem Attentäter von Halle stammt. Der Presserat erkläre dazu: „In dem Video unter dem Titel ’35 Minuten Vernichtungswahn‘ ordnete ein Reporter die gezeigten Sequenzen zwar ausführlich ein. Jedoch übernahm die Redaktion die Dramaturgie des Täters, indem sie seine Vorgehensweise chronologisch vom Laden der Waffen bis hin zu den Sekunden vor und nach den Mordtaten zeigte. Bei beiden Szenen konnten die Zuschauer aus der Perspektive des Täters quasi live dabei sein. Diese Darstellung geht über das öffentliche Interesse hinaus und bedient überwiegend Sensationsinteressen.“

4. Zeitungswende in Italien
(faz.net, Tobias Piller)
„FAZ“-Wirtschaftskorrespondent Tobias Piller kommentiert die Übernahmeschlacht um die italienische „La Republiucca“: „Ausgerechnet diejenige Zeitung, die einst als Stimme gegen das italienische Establishment gegründet worden war, wird nun von denen übernommen, die wie sonst niemand die etablierten Mächte in Italien repräsentieren — von der Familie Agnelli.“

5. NZZ: «Transparenz ist durchaus gegeben»
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der „NZZ“ lag eine zwölfseitige Verlagsbeilage zur Immuntherapie bei („Wie unser Körper Krebs bekämpfen kann“). Die Beilage habe sich auf den ersten Blick nicht vom unabhängigen Redaktionsteil der „NZZ“ unterschieden, sei jedoch vom Pharmakonzern MSD (Merck Sharp & Dohme) in Auftrag gegeben worden. Urs P. Gasche hat bei der Zeitung nachgefragt, ob es für die Leserinnen und Leser nicht transparenter gewesen wäre, statt „Verlagsbeilage“ etwa zu titeln: „Beilage des Pharmakonzerns MSD“? Gasche hat eine Antwort auf seine Frage bekommen, die ihn jedoch nicht zufriedenstellt.

6. Und jetzt? Zoff!
(taz.de, Erica Zingher & Peter Weissenburger)
Seit einem Vierteljahr existiert das neue Streit-Ressort der „Zeit“. Erica Zingher und Peter Weissenburger haben sich das Ressort genauer angeschaut und ziehen eine vorläufige Zwischenbilanz: „‚Streit‘ verdeutlicht, dass die Debatte über die Meinungsfreiheit im Kern an einer Grundannahme hängt: Wer glaubt, dass Deutschland drauf und dran ist, in der Mitte auseinanderzureißen, wird viel in Kauf nehmen, um dies zu verhindern, womöglich eine folgenschwere Öffnung nach rechts. Wer das anders sieht, muss davor warnen. Das alles ist, Sie ahnen es, eine Streitfrage.“

Wie aus dem „Pegida“-Handbuch, Bombenticker, Bushido fliegt raus

1. „Eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Wie erst kürzlich bekannt wurde (siehe dazu auch unsere „6 vor 9“ von gestern), stellt der MDR die Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Uwe Steimle ein. „Ich wurde entfernt, das ist eindeutig Berufsverbot, Zensur ersten Grades!“, habe Steimle der Website „Tag24“ gesagt. Ein Satz wie aus dem kleinen „Pegida“-Handbuch des Wutbürgers, denn natürlich verbietet keiner Steimle, seiner Tätigkeit nachzugehen. Nur der MDR will nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten.

2. Follower kaufen: Wir haben unseren Bürohund zum Influencer gemacht
(vice.com, Sebastian Meineck & Theresa Locker)
Die „Vice“-Redaktion hat ein Experiment angestellt: Wie kann man Bürohund Henri zum (Fake-)Influencer auf Instagram machen? Wie viel Zeit ist dafür nötig, wie lässt sich am besten schummeln, und wo bekommt man die meisten Follower für sein Geld? Das Ganze ist nicht nur ein lustiger Versuch, sondern sagt viel aus über die in großen Teilen manipulierte und künstliche Instagram-Welt.

3. „Investigative Geschichten sind überlebenswichtig“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Ulrike Bremm hat sich für den „Fachjournalist“ mit dem Chefredakteur des Medienmagazins „Wirtschaftsjournalist“, Wolfgang Messner, unterhalten. In dem Interview geht es unter anderem um das journalistische Anforderungsprofil, konkrete Tipps für junge Kolleginnen und Kollegen und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus im Allgemeinen. Messners Prognose für Deutschland: „Ein neues Wirtschaftsmagazin wird es zumindest im Printbereich nicht mehr geben. Aber wir werden im Internet viel neuen starken und kämpferischen Journalismus und auch Wirtschaftsjournalismus erleben.“

4. Bushido fliegt bei Youtube raus
(faz.net)
Auf Veranlassung der Medienanstalt von Hamburg und Schleswig-Holstein hat Youtube einige Bushido-Videos für deutsche Nutzerinnen und Nutzer gesperrt. Hintergrund: Bushidos Album „Sonny Black“ stehe in Deutschland wegen Frauen- und Schwulenfeindlichkeit sowie Gewaltverherrlichung auf dem Index. Dies sei erstmals 2015 festgestellt und Ende Oktober 2019 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden.

5. Bombenticker hinter Paywall: LVZ-Chefredakteur reagiert auf Shitstorm
(flurfunk-dresden.de, Peter Stawowy)
Da mit Werbung im Internet immer weniger Geld zu verdienen ist, stellen viele Medien Paywalls auf, so auch die „Leipziger Volkszeitung“ („LVZ“). Dafür wird auch jeder Verständnis haben, doch wie sieht es bei lebenswichtigen Informationen für die Allgemeinheit aus? Sollten diese Informationen frei zugänglich sein? Über diese Fragen wurde und wird heftig gestritten. Der konkrete Anlass: Ein „LVZ“-Liveticker zu einer Bombenentschärfung im Leipziger Norden, der nur mit kostenpflichtigem Abonnement zu lesen war.

6. Nichts war erfolgreicher als „Die Zerstörung der CDU“
(spiegel.de)
Zum Ende des Jahres veröffentlichen viele große Plattformen ihre Jahrescharts. Bei Youtube Deutschland wird die Hitliste erwartungsgemäß von Rezo und seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ angeführt. Neun der Top-Ten-Videos hierzulande kämen laut Youtube aus Deutschland oder hätten einen lokalen Bezug.

Blättern: 1 2 3 4 ... 974

BILDblog-Klassiker

Allgemein  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete „Bild“:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat „Bild“ im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin „Annelise Krauß“ ein „e“ vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in „Bild“. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‚Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche‘, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.“

Und das sei nun wirklich „Quatsch“, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von „Bild“ zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: „Das wäre ja auch idiotisch,“ sagt Krauß, „denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!“ Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut „Bild“ ja „aus Katzen Benzin machen“ kann):

„Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.“

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu „Bild“ gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn „der Herr Helfricht“, also einer der Autoren des „Bild“-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in „Bild“ stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass „Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)“, wie es in „Bild“ heißt, „aus Katzen Benzin machen“ könne: Denn dass die „Benzin“-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige „Bild“-Text selbst, weil darin nur von „Bio-Diesel“ oder „Diesel“ die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die „Welt“ im Januar 2005, die „Pirmasenser Zeitung“ im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

„Bild“ indes nennt Kochs Erfindung einen „Spezialreaktor“ und schreibt Sätze wie diesen:

„Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

Und fragt man einfach mal nach bei dem „Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann“ („Bild“), antwortet Christian Koch, der „Bild“-Bericht habe „nichts mit der Wahrheit zu tun“ und sei „zudem grenzenlos dumm“. Koch weiter:

„Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.“

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
„Bild“ hat die Sache mit der „Katzen-Kraft“ heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch „theoretisch auch aus Katzen“ Bio-Diesel herstellen „könnte“, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von „Bild“ aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen „Bild“-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz („Die Diskussion ist überflüssig“) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es „Bild“ offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen „Benzin“ (Überschrift) und „Diesel“ (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.