Leeres Gauland, Protestkündigung bei „Vice“, Ahnungslose „Freizeitwoche“

1. Wie Thomas Walde den AfD-Chef ins Straucheln brachte
(dwdl.de, Alexander Krei)
Im Sommerinterview sprach ZDF-Journalist Thomas Walde mit AfD-Chef Alexander Gauland, und der zeigte sich erstaunlich ahnungslos, wenn es um Dinge abseits der Flüchtlingsthematik ging. Digitalisierung? Renten? Wohnungsnot? Klimawandel? Zu all diesen Themen glänzte der 77-jährige Parteiführer mit Nichtwissen.
Weiterer Lesetipp: Wie die AfD mit kritischen Fragen umgeht: Die Alternative auf Antworten. „taz“-Autor Frederik Schindler weist dort auf eine Analyse des Datenjournalismus-Projekts „Einfacher Dienst“ hin: In den neun Sommerinterviews, die vor Gauland ausgestrahlt wurden, sei es in mehr als 61 von insgesamt 267 Minuten über die Themen Flucht, Asyl und Migration gegangen, während für Europa knapp zwölf Minuten und für Bildung gerade einmal 18 Sekunden übrig geblieben seien.

2. Abgänge aus Protest: „Vice Österreich“ muss neue Redaktion suchen
(derstandard.de, Oliver Mark)
Bei „Vice“ Österreich haben alle acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Kündigung eingereicht. Einer der Gründe: Die „Entmachtung der Landes-Chefredaktionen“. Auf Facebook haben sich Noch-Chefredakteur Markus Lust und Noch-Vizechefredakteurin Hanna Herbst mit Stellungnahmen von ihren Leserinnen und Lesern verabschiedet.

3. „Ich fühle mich angestachelt“
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Der aus China ausgewiesene Journalistik-Student David Missal ist wieder zurück in Deutschland. Missal ist wahrscheinlich ein Videobeitrag über Menschenrechtsanwälte zum Verhängnis geworden, den er im Rahmen seines Studiums an einer chinesischen Universität gedreht hat. Hans Hoff hat den 24-jährigen Studenten direkt vom Flughafen abgeholt und mit ihm gesprochen. Es entsteht das Bild eines mutigen, wenn auch etwas naiven jungen Mannes.
Weiterer aktueller Lesetipp: Kritik von allen Seiten für Googles chinesische „Zensurmaschine“ (netzpolitik.org, Simon Rebinger).

4. Darum sollten Sie RSS nutzen
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Der Digital-Experte der „SZ“ Simon Hurtz kann sich ein Leben ohne RSS nicht vorstellen. Die Technik ermöglicht es, unzählige Nachrichtenquellen gleichzeitig zu verfolgen. Dies gelinge mittels RSS und RSS-Reader weit besser als zum Beispiel über Portale oder Soziale Netzwerke: „Facebook ist wie eine Kantine: Indem Sie bestimmten Seiten folgen und Ihre Freunde selbst auswählen, können Sie zumindest die Grundzutaten Ihres Medienmenüs selbst bestimmen. Sie haben die Wahl zwischen Fleisch, Vegetarisch und Salat. Manchmal schmeckt es, manchmal ist es versalzen. Wer RSS-Reader nutzt, kocht selbst: Er weiß genau, was in den Topf kommt, und kann jeden Tag neu entscheiden, worauf er Lust hat.“

5. Wohnwagen, Inzucht
(freitag.de, Peter Kuras)
Im amerikanischen „Rust Belt“, der ehemals mächtigen Industrieregion im Nordosten der USA, steht es nicht gut um die Medienversorgung. Viele lokale Zeitungen haben dicht gemacht, Tausende Journalisten wurden entlassen. Regionale Radio- und Fernsehsender wurden oft von Großkonzernen geschluckt und fungieren jetzt als Abspielstationen mit wenig Regionalbezug. Das Onlinemagazin „Belt“ stemmt sich dem journalistischen Abwärtstrend entgegen und schreibt gegen die Klischeebilder der Region an.

6. „Freizeitwoche“ findet keine Belege für Bullock-Interviews, aber Penis-Facials
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Über viele Jahre veröffentlichte die „Freizeitwoche“ Interviews mit der US-Schauspielerin Sandra Bullock. Interviews, die es anscheinend nie gegeben hat. Das behauptet jedenfalls der Hollywood-Star, der die „Freizeitwoche“ in Deutschland verklagt hat. Im Prozess geht es auch darum, ob die Redaktion hätte merken müssen, dass es sich um gefälschte Interviews handelte. Dafür spricht so einiges, aber die Verantwortlichen weisen alle Vorwürfe weit von sich. Wenn es sich um gefälschte Interviews handeln sollte, so die treuherzige Argumentation, sei man vom Autor hintergangen worden. Und dies jahrelang … Am 7. September soll das Gericht seine Entscheidung verkünden.

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Das Ende der RTL2-News, Tiefer Fall, Das Arschgeweih des ZDF

1. Die letzten bunten Wochen
(sueddeutsche.de, Jan Schwenkenbecher)
Die 15-minütige Nachrichtensendung RTL2-News galt beim Sender lange Zeit als das Nachrichtenkonzept der Zukunft. Damit ist es nun vorbei: Das Berliner Studio wird aufgelöst, den mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde gekündigt. In einem Berliner Biergarten haben einige von ihnen ihre Sicht der Dinge erzählt, die sie aus Angst um ihre Abfindungen bisher für sich behalten haben. Der Sender sei hochprofitabel, die Sendung intern stets gelobt worden. Warum es trotzdem zum Aus gekommen ist? Die Biergarten-Runde tippt auf das Profitinteresse der Gesellschafter.

2. Ulle from the block
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm beschäftigt sich mit der Medienhetze des Boulevards gegen den Ex-Radprofi Jan Ullrich: „Ullrichs Geschichte ist nicht nur „der tiefe Fall“ eines Ex-Sportlers, es ist vor allem der tiefe Fall des Sommerlochs.“

3. Osnabrücker Student aus China ausgewiesen
(ndr.de)
Der 24-jährige Journalismus-Student David Missal ist aus China ausgewiesen worden. Missal geht davon aus, dass die Ausweisung mit seiner Arbeit über die Verfolgung von Menschenrechtsanwälten in China zusammenhängt.

4. Geschäftsmodell – Leben zerstören
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Der ultrarechte Online-Verschwörungstheoretiker und „Infowars“-Betreiber Alex Jones hat eine schlechte Woche hinter sich: Apple, YouTube, Pinterest, LinkedIn und Spotify schmissen ihn bzw. einige seiner Inhalte von ihren Plattformen: „Die augenscheinlich konzertierte Aktion aller großen Plattformen außer Twitter gegen Jones könnte ein Wendepunkt sein: Vielleicht ist man im Silicon Valley jetzt doch zu dem Schluss gekommen, dass man nicht Leuten beim Geschäftemachen helfen sollte, zu deren Geschäftsmodell es gehört, das Leben anderer Menschen mit Lügen zu zerstören.“

5. „Zur Medienkompetenz gehört, nicht immer online zu sein“
(golem.de, Tobias Költzsch/dpa)
Was in Frankreich schon gilt, fordert nun auch die Landesmedienanstalt Niedersachsen: Ein verpflichtendes Smartphone-Verbot an Schulen. Das in Frankreich jüngst beschlossene Gesetz verbietet grundsätzlich das Nutzen von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I.

6. Am Arsch
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Der ZDF-„Fernsehgarten“ könnte die Kultsendung der Gegner des gebührenfinanzierten Fernsehens werden: In der vergangenen Ausgabe des Fremdschäm-Klassikers haben sich Zuschauer und Gäste ein Arschgeweih mit „Fernsehgarten“-Logo aufsprühen lassen. Unter Aufsicht der hyperventilierenden Moderatorin Andrea Kiewel und der Sängerin Jasmin „Blümchen“ Wagner.

„Bild“ verunsachlicht Kindergeld-Debatte mit falschen Zahlen

„Bild“-Chefreporter Peter Hell hat einen Bulgaren gefunden, der den Leserinnen und Lesern mal erklärt, wieso das mit den deutschen Sozialleistungen für EU-Bürger aus Sicht eines Bulgaren eine ganz einfache Rechnung ist:

Screenshot Bild.de - EU-Ausländer stauben Kindergeld ab - Ein Bulgare erzählt, warum er nach Deutschland kam

Blöderweise nutzt er dafür allerdings falsche Zahlen. Und die „Bild“-Medien verbreiten sie weiter:

Einer, der aufgrund der lukrativen Sozialleistungen aus Plovdiv (Bulgarien) mit dem Bus vor acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland reiste, ist Ricky* (20, Name geändert). BILD traf den Bulgaren, seine zwei Geschwister und Eltern in ihrer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung (70 qm) in Dortmund. Zwei Jahre arbeitete Ricky als Koch. Aktuell lebt die gesamte Familie von Sozialleistungen.

Ricky rechnet gegenüber BILD vor: „In Bulgarien bekommst du 7 bis 8 Euro Kindergeld und 15 Euro Arbeitslosengeld pro Monat. In Deutschland ist das besser. Hier sind es fast 200 Euro pro Person. Eine Familie mit drei, vier Kindern kommt auf fast 800 Euro. Die Miete und der Strom werden uns mit 600 Euro auch bezahlt. Außerdem bekomme ich Arbeitslosengeld. Deshalb ist Deutschland für mich das beste Land.“

Erstmal: Wenn Ricky heute 20 ist und vor acht Jahren nach Dortmund kam, dürfte es ausgesprochen unwahrscheinlich sein, dass er als 12-Jähriger auf die Idee kam, sich aufgrund deutscher Sozialleistungen nach Deutschland aufzumachen, wie Bild.de in der Überschrift behauptet. Die Initiative dürfte wohl eher von Rickys Eltern ausgegangen sein.

Dann: Wenn Ricky zwei Jahre als Koch gearbeitet hat, wird er vermutlich in die Sozialkassen eingezahlt haben. Dass er daraus nun Arbeitslosengeld bekommt, ist erstmal nur fair.

Aber vor allem: Leider hat Ricky keine besonders große Ahnung von den Sozialleistungen in Bulgarien. Und leider hat „Bild“-Chefreporter Peter Hell kein besonders großes Interesse an Fakten.

„7 bis 8 Euro Kindergeld und 15 Euro Arbeitslosengeld pro Monat“ in Bulgarien — da wird selbst der letzte Stammtischler sagen: „Ist ja klar, dass die zu uns kommen und hier was abstauben wollen!“ Nur sind die Zahlen falsch.

Eine bulgarische Familie mit einem Kind bekommt aktuell 40 Lew pro Monat, mit zwei Kindern insgesamt 90 Lew, mit drei Kinder 135 Lew, mit vier Kinder 145 Lew. Für jedes weitere Kind gibt es 20 zusätzliche Lew. Zwei bulgarische Lew sind in etwa ein Euro. Also: 20 Euro für ein Kind, 72,50 Euro für vier Kinder. Das ist, verglichen mit den monatlich rund 200 Euro Kindergeld in Deutschland, immer noch wenig. Aber eben deutlich mehr als von Ricky in den „Bild“-Medien behauptet.

Noch viel weiter entfernt von den tatsächlichen Zahlen ist Rickys Angabe zum Arbeitslosengeld. In Bulgarien hat jeder darauf einen Anspruch, der in mindestens neun der 15 Monate vor der Arbeitslosigkeit in den staatlichen Arbeitslosenfonds eingezahlt hat. Die Höhe des Arbeitslosengeldes richtet sich nach dem durchschnittlichen Nettolohn der vorangegangenen 24 Monate und beträgt 60 Prozent davon. Es gibt allerdings einen Mindestbetrag: Für 2018 liegt dieser bei 9 Lew, also 4,50 Euro — pro Tag. Und nicht, wie von Ricky in „Bild“ behauptet, bei 15 Euro pro Monat. Der Höchstbetrag liegt bei 74,29 Lew beziehungsweise 37,15 Euro täglich. Das monatliche Arbeitslosengeld beträgt in Bulgarien bei 30 Tagen im Monat also zwischen 135 Euro und 1114,50 Euro. Wer bis zu drei Jahre in den Arbeitslosenfonds eingezahlt hat, hat vier Monate lang Anspruch auf Arbeitslosengeld; wer über zwölf Jahre eingezahlt hat, hat Anspruch auf zwölf Monate Arbeitslosengeld.

Daneben gibt es in Bulgarien auch eine Sozialhilfe. Der Staat unterscheidet bei der Festlegung der Höhe, je nach Lebenssituation: Eine Alleinerziehende bekommt einen anderen Betrag als ein Rentner. Grundsätzlich orientiert sich die Sozialhilfe aber am monatlichen garantierten Mindesteinkommen von 75 Lew, also 37,50 Euro.

Die „Bild“-Redaktion hat sich mal wieder große Mühe gegeben, eine Debatte möglichst zu verunsachlichen.

Mit Dank an Björn S. für den Hinweis!

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Volksempfinden, DW: kein Kommentar, Schweiger und Ullrich im Medienpuff

1. “Angemessen, aber nicht ausreichend” – die Medien und das Staufener Urteil oder: Dr. Prantls gesundes Volksempfinden
(meedia.de, Thomas Fischer)
Manche Medien reagierten auf das Urteil beim Staufener Missbrauchs-Prozess mit Justizkritik und Urteilsschelte. Ex-Bundesrichter Thomas Fischer hat darauf mit einigen Anmerkungen reagiert, in denen er auch den „SZ“-Kommentatoren Heribert Prantl kritisiert. Natürlich in der von ihm gewohnten Direktheit und Rustikalität.

2. Warum wir die Kommentarfunktion abschalten
(dw.com, Ines Pohl)
Die „Deutsche Welle“ schaltet die Kommentarfunktion unter ihren redaktionellen Meinungsbeiträgen ab. Das Diskussionsniveau habe stetig abgenommen: Der Diskurs sei in letzter Zeit von persönlichen Beschimpfungen, Beleidigungen und rassistischen Äußerungen geprägt gewesen. Dementsprechend zeitaufwändig und nervenaufreibend sei die redaktionelle Betreuung gewesen.

3. Russische Trolle für und gegen Merkel
(faktenfinder.tagesschau.de, Karolin Schwarz & Patrick Gensing)
In einer Datenanalyse wurde untersucht, wie russische Trolle auf Twitter den Wahlkampf in Deutschland beeinflussten. Karolin Schwarz und Patrick Gensing erklären anhand von Beispielen die Vorgehensweise der Trolle, deren Zielrichtung nicht immer eindeutig auszumachen sei.

4. Das Magazin „Flow“ – Pausenmusik im Fahrstuhl der Pflichten
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Das Magazin „Flow“ will seinen Leserinnen und Lesern helfen, achtsam und im Einklang mit sich selbst zu leben. „Deutschlandfunk“-Kolumnist Matthias Dell hat dort allerdings nur ein permanentes Hochhalten der Weltschlechtigkeit entdeckt. „Flow“ sei die Pausenmusik im Fahrstuhl der Pflichten.

5. Brutale zehn Jahre
(arminwolf.at)
Armin Wolf hat sich die Auflagen-Entwicklung von Tageszeitungen in Deutschland und Österreich angeschaut. Die Printverluste könnten auch durch steigende Online-Werbeerlöse nicht ausgeglichen werden. Wolfs Apell: „Kaufen Sie professionell gemachte Zeitungen und Magazine! Sonst wird es irgendwann keinen seriösen Journalismus mehr geben. Vielleicht schon 2034, vielleicht sogar noch früher.“

6. Til Schweiger und Jan Ullrich im Medienpuff von „Bunte“ und RTL
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 4:59 Minuten)
Verfilmte Medienkritik kann kaum unterhaltsamer daherkommen: Boris Rosenkranz hat die „Zwangsmedientherapie“ des Schauspielers Til Schweiger an seinem Finca-Nachbarn, dem Ex-Radprofi Jan Ullrich, in einem fünfminütigen Film aufgearbeitet.

Darf man sich freuen, wenn „Bild“-Autoren die Schreibhand abfault?

Ein Gastbeitrag von „Postillleaks“

Daniel Böcking ist bibeltreuer Christ mit eigenem Sachbuch („Ein bisschen Glauben gibt es nicht. Wie Gott mein Leben umkrempelt“) und stellvertretender Chefredakteur bei „Bild“. Umso mehr verwundert es, dass er für seinen Arbeitgeber einen Artikel über die Krebserkrankung der Frau des syrischen Machthabers Baschar al-Assad verfasst und in der Überschrift fragt:

Screenshot Bild.de - Assads Frau Asma an Brustkrebs erkrankt - Darf man sich freuen, dass Syriens mörderische Mutter Krebs hat?

Schon die Schlagzeile wirft einige Gegenfragen auf. Zum Beispiel warum man sich des billigen journalistischen Tricks bedient, die Antwort auf provozierende Fragen nicht gleich selbst zu liefern (und im noch schlimmeren Fall die Antwort hinter der Paywall versteckt), sondern sie feige dem Leser überlässt, ganz in der Hoffnung, dass man a) damit ein paar ordentliche Klicks abgreift und b) mit ein bisschen Tagesform seitens der aufgehetzten Leserschaft die Absolution bekommt: Jawoll, Brustkrebs allgemein ganz schön doof, aber bei der Frau von Assad halt nicht. Eingekleidet in die Ekel-Alliteration der „mörderischen Mutter“ hat man so sicher den gewünschten Maximaleffekt erzielt.

Aber schauen wir doch mal, wie Christ Daniel Böcking die an die Leserschaft gestellte Frage selbst beantwortet. Er legt los mit:

Die Frau des Chemiewaffen-Schlächters Baschar al-Assad (52) hat Brustkrebs. Und — in aller Ehrlichkeit — liegt ein Gedanke nicht fern, so schäbig er auch ist. Nämlich: „Das trifft die Richtige!“

In aller Ehrlichkeit könnte der Gedanke ja erstmal nicht ferner liegen. Böcking konnte ihn als „schäbig“ identifizieren, immerhin ein Ansatz von Selbstreflexion. Zur Erklärung schiebt er hinterher:

Asma al-Assad (42) ist das schöne, moderne und doch so heuchlerische Propaganda-Gesicht der Assads: Während ihr Mann Kinder mit Chemiewaffen vergast, zeigt sie sich mit lachenden Jungen und Mädchen auf Instagram. Sie verteidigt seinen mörderischen Krieg gegen das eigene Volk und genießt dabei ihr Luxusleben an seiner Seite, ihre eigenen drei Kinder schlafen sicher in den Bunkern ihrer Paläste.

Abgesehen davon, dass ein „Luxusleben“ in Bunkern vielleicht nicht das Schönste ist, was man seinen Kindern wünscht, stellt sich schon hier die Frage, welche gedanklichen Bögen man eigentlich schlagen muss, um die mögliche Freude über die Diagnose Brustkrebs mit irgendwelchen Instagram-Fotos zu vermengen. Dass Soziale Medien zu Propagandazwecken genutzt werden, dürfte hingegen gerade „Bild“-Mitarbeitern nicht fremd sein:

Auf Twitter gab es Genesungswünsche, aber auch diese Kommentare: „Hoffentlich erholt sie sich nie!“ oder „Ich wünsche ihr einen langen, schmerzvollen Tod.“ User sendeten lachende Smileys und daneben zum Gebet gefaltete Hände, als wollten sie sich für eine göttliche Strafe bedanken.

Ab hier wird es völlig grotesk, denn Christ Daniel Böcking holt zum Plot-Twist aus und predigt — die Eingangsfrage aus der Artikelüberschrift beantwortend — von der Boulevardkanzel auf den Leser hinunter:

Das mag menschlich sein. Aber christlich ist das nicht. Denn nach christlichem Verständnis straft Gott so nicht. „Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und über Gute“, heißt es in der Bibel (Matthäus 5,45). Und zur Schadenfreude: „Wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben“ (Sprüche 17,5).

Was für eine Katastrophe wäre es, wenn wir jedes Leid und jede Krankheit als Strafe Gottes sehen würden — besonders die Geißel Krebs, die jedes Jahr Millionen Menschen trifft. Vielleicht fällt es bei all der Abscheu gegenüber dem Ehepaar Assad schwer: Doch Christen sind aufgerufen zu beten. Auch für ihre Feinde, auch für die Bösen.

Woran wir Christen aber auch glauben: Es wird ein gerechtes Gottes-Urteil geben für Asma al-Assad, die mörderische Mutter Syriens. Nicht hier durch Brustkrebs. Aber dann, wenn sie einmal vor Gott treten muss.

Ihr Mann Baschar ist für Hunderttausende Tote verantwortlich — doch sie hält ihm unvermindert die Treue.

Mit anderen Worten, liebe (christlichen) Leserinnen und Leser der „Bild“-Medien: Ihr dürft Euch leider nicht freuen, dass Asma al-Assad Brustkrebs hat. Aber: Wenn der Krebs oder irgendwas anderes sie erst einmal dahingerafft hat, geht es richtig rund: Das Fegefeuer ist bereits reserviert. Natürlich nur aus der Sicht von Christ Böcking. Dass Asma al-Assad, die möglicherweise wie ihr Mann den Alawiten angehört*, eventuell an etwas ganz anderes glaubt, was nach ihrem Tod passiert, soll die „Bild“-Leserschaft nicht noch zusätzlich verwirren.

Leider hatten sie in der „Bild“-Redaktion gerade keinen Humanisten zur Hand, und so muss man selbst eine Antwort liefern: Nein, man darf sich nicht freuen, wenn jemand an Brustkrebs erkrankt. Weil das mit einem Mindestmaß an Empathie auch gar nicht möglich ist. Weil die Behandlung schmerzvoll ist, weil sie vielleicht mit dem Tod endet, weil die Kinder von Frau Assad dann ihre Mutter verlieren würden, und weil man menschliches Leid einfach nicht gegeneinander aufrechnet. Auch Asma al-Assad hat eine Menschenwürde, egal wie schrecklich man sie finden mag.

Das alles gilt übrigens auch für die Antwort auf die Frage in der Überschrift.

*Nachtrag, 10. August: Asma al-Assad stammt aus einer sunnitischen Familie. Das würde dagegensprechen, dass auch sie zu den schiitischen Alawiten gehört. Es würde aber dabei bleiben, dass sie mit Böckings Christentum erstmal wenig am Hut hat.

Danke an @bjoernstritzel für den Hinweis!

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Twitters partielle Blindheit, Rüder Musk-elmann, Kulenkampffs Schuhe

1. Meinungsfreiheit: Fehlt Twitter der Durchblick?
(netzpolitik.org, Jillian York)
Apple, Facebook und Youtube haben den Verschwörungstheoretiker und ultrarechten US-Online-Schreihals Alex Jones von ihren Plattformen geschmissen. Nur Twitter lässt Jones dessen Hassbotschaften und Wutreden weiter verbreiten. Dies ist laut Jillian York von der „Electronic Frontier Foundation“ (EFF) auch deshalb inkonsequent, weil Twitter auf der anderen Seite den preisgekrönten ägyptischen Journalisten und Anti-Folter-Aktivisten Wael Abbas gesperrt habe: „Ein bekannter Verschwörungstheoretiker wie Jones, der verantwortlich ist für die Belästigung der Eltern ermordeter Kinder, darf also auf der Plattform bleiben. Ein preisgekrönter Journalist, der mit seinen Recherchen zu Polizeigewalt dazu beigetragen hat, eine Diktatur zu stürzen, wird dauerhaft verbannt. Es wird Zeit, diese Regeln in Frage zu stellen — und die Verantwortung derjenigen, die sie aufgestellt haben.“

2. Zielgruppe „Volk“: Das „Compact Magazin“
(der-rechte-rand.de, Kilian Behrens)
Als „Hasskommentare auf Papier“ bezeichnet Kilian Behrens die Druckwerke aus dem „Compact“-Universum: „Die neue soziale Bewegung von Rechts hat mit »Compact« ein publizistisches Sprachrohr gefunden. Der offen völkische Flügel der AfD wird hier nach Kräften unterstützt, so lange es opportun erscheint. Im Zusammenspiel von Partei und Bewegung kommt dem Magazin derzeit eine Schlüsselrolle zu.“ Dazu auch: unsere BILDblog-Serie „Mut zur Wirrheit“ über „Compact“.

3. Meinung, Männer, Mobmaschinen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Elon Musk ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und Visionär, der durch diverse Unternehmen (u.a. Paypal und Tesla) reich und berühmt geworden ist. Auf Twitter fällt er gelegentlich durch sein ausgesprochen rüdes und aggressives Auftreten auf, das unangenehme Konsequenzen für die von ihm derart Angegangenen haben kann: Unter den 20 Millionen Followern gibt es eine enorme Menge von Männern, die sich als eine Art virtueller Mob auf Musks Opfer stürzen. Sascha Lobo kritisiert die Art und Weise, wie sich Musk seine Reichweite zunutze macht: „Natürlich ist die Grenze zwischen persönlicher Empfindlichkeit und objektiven Drohungen nicht immer absolut eindeutig. Und in Zeiten größter Reichweite einzelner Personen ist man nach wie vor nicht für alle Worte und Taten des eigenen Publikums verantwortlich, natürlich nicht. Aber die Verantwortung ist viel, viel größer, als die meisten Leute glauben: Öffentlichkeit kann eine Waffe sein, und je größer die Reichweite, desto Knall.“

4. Die Welt ist kompliziert – und das ist auch gut so
(krautreporter.de, Amanda Ripley)
Bei den „Krautreportern“ ist ein längeres Lesestück von Amanda Ripley vom „Solutions Journalism Network“ erschienen: „Es ist mir peinlich, das zuzugeben: Ich habe mich völlig überschätzt. Ich bin seit 20 Jahren Journalistin und dachte, dass ich sehr gut darin sei zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun. Dann habe ich mich mit Streitschlichtern, Psychologen und Rabbinern unterhalten und festgestellt: Journalisten berichten viel über Konflikte, aber haben erstaunlich wenig Ahnung, was diese eigentlich wirklich antreibt. Wenn wir unsere Berichterstattung ändern, können wir Menschen dazu bringen, sich nicht zu verschließen in Hass und Empörung, sondern aufeinander zuzugehen und sich neuen Ideen zu öffnen.“

5. Dranbleiben ist Bürgerpflicht
(kontextwochenzeitung.de)
Jüngst hat ein Gericht entschieden, dass „Kontext“ zunächst nicht mehr über ein Chat-Protokoll in Zusammenhang mit dem Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg berichten darf. Die „Kontext“-Redaktion hat einige Reaktionen auf den Richterspruch zusammengetragen.

6. Dokumentarfilm im Ersten: Kulenkampffs Schuhe
(daserste.de)
In den 60er- und 70er-Jahren erlebte das Fernsehen mit Einschaltquoten von 80 Prozent seine goldenen Zeiten. Am Samstagabend saß die Familie einträchtig vor dem TV-Gerät und schaute „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff oder die „Peter-Alexander-Show“. Die Regisseurin Regina Schilling wirft in ihrer Doku einen Blick auf das Unterhaltungsfernsehen von damals und hat dazu zahlreiche Showausschnitten aus der Zeit, Interviews, privates Super-8-Material sowie historische Dokumenten und Fotos zusammengetragen. Die 90-minütige Doku ist noch bis zum 15. August in der ARD-Mediathek zu sehen und verschwindet danach leider im öffentlich-rechtlichen Depublizierungs-Nirwana.

Im Namen des Volkszorns

Es ist schwierig mit der „Bild“-Redaktion und dem Rechtsstaat. Der heutige Kommentar im Blatt handelt vom Urteil im Prozess gegen eine Mutter, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten den eigenen Sohn missbraucht und an Pädophile verkauft hat. „Bild“-Ressortleiter Christian Stenzel schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Kein Urteil im Namen des Volkes

Was muss man in Deutschland tun, um nicht mehr aus dem Gefängnis herauszukommen?

Seit gestern wissen wir: Als Mutter den eigenen Sohn zu missbrauchen und an Kinderschänder aus ganz Europa zu verhökern, reicht nicht. Es wird nicht einmal die Höchststrafe verhängt.

15 Jahre Haft wären laut Gesetz möglich gewesen. Nur 12 Jahre hat die Horror-Mutter von Staufen bekommen. Die Milde des Richters mag vom Gesetz gedeckt sein — wütend macht sie trotzdem. Aus drei Gründen besonders.

1.) Zugutegehalten wird Berrin T., dass sie ein zögerliches Geständnis abgelegt hat. Leugnen hätte sie aber auch kaum können — sie hat den Missbrauch selbst auf Film festgehalten!

2.) Die Horror-Mutter ist nicht vorbestraft.

Rechtlich ist sie vielleicht eine Ersttäterin. Doch kann jemand nach dem gesunden Menschenverstand ein Ersttäter sein, der sein Kind 19-fach missbraucht? Sie konnte ja auch nicht zuvor verurteilt werden. Warum nicht? Weil Jugendämter gepennt haben, ersten Hinweisen auf Missbrauch nicht nachgegangen sind.

3.) Sicherungsverwahrung war laut Gesetz nicht möglich, Wiederholungsgefahr bestünde auch nicht.

Der Gesetzgeber sollte darüber nachdenken, ob das Gesetz für Fälle wie in Staufen angepasst werden muss.

Wer tat, was Berrin T. tat, sollte das Gefängnis nie wieder verlassen dürfen. Ich bin kein Richter. Aber ich bin sicher: Das Urteil von Freiburg ist kein Urteil im Namen des Volkes.

„Bild“-Chef Julian Reichelt hat Stenzels Kommentar komplett bei Twitter gepostet und dazu wiederholt:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Die Täterin von Staufen hat nicht einmal die Höchststrafe bekommen. Sie habe ein Recht auf Resozialisierung, so der Richter. Wenn unsere Gesetze es nicht hergeben, solche Menschen für immer wegzusperren, sollte die Politik die Gesetze ändern.

Ja, der Missbrauch macht wütend. Und man kann sich definitiv darüber wundern, dass das Freiburger Landgericht darauf verzichtet hat, gegen Berrin T. die Höchststrafe von 15 Jahren zu verhängen, die für den besonders schweren Fall des sexuellen Missbrauchs von Kindern vorgesehen ist. In seiner Urteilsbegründung nannte der Vorsitzende Richter Gründe, die zur Strafmilderung führten, darunter das abgelegte Geständnis. Dennoch kann man sich der Frage anschließen, die Heribert Prantl bei Süddeutsche.de stellt:

Wann, wenn nicht in diesem Fall, soll denn bitte die Höchststrafe verhängt werden?

Einen wichtigen Punkt erwähnen Stenzel in seinem Kommentar und Reichelt in seinem Kommentar zum Kommentar interessanterweise überhaupt nicht: Im Prozess von Freiburg wurde jemand „für immer weggesperrt“, die Gesetze geben es also bereits her. Der Lebensgefährte von Berrin T., der ebenfalls angeklagt war, bekam zwölf Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der Unterschied zwischen den beiden Angeklagten: Der Lebensgefährte war bereits vorbestraft wegen sexuellen Missbrauchs. Das Gericht entschied daher, dass von ihm als Wiederholungstäter auch weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Für Berrin T. hingegen hat ein Gutachter festgelegt, dass sie nicht pädophil veranlagt sei. Daher sehe man keine Wiederholungsgefahr. Ihr stehe unter anderem deswegen die Chance auf Resozialisierung zu.

Wofür plädiert Christian Stenzel stattdessen in seinem Kommentar? Ein Strafmaß nach dem „gesunden Menschenverstand“? Gesetze und Urteile dem wutgeladenen Bauch nach? „Im Namen des Volkes“ heißt nicht: im Namen des Volkszorns.

Aber noch mal zurück zur Resozialisierung: Dass die im Fall von Berrin T. kaum klappen wird, dafür wird die „Bild“-Redaktion schon sorgen, so, wie sie häufig dafür sorgt, dass die Resozialisierung von Straftätern nicht klappt. Sie legt damit heute schon los, indem sie die verurteilte Frau, anders als viele andere Medien, im Blatt und online ohne Verpixelung zeigt.

Wer in Deutschland ein Recht auf Resozialisierung hat, entscheidet laut „Bild“ immer noch „Bild“ und nicht so ein Pillepalle-Verein wie ein Gericht.

Ach, und eine Bitte noch, Christian Stenzel und „Bild“: Überlegen Sie doch mal, ob Ihnen nicht ein anderer Begriff als das unsägliche Wort „Kinderschänder“ einfällt. Warum das im Sinne der Opfer dieser schrecklichen Taten ist, können Sie hier nachlesen.

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Reporter-Legende Leyendecker, Trüpels „Zitat“, Stuss-Legende Wagner

1. Hans Leyendecker: Ein Journalist blickt zurück
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Investigativ-Journalist Hans Leyendecker kann auf ein bewegtes Reporterleben zurückblicken. Er war an der Enthüllung einiger Skandale beteiligt, darunter die Flick-Parteispendenaffäre und die „Traumschiff-Affäre“ um den damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Lothar Späth. Im Gespräch mit „Zapp“ schaut Leyendecker selbstkritisch und distanziert auf seine Recherchen bei „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ zurück. Hier gehts zum kompletten Interview (17:48 Minuten).

2. Helga Trüpel und das Zitatrecht
(ipcl-rieck.com, Corinna Bernauer & Lars Rieck)
Das ist fast ein wenig lustig: Die Europaabgeordnete Helga Trüpel hat für die EU-Urheberrechtsreform gestimmt und danach stolz ein Foto eines „FAZ“-Artikels getwittert. Hat sie damit selbst eine Urheberrechtsverletzung begangen oder war dies durch das Zitatrecht gedeckt? Letzteres wäre nur bei wissenschaftlichen Werken gestattet und auch dort nur im erforderlichen Umfang. Der Tweet mit dem Artikelfoto war daher wohl nicht vom Zitatrecht des §51 UrhG gedeckt. Weiteres pikantes Detail: Ein Uploadfilter, wie ihn Frau Trüpel will, hätte vermutlich ihren eigenen Post gelöscht.

3. Über 1.000 nichteuropäische Nachrichtenseiten haben Europa aufgrund der DSGVO geblockt, darunter 1/3 der größten 100 US-Newspublisher
(neunetz.com, Marcel Weiss)
Die seit dem 25. Mai dieses Jahres geltende Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verlangt von deutschen und europäischen Website-Betreibern, sich genauer mit dem Datenschutz zu beschäftigen und die Besucher über die Verwendung der Daten aufzuklären. Viele Nachrichtenpublisher außerhalb Europas haben sich die Sache leicht gemacht und ihre Präsenz für europäische Besucher gesperrt. Der Brite Joseph O’Connor hat mehr als 1000 Nachrichtenseiten ermittelt, die in Europa geblockt sind.

4. Hyperlokal, hypersozial
(taz.de, Miriam Heinbuch)
Haben Straßenmagazine in Deutschland mittelfristig eine Chance oder geraten sie in den Sog des allgemeinen Zeitungssterbens? Der Sozialforscher Ronald Lutz beobachtet die Entwicklung seit Längerem und ist skeptisch, was das Vertriebskonzept der Straßenzeitungen angeht: „Ich glaube, diese Tradition hat auch irgendwann ein Ende, hat auch eine Grenze erreicht, gerade im Zeitalter der Digitalisierung.“

5. Freien-Streik: So wird’s gemacht
(freischreiber.de)
Es kommt nicht oft vor, dass sich freie Journalistinnen und Journalisten einer Zeitung zusammentun und für bessere Bedingungen streiken. Bei der „Eßlinger Zeitung“ war dies der Fall und das mit Erfolg: Das Zeilenhonorar sowie Reise- und Aufwandspauschalen wurden deutlich angehoben. Der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten „Freischreiber“ hat sich mit den Kollegen getroffen, um das Geheimnis ihres Streik-Erfolgs zu ergründen.

6. «Was auf meinem Grabstein stehen soll? Lieber du wärst tot als ich»
(verlag.baz.ch, Michael Bahnerth & Erik Ebneter)
Die „Basler Zeitung“ hat sich mit Franz Josef Wagner unterhalten, der für seine in eine „Bild“-Kolumne („Post von Wagner“) gegossenen wirren Gedanken irgendwas zwischen berühmt und berüchtigt ist. Das Gespräch hat stolze dreieinhalb Stunden gedauert. In die Niederschrift des Interviews sind einige biografische Informationen über Wagner eingebettet, der als Chef eines Revolverblatts Schlagzeilen-Pretiosen dichtete wie „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist“. Empfehlenswert für alle, die das Phänomen Wagner schon öfter kopfschüttelnd bestaunten.

Gerichtlich verboten, Lustig entmündigt, Verlorengegangen

1. AfD-Mitarbeiter lässt Pressebericht verbieten
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Die Stuttgarter Wochenzeitung „Kontext“ hatte von Chat-Protokollen eines Mitarbeiters der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion berichtet, der sich dort rassistisch geäußert haben soll. Dagegen wehrte sich der AfD-Mitarbeiter und beantragte beim Verwaltungsgericht eine Eilentscheidung auf Unterlassung. Begründung: Er sei gar nicht der Urheber des umstrittenen Chatprotokolls. Das Gericht entschied, dass „Kontext“ zunächst nicht mehr über das Protokoll in Zusammenhang mit dem Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion berichten darf. Die Wochenzeitung will nun in einem weiteren Verfahren die Echtheit der Chatprotokolle und die Autorenschaft des AfD-Mitarbeiters beweisen.

2. FDP-Politikerin „im Redaktionsablauf verlorengegangen“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Das „heute journal“ (ZDF) beschäftigte sich Ende letzter Woche in einem Beitrag mit dem Armutsrisiko bei Alleinerziehenden. Dort wurde als Beispiel eine 29-jährige Ex-Personalberaterin vorgestellt. Was verschwiegen wurde: Die Frau kandidiert für die FDP im Stimmkreis München-Mitte bei der bayerischen Landtagswahl. Dies sei „im Redaktionsablauf verlorengegangen“.

3. Der Mann, der behauptet, Hillary Clinton sei eine Kindermörderin
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der ultrarechte Amerikaner und „Infowars“-Gründer Alex Jones verbreitet über diverse TV- und Radiosendungen allerlei wüste Verschwörungstheorien und Hetze. Bisher nutzte er dazu auch Soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube sowie Podcast- und Streaming-Plattformen wie Apples iTunes oder Spotify. Da in den USA die Meinungsfreiheit sehr weit ausgelegt wird (und Jones wahrscheinlich ein guter Traffic-Lieferant ist), ließen ihn die Technologiekonzerne einige Zeit gewähren, doch das ändert sich nun.

4. Wann dürfen Polizisten zu Hackern werden?
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Seit ungefähr einem Jahr dürfen Strafverfolger in Deutschland heimlich in Computer und Smartphones eindringen, um Überwachungssoftware zu installieren. Dies wirft einige rechtliche Fragen auf und erzeugt Kritik. Gleich drei Organisationen wollen sich deshalb an das Verfassungsgericht wenden: Der Verein Digitalcourage, die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) sowie mehrere FDP-Politiker. Zu den Beschwerdeführern der GFF gehören die Journalisten Hajo Seppelt und Can Dündar, die davon ausgehen, immer wieder Ziel von Angriffen mit Überwachungssoftware zu sein.

5. Scheinriesen vor der Kamera
(faz.net, Hans Hütt)
Hans Hütt hat sich die letzten Sommerinterviews von ARD und ZDF angeschaut, und was er da gesehen hat, gefällt ihm gar nicht. Das Format sei zur Masche verkommen, das die entscheidenden Fragen umschiffe: „Das braucht niemand. Da kann man es auch gleich lassen.“

6. Rentner lustig entmündigt
(taz.de, Jean-Philipp Baeck)
Einige Medien berichteten mehr oder weniger launig über die beiden aus dem Altersheim „ausgebüxten“ Männer, die das Wacken-Festival besuchen wollten und von der Polizei zurückeskortiert wurden. Jean-Philipp Baeck hinterfragt die dahinterstehende Denkweise und hat sich auch bei Polizei, Juristen und Medizinern umgehört.

„Bild“-Brückenbauer von #aufstehen zum Nationalsozialismus

Die Friedensbewegung. Die Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Bewegung Podemos in Spanien. Die Lesbenbewegung. Die Bewegung Occupy Wall Street. Die Tierrechtsbewegung. Emmanuel Macrons En Marche in Frankreich. Die Schwulenbewegung. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die Frauenbewegung. Die Arbeiterbewegung. Die Bewegung Pulse of Europe.

Und? Denkt hier jetzt auch gerade jeder an die Nazis unter Adolf Hitler?

Vermutlich nicht. Einer aber schon: Michael Wolffsohn. Der ist Historiker, darf öfter mal in „Bild“ schreiben und äußert sich derzeit in den „Bild“-Medien (bei Bild.de hinter der Bezahlschranke) zur neuen Bewegung #aufstehen von und mit Sahra Wagenknecht:

Screenshot Bild.de - Sahra Wagenknecht - Wie rechts ist ihre linke Bewegung?

Wolffsohn weiter: „Wenn ich ‚BEWEGUNG‘ höre, klingeln bei mir alle Alarmglocken. Die Nazis legten seinerzeit auch Wert darauf, keine herkömmliche Partei zu sein, sondern ‚Bewegung‘. Wissen das Wagenknecht und ihre Mit- plus Nachläufer nicht? Wollen sie ganz bewusst und scheinbar unverfänglich solche Gedankenverbindungen herstellen? Wollen sie damit signalisieren, dass sie die bessere AfD wären? Also eine Partei der „Kleinen Leute“. „Sozial. Und natürlich (siehe „Bewegung“) national. Also national-sozial.

Da sich Frau Wagenknecht als Sozialistin bezeichnet, bewirkt das phrasenhafte Mischmasch des Internetauftritts auch ohne Gedankenkrücken wohl nicht zufällig Gedankenbrücken zum Begriff „National-Sozialismus“ oder gar Nationalsozialismus. Davon hatten Deutschland und die Welt genug. Selbst ohne Krieg und Holocaust nie wieder das!

Manche Website-Akteure dienen wissentlich oder nicht der „Bewegung“ als Tarnmittel: Die Journalistin Nada „mit syrischen Wurzeln“. Oder der farbige DJ René. Pastor Kurt sorgt für „Christlichkeit“, wobei daran erinnert sein (sic), dass vor allem die Evangelische Kirche alles andere als ns-immun war.“

Irgendwo unterwegs muss der Bild.de-Redaktion ein abschließendes Anführungszeichen verloren gegangen sein. Daher ist nich so ganz klar, was alles direktes Zitat von Michael Wolffsohn ist und was paraphrasiert.

Aber auch so kann man sich fragen: Wie bitte? Wolffsohn baut seine „Gedankenbrücken“ von #aufstehen in Richtung „national-sozial“, „‚National-Sozialismus'“ und „Nationalsozialismus“ komplett auf dem Umkehrkurzschluss Nazis = Bewegung, Bewegung = Nationalsozialismus auf. Es gibt ganz gewiss ernstzunehmende Kritik an Wagenknechts Bewegung. Wolffsohns Argumentation aber ist selbst für „Bild“-Verhältnisse bemerkenswert gaga.

Wie ist das denn beispielsweise mit der spanischen Bewegung Podemos? Ebenfalls „national-sozial“, „‚Nationalsozialismus'“, „Nationalsozialismus“? Und Macrons En Marche? Und die ganzen anderen genannten gesellschaftlichen Bewegungen, die sich selbst als Bewegungen sahen und sehen? Wollten und wollen die auch „ganz bewusst und scheinbar unverfänglich solche Gedankenverbindungen“ zu den Nazis herstellen? Und tarnen die sich alle auch nur mit Menschen mit ausländischen Wurzeln und Pastoren?

Die Sache ist „Bild“ und Bild.de übrigens nicht einfach nur durchgerutscht. „Bild“-Chef Julian Reichelt findet Michael Wolffsohns Gedanken zu #aufstehen ganz toll:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt - National-sozial. Der großartige Michael Wolffsohn in Bild über die Bewegung von Sahra Wagenknecht. PS: Wer sich für Aufstehen richtig in Stimmung bringen will, sollte sich ein paar Fotos von Regalen in Venezuela anschauen.

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