PEN zerlegt sich, Honorarhorror, Keine Massenüberwachung

1. Häme, Grabenkämpfe, »Höllenspektakel«
(spiegel.de)
Am Freitag traf sich der Schriftstellerverband PEN zur Mitgliederversammlung in Gotha, es kam zum Eklat. Von einem “Höllenspaktakel” ist die Rede, bei dem es nicht nur zu Beleidigungen, sondern auch zu einer physischen Attacke gekommen sein soll. Der bisherige PEN-Präsident Deniz Yücel überstand erst einen Abwahlantrag knapp, um sein Amt kurz danach angewidert niederzulegen (“Bratwurstbude”) und seinen Austritt aus dem Verband zu erklären.
Hörtipp: Die PEN-Tagung als griechisches Drama und der Rücktritt Deniz Yücels (deutschlandfunk,de, Henry Bernhard, Audio: 4:15 Minuten).

2. Keine Massenüberwachung
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband wendet sich gegen Pläne der EU-Kommission zur Datenüberwachung und Durchsuchung von privaten Nachrichten: “Der notwendige Kampf gegen schwere Straftaten darf nicht mit gravierenden Einschnitten in die Pressefreiheit erkauft werden. Mit wem Journalisten in Ausübung ihres Berufs Nachrichten und Informationen austauschen, geht niemanden etwas an.”

3. Anwälte von Twitter werfen Elon Musk Vertraulichkeitsbruch vor
(zeit.de)
Die Rechtsabteilung des Unternehmens Twitter soll dem angeblichen Übernahme-Interessent Elon Musk den Bruch einer Vertraulichkeitsvereinbarung vorwerfen. Dahinter stecke wahrscheinlich das Bestreben Musks, straffrei aus dem geplanten Deal herauszukommen oder den Preis für die Übernahme zu drücken.

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4. Fernsehen für Nichtfernseher
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
“Arte ist deutsch-französische Fernsehkultur? Unsinn, die gibt es nicht, so wenig wie es deutsch-französische Literatur oder deutsch-französische Malerei gibt. Nein, Arte ist deutsches, französisches, europäisches Fernsehen in sechs Sprachen. Nationale Differenzen, nationale Eigenheiten und Sonderlichkeiten dürfen weiterhin bestehen, es gilt die Absage an Europudding und deutsch-französische Kuppelei.” Der Kulturkanal Arte feiert seinen 30. Geburtstag, und Joachim Huber gratuliert.

5. Was im Journalismus jetzt wirklich wichtig ist
(mediummagazin.de, Annette Milz)
Das “medium magazin” zeichnet alljährlich die Journalistinnen und Journalisten des Jahres aus. Nun hat das Branchenmagazin alle Erstplatzierten 2021 gefragt, was ihnen wichtig im Journalismus ist, wo dies aus ihrer Sicht gelungen umgesetzt ist, und was sie selbst in eigener Sache dafür tun.

6. Wichtige Arbeit, die niemand bezahlen will
(wasted.de, Dom Schott)
“Die deutsche Spielebranche braucht einen investigativen Spielejournalismus. Das will aber im klassischen Textjournalismus kaum jemand bezahlen: Zu viel Aufwand, zu viel Risiko. Und das ist ein riesiges Problem.” Spielejournalist Dom Schott schreibt über den “Honorarhorror” seiner Branche und endet mit einem Wunsch: “Lasst dieses Thema nicht untergehen.”

KW 17/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Sam Dubberley: “Kriegsverbrecher haben Angst vor der Wahrheit”
(zeit.de, Daniel Erk, Audio: 38:57 Minuten)
Sam Dubberley war früher Fernsehjournalist in Krisengebieten. Heute dokumentiert er für die Organisation Human Rights Watch Kriegsverbrechen. Im “Zeit-Online”-Podcast “Frisch an die Arbeit” erzählt Dubberley, wie er dabei vorgeht, und erklärt den Verifikationsprozess: “Wir suchen die Bilder und Videos über Telegram, TikTok und Twitter und sichten Satellitenbilder. Das hilft uns, Beweise zu sammeln, die zeigen: Dort könnte es Kriegsverbrechen in der Ukraine gegeben haben.”

2. Wie gehen Journalisten mit Einschüchterungsklagen um?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 21:11 Minuten)
SLAPP ist die englische Abkürzung für strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (Strategic Lawsuits Against Public Participation). Sie dienen dazu, Medienschaffende sowie Aktivistinnen und Aktivisiten einzuschüchtern und von ihrer Arbeit abzuhalten. Uwe Ritzer, Investigativ-Reporter bei der “Süddeutschen Zeitung”, ist selbst Betroffener einer derartigen Klage, die mit der Forderung von 78 Millionen Euro Schadensersatz verbunden war. Im Gespräch mit Holger Klein erklärt Ritzer, was es bedeutet, über Jahre juristisch drangsaliert zu werden.

3. Journalist & Podcaster Khesrau Behroz im Gespräch
(youtube.com, Alex Berlin, Video: 45:33 Minuten)
In einem Werkstattgespräch spricht Khesrau Behroz, Journalist, Autor und Podcast-Produzent, mit Schülerinnen und Schülern eines Berliner Gymnasiums über die Bedeutung der Medien für die Demokratie sowie über aktuelle Themen wie “Fake News”. Behroz ist vielen Zuhörern und Zuhörerinnen durch “Cui Bono” bekannt, seinen Podcast über Ken Jebsen.

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4. Inside medien: Hakan Tanriverdi
(anchor.fm, Lisabell Shewafera, Audio: 58:36 Minuten)
Wie kann ich mir den Arbeitsalltag eines Investigativreporters vorstellen? Journalistenschule oder Volontariat – was ist die bessere Entscheidung? Und wie wichtig ist Talent für den Beruf? Im “Inside-Medien”-Podcast spricht Lisabell Shewafera mit Hakan Tanriverdi, der als Reporter für Cyber- und IT-Sicherheit beim Bayerischen Rundfunk arbeitet.

5. Lorenz Maroldt über “Checkpoint” und Community
(turi2.de, Peter Turi, Audio: 48:56 Minuten)
Als Lorenz Maroldt 2014 beim “Tagesspiegel” einen Newsletter (“Checkpoint”) einführen wollte, wurde dies mit einiger Skepsis aufgenommen. Mittlerweile ist daraus ein Erfolgsprodukt geworden, dem viele weitere Newsletter folgten. Im Gespräch mit Peter Turi erzählt Maroldt, worauf es dabei ankommt, wie er den Wechsel des langjährigen “Tagesspiegel”-Kolumnisten Harald Martenstein zur “Welt” empfunden hat und welche Tipps er jungen Menschen gibt, die in den Journalismus wollen.

6. Hörbar Rust: Sabine Rückert
(ardaudiothek.de, Bettina Rust: Audio: 1:24:24 Stunden)
In der “Hörbar Rust” ist Sabine Rückert zu Gast. Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der “Zeit”, Mitherausgeberin des Magazins “Die Zeit – Verbrechen” und erfolgreiche Macherin des dazugehörigen Podcasts. In dem Gespräch geht es um das “homerische Lachen”, Rückerts Familiengeschichte, schulische Traumata und ihre dreißig Jahre bei der “Zeit”. Sabine Rückerts Tipp an junge Leute: “Wenn Du Dein Leben planst: Tue etwas, wofür Du wirklich brennst, was Dich erfüllt mit Haut und Haaren”.

Nannen-Vergangenheit, Achtung Kontrolle, Erfolg der Kuschelkrimis

1. Keine Ruhe um den “Stern”-Gründer
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Ein Rechercheteam des öffentlich-rechtlichen Jugendportals “funk” hat diese Woche ein Video veröffentlicht, das sich mit Henri Nannen beschäftigt, dem Gründer, langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des Magazins “Stern”. Dabei geht es insbesondere um Nannens Rolle in der Nazizeit. Die Reportage werfe Fragen auf – auch mit Blick auf die Schlüsse der Rechercheure, findet “Tagesspiegel”-Medienredakteur Kurt Sagatz.

2. Chefredaktion kritisiert Sparkurs
(taz.de, Steffen Grimberg)
Vor zwei Jahren baute die “Süddeutsche Zeitung” massiv Personal ab. Insgesamt hätten rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Haus verlassen, darunter auch Top-Leute aus dem Investigativ-Ressort. Im Interview mit dem “medium magazin” hat sich die “SZ”-Chefredaktion zur umstrittenen Personalpolitik geäußert und das Vorgehen der Geschäftsführung kritisiert. In der “taz” kommentiert Steffen Grimberg die Äußerungen: “Für die diskrete Verlagswelt, vor allem die schwäbische, ist das eine schallende Ohrfeige.”

3. Achtung Kontrolle: den Ausweis bitte!
(verdi.de, Jasper Prigge)
Es kommt immer wieder vor, dass Journalisten und Journalistinnen zur Überprüfung der Personalien von der Polizei aufgefordert werden, ihren Ausweis vorzuzeigen. Wann darf die Polizei die Identität feststellen? Und wie sollten sich die betroffenen Personen in dieser Situation verhalten? Jasper Prigge, Rechtsanwalt für Urheber- und Medienrecht, gibt wertvolle Tipps, denn das Thema ist keineswegs so einfach, wie es zunächst erscheint.

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4. “Auch Tote haben eine Würde und Persönlichkeitsrechte”
(uebermedien.de, Olivia Samnick)
Oliver Zöllner ist Mitgründer und Leiter des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. In einem nun auch auf deutsch vorliegenden Interview äußert er sich zur Verantwortung der Medien bei der Veröffentlichung von Kriegsbildern: “Muss ich tatsächlich das Blut, die zerschossenen Körper im Detail zeigen? Darauf gibt es eine rechtliche Antwort: Auch Tote haben eine Würde und Persönlichkeitsrechte. Es gilt, als Journalist die Würde von Opfern zu wahren. Deswegen ist es richtig, die Toten zu verpixeln – auch um keine Traumatisierung der Betrachtenden hervorzurufen. Redaktionen müssen zusätzlich an den Kinder- und Jugendschutz denken.”

5. Meinungsfreiheit versus Community Management
(deutschlandfunk.de, Mike Herbstreuth & Annika Schneider, Audio: 6:04 Minuten)
Seit Elon Musks Ankündigung, den Kurznachrichtendienst Twitter für 44 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen, wird weltweit über mögliche Folgen diskutiert. Für einige Nutzerinnen und Nutzer bestehe erheblicher Anlass zur Sorge, da der selbsterklärte “free speech absolutist” ein libertäres Weltbild habe, das die Plattform weit zurückwerfen könnte. Annika Schneider hat sich darüber mit ihrer Kollegin Brigitte Baetz aus der Medienredaktion des Deutschlandfunks unterhalten.

6. Brutal behaglich? Was macht Cosy Crime so erfolgreich?
(sr.de, Isabel Sonnabend & Thomas Bimesdörfer, Audio: 17:13 Minuten)
Seit einiger Zeit erfreut sich das Genre “Cosy Crime” großer Beliebtheit. In den Kuschelkrimis geht es weniger um Mord und Totschlag und mehr um eine Erzählung mit gemächlicherem Tempo, gerne mit viel Lokalkolorit und Atmosphäre. Beispiele dafür sind die TV-Serien “Inspector Barnaby” und “Miss Fishers mysteriöse Mordfälle”. Was macht der Reiz dieser Formate aus? Gibt es bestimmte Zielgruppen? Darüber sprechen Isabel Sonnabend und Thomas Bimesdörfer mit Hanna Huge von den “Serienjunkies”.

Chatkontrolle, Joffe und die Warburg-Bank, Deutsche Welle verklagt

1. Chatkontrolle “nicht mit Menschenrechten vereinbar”
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann, Audio: 7:01 Minuten)
Die EU plant ein neues Gesetz, das nach Ansicht von Kritikern einen gewaltigen Eingriff in unsere Grundrechte darstellt. Messenger-Dienste, Mail-Anbieter und Hosting-Provider sollen dazu verpflichtet werden, alle Nachrichten ihrer Anwenderinnen und Anwender nach verbotenen Inhalten zu durchsuchen. Das umfasst auch die Überwachung der Chats (“Chatkontrolle”). Der Jurist Stephan Dreyer kommentiert: “Eine bevölkerungsweite, anlasslose Überwachung von Individualkommunikation ist aus meiner Sicht weder national noch auf EU-Ebene mit den geltenden Menschenrechtsrahmen vereinbar. Das haben die europäischen Gerichte mehrfach deutlich gemacht, dass das so nicht funktioniert. Insofern bin ich etwas schockiert über die Nonchalance, mit der hier auf entsprechende grundrechtliche Verbürgungen heruntergesehen wird.”

2. Im Namen der Freundschaft
(taz.de, Gernot Knödler)
Gernot Knödler berichtet in der “taz” von einem handfesten Skandal: “Josef Joffe, Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, hat versucht, einen Bericht über die Verwicklung der Hamburger Warburg-Bank in den Cum-Ex-Steuerskandal zu verzögern. In dem Brief an den Bankier Max Warburg, aus dem das hervorgeht, äußert er sich zudem schockiert über ‘Verräter’ aus dem Bankhaus, die die Fahnder erst auf bestimmte Informationen aufmerksam gemacht hätten.” Josef Joffe und Max Warburg verbindet eine langjährige Freundschaft.

3. Deutsche Welle verweigert Herausgabe von brisanten Dokumenten – Wir klagen mit VICE
(fragdenstaat.de, Aiko Kempen)
Die Deutsche Welle betätigt sich anscheinend auch als Kunstsammler, was bei der Transparenzinitiative “FragDenStaat” und dem Magazin “Vice” Fragen aufwirft: “Wie kam es dazu, dass der steuerfinanzierte Auslandssender teure Kunst anschafft? Welche Rolle spielte Intendant Peter Limbourg dabei? Und auf welchem Weg kam der Beratervertrag zustande, über den sich die Deutsche Welle ausschweigt?” Da man beim Sender mit der Bitte um Auskunft nicht weitergekommen sei, habe man nun Klage eingereicht.

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4. Das Leiden anderer in meiner Timeline. Über Fotografie im Ukraine-Krieg
(geschichtedergegenwart.ch, Philipp Sarasin)
Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin hat einen Essay über die Wirkung von Kriegsfotografien verfasst, in dem er auf eine 20 Jahre alte Publikation der US-amerikanischen Schriftstellerin und Essayistin Susan Sontag bezug nimmt: “Was können Fotos oder auch dokumentarische Fernsehbilder, die Sontag in ihre Überlegungen einbezieht, angesichts des Grauen eines Krieges bewirken, beziehungsweise: Was tun sie? In welche Position versetzen sie uns, die Betrachter:innen der Bilder vom Schmerz und den Verletzungen jener, die die zerstörerische Macht der Waffen an ihren Körpern und ihren Psychen erlitten haben? Stumpfen sie ab – oder helfen sie zu verstehen?”

5. Framing Sebastian: “Österreich” pushte die ÖVP auch im Wahlkampf 2019
(kobuk.at, Franziska Schwarz)
Die Tageszeitung “Österreich” hat sich im Vorfeld des Wahlkampfs 2017 massiv für den damaligen ÖVP-Chef Sebastian Kurz eingesetzt, was wohl auch in Zusammenhang mit üppigen Zahlungen für Inserate stand. Das Medienwatchblog “Kobuk” hat nun die spätere Wahlkampfberichterstattung 2019 analysiert und kommt zum Schluss, dass “Österreich” auch zwei Jahre später alles andere als journalistisch sauber gearbeitet habe: “Wieder spielen jede Menge Umfragen von ‘Research Affairs’ eine Rolle, dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut von Sabine Beinschab. Jenem Institut, das im Mittelpunkt der Inseratenaffäre steht.”

6. Was Katapult und Bild gemeinsam haben
(medieninsider.com, Marvin Schade)
“Bild” nannte vergangenes Wochenende im Rahmen einer “Enthüllung” den Namen eines verantwortlichen Managers jener Stiftung, die sich um die Gaspipeline Nord Stream 2 kümmern sollte. Das Problem: Die Information war falsch. Marvin Schade hat sich für “Medieninsider” angeschaut, wie “Bild”, aber auch das Medium “Katapult” ihre diesbezüglichen Fehler im Nachgang behandelt haben.

Mediale Inszenierung, Leben im Horrorfilm, Unterzeichneritis

1. Die mediale Inszenierung des russischen Militärs
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio: 4:48 Minuten)
Die Glorifizierung der russischen und sowjetischen Armee, auch die mediale, sei ein wichtiger Bestandteil der Propagandastrategie von Wladimir Putin. Die Militärparade am 9. Mai in Moskau spiele dabei eine große, aber nicht die alleinige Rolle. Die Konstruktion von Parallelwelten und die Verherrlichung des russischen Militärs sei seit Jahren eine zentrale Aufgabe der russischen Fernsehlandschaft, so die Deutschlandfunk-Russland-Expertin Gesine Dornblüth.

2. Aufmerksamkeitsökonomie des offenen Briefs
(getrevue.co, Johannes Franzen)
In der aktuellen Ausgabe von “Kultur & Kontroverse”, dem Newsletter des Literaturwissenschaftlers Johannes Franzen, geht es unter anderem um die überall aufpoppenden offenen Briefe: “Die wahllose Unterzeichneritis ist eines der Grundmerkmale des Intellektuellenhabitus der Gegenwart. Das liegt vor allem daran, dass offene Briefe eine wichtige aufmerksamkeitsökonomische Funktion erfüllen. Wer auf der Liste steht, gehört zum Kanon derjenigen, die im Diskurs ihre Stimme erheben können. Er bringt sich in die Gesellschaft anderer wichtiger Menschen (z.B. Margaret Atwood) und partizipiert so an deren kulturellem Kapital. Zudem wird die eigene Sichtbarkeit erhöht, der eigene Name erklingt und wird dadurch einprägsamer.”

3. Die Weltretterinnen
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Das WDR-Fernsehmagazin “Frau tv” wird dieses Jahr 25 Jahre alt. Markus Ehrenberg fasst zusammen, warum es die Sendung aus seiner Sicht auch nach dieser langen Zeit noch braucht.

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4. »Ich lebe einen Horrorfilm«
(spiegel.de)
Unregelmäßige Bezahlung, unangemessene psychologische Unterstützung, Sabotage von Versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, Verletzungen von Privatsphäre und Menschenwürde – so beschreibt ein ehemaliger Content-Moderator in Kenia seine Arbeit für Facebook. Für 2,20 US-Dollar pro Stunde habe er Videos von Enthauptungen und von sexuellem Missbrauch an Kindern ansehen müssen, ohne dass man ihn darauf vorbereitet habe. Mehr Informationen über den Fall gibt es beim “Time”-Magazine (in englischer Sprache).

5. Ferngespräche: Griechenland
(ardaudiothek.de, Holger Klein, Audio: 1:00:43 Stunden)
In den radioeins-“Ferngesprächen” unterhält sich Holger Klein mit Korrespondentinnen und Korrespondenten rund um den Erdball. Diesmal spricht er mit der ARD-Reporterin Verena Schälter, die von Athen aus über Griechenland, aber auch über Italien, Malta und den Vatikan berichtet.

6. Elon Musk würde Trumps Verbannung auf Twitter aufheben
(zeit.de)
Kündigt sich womöglich Donald Trumps Twitter-Rückkehr an? Bald-Eigentümer Elon Musk hat sich auf einer Konferenz dazu aufgeschlossen geäußert. Er würde das Verbot aufheben, es sei “moralisch falsch” und “einfach nur dumm” gewesen. Trump hat sich zuletzt ablehnend zu einer möglichen Rückkehr geäußert, aber Aussagekraft und Haltbarkeit einer Trump-Äußerung sind bekanntermaßen begrenzt. So kann man wohl nur abwarten.

Spitzenkräfte verlassen “SZ”, Wer macht mit?, Desinformationskrieg

1. Immer mehr Spitzenkräfte verlassen “SZ”
(deutschlandfunk.de, Michael Watzke, Audio: 5:10 Minuten)
“Aktuell ist es grauenvoll bei der ‘Süddeutschen’. Ich kenne kaum einen, der oder die mit Freude in die Hultschiner Straße fährt. Auf den Redaktionsfluren herrscht Misstrauen und Pessimismus. Jeder fragt sich: wer geht als nächstes?” Mit diesen Worten zitiert der Deutschlandfunk einen Redakteur der “Süddeutschen Zeitung”, der anonym bleiben will. Was passiert da gerade in München? Und warum verlassen so viele Spitzenkräfte das angesehene Blatt?

2. Im Desinformationskrieg
(journalist.de, Michael Kraske)
Die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine ist auch deshalb so schwierig, weil er von Desinformation und Propaganda begleitet wird. Im Kampf um die Wahrheit über Bombardierungen und Kriegsverbrechen müsse der Journalismus sein ganzes Können aufbieten, so Michael Kraske in einem ausführlichen Text beim “journalist”. Dies reiche von “detektivischer Kleinarbeit bis zur großen Analyse”.

3. Russisches Satelliten-TV zeigt offenbar Antikriegsbotschaften
(spiegel.de)
Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge haben Hacker Antikriegsbotschaften ins russische Fernsehen geschmuggelt – und das ausgerechnet am für das Putin-Regime so wichtigen Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland. Eine der Formulierungen habe “Ihr habt Blut an euren Händen” gelautet, eine andere: “Das Fernsehen und die Behörden lügen. Nein zum Krieg.”

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4. “Mit Militarismus hat das nichts tun”
(tagesspiegel.de, Senta Krasser)
Seit drei Jahren leitet Helge Fuhst die “Tagesthemen”-Redaktion bei ARD-aktuell in Hamburg. Senta Krasser hat ihm ein Porträt gewidmet und ihn gefragt, ob sich so etwas wie Kriegsmüdigkeit ausbreitet, wie Fuhst mit den schnellen News-Zyklen umgeht und wie er den Live-Auftritt der Band Die Ärzte bei den “Tagesthemen” einordnet.

5. Neues Handbuch zur Informationsfreiheit: Wer macht mit?
(fragdenstaat.de, Hannah Vos)
Die Transparenzinitiative “FragDenStaat” bittet um Unterstützung: “Gemeinsam mit der Initiative für offene Rechtswissenschaft OpenRewi suchen wir Interessierte, die an einem digitalen Publikationsprojekt zur Informationsfreiheit mitarbeiten wollen! Wir werden ein Handbuch planen, schreiben und diskutieren, das sich sowohl an Jurist*innen richtet, die im Bereich der Informationsfreiheit arbeiten, als auch eine Hilfestellung für Nicht-Jurist*innen bei der Erlangung von Informationen bieten soll.”

6. “Washington Post” gewinnt Pulitzer-Preis für Berichte über Sturm auf Kapitol
(sueddeutsche.de)
Die “Washington Post” hat für ihre Berichterstattung über den Sturm auf das Kapitol in der US-Hauptstadt im Januar 2021 den Pulitzer-Preis gewonnen. Eine besondere Erwähnung gab es für die Journalistinnen und Journalisten der Ukraine “für ihren Mut, ihre Ausdauer und ihr Engagement für wahrheitsgemäße Berichterstattung während Wladimir Putins so rücksichtsloser Invasion ihres Landes”.

Plagiatsvorwürfe gegen Döpfner, Post-Cookie-Zeitalter, Wetter

1. Experten erheben Plagiatsvorwürfe gegen Mathias Döpfner – auffällige Parallelen zu Text aus NS-Zeit
(buzzfeed.de, Marcel Bohnensteffen & Pia Seitler & Sabrina Hoffmann & Anna-Katharina Ahnefeld & Carolin Freytag)
Mathias Döpfner ist langjähriger Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger. Nun werfen ihm Plagiatsjäger Übereinstimmungen zwischen seiner Dissertation und einer Arbeit aus der Zeit des Nationalsozialismus vor. Der Deutsche Journalisten-Verband fordert Döpfner auf, die Vorwürfe aufzuklären: “Wenn der höchste Repräsentant der Verleger in diesem Land Anlass zu Zweifeln an seiner eigenen Glaubwürdigkeit und Integrität gibt, muss er das ausräumen.”

2. Wer zahlt, wenn die Werbung wegbricht?
(deutschlandfunkkultur.de, Audio: 16:03 Minuten)
Der Online-Journalismus fürchtet um sein Geschäftsmodell, denn mit personalisierter Werbung könnte es bald vorbei sein. Mit derartigen Anzeigen würden allein in Deutschland 3,5 Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt. Europäische Datenschützer, aber auch Konzerne wie Apple hätten den dafür nötigen Cookies den Kampf angesagt. Deutschlandfunk Kultur hat sich mit Professor Christopher Buschow über die Entwicklung unterhalten, der sich unter anderem mit Innovationen bei der Finanzierung des digitalen Journalismus beschäftigt.

3. Hier ist Propaganda noch erlaubt
(taz.de, Reinhard Wolff)
“Das Nicht-EU-Land Norwegen hat sich in den vergangenen Monaten im Großen und Ganzen alle von Brüssel verhängten EU-Sanktionen gegen Russland zu eigen gemacht. Mit einer wichtigen Ausnahme: Oslo lehnt die Blockade russischer Propaganda-Kanäle ab. Sendungen von RT oder Sputnik können weiterhin frei empfangen werden.” Reinhard Wolff ordnet die Entscheidung Norwegens und deren Folgen ein.

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4. Wetter spielt verrückt
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
In der neuesten Ausgabe der “Floskel des Monats” beschäftigen sich Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der Wetter-Besessenheit mancher Medien: “Sobald eine Naturgewalt nicht in den Biorhythmus des Club-Mate-Biedermeiers passt, bricht eine Welt zusammen. Dass das Wetter angeblich auch noch verrückt spiele, ist großer Quark. Denn das kann nur jemand behaupten, der/die die Basics von Wetter, Witterung und Klima in der Schule verpasst hat und die Konsument*innen für blöd verkaufen will.”

5. Trump scheitert mit Klage gegen seine Blockade bei Twitter
(spiegel.de)
Nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington hatte Twitter den damaligen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump von der Plattform verbannt, wogegen sich dieser juristisch zur Wehr setzte. Erfolglos, wie man inzwischen weiß: Ein Gericht in San Francisco hat Trumps Klage abgewiesen. Nun bleibt die Frage, ob sich der zukünftige Neu-Eigentümer Elon Musk möglicherweise einschaltet und Trump zurückholt.

6. Klatschpresse erzählt was vom Schumacher-Pferd
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen zu erraten, welche Überschrift die Redaktionen daraus gestrickt haben. Bereit? Dann los!”

KW 18/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Fynn Kliemann: SCHEISSE bauen (DIY)
(youtube.com, ZDF Magazin Royal, Video: 27:54 Minuten)
Allroundtalent und Youtuber Fynn Kliemann ist irre vielseitig: Heimwerken, Immobilien sanieren, Malen, Musik machen, NFTs herausgeben – und am Anfang der Pandemie hat er sogar Corona-Masken organisiert. Zur letzteren Kliemann-Unternehmung liegen dem “ZDF Magazin Royale” brisante Dokumente und Informationen vor, die einige Fragen aufwerfen. In Reaktion darauf hat Kliemann auf Instagram eine Stellungnahme verlesen und dem “Spiegel” ein Interview gegeben (nur mit Abo lesbar): “Natürlich denkt man: Ey, wir verdienen hier Geld!” (spiegel.de, Jonas Leppin & Anton Rainer).
Weiterer Gucktipp: Der Rechtsanwalt Christian Solmecke unternimmt auf Youtube eine erste juristische Einordnung: Böhmermann vs. Fynn Kliemann (youtube.com, Video: 30:33 Minuten).

2. Wer ist Sandra? – Sandra Maischberger im Hotel Matze
(mitvergnuegen.com, Matze Hielscher, Audio: 2:35:07 Stunden)
In der aktuellen Ausgabe von “Hotel Matze” begrüßt Matze Hielscher die Journalistin, Fernsehmoderatorin, Produzentin und Autorin Sandra Maischberger: “Warum hatte sie es so eilig mit ihrer Fernsehkarriere und dem Erwachsenwerden? Welche Werte sind ihr wichtig? Ist sie Feministin? Ist sie Pazifistin? Ist sie konservativ? Warum teilt sie ihre Meinung nicht in der Öffentlichkeit? Warum macht sie das, was sie macht?”

3. Viele fühlen sich überrannt
(deutschlandfunk.de, Stephan Beuting, Audio: 34:00 Minuten)
Wie und wieviel sollten wir gendern? Darüber diskutieren ein Deutschlandfunk-Hörer, die Trainerin für geschlechtersensible Sprache Katja Vossenberg, Michael Neugebauer von der electronic media school Berlin und Stephan Beuting aus der Deutschlandfunk-Medienredaktion.

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4. Anika Heine: Kinderstark-Magazin
(wiesoweshalbwarum.podigee.io, Thomas Hartmann, Audio: 56:51 Minuten)
Thomas Hartmann ist Kulturwissenschaftler, Medienpädagoge und Musiker und als wissenschaftlich-pädagogischer Mitarbeiter am Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum beschäftigt. In der aktuellen Ausgabe seines Podcasts über Kindermedien spricht er mit Anika Heine über Deutschlands erste und einzige diversitätssensible Zeitschrift für Kinder: das “Kinderstark”-Magazin.

5. Wie steht’s um kulturelle Vielfalt in den Redaktionen?
(sueddeutsche.de, Nadia Zaboura & Nils Minkmar, Audio: 26:50 Minuten)
Nadia Zaboura und Nils Minkmar sprechen über kulturelle Vielfalt in Redaktionen und haben sich dazu Ferda Ataman, Journalistin und Vorsitzende der “Neuen deutschen Medienmacher*innen”, eingeladen.

6. Die Macht der Information
(zdf.de, Video: sechsteilige Serie zu je etwa 44 Minuten)
In der ZDF-Dokureihe “Lüge und Wahrheit” geht es um die Macht der Information: “Geht es um Macht, Geld oder Krieg stirbt die Wahrheit oft zuerst. Die Doku-Reihe erzählt, wie mit Lügen Geschichte gemacht wurde und welche Rolle die Medien bei Propaganda und Wahrheit gespielt haben.”

Lügen des Kreml, Peter Hahne schwurbelt, Song Contest

1. Die Lügen des Kreml
(taz.de, Inna Hartwich)
Warum glauben so viele Rus­sen und Russinnen ­die Kriegspropaganda des Kreml? Wer das verstehen will, müsse sich das dortige Mediensystem angucken, findet Inna Hartwich: “Die Gleichschaltung der Medien macht es den Menschen im Land nicht einfach, an unabhängige Informationen zu gelangen. Zumal Russlands Justiz alles dafür tut, den unabhängigen Nischenmedien den Garaus zu machen, indem sie nicht nur die Medien zum ‘ausländischen Agenten’ erklärt und ihnen dadurch die Werbekunden raubt, sondern auch einzelne Jour­na­lis­t*in­nen mit diesem ‘Etikett’ den Alltag erschwert.”

2. Jeder fünfte Deutsche glaubt Verschwörungsmythen zum Ukrainekrieg
(spiegel.de)
Eine Studie des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie russische Desinformation und Verschwörungserzählungen rund um den Angriffskrieg in der breiten Bevölkerung in Deutschland wirken (Infotext: Von der Krise zum Krieg: Verschwörungserzählungen über den Angriffskrieg gegen die Ukraine in der Gesellschaft, Studie: PDF). Insgesamt stimme knapp ein Fünftel der Befragten verschwörungsideologischen Aussagen über den Krieg “eher” zu. Unter den Wählerinnen und Wählern der AfD sei die Bereitschaft, derartige Geschichten zu glauben, besonders groß.

3. Peter Hahne schwurbelt jetzt über Corona und Genderwahn
(t-online.de, Nils Kögler & Steven Sowa)
Als Moderator, Co-Leiter des Hauptstadtstudios und Verantwortlicher in der Programmdirektion bekleidete Peter Hahne über Jahrzehnte wichtige Positionen beim ZDF. Aus dem Nachrichtenmann von damals ist heute ein Meinungsmann geworden: “Der ehemalige ZDF-Moderator hat in den vergangenen Jahren eine drastische Wandlung vollzogen. Alles erinnert an Eva Herman, ehemals prominente Nachrichtensprecherin der ‘Tagesschau’, jetzt rechtspopulistische Verschwörungsideologin.” Nils Kögler und Steven Sowa haben ein Hahne-Event in einer Kleinstadt besucht und ihm beim Schimpfen zugehört.

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4. Bundeskartellamt kann Meta nun besser in die Schranken weisen
(netzpolitik.org, Alexandra Conrad)
Das Bundeskartellamt hat festgestellt, dass Facebooks Mutterkonzern Meta eine “überragende marktübergreifende Bedeutung” hat. Auf netzpolitik.org kommentiert Alexandra Conrad: “Das klingt zunächst wenig überraschend, hat aber spürbare Auswirkungen für die Wettbewerbshüter und den Konzern. Die Kartellbehörde hat so die Möglichkeit, Meta ‘wettbewerbsgefährdende Praktiken’ zu untersagen, etwa eine bevorzugte Behandlung eigener Angebote gegenüber denen von Wettbewerbern.”

5. “Karla” ist bald da
(kontextwochenzeitung.de, Anna Hunger)
Nach Plattformen wie “Rums” in Münster und “Relevanzreporter” in Nürnberg, will mit “Karla” ein weiteres unabhängiges Lokaljournalismus-Projekt an den Start gehen (vorausgesetzt, das Crowdfunding klappt). Anna Hunger erzählt, was sich die acht Gründerinnen und Gründer für das Portal für Konstanz vorgenommen haben.

6. Hat die Ukraine schon gewonnen? Zehn Antworten zum “Song Contest”
(rnd.de, Imre Grimm)
Nächstes Wochenende findet in Turin der “Eurovision Song Contest” (“ESC”) statt. Warum noch mal Italien als Austragungsort? Wird das der politischste “ESC” aller Zeiten? Welche politische Rolle hat Russland früher beim “ESC” gespielt? Und warum darf Deutschland trotz chronischer Erfolglosigkeit ins “ESC”-Finale? Imre Grimm beliefert uns mit dem notwendigen Partywissen rund um den “paneuropäischen Kindergeburtstag”.

Burda vs. Mayer, Fluch der Kameras, Offener Brief an den offenen Brief

1. Burda verklagt zurückgetretenen CSU-Generalsekretär
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der CSU-Generalsekretär Stephan Mayer hat seinen Rücktritt bekannt gegeben und dafür vor allem gesundheitliche Gründe angeführt. Das scheint jedoch nicht die ganze Geschichte zu sein. Mayer soll zuvor einen “Bunte”-Reporter bedroht und für einen ihm nicht genehmen Artikel 200.000 Euro Schmerzensgeld verlangt haben (“die müssen Sie mir noch heute überweisen”). Nun habe der Burda-Verlag, in dem die “Bunte” erscheint, rechtliche Schritte gegen den Politiker eingeleitet. Mayer seinerseits habe ebenfalls juristische Schritte angekündigt.

2. Update im Fall Ofarim: Jetzt spricht das Hotel
(ardmediathek.de, Kim Kristin Mauch & Konstanze Nastarowitz, Video: 14:05 Minuten)
Der Musiker Gil Ofarim hatte in den Sozialen Medien beklagt, in einem Leipziger Hotel antisemitisch diskriminiert worden zu sein, was große Wellen der Empörung nach sich gezogen hatte. Es bestehen jedoch erhebliche Zweifel an Ofarims Version, die darin resultierten, dass das Verfahren gegen den belasteten Hotelmitarbeiter eingestellt und Ofarim wegen des Vorwurfs der falschen Verdächtigung und Verleumdung angeklagt wurde. Das Medienmagazin “Zapp” nahm sich des Falls bereits Anfang März an (Der Fall Gil Ofarim, ndr.de, Kathrin Drehkopf, Video: 24:27 Minuten). Nun gibt es ein Update, in dem sich der Direktor des Hotels zu dem Fall und dessen Auswirkungen äußert.
Weiterer Lesetipp: Andreas Raabe erklärt, warum die Ermittlungen im Fall Ofarim so schwierig sind, und nennt dafür sieben Gründe: Wer ist der unbekannte dritte Mann? (t-online.de)

3. Dramatische Lage für Medien in Afghanistan
(verdi.de, Günter Herkel)
Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, fand in Berlin eine Veranstaltung von Reporter ohne Grenzen zur derzeitigen Lage für Medien in Afghanistan statt. Günter Herkel fasst die Erkenntnisse zusammen. Seit der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 sei unabhängiger Journalismus in Afghanistan kaum noch möglich.

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4. Johnny Depp und der Fluch der Kameras
(lto.de, Lucas Brost)
Der Schauspieler Johnny Depp und die Schauspielerin Amber Heard werfen sich derzeit im Gerichtssaal vor laufenden Kameras gegenseitig häusliche Gewalt und Verleumdung vor, was in den USA für viele Klicks sorgt. Aber nicht nur dort – auch hier stürzen sich viele Redaktionen auf den Fall, was nicht unproblematisch sei, wie Medienanwalt Lucas Brost ausführt: “Dass das Verfahren in den USA stattfindet, bedeutet nicht, dass für die Berichterstattung der deutschen Medien andere Maßstäbe gelten. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt auch die US-Bürger Heard und Depp, denn es handelt sich um ein ‘Jedermann’-Grundrecht. Vor diesem Hintergrund verwundert die Unbekümmertheit, mit der die deutschen Medien über das Verfahren berichten.”

5. Ist Mastodon das bessere Twitter?
(taz.de, Johannes Drosdowski)
Seitdem die Nachricht die Runde macht, dass der Hightech-Milliardär Elon Musk Twitter übernimmt, wandern viele Nutzer und Nutzerinnen zum Twitter-Konkurrenten Mastodon ab. Johannes Drosdowski erklärt, worin sich Mastodon von Twitter unterscheidet, und was man machen muss, um sich dort einen Account anzulegen.

6. Offener Brief an den offenen Brief
(uebermedien.de, Samira El Ouassil)
In letzter Zeit scheinen sich alle gegenseitig offene Briefe zu schreiben, nur der offene Brief selbst bekommt keine Post. Samira El Ouassil hat diesem Missstand ein Ende bereitet und einen offenen Brief an den offenen Brief verfasst, der von jedem und jeder unterzeichnet werden kann.

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BILDblog-Klassiker

Beinahe richtig

Im Juni sind über Schottland zwei Flugzeuge kollidiert. Also zumindest beinahe. Inzwischen hat Bild.de die Hintergründe dieses Vorfalls recherchiert. Zumindest beinahe.

1000 Fluggäste zweier Jumbo-Jets in Angst - Beinahe-Crash, weil die Piloten Fehler machten

Der Zwischenfall passierte bereits am 23. Juni 2013. Die Details wurden jetzt aus einem Bericht der zuständigen Behörde UK Airprox Board bekannt, melden britische Zeitungen. […]

Zum Crash kam es nur deshalb nicht, weil die Piloten sich jetzt gegenseitig im Cockpit sahen – und in buchstäblicher letzter Sekunde abdrehen konnten: Einer zog seine Maschine hoch, der zweite ging in den Sinkflug!

Bei dem Manöver befanden sich die Maschinen im kritischsten Moment nur gut 30 Meter voneinander entfernt!

Bild.de schlussfolgert:

Es waren nur Sekunden, die sie vom tödlichen Crash trennten…

Naaja. Also zunächst einmal: Dass zwischen den beiden Flugzeugen nur noch gut 30 Meter lagen, ist korrekt. Allerdings war das nur die vertikale Distanz. Horizontal aber, und das verschweigt Bild.de mal wieder, betrug der Abstand zwischen den beiden Maschinen noch über sieben Kilometer. Von daher ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich die Piloten “gegenseitig im Cockpit sahen”. Auch deshalb, weil laut dem Bericht (PDF, Seite 61) mindestens einer der Piloten das andere Flugzeug gar nicht gesehen hat.

Hätten die Leute von Bild.de sich diesen Bericht einfach mal selbst durchgelesen, statt bloß von den britischen Medien abzuschreiben, wären sie auch auf folgenden Satz gestoßen:

[…] das Risiko einer Kollision bestand nicht.

(Übersetzung von uns.)

Aber das hätte aus der Beinahe-Katastrophe eine Beinahe-Beinahe-Katastrophe gemacht — und das hätte wohl nicht mal mehr Bild.de spannend gefunden.

Mit Dank an Uwe S., Gesine, Karstinho, Sebastian S., Leif K., Daniel und Linus V.

Das Zeug kickt besser als Mehmet Scholl

Was hat der denn geraucht?!?

Irrer Vorstoß von Wil van Megen (58), dem Anwalt der internationalen Gewerkschaft für Fußball-Profis, kurz Fifpro: “Marihuana muss von der Doping-Liste verschwinden.”

Der Holländer – woher auch sonst? – fordert: Kiff-Erlaubnis für Fußball-Stars!

Hihi, “woher auch sonst”. Verstehen Sie? Weil er ja Holländer ist, und Holländer sind ja bekannt d…

Egal. Diese flotten Sprüche kommen – woher auch sonst? – von Bild.de. Ein gefundenes Fressen, dieser “irre Plan” des bekloppten Holländers.

Nur ist das alles überhaupt nichts Neues.

Fifpro setzt sich schon seit Jahren dafür ein, dass Cannabis von der Dopingliste verschwindet (übrigens auch mit Unterstützung usbekischer Spieler). Ebenso der niederländische Anti-Doping-Verband. Auch der Schweizer Anti-Doping-Verband plädierte bereits 2011 dafür,

dass Cannabis entweder von der Dopingliste gestrichen wird oder dass – aufgrund eigener Forschungsergebnisse – der Meldegrenzwert durch das Labor erhöht wird.

Der Meldegrenzwert wurde im Mai 2013 tatsächlich erhöht: Die Welt-Anti-Doping-Agentur verzehnfachte den erlaubten Richtwert.

Das reicht van Megen nicht!

… schreibt Bild.de.

Van Megen behauptet: “Cannabis ist als Substanz für Sportler nicht leistungsfördernd. Wir setzen uns ganz sicher nicht für den Konsum von Cannabis ein, aber der Stoff gehört nicht auf die Doping-Liste.”

Van Megen begründet: “Heutzutage kommen junge Spieler mit Marihuana genauso schnell in Kontakt wie mit Alkohol. Alkohol ist erlaubt, wegen Cannabis wird man verfolgt. Da stimmt die Relation nicht. Junge Sportler werden für etwas kriminalisiert, was mittlerweile fast normal ist.”

Oder anders:

Spielergewerkschafts-Anwalt fordert: Lasst Fußball-Stars kiffen!

Bis hierher typisch Bild.de.

Aber dann kommt Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel:

Für Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel eine “absurde Idee”: “Da könnte man auch gleich Ecstasy freigeben, das ist leider bei jungen Leuten auch verbreitet. Marihuana hat zwar eine Sonderstellung durch die Freigabe in einigen Staaten der USA – aber ist bei Dauergebrauch schädlich und führt zu Veränderungen im Gehirn.”

Es es hat allerdings auch niemand von schädlich gesprochen, sondern von leistungsfördernd. Alkohol, Koffein, Nikotin und andere Stoffe sind für Fußballer laut Dopingliste auch nicht verboten — obwohl auch sie “bei Dauergebrauch schädlich” und “bei jungen Leuten verbreitet” sind.

Aber der Experte ist noch nicht fertig.

Sörgel weiter: “Und wie sollte das überhaupt ablaufen? Bei uns ist der Handel ja strafbar. Wird das vom Mannschafts-Arzt verabreicht? Da hat einer nicht richtig nachgedacht, bevor er diese Idee in die Welt setzte.”

Na, vielleicht ja doch: Denn das wird natürlich nicht “vom Mannschafts-Arzt verabreicht”. Stattdessen geht’s vor jedem Spiel erst mal schön nach Holland. Alle Mann in den Bus und dann ab zum nächsten Coffeeshop. Die fegen ihre Gegner anschließend mit Leichtigkeit vom Platz, wetten? Und die niederländische Wirtschaft wird nebenbei auch noch angekurbelt. Ganz schön clever, dieser Holländer.

Aber ernsthaft: Wie kommt Sörgel eigentlich auf diese absurde Idee? Oder hat ihn Bild.de vielleicht einfach falsch zitiert? Nein, sagt er uns auf Nachfrage, die Zitate seien korrekt. Und er erklärt, das mit dem Cannabis sei im Prinzip so, als würde jemand fordern, das Tempolimit abzuschaffen. Das mache schließlich auch niemand, wenn er nicht das Ziel habe, schnell zu fahren.

Na ja. Nur weil man etwas machen darf, heißt das ja nicht, dass man es auch machen muss. Man darf auch “Schwiegertochter gesucht” gucken oder sich selbst eine reinhauen oder der “Bild”-Zeitung Experteninterviews geben — muss man aber nicht.

Mit Dank auch an Paul.

Folge dem Kaninchen, Bedrohnung aus Fernost, Verpackungskunst

1. Sender-Bewusstsein
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Ein Radiosender kündigt an, ein Kaninchen zu schlachten. 86.000 Menschen unterstützen eine dagegen gestartete Online-Petition. Der Sender teilt mit, man hätte von Anfang an nicht vorgehabt, das Kaninchen zu schlachten. Es handele sich vielmehr um eine abgesprochene Aktion in Sachen Tierschutz. Die fragwürdigen Inszenierungen der deutschen Radiomacher sind vielfältig und reichen bis zum vorgetäuschten Tod einer Hörerin. Dazu auch: “Fair Radio” mit einer Polemik zum Thema.

2. Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse
(tagesspiegel.de, Carsten Reinmann & Nayla Fawzi)
Die Kommunikationswissenschaftler Reinmann und Fawzi von der Ludwig-Maximilians-Universität in München machen sich Gedanken über den vieldiskutierten Vertrauensverlust der Medien und ziehen dabei verschiedene Umfragen und Studien zu Rate. Ob es tatsächlich eine „Glaubwürdigkeitskrise“ des Journalismus gebe, sei fraglich.

3. Das Fernsehen als Hort der Konservativen
(dwdl.de, Hans Hoff)
“Das deutsche Fernsehen ist auf Publikumsseite ein Hort des Konservativen, ein Bewahrmedium, das vor allem den mentalen Besitzstand sichern hilft”, so beschreibt es Kolumnist Hans Hoff. Im Netz werde probiert, im Fernsehen verwahrt. Hoffs knackiges Fazit: “Viel geschautes Fernsehen ist das Medium für Spießer. Keine Experimente. Gib mir mehr von dem, was ich kenne.”

4. Digitale Dividende
(jungle-world.com, Jörn Schulz)
Wenn beim World Economic Forum über eine angebliche vierte industrielle Revolution debattiert werde, sei Misstrauen geboten, so “Jungle World”-Autor Schulz. Von der “vierten industriellen Revolution” würden vornehmlich Unternehmensvertreter und Politiker sprechen. Der Trick dabei: Der Staat soll kostenlos die gewünschte Infrastruktur bereitstellen, die den Unternehmern im Erfolgsfall die entsprechenden Gewinne beschert.

5. Bedrohnung aus Fernost
(zeit.de, Xifan Yang)
Der neue Star der chinesischen Start-up-Welt soll der Ingenieur Wang Tao sein, der sich im geschäftlichen Umgang “Frank Wang” nennt. Wang ist der Chef von Dajiang Innovations, dem größten Drohnenhersteller der Welt. Interessanter Bericht über den medienscheuen Unternehmer und sein florierendes Drohnenbusiness.

6. Wie ein verpacktes Auto in Marburg viral geht und zeigt, wie scheiße Medien arbeiten können
(philippmag.de, Katharina Meyer zu Eppendorf)
Herrliches Lehrstück über Medienarbeit im Kleinen und im Großen: Eine Mitarbeiterin eines Studentenmagazins sieht in Marburg ein in Kunststofffolie eingeschlagenes Auto. Sie fotografiert den Wagen und postet das Bild auf Facebook. Das sehen andere, die eine klickheischende Story dazudichten. Danach handele es sich um eine Racheaktion einer Frau an ihrem fremdgehenden Partner. Darauf geht das Bild viral und Medien befördern den Hype.

Parteitag, Teletext, Rugbyfoul

1. Trübe Quellen
(de.ejo-online.eu, Klaus Beck)
Ein Forscherteam ist der Frage nachgegangen, ob und wie Journalisten in fünf europäischen Ländern Social-Media-Informationen praktisch überprüfen. Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler Klaus Beck von der Uni Berlin
fasst die Ergebnisse zusammen und weist auf die Existenz spezieller Online-Werkzeuge wie “TinEye” und “Exif Viewer” (Quelle, Geschichte und Veränderung von Fotos) sowie “SocialMention” und “Trackur” (Social-Media-Suche) hin. Das Fazit des Wissenschaftlers: “Onlinemedien können also bei der Lösung der Probleme helfen, die sie schaffen.”

2. “Die bewachen uns Tag und Nacht auf jedem Schritt”
(deutschlandfunk.de, Jürgen Hanefeld im Gespräch mit Doris Simon)
“Zum ersten Parteitag der Arbeiterpartei seit 36 Jahren hat Nordkorea auch Journalisten aus aller Welt eingeladen. Ernsthaft berichten können sie aber nicht, erzählt ARD-Korrespondent Jürgen Hanefeld aus Pjöngjang. In die Kongresshalle kommen sie nicht, und wenn sie mit Nordkoreanern auf der Straße sprechen, steht ein Aufpasser daneben.” Jürgen Hanefeld berichtet per Telefonschalte aus Pjöngjang, wo er mit 130 Journalisten aus aller Welt in bewachten Gruppen herumgeführt wird.

3. Wenn Journalisten am eigenen Ast sägen
(medienwoche.ch, Ronnie Grob)
Um an ihrer medialen Wirkung zu feilen, lassen sich manch Schweizer Behördenmitarbeiter von Journalisten schulen und buchen teilweise teure Medientrainings. Ronnie Grob hat einige Medienvertreter gefragt, ob es berufsethisch vertretbar sei, wenn Journalisten neben ihrer Hauptbeschäftigung Staatsangestellte trainieren, damit sie gegenüber den kritischen Fragen der Medien besser dastehen. Der Artikel wartet mit konkreten Fallbeispielen und Zahlen auf und zeigt, wo die Problematik liegt.

4. “Die Teletext-Seite 100 sagt einem, ob die Welt noch steht.”
(get.torial.com, Stefan Mey)
In Diskussionen über Medien geht der antiquiert wirkende “Teletext” oft unter, dabei würden in Deutschland etwa elf Millionen Menschen täglich Inhalte abrufen, vier Millionen die des Marktführers ARD. Frauke Langguth führt ein zehnköpfiges Team an, das im Schichtbetrieb die Inhalte von ARD-Text erstellt. Im Interview erklärt sie sowohl die Vorteile des Dienstes als auch die Bedrohungslage: “Das Web hat dem Teletext gar nicht so sehr zu schaffen gemacht. Es ist eher der Medienwandel durch Smartphones. Immer mehr Leute haben keinen Fernseher mehr.”

5. Nur in „Österreich“ werfen sich Flüchtlinge vor Autos
(kobuk.at, Gabriele Scherndl)
Das Gratisblatt „Österreich“ behauptet, in Klagenfurt würden sich Flüchtlinge gezielt vor Autos werfen, um anschließend Schmerzensgeld zu fordern. Das von Journalismus-Studierenden betriebene Medienwatchblog “Kobuk” ist der Sache nachgegangen und hat mit Justiz und Polizei gesprochen. Nach derzeitigem Kenntnisstand stellt sich die Meldung als wilde und reißerische Spekulation dar.

6. Kommentar zur Rugby-Berichterstattung in der Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung
(totalrugby.de, Matthias Hase)
Die Sportberichterstattung der “Rhein-Neckar-Zeitung” sorgt derzeit für Kopfschütteln in der Rugby-Szene. (“Wie sehr sich Simbas freuen können, wenn sie weiße Männer fertig gemacht haben, kennt man aus dem Filmklassiker “Die Wildgänse kommen”, in dem Richard Harris und Hardy Krüger verhäckselt werden, Roger Moore und Richard Burton überleben nur knapp.”)
Ein Gastkommentar eines Online-Rugby-Magazins hält dagegen.

Mit einem Klick zur Schizophrenie

Was ist schlimmer als Dr. Google? Richtig: Psycho-Doc Bild.de. Die Küchenpsychologen aus dem Axel-Springer-Hochhaus haben heute diesen Artikel auf ihrer Startseite veröffentlicht:

Jaha, so einfach ist das: Einmal kurz bei Bild.de vorbeigesurft, Foto angeschaut — zack — schon weiß man, ob man schizophren ist oder nicht.

Eigentlich gilt die Diagnose einer schizophrenen Psychose als recht schwierig, häufig wird die Erkrankung erst Jahre nach ihrem Ausbruch von Ärzten erkannt. Das Versprechen auf der Bild.de-Startseite hingegen: alles kinderleicht.

“DIESES BILD”, mit dem die Redaktion das Versprechen erfüllen will, ist eine sogenannte Hollow-Face-Illusion. Die Gesichtsmaske, die nach innen gewölbt ist, wird von den meisten Menschen als nach außen gewölbt wahrgenommen. Das Gehirn spielt dem Betrachter einen Streich. Dieses Video einer rotierenden Charlie-Chaplin-Maske zeigt den Effekt ganz schön.

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover haben 2009 einen Test durchgeführt: Sie haben Probanden mit einer schizophrenen Psychose und Probanden, die nicht schizophren sind, die Hollow-Face-Illusion gezeigt. Die Teilnehmer mit schizophrener Psychose haben die nach innen gewölbte Maske als nach innen gewölbte Maske erkannt; die Teilnehmer ohne schizophrener Psychose haben sie als nach außen gewölbtes Gesicht wahrgenommen.

Acht Jahre später wollen die Hobbydoktoren von Bild.de diesen Test also noch einmal machen. Aber …

Aber kann ein einziges Bild die Krankheit aufdecken?

JA!, sagen Forscher der Uni Hannover

Nach aktuellem Stand sind — der Bild.de-Logik folgend — 14 Prozent der knapp 100.000 Teilnehmer schizophren:

Erst fünf Absätze, nachdem man das Ergebnis bekommen hat, und nachdem Bild.de auf der Startseite “DIESES BILD SAGT ES DIR! Bist du schizophren?” getitelt hat und über den Artikel “EINMAL ANSCHAUEN REICHT! — Dieses Bild sagt dir, ob du schizophrene Züge hast” geschrieben hat und im Artikel behauptet hat, dass “ein einziges Bild die Krankheit aufdecken” könne, kommt diese Einordnung:

Wenn man sich zum Beispiel jetzt “Sorgen macht”, weil man beim großen Bild.de-Schizophrenie-Test zu den 14 Prozent gehört.

Welt.de hat vorgestern auch über die optische Täuschung und den Versuch mit der Hollow-Face-Illusion berichtet. Im Gegensatz zu ihren Springer-Kollegen von Bild.de hat die Welt.de-Autorin allerdings darauf verzichtet, aus dem Thema ein Spiel und die eigenen Leser zu Testobjekten zu machen, und direkt am Anfang das Ganze ordentlich eingeordnet:

Kann man mit Hilfe einer einfachen optischen Illusion eine psychische Krankheit erkennen? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht.

“Bild”-Falle für Altmaier, Mediale Lobbyschlacht, Radio Vatikan

1. Wie „Bild“ Peter Altmaier zum Feind der Demokratie machte
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Seit der Frage “Haben Sie endlich aufgehört, Ihren Partner zu schlagen?” sollte eigentlich jedem bekannt sein, dass es Fragen gibt, die sich nicht mit “Ja” oder “Nein” beantworten lassen. Die „Bild“-Zeitung hat dem Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) eine ähnliche Frage zur AfD vorgelegt, bei der er nur verlieren konnte. Altmaier hat sich auf das falsche Spiel eingelassen, und die “Bild”-Zeitung freut sich nun diebisch, das Ganze zum vermeintlichen Skandal hochjazzen zu können. Und Medien und Politiker springen begeistert auf den Zug auf.

2. Kampf um die Zukunft von ARD und ZDF
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video, 5:15 Minuten)
Die Fronten zwischen Zeitungsverlegern und Öffentlich-Rechtlichen scheinen verhärtet, der Tonfall wird immer ruppiger. So auch auf dem Jahreskongress der deutschen Zeitungsverleger, wo laut gegen öffentlich-rechtliche Angebote lobbyiert wurde. Daniel Bouhs berichtet über die Lobby-Schlacht, bei der es insbesondere um zwei Streitpunkte ginge: Wie lange dürfen Beiträge im Netz bleiben (“Depublikation”)? Und wie viel Text dürfen die Sender neben Audio und Video veröffentlichen (“Presseähnlichkeit”)?

3. ARD macht weiter mit dem faktenfinder
(faktenfinder.tagesschau.de)
Die ARD-Intendanten haben bei ihrer Sitzung in Köln dem Vorschlag des NDR zugestimmt, den “ARD-Faktenfinder” für zunächst zwei Jahre fortzuführen. Die “Faktenfinder”-Artikel würden verlässlich zu den meistgelesenen auf tagesschau.de gehören, so der Chefredakteur von “ARD-aktuell” Kai Gniffke.

4. Der Papst und die Medien
(de.ejo-online.eu, Johanna Mack)
Das “European Journalism Observatory” (EJO) hat mit dem Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan, Pater Bernd Hagenkord gesprochen. Im Interview erklärt der kirchliche Medienmann, was dieser Papst anders mache, warum die katholische Kirche in den Medien so einen schweren Stand habe und wie der Vatikan seine eigenen Medien organisiert.

5. Demmel: “Nichts ist so linear wie Nachrichtenfernsehen”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Dieses Jahr wird der Sender n-tv 25 Jahre alt. Die letzten zehn Jahre war Hans Demmel Geschäftsführer des Senders. Im Interview mit “DWDL” spricht er über neue und alte Herausforderungen, das Dilemma des Wahlkampfs und die Emotionalisierung von News. Außerdem erklärt er die Merkwürdigkeit, warum der Onlineauftritt von n-tv.de von einer externen Firma namens “Nachrichtenmanufaktur” hergestellt wird.

6. Die AfD versteht Googles Benimmregeln nicht
(zeit.de, Patrick Beuth)
Weil Google sich weigert, gewisse Anti-Merkel-Anzeigen der AfD zu schalten, spricht deren Kreativ-Chef von “Sabotage”. Dabei hätte er nur das Kleingedruckte lesen sollen, findet Patrick Beuth bei “Zeit Online”.

Springer ehrt “bösen” Bezos

Heute Abend wird es eine große Feier im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin geben, Amazon-Chef Jeff Bezos kommt und soll im Journalisten-Club einen Preis verliehen bekommen. Mit dem “Axel Springer Award” wolle man “herausragende Persönlichkeiten” auszeichnen, “die in besonderer Weise innovativ sind, Märkte schaffen und verändern, die Kultur prägen und sich gleichzeitig ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.”

Screenshot axelspringer.de - Jeff Bezos erhält den Axel Springer Award 2018

“In besonderer Weise innovativ” — okay. “Märkte schaffen und verändern” — ja. Aber im positiven Sinne “die Kultur prägen” und sich einer “gesellschaftlichen Verantwortung stellen”? Jeff Bezos?

Klar, Amazon ist wahnsinnig erfolgreich, Bezos wahnsinnig reich. Und ohne Zweifel hat sein Kauf der “Washington Post” dazu geführt, dass aus einer angeschlagenen Traditionsmarke ein hervorragendes Medienunternehmen wurde.

Doch gibt es nicht genug gute Gründe, Jeff Bezos nicht zu ehren?

Einen lieferte Bild.de bereits im Mai 2014:

Screenshot Bild.de - Amazon-Chef Bezos - Warum ist er so böse?

Diese Frage stellte das Springer-Medium wenige Tage, nachdem Bezos vom “Internationalen Gewerkschaftsbund” zum “schlimmsten Chef des Planeten” gewählt wurde. Einige Gründe dafür: Mitarbeiter, deren Bewegungen überwacht werden, fehlende Zeit für Mittagspausen, Gängelung, Druck, das systematische Vorenthalten von Urlaubsgeldern, Einschüchterung mit “Inaktivitätsprotokollen” und viele weitere Schweinereien. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

In Deutschland weigert sich Amazon schon lange, die Mitarbeiter in den Logistikzentren nach dem Tarifvertrag für den Versand- und Einzelhandel zu bezahlen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

Jeff Bezos gehört mit Amazon zu den größten Experten in Sachen Steuervermeidung. Erst im Oktober vergangenen Jahres forderte die EU-Kommission von Amazon eine Steuernachzahlung in Höhe von 250 Millionen Euro. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

Seit Jahren setzt Amazon Buchverlage unter Druck, fordert höhere Rabatte und blockiert auch schon mal die Auslieferung von Büchern einzelner Verlage, die nicht spuren wollen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute dafür ehren, dass er auf positive Weise “die Kultur prägt”.

Man kann es als zynisch bezeichnen, dass Springer ausgerechnet einen Steuervermeider, Tarifvertragsverweigerer, Angestelltenüberwacher und Preisdrücker wie Jeff Bezos mit einem Award ehrt, in dem es auch um die Prägung der Kultur und gesellschaftliche Verantwortung geht. Dementsprechend gibt es auch Protest: Am Logistikzentrum in Bad Hersfeld wird seit gestern gestreikt. In Berlin protestiert die Initiative “Make Amazon Pay” gemeinsam mit Amazon-Angestellten aus Deutschland und Polen, erst am Oranienplatz (ab 16 Uhr) und später vor dem Axel-Springer-Hochhaus (ab 18 Uhr). EBuch, ein genossenschaftlicher Zusammenschluss aus kleinen und mittleren Buchhandlungen, hält die Ehrung Bezos’ für einen “Fauxpas erster Güte”.

Vor zwei Jahren bekam übrigens Facebook-Chef Mark Zuckerberg den “Axel Springer Award” verliehen, auch weil er laut Springer zu denjenigen gehört, die sich “ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen”. In Anbetracht des aktuellen Datenskandals hätte die Wahl nicht viel peinlicher sein können.

“Bild” lässt falsche Geburtenrate in Afrika rasant steigen

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche verschiedene afrikanische Länder besuchte, ging es für “Bild”, Bild.de und “Bild”-Parlamentsbüro-Leiter Ralf Schuler vor allem um eine Frage:

Ausriss Bild-Zeitung - Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?
Screenshot Bild.de - Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?

Die Dringlichkeit dieser Frage unterstreicht Schuler unter anderem mit dieser Aussage:

Aber es ist auch ein Wettlauf gegen die rasant steigenden Geburtenraten, zwischen fünf und sieben Kinder sind üblich.

Das ist schlicht falsch.

Es gibt kein afrikanisches Land, in dem die Geburtenrate “rasant steigt” (wobei Schuler sowieso wohl eher die Fruchtbarkeitsrate und nicht die Geburtenrate meint). Im Gegenteil: Die Geburtenraten auf dem afrikanischen Kontinent gehen seit Jahren und Jahrzehnten zurück. Für die drei Länder Senegal, Ghana und Nigeria, in die Ralf Schuler die Bundeskanzlerin bei ihrer Reise begleitet hat, sieht das laut Weltbank so aus:

Senegal:
1960: 7,0
1970: 7,3
1980: 7,3
1990: 6,5
2000: 5,5
2010: 5,1
2016: 4,8

Ghana:
1960: 6,7
1970: 7,0
1980: 6,5
1990: 5,6
2000: 4,8
2010: 4,3
2016: 4,0

Nigeria:
1960: 6,4
1970: 6,5
1980: 6,8
1990: 6,5
2000: 6,1
2010: 5,8
2016: 5,5

Auch für die gesamte Region südlich der Sahara geht die Rate deutlich nach unten.

Schulers Behauptung, dass “zwischen fünf und sieben Kinder” üblich seien, passt auch nicht mit den vorliegenden Statistiken zusammen. Laut Weltbank hatten 2016 nur zwölf der 54 afrikanischen Länder (mit der nur teilweise anerkannten Westsahara sind es 55) eine Fruchtbarkeitsrate von über fünf: Niger (7,2), Somalia (6,3), Demokratische Republik Kongo, Mali (je 6,1), Tschad (5,9), Burundi, Angola (je 5,7), Uganda (5,6), Nigeria (5,5), Gambia, Burkina Faso (je 5,4) und Mosambik (5,2). Im “World Factbook” der CIA, wo es bereits die geschätzten Zahlen für 2017 gibt, sind es 13: Niger (6,5), Angola (6,2), Mali, Burundi (je 6,0), Somalia (5,8), Burkina Faso, Uganda (je 5,7), Sambia (5,6), Malawi (5,5), Mosambik, Südsudan, Nigeria und Liberia (je 5,1). Üblich ist also eine Fruchtbarkeitsrate von weniger als fünf Kindern.

Bevor man mit großen Fragen (etwa: “Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?”) in den Diskurs eisnteigen will, sollte man vielleicht erstmal die kleinen Fakten richtig haben.

Mit Dank an Jonas H. für den Hinweis!

“Ich wurde wohl von ‘Bild’ verarscht.”

So sieht das aktuelle “GEO”-Cover aus:

Ausriss der Geo-Titelseite - Bronzezeit - Das Reich der Himmelsscheibe - Dazu eine seitengroße Illustration einer historischen Szene mit der Himmelsscheibe

Und so sieht die heutige Seite 6 der “Bild”-Zeitung aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Sie opferten Kinder für den Sonnengott - dazu dieselbe Illustration wie auf dem Geo-Cover

Der Artikel mit der Überschrift “SIE OPFERTEN KINDER FÜR DEN SONNENGOTT” gehört zur Titelgeschichte:

Ausriss der Bild-Titelseite - Geheimnis der Himmelsscheibe gelöst

Auch bei Bild.de ist die Illustration, die “den König des bisher unbekannten Reiches mit seiner Himmelsscheibe” zeigen soll, erschienen.

Wie kommt es dazu, dass eine exklusiv für “GEO” erstellte Illustration in “Bild” und bei Bild.de landet?

Der Illustrator sagt: “Ich wurde wohl von ‘Bild’ verarscht.”
Die “GEO”-Redaktion sagt: “Nie im Leben hätten wir ‘Bild’ die Rechte für diese Illustration eingeräumt.”
“Bild” sagt: nichts*.

Anruf bei Illustrator Samson J. Goetze. Er sagt uns, dass jemand von “Bild” sich bei ihm gemeldet habe: Die Redaktion würde gern seine Illustration verwenden. Goetze fragt, ob das denn mit “GEO” abgesprochen sei. Der “Bild”-Mitarbeiter soll geantwortet haben, dass man bei “GEO” nachgefragt und das Einverständnis bekommen habe. “Das war wohl eine Falschaussage”, sagt Goetze.

“Das war definitiv nicht abgesprochen”, sagt uns Jürgen Schäfer von “GEO” auf Nachfrage. Die Illustration sei exklusiv für die eigene Titelseite produziert worden, die Verwendung durch “Bild” hätten sie “nie im Leben” erlaubt.

Auch bei “Bild”-Sprecher Christian Senft fragen wir nach. Er könne aktuell nichts zu dem Fall sagen, weil er noch nichts davon wisse, sagt er uns am Telefon. Er wolle versuchen, uns noch mal zurückzurufen, wenn er mehr weiß. Wir haben es dann noch einmal vergeblich bei ihm probiert. Bisher haben wir nichts von ihm gehört*.

In ihren Artikeln kriegen es “Bild” und Bild.de noch nicht mal hin, die richtige Quelle der Illustation anzugeben. Sie schreiben beim Fotocredit zwar korrekterweise “samson-illustration”, in der Bildunterschrift heißt es aber:

So sehen Zeichner im neuen Buch “Die Himmelsscheibe von Nebra” (Propyläen Verlag) den König des bisher unbekannten Reiches mit seiner Himmelsscheibe

“Das ist Quatsch”, sagt Illustrator Goetze. Seine Illustration komme im Buch gar nicht vor, sondern nur in “GEO”. Und jetzt eben auch in “Bild”.

Mit Dank an @phsteffen für den Hinweis!

Nachtrag, 17:11 Uhr: Auf Wunsch des Illustrators haben wir dessen Aussage (und damit auch unsere Zitat-Überschrift) von “Ich wurde von ‘Bild’ verarscht” in “Ich wurde wohl von ‘Bild’ verarscht” geändert.

*Nachtrag, 23:46 Uhr: “Bild”-Sprecher Christian Senft hat sich am frühen Abend mit dieser Stellungnahme bei uns gemeldet:

Wir sind bei der Anfrage der Nutzungsrechte von der GEO Redaktion direkt an den Illustrator verwiesen worden. Dieser hat uns diese für BILD schriftlich eingeräumt und eine Rechnung gestellt. Sollten dabei bei GEO die üblichen internen Abstimmungsprozesse nicht berücksichtigt worden sein, tut es uns leid.

Nachtrag, 25. September: Nachdem “Bild”-Sprecher Christian Senft gesagt hat, seine Redaktion sei von “GEO” bei einer Anfrage zu den Nutzungsrechten der Illustration “direkt an den Illustrator verwiesen worden” (siehe einen Nachtrag weiter oben), bleibt die “GEO”-Redaktion dabei, dass es einen solchen Kontakt nicht gegeben habe.

“GEO”-Sprecherin Christine Haller sagte uns dazu:

Eine erneute eingängige Prüfung hat bestätigt: Kein Mitarbeiter von GEO hatte im relevanten Zeitraum schriftlichen oder telefonischen Kontakt mit der Bild-Zeitung. Die Behauptung eines Fotoredakteurs von Bild, er habe mit jemandem bei GEO gesprochen, ist für uns nicht nachvollziehbar.

Bot-Debatte, Google-Tier, Kramp-Zungenbrecher

1. Ein Bot allein macht keine Revolte. Und auch keine Migrationsdebatte.
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Stammen tatsächlich 28 Prozent der Tweets zum UN-Migrationspakt von Bots, wie die “Welt” unter Bezug auf eine Studie berichtete? Experten wie der Datenspezialist Luca Hammer haben daran ihre Zweifel. Markus Reuter von Netzolitik.org zählt auf, wer sich bei politischen Debatten jenseits von Bots noch alles einmischt, von Troll-Sockenpuppen und Fake-Influencern bis hin zu staatlich gelenkten Social-Media-Akteuren. Sein Fazit: “Kurzfristig wird die Wichtigkeit und die Schwere der Einflussnahme von Bots für den öffentlichen Diskurs total überschätzt. Langfristig müssen wir aber grundrechtskonforme Wege finden, diese Gefahr zu beseitigen. In diesem Sinne ist der Fokus des Welt-Artikels und der Widerhall, den der Artikel oftmals ungeprüft und ohne Kenntnis der vollständigen Studienergebnisse in anderen Medien erlangte, kritisch zu hinterfragen.”

2. Smartspeaker: Und täglich grüßt das Google-Tier
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Google arbeitet an einer Art Nachrichtenradiosender für Smartspeaker und Smartphones, einer sprachgetriebenen Version von Google News. Journalist und Medienexperte Christian Jakubetz prognostiziert: “Einmal mehr wird ein Großkonzern den Medienunternehmen spürbar voraus sein. Nicht nur, weil ein Konzern wie Google über nahezu unbeschränkte Möglichkeiten verfügt. Sondern auch, weil die klassischen Medienhäuser den selben Fehler machen wie zu Anbeginn des kommerziellen Internets: Sie entwickeln nicht für einen neuen Kanal ein neues Angebot, sondern versuchen einfach nur, einen neuen Markt mit alten Inhalten zu besetzen.”

3. Es geht um Produkte, nicht um Eitelkeiten
(lead-digital.de, Stefan Ottlitz)
Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) war sieben Jahre Chefredakteur bei Süddeutsche.de und ist nun Produktchef beim “Spiegel”. In einem Gastbeitrag spricht er über die Schwierigkeiten, die viele Journalistinnen und Journalisten mit der Vokabel “Produkt” haben, und erzählt, wie nützlich es sei, Erfahrungen mit der Konkurrenz zu teilen: “Wir haben, als wir das neue Abo-Modell Spiegel+ eingeführt haben, auf unserem Devblog alle Zahlen und Einblicke publiziert. Daraufhin haben sich Kollegen aus anderen Häusern gemeldet, die heute ja weniger Konkurrenten als Weggefährten sind und ihre Erfahrungen geteilt haben. (…) Wer Produktentwicklung als offenen Prozess begreift, lernt schneller von und mit anderen, wie man die digitale Dis­ruption übersteht.”

4. Eine letzte gibt es noch, dann war es das vorerst einmal mit Lesungen.
(facebook.com, Hanna Herbst)
Die Journalistin Hanna Herbst (ehemals “Vice” Österreich) hat das Buch “Feministin sagt man nicht” geschrieben. Auf Facebook postet sie einen Text aus ihren Lesungen: “Ehe ich mich versah, nahm mir der Feminismus meine Berufsbezeichnung weg. War ich auf Podiumsdiskussionen kurz zuvor noch Journalistin gewesen, war ich auf einmal Feministin. “Es diskutieren Rechtsanwalt Sepp Hubendübel, Medienimperiumsbesitzer und Schriftsteller Franz Hackenbuchner, Schauspielerin Lise Huber und Feministin Hanna Herbst.” Eine ganz klare Einordnung, unter der meine Aussagen zu hören und zu werten waren. Ein Disclaimer. Und unter diesem Disclaimer waren auch alle Aussagen und Anliegen für viele quasi zu verwerfen, weil überzogen, weil hysterisch, weil männerfeindliche Männerhasserin. Weil Feministin.”

5. Worin unterscheidet sich ZDFneo vom ZDF, Frau Bilke?
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath hat die neue ZDFneo-Senderchefin Nadine Bilke interviewt, die beim ZDF vorher unter anderem für die Mediathek verantwortlich war. Im Gespräch geht es um lineares und nicht-lineares Fernsehen, die inhaltliche Ausrichtung des Senders und das prominente Erfolgsformat “Neo Magazin Royale” mit Jan Böhmermann.
Weiterer Lesehinweis: Jakob Buhre war für “Planet Interview” auf der ZDF-Pressekonferenz: Wenn das “Traumschiff” zum Pay-Angebot wird, “profitiert der Beitragszahler”.

6. Der Kampf mit den fünf Rs
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Annegret Kramp-Karrenbauers Name ist für ungeübte Zungen sperrig und sprengt die Kurzmeldungsspalte jeder Zeitung. Darf man also das Kürzel AKK in der Berichterstattung verwenden? Und wie sieht die neue CDU-Bundesvorsitzende das Ganze?
Dazu auch: Bei “Übermedien” haben sie in einem Clip internationale “Ännegreat Crump-Karrenbouwha”-Aussprachen gesammelt.