Geil! Geiler! Gosens’ Aussage zu “Bild”-Methoden!

Beim 4:2-Sieg gegen Portugal am Samstag hat Fußball-Nationalspieler Robin Gosens eine starke Leistung gezeigt: ein Tor, zwei Vorlagen, viel Wirbel über die linke Seite. Schon während der Partie hieß es auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot Bild.de - Tooooooooooor! Gosens ist unser bester Mann

Und direkt nach dem Spiel:

Screenshot Bild.de - Tor und zwei Vorlagen beim Super-Sieg gegen Portugal - Geil! Geiler! Gosens!

Es dauerte nicht lange, da war vom “EM-Helden” die Rede:

Screenshot Bild.de - Unser EM-Held aus dem Portugal - Als Gosens entdeckt wurde, hatte er noch Rest-Alkohol!

Und so geht der Jubel heute ungebremst weiter: In der “Bild”-Zeitung gibt es für “GIGA-GOSENS” eine große Titelgeschichte plus eine komplette Seite im Sportteil:

Ausriss Bild-Titelseite - Robin Gosens - Polizei lehnte EM-Helden als Azubi ab

Ausriss Bild-Zeitung - Im Sportteil Giga-Gosens! NRW-Polizei lehnte ihn wegen seiner Beine ab. Bild erzählt seine märchenhafte Karriere

Es ist die volle Ladung Gosens: sein ungewöhnlicher Karriereweg (Gosens ist beispielsweise nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gewesen), seine “MARKTWERT-EXPLOSION”, seine Verlobte. Die “Bild”-Redaktion entlockt sogar Lukas Podolski ein großes Lob:

Der Ex-Nationalspieler: “Einen wie Gosens braucht jede Mannschaft. Der tut gut, denkt nicht immer nur an Fußball.”

Völlig richtig. Robin Gosens denkt zum Beispiel auch darüber nach, was bei Medien so alles falsch läuft – etwa bei “Bild”. In seinem im April erschienenen Buch “Träumen lohnt sich – Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi” schreibt er über “ein Beispiel aus eigener Erfahrung”. Zusammen mit seinen “besten Kumpels aus der Heimat” war Gosens, nachdem er sich mit seinem Klub Atalanta Bergamo erstmals für die Champions League qualifiziert hatte, zum Feiern nach Budapest gereist. An einem Abend, an dem auch einige Biere im Spiel waren, nahm die Gruppe “aus irgendeiner Laune heraus” auf dem Heimweg ein Straßenschild mit. Gosens postete Aufnahmen von dieser “maximal dummen Aktion” bei Instagram: “Zu der Zeit, sollte man wissen, hatte ich bei Instagram um die 20 000 Follower, also keine allzu große Sache. Dachte ich.” War es dann aber doch:

Mama schickte mir einen Link von Bild.de. Dort lautete die Schlagzeile: “Bergamo-Profi klaut mit Kumpels Straßenschild.” Alleine, dass dort in dieser Kürze überhaupt eine Neuigkeit draus gemacht wurde, verwunderte mich schon, aber der Zusatz, der darüber zu lesen war, machte mich ziemlich fassungslos. “Die Gosens-Bande.” Hallo? Waren wir Juwelendiebe, oder was? Die Gosens-Bande, was soll denn das? Als hätten wir irgendwelche kriminellen Machenschaften am Laufen. (…)

Boulevard hin und oder her, aber aus uns die “Gosens-Bande” zu machen, um den hunderttausend Lesern zu zeigen, was ich für ein Depp war … Das war mir zu viel, ich war halt manchmal auch einfach noch der Junge von früher. Vom Land. Kurz, auf bestimmte Blätter bin ich nicht gut zu sprechen. Deren Methoden gefallen mir nicht.

(Im Buch folgt der selbstkritische Hinweis, dass “wir, die Leser,” dazu beitragen, “dass dieser klickgeile Stil fast schon gang und gäbe ist”. Offenbar seien wir naiv genug, “auf solche reißerischen Überschriften zu klicken, sonst würde es ja nicht funktionieren”. Passend dazu liefern Gosens und dessen Co-Autor Mario Krischel noch eine kritische Betrachtung des KlickbaitPortals “Der Westen”.)

Obwohl ein großer Teil der ausführlichen “Bild”-Berichterstattung auf dem Buch von Robin Gosens basieren (die Geschichte mit dem Restalkohol stammt beispielsweise daraus), spielt dessen Aussage zu den “Bild”-Methoden darin merkwürdigerweise gar keine Rolle.

Mit Dank an Wolfgang T.!

Bildblog unterstuetzen

Offener Brief, Schlechterbezahlung belegt, Laschets verpasste Chance

1. Offener Brief der Autor:innen an die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten
(hoerspielkritik.de, Verband der Theaterautor:innen & Hans-Flesch-Gesellschaft, Forum für akustische Kunst)
Zahlreiche Autorinnen und Autoren befürchten für sie nachteilige Auswirkungen des neuen Medienstaatsvertrags und haben sich deshalb in einem offenen Brief an die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gewandt: “Kunst und Kultur werden in den neuen Medienstaatsverträgen nicht mehr als Auftrag des Rundfunks definiert, sondern lediglich als ‘Angebote’. Die ARD nimmt damit Abschied vom Gedanken der Grundversorgung und wandelt sich schrittweise in einen quasi kommerziellen Anbieter um”. Und natürlich geht es dabei auch ums Geld: “Wir haben die Neugier auf Neues, wir schreiben die Serien, die Dramen und Komödien und auch die crossmedialen Formate des 21. Jahrhunderts. Aber wir nehmen es nicht hin, dass wir nach Honorarbedingungen aus einem anderen Zeitalter bezahlt werden.”

2. Ein Modell mit Schwächen – und Gefahren
(tagesschau.de, Wulf Rohwedder)
Die Idee klingt zunächst gut: “Publikum ist eine Plattform für Schreibende und ihre Leserschaft. Wir bieten Schreibenden die Tools, um mit ihren Texten Reichweite zu bekommen und auch für ihre Arbeit vergütet zu werden.” Das muss sich jedenfalls das Bundesministerium für Wirtschaft gedacht haben, das das Projekt in sein Förderprogramm für innovative Geschäftsmodelle aufgenommen hat. Doch die Macher und Macherinnen scheinen mit der Sichtung der eingereichten Beiträge teilweise überfordert zu sein. Immer wieder würden problematische Inhalte auf der Seite landen.

3. Weiterer Erfolg im Equal Pay-Verfahren: Schlechterbezahlung belegt, Klägerin setzt nun auf Bundesverfassungsgericht
(freiheitsrechte.org, Janina Zillekens)
Bis zum Bundesarbeitsgericht musste sich eine Journalistin hochklagen, um vom ZDF in Form einer Gehaltsauskunft bestätigt zu bekommen, dass vergleichbare männliche Kollegen im Mittel erheblich mehr verdienen. Nora Markard hat das Verfahren für die Gesellschaft für Freiheitsrechte juristisch begleitet: “Die Auskunft erhärtet nicht nur den Diskriminierungsverdacht, sondern zeigt auch, dass der Klägerin jährlich bis zu 18.000 Euro entgehen – das sind ganz erhebliche Summen. Das erklärt, warum der Sender sich bisher mit Händen und Füßen gegen die Auskunftspflicht gewehrt hat.” Sachliche Gründe, warum die Männer mehr verdienen, habe das ZDF bislang nicht überzeugend vortragen können.

Bildblog unterstuetzen

4. Funktioniert das Gendersternchen (und wie)?
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch fasst die Ergebnisse einer Studie über das Gendersternchen zusammen: “Das ‘generische’ Maskulinum ist nicht geeignet, uns neben Männern auch an Frauen denken zu lassen (keine Überraschung, das wissen wir schon lange). Außerdem denken wir bei (fast) jeder sprachlichen Form hauptsächlich an Männer (auch das ist schon lange bekannt). Aber: Das Gendersternchen erhöht signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch an Frauen denken – allerdings nicht stärker als die traditionelle Doppelform (und nicht so stark wie das Binnen‑I)! Wir können also ebensogut weiterhin die Doppelform (Musikerinnen und Musiker) verwenden, um den Effekt des Gendersternchens (Musiker*innen) zu bekommen.” In Bezug auf das Problem der Unsichtbarkeit nicht-binärer Menschen sei das Gendersternchen nicht die Lösung, sondern nur ein erster Schritt.

5. Laschet sagt Kanzlerkandidaten-Runde mit Rezo und Tilo Jung ab
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Den Youtubern Rezo und Tilo Jung ist es nach eigenen Angaben gelungen, Olaf Scholz, Spitzenkandidat der SPD, und Annalena Baerbock, Spitzenkandidatin der Grünen, für ein Online-Kanzlerduell auf Youtube und Twitch zu gewinnen. Von Armin Laschet (CDU) gab es jedoch eine Absage, was von vielen als Kneifen und verpasste Chance empfunden wurde. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband kommentiert in eine ähnliche Richtung: “Nun kann man ja zu Rezo und Jung stehen, wie man will. Aber klar ist, dass sie Interviews anders führen als die meisten Journalisten des Berliner Politikbetriebs und damit den Journalismus bereichern. Und sie erreichen junge Menschen – auch und gerade solche, die sich ausschließlich in Social Media informieren. Ein Triell auf Youtube wäre eine gute Ergänzung zu den Fragerunden der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender gewesen.” Die CDU habe gegenüber netzpolitik.org darauf verweisen, dass “viele digitale Formate für alle Zielgruppen von jung bis alt” mit Laschet geplant seien.

6. ARD, ZDF und die Frage: Ist unser Fernsehen zu Nostalgie-beschwipst?
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader beschäftig sich in seiner aktuellen Medien-Kolumne mit dem “Nostalgiefernsehen-Fernsehen”. Mit liebevoller Wehmut denkt er an die guten, alten Zeiten des linearen Fernsehens zurück und fragt sich: “An was aber erinnern sich Menschen in 30 oder 40 Jahren dann aus dem Programm von heute? Welche Show aus diesem irren Jahr 2021, in dem die erste Pandemie des Jahrhunderts zu Ende ging, läuft zu Ostern in der Wiederholung? Und auf welchem Gerät überhaupt?”

7. Shitstürme und Fake News in unsozialem Medium: Das BILD-kritische Buch von Mats Schönauer und Moritz Tschermak
(scilogs.spektrum.de, Markus Pössel)
Ausnahmsweise ein siebter Link, da in eigener Sache: Bei den “SciLogs” stellt Markus Pössel das “Bild”-kritische Buch meiner BILDblog-Kollege Moritz Tschermak und Mats Schönauer vor: “Wer sowieso schon nach dem Max-Goldt-Zitat von BILD als ‘Organ der Niedertracht’ gehandelt hat, wird sich durch die von den Autoren zusammengetragenen und dokumentierten Beispiele bestätigt sehen.”

KW 24: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?
(ardaudiothek.de, Audio)
Wer wenig Zeit hat und nur eine Empfehlung von dieser Liste mitnehmen will: Hier ist sie! Die Produktion über die Verwandlung von Ken Jebsen vom aufstrebenden Radiomoderator zum berühmt-berüchtigten Verschwörungsideologen ist großartig umgesetzt. Die Macherinnen und Macher haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen und sind erkennbar bemüht, ein möglichst facettenreiches Bild von der Person Jebsen zu zeichnen (jedenfalls in den ersten zwei bislang abrufbaren Folgen). Absoluter Hörtipp!

2. Verdacht: Kritische Artikel gegen Spenden gelöscht
(youtube.com, Zapp – Das Medienmagazin, Video: 9:20 Minuten)
Arndt Ginzel berichtet für das Medienmagazin “Zapp” über einen äußerst bemerkenswerten Fall: Ein Finanzjournalist soll Leuten, deren Produkte bei seinem Test schlecht abgeschnitten haben, das Löschen der für sie nachteiligen Artikel anbieten – gegen eine Spende an die Leipziger Tafel. Was sagen die Tafel-Verantwortlichen dazu? Was sagt der Deutsche Journalisten-Verband zu dem Fall? Und was ist strafrechtlich von der Sache zu halten?

3. Kanzlerduell auf YouTube mit REZO?
(youtube.com, Rezo, Video: 14:36 Minuten)
Die Youtuber Rezo und Tilo Jung wollten gemeinsam ein Online-Kanzlerduell organisieren und hatten dafür nach eigenen Aussagen bereits Unterstützungszusagen von Youtube und “Zeit Online” als technische Dienstleister beziehungsweise Ausrichter. Von Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) sei ebenfalls grünes Licht für die Veranstaltung gegeben worden, von Armin Laschet (CDU) sei hingegen eine Absage gekommen. Im Video erzählt Rezo den “Verhandlungsverlauf” zwischen den Beteiligten nach.

Bildblog unterstuetzen

4. Buchvorstellung: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper
(youtube.com, AStA der Universität Bonn, Video: 1:55:50 Stunden)
Wolfgang M. Schmitt rechnet in seinem Buch “Influencer: Ideologie der Werbekörper” (Co-Autor: Ole Nymoen) mit – der Titel verrät es schon – dem Geschäftsmodell der Influencer ab. Auf Einladung des AStA der Universität Bonn stellt Schmitt sein Buch vor und analysiert die Ökonomie und Ideologie der Influencer.

5. Neue Boulevardmedien und parteiische Medien: Diskussion der Initiative Qualität im Journalismus
(youtube.com, IQ Journalismus, Video: 1:32:49 Stunden)
Die Initiative Qualität im Journalismus hat einen Livetalk über “Neue Boulevardmedien und parteiische Medien” veranstaltet. Es geht dabei um die Fragen: Was bedeutet Aktivismus für den Qualitätsjournalismus? Was bedeuten die Entwicklungen am Medienmarkt für den Qualitätsjournalismus? Und was verändert sich dadurch im Journalismus? Es diskutieren Alexandra Föderl-Schmid (stellvertretende Chefredakteurin der “Süddeutschen Zeitung”), Michael Roither (Professor für Digitale Medien und Kommunikation), Thomas Walach (Chefredakteur “ZackZack”) und Ivo Mijnssen (Korrespondent Zentral- und Osteuropa für die “NZZ”).

6. “Ein Sumpf aus systemischer Korruption”
(falter.at, Video: 41:31 Minuten)
Florian Klenk, Chefredakteur des österreichischen “Falter”, hat sich mit dem ehemaligen “Krone”-Ressortleiter Thomas Krems unterhalten. Wie funktioniert Österreichs auflagenstärkstes Boulevardblatt? Und wie schafft es Bundeskanzler Sebastian Kurz, das Blatt für sich einzuspannen? Krems packt in gnadenloser Offenheit aus und erzählt von seinen ersten Begegnungen mit dem heutigen Bundeskanzler, der Macht der Verlegerfamilie Dichand sowie der “Inseratenkorruption” in Österreich.

Wie “Bild” mit Kritik umgeht

Vergangene Woche hat der Deutsche Presserat mal wieder Rügen verteilt. Traditionell ganz vorne mit dabei: die “Bild”-Medien. Sieben der 17 ausgesprochenen Rügen gingen an “Bild”, Bild.de oder “Bild am Sonntag”, weil die jeweilige Redaktion …

  • … in einem Artikel über angebliche Alkoholprobleme einer Person berichtete, obwohl sich diese Person dazu nicht äußern wollte.
  • … in einem anderen Artikel private Sprachnachrichten derselben Person ohne deren ausdrückliche Einwilligung veröffentlichte.
  • … in einem Artikel unverpixelte Fotos des Täters und der Opfer eines Tötungsdelikts zeigte.
  • … in einem Artikel ein unverpixeltes Foto eines minderjährigen Opfers veröffentlichte, “offensichtlich ohne Einwilligung der Angehörigen”.
  • … in einem Artikel ein unverpixeltes Foto eines anderen minderjährigen Opfers zeigte.
  • … in einem Artikel ein Foto einer getöteten Frau veröffentlichte, das sie von deren Facebook-Seite genommen hatte, ohne Einwilligung der Angehörigen.

Auf die siebte Rüge wollen wir etwas detaillierter eingehen, weil der Vorgang dahinter wunderbar zeigt, wie die “Bild”-Redaktion und Chefredakteur Julian Reichelt mit Kritik umgehen. Und weil das problematische Verhältnis von “Bild” zur Wahrhaftigkeit deutlich wird.

In der März-Ausgabe der “Blätter für deutsche und internationale Politik” schrieb der Publizist Albrecht von Lucke eine lesenswerte ausführliche Analyse des TV-Projekts “Bild live”. Der Beitrag ist ausgesprochen kritisch. Schon im Teaser heißt es:

Die neueste Ideologieproduktion aus dem Hause »Springer«

Und im Text:

Kaum ein Politiker oder eine Politikerin, sieht man einmal von der Kanzlerin ab, der oder die sich den Anfragen von “Bild” entzöge; alle rennen – auch mangels anderer Live-Möglichkeiten im Corona- und Superwahljahr – dem neuen Sender förmlich das Studio ein. So etwa nach dem jüngsten Corona-Gipfel am 10. Februar, als sich Kanzleramtschef Helge Braun den Fragen von “Bild”-Vize Paul Ronzheimer stellte – im Laufband untertitelt nicht, wie sonst üblich, mit “Gespräch” oder “Interview”, sondern mit “Merkels wichtigster Mann im Verhör”. Ebenfalls kurz zuvor “im Bild-Verhör”: Gesundheitsminister Jens Spahn. Hier artikuliert sich die zugrundeliegende aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung – “Bild live” als die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste.

Die “Bild”-Redaktion griff Luckes Artikel auf, drehte dessen Aussage aber komplett um. Aus der scharfen Kritik an “Bild live” wurde am 27. Februar in “Bild” ein großes Lob für “Bild live”:

Ausriss Bild-Zeitung - Polit-Experte Albrecht von Lucke - Bild live ist die Stimme des Volkes

Er zählt zu den profiliertesten Politikexperten des Landes: Albrecht von Lucke (54), Autor zahlreicher Bücher (u.a. “Die gefährdete Republik”)!

Jetzt hat Lucke in einem Beitrag in “Blätter für deutsche und internationale Politik” den Erfolg des TV-Formats BILD live auf BILD.de gewürdigt. (…)

BILD Live sei “die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste”, konstatiert von Lucke.

Die von Lucke dargelegte “aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung” im “Bild”-TV-Studio lässt “Bild” lieber unerwähnt; das Selbstverständnis von “Bild live”, das Lucke der Redaktion zuschreibt, verdreht diese zu einer Bewertung von Lucke selbst. Und mal abgesehen davon, dass die “Bild”-Redaktion das alles gänzlich aus dem (kritischen) Zusammenhang reißt: Das wörtliche Zitat aus der Überschrift ist in dieser Form frei erfunden.

(Nur nebenbei bemerkt: Wie traurig und klein ist es eigentlich, dass die Redaktion der größten Zeitung Deutschlands es offenbar nötig hat, auf der eigenen Seite 2 einen Artikel darüber zu veröffentlichen, wie toll jemand anderes das eigene TV-Format vermeintlich findet?)

Für die Verfälschung des Zitats von Albrecht von Lucke gab es die bereits erwähnte Rüge vom Presserat. Der sah “einen gravierenden Verstoß gegen das Gebot zur wahrhaftigen Wiedergabe wörtlicher Zitate” und den “Bild”-Artikel generell als “Verstoß gegen das Gebot zur Wahrhaftigkeit nach Ziffer 1 des Pressekodex”.

Es handelt sich dabei nicht um einen einmaligen Ausrutscher. Dass sich die “Bild”-Redaktion aus Kritik ein Lob bastelt, oder dass sie Kritik an der eigenen Berichterstattung aus Zitaten streicht, kommt häufiger vor. Als sich beispielsweise Günter Wallraff mal anerkennend über eine “Bild”-Reportage äußerte, kürzte Bild.de die gleichzeitige “Bild”-Kritik aus dem wörtlichen Zitat Wallraffs einfach raus.


Unser Buch ist überall erhältlich, zum Beispiel bei euren lokalen Buchhändlern, bei GeniaLokal, bei Amazon, bei Thalia, bei Hugendubel, bei buch7, bei Osiander oder bei Apple Books. Es ist auch als eBook und Hörbuch erschienen.

In unserem Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” geht es in einem ganzen Kapitel um den Umgang von “Bild” mit Kritik. Darin beschreiben wir das generelle Vorgehen der Redaktion und erwähnen unter anderem zwei weitere konkrete Beispiele. Hier ein Auszug:

Für die Macher der “Bild”-Medien ist das keine unbekannte Strategie, mit Kritik umzugehen: löschen, verschweigen, verstecken. Wenn sich zum Beispiel Prominente negativ über “Bild” äußern, gibt sich die Redaktion große Mühe, ihren Lesern diese Kritik vorzuenthalten. Als die Zeitung 2018 behauptet, Helene Fischer könne aufgrund eines Infekts womöglich “nie wieder singen” und habe einen “Wunderheiler aus den USA” einfliegen lassen, veröffentlicht die Sängerin einen langen Facebookpost über ihren Gesundheitszustand, in dem sie unter anderem schreibt, die Wunderheiler-Geschichte sei “totaler Quatsch”. Über diesen Beitrag berichtet auch “Bild”, druckt ihn in der Zeitung ab – setzt dabei eine Bildunterschrift jedoch exakt so, dass ausgerechnet die kritischen Worte von Helene Fischer verdeckt werden.

Ein ähnlicher Fall im Jahr darauf, als der TV-Moderator Walter Freiwald bekannt gibt, dass er unheilbar erkrankt ist. Bei Twitter schreibt er:

Bevor die @BILD oder @RTLde irgendwelche Unwahrheiten über meine Person verbreiten, will ich selbst mitteilen, dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.

“Bild” macht daraus kurzerhand:

“Bevor irgendwelche Unwahrheiten über meine Person verbreitet werden, will ich selbst mitteilen, dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.”

Für “Bild”-Kritik ist in “Bild” eben kaum Platz.

Bildblog unterstuetzen

Eriksen-Bilder nötig?, Festnahmen bei “Apple Daily”, Ronaldos Wasser

1. Medienethikerin zu Eriksen-Berichterstattung: “Bilder dienten der Sensationalisierung”
(rnd.de, Hannah Scheiwe)
Die Berichterstattung über den Zusammenbruch des Fußballers Christian Eriksen während eines EM-Spiels wirft Fragen nach der Verantwortung der Medien auf: Die einen kritisieren die Bilder als sensationslüstern, voyeuristisch und übergriffig, die anderen verteidigen das Zeigen der Aufnahmen mit dem Hinweis auf die Dokumentationspflicht. Die Medienethikerin Petra Grimm ordnet den Fall im Interview ein. Sie kritisiert das Vorgehen einiger Redaktionen, nimmt allerdings eine generelle Sensibilisierung in der Gesellschaft wahr: “Wir sind aber mittlerweile auch im Großen und Ganzen sensibler geworden bezüglich dessen, was als Tabu gilt oder nicht. Livebilder von Unfallsituationen werden weitgehend nicht mehr toleriert. Das ist eine positive Entwicklung.”
Weiterer Lesehinweis aus unserem BILDblog-Archiv: Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen.

2. Trumpscher Wahlkampf
(kontextwochenzeitung.de, René Martens)
René Martens kommentiert die Anti-Grünen-Medienkampagne der Wirtschaftslobbyisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und führt ein interessantes, bislang wenig gehörtes Argument an: “Ein nicht unmaßgebliches Motiv für die Kampagne dürfte der Wunsch der Akteure gewesen sein, ihre Frauenfeindlichkeit ausleben zu können. Sie kommt unter anderem in der Verkindlichung der 40-jährigen Baerbock (‘Annalena und die zehn Verbote’) zum Ausdruck. Wäre Robert Habeck als Kanzlerkandidat angetreten – hätte die INSM dann die Formulierung ‘Robert und die zehn Verbote’ gewählt? Wohl kaum.”

3. 500 Polizisten gegen Hongkongs freie Stimme
(faz.net, Friederike Böge)
“Apple Daily”, die wichtigste Oppositionszeitung Hongkongs, war das Ziel einer Großrazzia: Etwa 500 Polizisten rückten an, nahmen mehrere Angestellte der Zeitung fest und beschlagnahmten Computer, Mobiltelefone und journalistische Aufzeichnungen. Außerdem sei die Anweisung ergangen, Vermögenswerte des Medienunternehmens im Wert von etwa zwei Millionen Euro einzufrieren. Der Gründer und Besitzer von “Apple Daily”, Jimmy Lai, sitze bereits seit Dezember 2020 im Gefängnis.
Weiterer Lesehinweis: Reporter ohne Grenzen fordert die sofortige Freilassung der festgenommenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und des Verlegers und erklärt: “Die heutigen Festnahmen und die Durchsuchung zeigen, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um eines der letzten unabhängigen Medien und ein Symbol der Pressefreiheit in Hongkong zum Schweigen zu bringen.”

Bildblog unterstuetzen

4. Facebook drängt auf den Podcast-Markt
(spiegel.de)
Nach Informationen des Magazins “The Verge” wolle Facebook kommende Woche Podcasts auf seiner Plattform integrieren. Bereits diese Woche hat der Konzern den Testlauf eines Clubhouse-Klons gestartet. Auch Spotify will bei den Live-Formaten mitmischen. Dort wurde diese Woche die App Greenroom vorgestellt.

5. Krass: ZDF Sport hat seine Facebook-Seite (>500k Fans) geschlossen
(twitter.com, André Kroll)
Für André Kroll ist nicht nachvollziehbar, warum ZDF Sport seine über zwölf Jahre aufgebaute Facebook-Community mit mehr als 500.000 Followern einfach schließt und sich fortan nur noch auf andere Plattformen konzentrieren will: “Klar, macht Arbeit – aber die anderen Accounts auch. Und richtigen Sportjournalismus mit Diskussionen sehe ich bei TikTok bisher nicht. Sich nur auf die ganz Jungen zu fokussieren, halte ich auch für falsch. Nun ja.”

6. Ronaldo, Coke und der Journalismus, der nur schön sein muss – nicht wahr
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Habt ihr auch die Meldung gesehen, dass der Aktienkurs von Coca Cola eingebrochen sei, weil Portugals Fußball-Star Cristiano Ronaldo bei einer Pressekonferenz die Cola-Flaschen durch Wasser ausgetauscht hat? Dann seid ihr einer Falschinterpretation einiger Medien aufgesessen. Thomas Knüwer erklärt, wie es dazu kam.

Innenministerkonferenz, Klagen der Hohenzollern, Halbes China-Bild

1. Neuregelungen in Sicht
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider)
Anlässlich der dieser Tage stattfindenden Innenministerkonferenz fordert der Presserat: Die “Innenminister müssen sich zu gemeinsamen Regeln für Medien- und Polizeiarbeit bekennen”. Ob die Innenminister sich dieses Themas annehmen werden, sei unklar. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) will jedoch erfahren haben, dass auf der Konferenz ein eigenes Papier diskutiert werde. DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner kommentiert: “Die ministerielle Geheimniskrämerei erinnert an feudales Regierungsgebaren bei Hofe. Um Informationen zu bekommen, braucht man Kontaktleute. Auf diese Weise drang durch, dass die Innenminister ein eigenes Papier fabriziert haben, in dem es um das Verhältnis von Polizei und Journalisten gehen soll. Das kann gut oder schlecht sein, wahrscheinlich gibt es mehr zu kritisieren als zu begrüßen. Denn auf die Expertise des Presserats und seiner Verbände glaubten die Innenminister verzichten zu können.”

2. Wiki über die Klagen der Hohenzollern
(verdi.de, Susanne Stracke-Neumann)
Anfang der Woche hat der Verband der Historikerinnen und Historiker sein “Hohenzollern-Klage-Wiki” vorgestellt. Seit im November 2019 die Verhandlungen um mögliche Restitutionen öffentlich geworden sind, sei Georg Friedrich Prinz von Preußen in über 70 Fällen juristisch gegen Historikerinnen und Journalisten vorgegangen. Die Dokumentation bietet einen Überblick der historischen und juristischen Aspekte des Streits.

3. Was soll die Polemik?
(djv.de, Ina Knobloch)
Ina Knobloch antwortet auf einen “Tagesthemen”-Kommentar der Studioleiterin des Hessischen Rundfunks gegen gendergerechte Sprache: “Wer sich an Sternchen und Unterstrich abarbeitet, hat weder die Problematik verstanden, noch Studien zum Thema gelesen und begibt sich auf ein gefährliches, rechtes Stammtischniveau, wo es viel Zustimmung für derartige Polemik gibt.”

Bildblog unterstuetzen

4. Christoph Kramer über seinen ZDF-Job: “Was soll schon passieren?”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Fußballprofi Christoph Kramer ist bei der Fußball-Europameisterschaft für das ZDF als Experte im Einsatz. Im Gespräch mit “DWDL” erzählt er von seinen TV-Einsätzen und verrät, welche Fragen von Journalisten ihn als Fußballspieler besonders nerven: “Ich habe manchmal das Gefühl, dass es einen geheimen Fragenkatalog gibt, der unabhängig vom Spielverlauf abgearbeitet wird – wenn beispielsweise über Emotion und Wille geredet wird. In der einen Woche wird mir der Wille zugesprochen, in der nächsten wird er mir wieder abgesprochen.”

5. Das halbe Bild: Phoenix zeigt eine Doku über Xinjiang – und lässt das Leid der Uiguren weg
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
In einer China-Doku auf Phoenix ging es um die im Nordwesten des Landes gelegene Region Xinjiang, die dortige Landschaft und deren Bewohner. Etwa die Hälfte der 23 Millionen Einwohner Xinjiangs zählen zum Volk der Uiguren, das von der chinesischen Regierung in vielfacher Weise unterdrückt und drangsaliert wird. Dieser Aspekt taucht im Phoenix-Film jedoch nicht auf. Wissenschaftsjournalist Hinnerk Feldwisch-Drentrup, selbst ein China-Liebhaber, erklärt die Hintergründe und lässt Sender und Experten zu Wort kommen.

6. Lasst uns auf eine Reise gehen
(sueddeutsche.de, Christine Dössel)
Christine Drössel ist aufgefallen, wie oft in Castingshows oder Sportsendungen die Metapher von der “Reise” verwendet wird: “Ersetze Arbeit, Anstrengung, Transformation, Prozess, das leidige Auf und Ab von Erfolg, Frust und Niederlage durch ‘Reise’, und schon klingt es wie ein Erlebnisurlaub.”

Jeder 1. Tatverdächtige wird in “Bild”-Überschriften zum “Täter”

Mit einer falschen Überschrift und möglichst wenig Einordnung haben es die “Bild”-Medien gestern mal wieder geschafft, rechten Scharfmachern Munition zu liefern.

Die “Bild”-Zeitung schrieb:

Ausriss Bild-Zeitung - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Und bei Bild.de hieß es genauso:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Die Überschrift ist deswegen falsch, weil die interne Statistik der Bundespolizei, auf der der ganze “Bild”-Artikel beruht, gar nicht von “Tätern” spricht, sondern von Tatverdächtigen. Das ist in einem Land, in dem die Unschuldsvermutung gilt, ein bedeutender Unterschied.

Die “Bild”-Redaktion reagierte gestern zumindest teilweise auf die Kritik an der Überschrift – online änderte sie sie heimlich in:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Tatverdächtige ist Ausländer

Wir haben uns die Statistik der Bundespolizei ebenfalls besorgt. Ein Blick darauf zeigt, dass die Zahlen die inzwischen geänderte Bild.de-Überschrift durchaus stützen: 2019 konnte die Bundespolizei im Zusammenhang mit “Sexualdelikten auf Bahnanlagen” 693 Tatverdächtige ermitteln. Davon hatten 371 Personen “eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit”. 2020 waren es 346 von insgesamt 621. Und im ersten Quartal 2021 80 von 137. Also jeweils mehr als 50 Prozent.

Allerdings fehlt in der Berichterstattung der “Bild”-Medien in diesem Zusammenhang ein Detail: Bei den von “Bild” und Bild.de angegebenen Tatverdächtigen handelt es sich um ermittelte Tatverdächtige. Es gibt allerdings zahlreiche “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”, bei denen der Täter überhaupt nicht bekannt ist: 2019 konnte die Bundespolizei bei 682 Delikten einen Verdächtigen ermitteln. Insgesamt gab es aber 1.184 Delikte. 2020 waren es insgesamt 1.215 Delikte – nur bei 680 gibt es einen Tatverdächtigen. Und im ersten Quartal dieses Jahres sieht es ähnlich aus: Bei 143 von 274 Delikten gibt es einen Verdächtigen. Das heißt: Bei jeweils über 40 Prozent der Delikte weiß man nicht, woher die Verdächtigen/Täter stammen. Natürlich kann es sein, dass auch in diesen Fällen die Verteilung zwischen Personen mit deutscher und mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit ganz ähnlich ist. Sicher ist das aber nicht. In den “Bild”-Medien liest man von dieser Einordnung kein Wort.

Genauso bei der Frage, um welche Delikte es sich konkret handelt. Dazu schreibt “Bild” nur allgemein:

Die Delikte: Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Nötigung, Belästigung, exhibitionistische Handlungen und andere Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Die Bundespolizei liefert in ihrer Statistik die genaue Verteilung: Sowohl 2019 als auch 2020 als auch im ersten Quartal 2021 entfielen rund 92 Prozent der Delikte auf die zwei Bereiche “exhibitionistische Handlungen” und “sexuelle Belästigung”. Auch diese Delikte können für Opfer zweifelsohne traumatische Folgen haben. Die in der Regel härter bestraften Delikte “sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen” sowie “sexuelle Nötigung/Vergewaltigung” kommen vergleichsweise allerdings deutlich seltener vor. Bei “Bild” liest man auch von dieser Einordnung nichts, obwohl die Zahlen der Redaktion laut Bundespolizei vorlagen.

Und auch mit Blick auf den größeren Zusammenhang geben sich die “Bild”-Medien keinerlei Mühe, irgendeinen Kontext herzustellen. Schaut man in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts, in der nicht nur das Geschehen an Bahnhöfen und in Bahnen dokumentiert wird, sondern jenes im gesamten Land, erkennt man, dass der von “Bild” gesetzte Fokus nur einen kleinen Teil aller Sexualdelikte ausmacht. Zur Erinnerung: 2019 gab es laut Bundespolizei 1.184 “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”. In ganz Deutschland gab es im selben Jahr laut PKS (PDF) insgesamt 69.881 erfasste “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” (wir wählen in diesem Fall bewusst das Jahr 2019, weil es dafür die aktuellste PKS gibt). Auch hier gilt: Eine derartige Einordnung liefern “Bild” und Bild.de nicht.

Das Bundeskriminalamt gibt in seiner PKS auch an, wie groß der Anteil “nichtdeutscher Tatverdächtiger” im Bereich der “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” ist: 26,8 Prozent. Verglichen mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland ist das immer noch überproportional viel*, aber eben auch deutlich niedriger als die “Jeder-2.”-Schlagzeile von “Bild”.

Und so stellt sich schon die Frage: Warum setzt die “Bild”-Redaktion diesen sehr speziellen Fokus auf die Sexualdelikte in Bahnhöfen und Bahnen? Doch nicht etwa nur, um ihrer Leserschaft einen möglichst großen Anteil krimineller Ausländer (oder genauer: ausländischer Tatverdächtiger) präsentieren zu können?

Mit ihrem Beitrag kommt sie in bestimmten Kreisen jedenfalls gut an: Den Bild.de-Artikel haben unter anderem die AfD-Politikerinnen und Politiker Beatrix von Storch, Joana Cotar, Markus Buchheit, Martin Sichert, Bernhard Zimniok, Martin Hess, Rainer Kraft, Tobias Peterka, Sebastian Wippel und Jörg Dornau, die AfD-Verbände Nordrhein-Westfalen, Hannover, Köln, Landkreis Leipzig, Emmendingen, Ravensburg, Weserbergland, Erding, Traunstein, Bergisch Gladbach, Straubing-Regen, Neustadt an der Weinstraße und Kleve sowie Gruppen mit Namen wie “WIR SIND DAS VOLK”, “Gegen Masseneinwanderung”, “Gutmenschen im Endstadium” und “Dr Hans-Georg Maaßen für Kanzler” bei Facebook geteilt. Es dürfte ein erfolgreicher Tag für die “Bild”-Redaktion gewesen sein.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 17. Juni: Mehrere Leserinnen und Leser weisen uns berechtigterweise darauf hin, dass der Vergleich mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland problematisch ist, da in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) Personen auch dann als “nichtdeutsche Tatverdächtige” gezählt werden, wenn sie den Delikt zwar in Deutschland begangen haben sollen, aber aus dem Ausland stammen und dort auch wohnen. So werden beispielsweise auch Grenzpendler, denen in Deutschland eine Straftat vorgeworfen wird, die aber in Österreich wohnen, als “nichtdeutsche Tatverdächtige” in der Statistik des Bundeskriminalamts gezählt. Damit sind die Zahlen der PKS nicht direkt vergleichbar mit der Wohnbevölkerung in Deutschland. Gerade bei Bahnhöfen, wo die Reisebewegung qua Definition dazugehört, könnte das eine größere Rolle spielen.

Bildblog unterstuetzen

BMI vs. Linksextremismus-Definition, Islam-Umfrage, Geldregen in MV

1. Seehofers Haus diktierte Definition
(taz.de, Volkan Ağar)
In der Einleitung des Linksextremismus-Onlinedossiers der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stand ein Satz, mit dem bestimmte konservative Kreise ihre Probleme hatten. Ein renommierter Wissenschaftler hatte wie folgt geschrieben: “Im Unterschied zum Rechtsextremismus teilen sozialistische und kommunistische Bewegungen die liberalen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – interpretieren sie aber auf ihre Weise um.” Auf Anweisung des Bundesinnenministeriums sei dieser Satz durch eine unwissenschaftliche Linksextremismusdefinition des Verfassungsschutzes ersetzt worden, schreibt Volkan Ağar. Der “taz” liegt die Mailkorrespondenz zwischen Bundeszentrale und Bundesministerium vor: “Aus dieser Kommunikation geht einerseits hervor, welch zentrale Rolle die Bild-Zeitung und der Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzender des bpb-Kuratoriums, beim Eingriff des BMI gespielt haben.”

2. Schlecht angelegt: Was aus zwei Millionen Euro Corona-Hilfe für die Presse wurde
(uebermedien.de, Anne Haeming)
Vergangenen August schüttete das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern zwei Millionen Euro aus dem Corona-Schutzfonds an die “Ostsee-Zeitung”, die “Schweriner Volkszeitung” und den “Nordkurier” aus. Was ist mit dem Geld geschehen, und was hat es bewirkt? Anne Haeming hat sich bei den zuständigen Stellen auf Verlags- und Ministeriumsseite erkundigt und zieht ein ernüchterndes Fazit: “Die Geschichte von der Presseförderung in Mecklenburg-Vorpommern ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie es eben nicht funktioniert. Die Verlage nutzen das Geld nicht nachhaltig für die eigene Zukunft.”

3. Umfrage von Islamgegnern: Wer nicht islamfeindlich ist, wird islamfeindlich gemacht
(schantall-und-scharia.de, Fabian Goldmann)
Fabian Goldmann hat sich eine neue Umfrage zum Thema Islam und Islamismus angeschaut und ist einigermaßen entsetzt. Die Erhebung zeige, wie man durch manipulative Fragen und Antwortvorgaben zum gewünschten Ergebnis kommt: “Frageformulierungen und Antwortvorgaben, die ein islamkritisches Setting erzeugen, ziehen sich durch den ganzen Fragebogen. Manche Passagen der Umfrage erinnern fast schon an Polemiken rechter Politiker als eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ziel es sein sollte, die Befragten möglichst unbeeinflusst zu lassen.” Leider hätten viele Medien kritiklos die aus seiner Sicht fragwürdigen Ergebnisse und Deutungen übernommen und damit den Auftraggebern der Studie geholfen, “unter dem Deckmantel (pseudo)empirischer Meinungsforschung ihre islamfeindliche Lobbyarbeit zu betreiben.”

Bildblog unterstuetzen

4. Viel Angstmache, wenig Aufklärung
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:40 Minuten)
Als der “Spiegel” vor 40 Jahren über Aids berichtete, sei dies in einer äußerst apokalyptischen Weise geschehen, erklärt Medienjournalist Stefan Niggemeier im Deutschlandfunk. Aids sei als eine Krankheit beschrieben worden, die mit Sicherheit zum Tod führe und gegen die nichts helfe. “Und das in Kombination mit Geschichten, auch wirklich mit einer merkwürdigen Lust erzählten Geschichten, Schauergeschichten von der Promiskuität von Schwulen, die diese Seuche verbreiten.” Laut dem aktuellen “Spiegel”-Ressortleiter, denke man darüber nach, diese Phase noch einmal aufzuarbeiten.

5. Herr Rosemann, was haben Sie vor mit Sat.1 und ProSieben?
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann hat im Mai auch die Leitung über Sat.1 übernommen. In der kurzen Zeit musste er bereits zweimal eingreifen, einmal beim neuen Trash-Format “Plötzlich arm, plötzlich reich”, einmal bei “Promis unter Palmen”. Beide Formate sind seitdem Sendergeschichte. “DWDL”-Chefredakteur Thomas Lückerath hat sich mit Rosemann über die künftige Ausrichtung der Sender unterhalten.

6. “Kleber hat was Cooles”
(spiegel.de, Alexander Kühn, Video: 4:07 Minuten)
Gestern wurde bekannt, dass Claus Kleber zum Ende des Jahres die Moderation des “heute Journals” abgibt. Für “Spiegel”-Redakteur Alexander Kühn ein willkommener Anlass, Kleber eine Video-Hommage zu widmen.

Geld vernebelt den Verstand, “Sun”, Verunsicherung als Geschäftsmodell

1. Geld vernebelt den Verstand
(t-online.de, Florian Harms)
Vergangenen Freitag startete der Marktwirtschafts-Lobby-Verband INSM eine Anzeigenkampagne, die für breite Empörung sorgte: Die von Arbeitgeberverbänden getragene wirtschaftsliberale Denkfabrik hatte das Gesicht der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock auf den biblischen Moses retuschieren lassen, der zwei Steintafeln mit den zehn “grünen Geboten” trägt. Dazu hieß es wechselnd: “Wir brauchen keine Staatsreligion” oder “Warum uns grüne Verbote nicht ins Gelobte Land führen”. Florian Harms erinnert die Anzeige an Schmutzkampagnen in US-amerikanischen Wahlkämpfen. Er zeigt sich dabei weniger vom Vorgehen der Lobbyisten, sondern der Beteiligung vieler Medien überrascht: “Die ‘Süddeutsche Zeitung’ gehört dazu, die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ und ‘Die Zeit’. Alle diese Medien haben kluge Redaktionen und scharfsinnige Chefredakteure. Aber alle diese Medien sind durch den digitalen Wandel unter Druck geraten und kämpfen daher um jeden Anzeigenkunden. Wozu diese Entwicklung führt, dokumentiert die Anti-Baerbock-Anzeige: Selbst der schärfste Verstand scheint nicht dagegen gefeit zu sein, vom Dunst des Geldes vernebelt zu werden.”

2. Gegen die Lügen
(merkur-zeitschrift.de)
In einem offenen Brief stellen sich zahlreiche Kulturschaffende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinter die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke, der Springer-Medien und CDU Antisemitismus vorgeworfen hatten: “Wir kritisieren scharf die Form der Angriffe auf die Publizistin, die exakt das vollziehen, was Carolin Emcke in ihrem Redebeitrag formuliert und wovor sie zu Recht eindrücklich gewarnt hat: Die Beschädigung der politischen Öffentlichkeit durch mutwillig verzerrte Halbwahrheiten und bösartige Verdrehungen von Sinn, mit dem politischer Streit nicht ausgetragen, sondern ausgehöhlt wird.”

3. Verunsicherung als Geschäftsmodell
(belltower.news, Stefan Lauer)
Boris Reitschuster erfreut sich in rechten Kreisen und im “Querdenker”-Milieu besonderer Beliebtheit und hat einen prominenten Fan: Til Schweiger. Der hatte unlängst ein Selfie von sich und Reitschuster gepostet und diesen als seinen Helden bezeichnet. Für Stefan Lauer Anlass, die Methode Reitschuster näher unter die Lupe zu nehmen: “Boris Reitschuster betreibt populistischen Journalismus. Die Meinung ist klar, dann müssen nur noch die Fakten entsprechend angepasst werden. Das passiert immer mehr oder weniger unangreifbar. Konjunktive, Vermutungen und fehlender Kontext. Die Geschichte, die Reitschuster erzählt, ist immer die gleiche: die Regierung weiß nicht, was sie tut. Genausowenig wie Opposition, Forschung und Medien. Damit ist seine Strategie sehr ähnlich zu der von russischen Trollen, die er eigentlich so stark kritisiert: Verunsicherung schaffen statt aufzuklären.”

Bildblog unterstuetzen

4. Der wichtigste Ort für Journalisten? Ihr Schreibtisch!
(uebermedien.de, Olaf Storbeck)
“Achten Sie darauf, dass Ihr Büro leer ist!” Oft wird jungen Journalistinnen und Journalisten in pathetischen Worten empfohlen, ihr Büro zu verlassen und hinaus in die Welt zu ziehen, so auch in einer Rede des Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Dabei handele es sich um einen in vielen Teilen falschen Mythos, findet “Financial-Times”-Korrespondent Olaf Storbeck: “Die wichtigste Arbeit findet am Ende eben doch am Schreibtisch statt. Das mag in den Ohren junger Journalisten langweilig klingen. Doch wer nur immer nur vor Ort ist, wessen Büro immer leer ist, der arbeitet wie ein Zehnkämpfer, der nur in einer Disziplin glänzt.”

5. Bundesamt für Justiz geht mit Bußgeldverfahren gegen Telegram vor
(zeit.de)
Das Bundesjustizministerium geht mit zwei Bußgeldverfahren gegen den Messengerdienst Telegram vor. Laut Netzwerkdurchsetzungsgesetz müsse es leicht erkennbare und erreichbare Möglichkeiten zur Beschwerde über strafbare Inhalte geben. Dies sei bei Telegram jedoch nicht der Fall. Ebenso sei unklar, wohin sich Gerichte wenden könnten, wenn jemand juristisch gegen das Unternehmen vorgehen wolle. Das Bundesamt für Justiz habe zwei Schreiben an den Unternehmenssitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten verschickt. Es bleibt spannend, ob Telegram auf eine derartige Korrespondenz reagiert.

6. Das Gift von gestern
(sueddeutsche.de, Alexander Menden)
Rupert Murdochs britisches Krawallblatt “Sun” befindet sich im wirtschaftlichen Sinkflug. Das habe mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu tun, wie Alexander Menden erklärt, sei aber auch den erheblichen Entschädigungszahlungen für Abhöropfer geschuldet: “Allein im Jahr 2020 zahlte News Group Newspapers Abhöropfern umgerechnet mehr als 60 Millionen Euro an Prozesskosten und Entschädigung. Im Jahr zuvor hatten sich diese Zahlungen, welche die Bilanz als ‘britische Zeitungsangelegenheiten’ auswies, auf die Hälfte belaufen.” Außerdem seien weitere Klagen anhängig, darunter eine von Prinz Harry.

“Für Geld kommen sie alle nach Katar”

In der “Bild”-Redaktion haben sie am Wochenende offenbar viel Fußball-Europameisterschaft geschaut und dabei besonders auf die Bandenwerbung in den Stadien geachtet:

Screenshot Bild.de - Rassisten! Terroristen! Schwulenfeinde! Warum lässt sich die EM von diesen Horror-Regimen bezahlen?

… fragen heute “Bild” und Bild.de. Neben der Bandenwerbung für den russischen Energiekonzern Gazprom, das chinesische Unternehmen Hisense und die ebenfalls aus China stammende Social-Media-App TikTok geht es den “Bild”-Medien vor allem um die Werbung für Qatar Airways:

“Qatar Airways” ist die nationale Fluggesellschaft und das bekannteste Unternehmen Katars.

Doch der superreiche Golf-Staat tritt Menschenrechte mit Füßen: Für den Bau von Fußballstadien für die WM 2022 holten die Scheichs Tausende Gastarbeiter v. a. aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Dutzende sollen bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein, eine Studie geht sogar von bis zu 1200 Toten aus. Homosexualität steht in Katar unter Strafe.

Mehr noch: Der Golfstaat unterstützt die islamistische Terror-Organisation Hamas in Gaza. Sie lässt Homosexuelle ermorden, schießt Raketen auf Israel.

Im März erklärte Bild.de zur Taktik Katars:

Screenshot Bild.de - Die unheimliche Entwicklung in der Wüste - Wie Katar mit Sportwashing nach der Macht greift

Das reiche ­Emirat am Persischen Golf kauft sich nicht nur hochkarätigste Sport-Veranstaltungen, sondern auch internationalen Einfluss. (…)

Was den herrschenden Scheichs fehlte, war internationale Anerkennung. Die erkaufen sie sich nun mithilfe des Sports – eine Entwicklung, die als “Sportswashing” bekannt ist.

Dr. Jürgen Mittag, Politikwissenschaftler an der Sporthochschule Köln: “Der Sport wird als zentrales Instrument genutzt, um die Entwicklung des Emirats, vor allem dessen Infrastruktur und Image in der Welt, von der bisherigen Ausrichtung auf Erdöl- und Erdgas auf ein neues Fundament zu heben.”

Folge: Über 500 internationale Sportveranstaltungen haben die Katarer in den letzten 15 Jahren ausgerichtet, dabei Milliarden in Stadien und Trainingszentren gepumpt.

“Für Geld”, so Bild.de, “kommen sie alle nach Katar”.

Einen Monat zuvor, im Februar, fand in Katar solch ein “Sportwashing”-Event statt: die Fußball-Klub-WM. Mit dabei: “Bild”.

Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Live und umsonst - Bild überträgt die Bayern-Spiele
Screenshot Bild.de - FIFA Klub-WM - Bayerns Titel-Jagd Montag ab 18 Uhr live und gratis bei Bild
Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Lewy schießt Bayern ins Live-Finale bei Bild

Wenn die “Bild”-Redaktion von den Milliarden, die Katar für die Imagepflege in den Sport pumpt, profitieren kann; wenn sie dabei ihre großen TV-Pläne vorantreiben kann, scheint es ihr erstmal egal zu sein, dass in dem “Horror-Regime” Menschenrechte mit Füßen getreten werden, dass Homosexualität unter Strafe steht, dass Terroristen unterstützt werden. Dann ergreift “Bild” die sich bietende Chance und macht einfach mit. Die Stadien, aus denen die Redaktion im Februar die zwei Klub-WM-Spiele des FC Bayern München übertragen hat, gehören zu den acht Stadien der Fußball-WM 2022, zu denen “Bild” nun zurecht kritisiert, dass Dutzende Gastarbeiter “bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein” sollen.

In der Berichterstattung von heute zitiert “Bild” auch mehrere Politiker. Darunter:

FDP-Außenexperte Bijan Djir-Sarai (45) kritisiert in BILD, dass “Despoten und Terrorunterstützer durch ihre Finanzierungsmöglichkeiten die sportliche Bühne für Propaganda und Imageverbesserung missbrauchen können”.

Und dann gibt es auch noch Medien, die durch ihre Übertragungen dabei helfen.

Bildblog unterstuetzen

Blättern: 1 2 3 4 ... 1031

BILDblog-Klassiker

Marken-Artikel

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Stück Papier. Und davon, wie die “Bild”-Zeitung aus dem kleinen Stück Papier eine ganz große Sache machte.

Die Geschichte beginnt am 25. Oktober. An diesem Tag erscheint in der Dresdner Regionalausgabe dieser Artikel:

Rentner finden 3-Millionen-Marke auf dem Flohmarkt!

Auf dem berühmten Dresdner Elbe-Flohmarkt fanden Rentner Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) unter all dem Plunder und Trödel eine unheimlich seltene Briefmarke.

Opa Reinhold: “Bärbel kaufte vor zwei Jahren wie so oft am Elbufer für 20 Euro zwei Kilo alte Briefmarken. Als ich diese auf dem Küchentisch ausbreitete, stockte mir der Atem!”

Und zwar zurecht: Denn allem Anschein nach lag dort auf dem Küchentisch der Hoffmanns eine absolute Rarität: die “Benjamin Franklin One Cent” mit Z-Grill!

Und weil Ihnen das vermutlich genauso wenig sagt wie uns, als wir erstmals davon hörten, hier nun ein kurzer Exkurs in das weite Feld der Philatelie: Im 19. Jahrhundert war es beim U.S. Postal Service für wenige Jahre üblich, ein Muster in die Briefmarken zu prägen, eine Art Wasserzeichen, das die Wiederverwendung von bereits gebrauchten Marken verhindern sollte. Im Englischen werden diese Einprägungen “Grill” genannt. Es gibt davon verschiedene Varianten, etwa den “A-Grill”, den “F-Grill” — oder eben den “Z-Grill”. Das Vorgehen war übrigens nicht sonderlich erfolgreich: schon bald verschwanden die Grill-Briefmarken also wieder und wurden zu Sammlerstücken.

Die “One Cent”-Marke mit Z-Grill ist heute eine der seltensten Marken der Welt, bisher sind nur zwei als echt zertifizierte Exemplare bekannt. Deshalb beträgt der aktuelle Katalogwert auch stolze drei Millionen Dollar. Nur zum Vergleich: von der berühmten “Blauen Mauritius” gibt es noch zwölf Exemplare, im Katalog kommt sie auf vergleichsweise geringe 625.000 Euro.

Nun aber zurück zu “Opa Reinhold”. Ob der auf dem Flohmarkt tatsächlich einen Z-Grill gefunden hat, muss natürlich erst noch geprüft werden.

Das Echtheitszertifikat kann in diesem Fall jedoch nur die ‘Philatelic Foundation’ in New York ausstellen.

… zitiert “Bild” einen Briefmarken-Experten. Und schlussfolgert:

Die Marke der sächsischen Flohmarkt-Fans muss nun also zum Vergleich mit dem Original in die USA.

Es gibt allerdings einen kleinen Haken:

Und das ist Opa Reinholds Dilemma: “Ich habe nur 600 Euro Rente. Damit kann ich mir die Reise und die Prüfgebühr nicht leisten.” Verzweifelt suchen sie jetzt einen Sponsor.

Mit dieser rührenden Szene endet der Artikel. Danach passiert ein paar Tage lang gar nichts. Doch nachdem auch die “Dailymail” in ihrer Online-Ausgabe über den Fall berichtet hat, erkennt “Bild” offenbar das Potenzial der Story und hebt sie am 2. November groß in die Bundesausgabe:

Rentner findet 2,5-Mio.-Briefmarke auf dem Flohmarkt

Plötzlich springen auch etliche andere Medien darauf an und berichten über die “Sammlersensation vom Flohmarkt”.

Ob es sich aber tatsächlich um die wertvolle Rarität handelt, steht immer noch nicht fest. “Bild” schreibt:

Offiziell muss die Echtheit der One-Cent-Marke noch von der “Philatelic Foundation” in New York bestätigt werden. Ohne ein Zertifikat dieser Stiftung kann die Marke nicht in einem Auktionshaus verkauft werden.

Die Experten hierzulande sind allerdings schon mal hin und weg:
Profis von Millionen-Marke begeistert

Bild.de hatte die Marke von “Gutachter Klaus Finthe” untersuchen lassen.

Flinthe fasziniert: “Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius. Eine Fälschung ist unwahrscheinlich.”

Um aber, so betont Bild.de einen Tag später erneut, …

(…) die 100-prozentige Echtheit einer Marke festzustellen, ist ein Besuch in New York unumgänglich. Denn nur die Expertise der “Philatelic Foundation” bestätigt, dass es sich um ein Original handelt. Eine Reise, die Reinhold Hoffmann auch noch vor sich hat.

Aber gab’s da nicht noch ein Problem? Ach ja:

Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) suchten einen Sponsor, um an die Expertise der “Philatelic Foundation” New York zu kommen. Denn nur diese bestätigt die Echtheit.

Doch dank der bundesweiten Aufmerksamkeit gibt es für die “Briefmarken-Millionäre”, wie Bild.de sie nun schon nennt, eine gute Nachricht: Ein Verlag für Briefmarken-Zubehör bietet an, “den Rentner Hoffmann sowohl zu betreuen als auch finanziell zu unterstützen” und will “alle anfallenden Kosten für die Reise in die USA übernehmen”. Auch der Verlag erklärt noch mal das Ziel der Reise: “Jetzt muss die One-Cent-Marke noch von der ‘Philatelic Foundation’ in New York (USA) auf ihre Echtheit überprüft werden.”

Reinhold Hoffmann und seine Lebensgefährtin treffen derweil schon mal die ersten Vorbereitungen:

Doch heute geht das Paar erst einmal zur Meldestelle, beantragt einen neuen Reisepass. Reinhold: “Mein alter ist fast abgelaufen, genügt für den Flug nach New York nicht mehr.”

Und dann, am 27. November, ist es so weit. Der Höhepunkt der Geschichte rückt näher. Endlich treten Herr Hoffmann und ein paar Leute von “Bild” die langersehnte Reise an. Endlich kann die Briefmarke auf Echtheit geprüft werden. Endlich geht es mit dem Flugzeug nach …

London:

Jetzt brachte er seine Marke persönlich nach London – zur Wertermittlung. BILD begleitete ihn!

Seltsam. Da wird “Bild” nicht müde, immer und immer und immer wieder zu betonen, dass “nur die ‘Philatelic Foundation’ in New York” das Echtheitszertifikat ausstellen kann, dass die Marke “ohne ein Zertifikat dieser Stiftung (…) nicht in einem Auktionshaus verkauft werden” kann und “ein Besuch in New York” damit “unumgänglich” ist – und plötzlich geht die Reise nicht in die USA, sondern nach England. Und die Marke wird nicht der “Philatelic Foundation” vorgelegt, sondern der “Royal Philatelic Society”.

Wir haben beim Verlag, der die Reise gesponsert hat, nachgefragt, woher der plötzliche Kurswechsel kommt, allerdings wollte uns dort niemand eine Stellungnahme abgeben.

Aber: Wir hätten da eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben Herr Hoffmann und “Bild” die Briefmarke nicht zu den Experten in New York gebracht, weil die schon einen Monat zuvor mitgeteilt hatten, dass es auf keinen Fall die berühmte Rarität sein könne.

Denn schon am 26. Oktober, also einen Tag nachdem “Bild” zum allerersten Mal über den Fund berichtet hatte, und eine Woche bevor die “Bild”-Maschinerie dann so richtig anlief, schrieb die “Huffington Post”:

Reinhold Hoffmann, ein Rentner, der der deutschen Zeitung “Bild” berichtete, er habe eine 3-Millionen-Dollar-Briefmarke gefunden, hat nun wohl einen Grund auszurasten: Die “Philatelic Foundation” sagte, die Marke sei weniger als 100 Dollar wert.

“Wir haben ihm mitgeteilt, dass es nicht der Z-Grill ist”, sagte David Petruzelli von der Foundation der Huffington Post am Freitag. “Er hat uns einen guten Scan davon zugeschickt. Es ist nicht die Briefmarke.” (…)

Aber die Foundation sagte, sie habe ihm geschrieben, er solle sich nicht damit herumquälen [einen Sponsor zu suchen und nach New York zu fliegen]. Die Marke sei es nicht mal wert, daran zu lecken, jedenfalls nicht im Vergleich zu drei Millionen Dollar. “Ich habe mein Bestes gegeben, ihm zu erklären, dass es nicht die Briefmarke ist”, sagte Petruzelli. “Wir wollten nicht, dass er sich die Mühe macht.”

Petruzelli sagte, schon viele Sammler seien auf eigene Kosten [nach New York] geflogen, nur um enttäuscht zu werden. (…) Hoffmanns Fund sei wahrscheinlich ein F-Grill, der (…) weit weniger wert sei als der Z-Grill. In diesem Zustand schätzte er den Wert der Marke auf einen Bruchteil des Katalogwertes von derzeit 475 Dollar.

(Übersetzung von uns)

Gut, man könnte jetzt argumentieren, dass ja immerhin ein deutscher Gutachter, nämlich Klaus Flinthe, “begeistert” und “fasziniert” von der Marke war (wir erinnern uns: “Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius”).

Doch derselbe Klaus Flinthe wird in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift “Briefmarken Spiegel” so zitiert:

“Also erstmal bin ich kein Gutachter”, so Flinthe am Telefon. “Und zweitens sind die Sätze vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe zwar erwähnt, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine echte, also schlichtweg um eine nicht gefälschte Briefmarke handelt, die auch echt gelaufen sein dürfte. Aber ich habe nie behauptet, dass es sich um die besagte Rarität handelt. Dies könnte ich ja auch gar nicht beurteilen.” Dazu in der Lage wäre einzig die Philatelic Foundation.

Und was die gesagt hat, wissen wir ja nun.

Wolfgang Jakubek, ein bedeutender Philatelist und weltweit anerkannter Experte für US-Briefmarken, sagte dem Fachblatt, ein Fund könne “natürlich nie ganz” ausgeschlossen werden, “allerdings sei dieser außerhalb der USA extrem unwahrscheinlich, erst recht in einer Kiloware”. Auch der Verlag, der den Flug nach England gesponsert hatte, geht laut “Briefmarken Spiegel” mittlerweile davon aus, “dass die Marke nicht die erhoffte Marke ist”.

Nur “Bild” lässt sich weiterhin nicht beirren. Dort erwähnen sie all das mit keinem einzigen Wort und spinnen stattdessen fröhlich das Märchen vom Flohmarkt-Schatz weiter. Und das ist durchaus ergiebig: Sechs Artikel konnten “Bild” und Bild.de bisher daraus stricken. Netter Lesestoff über Wochen hinweg, nationale und sogar internationale Medien schenkten der Geschichte und damit der Zeitung ihre Aufmerksamkeit.

Klar, ein Besuch bei den New Yorker Fachleuten – oder auch bloß die Erwähnung von deren Einschätzung – hätte dem Märchen ein ziemlich jähes Ende bereitet. Da fliegt man doch lieber zu anderen Experten, die nicht schon öffentlich verkündet haben, dass die Marke nichts wert ist. Zum Beispiel nach London.

Dort soll die Prüfung übrigens bis zu einem halben Jahr lang dauern. Doch bis dahin ist die “2,5-Millionen-Marke” wahrscheinlich schon wieder in Vergessenheit geraten. Und “Bild” wird nicht mal mehr schreiben müssen, dass die Geschichte vom “Sammlerglück” ohne Happy End auskommen musste.

Mit großem Dank an Björn T., Jürgen K. und Markus R.

Die nicht unumständlichen “Pegida”-Umfragen

Apropos „Pegida“. Anfang der Woche veröffentlichte „Zeit Online“ die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage …

… die von anderen Medien auch gleich aufgegriffen wurden:

Fast jeder zweite Deutsche hat Verständnis für Pegida-Demos

(Bild.de)

Eine Umfrage von Zeit online ergab, dass mit 49 Prozent knapp die Hälfte der Bundesbürger Verständnis für die Demonstrationen haben.

(noz.de)

Knapp die Hälfte (49 Prozent) der Deutschen hat nach einer Umfrage von “Zeit Online” Verständnis für islamkritische Demonstrationen wie “Pegida”.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für islamfeindliche Demonstrationen wie die von „Pegida“

(handelsblatt.com)

Laut einer Umfrage von “Zeit Online” sympathisiert fast jeder zweite Bundesbürger mit Pegida und ihren Ablegern.

(funkhauseuropa.de)

Laut einer Umfrage der “Zeit” zeigt dennoch jeder Zweite Verständnis für Anti-Islam-Demos.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für “Pegida”

(wiwo.de)

Das ist allerdings nicht ganz richtig. In der Umfrage von „Zeit Online“ ging es nämlich gar nicht um „Pegida“. Oder zumindest nicht nur. Die Fragestellung lautete:

Das ist — ob mit Absicht oder nicht — zumindest sehr irreführend formuliert. Denn wer zwar Verständnis für Demos gegen den „Islamischen Staat“ hat, aber nicht für „Pegida“, hatte keine echte Antwortmöglichkeit (außer vielleicht dem schwurbeligen “Teils, teils”). Dabei hat es in der Vergangenheit durchaus Demos gegen den “IS” gegeben (auch von Muslimen), die nichts mit “Pegida” oder der angeblichen “Islamisierung des Abendlandes” zu tun hatten.

Auch die Umfrage, die „Bild“ heute veröffentlicht hat (“So denken die Deutschen über Pegida”), ist problematisch. Eine Frage lautete:

„Bild“ stellt es also schon in der Fragestellung als Tatsache dar, dass der Einfluss des Islam in Deutschland wachse*. Für „Spiegel Online“, wo die Umfrage heute kritisiert wird, ist das ein Zeichen dafür, dass die Befrager wohl „ein ganz bestimmtes Ergebnis erreichen“ wollten. Auch eine andere — nur online veröffentlichte — Frage wurde ungewöhnlich umständlich formuliert:

Positiv gestellt hätte sie womöglich ein ganz anderes Ergebnis gehabt.

Siehe auch: „Fragwürdige Erhebung: Angeblich fürchten 58 Prozent der Deutschen den Islam” (Spiegel Online)

Mit Dank an Stefan G.

*Nachtrag, 19. Dezember: Im abgebildeten Screenshot spricht Bild.de von einem zunehmenden Einfluss des Islam, sowohl in der Print-Ausgabe als auch online heißt es aber auch mehrfach: … Angst vor dem zunehmenden Einfluss. Wie die Fragestellung im Original tatsächlich gelautet hat, können wir also nicht mit Sicherheit sagen.

Spotlight, Botnetze, Cyberclown

1. Warum jeder Journalist „Spotlight“ sehen sollte
(gutjahr.biz)
Der Film “Spotlight” handelt vom gleichnamigen Investigativ-Rechercheteam des “Boston Globe”, das den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston aufgedeckt hat. Für ihre vorbildhafte Berichterstattung haben die Reporter 2003 den Pulitzer Preis erhalten. Richard Gutjahr hat sich den Film (Kinostart in Deutschland lt. Wikipedia am 25.2.2016) angesehen und ist begeistert. Die für mehrere Oscars und Golden Globe Awards nominierte Filmbiograhie erinnere ihn daran, warum er einst Journalist werden wollte. Und er benennt 12 Dinge, die ihn “Spotlight” über journalistisches Handeln gelehrt hätte.

2. Social Media Forensics Siegen
(netzpiloten.de, Marinela Potor)
Viele Journalisten, Politiker und Bürger haben ein genaues Auge auf die sozialen Netzwerke, die in vielerlei Hinsicht ein politisches Stimmungsbarometer sind. Doch tatsächlich würden viele Social-Media-Trends durch aggressive Bot-Netze und Trolle bewusst manipuliert. So entstünden zunehmend gesellschaftliche Debatten über Themen, die künstlich gepusht würden. Bots könnten gesellschaftliche Debatten durch ihre schiere Masse bestimmen und in eine gewünschte Richtung lenken. In einem Forschungsprojekt über “Social Media Forensics” entwickeln Forscher der Universität Siegen nun Algorithmen, um die Bot-Netze zu entlarven. Das Forschungsteam hätte beispielsweise ein Netz aufgedeckt, das während der Ukraine-Krise täglich massiv gefakte Posts verbreitete. Aber auch eine Invasion von CSU-Seiten mit fremdenfeindlichen Kommentaren zur Flüchtlingskrise sei den Forschern aufgefallen.

3. Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende?
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Der Blogger und gelernte Journalist Thomas Knüwer ärgert sich über einen Beitrag seines Kollegen Michael Spehr in der “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”. Spehr schreibt darin, Blogs seien am Ende, was u.a. die diesjährige Ehrung zum Blogger des Jahres beweise (eine Auszeichnung, die im Rahmen der Verleihung der “Goldenen Blogger” vergeben wurde, an der Knüwer beteiligt ist). In einer Art persönlicher Gegendarstellung schildert Thomas Knüwer seine Sichtweise. Der Zwist hat sein Gutes: Der Artikel ist zu einem kurzweilig zu lesenden, subjektiven Abriss der deutschen Bloggergeschichte geraten.

4. Auf der Netz-Spur der “Lügenpresse”
(ndr.de, Fiete Stegers)
Fiete Stegers hat sich auf eine spannende Spurensuche nach den Ursprüngen des Worts “Lügenpresse” gemacht. Ein Blogger hatte 2014 anhand der Google-Buch-Suche ermittelt, dass der Begriff bereits im frühen 20. Jahrhundert verwendet wurde, in der “Zeit völkischer und nationalsozialistischer Ideologie”. Stegers hat nun weitere Suchtools hinzugezogen: Die “Google-Suchtrends” als Indikator für Themen-Popularität im Netz und “Brandwatch” als Messwerkzeug für die Popularitätbestimmung des Begriffs auf News- und Social-Mediaseiten. Interessante Analyse mit verschiedenen Deutungsansätzen.

5. Offener Brief der L-IZ.de
(augenzeugen.info, Anna-Maria Wagner)
Immer wieder werden Journalisten bei “Pegida”-Demonstrationen an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert, werden beschimpft oder gar tätlich angegriffen. Darunter zu leiden hat besonders die “Leipziger Internetzeitung”, die lange Zeit regelmäßig von den sogenannten “Legida”-Aufmärschen berichtet hat. Doch die Leipziger Lokalzeitung stellt die Live-Berichterstattung bis auf Weiteres ein. Man fühle sich von der Polizei und der Politik im Stich gelassen. Der in vollem Wortlauf veröffentlichte offene Brief zeigt das gesamte Ausmaß der unerfreulichen Entwicklung.

6. Lobbyist wird neuer Chef des BSI
(zeit.de)
Nun ist bekannt, wer neuer Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik wird: Arne Schönbohm. Ein ehemaliger Rüstungsmanager, der von seinen Kritikern als IT-Lobbyist bezeichnet und im Umfeld des Chaos Computer Club als “Cyberclown” geschmäht wird.

Bild  

Wo ein Kläger, da eine Unterlassungserklärung

Wenn “Bild” und Bild.de sich unerlaubt Fotos aus dem Internet besorgen, hat das für Redaktion und Verlag meistens keine Folgen. Es gilt der Grundsatz: Wo kein Kläger, da kein Richter. Soll heißen: Nur die Person, gegen deren Persönlichkeits- und/oder Urheberrecht die “Bild”-Medien durch ihre illegale Fotobeschaffung verstoßen, kann sich juristisch dagegen wehren. Und wenn die das gar nicht mitbekommt oder vielleicht anderes zu tun hat (schließlich handelt es sich häufig um Menschen, die um verunglückte Angehörige trauern), dann passiert nichts.

Der Fanclub “Rote Böcke” — Fans der Fußballer des 1. FC Köln — hat einen Fotoklau durch “Bild” mitbekommen, ist dagegen vorgegangen und hat gegen das Blatt einen Sieg einfahren können.

Zur Erinnerung: Anhänger eines anderen Fanclubs des 1. FC Köln hatten bei einem Heimspiel für einige Minuten ein Banner hochgehalten:

Der Spruch “GRÜNGÜRTEL MIT FC ODER MIT GÜRTELN AUF GRÜNE! ;)” bezieht sich auf Aussagen der Kölner Grünen, die gegen eine Ausweitung des FC-Vereinsgeländes im Grüngürtel der Stadt sind. Nun ist der zwinkernde Smiley am Ende des Satzes für eine Einordnung des Banners sicher nicht ganz unwesentlich.

Ohne zu fragen, hat “Bild” sich dieses Foto, das von den “Roten Böcken” stammt, genommen und, nun ja, leicht beschnitten:

Schwups war der Smiley weg. Und schon passte das Plakat besser zur Geschichte, die “Bild” gern erzählen wollte:

Das wollten sich die “Roten Böcke” nicht bieten lassen. Und das mussten sie auch nicht. Der Fanclub erwirkte gegen “Bild” eine Unterlassungserklärung, wie der Vorsitzende Daniel Krebs der FC-Fanwebsite effzeh.com erklärte:

“Sie verpflichten sich, das Foto in Zukunft weder zu vervielfältigen noch zu verbreiten oder anderweitig öffentlich zugänglich zu machen, wie es in dem Artikel geschehen ist. Zusätzlich muss die ‘Bild’ einen geringen Schadenersatz sowie die angefallenen Anwaltskosten zahlen.”

Wenn “Bild” den korrekten Weg gegangen wäre und vorher bei Krebs und den “Roten Böcken” angefragt hätte, ob man das Foto verwenden dürfe, hätte das übrigens auch nichts gebracht:

“Speziell der ‘Bild’ hätten wir das nicht erlaubt — vorher nicht und nachher erst recht nicht. Der Fall hat uns auch mal wieder gezeigt, warum das so ist”, betont Krebs.

Mit Dank an Gero D. und David S. für die Hinweise!

oe24.at bringt Impf-Gegner zum Höhepunkt

oe24.at, das Onlineportal des Boulevardblatts “Österreich”, ist für jeden Spaß jeden Mist zu haben. Seinen Lesern einen alten “Horror-Clown” als neuen verkaufen? “Völlig irre” Nachrichten zum angeblichen Gender-Wahnsinn in Flensburg verbreiten? Über den falschen Tod einer pink gefärbten Katze berichten? Wenn irgendwo haltlose Meldungen die Runde machen, ist oe24.at gern dabei.

Vergangenen Freitag veröffentlichte die Redaktion diesen Artikel:

Der ganze Beitrag besteht aus einem Ein-Satz-Teaser und zwei Absätzen:

Die bekannte Heilpraktikerin will noch weitere Nebenwirkungen erkannt haben.

Es ist ein schon länger schwelender Streit: Impf-Befürworter und Impf-Gegner liegen sich schon seit Jahren in den Haaren. Jetzt hat sich eine bekannte Schweizer Heilpraktikerin auf die Seite der Impf-Gegner geschlagen. Zita Schwyter will erkannt haben, dass Kinder nach Impfungen anfangen zu masturbieren

Aber Schwyter will auch andere Nebenwirkungen entdeckt haben: Schlafstörung, Legasthenie, Stottern, Autismus oder ein Hirntumor seien die Folge, wen (sic) man sein Kinde impfe. Deswegen rät sie dazu, “Kinder vor Impfungen zu verschonen”.

Das war’s. Keine Distanzierung. Keine Einordnung. Als wäre das, was Zita Schwyter sagt, eine ganz normale Position in einem “schwelenden Streit”, als hätte sie tatsächlich etwas “erkannt”, als wäre ihr Rat für die oe24.at-Leserinnen und -Leser eine relevante Information, die diese bei der Entscheidung, ob sie ihr Kind nun impfen lassen oder nicht, einbeziehen sollten. Kommt ja schließlich alles von einer “bekannten Schweizer Heilpraktikerin”.

Schwyters Aussagen zum Impfen erschienen zuerst am vergangenen Mittwoch bei der “Toggenburger Zeitung”:

Im Gegensatz zu oe24.at gibt es bei der “Toggenburger Zeitung” aber Gegenpositionen, Widersprüche, eben eine journalistische Aufbereitung. 20min.ch übernahm die Geschichte von dort, später auch derwesten.de und die “Huffington Post”. Überall findet man Warnungen (“Horrorgeschichten”, “absurde Gerüchte über ‘Impfkrankheit'”, “Lügen der Impfgegner”). Nur beim Online-Ableger von “Österreich” nicht.

Inzwischen hat die oe24.at-Redaktion ihren Artikel übrigens korrigiert. Statt “Masturbieren” steht nun “masturbieren” in der Überschrift:

Entdeckt bei @ve_maricic und @wluef!

Nachtrag, 20:04 Uhr: Das ging schnell — der Artikel ist ohne jeden Hinweis von der Seite verschwunden:

B.Z., Bild  

“Bild” und “B.Z.” legen Grünen-Politikerin falsches Zitat in den Mund

Rummms!

Mit dieser Haudrauf-Interjektion zeigt die “Bild”-Zeitung in der Regel, dass irgendjemand irgendetwas Knalliges/Heftiges/Stammtischiges gesagt hat. Und sie freut sich in der Regel dann, weil sie dadurch eine Debatte anheizen kann.

Gestern gab es in der Berliner Regionalausgabe mal wieder einen “Bild”-“Rummms!”, in einem Vorabbericht zur inzwischen durchgeführten Zwangsräumung des linken Kiezladens Friedel54 im Neuköllner Reuterkiez:

In BILD spricht jetzt Grünen-Politikerin Katrin Schmidberger (34) Klartext: Sie wohnt in diesem Kiez, befürchtet gewalttätige Ausschreitungen.

Schmidberger sagt: “Ich will nicht, dass Rigaer-Straße-Wixxer in meinen Kiez kommen und alles zerdeppern. Das ist unser Kiez. Schreiben Sie Wixxer mit zwei x.”

Und weiter: “Spaß haben, sich auf den Gipfel in Hamburg eingrooven, das können sie meinetwegen auf dem Tempelhofer Feld. Da haben sie genug Platz zum Steineschmeißen.”

Rummms!

Das Problem dabei: Katrin Schmidberger hat weder das eine noch das andere gesagt. Sie hat überhaupt nicht mit “Bild”-Autor Olaf Wedekind gesprochen. Und sie wohnt auch nicht “in diesem Kiez”. Es ist alles völlig falsch.

Doch der Reihe nach.

Gestern veröffentlichte die Berliner “Bild”-Redaktion einen großen Artikel über eventuelle Ausschreitungen während der Friedel54-Räumung:

Das Aufmacher-Foto zeigt Katrin Schmidberger, Sprecherin für Wohnen und Mieten der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie setzt sich schon lange für bezahlbaren Wohnraum und gegen die Verdrängung aus den Kiezen ein. Dass ausgerechnet sie, wie von “Bild” durch die Sprechblase illustriert, die Aktivisten in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain als “Wixxer und Steinewerfer” bezeichnet, wäre eine große Überraschung. Genau das richtige “Rummms!”-Potential, nach dem “Bild” stets sucht.

Die Redaktion warb mit dieser Geschichte auch auf Aufstellern, die vor Kiosken in der ganzen Stadt stehen — unter anderem vor einem Laden in der Rigaer Straße, wo die “‘Rigaer-Straße-Wixxer'” vorbeikommen.

“Bild”-Rechercheur Peter Rossberg erklärte den Artikel am Abend vor dessen Erscheinen bei Twitter zu seiner “Lieblingsgeschichte morgen”:


(Den Tweet hat Rossberg inzwischen gelöscht.)

Die “B.Z.” brachte ebenfalls einen Text von Olaf Wedekind zum Thema, zwar etwas kürzer, aber genauso falsch:

Die Zitate in “Bild” und “B.Z.” stammen nicht von Katrin Schmidberger, sondern von ihrer Fraktionskollegin Anja Kofbinger. Die hat, anders als Schmidberger, auch tatsächlich ihr Wahlkreisbüro im Reuterkiez. Die Verwechslung der beiden Politikerinnen durch “Bild” und “B.Z.” dürfte nach Angaben der Grünen in etwa so zustande gekommen sein: Nach einem Anruf der Redaktion bei den Grünen in Neukölln, hat Anja Kofbinger zurückgerufen. Ein Kollege von Olaf Wedekind leitete den Anruf an diesen weiter, womöglich mit der Ansage, dass Katrin Schmidberger am Apparat sei. Wedekind hat dann mit der Frau am anderen Ende der Leitung telefoniert, ohne wirklich zu wissen, mit wem er da spricht. Anja Kofbinger soll allerdings mehrfach gesagt haben, dass sie Anja Kofbinger ist.

Katrin Schmidberger veröffentlichte gestern auf ihrer Website eine “Richtigstellung zu angeblichen Zitaten in der Bild/B.Z.” und schrieb bei Facebook, dass sie mit niemandem aus dem Springer-Verlag gesprochen habe.

“Bild” hat heute eine “Richtigstellung” veröffentlicht:

Sie finden sie nicht auf Anhieb? Sie steckt dort rechts, eingeklemmt zwischen “Bier-Botschafter” und “U-Bahn-Strecken”:

Und auch in der “B.Z.” gibt es eine “Berichtigung”:

Hetzername, Fette Diätwerbung, Suizidklickmasche

1. Urteil: taz darf Hetzer weiter beim Namen nennen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
In einem öffentlichen Facebook-Kommentar forderte ein Mann unter Angabe seines Klarnamens, man müsse „Genderlesben und Politikern jeweils 8×9 mm in das dumme Gehirn zu jagen.“ Die “taz” berichtete über den Vorgang und nannte dabei auch den Namen des Kommentierers. Dagegen setzte sich dieser zur Wehr und verklagte die Zeitung auf Unterlassung. Mit der Behauptung, jemand hätte sich Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und unter seinem Namen kommentiert. In zweiter Instanz entschied das Gericht nun, dass der Kläger tatsächlich der Urheber der Hassbotschaft sei und sich die Berichterstattung gefallen lassen müsse.

2. Bei Diät-Werbung macht sich der Bauer-Verlag einen schlanken Fuß
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet auf “Übermedien” über die freche Schleichwerbungsmasche von „Alles für die Frau“ aus dem Bauer-Verlag: “Jede Woche schwärmt die Redaktion darin im Wechsel für jeweils ein bestimmtes Diätprogramm, homöopathisches Schlankmittel und eine Fitnessstudiokette. Eine ernsthafte oder gar kritische Auseinandersetzung mit den Programmen und Produkten findet nicht statt. Über 130 solcher Artikel sind in den letzten zweieinhalb Jahren erschienen (so weit reicht unser Archiv zurück; insgesamt sind es wahrscheinlich noch viel mehr).”

3. “Kernmodell Journalismus” statt e-Commerce
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Der “Deutschlandfunk” hat mit Eric Gujer, dem Chefredakteur der “NZZ”, über die Zukunft des traditionsreichen Schweizer Medienhauses gesprochen. Natürlich geht es um Fragen der Finanzierung, denn die “NZZ” leistet sich unter anderem eine kostspielige Auslandsberichterstattung. Die Konzepte der Konkurrenz will Gujer nicht übernehmen: “Das, was ja die meisten anderen unter multimedialer Strategie verstehen, heißt ja: Wir haben noch einen e-Commerce-Shop für Hundefutter. Und wir machen noch irgendeine Inserate-Plattform für Immobilienanzeigen im Internet und solche Dinge. Und das wollen wir dezidiert nicht. Wir glauben daran, dass das Kernmodell Journalismus, gute Inhalte, auch heutzutage noch lohnen kann.”

4. Langer Atem
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Der Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in drei Verfahren vor dem Landgericht Köln erfolgreich gegen die Berichterstattung über eine Auseinandersetzung mit einem Fotografen und einem Kameramann auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2014 gewehrt. Es ging um Behauptungen, Grönemeyer hätte zwei Fotoreporter geschlagen und verletzt. Angeblich von Videos belegt, die sich als “bewusst unvollständig”, also irreführend zusammengefügt herausgestellt hätten. Der Fall sei damit noch nicht abgeschlossen: Vermutlich werde die Staatsanwaltschaft Köln die Fotografen wegen Verdachts der Falschaussage anklagen.

5. Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz
(ndr.de, Gudrun Kirfel)
Medien berichten reißerisch über ein WhatsApp-Spiel, das Jugendliche angeblich in den Tod treiben will: die angebliche “Blue Whale Challenge”. Doch gibt es das Spiel überhaupt? Das würden viele Journalisten selbst nicht wissen, aber trotzdem munter drauflos fabulieren. “Zapp” hat recherchiert, was an der Sache dran ist. Nicht viel: Außer einigen Trittbrettfahrern, die mit dem Hype um das angebliche Spiel Klicks machen, haben die Zapper nichts gefunden.

6. Alessio geht es nicht gut
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
Manchmal geraten Kinder von Promis ins Fadenkreuz von Social Media und werden zu Opfern von Hass und Spott, der eigentlich ihren Eltern gilt. So zum Beispiel beim Sohn des mittlerweile getrennten Promipaars Sarah und Pietro Lombardi, aber auch beim Sohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. “taz”-Autorin Hengameh Yaghoobifarah plädiert für mehr Zurückhaltung: “Das öffentliche Leben als Promi-Kind ist belastend genug. Der zusätzliche Hohn ist unnötig und geschmacklos.”

Startup-ernüchtert, Einnahmequelle Fotorecht, Automobiler Maus-Spott

1. Angriff auf den Journalismus
(spiegel.de, Bülent Mumay)
Der türkische Journalist Bülent Mumay hat bei der linksliberalen Tageszeitung “Radikal” gearbeitet und leitete die Online-Redaktion der “Hürriyet”. Bis er 2015 für fünf Tage festgenommen wurde und seinen Arbeitsplatz verlor. In einem Gastbeitrag für “Spiegel Online” erklärt er wie Erdogan und die AKP systematisch die türkische Medienlandschaft zerstören. Vor allem der Putschversuch habe sich in dieser Hinsicht als hilfreich erwiesen: “Jetzt wurden sämtliche kritischen Journalisten eingesperrt – weil sie angeblich Anhänger der Gülen-Bewegung waren. Auch Leute wie ich, Leute wie die Kollegen von “Cumhuriyet”, die immer gegen die Gülenisten waren, sind verhaftet worden.”

2. Retten Start-ups den Journalismus?
(de.ejo-online.eu, Christopher Buschow)
Der Kommunikationswissenschaftler Christopher Buschow hat das Potenzial von Medien-Startups untersucht. Mit ernüchternden Ergebnissen: “Weil sie sich mitunter an alten Traditionen orientieren, kopieren manche Neueinsteiger das Erlösmodell der Tageszeitung. So geraten sie jedoch in dieselben Probleme wie etablierte Medienhäuser: Auf Seiten der Leser besteht kaum Zahlungsbereitschaft für Online-Inhalte, Anzeigenkunden platzieren ihre Werbung nur noch zurückhaltend in journalistischen Umfeldern.” Die Gründer würden außerdem nicht selten ihre Doppelrolle von Journalist und Medienmanager und die bürokratischen Verwaltungsaufgaben unterschätzen.

3. Fotorecht – eine verborgene Einnahmequelle für Journalisten
(fachjournalist.de, Frank C. Biethahn)
Rechtsanwalt Frank C. Biethahn hat einen Übersichtsartikel zum Fotorecht für Journalisten verfasst. Oft könnten die Fotografen mehr verlangen, als ihnen bewusst sei, sowohl bei der “an sich legalen” Nutzung als auch bei der illegalen Nutzung. Viele Journalisten würden ihre Rechte allerdings kaum nutzen, oft schlicht aus Unwissenheit.
Interessante Informationen für Journalisten, die ihrer Einkommen aufbessern wollen, aber auch für diejenigen, die allzu sorglos mit fremden Fotos umgehen und teure Abmahnungen riskieren.

4. Kachelmann siegt vor Gericht gegen Staatsanwaltschaft
(dwdl.de, Alexander Krei)
Jörg Kachelmann hat einen weiteren juristischen Erfolg erzielt. Die Staatsanwaltschaft Mannheim darf die in einer Pressemitteilung geäußerten Behauptungen zu DNA-Spuren auf einem vermeintlichen Tatmesser nicht wiederholen und hat eine Unterlassungserklärung abgegeben. Die Pressemitteilung mit den nicht zutreffenden Behauptungen der Staatsanwaltschaft war seinerzeit bei “SternTV” wiedergegeben worden.

5. Ohne Distanzierung verlinken?
(taz.de, Christian Rath)
Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck will verhindern, dass “Spiegel Online” ein altes Manuskript zur Pädophilie-Debatte veröffentlicht – ohne die von ihm zwischenzeitlich vorgenommene Distanzierung. Der Fall ist juristisch verzwickt. Der BGH hat die Sache an den EuGH weitergegeben.

6. „Sendung mit der Maus“ spottet über deutsche Autobauer
(welt.de)
Die “Sendung mit der Maus” erklärt Kindern seit 1971 die Welt, zum Beispiel mit den beliebten “Lach- und Sachgeschichten”. Anlässlich der Autoskandale und Kartellabsprachen haben die Mausmacher ein Filmchen produziert, das sich ausdrücklich an die Großen wendet.

Pseudojournale, Overton-Fenster, Bezeichnungsdrama Beziehungsdrama

1. Tausende Forscher publizieren in Pseudo-Journalen
(sueddeutsche.de, Till Krause & Katrin Langhans)
Immer mehr Pseudoverlage schreiben Forscher und Unternehmen an und bieten gegen Bezahlung eine Publikation in einem wissenschaftlich anmutenden Journal. NDR, WDR, “Süddeutsche Zeitung” sowie weitere nationale und internationale Medien haben gemeinsam recherchiert. Die Ergebnisse sind erschreckend: Weltweit sollen 400.000 Forscherinnen und Forscher in Fake-Journalen veröffentlicht haben. Die Zahl solcher Publikationen habe sich in den vergangenen fünf Jahren weltweit verdreifacht, in Deutschland gar verfünffacht.
Weiterer Lesehinweis: Forscher müssen ständig publizieren — das schadet der Wissenschaft (sueddeutsche.de, Patrick Illinger)

2. Falschmeldung über kroatische WM-Spenden
(fr.de, Danijel Majic)
Haben Sie auch auf einem der diversen Onlineportale gelesen, dass die kroatische Nationalmannschaft ihre 23 Millionen WM-Prämie für wohltätige Zwecke gespendet hat? Tolle Sache, oder? Stimmt nur leider nicht.

3. “Die Zeit” öffnet das Overton-Fenster
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Mit deutlichen Worten kritisiert Thomas Knüwer die “Zeit”. Diese scheine “nicht zu realisieren, dass sie Teil eines größeren Problems ist: Sie öffnet rechtsextremen Gedanken den Weg ins Bildungsbürgertum — und genau das wurde von den Rechten so kalkuliert.” Als Belege führt er vor allem die Seenotrettungsdebatte, aber auch einen aktuellen Text über die AfD an. “Gäbe es noch die Haltung einer Gräfin Dönhoff, wäre dieser Text so nie erschienen”, so Knüwer.

4. Unsichtbar und unverzichtbar
(deutschlandfunk.de, Benjamin Hammer)
Auslandskorrespondenten in fernen Ländern und Krisenregionen sind oft auf einheimische Helfer angewiesen. Benjamin Hammer berichtet im “Deutschlandfunk” von seinen beiden Helfern im Gazastreifen, die sich um Transport, Sicherheit und Kontakte kümmern.

5. Wenn Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet werden: das ist kein Beziehungsdrama, sondern Mord
(editionf.com, Helen Hahne)
Letztes Jahr wurden 147 Frauen in Deutschland von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Oftmals werden diese Morde als “Beziehungs-” oder “Eifersuchtstaten” deklariert und damit sprachlich marginalisiert. Helen Hahne hat sich mit den verschiedenen Aspekten dieses Verschleierungsvokabulars auseinandergesetzt.

6. Rheinneckarblog muss 9000 Euro Strafe zahlen
(horizont.net)
Der Betreiber des “Rheinneckarblogs” soll auf Betreiben der Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 9.000 Euro zahlen, nachdem er vor einiger Zeit einen erfundenen Bericht über einen angeblichen Anschlag in Mannheim veröffentlicht hatte. Wie nicht anders zu erwarten, sieht sich Blogbetreiber Hardy Prothmann als Opfer: “Die Staatsanwaltschaft verfolgt mit diesem Strafbefehl politische Ziele gegen einen auch für sie unbequemen Journalisten.”

Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann

Auf der “Bild”-Titelseite ist heute wieder alles ganz aufgeregt:

Ausriss der Bild-Titelseite - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg!

Deutschland drohe “EIN KLINGELSCHILD-CHAOS”, weil Vermieter aufgrund der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) womöglich bald überall im Land die Klingelschilder abschrauben müssten. Dieselbe Alarmstufe bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg - Haben wir bald etwa nur noch Nummer an der Tür?

Wie die “Bild”-Medien auf den “Datenschutz-Irrsinn” kommen? Mit einem Zitat, das der Zitatgeber so nicht gegeben haben will, falschen Fakten zur DSGVO und viel, viel Biegerei.

Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise schreiben gleich zu Beginn ihres Artikels:

“Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …” Damit kann bald Schluss sein!

Schuld daran ist die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Zwei Sätze weiter sind sich die beiden “Bild”-Autoren zwar schon nicht mehr ganz so sicher (“Ob darunter auch ein Name auf einem Klingelschild fällt, ist unklar.”), aber dennoch: “Schuld daran ist” für sie erstmal die EU.

Nun gibt es seit einigen Tagen schon Diskussionen darüber, ob Klingelschilder unter die DSGVO fallen. Rechtsanwalt und Datenschutzexperte Niko Härting hat sich bereits vor zwei Tagen die Mühe gemacht, das Thema aufzudröseln. In einem lesenswerten Beitrag bei “CRonline” geht er der Frage nach, ob öffentlich einsehbare Namen auf Klingelschildern mit Blick auf die DSGVO problematisch sein könnten. Seine Antwort in Kurzform: nein. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Entscheidend sei dabei, ob die Daten (in diesem Fall: die Namen auf den Klingelschildern) Teil einer “strukturierten Sammlung” und ob sie “nach bestimmten Kriterien zugänglich sind”.

Härting schreibt dazu:

Das Haus, in dem ich wohne, ist “old school”, was die Klingelschilder angeht. Sie sind in Messing geprägt und so angeordnet, dass man nicht erkennen kann, wer in welchem Stockwerk wohnt. Es fehlt somit an jeder “Struktur”. Datenschutzrechtliche Fragen stellen sich nicht. Das Datenschutzrecht bleibt vor der Tür.

Wenn die Klingelschilder so angeordnet sind, dass sich das jeweilige Stockwerk des Bewohners erkennen lässt, fehlt es zwar nicht an einer “Struktur”. Wohl aber stellt sich die Frage einer weitergehenden “Zugänglichkeit”. (…) Eine Datenauswertung, die über die Informationen hinausgeht, die sich aus den Klingelschildern selbst ergeben, wird durch die Beschilderung nicht ermöglicht. Auch hier fehlt es demnach an einem “Dateisystem”, das die Anforderungen des Art. 4 Nr. 6 DSGVO erfüllt. Das Datenschutzrecht bleicht auch hier außen vor.

Eine Ausnahme gebe es, wenn die Klingelschilder nicht analog angebracht seien, sondern “auf einem Monitor sichtbar”. Dann finde die DSGVO Anwendung.

Zu einem ähnlich klaren Ergebnis kommen der Datenschutzexperte Thomas Schwenke, der frühere Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar, die aktuelle Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff, die Stiftung Datenschutz, der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW und die EU-Kommission.

Nur die “Bild”-Medien, Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise sind der Meinung, die DSGVO sei am “KLINGELSCHILD-CHAOS” schuld. Sie haben ja auch diese Ankündigung des Immobilien-Eigentümerverbandes “Haus & Grund”:

Deshalb will der wichtige Immobilien-Eigentümerverband Haus & Grund seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen, die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben!

“Nur so können sie sicher sein, nicht gegen die DSGVO zu verstoßen”, sagt Kai Warnecke, Präsident von Haus & Grund, zu BILD.

Wir haben bei Haus & Grund nachgefragt, ob man wirklich “seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen” wolle, “die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben”. Die Antwort von Pressesprecher Alexander Wiech: Die Empfehlung sei so nicht gegenüber “Bild” angekündigt worden. Man fordere “nicht auf, Klingelschilder abzumontieren.” Stattdessen wolle man die Mitglieder warnen, dass es irgendwann mal soweit kommen könne.

Daraufhin haben wir bei “Bild” nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibe, dass Haus & Grund ein Empfehlung an die vielen Mitglieder gegenüber den “Bild”-Autoren angekündigt habe. Sprecher Christian Senft antwortete uns, dass er uns dringend empfehle, unsere Recherche bei Haus & Grund noch einmal zu verifizieren: “Diese haben nichts relativiert und stehen voll zu der Geschichte und dem Zitat. Sie haben Ihnen nur gesagt, dass sie diese Empfehlung bisher noch nicht ausgesprochen haben, weil sie noch nicht dazu gekommen sind.” Also, noch mal nachgefragt bei Haus & Grund: Alexander Wiech sagt uns noch einmal, dass man keine Empfehlung gegenüber “Bild” angekündigt habe, sondern davon gesprochen habe, die Mitglieder sensibilisieren zu wollen.

Das hat Haus & Grund übrigens auch gegenüber anderen Medien so gesagt — etwa gegenüber “Zeit Online”, gegenüber dem WDR, gegenüber der “Hannoverschen Allgemeinen”.

Inzwischen hat Haus & Grund, nach der Klarstellung durch die Bundesdatenschutzbeauftragte, eine Pressemitteilung rausgegeben, in der der Verband schreibt: “Bundesdatenschutzbeauftragte: Mieternamen an Klingelschildern sind zulässig”.

Nachtrag, 17:40 Uhr: Wir haben die Überschrift von “Klingelingeling, hier kommt der Fake-News-Mann” in “Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann” geändert. Der Begriff “Fake News” war für diesen Fall nicht passend.