Bringt Julian Reichelt die Familien anderer Menschen in Gefahr? (2)

Wir erinnern uns: „Bild“-Oberchef Julian Reichelt fand es überhaupt nicht in Ordnung, als die Redaktion des Medienmagazins „kress pro“ in ihrer Oktoberausgabe die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schätzte. Darunter war nämlich auch das geschätzte Gehalt von Reichelt, das „irgendwo zwischen 500.000 Euro und 1 Million liegen“ soll.

„kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand schrieb in der darauffolgenden November-Ausgabe:

Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.

Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.

Folgen wir mal kurz dieser Logik.

Dann bringen Julian Reichelt und die von ihm verantwortete „Bild am Sonntag“ heute die Familien vieler Menschen in Gefahr:

Ausriss der Titelseite von Bild am Sonntag - Geheime Gehaltsliste aus der Bundesliga - Fette Grundgehälter, satte Sonderzahlungen, üppige Prämien: Bild am Sonntag enthüllt das Lohnsystem einer ganzen Mannschaft

Die „ganze Mannschaft“ ist der HSV, und die „geheime Gehaltsliste“ stammt aus der Saison 2015/2016. Eine Frau soll im August 2015 im Hamburger Jenischpark den Rucksack des damalige HSV-Managers Peter Knäbel gefunden haben. Darin auch die Liste mit den Spielergehältern, die „Bild am Sonntag“ heute komplett veröffentlicht, mit monatlichem Grundgehalt, fixen Sonderzahlungen, Siegprämien, flexiblen Sonderzahlungen und so weiter. Die erwarteten Jahresvergütungen der 28 Spieler liegen zwischen 48.000 Euro und 3,8 Millionen Euro. Alles ausführlich nachzulesen auf einer „BamS“-Doppelseite:

Ausriss Bild am Sonntag - Hier sehen wir, warum der HSV so klamm ist - Doppelseite mit der HSV-Gehaltsliste
(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Auch bei Bild.de bringen Julian Reichelt und sein Team die Familien der damaligen HSV-Spieler nach Reichelt-Logik in Gefahr: „Die geheime Gehaltsliste des HSV“ ist ganz oben auf der Startseite verlinkt:

Screenshot Bild.de - Ex-HSV-Manager Knäbel verlor sie im Rucksack im Park - Die geheime Gehaltsliste des HSV

An diesem In-Gefahr-bringen will Julian Reichelt natürlich noch verdienen: Der Artikel befindet sich hinter der Bezahlschranke.

Dazu auch:

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:
Unterstütze uns auf Steady

Geier Sturzflug (3)

Die Auflagen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ sinken weiter deutlich:

Auflagenentwicklung von Bild und Bild am Sonntag im 2. Quartal seit 1998 - aktuell verkaufte Auflage von Bild: 1,55 Millionen, aktuell verkaufte Auflage von Bild am Sonntag: 0,83 Millionen

Damit ist die verkaufte „Bild“-Auflage — die seit 2017 übrigens nur noch zusammen mit der Auflage der „Fußballbild“ ausgewiesen wird — so niedrig wie vor gut 65 Jahren. Die der „Bild am Sonntag“ hat ungefähr das Niveau aus dem Jahr 1957, also kurz nach Gründung des Blatts, erreicht:

Auflagenentwicklung von Bild und Bild am Sonntag seit den 1950er-Jahren
(Draufklicken für größere Version)

Zum Gesamtbild gehört allerdings auch, dass Bild.de seit Jahren mehr und mehr Visits verzeichnen kann:

Entwicklung der Visits von Bild.de seit 2002 - aktuelle monatliche Visits von Bild.de: 397,52 Millionen

Die „Bild“-Medien haben erst vergangenen Monat den fünften Geburtstag des Bezahlangebots „Bild plus“ gefeiert. Und gleichzeitig 400.000 „Bild plus“-Abonnenten. Diese zahlen, je nach Abo-Modell, zwischen 3,99 Euro und 12,99 Euro pro Monat. Viele sicher auch weniger, weil es immer wieder Kombi-Spar-Angebote gibt in Zusammenarbeit mit Streaming-, Mobilfunk- und Wasauchimmer-Anbietern.

Demgegenüber steht der Verlust von etwa 980.000 „Bild“-Käufern im selben Zeitraum, die nun nicht mehr rund 20 Mal im Monat am Kiosk zwischen 75 Cent und 1 Euro bezahlen, je nach Regionalausgabe.

Mathias Döpfner, Vorsitzender des Springer-Verlags, sagte vor wenigen Tagen im Interview mit „Meedia“ zur Auflagen-Entwicklung von „Bild“:

Aktuell aber freuen wir uns bei Bild, dass der Rückgang etwas verlangsamt worden ist. Der Kurs von Julian Reichelt wird von vielen Lesern begrüßt.

Diese Wertschätzung des „Kurses von Julian Reichelt“ bedeutet konkret, dass „Bild“ nun nicht mehr 12,3 Prozent der harten Auflage (nur Einzelverkauf und Abo, ohne Bordexemplare im Flugzeug und andere Auflagen-Kosmetik) innerhalb eines Jahres verliert, sondern nur noch 10,5 Prozent — und damit weiterhin deutlich mehr als andere überregionale Tageszeitungen. Dazu auch von uns: herzlichen Glückwunsch!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:
Unterstütze uns auf Steady

Pseudojournale, Overton-Fenster, Bezeichnungsdrama Beziehungsdrama

1. Tausende Forscher publizieren in Pseudo-Journalen
(sueddeutsche.de, Till Krause & Katrin Langhans)
Immer mehr Pseudoverlage schreiben Forscher und Unternehmen an und bieten gegen Bezahlung eine Publikation in einem wissenschaftlich anmutenden Journal. NDR, WDR, „Süddeutsche Zeitung“ sowie weitere nationale und internationale Medien haben gemeinsam recherchiert. Die Ergebnisse sind erschreckend: Weltweit sollen 400.000 Forscherinnen und Forscher in Fake-Journalen veröffentlicht haben. Die Zahl solcher Publikationen habe sich in den vergangenen fünf Jahren weltweit verdreifacht, in Deutschland gar verfünffacht.
Weiterer Lesehinweis: Forscher müssen ständig publizieren — das schadet der Wissenschaft (sueddeutsche.de, Patrick Illinger)

2. Falschmeldung über kroatische WM-Spenden
(fr.de, Danijel Majic)
Haben Sie auch auf einem der diversen Onlineportale gelesen, dass die kroatische Nationalmannschaft ihre 23 Millionen WM-Prämie für wohltätige Zwecke gespendet hat? Tolle Sache, oder? Stimmt nur leider nicht.

3. „Die Zeit“ öffnet das Overton-Fenster
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Mit deutlichen Worten kritisiert Thomas Knüwer die „Zeit“. Diese scheine „nicht zu realisieren, dass sie Teil eines größeren Problems ist: Sie öffnet rechtsextremen Gedanken den Weg ins Bildungsbürgertum — und genau das wurde von den Rechten so kalkuliert.“ Als Belege führt er vor allem die Seenotrettungsdebatte, aber auch einen aktuellen Text über die AfD an. „Gäbe es noch die Haltung einer Gräfin Dönhoff, wäre dieser Text so nie erschienen“, so Knüwer.

4. Unsichtbar und unverzichtbar
(deutschlandfunk.de, Benjamin Hammer)
Auslandskorrespondenten in fernen Ländern und Krisenregionen sind oft auf einheimische Helfer angewiesen. Benjamin Hammer berichtet im „Deutschlandfunk“ von seinen beiden Helfern im Gazastreifen, die sich um Transport, Sicherheit und Kontakte kümmern.

5. Wenn Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet werden: das ist kein Beziehungsdrama, sondern Mord
(editionf.com, Helen Hahne)
Letztes Jahr wurden 147 Frauen in Deutschland von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Oftmals werden diese Morde als „Beziehungs-“ oder „Eifersuchtstaten“ deklariert und damit sprachlich marginalisiert. Helen Hahne hat sich mit den verschiedenen Aspekten dieses Verschleierungsvokabulars auseinandergesetzt.

6. Rheinneckarblog muss 9000 Euro Strafe zahlen
(horizont.net)
Der Betreiber des „Rheinneckarblogs“ soll auf Betreiben der Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 9.000 Euro zahlen, nachdem er vor einiger Zeit einen erfundenen Bericht über einen angeblichen Anschlag in Mannheim veröffentlicht hatte. Wie nicht anders zu erwarten, sieht sich Blogbetreiber Hardy Prothmann als Opfer: „Die Staatsanwaltschaft verfolgt mit diesem Strafbefehl politische Ziele gegen einen auch für sie unbequemen Journalisten.“

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:
Unterstütze uns auf Steady

Trump als Restaurantkritik, Online-Antisemitismus, „Aldi“-Wutkultur

1. Berichterstattung und Haltung kann man nicht trennen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
In der URL steht noch der ursprüngliche Titel : „Donald Trump in den Medien: Kotze muss man Kotze nennen!“ Und das trifft den Kern von Sascha Lobos Text: „Trump erbricht sich und das Gros der Berichterstattung tut, als könne man das Ergebnis in Form einer Restaurantkritik besprechen.“ Oder vornehmer ausgedrückt: „Mit den Instrumenten politischer Normalität versucht der Journalismus, das Aberwitzige zu verarbeiten.“

2. MDR Sachsen-Anhalt korrigiert die falsche Ausgewogenheit in einem Bericht übers Impfen
(blog.gwup.net, Bernd Harder)
Die kritischen Geister der GWUP freuen sich über eine positive Entwicklung beim MDR Sachsen Anhalt. Dort hatte man beim Thema Impfen zunächst beide Seiten zu Wort kommen lassen, was unter anderem vom Autoren und Kreativen Tommy Krappweis auf Twitter kritisiert wurde. Nun hat der Sender nicht nur den Artikel korrigiert, sondern auch mit einem Professor für Wissenschaftskommunikation über „false balance“ („falsche Gleichgewichtung“) gesprochen.

3. ARD: „Auch Unterhaltung ist Public Value“
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Was gehört zum Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen? Wie viele Unterhaltungsformate sollen ARD und ZDF künftig noch zeigen dürfen? Darüber werde derzeitig heftig diskutiert, wie Timo Neumeier bei DWDL ausführt. Während das ZDF dazu weitgehend schweige, würde die ARD sich in Sachen Unterhaltung klar positionieren.

4. Gut gemeint, aber nicht gut genug
(zeit.de)
Die „Zeit“-Chefredaktion hat eine erneute Stellungnahme zur Causa „Oder soll man es lassen?“ abgegeben. Man bedauere unter anderem, dass ein „anderer Eindruck“ entstehen konnte und bescheinigt sich selbst: „Gut gemeint, aber nicht gut genug“.

5. Antisemitismus durchdringt das Netz
(tagesschau.de)
Nach einer Studie der TU Berlin ist der Antisemitismus so weit verbreitet wie noch nie in deutschen Blogs, Medien und Online-Kommentaren. In mehr als der Hälfte der untersuchten Texte seien Stereotype aufgetaucht, wie sie seit Jahrhunderten kursieren: die Juden als Fremde, Andere, Böse oder Wucherer.
Weiterer Lesetipp: Zuckerberg will Beiträge von Holocaust-Leugnern nicht entfernen lassen (spiegel.de)

6. In den Facebook-Kommentarspalten deutscher Discounter offenbart sich wahres Wutbürgertum
(vice.com, Rebecca Baden)
Heutzutage haben Verbraucher neben den gesetzlichen Möglichkeiten eine Waffe, von der sie gerne Gebrauch machen: Den wütenden Facebook-Eintrag beim Lebensmitteldiscounter oder Hersteller. Rebecca Baden hat für „Vice“ einen Tag lang die öffentlichen Beiträge auf den Facebook-Seiten von Lidl, Aldi und Co. gelesen und dabei viel über die deutsche Wutkultur gelernt.

Umsatzrechnung von Bild.de ist kein Gewinn

Wenn ein so prominenter und kostspieliger Transfer über die Bühne geht wie der von Fußballer Cristiano Ronaldo zum italienischen Klub Juventus Turin, hört man oft, dass der neue Verein die Ablösesumme doch eh bald wieder drin habe, allein durch Trikotverkäufe. Zu diesem Argument passt diese Geschichte von Bild.de aus der vergangenen Woche:

Screenshot Bild.de - Die Hälfte der Ablöse schon wieder reingeholt - Juve verkauft über 500.000 Ronaldo-Trikots an einem Tag

Nur ist die Schlussfolgerung leider falsch. Der Punkt mit den 500.000 Ronaldo-Trikots mag stimmen Schon der Punkt mit den 500.000 Ronaldo Trikots scheint nicht zu stimmen*. Dass Juventus Turin damit die Hälfte der Ablöse von 112 Millionen Euro schon wieder reingeholt hat, stimmt allerdings nicht. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn.

Die Bild.de-Rechnung ist recht simpel, zu simpel:

Juventus Turin profitiert schon vor Saison-Beginn von seinem neuen Mega-Star Cristiano Ronaldo (33)! In den ersten 24 Stunden nach Bekanntgabe des Transfers sollen die Norditaliener bereits über eine halbe Mio Ronaldo-Trikots verkauft haben. Das berichtet „Yahoo Sport Italy“, spricht von 520 000 verkauften Exemplaren.

Ein Trikot kostet je nach Edition zwischen 84,95 Euro (Kinder) und 144,95 Euro („Home Authentic Jersey“).

84,95 Euro beziehungsweise 144,95 Euro multipliziert mit 520.000 ergibt 44,17 Millionen Euro beziehungsweise 75,37 Millionen Euro.

Nur: Verkauft Juventus Turin im eigenen Onlineshop ein Trikot für 84,95 Euro oder für 144,95 Euro, bleiben nicht 84,95 Euro oder 144,95 Euro bei Juventus Turin. Die Mehrwertsteuer, die in Italien für Fußballtrikots bei 22 Prozent liegt, geht davon ab. Die Näherinnen und Näher bekommen einen kleinen Anteil. Adidas als Produzent einen größeren. Das Material kostet was. Und so weiter. Wurde das Trikot in einem Sportgeschäft verkauft, bekommt der Händler noch was ab. Am Ende bleibt Juventus Turin zwar ein ordentlicher Betrag pro Trikot, allerdings deutlich weniger als von Bild.de behauptet.

Die Seite Sparwelt.de hatte zur Fußball-Europameisterschaft 2016 mal aufgeschlüsselt, wie sich der Preis für ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft zusammensetzt:

Screenshot Sparwelt.de -
(Draufklicken für größere Version)

Mit Dank an Daniel S. für den Hinweis!

*Nachtrag, 19:47 Uhr: Da waren wir wohl etwas zu leichtgläubig. Uwe Ritzer schreibt bei Süddeutsche.de zum Gerücht, dass Juventus Turin bereits am ersten Tag 300.000 oder sogar 500.000 Cristiano-Ronaldo-Trikots verkauft habe: „Alles Quatsch.“ Er hat für dieses deutliche Urteil unter anderem mit Leuten von Adidas gesprochen, von dem einer sagt: „‚Kein Verein der Welt kann einen Top-Spieler allein durch Trikotverkäufe finanzieren.'“

Mit Dank an @pukitonator, @ichmeinjanur und Hannes S. für die Hinweise!

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:
Unterstütze uns auf Steady

Rundfunkbeitrag legal?, Selfie-Forschung, Naidoo und das Gift

1. Ist der Rundfunkbeitrag verfassungskonform?
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Heute wird in Karlsruhe über vier Verfassungsbeschwerden gegen den Rundfunkbeitrag entschieden. Carolin Gasteiger stellt die Kläger und ihre Beweggründe vor und erklärt, welche Folgen das Urteil haben könnte.

2. „Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt“: Kalkofes bittere Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre
(meedia.de, Nora Burgard-Arp)
Bei „Meedia“ zieht Oliver Kalkofe Bilanz der vergangenen zehn Fernsehjahre und rechnet mit den Fernsehsendern ab: „Die großen Sender haben ihr Publikum jahrelang nicht gut behandelt — und das zahlt sich jetzt zurück. Die Zuschauer wechseln zu den Streamingdiensten. Das heißt, die Fernsehanstalten müssen sich jetzt besinnen und anfangen, auch inhaltlich anders zu denken. Erfolg neu definieren, und zwar nicht mehr nur über diese imaginäre, nicht existente Quote, die einfach nur ein Schätzwert ist und die auf einem Fernsehverhalten basiert, das in dieser Form seit 30 Jahren nicht mehr existiert. Nur dann haben sie eine Chance.“

3. Man muss das Gift benennen
(spiegel.de, Andreas Borcholte)
Das Landgericht Regensburg hat einer Klage des Mannheimer Popsängers Xavier Naidoo stattgegeben, mit der dieser sich gegen eine Äußerung wehrte, nach der er Antisemit sei („das ist strukturell nachweisbar“). Andreas Borcholte kommentiert die Entscheidung: „Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl seine Texte antisemitische Klischees enthalten. Zu den Risiken und Nebenwirkungen muss man keinen Arzt oder Apotheker befragen, um zu ahnen, dass mit dieser juristischen Dialektik viel Spielraum für all jene entsteht, die in ihren Songtexten oder sonstigen Kunstwerken mit Ressentiments, kruden Theorien und Hass zündeln wollen.“

4. Jeder ist abhängig vom Rechts­staat
(lto.de, Klaus F. Gärditz)
In einem Gastbeitrag für „Legal Tribune Online“ beschäftigt sich der Jurist Klaus F. Gärditz mit dem Phänomen der Justizverweigerung als mediale Selbst-Inszenierung. Aus politischem Opportunismus würden gerichtliche Entscheidungen ignoriert. Dies untergrabe das institutionelle Vertrauen in die Institutionen des Rechtsstaats, von deren Funktionieren im Ernstfall alle abhängig seien.

5. UN müssen Journalisten retten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Mehrere Dutzend Journalisten sitzen im Südwesten Syriens auf der Flucht vor der Regierungsarmee fest: Die Grenze zu Israel ist geschlossen, Jordanien nimmt keine syrischen Flüchtlinge mehr auf und der Grenzübergang zu Jordanien ist seit Anfang des Monats unter Kontrolle der syrischen Armee. „Die UN und die Nachbarländer müssen sofort die Evakuierung der 69 eingeschlossenen Journalisten in die Wege leiten“, so ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Jede Stunde zählt. Den Journalisten droht Lebensgefahr, wenn sie in die Hände der Regierungstruppen gelangen.“

6. Die Macht des Selfies
(deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff, Audio, 5:22 Minuten)
Die Wissenschaftlerin Kristina Steimer leitet das neugegründete Selfie-Forschungsnetzwerk in München, das an das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft angegliedert ist. Das Selfie sei mehr als ein Produkt narzisstischer und aufmerksamkeitssüchtiger Millennials: „Ich glaube, dass diese Zuschreibung eher eine Art von Kapitulation ist, vor der Komplexität und Unüberschaubarkeit des Selfie-Phänomens.“ Mit dem „Deutschlandfunk“ hat Steimer über die verschiedenen Aspekte der Selfie-Forschung gesprochen.

Mit nicht existenten Mordaufrufen Stimmung machen. Oder soll man es lassen?

Ich ärgere mich gerade. Ich ärgere mich über Journalisten angesehener Medienhäuser, die von einem Mordaufruf gegen sie berichten, den es nicht gibt. Ich ärgere mich über Journalisten, die ihre Redlichkeit und das Vertrauen in ihre Verlage beschädigen und damit Kollegen beleidigen, die tatsächlicher Verfolgung ausgesetzt sind. Die manipulative, weil Mitleid- und Solidarität-triggernde Empörungs-Tweets absetzen, welche den Verdacht nahelegen, dass sie mit dem Mittel der Täter-Opfer-Umkehr von eigenen Fehlern ablenken wollen. Und ich ärgere mich über Journalisten, die all das Mordaufruf-Gerede nachplappern, weil es ihnen in ihr Weltbild passt.

Doch der Reihe nach.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte vergangenen Donnerstag ein Pro & Contra zur Frage der Legitimität privater Seenotrettung von Geflüchteten. Massive Kritik gab es vor allem für die in der Überschrift formulierte Frage „Oder soll man es lassen?“, wohl auch, weil aus ihr nicht klar hervorging, dass mit „es“ nur die private Seenotrettung gemeint war und nicht die Seenotrettung im Allgemeinen:

Ausriss Die Zeit - Oder soll man es lassen?

In einem „SZ“-Kommentar kritisiert Heribert Prantl die „Zeit“. Man dürfe Menschen nicht als Sache betrachten und behandeln. So ein Pro & Contra sei vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiere die Menschenwürde:

Wer sich auf eine solche Denkweise einlässt, der landet bei der Folter und bei der Todesstrafe.

Auch die Publizistin Ingrid Brodnig beanstandet die Fragestellung. Diese sei ein Beispiel für „False Balance“ im Journalismus: Journalisten seien darauf gedrillt, „beide Seiten“ zu beleuchten. Dies führe im schlimmsten Fall dazu, dass menschenfeindliche Positionen denkbare Optionen werden:

Es ist ein Irrtum, dass ausgewogener Journalismus bedeutet, man gibt allen Meinungen Raum — egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind. Dieses Streben nach „alle Seiten müssen vorkommen“ kann im Journalismus dazu führen, dass wir plötzlich Menschenrechte infrage stellen.

Bei „Deutschlandfunk Kultur“ kritisiert Journalistik-Professor Klaus-Dieter Altmeppen die von der „Zeit“ gewählte Form des Beitrags:

Man kann diese Frage natürlich stellen, aber dann muss sich die „Zeit“ auch die Frage gefallen lassen, was das denn soll, diese Frage zu stellen.

Es sei ganz einfach eine Frage von Humanität und Menschenwürde, Leben zu retten. Und da gebe es kein Contra.


Doch hier soll es nicht vornehmlich um die inhaltliche Bewertung des „Zeit“-Artikels gehen, sondern um die Legende vom Mordaufruf gegen „Zeit“-Redakteure.

Der Versuch einer Chronologie - 12. Juli 2018, 12:04 Uhr

Auf Twitter reagiert „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff auf die vielerorts als unanständig und inhuman empfundene „Zeit“-Überschrift mit einer gespiegelten, ebenso unanständigen und inhumanen Gegenfrage samt Pro-Contra-Abstimmung:

Screenshot des Tweets von Tim Wolff - Zeit-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen? Wahlmöglichkeiten: Pro und Contra

(Mittlerweile wurde der Tweet von Twitter gelöscht. Zunächst war Wolff mehrfach mitgeteilt worden, dass Beschwerden vorlägen, denen man jedoch nicht stattgegeben habe. Inzwischen hat Twitter offenbar seine Meinung geändert, den Tweet gelöscht und Wolff mit einer zwölfstündigen Sperre belegt.)

12. Juli 2018, 13:55 Uhr

Der renommierte Medienmanager und ehemalige Chefredakteur von „Zeit Online“ Wolfgang Blau kommentiert:

Screenshot des Tweets von Wolfgang Blau - Zwei Wochen nach dem Amoklauf bei der Capital Gazette schlägt der Chefredakteur des Magazin Titanic vor, Journalisten zu erschießen und einer Autorin das Gesicht mit heißem Wasser zu verbrühen. Und sagt, dann bestimmt das sei Satire. Nein, das ist Aufruf zum Mord.

Nun ist es aber recht offenkundig, dass der Wortlaut des Tweets von Tim Wolff einen derartigen Mordaufruf nicht hergibt. Nur zur Erinnerung: Der „Titanic“-Chefredakteur reagierte mit einer ungehörigen Gegenfrage auf eine aus der Sicht von vielen ungehörige Frage (die, was wir am 12. Juli noch nicht wissen, der verantwortliche Redakteur später selbst als Fehler bezeichnen wird).

Die gespiegelte Gegenfrage stellt vor allem ein rhetorisches Mittel dar. Sie ist ein Vergleich, der verdeutlichen soll, wie unverschämt die Denkweise ist, die einer solchen Frage zugrunde liegt. Vielleicht ist es daher noch nicht mal Satire, sondern nur sehr zugespitzte Gegenrede. Man kann Wolffs Gag gut finden oder auch nicht. Was er auf jeden Fall nicht ist: ein ernst gemeinter Mordaufruf. Und das ist jedem klar, der soweit alphabetisiert ist, dass er aus einem Zusammenhang sinnentnehmend lesen kann.

Das Märchen vom Mordaufruf macht unter Journalisten dennoch weiter die Runde.

12. Juli 2018, 15:05 Uhr

Nun lässt die Chefredakteurin der „Deutschen Welle“ ihrer Empörung freien Lauf:

Screenshot des Tweets von Ines Pohl - Was soll das? Schaut Euch mal um in der Welt, solche Aktionen sind weder lustig noch öffnen sie irgendwelche Perspektiven. Das ist schlicht Aufruf zum Mord. Pfui!

12. Juli 2018, 21:31 Uhr

Und „FAZ“-Redakteur Philip Plickert schreibt:

Screenshot des Tweets von Philip Plickert - Zeit-Redakteurin fragt, ob die private Seenotretter im Mittelmeer nicht auch Schlepperei ermuntern und ob dieses Retten von Migranten wirklich richtig ist. Dafür gibt es jetzt Tötungsaufrufe gegen Zeit-Mitarbeiter. Sagt viel über unsere Refugees-Welcome-Fanatiker.

Hier ließe sich einiges anmerken: Zum Setzen des Wortes Seenotretter in Anführungszeichen und der dadurch deutlich gemachten Unterstellung, es handele sich gar nicht um eine Rettung, oder zum diffamierenden Ausdruck „Refugees-Welcome-Fanatiker“. 
Doch bleiben wir bei der Legende von den „Tötungsaufrufen gegen „Zeit“-Mitarbeiter“.

12. Juli 2018, 21:38 Uhr

Nur wenige Minuten später twitterte der verantwortliche „Zeit“-Redakteur Bernd Ulrich:

Screenshot des ersten Tweets von Bernd Ulrich - Ich habe heute am eigenen Leib mitbekommen, wie es ist, wenn die flüchtlingsfreundliche Gemeinde ins Gefecht zieht. Arsch offen, Zeit-Redakteure töten? Zivilisationsbruch, die Zeit aus dem Diskurs raus, mit Kaffee verbrühen, maßlose Enttäuschung.
Screenshot des zweiten Tweets von Bernd Ulrich - ich kann besser erspüren, warum Leute aus Trotz weiter nach rechts gehen. Ich bin kein fragiles Gemüt, bei mir wird das nicht passieren. Aber man sollte schon mal überlegen, ob Humanismus mit nichthumanem Sprechen erreicht werden kann. Gute Nacht Freude

Auch hier könnte man einiges anmerken, zum Beispiel zum selbstmitleidigen und passiv-aggressiven Duktus und dem abschätzigen Gerede von der „flüchtlingsfreundlichen Gemeinde“, die gegen Ulrich und die „Zeit“ angeblich ins „Gefecht“ gezogen sei. Zur Wortwahl und Rechtschreibung, die wohl Emotionalität und Nachdenklichkeit signalisieren soll. Oder zu dem kühnen Vorwurf, dass derartige Kritik für den Rechtsruck in Deutschland verantwortlich sei. Hier soll es jedoch nur um die Bemerkung „Zeit-Redakteure töten?“ gehen, die sich auch bei Ulrich wiederfindet.

13. Juli 2018

Und die beim Deutschen Journalisten-Verband einzieht. Dort kommentiert Hendrik Zörner im hauseigenen Blog:



Geht’s noch? Da ersaufen im Mittelmeer täglich Menschen, die Armut und Unterdrückung in ihren Heimatländern entkommen wollen. Hierzulande entspinnt ein Blatt eine akademische Diskussion über das Für und Wider von Humanität. Und unter dem Deckmantel der Satire wird ein kaum verdeckter Mordaufruf in die Welt gesetzt.

Noch einmal: Beim Tweet des „Titanic“-Chefredakteurs handelte es sich eindeutig nicht um einen Mordaufruf. Tim Wolff erklärt seine Technik mit folgenden Worten:

Ich kenne keine andere Methode, so jemanden in dieser kalten Routine der Bestätigung der mörderischen Verhältnisse zu stören, als ihn kurz spüren zu lassen, wie es sich anfühlt, wenn die eigene körperliche Versehrtheit öffentlich lässig verhandelt wird.

Bleibt die Frage, ob es sich bei der viral gestreuten Mordaufruf-Legende um Vorsatz oder Fahrlässigkeit handelt. Echte Sorgen scheinen sich die Empör-Journalisten jedenfalls nicht gemacht zu haben: Von dem naheliegenden Gang zur Polizei und dem Stellen einer Anzeige ist nichts bekannt. Auch nicht bei der „Titanic“, bei der wir extra nochmal nachgefragt haben.

***

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von BILDblog zu sichern. Bitte mach mit!
Hier erfährst Du, wie Du uns per Überweisung oder Paypal unterstützen kannst.
Und hier kannst Du uns bei Steady unterstützen:
Unterstütze uns auf Steady

Belästigt & Verklagt, „Handelsblatt“ vs. Tichy, Jeremy Corbyn gelinkt?

1. Per Facebook belästigt, dann verklagt
(spiegel.de, Hasnain Kazim)
Als die ehemalige österreichische Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer via Facebook zutiefst beleidigende und obszöne Facebook-Nachrichten erhält, macht sie den Vorgang öffentlich. Doch der Besitzer des Accounts, von dem die Nachrichten stammen sollen, bestreitet, der Verfasser zu sein (wenn auch einige Indizien gegen ihn sprechen), und verklagt nun Maurer wegen „Kreditschädigung“ und „übler Nachrede“. Rund 60.000 Euro verlangt er von Maurer. Plus die Übernahme der Kosten für das Verfahren.

2. Wie die britische Labour-Partei ihren eigenen Parteichef mit Microtargeting linkte
(netzpolitik.org, Leo Thüer)
Man mag es fast nicht glauben, so ungeheuerlich klingt es: Im britischen Parlaments-Wahlkampf 2017 soll Oppositionsführer Jeremy Corbyn von seiner eigenen Partei per Social Media manipuliert worden sein. Führende Funktionäre in der Labour-Parteizentrale hätten Werbeanzeigen auf Facebook im Wert von ein paar Tausend Pfund eingekauft, die ausschließlich für Corbyn und seine engsten Vertrauten ausgespielt wurden. Angebliches Ziel der Labour-Parteiführung: Ihren eigenen Kandidaten von einem allzu linken Wahlkampf abzuhalten.

3. Klarstellungen des „Handelsblatt“ zum Bericht von Fritz Goergen auf „Tichys Einblick“
(twitter.com/handelsblatt)
Das „Handelsblatt“ und „Tichys Einblick“ tragen ein öffentliches Duell aus. Zunächst hatte das „Handelsblatt“ von einem Streit um den Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung Roland Tichy berichtet (Eklat in der Ludwig-Erhard-Stiftung – Friedrich Merz lehnt Preis ab, Bezahlartikel).
Daraufhin warf der Autor Fritz Goergen auf Tichys Internet-Plattform „Tichys Einblick“ dem „Handelsblatt“ unter anderem „billige Agitation“ vor. Worauf das „Handelsblatt“ auf Twitter nun mit seinen „Klarstellungen“ reagiert.
Weitere Lesehinweise: Die Analyse des „SZ“-Autors Detlef Esslinger: Um keinen Preis auf einer Bühne mit Tichy stehen.
Und wer mit „Tichys Einblick“ so überhaupt nichts anfangen kann, freut sich vielleicht über die Einordnung auf „Übermedien“. Sie stammt zwar aus dem Jahr 2016, ist jedoch auf gewisse Weise zeitlos: Sperrfeuer aus dem Schützengraben der Nachdenklichkeit (Michalis Pantelouris).

4. So spielt Horst Seehofer mit den Medien | WALULYSE
(youtube.com, Video, 9:05 Minuten)
Fernsehsatiriker Philipp Walulis hat sich angeschaut, wie Horst Seehofer mit den Medien spielt. Es geht um Horserace-Journalismus, tröpfelnde Infos, Rücktritts-Rücktritte, Stimmungsmache und Framing sowie die Unterstützung durch „Bild“.

5. Der Krawallmodus wird ihr nicht helfen
(deutschlandfunkkultur.de, Peter Zudeick)
Im politischen Feuilleton bei „Deutschlandfunk Kultur“ widmet sich Peter Zudeick in einem Kommentar der „Bild“-Zeitung. Dank fetter Schlagzeilen, dünner Storys und Skandalen, die keine sind, sei „Bild“ wieder ganz das alte Krawallblatt. Letztlich würde das jedoch nicht helfen, den negativen Auflagentrend zu stoppen, so Zudeick. (Leider dabei die großen Digtalzuwächse außer Acht lassend, wie Dennis Horn auf Twitter kommentiert.)

6. Liebe Focus-Redaktion, unsere STERN-Kollegen sitzen gerade an der Titelgeschichte „Die 100 besten Ideen fürs Sommerloch“.
(twitter.com/grunerundjahr)
Das Verlagshaus „Gruner & Jahr“ legt auf Twitter den hauseigenen „Stern“ und das Burda-Magazin „Focus“ nebeneinander: Beide titeln, wenig einfallsreich, mit den „50 Traumzielen“ in Deutschland/vor der Haustür. Humorig schreibt der „Gruner & Jahr“-Twitter-Beauftragte im meta-ironischen Höhöhö-Sound: „Liebe Focus-Redaktion, unsere STERN-Kollegen sitzen gerade an der Titelgeschichte „Die 100 besten Ideen fürs Sommerloch“. Wollen wir bei der Recherche 50/50 machen?“ Das könnte lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre: Was das penetrante Perpetuieren der ewig gleichen Sommerlochgeschichte anbelangt, ist der „Stern“ nämlich ein unverbesserlicher Serientäter.

Bild  

La Le Lu

Könnte man als Redaktion nicht auf die Idee kommen, noch mal kurz zu checken, ob es im Französischen wirklich le vidéo oder doch eher la vidéo heißt, bevor man riesengroß zum WM-Sieg Frankreichs das hier titelt?

Ausriss Bild-Zeitung - Vive le vidéo

Mit Dank an Mirko G. für den Hinweis!

Tichys Fehlblick, Geh sterben!, 100.000 erfundene Rehkitze

1. Wie „Tichys Einblick“ fast einen Skandal beim ZDF-„Politbarometer“ aufdeckte
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ein Stamm-Autor des rechten Online-Magazins „Tichys Einblick“ meint einen Skandal um das ZDF-Politbarometer aufgedeckt zu haben, doch der eigentliche Skandal ist, dass es keiner ist. Oder um Stefan Niggemeier zu zitieren: „Es handelt sich dabei, freundlich formuliert, um ein Missverständnis.“
Weiterer Lesehinweis: Der Ex-CDU-Politiker Friedrich Merz lehnt die Annahme des Ludwig-Erhard-Preises ab (turi2.de). Er wolle nicht mit dem Stiftungsvorsitzenden Roland Tichy auf einer Bühne stehen. Nach der Absage von Merz seien die Journalisten Rainer Hank, Ursula Weidenfeld, Ulric Papendick und Nikolaus Piper aus der Jury des Preises zurückgetreten, denen nach der Absage von Merz anscheinend aufgefallen ist, für wen sie da in der Jury sitzen.

2. Beliebt, bedroht, beschossen – Leben mit Morddrohungen
(ennolenze.de)
Enno Lenze ist Verleger, Autor und Journalist, aber auch Museumsdirektor und politischer Aktivist. Und er zahlt für sein Engagement einen hohen Preis: Derzeit hätten 581 Personen angekündigt, ihn töten zu wollen. („Wie sie die Reihenfolge festlegen wollen, ist mir unklar — aber wäre für mich dann ja auch das gleiche.“) In einem Blogbeitrag beschreibt Lenze, was das für ihn im Alltag bedeutet, ob in Berlin oder in Kriegsgebieten wie der Autonomen Region Kurdistan.

3. Twitter sperrt meinen Account für zwölf Stunden
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Rechtsanwalt Thomas Stadler ist wegen eines Tweets zu Horst Seehofer („Geh endlich sterben, menschenverachtender Zyniker“, verbunden mit einem Link) mit einer zwölfstündigen Twitter-Sperre belegt worden. Zu Unrecht wie er findet: „Mein Tweet bewegt sich äußerungsrechtlich ganz klar im zulässigen Bereich. Mit dem Tweet habe ich Seehofer keinesfalls den Tod gewünscht. Es handelt sich vielmehr um eine drastische Aufforderung endlich zu verschwinden, ähnlich einer Formulierung wie „Fahr zur Hölle“. Der Tweet setzt sich mit kontroversen politischen Aussagen des Innenminsters auseinander und stellt somit eine Kritik an öffentlichen Äußerungen eines Spitzenpolitikers dar.“ Stadler hat seinen Beitrag mittlerweile zweimal aktualisiert und um Bemerkungen zu Debattenkultur und Meinungsfreiheit ergänzt.

4. David Berger: Ein Theologe im Kampf gegen „Islamisierung” und „Nanny-Medien”
(correctiv.org, Caroline Schmüser)
Der Blog „Philosophia Perennis“ ist ein Leitmedium der rechten Szene und in Kreisen der sogenannten „alternativen Medien“. Im Mai habe es die Seite auf Platz 18 der Seiten mit den meisten Social-Media-Interaktionen geschafft, noch vor n-tv.de, taz.de oder Tagesspiegel.de. Die Plattform fällt besonders durch spekulative Berichterstattung, Falschmeldungen und AfD-Nähe auf. Hinter der Seite steckt David Berger, ein katholischer Theologe, der gewissermaßen zum Islamhasser konvertiert ist. „Correctiv“ hat die Hintergründe um Person und Seite recherchiert.

5. Drei Pressemitteilungen und eine Abschiebung
(keienborg.de)
Der Jurist Marcel Keienborg ist Spezialist für Asyl- und Aufenthaltsrecht und hat deshalb besonders aufmerksam registriert, dass vergangene Woche ein Tunesier abgeschoben wurde, obwohl ein Gericht die Abschiebung untersagt hatte. In einem Blogbeitrag widmet er sich den Pressemitteilungen, die zu diesem Thema vom Verwaltungsgericht veröffentlich wurden. Der Vorgang sei in jeder Beziehung ungeheuerlich: „Wenn Behörden sich nicht mehr verpflichtet fühlen, Gerichten gegenüber vollständige und wahre Angaben zu machen, was eben auch eine gewisse Sorgfalt bei der Lektüre der eigenen Akten voraussetzt, ist letztlich die Effektivität der gerichtlichen Kontrolle der Behörden insgesamt in Frage gestellt.“

6. Unser Hospitant ist Landwirt. Und er hat sich gefragt, ob eigentlich die immer wieder genannte Zahl stimmt, dass jedes Jahr 100 000 Bambis gekillt werden.
(twitter.com/vierzueinser, Jonas Jansen)
Erik Hecht ist für die „FAZ“ der Frage nachgegangen, woher die jährlich in den Medien auftauchende Zahl von 100.000 von Mähdreschern getöteten Rehkitzen stammt. Die Antwort ist verblüffend: Die „Deutsche Wildtier Stiftung“ habe sie nach eigenen Angaben irgendwann mal erfunden. Der Wert sei viel zu hoch. Die Hälfte sei wohl wahrscheinlicher, „wenn überhaupt“.

Blättern: 1 2 3 4 ... 902