Medienmäzen Google, Ausgespext, Lokalzeitungen als Klauopfer

1. Wie Google zum Medien-Mäzen wurde
(republik.ch, Adrienne Fichter)
Wenn die Kritik der Schweizer Verlage an Google leiser geworden ist, könnte das an den Millionen liegen, die ihnen der Suchmaschinenkonzern überweist. Die „Republik“-Recherche in Zusammenarbeit mit Netzpolitik.org schlüsselt die Zahlungen auf und zeigt, wie intransparent die privaten Deals zwischen Google und den Schweizer Medien laufen.

2. Das Internet, es scheint an allem Schuld zu sein
(sueddeutsche.de, Jan Kedves)
Die Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“ wird nach 38 Jahren eingestellt. Damit verschwindet nach „Groove“ ein weiteres prägendes Musikmagazin. Gründe sind der Auflagen- und Anzeigenschwund, und das hat wiederum mit dem Internet zu tun. Jan Kedves blickt von außen aufs Ganze, kennt aber auch die Innenansicht: Er hat einige Jahre in den Redaktionen von „Groove“ und „Spex“ gearbeitet, unter anderem als Chefredakteur.
Weiterer Lesehinweis: Auf Spex.de verabschiedet sich der aktuelle Chefredakteur Daniel Gerhardt von Lesern und Leserinnen.
Und die „taz“ hat einige Stimmen zum Ende des Berliner Musikmagazins eingeholt: Krach, bum! Spex kaputt (Julian Weber & Tim Caspar Boehme).

3. Brinkbäumer geht ganz
(taz.de, Frederik Schindler)
Der „Spiegel“-Verlag und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer haben sich geeinigt: Brinkbäumer wird das Nachrichtenmagazin im März 2019 verlassen und nicht, wie von manchen vermutet, als Korrespondent weiterschreiben. Als Grund für das Zerwürfnis wurden im August unterschiedliche Auffassungen über die Zusammenführung der Print- und Onlineredaktionen genannt. Ihm sei zudem der Auflagenverlust des Magazins angelastet worden. Brinkbäumer hatte sich im Rahmen der Auseinandersetzung von den Medienrechtsanwälten Christian Schertz und Simon Bergmann vertreten lassen, die immer wieder auch gegen Berichterstattungen des „Spiegels“ vorgehen, so jüngst im Fall Ronaldo.

4. Alles nur geklaut?
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio, 4:55 Minuten)
Zu den Grundlagen des journalistischen Handwerks gehört es, Quellen korrekt zu zitieren und zu nennen. Doch ausgerechnet Medien tun sich damit manchmal schwer. So werden Lokalzeitungen häufig nicht genannt, wenn überregionale Redaktionen deren Recherchen übernehmen. Dem „Mindener Tageblatt“ erging es so bei einer Geschichte über Alltagsrassismus in Deutschland.

5. Der dänische Rundfunk im Würgegriff
(de.ejo-online.eu, Henrik Kaufholz)
Der dänische Rundfunk sieht schweren Zeiten entgegen: Er wird zukünftig nicht mehr aus Gebühren, sondern aus Steuermitteln finanziert. Und muss in den nächsten fünf Jahren 20 Prozent seines Budgets einsparen. Einen „Generalangriff auf die freie Meinungsbildung“ nennt dies der dänische Journalist Henrik Kaufholz.

6. Sigi Maurer startet Crowdfunding-Kampagne gegen Hass im Netz
(futurezone.at)
Die österreichische Ex-Grüne Sigi Maurer hatte sich öffentlich gegen obszöne Drohnachrichten zur Wehr gesetzt. In der Folge war sie von einem Gericht wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe und Entschädigung verurteilt worden. Dagegen will Maurer juristisch vorgehen und hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Insgesamt wollen Maurer und der Verein Zara 100.000 Euro einsammeln, um damit die Prozesskosten ihres Falles zu finanzieren sowie Klägerinnen in anderen Fällen Geld zur Verfügung stellen zu können. Am ersten Tag sind bereits mehr als 50.000 Euro zusammengekommen. 


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Framing, „Musenalp“, Schubsbilanz

1. Alle reden über Framing – so funktioniert es
(spiegel.de, Elisabeth Wehling)
Die Wissenschaftlerin Elisabeth Wehling ist durch ihre Ausführungen zum politischen Framing bekannt geworden. In einem Gastbeitrag für „Spiegel Online“ beschäftigt sie sich mit einer sprachlichen Falle, wenn es um Alltagssexismus und sexuelle Gewalt geht: Der „sexualisierten Gewalt“. Der Begriff sei faktisch irreführend und nehme unseren Gehirnen die Chance auf Empathie und moralische Entrüstung.

2. Himmelhoch
(sueddeutsche.de, Burkhard Riedel)
Ältere werden sich vielleicht noch an den „Musenalp-Express“ erinnern, eine kostenlos verteilte schweizerische Jugendzeitschrift. 1988 war dem Blattmacher ein sensationeller Coup gelungen: Das „Musenalp“-Magazin lag kostenlos in 17.500 bundesdeutschen Postfilialen aus, in der stolzen Auflage von einer Million Exemplare. Der ehemalige „Musenalp“-Mitarbeiter Burkhard Riedel erzählt vom Aufstieg und Fall des einzigartigen Projekts.

3. Alles Werbung? Ja, nein, vielleicht
(taz.de, Juliane Fiegler)
Instagram ist ein Ort, der sich gut für Schleichwerbung eignet. Dementsprechend aufmerksam beobachten Wettbewerbshüter und andere das Treiben der Influencer und mahnen bei Verstößen ab. Ob sie dabei über das Ziel hinausschießen, muss nun ein Gericht entscheiden: Das Model Fiona Erdmann wehrt sich gegen eine der Abmahnungen. Sie hatte ihren Fotografen verlinkt, was ihr als Werbung ausgelegt wurde.

4. Wann merken die letzten deutschen Medien endlich …
(twitter.com/martinhoffmann)
Mit Blick auf ein Sharepic des „Deutschlandfunks“ fragt Martin Hoffmann bei Twitter: „Wann merken die letzten deutschen Medien endlich, dass es manchmal einfach keinen Sinn macht, Zitate auf Fotos zu klatschen und auf Facebook zu posten? Dass sie damit — im Gegenteil — nur die Arbeit von Populisten machen?“

5. Warum es «Vice» in der Schweiz wahrscheinlich nicht mehr schafft
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Nachdem die österreichische „Vice“-Redaktion vor einigen Wochen ihren Abschied erklärte, hat nun der Schweizer Redaktionsleiter Sebastian Sele gekündigt. Wie lassen sich diese Auflösungserscheinungen erklären? Benjamin von Wyl hat selbst für die Schweizer „Vice“ gearbeitet und bringt Licht ins Dunkel.

6. Tagesfazit und Schubsbilanz
(twitter.com/anettselle)
Die Reporterin Anett Selle hat es im Zusammenhang mit ihren Livestreams aus dem Hambacher Forst zu einiger Berühmtheit gebracht und ihrem Auftraggeber, der „taz“, einige neue Abonnenten beschert. Anlässlich der gestrigen Bayernwahl hat Selle aus München berichtet. Sie schließt den Tag mit einer Zusammenfassung und ihrer persönlichen „Schubsbilanz“ (ab Minute vier).

„Nichts anderes als übelste Propaganda“

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, twitterte vorgestern zur anstehenden Landtagswahl in Bayern das hier:

Screenshot eines Tweets von Robert Habeck - Sonntag wählt Bayern. Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern. Eine Alleinherrschaft wird beendet. Demokratie atmet wieder auf. Damit das möglich wird, geht zur Wahl und wählt mit beiden Stimmen Grüne Bayern!

Das ist ziemlicher Unfug. Der Satz „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern“ ist schlicht falsch. Die absoluten Mehrheiten der CSU waren immer durch Wahlen demokratisch legitimiert.

Habecks Aussage störte auch „Bild“-Chef Julian Reichelt:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Die Grünen beenden den Wahlkampf in Bayern mit einer gefährlichen Botschaft, die nichts anderes ist als übelste Propaganda: Es gäbe keine Demokratie in Bayern, sondern Alleinherrschaft. Wer so über frei gewählte Demokraten spricht, kriminalisiert sie und ihre Wähler.

Ihm missfiel offenbar beides: Habecks Behauptung, es gäbe keine Demokratie in Bayern, und der Begriff „Alleinherrschaft“ — jedenfalls zitiert er ihn extra noch einmal.

Schaut man mal bei Bild.de nach, wofür Reichelt ja verantwortlich ist, findet man einen recht aktuellen Artikel, in dem etwas über eine „Alleinherrschaft“ der CSU in Bayern stand:

Screenshot Bild.de - Bei der Landtagswahl 2008 musste die CSU dann nicht nur einen dramatischen Absturz von 60,7 auf 43,4 Prozent verkraften, sondern auch, was für sie noch schlimmer war, den Verlust der jahrzehntelangen Alleinherrschaft.

Sicher, es gibt einen Unterschied zwischen Habecks Aussage zur „Alleinherrschaft“, die er in den Zusammenhang mit einer vermeintlich fehlenden Demokratie bringt, und der Aussage zur „Alleinherrschaft“ von Bild.de, die erstmal nur die absolute Mehrheit der CSU überspitzt umschreibt. Und dennoch: In der „Bild“-Redaktion hielten sie es offenbar mal nicht für „übelste Propaganda“, von einer CSU-„Alleinherrschaft“ zu sprechen.

Robert Habeck hat bereits gestern eingeräumt, dass sein Tweet „einer zu viel“ gewesen sei. Das Vorgehen der Bild.de-Mitarbeiter steht im Kontrast zu dieser transparenten Reaktion des Politikers: Sie haben — nachdem mehrere Personen Julian Reichelt auf den „Alleinherrschaft“-Artikel hingewiesen haben — einmal mehr klammheimlich gehandelt. In ihrem Text steht nun, ohne weiteren Hinweis:

Screenshot Bild.de - Bei der Landtagswahl 2008 musste die CSU dann nicht nur einen dramatischen Absturz von 60,7 auf 43,4 Prozent verkraften, sondern auch, was für sie noch schlimmer war, den Verlust der jahrzehntelangen alleinigen Regierung.

Sollte es den Leuten bei Bild.de wirklich wichtig sein, dass bei ihnen nicht von einer „Alleinherrschaft“ der CSU die Rede ist, dann können sie gern auch noch mal hier

Screenshot Bild.de - In den Umfragen liegt die CSU aktuell bei 36 Prozent: Adé Alleinherrschaft!

… und hier aufräumen:

Screenshot Bild.de - Dem CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten ist die Rückeroberung der CSU-Alleinherrschaft spektakulär gelungen.

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„Dies ist ebenfalls schlichtweg frei erfunden und unwahr“

Kommenden Donnerstag wird Stefan Raab mal wieder auftreten, nicht im TV, sondern live in Köln. Und „Bild“ …

BILD kennt den geheimen Ablauf. Und Sie auch — mit BILDplus.

Das kündigt die Redaktion jedenfalls bei Bild.de an:

Screenshot Bild.de - Drei Jahre nach seinem letzten TV-Auftritt - Das Raab-Comeback! Auch Lena kommt

In der gedruckten „Bild“ steht ebenfalls, wie „das Raab-Comeback“ ablaufen solle:

Ausriss Bild-Zeitung - Bühnen-Show drei Jahre nach letzten TV-Auftritt - So läuft das Raab-Comeback

Bevor wir uns jetzt die Mühe machen, in die Details einzusteigen, kommen wir besser direkt zur Reaktion der Mitarbeiter von Stefan Raab, die für die Planungen zum Auftritt in Köln verantwortlich sind. Bei Facebook schreiben sie zu den Artikeln der „Bild“-Medien und zu einem „Spiegel Online“-Beitrag:

Screenshot eines Facebook-Posts auf der TV-Total-Facebook-Seite - Liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung, Bild online und BILD haben einen Artikel zu Stefans bevorstehenden Shows veröffentlicht, der in großen Teilen schlicht erfunden ist. Die Informationen zu Ablauf und Inhalt der Show sind frei erfunden. Die Zusammenstellung der Gäste ist in Teilen erfunden. Es wird berichtet, dass es auch ein Mini-TV-Comeback gäbe sowie eine Live-Schalte zu ProSieben. Dies ist ebenfalls schlichtweg frei erfunden und unwahr. Zudem berichtet SPIEGEL ONLINE, dass ProSieben die gesamte Show live übertragen wird. Auch das ist einfach erstunken und erlogen, wie Sie feststellen werden, wenn Sie nächsten Donnerstag ProSieben einschalten. Die Show ist nur live in der Arena zu sehen. Wir behalten uns rechtliche Schritte gegen BILD, Bild online und SPIEGEL ONLINE wegen Täuschung der Öffentlichkeit und unserer Showbesucher sowie der Verbreitung von Fake News vor. Viel Vergnügen bei der Show am nächsten Donnerstag, wird natürlich knaller! Euer Stefan Raab live-Team

„Spiegel Online“ hat den entsprechenden Artikel inzwischen korrigiert und am Ende des Textes folgenden Absatz hinzugefügt:

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikel hieß es, ProSieben würde die Show komplett live übertragen. Das ist nicht korrekt.

Bei Bild.de haben sie die Passage zum kleinen TV-Comeback und zur Live-Schalte klammheimlich gelöscht. Dafür aber diese Information ergänzt:

Auf der Facebook-Seite von TV-Total wird die Zusammenstellung der Gäste und die Inhalte der Sendung allerdings als „in Teilen erfunden“ beschrieben.

Trotzdem behauptet die Redaktion auch jetzt noch, dass „Bild“ „den geheimen Ablauf“ kenne.

An dieser Stelle sei noch mal an einen BILDblog-Klassiker erinnert: Nicht Stefan Raabs Mettbrötchen.

Nachtrag, 14. Oktober: Inzwischen haben sie bei Bild.de den Artikel noch einmal geändert. An der Stelle, die wir bereits gestern weiter oben zitiert haben, heißt es nun:

Auf der Facebook-Seite von TV-Total wird die Zusammenstellung der Gäste und die Inhalte der Sendung allerdings als „in Teilen erfunden“ beschrieben. Bis zur Sendung sind einige Tage Zeit. Möglich, dass das Programm nun bis dahin noch einmal angepasst wird. Die Auftritte von Lena und Mutzke könnten nun in eine der anderen Shows verschoben werden.

Das ist ausgesprochen trickreich. Statt zu sagen: „Wir haben schlichtweg falsche Informationen weiterverbreitet — Pardon!“, raunt die „Bild“-Redaktion nun, dass das Raab-Team nachträglich das Programm ja „noch einmal anpassen“ könnte (etwa um die „Bild“-Vorhersage, die eigentlich doch richtig war, dann als falsch dastehen zu lassen?).

Stefan Raabs Sprecherin Gaby Allendorf bestätigte uns noch einmal, dass es keine „Sendung“ im Sinne einer TV-Sendung geben werde: „ProSieben überträgt nicht eine Sekunde“. Damit sei dieser Absatz im Bild.de-Artikel …

Aaron Troschke (29) übernimmt die Moderation. Während der Show soll Raab von der Bühne ins laufende Live-Programm von ProSieben zugeschaltet werden.

… gleich doppelt falsch. Denn die Live-Show werde auch nicht von Aron Troschke moderiert. Dieser habe „mit der Show nichts zu tun. Er ist dort auch kein Gast, das war auch nie eine Überlegung. Ist schlicht erfunden.“

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Übertreiben? Da ist Bild.de dabei!

Kevin Großkreutz, einst Fußball-Weltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft und derzeit Spieler beim KFC Uerdingen in der 3. Liga, wird künftig das Trainerteam eines Landesliga-Klubs beraten. Großkreutz‘ Vater ist dort, beim VfL Kemmingshausen, Vorsitzender, sein Freund Reza Hassani ist Trainer, Großkreutz selbst spielte in seiner Jugend in dem Verein.

Auch Bild.de berichtet über die neue Aufgabe von Kevin Großkreutz. Im Artikel steht unter anderem:

Großkreutz in den „Ruhr Nachrichten“ über seine neue Rolle: „Reza ist verantwortlich, da will ich mich auch gar nicht aufspielen“. Und weiter: „Mich Co-Trainer oder gar Trainer zu nennen, wäre übertrieben“.

Übertreiben? Kaum etwas machen sie bei „Bild“ und Bild.de lieber. Und so lautet die Überschrift zum Artikel folgerichtig:

Screenshot Bild.de - Ex-Nationalspieler - Großkreutz wird Co-Trainer in der Landesliga

Gesehen bei @ralfheimann.

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Aufreger der Woche, Warnung vor der Höhle, „Lisas“ Ungereimtheiten

1. Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich bin Journalistin
(faz.net, Michael Hanfeld & Axel Weidemann)
Die jordanische Journalistin Rana Sabbagh leitet die Organisation „Arab Reporters for Investigative Journalism“ in Amman und ist gerade mit dem Raif Badawi Award ausgezeichnet worden. Die „FAZ“ hat mit der mutigen Journalistin über ihre Arbeit gesprochen.

2. Von Gauland und Gabriel, Gastbeiträgen und Gehältern
(deutschlandfunk.de, Silke Burmester)
Silke Burmester kümmert sich in ihrer „Deutschlandfunk“-Kolumne gleich um drei Aufreger auf einmal: Um den Umgang der „FAZ“ mit dem Gastbeitrag von AfD-Chef Alexander Gauland, der überaus gut dotierten journalistischen Tätigkeit von Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und Frank Plasbergs interessante Vorstellungen zu finanziellen Möglichkeiten und zur Steuerehrlichkeit freier Journalistinnen und Journalisten.

3. Homöopathie-Reklame in „Lisa“: Ein „Fehler“ mit Ungereimtheiten
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Das Frauenmagazin „Lisa“ hat in einer Art über Homöopathie geschrieben und Werbung für zwei Produkte und deren Hersteller gemacht, dass sich der Presserat veranlasst sah, eine Rüge auszusprechen. Die „Lisa“-Chefredakteurin gibt sich zerknirscht und spricht von einem „wirklich sehr bedauerlichen Fehler“, verwickelt sich jedoch „Übermedien“ gegenüber in Widersprüche.

4. ARD/ZDF-Studie: Warum der Begriff „online“ inzwischen Unsinn ist
(t3n.de, Stephan Dörner)
t3n.de-Chefredakteur Stephan Dörner hat sich die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie angeschaut und eine interessante Feststellung gemacht: Es werde immer noch streng zwischen online und offline unterschieden — diese Trennung habe sich im Smartphone-Zeitalter jedoch längst überlebt und zeige ein altertümliches Verständnis vom Internet. Es sei Zeit, sich vom Begriff „online“ zu trennen: „Er gehört in dieselbe Mottenkiste wie die nostalgischen Gefühle, die ein Modem-Geräusch in manchen von uns auslöst. Zur aktuellen, soziologisch sauber fassbaren Kategorie eignet sich der Begriff nicht.“

5. Gut für JournalistInnen
(taz.de, Christian Rath)
Zurzeit wird der Gesetzentwurf der Bundesregierung zum „Schutz von Geschäftsgeheimnissen“ diskutiert, der auch die Position von investigativen Journalistinnen und Journalisten verbessert. Die ARD kritisiert den Entwurf mit wenig überzeugenden Argumenten, wie Christian Rath in der „taz“ findet.

6. Verbraucherzentrale warnt vor „Höhle der Löwen“-Produkten
(spiegel.de)
Beim Vox-Format „Die Höhle der Löwen“ bekommen Menschen mit Erfindungen oder Geschäftsideen „die Chance ihres Lebens“: Sie dürfen einer Gruppe von Investoren ihre Produkte vorstellen, die sich gegebenenfalls um die Vermarktung kümmern und die Produkte in die Läden bringen. Die Verbraucherzentrale NRW hat nun vom Kauf einiger „Höhle der Löwen“-Produkte abgeraten. Die Preise seien oft zu hoch, die Qualität sei zu schlecht.

Plagiatsvorwurf gegen Gauland, Augstein und #metoo, Rechenkünstler

1. Plagiatsvorwurf gegen Gauland: „Das ist wie ein Fingerabdruck“
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Der Gastbeitrag Alexander Gaulands für die „FAZ“ hat für einige Aufregung gesorgt, auch weil bestimmten Aussagen eine Nähe zu Adolf Hitler unterstellt wurde. Nun erhebt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann Plagiatsvorwürfe: Gaulands Text enthalte mit leichten Abwandlungen eins zu eins Sätze aus einem älteren Seemann-Text für den „Tagesspiegel“, die Gauland jedoch sinnentstellend verwendet habe. Michael Seemann im Interview: „Herr Gauland reißt meine Beschreibung einer Sozialstruktur aus dem Kontext und vereinfacht sie. Das ist typisch für Verschwörungstheorien.“
In diesem Zusammenhang auch nochmal der Verweis auf unseren Beitrag: Verwechselt „Tagesspiegel“ Hitler mit „Tagesspiegel“?

2. EU-Projekt gegen Fake News
(taz.de, Steffen Grimberg)
Mit dem sogenannten „Disinformation Code of Practice“ will die EU-Kommission gegen Desinformation, Fake News und Manipulationsversuche mit gesponserten Inhalten vorgehen. Eine theoretisch gute Idee, die jedoch ihre Schwächen bei der praktischen Umsetzung hat, wie Steffen Grimberg in der „taz“ erklärt.

3. Wir müssen über Augstein reden
(spiegel.de, Susanne Beyer)
Susanne Beyer arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den „Spiegel“ und ist mittlerweile Teil der Chefredaktion. In einem längeren Text blickt sie im Rahmen der allgemeinen #metoo-Debatte auf das Thema sexuelle Belästigungen im eigenen Haus, von den Anfängen des Nachrichtenmagazins unter Rudolf Augstein bis in die Jetztzeit. Dazu hat sie sich bei den Kolleginnen umgehört: „In den anonymisierten Berichten lese ich über Praktikantinnen, die von immer wieder denselben Redakteuren nach Dienstschluss in die Bar gebeten werden. Von jungen Kolleginnen, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und sich dann Andeutungen gefallen lassen müssen, dass der Freund ja nichts wissen müsse von Affären. Von zweideutigen nächtlichen SMS, die wiederum junge Frauen hier bekommen. Von Kolleginnen, die an ihrem Schreibtisch erstarren, wenn sich Männer über sie beugen und dann das tun, was die Kolleginnen An-der-Wange-entlang-Hauchen nennen.“

4. Ich habe die ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 gelesen, damit ihr es nicht müsst
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Dennis Horn hat die wichtigsten Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 zusammengefasst. Mittlerweile seien mehr als 90 Prozent der Deutschen online. Die Internetnutzung der 14- bis 29-Jährigen sei im Vergleich zum vergangenen Jahr um ganze 79 Minuten auf durchschnittlich 353 Minuten am Tag gestiegen. Man fragt sich, wie es zu einem derart starken Anstieg kommen konnte. Die Antwort findet sich vielleicht in der Komplettversion der Studie.

5. Journalistenverbände kritisieren „hart aber fair“
(ndr.de, Daniel Bouhs & Andrej Reisin)
Frank Plasbergs ARD-Talkshow „hart aber fair“ hat Beispiele zusammengestellt, wie Besserverdiener den Staat durch Steuerhinterziehung „austricksen“ und dazu ausgerechnet freie Journalisten als Beispiel angeführt. Die Berufsverbände der Journalisten reagieren mit Empörung. So weist der Deutsche Journalistenverband darauf hin, dass das Durchschnittseinkommen von Journalisten bei etwas über 2000 Euro liege, und zwar vor Steuern. In der Tat wenig Spielraum für Steuertricks, es sei denn, man spielt in der Einkommensklasse eines Frank Plasberg. Zudem hätten sich die „hart aber fair“-Anprangerer auch noch tüchtig verrechnet und die Betriebskosten mit der Steuerersparnis verwechselt.

6. Wie mich der Hass verändert, den ich als Frau im Internet erlebe
(vice.com, Alexandra Stanic)
Die Journalistin und Redaktionsleiterin von „Vice Austria“ Alexandra Stanic war im Juli in der TV-Sendung „Pro und Contra“ von Puls 4 und hat dort über sexuelle Belästigung gesprochen. Dies wirkt noch heute nach, und zwar auf höchst unerfreuliche Weise: Nachdem sie ins Visier von Youtube-Hetzern geriet, bekam sie Hunderte beleidigende und bedrohende Nachrichten. „Der Preis, den ich für meine Meinung bezahle, ist geballter, gnadenloser Hass. Ich habe oft darüber nachgedacht, alle Social-Media-Kanäle zu löschen. Aber von der Bildfläche zu verschwinden, würde all jene, die mich beschimpfen, zu Siegern machen.“
Weiterer Lesehinweis: „Ohne das Internet hätte die #MeToo-Debatte nie eine solche Wucht entfaltet. Gleichzeitig werden Frauen gerade dort mit Hass überschüttet.“ Ein Interview mit der Autorin Ingrid Brodnig (spiegel.de, Angela Gruber).

Verwechselt „Tagesspiegel“ Hitler mit „Tagesspiegel“?

Am Samstag veröffentlichte die „FAZ“ in ihrer Gastautoren-Rubrik „Fremde Federn“ einen Artikel des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland. Das Stück sorgte für einige Aufregung — unter anderem beim „Tagesspiegel“, der gestern Abend enthüllte (heute auch bei unseren „6 vor 9“ verlinkt):

Twitter-User entdeckt Parallelen zwischen Gauland-Text und Hitler-Rede

Ein Twitter-User entdeckte Parallelen zwischen dem Kommentar des AfD-Vorsitzenden und einer Rede, die Adolf Hitler am 10. November 1933 vor Arbeitern in Berlin in Siemensstadt hielt.

Das Thema schaffte es heute sogar auf die Titelseite der Print-Ausgabe:

Historiker: Gauland argumentiert wie Hitler

(Inzwischen macht die Geschichte auch international die Runde.)

Konkret geht es um folgende Aussagen:

Screenshot eines Tweets von Jonas-Mueller-Töwe - Der Stand der Debatte 2018 in Deutschland: Paraphrasierte Hitler-Reden werden in der FAZ gedruckt. Wegen Pluralismus und so. Links Gauland, rechts Hitler - dazu zwei Screenshots mit Zitaten von Gauland und Hilter, die auch hier im Text gleich folgen

So schrieb Gauland:

(…) Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik. Da dieses Milieu ,sexy’ ist, hat es auch auf Teile der Gesellschaft großen Einfluss, denen der Zutritt dorthin versperrt bleibt.

Und Adolf Hitler hatte, wie der „Tagesspiegel“ dokumentiert, 1933 vor Siemens-Arbeitern gesagt:

(…) Der Völkerstreit und der Haß untereinander, er wird gepflegt von ganz bestimmten Interessenten. Es ist eine kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, daß sie zur Ruhe kommen. Es sind das die Menschen, die überall und nirgends zuhause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen. (Zuruf aus dem Publikum: „Juden!“)

Es sind die einzigen, die wirklich als internationale Elemente anzusprechen sind, weil sie überall ihre Geschäfte betätigen können, aber das Volk kann ihnen gar nicht nachfolgen, das Volk ist ja gekettet an seinen Boden, ist gekettet an seine Heimat, ist gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation.

Nun kann man dort durchaus Ähnlichkeiten erkennen. Vielleicht hat Gauland aber gar nicht, wie der „Tagesspiegel“ vermutet, bei Hitler abgeschrieben, sondern — beim „Tagesspiegel“.

Der veröffentlichte 2016 nämlich einen Gastbeitrag von Michael Seemann, in dem es hieß:

Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert („liberal media“, „Lügenpresse“), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor.

Gauland in der „FAZ“:

Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor.

„Tagesspiegel“ 2016:

Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht.

Gauland:

Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Diese teils wörtliche Übereinstimmung ist nicht nur „Tagesspiegel“-Lesern aufgefallen, sondern auch dem Verfasser des ursprünglichen „Tagesspiegel“-Beitrags:

Screenshot eines Tweets von Michael Seemann - oha. es sieht so aus als hätte alexander gauland fast wörtlich bei mir abgeschrieben. allerdings habe ich mit der globalen klasse ja auch explizit das feindbild der afd rekonstruiert.

Nur der „Tagesspiegel“ selbst scheint noch nichts bemerkt zu haben. Aber vielleicht bringt er’s ja morgen auf der Titelseite: Tagesspiegel verwechselt Tagesspiegel mit Hitler.

Mit Dank an Stefan S. und Alexander H. für die Hinweise!

Nachtrag, 11. Oktober: Im Interview mit t-online.de erzählt Michael Seemann, dass er sich sehr sicher sei, dass Alexander Gauland bei ihm abgeschrieben hat:

Der Beitrag von Herrn Gauland in der „FAZ“ enthält mit leichten Abwandlungen eins zu eins Sätze aus meinem Text für den „Tagesspiegel“. Das sind eindeutige Plagiate. Wie ein Fingerabdruck. Das hat mich erschreckt.

Gauland hingegen lässt einen Sprecher ausrichten, dass er den Text von Seemann nicht gekannt habe.

Gaulands Text & Hitlers Rede, Vorbild Sigmar, Body-Shaming

1. Twitter-User entdeckt Parallelen zwischen Gauland-Text und Hitler-Rede
(tagesspiegel.de, Tilmann Warnecke & Anja Kühne)
Die „FAZ“ veröffentlichte am Wochenende einen Gastbeitrag von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland zum Thema Populismus und wurde dafür vielfach kritisiert. Nun entdeckte ein Twitter-User Parallelen zwischen dem Gauland-Text und einer Hitler-Rede. Der „Tagesspiegel“ dokumentiert beide Textauszüge im Vergleich.
Wichtiger Nachtrag: Verwechselt „Tagesspiegel“ Hitler mit „Tagesspiegel“? (bildblog.de, Ben Hoffmann)

2. Vorbild für freie Journalisten
(taz.de, Anne Fromm)
Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) geht unter die Journalisten und kassiert dafür als Autor der Holtzbrinck-Gruppe zwischen 15.001 und 30.000 Euro — pro Monat. Anne Fromm hat dies in der „taz“ mit dem Tarifgehalt von Neueinsteigern verglichen und befindet: „Gut verhandelt.“

Anmerkung des 6-vor-9-Kurators: Lieber Sigmar, falls Du hier mitliest, sei doch bitte so solidarisch und gib Dein Honorar auf der Website Wasjournalistenverdienen.de ein (gerne auch anonym). Dort bauen die Freischreiber eine Datenbank der Gehälter und Honorare deutschsprachiger Journalistinnen und Journalisten auf und stellen sie allen zur Verfügung. Damit diese zukünftig fairer und gerechter bezahlt werden.

3. Neun Minuten „Body Shaming“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
(nw.de, Matthias Schwarzer)
In einem berühmten Ausspruch von Kurt Tucholsky heißt es, dass Satire alles dürfe. Abgesehen davon, dass dies Juristen vermutlich anders sehen, ist nicht alles Satire, wozu es die „Darf alles“-Fraktion erklärt. In diesem Spannungsfeld spielt der Streit um ein Webvideoformat des öffentlich-rechtlichen Angebots „funk“, bei dem sich Youtuber mehr oder weniger heftigen Hass-Kommentaren stellen müssen.

4. „Gedanken über meine Arbeit als Journalist in Verbindung mit der Autoindustrie“
(facebook.com, Don Dahlmann)
Der Journalist und Autor Don Dahlmann beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themen Technologie, Internet und Mobilität. Ein Schwerpunkt: das Thema Auto. Auf Facebook hat sich Dahlmann seinen Frust über die diversen Skandale und den damit einhergehenden Vertrauensbruch von der Seele geschrieben: „Die Produkte der Autoindustrie, so dachte ich, sind doch keine zusammengepanschte Suppen, wo jemand wegen ein paar Zehntel Cent bedenkliche chemische Zusätze rein ballert. Dafür sind die Margen in der Industrie zu groß um wegen ein paar Euro so einen Blödsinn zu betrieben. Das lag ich wohl gründlich falsch.“

5. Im „Ghetto“
(der-rechte-rand.de, Ernst Kovahl)
Heute beginnt in Frankfurt die Buchmesse. Damit stellt sich, wie bereits in den vergangenen Jahren, die Frage, welche rechten Verlage und Autoren die Messe diesmal mit ihrer Anwesenheit beehren werden. Die Webseite „der rechte rand“ berichtet, wer alles am Start ist: von Höcke bis Sarrazin.

6. Sensation! Postillon interviewt Großnichte des Schwippschwagers der Nachbarin von Hitlers Steuerberater
(der-postillon.com)
Nachdem „Bild“ die Sensation gelungen ist, irgendwelche unschuldigen Menschen aufzustöbern, denen die Redaktion aufgrund verwinkelter Stammbaumverzeigungen den Namen „Hitler“ verpasst hat, hat sich nun auch „Der Postillon“ auf historische Spurensuche gemacht: „Hilda W. (71), die Großnichte des Schwippschwagers der Nachbarin von Hitlers Steuerberater wohnt zurückgezogen in einem unscheinbaren Reihenhaus in Dinslaken. Der Einfachheit halber nennen wir sie Hilda Hitler.“

„Bild“ erhöht Abgeordnetendiät auf 54.000 Euro pro Monat

In der „Bild“-Ausgabe von gestern und bei Bild.de schreibt „Bild“-Autor Kai Weise:

Screenshot Bild.de - Bläh-Bundestag kostet eine Milliarde pro Jahr

Im nächsten Jahr wird unser Parlament 973,7 Millionen Euro kosten, wie ein Bericht des Rechnungshofes darlegt: 100 Mio. mehr als im vergangenen Jahr!

137 Mio./Jahr für Miete und Unterhalt der Gebäude, 112 Mio. für die Fraktionen. Immer teurer aber werden vor allem unsere Abgeordneten: Nächstes Jahr kosten ihre Diäten rund 460 Mio.!

Grund: Der Bundestag hat 709 Sitze, fast 100 mehr als vor zehn Jahren.

Insgesamt 460 Millionen Euro für Diäten? Das wären bei den aktuell 709 Abgeordneten 648.801,13 Euro pro Jahr für jede Politikerin und jeden Politiker, die/der im Bundestag sitzt, beziehungsweise ein Monatsgehalt von 54.066,76 Euro pro Person. Das ist natürlich kompletter Unfug. Darauf weist auch der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber bei Twitter hin. Tatsächlich beträgt die Diät seit dem 1. Juli dieses Jahres monatlich 9.780,28 Euro.

Hinzu kommen noch weitere Posten, die jeder und jedem Bundestagsabgeordneten zustehen: etwas mehr als 20.000 Euro pro Monat für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bundestagsbüro zum Beispiel oder Erstattungen für Dienstreisen oder eine Kostenpauschale. Frank Schwabe (SPD) hat das auf seiner Website im Sinne der Transparenz mal aufgeschlüsselt.

Der Bericht des Rechnungshofes, auf den sich „Bild“-Autor Kai Weise bezieht, ist noch nicht veröffentlicht. Es gibt aber den gleichen Bericht für 2018. Dort findet man unter „Personalausgaben“ den Punkt „Aufwendungen für Abgeordnete“ (PDF, Seite 4). Im zweiten Haushaltsentwurf 2018 waren dafür 446,7 Millionen Euro vorgesehen — also nur etwas weniger als die 460 Millionen Euro, die Kai Weise für 2019 nennt. Diese „Aufwendungen für Abgeordnete“ beinhalten auch die Diäten der Bundestagsabgeordneten, aber eben längst nicht nur.

Die falschen Diäten haben einige Redaktionen blind von „Bild“ abgeschrieben. Beim Onlineauftritt der „Hannoverschen Allgemeinen“ sind sie noch zu finden, genauso bei n-tv.de. „Spiegel Online“ und Tagesspiegel.de hatten die Zahl ebenfalls übernommen, die Redaktionen haben sich aber inzwischen transparent korrigiert. Bei „Spiegel Online“ steht nun am Ende des Artikels (ganz ähnlich bei Tagesspiegel.de):

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Meldung hieß es unter Berufung auf „Bild“, die Abgeordneten-Diäten würden sich 2019 auf 460 Millionen Euro summieren. Laut dem Entwurf des Bundeshaushalts für 2019 belaufen sich die Kosten für die Diäten der Bundestagsabgeordneten aber auf gut 81 Millionen Euro. Selbst wenn man Sach- und weitere Personalaufwendungen, die den Abgeordneten ebenfalls zustehen, addiert, kommt man laut Haushalt nicht auf 460 Millionen Euro für 2019. Wir haben die Stelle korrigiert.

Dennoch ist die falsche Diäten-Summe nun in der Welt. Wenn die Stammtischnörgler sich mal wieder über die da oben im Bundestag ärgern und dabei dann auch über die 460 Millionen Euro schimpfen, die die Politikerinnen und Politiker vermeintlich als Diäten kassieren, dann ist das der „Bild“-Redaktion zu verdanken.

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BILDblog-Klassiker

Allgemein  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete „Bild“:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat „Bild“ im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin „Annelise Krauß“ ein „e“ vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in „Bild“. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‚Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche‘, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.“

Und das sei nun wirklich „Quatsch“, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von „Bild“ zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: „Das wäre ja auch idiotisch,“ sagt Krauß, „denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!“ Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut „Bild“ ja „aus Katzen Benzin machen“ kann):

„Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.“

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu „Bild“ gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn „der Herr Helfricht“, also einer der Autoren des „Bild“-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in „Bild“ stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass „Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)“, wie es in „Bild“ heißt, „aus Katzen Benzin machen“ könne: Denn dass die „Benzin“-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige „Bild“-Text selbst, weil darin nur von „Bio-Diesel“ oder „Diesel“ die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die „Welt“ im Januar 2005, die „Pirmasenser Zeitung“ im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

„Bild“ indes nennt Kochs Erfindung einen „Spezialreaktor“ und schreibt Sätze wie diesen:

„Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

Und fragt man einfach mal nach bei dem „Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann“ („Bild“), antwortet Christian Koch, der „Bild“-Bericht habe „nichts mit der Wahrheit zu tun“ und sei „zudem grenzenlos dumm“. Koch weiter:

„Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.“

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
„Bild“ hat die Sache mit der „Katzen-Kraft“ heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch „theoretisch auch aus Katzen“ Bio-Diesel herstellen „könnte“, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von „Bild“ aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen „Bild“-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz („Die Diskussion ist überflüssig“) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es „Bild“ offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen „Benzin“ (Überschrift) und „Diesel“ (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.

Das Ende ist nah

Eine gute Eigenschaft hat er ja, dieser ganze Weltuntergangs-Wahnsinn: Er ist befristet.

Sobald die Welt am Morgen des 22. Dezember aufwacht, sich träge aus dem Bett schält und beim Blick in den Spiegel merkt, dass ja doch noch alles dran ist, spätestens dann haben hoffentlich auch die Medien die Schnauze voll.

Aber bis es so weit ist, jagen sie noch mal alles raus, was sie in die Finger kriegen. Irgendwas, egal, Hauptsache „Weltuntergang“ kommt drin vor, am besten in Kombination mit Sex, Satanisten oder Aliens. Das mit der ernsthaften Berichterstattung haben die Journalisten bei dem Thema ohnehin längst weitgehend aufgegeben.

Für die optischen Dramatisierung äußerst beliebt: Der Kalenderstein der Maya. Haben Sie sicher schon mal gesehen. Auf Bild.de zum Beispiel:Die letzten Vorbereitungen für den Weltuntergang

Das steht wirklich im Maya-Kalender

Was Sie machen sollten, bevor die Welt untergeht

Der Kalender der Maya prophezeit den Weltuntergang am 21. Dezember

Oder auf „Focus Online„:Der Maya-Kalender, der das Ende der Welt am 21. Dezember 2012 verheißt, verlieh dem mexikanischen Tourismus Flügel.

Oder auf Express.de:
Kalender zu Ende - am 21.12.2012 geht die Welt unter

Oder auf WDR5.de:
Das Dramolett: Der Maya-Kalender endet 2012

Oder auf Stern.de:

Video: Wieso am 21. Dezember die Welt untergeht

Oder bei „Welt (Online)“, hier, hier, hier, hier oder hier:

Wissenschaftler sagt Weltuntergang 2012 ab

Blöd nur: Das auf den Bildern ist gar nicht der Kalender der Maya. Es ist ein Kalender der Azteken.

Nikolai Grube, Professor für Altamerikanistik und renommierter Maya-Forscher der Uni Bonn, schreibt uns auf Anfrage:

Das ist der aztekische Kalenderstein, 1000 km und 700 Jahre von den klassischen Maya entfernt … Das ist so, als würden Sie zur Illustration des Reichstagsgebäudes eine osmanische Moschee aus Izmir zeigen. Solche Fehler sagen viel über die Kenntnisse und den Respekt der Medienmacher für fremde Kulturen aus. Es gibt nicht eine Abbildung des Maya-Kalenders, sondern mehrere tausend. Der Maya-Kalender ist eine Idee, er ist eine bestimmte Form der Zeitrechnung und liegt deshalb tausenden von Hieroglypheninschriften zugrunde.

Diesen Unterschied zu erkennen, dafür hätte schon ein kurzer Blick in die Wikipedia genügt.

Aber vielleicht gelingt es den Medien ja in den verbleibenden sieben Tagen, selbst da noch einen draufzusetzen.

Mit Dank an Stefan B.

Wenn zwei sich streiten

Das las sich gestern fast schon wie ein Happy-End. Zweieinhalb Wochen nachdem das Prominentenpaar Sylvie und Rafael van der Vaart seine Trennung bekannt gegeben hatte, titelte „Bild“:

Sylvie & Rafael van der Vaart - ALLES WIEDER GUT! Angeblich...

Im Inneren erfuhr der Leser dann auf einer halben Seite „alles über das Liebes-Comeback“:

Der eine ist ohne den anderen nur die Hälfte Wert; So läuft das Liebes-Comeback bei den van der Vaarts ab

Nun, was war passiert? Die „Bild“-Leute Christiane Hoffmann und Babak Milani erklären es gleich zu Beginn ihres Artikels:

„Der Duft nach dem Regen …

Das Gefühl nach dem Weinen …

Der Klang einer zweiten Chance …“

Sylvie van der Vaart (34) öffnete gestern Mittag öffentlich ein wenig ihr Herz. Drei Zeilen postete sie bei „Facebook“, dazu ein Foto des Sonnenaufgangs am Hamburger Hafen. Ihre Worte lassen erahnen, was für ein Gefühlschaos sie in den letzten zwei Wochen durchlebt hat. Sie signalisieren die Hoffnung auf Romantik, auf die Rückkehr der Liebe, auf die Ruhe nach dem Sturm.

Einmal in Fahrt, schwingen sich die Autoren in fast schon Wagner’sche Höhen auf:

Sylvie ohne Rafael ist wie Currywurst ohne Curry. Ein Großteil IHRER Karriere hat das starke Fundament der „Familie van der Vaart“.

Wenn du wirklich liebst, musst du irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es die Liebe nicht ohne das Leiden gibt. Die Liebe ist nicht so perfekt wie Sylvies blonde Föhnfrisur. Streit, Konflikt und böse Worte gehören dazu. Du darfst nur den Respekt nicht verlieren und deine Liebe. Und dich selbst.

Denn der Duft nach dem Regen ist wundervoll …

Hach ja.

Bild.de widmete sich derweil ebenfalls dem Dreizeiler:Sylvies hoffnungsvoller Facebook-Eintrag - Sie wünscht sich doch so sehr, dass es wieder klappt

Und lieferte gleich einen Screenshot mit:

Sylvie postete am Mittwoch diese drei Zeilen auf Facebook

Gepostet wurden „diese drei Zeilen“ also auf einer Seite namens „Sylvie van der Vaart NEWS“ — doch die ist, wie sich nach knapp viersekündiger Recherche zeigt, nicht das offizielle Profil der Moderatorin, sondern eine Fan-Seite. Frau van der Vaart selbst hat mit den Worten, die ihr „Bild“ und Bild.de in den Mund legen und genüsslich ausschlachten, in Wirklichkeit also nichts zu tun.

Das stellten auch die wahren Verfasser des „hoffnungsvollen Facebook-Eintrags“ gestern auf ihrer Seite klar:
Liebe BILD-Zeitung, liebe CHRISTIANE HOFFMANN und BABAK MILANI es freut uns dass sie unsere "Fan-Seite" (wie oben angegeben) lesen und hieraus Informationen für ihre Berichterstattung auf bild.de beziehen. Jedoch würden wir uns freuen wenn sie unsere Worte nicht als Sylvie's Worte ausgeben. Besagtes "Hafenfoto mit hoffnungsvollen Worten" haben WIR gepostet, und nicht Sylvie. Ihre Redaktion arbeitet seit Jahren sehr gut mit Frau van der Vaart zusammen. Bitte respektieren Sie Ihre Privatsphäre und produzieren Sie nicht immer neue Schlagzeilen aus Worten die nicht einmal von Sylvie selbst stammen! Vielen Dank!

Bild.de hat die betreffenden Artikel mittlerweile gelöscht.

Schon seit Jahren pflegen Sylvie van der Vaart und „Bild“ ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Frau van der Vaart, ihres Zeichens „Model, Moderatorin usw.“ (Bild.de), war bereits mehrfach als Kolumnistin für das Blatt tätig, sie spielte beim „Bild-Super-Manager“ mit, stylte einen „Bild“-Reporter um und war einen Tag lang Chefredakteurin bei Bild.de. „Bild am Sonntag“ warf einen Blick in Sylvies Kleiderschrank, „Bild“ bummelte mit ihr durch ihre Heimat Eppendorf, und Bild.de zeigte sie in Dessous, in Dessous und in Dessous.

Als die Eheleute van der Vaart zu Beginn des Jahres — exklusiv in „Bild“ — ihre Trennung bekannt gaben, war also schon abzusehen, dass sich das Blatt mit der Post-Trennungs-Berichterstattung nicht gerade zurückhalten würde. Dass sich die Redakteure aber dermaßen ins Zeug legten, hat dann doch ein wenig überrascht.

1. Januar:
Love-Story ohne Happy-End

1. Januar:
Sylvie und Rafael van der Vaart: Ehe kaputt!

2. Januar:
Schon nächste Woche muss Rafael ausziehen

2. Januar:
Nach diesem Foto war Schluss!

2. Januar:
Die frisch getrennten Van der Vaarts

2. Januar:
Sylvie und Rafael: Woran zerbrach ihre Ehe?

2. Januar:
Warum scheitern so viele Bilderbuch-Ehen?

2. Januar:
Post von Wagner: Liebe van der Vaarts

3. Januar:
Sylvie van der Vaart zu BILD: "Ich liebe ihn immer noch, aber die Trennung ist endgültig"

3. Januar:
Was passierte genau in der Silvester-Nacht?

3. Januar:
Was wird jetzt aus Söhnchen Damian?

3. Januar:
Rafael und Sylvie van der Vaart sprechen in BILD: Die Karriere killte ihre Liebe!

3. Januar:
Wie lange spielten sie nur noch das perfekte Paar?

3. Januar:
Das sagen Fans, Kollegen und die Welt

3. Januar:
Van der Vaart trägt noch die Liebes-Schuhe

3. Januar:
Welche Rolle spielt die Busenfreundin?

4. Januar:
Sylvie van der Vaart beim therapeutischen Shoppen

4. Januar:
Wurde Sylvie zu stark für ihren Mann?

4. Januar:
Hat diese Holländerin was mit der Trennung zu tun?

4. Januar:
Wieso quatschen sie von Liebe und trennen sich doch?

5. Januar:
Wegen Ehe-Zoff: Linken-Politiker fordern Sperre für van der Vaart
5. Januar:
Welche Rolle spielt Sylvies mysteriöses Medium?

6. Januar:
Sabia Boulahrouz weicht nicht von Sylvies Seite

6. Januar:
Glück gejagt, Liebe verloren

7. Januar:
Van der Vaarts Busenfreundin: Auch ihre Ehe ist kaputt!

7. Januar:
Sylvies Psycho-Trainerin: Ist sie die Schluss-Macherin?

7. Januar:
Van der Vaart jetzt auch noch verletzt

8. Januar:
Van der Vaart: Verletzung wegen Ehe-Aus?

10. Januar:
Möbelwagen da! Van der Vaart zieht aus

13. Januar:
Nach dem Ehe-Aus: Das ist van der Vaarts sturmfreie Bude

Am 16. Januar dann die Überraschung:Sylvie: "Wir wollen es wieder miteinander versuchen"

„Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen“, verrät Sylvie van der Vaart (34) dem „Gala“-Chefredakteur Christian Krug bei einem Treffen vor wenigen Tagen. UND: „Ich liebe Rafael immer noch so sehr!“

Doch im Laufe des Tages wurde das Ehe-Wirrwarr immer verrückter.Ehe-Wirrwarr immer verrückter

Am Mittwochmorgen überraschte uns die Nachricht vom Liebes-Comeback der van der Vaarts: „Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen“, soll Sylvie van der Vaart (34) dem „Gala“-Chefredakteur Christian Krug am Rande eines Termins verraten haben und der druckte es prompt in seinem Magazin. (…)

Nun ließ die Moderatorin den Bericht jedoch zurückweisen. Sie habe zu diesem Thema gar kein Interview gegeben, von einer Versöhnung könne keine Rede sein, teilte ihr Management mit. Das Paar stehe in gutem Kontakt, alles andere müsse die Zukunft zeigen.“

Diese Zukunft erschnupperte „Bild“ dann, wie eingangs beschrieben, gestern aus dem „Duft nach dem Regen“. Eine Korrektur der Ente findet sich heute nicht im Blatt. Nur der dürre Hinweis, dass Sylvie van der Vaart ab 22. Februar eine neue RTL-Show moderieren wird. Ganz ohne Lyrik.

Mit Dank an Rene W., Frederik S., Tinnef, Nora R. und Sarah.

„Focus Online“ klaut einen erfundenen Asteroiden

Wissenschaftler der Columbia University und des staatliche französischen Forschungsinstituts Inria haben neulich untersucht, wie sich Nachrichten in Sozialen Netzwerken verbreiten. Zusammengefasst sagt ihre Studie „Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?“ (PDF): 59 Prozent der Links, die Leute bei Twitter retweeten, wurden von der Person, die sie verbreitet, zuvor nicht gelesen. Oder anders gesagt: Für viele reicht eine knackige Überschrift, um einen Link bei Twitter verbreiten zu wollen.

Elizabeth Bromstein vom „Yackler Magazine“ hat dieses Ergebnis auf eine charmante Art veranschaulicht:

Scientists have discovered a massive asteroid that is on course to hit the Earth next week, and are scrambling to find a way to divert the object.

The asteroid has been named 2016-FI and measures approximately 1 km across. If it strikes a populated area is could wipe out entire cities and potentially devastate an entire continent or … nah. I’m totally messing with you. There’s no asteroid (at least not about to strike next week).

But there is a new study by computer scientists at Columbia University and the French National Institute that has found that 59 percent of links shared on social media have never actually been clicked, meaning that most people who share news on social media aren’t actually reading it first. […]

RTFA, of course, and don’t share things you haven’t read. Being informed is being responsible.

Bei „Focus Online“ muss jemand auf Bromsteins Text gestoßen sein. Idee geklaut, kurzerhand übersetzt und schnell einen eigenen Artikel veröffentlicht:

Wissenschaftler haben kürzlich einen Asteroiden entdeckt, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befindet. Nun versucht man herauszufinden, wie die Katastrophe abgewendet werden könnte. Ein Einschlag könnte einen ganzen Kontinent verwüsten.

Wissenschaftler haben einen massiven Asteroiden von einem Kilometer Durchmesser entdeckt, der in der kommenden Woche die Erdumlaufbahn kreuzen könnte. Solche und vergleichbare Nachrichten erregen Aufmerksamkeit und werden im Netz tausendfach geklickt.

Allerdings haben Wissenschaftler der Columbia Universität und des Französisch Nationalen Instituts nun herausgefunden, dass 59 Prozent der geteilten Links in den sozialen Netzwerken nur in den seltensten Fällen angeklickt werden. Das bedeutet, dass sich die meisten Menschen geteilte Neuigkeiten zuvor gar nicht richtig durchlesen und sie einfach blind teilen. […]

Es ist also ratsam einen Artikel zunächst aufmerksam zu lesen und erst dann zu teilen oder sich an einer Diskussion zu beteiligen. Informiert sein heißt nämlich auch Verantwortung übernehmen.

Die Redaktion hat sich auf ihrem Raubzug nicht mal die Mühe gemacht, sich einen eigenen Namen für den Fantasie-Asteroiden auszudenken.

Blöderweise hat „Focus Online“ eine ganz entscheidende Stelle hingegen nicht vom „Yackler Magazine“ übernommen: Die eindeutige Auflösung, dass es sich bei der bedrohlichen Lage um eine bewusste Falschmeldung handelt. Besorgte Leser bitten nun die „Gute Frage“-Community um Aufklärung. Und auch unter dem „Focus Online“-Artikel herrscht Verwirrung:

Was hat der Bericht nun mit dem Asteroiden zu tun ?? Anstatt über ihn zu berichten und Fakten mitzuteilen wird über das Verhalten der Leute im Netz gelabert. […]

wow gerade mal 5sec bekam der Asteroid am Aufmerksamkeit — er sollte vielleicht doch mal die Erde aufsuchen – dann ist er in den Topnachrichten für die nächsten Wochen

Ist das euer Ernst? Eine solche Nachricht und dann der Großteil des Berichts über das teilen von Links? Stimmt die Sache mit dem Kometen überhaupt oder soll das nur verdeutlichen, dass meistens nur die Überschrift gelesen wird? Ist auf jeden Fall nicht witzig.

Mit Dank an Christian D. und Heiko S.!

Nachtrag, 15. Juli: Neben „Focus Online“ haben auch die Seiten „Macwelt“, „Gulli“ und „Yahoo Nachrichten“ die Geschichte vom Asteroiden, der auf die Erde prallen wird, geklaut. Im Gegensatz zu „Focus Online“ haben sich die drei Portale immerhin Mühe gegeben, den Fake im Artikel aufzulösen.

„Focus Online“ hat seinen Artikel inzwischen geändert. Die Überschrift lautet nun:

Mit Dank an @Wasserbanane!

Julian Reichelt erfindet Richter-Zitat

In der „Bild“-Zeitung von heute kann man mal wieder sehr schön sehen, wie unsauber „Bild“-Oberchef Julian Reichelt arbeitet, wie egal es ihm ist, seine Leserschaft ordentlich zu informieren, wie sehr er auf journalistische Verantwortung und verantwortlichen Journalismus pfeift. Und das alles nur, um mal wieder so richtig losknallen zu können.

Es geht um eine Entscheidung des Landgerichts Frankfurt am Main. Das hat gestern Ansprüche eines Studenten aus Israel gegen „Kuwait Airways“ auf Beförderung sowie auf Entschädigung wegen Diskriminierung zurückgewiesen. Der junge Mann wollte mit der staatlichen Fluglinie von Frankfurt nach Bangkok reisen, mit Zwischenstopp in Kuwait. Als die Airline von seiner Staatsangehörigkeit erfuhr, stornierte sie sein Ticket. In Kuwait gibt es ein Gesetz, das Geschäftsbeziehungen jeglicher Art mit Staatsbürgern Israels verbietet. Dieses „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ kann man empörend und das Verhalten von „Kuwait Airways“ schäbig finden. Genauso kann man es völlig zurecht schrecklich finden, dass einem Menschen aufgrund seiner Staatsangehörigkeit ein Flug verweigert wird.

Das Landgericht Frankfurt gab „Kuwait Airways“ gestern allerdings recht — es entschied, dass es den israelischen Studenten nicht befördern müsse. „Bild“-Chefchef Julian Reichelt kommentiert dazu heute in „Bild“ und bei Bild.de:

Ausriss Bild-Zeitung - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Screenshot Bild.de - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Der Israeli klagt in Deutschland — und verliert. Der Israeli sei Kuwait Airways — und jetzt kommt ein Zitat — „nicht zumutbar“, so das Landgericht Frankfurt.

Dass Juden in irgendeiner Weise „nicht zumutbar“ sein sollen, ist die Sprache der „Nürnberger Rassengesetze“, die wiederum Grundlage für Boykott, Deportation und schließlich „Endlösung“ waren.

Dass ein deutscher Richter sich dieser Sprache bedient, um ein Skandalurteil zu rechtfertigen, ist eine Schande für Deutschland.

Erstmal: So ungewöhnlich ist die Wendung „nicht zumutbar“ in Gerichtsentscheidungen nicht. Einem Richter aufgrund von zwei regelmäßig verwendeten Worten vorzuwerfen, er bediene sich der „Sprache der ‚Nürnberger Rassengesetze'“, ist bemerkenswert.

Was noch bemerkenswerter ist: Auch wenn Julian Reichelt sich alle Mühe gibt („und jetzt kommt ein Zitat“), es so aussehen zu lassen, als würde er in seinem Kommentar sauber zitieren, arbeitet er extrem unsauber. Er reißt die zwei Worte „nicht zumutbar“ komplett aus dem Zusammenhang.

Das Landgericht Frankfurt hat — anders als Reichelt es darstellt — nicht gesagt, der Israeli sei „Kuwait Airways“ „nicht zumutbar“. Stattdessen schreibt es in einer Pressemitteilung (PDF), dass es für die Fluglinie „nicht zumutbar“ sei, gegen ein in Kuwait geltendes Gesetz zu verstoßen und damit rechtliche Folgen für die eigenen Mitarbeiter in Kauf zu nehmen:

Das Landgericht hat heute entschieden, dass es der kuwaitischen Fluggesellschaft aus rechtlichen Gründen unmöglich ist, den Kläger aufgrund seiner israelischen Staatsbürgerschaft zu befördern. Das Einheitsgesetz zum Israel-Boykott verbiete es nämlich der kuwaitischen Fluggesellschaft als juristischer Person des Staates Kuwait, einen Vertrag mit einem israelischen Staatsangehörigen zu schließen. Verstöße dagegen würden in Kuwait mit Gefängnisstrafe, harter Arbeit oder Geldstrafe geahndet. Es sei einer Vertragspartei nicht zumutbar, einen Vertrag zu erfüllen, wenn sie damit einen Gesetzesverstoß nach den Regeln ihres eigenen Staates begehe und sie deswegen damit rechnen müsse, dort bestraft zu werden. Das Landgericht hat ausgeführt: „Es geht bei der Beurteilung einer rechtlichen Unmöglichkeit nicht darum, aus Sicht eines deutschen Gerichts zu beurteilen, ob das Gesetz eines fremden Staates — hier das Gesetz (…) des Staates Kuwait — sinnvoll ist und ob es nach den Wertungen der deutschen und europäischen Rechtsordnung Bestand haben könnte.“ Eine inhaltliche Bewertung des kuwaitischen Einheitsgesetzes zum Israel-Boykott ist mit dem heute verkündeten Urteil daher nicht — auch nicht mittelbar — verbunden.

Julian Reichelt ist ja nicht doof, er kann lesen. Er ist in der Lage, die Begründung des Gerichts zu verstehen. Er will sie aber nicht verstehen. Ihm ist es offenbar egal, dass er seinen Leserinnen und Lesern falsche Fakten präsentiert.

Auch nach der (noch nicht rechtskräftigen) Entscheidung des Landgerichts Frankfurt kann man das kuwaitische „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ erbärmlich finden. Man kann die Begründung des Landgerichts Frankfurt für völlig falsch halten und von einem „Skandal-Urteil“ sprechen. Man kann auch, so wie es Reichelt in seinem Kommentar tut, die Bundeskanzlerin auffordern, „Kuwait Airways“ die Start- und Landerechte in Deutschland zu entziehen. Man sollte aber, damit alles zur eigenen Meinung passt, nicht irgendwelche Zitate erfinden.