Exklusives Fake-Interview, Macht und Deutungshoheit, Heidis Abgründe

1. „TV Movie“ erfindet Exklusiv-Interview mit „Tatort“-Stars
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die aktuelle „TV Movie“ wirbt mit einem „Exklusiv-Interview“ mit den „Tatort“-Kommissaren Jan Josef Liefers und Axel Prahl, doch einiges spricht dafür, dass das Gespräch nie stattgefunden hat: Das „Interview“ besteht aus bekannten Textschnipseln und auch die Agentur der beiden Schauspieler weiß von keinem Gespräch. „DWDL“ hat die Bauer Media Group um eine Stellungnahme gebeten. Dort hat man sich 26 Stunden später die folgenden sibyllinischen Worte abgerungen: „Wir sind davon ausgegangen, dass diese Veröffentlichung ordnungsgemäß erfolgt ist. In der Kürze der Zeit können wir leider nicht mehr zu diesem Thema sagen“.

2. FR-Miteigentümer Schöningh: „Unsere Gesprächspartner sitzen jetzt in Hannover“
(horizont.net, Ulrike Simon)
Bereits am Mittwoch schrieb Uwe Vorkötter über die „gemeinsame Sache“ der Medienhäuser DuMont und Madsack, die in Wirklichkeit eine Kapitulation DuMonts sei (Kölsche Kapitulation, horizont.net). Nun beschäftigt sich Ulrike Simon mit den möglichen Auswirkungen auf die „Frankfurter Rundschau“.

3. Der Fall Asef N.: „Es geht um Macht und Deutungshoheit“
(nordbayern.de, Hans-Peter Kastenhuber)
Rund ein Jahr ist es her, dass ein Berufsschullehrer bei den „Nürnberger Nachrichten“ anruft und aufgeregt von einer Polizeiaktion an seiner Schule berichtet. Eine Redakteurin fährt sofort zum Ort des Geschehens und erlebt, wie ein abgelehnter 21-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan auf rabiate Weise festgenommen wird. Als sie Tags darauf in der Zeitung die hässlichen Begleitumstände des brutalen Polizeieinsatzes erwähnt, wird sie angefeindet und teilweise übel beleidigt. Mit ihrer Wahrnehmung ist die Journalistin jedoch nicht alleine: Auch ein anwesender Dekan und ein Pressefotograf sind entsetzt. Doch Polizei und CSU-Landesregierung verkünden ihre eigene Wahrheit und begründen den Einsatz mit einer angeblichen Unterwanderung der protestierenden Schüler durch „militante Abschiebegegner“ und linke Chaoten.

4. So setzen sieben deutsche Publisher Facebook-Gruppen ein
(markheywinkel.de)
Der Journalist Mark Heywinkel hat sich umgehört, ob Medien nach Facebooks Änderung des Newsfeeds und Herunterstufung von Seiteninhalten nun verstärkt auf Facebook-Gruppen setzen und wie sie dabei verfahren. Seine zusammengetragenen Erfahrungsberichte ergeben ein interessantes Stimmungsbild: Es ist nicht einfach, aber zumindest alle sind dabei.

5. Heidi ist der Häuptling im Macho-Dorf
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Viele Menschen schauen sich auch heutzutage das bereits 13 Jahre alte TV-Format „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) an. Dabei gehöre dieser „Abgrund an Menschenfeindlichkeit“ abgeschafft, wie Carolin Gasteiger fordert. Wer einschalte, mache sich mitschuldig: „Man kann GNTM im Jahr 2018 aber nicht mehr ansehen ohne eine Haltung dazu zu entwickeln. Ohne sich einzugestehen, wie ungeniert junge Mädchen ausgenutzt und vorgeführt werden. Ohne zu erkennen, wie falsch und überholt dieses Format ist.“

6. Küss die Hand
(zeit.de, Francesco Giammarco)
Zuschauer des „Neo Magazin Royale“ kennen William Cohn als den onkelhaften Typ mit den quietschigen Pullovern und der tiefen Märchenerzähler-Stimme. Wer ist dieser Cohn? Francesco Giammarco hat sich mit ihm während einer S-Bahn-Fahrt durch Berlin unterhalten.

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Hitzacker: Polizei-Nachplapperei und Steineschmeißer aus dem Archiv

Schaut man sich dieses Bild an …

Screenshot eines Tweets der Welt - Niedersachsen: 60 Vermummte stürmen Privatgrundstück eines Polizisten - dazu ein Foto von sieben Vermummten, die Steine und einen Baumstamm werfen
(„Welt“-Tweet)

… oder dieses …

Screenshot shz.de - Innenminister Pistorius entsetzt über Aufmarsch von Vermummten - dazu ein Foto mit vielen Vermummten, im Hintergrund eine auf dem Boden liegende Mülltonne
(shz.de)

… oder dieses …

Screenshot Politically Incorrect - Hitzacker: Linke vermummte Terrorgruppe bedroht Polizistenfamilie - dazu ein Foto eines Steine werfenden Vermummten
(„Politically Incorrect“)

… könnte man denken, dass am vergangenen Freitag vermummte Linke und Autonome und Antifa-Aktivisten in Hitzacker Steine geschmissen und Bäume durch die Gegend geworfen, Mülltonnen umgetreten und Randale gemacht haben. Nun ist nicht ganz klar, was in dem Ort in Niedersachsen vor knapp einer Woche genau passiert ist — es steht Aussage (der Polizei) gegen Aussage (der Aktivisten). Aber dennoch ist recht sicher, dass es solche Szenen, wie sie auf den Fotos von Welt.de, shz.de und „Politically Incorrect“ zu sehen sind, in Hitzacker nicht gegeben hat. Dennoch verwenden die drei Redaktionen derartige Symbolfotos.

Was ist bislang bekannt? Am frühen Freitagabend ist eine Gruppe linker Aktivisten zum privaten Wohnhaus eines Polizisten gezogen, um dort gegen dessen Arbeits- und Vorgehensweise zu demonstrieren. Es gibt verschiedene Angaben, wie viele Personen es genau waren: wohl irgendwas zwischen 55 und 80. Einige waren vermummt, laut Demo-Teilnehmern rund ein Viertel von ihnen. Am Ende gab es einen Polizeikessel, mehrere Festnahmen und verletzte Demonstranten. Was dazwischen geschah — da gehen die Versionen sehr weit auseinander: Die Polizei spricht in einer Pressemitteilung, die sie noch in der Nacht zu Samstag veröffentlichte, von einer „neuen Qualität der Gewalt“ seitens der Aktivisten. Diese wiederum beklagen in einer Pressemitteilung einen „brutalen Polizeiübergriff“ während ihres Rückzugs, den sich nach einer guten halben Stunde angetreten seien (auf einen Link verzichten wir, da in der Mitteilung der komplette Name des Polizeibeamten genannt wird). Einig sind sich beide Seiten, dass die Demonstranten Fahnen und Banner der kurdischen YPG am Carport des Beamten befestigt (wohl eine Revanche für eine Polizeiaktion im Februar) und vor dem Haus gesungen haben. Während die Polizei allerdings von „lautstarker Stimmungsmache“ spricht, nennen es die Aktivisten „fröhliches“ Singen.

Kurzum: Auch eine Woche später lässt sich von außen nicht exakt beurteilen, was vergangenen Freitag in Hitzacker passiert ist. Dennoch haben sich viele Redaktion schon sehr früh festgelegt — und dabei fast ausschließlich die Version der Beamten verbreitet. „60 Vermummte stürmen Grundstück eines Polizisten“, titelt etwa Bild.de, obwohl von „stürmen“ und „60 Vermummten“ nicht mal die Polizei spricht. Welt.de schreibt, dass „rund 60 zum überwiegenden Teil vermummte Personen das Grundstück und private Wohnhaus eines Polizisten im niedersächsischen Hitzacker gestürmt“ hätten.

Die Gegenseite kam in den ersten Tagen — und kommt teilweise bis heute — nicht zu Wort, die Angaben der Polizei wurden nicht hinterfragt. Dabei gibt es durchaus Punkte in der Pressemitteilung, die fragwürdig erscheinen: Was meinen die Beamten beispielsweise mit der Aussage, es handele sich um eine „neue Qualität der Gewalt“? Diese Behauptung wurde von vielen Medien kommentarlos zitiert, sicher auch, weil sie verkaufs- und klickträchtig klingt.

Natürlich heißt das alles nicht, dass die Aktion der Aktivisten, das Aufsuchen eines privaten Wohnhauses mit mehreren Dutzend Personen, nicht kritikwürdig ist. Manche von ihnen haben nach eigener Angabe die Frau und Kinder des Polizisten auch schon um Entschuldigung gebeten. Und natürlich heißt das auch nicht, dass die Version der Polizei auf keinen Fall stimmen kann. Aber es reicht für Redaktionen einfach nicht, nur auf Grundlage einer Polizeimeldung zu berichten, erst recht nicht, wenn die Polizei nicht mehr nur neutrale Behörde ist, sondern wie in Hitzacker auch Beschuldigter und Akteur. Das hat vor Kurzem erst ein Beispiel aus Hessen gezeigt. Gleiches gilt selbstverständlich für die Erzählung der Aktivisten: Das 2:10 Minuten lange Video zum Beispiel mit dem Titel „Hitzacker 18.05.2018 — Was wirklich geschah“, in dem das „Medienkollektiv Wendland“ das friedliche Singen zeigt, beweist erstmal nur, was in den im Video zu sehenden Szenen „wirklich geschah“ (auf einen Link verzichten wir, da in dem Video der Name der Straße, in der der Polizist wohnt, sowie dessen Haus gezeigt werden).

Mit den eingangs gezeigten Fotos gehen manche Redaktionen dann noch einen Schritt weiter: Sie plappern nicht nur willfährig die Pressemitteilung der Polizei nach, sondern bebildern das Ganze auch noch passend. In diesem Fall und bei der derzeitigen Informationslage ist ein solches Symbolbild dann nicht mehr nur Symbolbild, sondern eine gewagte Festlegung: Wenn nicht genau so, dann war es jedenfalls so ähnlich.

Es ist etwas erschreckend, dass wir Redaktionen, die eigentlich ernst genommen werden wollen (hier: „Welt“ und shz.de), in diesem Fall problemlos in eine Reihe stellen können mit den Hetzern von „Politically Incorrect“, von denen man keine sauberere Arbeit erwartet. Und es ist noch erschreckender, dass von diesen drei Portalen lediglich „Politically Incorrect“ das verwendete Foto überhaupt als „Symbolbild“ deklariert hat. Im „Welt“-Tweet sowie im Artikel bei shz.de fehlt ein solcher Hinweis. Twitter-Follower beziehungsweise Leserinnen und Leser könnten ohne Weiteres denken, dass die Aufnahmen die Geschehnisse in Hitzacker zeigen, vor allem in Kombination mit dem Text im „Welt“-Tweet respektive der Bildunterschrift bei shz.de („60 teils vermummte Personen haben in Hitzacker das Privatgelände eines Polizeibeamten gestürmt“). Dabei ist auf dem Foto im Tweet der „Welt“-Redaktion etwa ein Anti-Atom-Protest im November 2011 zu sehen.

Andere Redaktionen haben sich ebenfalls für Symbolbilder entschieden. Die mögen etwas zurückhaltender sein, die Wahrnehmung drücken aber auch sie in Richtung „vermummter Mob“:

Screenshot RTL.de - Hitzacker: Vermummte bedrohen Familie eines Polizisten - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(RTL.de)

Screenshot Augsburger Allgemeine - Vermummte aus der linken Szene belagern Wohnhaus eines Polizisten - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(Augsburger-Allgemeine.de)

Screenshot Focus Online - Kritik an Wohnhaus-Belagerung reißt nicht ab - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(„Focus Online“)

Screenshot Deutschlandfunk - Linke Gruppe bedrängt Polizistenfamilie - dazu ein Foto eines Vermummten bei einem Aufmarsch
(„Deutschlandfunk“)

Screenshot Deutschlandfunk - Dutzende Linke belagern das Haus eines Polizisten - dazu ein Foto eines Vermummten bei einem Aufmarsch
(„Bento“)

Dazu auch:

Mit Dank an Michael L. und Katrin für die Hinweise!

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Im Rausch der Daten, Zuckerbergs Anhörung, „Anstalt“ seziert Medien

1. Dokumentarfilm im Ersten: Im Rausch der Daten
(ardmediathek.de, Video, 89 Minuten)
Zweieinhalb Jahre hat Dokumentarfilmer David Bernet den europäischen Gesetzgebungsprozess um die „DSGVO“ filmisch begleitet. Protagonisten des Films sind die konservative EU-Kommissarin Viviane Reding und der Grünen-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht, die sich den Einflüssen von Lobbyisten und Wirtschaftsjuristen ausgesetzt sehen. Ein absolut sehenswerter und spannender Blick hinter die Kulissen des Machtapparats EU.

2. Ein Desaster vor allem für Facebook
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Viele Beobachter hielten die Zuckerberg-Anhörung vor dem EU-Parlament für missglückt und werteten die Fragestunde als Erfolg für den Facebook-Gründer und Misserfolg für die EU. Sascha Lobo sieht die Sache differenzierter: Es mag sein, dass Mark Zuckerberg den kurzfristigen PR-Kampf gewonnen habe. In Wirklichkeit sei die Anhörung jedoch ein Desaster für Facebook gewesen.
Weiterer Lesehinweis: Mein Team wird sich melden: Mark Zuckerberg düpiert das EU-Parlament (netzpolitik.org, Alexander Fanta)

3. Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf
(54books.de, Matthias Warkus)
Einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ nennt Thea Dorn ihr neues Buch, dem in der „Zeit“ bereits „gefährliche Unschärfen“ attestiert wurden. Nun hat der Philosoph Matthias Warkus das Dornsche Werk rezensiert und ist zu einigen interessanten Befunden und einer grundsätzlichen Feststellung gekommen: „Ihr Buch argumentiert nicht für deutschen Patriotismus; es argumentiert aus der Position heraus, dass Patriotismus und eben auch deutscher Patriotismus aus gewissermaßen existenziellen Gründen unverzichtbar sei, für eine bestimmte Form von deutschem Patriotismus (vermutlich immerhin tatsächlich für die brauchbarste). Wer die Sinnhaftigkeit von Patriotismus überhaupt hinterfragt, wird in diesem Werk nichts finden, was argumentativ vom Gegenteil überzeugen könnte.“

4. Der Präsident darf Kritiker nicht blockieren
(zeit.de)
Donald Trump darf auf Twitter keine anderen Nutzer blockieren, so unbequem und lästig sie ihm auch erscheinen mögen. Das hat ein New Yorker Bundesgericht entschieden und in seiner Begründung auf den ersten Verfassungszusatz verwiesen, der die Meinungsfreiheit schützt.

5. Kölsche Kapitulation
(horizont.net, Uwe Vorkötter)
Uwe Vorkötter schreibt über die „gemeinsame Sache“ der Medienhäuser „DuMont“ und „Madsack“, die in Wirklichkeit eine Kapitulation „DuMonts“ sei: „Das einstmals stolze und erfolgreiche Medienhaus gibt auf: den Journalismus, der sich um Politik und Wirtschaft, ums große Ganze also dreht; die Ambition, zu den führenden Zeitungsverlagen der Republik zu gehören; den Anspruch, die digitale Transformation des publizistischen Geschäfts zu meistern. DuMont kapituliert, Madsack übernimmt.“

6. Die Anstalt vom 22. Mai 2018
(zdf.de, Video, 49 Minuten)
In der Politsatire mit Max Uthoff und Claus von Wagner geht es um die Besonderheiten der deutschen Medienlandschaft. Dabei bekommen alle ihr Fett weg: Sowohl die öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk- und Fernsehsender als auch Medienhäuser wie Funke, Springer, Burda und Bauer.

Diekmanns „Mogelpackung“, Dates gegen Amokläufe, Homöopathen-Bots

1. Kai Diekmann startet eine Kampagne für seinen Zukunftsfonds.
(turi.de, Anne Fischer)
Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann hat zusammen mit einem Ex-Banker einen Geldanlage-Fonds aufgelegt, den Analysten als „Mogelpackung“ bezeichnen. Beworben wird die „Mogelpackung“ unter anderem mit einer Kampagne bei Bild.de im reißerischen und alarmistischen Advertorial-Stil. Für die junge Zielgruppe hat Diekmann gleich ein neues Finanzportal („Zaster“) gegründet, das „Lust auf Geldanlage“ machen und „das Tabuthema Geld“ aufbrechen soll. Siehe dazu: Wohin mit der Kohle? (sueddeutsche.de, Christoph Fuchs)

2. Hetze mit Foto von Dreharbeiten
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Ein Bild eines grimmig blickenden Flüchtlings in körperlicher Konfrontation mit einem Polizisten wurde von rechten Seiten tausende Male geteilt. Meist mit hämischen Kommentaren zu Flüchtlingsthematik und Abschiebepraxis. Das Bild stammt jedoch von Dreharbeiten zu einer Netflix-Serie („Dogs of Berlin“) und zeigt einen Schauspieler.

3. Michael Angele: Schirrmacher
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Der Journalist, Buchautor und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Frank Schirrmacher beschäftigt noch nach seinem Tod viele Menschen. Michael Angele, stellvertretender Chefredakteur des „Freitag“, hat Schirrmacher ein ganzes Buch gewidmet, das von Andrian Kreye, Co-Leiter Feuilleton der „SZ“, jüngst als „geschwätzig und durch und durch boshaft“ bezeichnet wurde. Nun hat Gregor Keuschnig das Buch besprochen.

4. Dates gegen Amokläufe! Oder warum Frauen daran Schuld haben, wenn sie umgebracht werden
(genderequalitymedia.org, Rebecca)
„Bild“ berichtete über eine Amoktat und stellte in der Schlagzeile die Frage, ob die zehn Opfer sterben mussten, weil ein Mädchen kein Date mit dem Täter haben wollte. „Gender Equality Media“ kritisiert sowohl die konkrete Berichterstattung als auch die dahinter stehende Denkungsart: „Unsere Medien sind, für die meisten ganz unbewusst, von patriarchalen Denkmustern und toxischer Maskulinität geprägt. Nicht nur BILD denkt, dass Mord etwas mit Liebe zu tun hat. Zuletzt konnte man auch eine ähnliche Schlagzeile bei stern.de finden. Um in unserer Gesellschaft etwas zu ändern, müssen wir endlich da hinsehen, wo es am meisten wehtut. Und das ist ironischerweise genau auf die (jungen) Männer, die in ihrer Enttäuschung, ebenso wie die Medien, lieber auf die Opfer, statt auf die Ursachen blicken.“

5. Vom Versuch, die Wirklichkeit zu illustrieren
(deutschlandfunk.de, Martina Kollroß, Audio: 4:58 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit dem sogenannten „Comic-Journalismus“ beschäftigt und Stärken und Schwächen des neuen Genres herausgearbeitet.

6. Ein Netzwerk von rund 70 Bots macht auf Twitter Stimmung für Homöopathie und wow, die Recherche war ein wilder Ritt
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Auf Twitter machen viele Accounts auf auffällige Weise positive Stimmung für Homöopathie. „BuzzFeed News“ hat einen Social Media Analyst mit der Recherche beauftragt, der ein Bot-Netzwerk aus rund 70 Schein-Identitäten identifiziert hat. Durch gegenseitiges Liken und Retweeten sorge dieses Netzwerk dafür, dass Hashtags wie #Homöopathie oder #MachAuchDuMit mit besonders vielen Beiträgen geflutet werden. Karsten Schmehl hat die Recherche mit vielen Screenshots unterhaltsam zusammengefasst.

Bild  

Wie „Bild“ zitiert

… kann man immer dann sehen, wenn sich die Zitierten anschließend woanders zu Wort melden. Letzte Woche zum Beispiel. Da erschien in der „Bild“-Zeitung:

Unser täglich Brot - Warum es so gesund ist, wann es frisch ist, wie man es aufbewahrt

Für den Artikel hatte „Bild“ den Brotexperten Lutz Geißler gefragt, was ein gutes Brot ausmacht, wie man es richtig aufbewahrt und so weiter.

Noch am selben Tag schrieb der Experte bei Facebook:

Heute ist ein kleines Interview mit mir in der Bild erschienen. Üblicherweise gibt der Interviewte das Gespräch vor Abdruck frei, um richtig zitiert zu werden. Auch ich habe das getan, nur um heute mit Schrecken feststellen zu müssen, dass neue Wörter zugedichtet und Zitate falsch gesetzt worden sind. Von der veröffentlichten Fassung distanziere ich mich hiermit und habe auch schon bei der Redaktion eine Protestnote eingelegt. Dies betrifft insbesondere:

1. „Brot enthält wichtige Mineralstoffe, Spurenelemente und vor allem Vitamine der B-Gruppe, die kaum über andere Lebensmittel aufgenommen werden können. Vitamin B1 ist unentbehrlich für ein funktionierendes Nervensystem.“ – Diese Aussage wurde nicht als Zitat gekennzeichnet, sondern wird als eigene journalistische Leistung ausgegeben.
2. „Dabei sollte unbedingt beachtet werden, dass die Brote und Brötchen möglichst schnell auf unter -18°C abgekühlt und auch möglichst zügig wieder aufgetaut werden müssen, um die Frische zu erhalten. Zum Auftauen das gefrorene Brot ein paar Minuten im 200-230°C heißen Ofen mit angefeuchteter Oberfläche oder mit etwas Dampf auftauen. Das gibt auch eine tolle Kruste.“ – Diese Aussage wurde nicht als Zitat gekennzeichnet, sondern wird als eigene journalistische Leistung ausgegeben.
3. „Nicht gut, denn es handelt sich oft um Backwaren aus Backmischungen, die industriell vorgebacken wurden und viele ungesunde Zusatzstoffe enthalten“ – Diese Aussage stammt nicht von mir, ist aber im Abdruck als Zitat gekennzeichnet. Inbesondere habe ich nie behauptet, dass Zusatzstoffe ungesund seien.

Vor allem der letzte Punkt untergrabe seine fachliche Expertise, so Geißler gegenüber BILDblog. Dabei habe er die Fragen schriftlich beantwortet und seine Aussagen später sogar noch autorisiert. Abgedruckt wurde dann aber einfach etwas anderes.

Wie man das bei „Bild“ eben macht. Ob bei Schauspielern, Politikern, Passanten, Schlagersängern, Popsängern, Rockern, Fußballtrainern, Sportdirektoren, Richtern oder Brotexperten.

Am Ende seines Facebookposts schreibt Geißler:

Es war nach langem Zögern das erste und nun vermutlich auch das letzte Mal, dass ich auf Anfragen von Bild & Co. reagiert habe. Wer jetzt sagt „selbst schuld“, hat wahrscheinlich sogar recht…

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Rassismus royal, Karikaturenstreit, Social-Media-Papst Papst

1. Rassismus auf allen Kanälen
(taz.de, Frederik Schindler)
Die „taz“ kritisiert die TV-Berichterstattung über das „Royal Wedding“. Die Kommentatoren hätten Meghan Markle mit rassistischen und sexistischen Stereotypen überzogen. Die Hautfarbe der Braut sei ein Dauerthema gewesen, ihre Herkunft sei auf rassistische Weise thematisiert worden und es hätte sexistische und frauenfeindliche Kommentare gegeben.
Weiterer Lesehinweis: Nicola Erdmann (welt.de) bezeichnet die Berichterstattung von ZDF und RTL als Albtraum-TV und konstatiert: „Respekt vor Zuschauern und Protagonisten hatte man nicht.“
Der österreichische Journalist und Fernsehmoderator Armin Wolf ordnet die in der Boulevardpresse genannten Fabel-Einschaltquoten ein: Millionen – nicht Milliarden
Und wer gerne sehen und hören will, worum es bei der Kritik an der Hochzeitsberichterstattung geht: „Übermedien“ hat ein Zwei-Minuten-Video zusammengeschnitten: „Ein exotisches Paar, ich sag’s mal so salopp“

2. Stereotype und Klischees
(sueddeutsche.de, Kurt Kister)
Der „SZ“-Chefredakteur Kurt Kister erklärt seine Haltung zur umstrittenen Netanjahu-Karikatur und die Gründe, die zur Trennung vom langjährigen Karikaturisten Dieter Hanitzsch geführt haben.
In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenswert der Beitrag von Timur Vermes bei „Spiegel Online“, der Hanitzsch für keinen Antisemiten, jedoch für hoffnungslos überschätzt hält und das mit Beispielen begründet.


3. Die Beef! feiert ein Sausage-Fest
(mixology.eu, Nils Wrage)
Die Food-Zeitschrift „Beef!“ (Gruner+Jahr) hat sich in den vergangenen neun Jahren auf dem Zeitschriftenmarkt etabliert und ist eine publizistische Marke geworden. Man richtet sich an „Männer mit Geschmack“, denen Fleisch ihr liebstes Gemüse ist. Nun eröffnet das Magazin in Frankfurt ein eigenes Restaurant: „Beef! Grill & Bar.“ Passend zum Leitspruch von den Männern mit Geschmack, dürfen zur Eröffnungsfeier Mitte Juni keine Frauen kommen. Nils Wrage kann das, allerlei Erklärungsversuchen zum Trotz, nicht witzig finden und rantet: „Verzieh Dich, Beef! Grill & Bar! Verzieh Dich meinetwegen in irgendein Land, das Frauen von Amts wegen herabstuft; in die tiefsten Tiefen Alabamas und Mississippis; in die alten Herrenclubs, wo man dann zu fortgeschrittener Stunde in Form von Prostituierten zumindest ein paar Frauen vorfahren lässt.“

4. Hate Speech: der Bumerangeffekt
(geschichtedergegenwart.ch, Sylvia Sasse & Sandro Zanetti)
Die beiden Schweizer LiteraturwissenschaftlerInnen Sasse und Zanetti denken darüber nach, was Hate Speech über den Hater selbst aussagt, und zwar in Sachen Selbstinszenierung, Selbstkonstitution und Selbstbeleidigung.

5. DSGVO – Haben wir es alle zusammen vergeigt?
(marcelmellor.com)
Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) habe den Ruf des Datenschutzes geschwächt und das Internet weiter zentralisiert, findet Marcel Mellor. Der Datenschutz stärke die großen Plattformen, sei teuer und befördere das Misstrauen. Er bleibt dennoch optimistisch: „Irgendwie haben wir’s vergeigt, aber wir kriegen das auch wieder hin.“

Weiterer Lesetipp: Lutz Donnerhacke hat in Der praktische Weg zur DSGVO zusammengetragen, was man als Blogger in Sachen DSGVO beachten sollte. Und auch er bleibt allen Schwierigkeiten zum Trotz optimistisch: „Das Internet ist groß und interessant geworden, weil wir nie aufgegeben haben. Lassen wir uns nicht von einer unbegründeten Angst ins Bockshorn jagen.“
Auch Fotografen sollten besonnen bleiben, für Panik gebe es keinen Anlass, so ein neuer Beitrag auf „heise.de“: DSGVO: Ende der Fotografie oder halb so schlimm?

6. Papst stellt Social-Media-Regeln für Nonnen auf
(mdr.de)
„Seine Heiligkeit“ Papst Franziskus teilt anscheinend mit vielen Usern die Leidenschaft für Social Media. Auf Twitter versorgt er Millionen von Followern (deutschsprachiger Raum: mehr als 600.000) mit Bibelzitaten, Sinnsprüchen, Appellen und allerlei anderem Erbaulichen. Nun hat der Papst in einer Richtlinie Ordensfrauen davor gewarnt, ihre Zeit mit sozialen Medien zu vergeuden. Ob dem eigene Erfahrungen zugrunde liegen, ist dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Dokument des Vatikans nicht zu entnehmen.

SZ-Karikaturisten-Kündigung, ND-Krise, Gesetzeswidriger Ausschluss

1. „Süddeutsche Zeitung“ trennt sich von ihrem Zeichner
(faz.net)
Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) hat ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch beendet. Auslöser war eine eine als antisemitisch kritisierte Karikatur, die vielerorts für Empörung gesorgt hatte (Ein Beispiel: Der offene Brief der Schauspielerin und Sängerin Sandra Kreisler).
Zu einer anderen Einschätzung kommt der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung im Deutschlandfunk, der die Kritik an der Karikatur für ungerechtfertigt hält: Die Zeichnung sei unfreundlich für Israels Ministerpräsidenten, aber nicht judenfeindlich.
Der Zeichner Dieter Hanitzsch ist sich nach wie vor keiner Schuld bewusst, wie er im Gespräch mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) erklärt.

2. Grundstück boomt, Zeitung kriselt
(taz.de, Anne Fromm)
Dem „Neuen Deutschland“ geht es wirtschaftlich nicht gut: Die Vor-Wenden-Auflage von einer Million Exemplaren ist auf knapp 25.000 Exemplare gesunken, die Erlöse aus Anzeigengeschäft und Online sollen bescheiden sein. Doch da ist ja noch ein Trumpf: Das Verlagshaus steht auf einem Premium-Grundstück, das Schätzungen zufolge mehrere Millionen Euro wert sein soll. Nun bangt die ND-Belegschaft um ihre Zukunft.

3. Ausschluss von Pressevertretern ist gesetzeswidrig
(djv.de, Eva Werner)
Der Kreisverband der AfD Erding hat der Lokalredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ ein Hausverbot erteilt. Wohl weil man mit der Berichterstattung unzufrieden war. Nun hat das zuständige Landratsamt in einer Pressemitteilung erklärt, dass ein solcher Ausschluss von Medienvertretern gesetzwidrig ist und mit Geldbußen bis 3.000,00 € geahndet werden kann.

4. Noch nicht 100 Tage im Amt: Barley irrlichtert
(carta.info, Christian Humborg)
Christian Humborg ist „Leiter Zentrale Dienste“ bei „Wikimedia Deutschland“, dem gemeinnützigen Verein hinter dem Onlinelexikon Wikipedia. In einem Kommentar auf „Carta“ kritisiert er die Arbeit der neuen Justizministerin Katharina Barley: „Mit ihrer geplanten Unterstützung der EU-Urheberrechtsreform in der gegenwärtigen Form bricht die Justizministerin den Koalitionsvertrag, schränkt die Meinungsfreiheit ein, stellt sich gegen das Europaparlament und vertritt Axel Springer-Interessen.“

5. BND beendet illegale Datenverarbeitung
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ konnte im Streit mit dem Bundesnachrichtendienst einen Erfolg für sich verbuchen: Der BND hat nach jahrelangem Rechtsstreit mit der Organisation verbindlich erklärt, die illegale Analyse von Telefon-Verbindungsdaten zu beenden. In zwei weiteren Verfahren ginge der juristische Kampf von Reporter ohne Grenzen gegen anlasslose Überwachung von Journalistinnen und Journalisten durch den BND jedoch weiter.

6. „Selbst ich könnte die Regeln der DSGVO umsetzen“
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Věra Jourová ist seit 2014 EU-Kommissarin für Justiz, Verbraucherschutz und Gleichstellung und für die in wenigen Tagen geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) mitverantwortlich. Im Interview nennt sie einige gute Argumente für die Verordnung, über die derzeit (auch intern bei uns im BILDblog) so viel geächzt und gestöhnt wird.

Wie Özil und Gündogan bei Erdogan die Werte des DFB hochgehalten haben

Man muss Mesut Özil und Ilkay Gündogan dankbar sein. Rechtzeitig vor der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft räumen sie mit einem Missverständnis auf, einem von Medien und DFB gepflegten Missverständnis, das den Sieg der deutschen Mannschaft beim vergangenen Turnier zu etwas verklärte, was er nicht war. Es reichten ein paar Fotos der beiden Fußballer mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die in vielen Redaktionen aktuell für Verwunderung und Entsetzen sorgen.

„Die Mannschaft“, wie sie seit 2015 aus Vermarktungsgründen heißt, ist nämlich keine Wertegemeinschaft. Sie ist, ja!, eine Fußball-Mannschaft. Sie besteht aus Fußballspielern. Fußballspieler sind keine dümmeren Menschen, aber auch keine schlaueren, keine mit edleren Werten als andere.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. In seinem neuen Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“ prangert er die „schrecklich nette Homophobie“ auch in den Medien an. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Klar sollen Spitzenspieler Vorbilder sein, das ist Teil ihres Jobs, sie sollten also möglichst wenig Unsinn in der Öffentlichkeit veranstalten, der von ihren minderjährigen Fans nachgemacht werden könnte. Darüber hinaus ist aber das Gerede von den „Werten der Mannschaft“ vor allem Marketing-Geschwätz, Marketing-Sprech, der von den allermeisten Medien kritiklos weiterverbreitet wird. In der Pressemitteilung zum Launch der Marke „Die Mannschaft“ ließ der DFB verlauten:

„Die Mannschaft zeichnet ihr Zusammenhalt aus. Wir sind immer füreinander da, wir gehen respektvoll miteinander um, und natürlich stehen wir für den Erfolg“, sagt Mesut Özil. Benedikt Höwedes pflichtet seinem Weltmeister-Kollegen bei. „Das wir in aller Welt als ‚Die Mannschaft‘ bezeichnet werden, ist echt etwas Besonders“, sagt er.

Das Unverständnis, das Per Mertesacker von ehemaligen Profis, Experten und auch Medien entgegenschlug, als er im März 2018 über seine Ängste als Profifußballer und früherer Nationalspieler sprach („irgendwann realisierst du, (…) dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist“), liegt auch darin begründet, dass viele Redaktionen PR-Floskeln wie in der zitierten DFB-Mitteilung allzu gerne unreflektiert weiterverbreiten.

Das Gerede von den Werten ist vor allem dafür da, Produkte zu verkaufen, und vor allem solche, die sich einen Imagetransfer erhoffen. Einen Imagetransfer haben besonders die Marken nötig, die ein Imageproblem haben. Der neue Hauptsponsor VW zahlt deutlich mehr als sein Vorgänger Mercedes, hauptsächlich wohl, weil er es nötig hat. Der Konzern darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass seine Vergehen an der hiesigen Bevölkerung von dieser mit Milde betrachtet werden. Lieber, als in Aufklärung, transparentere Konzernstrukturen und möglichst saubere Autos zu investieren, investiert er in Wohlfühl-Propaganda. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft müssen also bei ihren Fans für Dinge werben, die gegen deren Interesse sind. Ohne das VW-Engagement beim DFB wäre der Druck auf den Konzern vermutlich größer.

Das Problem ist, dass Medien die PR-Geschichten um die Nationalmannschaft weitererzählen, als wären es keine PR-Geschichten, sondern Nachrichten; sie also nicht nur den verlogenen Kern, das Inszenierte, das Verkäuferische an diesen Geschichten nicht offenbaren und problematisieren, sondern — im Gegenteil — durch ihre Berichterstattung Reklame zur Wahrheit machen.

Über einen gemeinsamen PR-Termin im Vorfeld der WM 2010 mit den beiden Mercedes-Werbeträgern Niko Rosberg und Deutsche Nationalmannschaft, einen Termin also, der keinen anderen Grund hat, als die Marke Mercedes über die von ihr bezahlten Sportler zu erzählen, schreiben die „Bild“-Medien:

Mercedes-Pilot Nico Rosberg (24) glaubt fest daran, dass die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister werden kann. Und sagte es Poldi & Co. gleich ganz persönlich — in Eppan (Südtirol).

Rosberg besuchte das Trainingslager von Jogi Löws (50) Jungs. Schoss wie ein ganz normaler Fan Erinnerungsfotos mit dem Busfahrer, dem Bundestrainer und Bayern-Profi Philipp Lahm (26).

Doch nicht nur das von Mercedes nahegelegte Storytelling übernimmt „Bild“, sondern auch die direkte Verknüpfung mit dem Markenzeichen:

Lahm spielte mit 21 Jahren seine erste Europameisterschaft (2004 in Portugal). Rosberg fuhr mit 21 seinen ersten Formel-1-Grand-Prix (2006 in Bahrain). Seitdem sind beide Sportler Stars. Und tragen Sterne auf der Brust. Freizeit-Kicker Rosberg (mit dem Mercedes-Stern) wünscht Lahm und dessen Kollegen den vierten Weltmeister-Stern.

Die Penetration des Begriffes des „vierten Sterns“ war damals einer der Schwerpunkte der gemeinsamen Markenkampagne von DFB und Mercedes.

Die meisten Medien, allen voran „Bild“, spielen die Marketing-Märchen solange mit, bis es kracht. Und auch danach. Als es während der WM-Vorbereitung 2014 bei einer gemeinsame PR-Autorfahrt mit Rosberg und Spielern der Nationalmannschaft zu einem lebensgefährlichen Unfall kommt, widerspricht kaum jemand, als Team-Manager Oliver Bierfhoff sagt:

Man hat immer im Leben ein Restrisiko, das müssen wir so klein wie möglich halten. Wir werden aber auch weiterhin Aktivitäten und Teamaktivitäten anbieten, wo ein geringes Restrisiko vorhanden ist, uns nicht einigeln und auf eine Sache konzentrieren. Meine Meinung, mit der Mannschaft auch außerhalb des Platzes Aktivitäten zu starten, hat sich nicht geändert.

… und dabei eine Werbeaktion zu einer Art sportlichem Teambuilding umdeklariert.

Kolumne Politically Correct

Die Spieler sind es gewohnt, dass ihre „Werte“ zur Promotion entgegengesetzter Anliegen verscherbelt werden. Aktuell müssen sie nicht nur für Autos einer Schummel-Marke werben, sondern auch Kinder zu Süßigkeiten verführen, die zu einem pervers hohen Anteil aus Zucker bestehen. „Nur vollwertige und abwechslungsreiche Kost gewährleistet auch volle körperliche und geistige Leistung. Das Risiko von Sportverletzungen sinkt, die Konzentrationsfähigkeit steigt“, schreibt Nationalmannschaftskoch Holger Stromberg auf der DFB-Website über die „Philosophie“ der „Mannschaft“, was natürlich auch reines Marketing-Geschwätz ist. Die offiziellen Sammelkarten der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2018 liegen unter anderem dem Ferrero-Produkt Kinder-Riegel bei, bei dem Foodwatch 2016 gesundheitsgefährdende Mineralöle entdeckt hatte.

Die Organisation warf dem Hersteller damals vor, „grob fahrlässig“ zu handeln und forderte ihn auf, diese Produkte vom Markt zu nehmen, was dieser verweigerte. Dafür, dass Ferrero sich dazu bis heute nicht erklären muss, werben die Spieler der Nationalmannschaft mit ihrem Imagetransfer. Auch ohne den DFB verkaufen sich Fußballspieler hemmungslos an die Werbeindustrie, während der DFB die Marke „Mannschaft“ mit Charaktereigenschaften aufbläst, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet geben. Die Fußballspieler haben das längst begriffen. Sie haben gelernt, sich, ohne viel nachzudenken und nachzufragen, neben irgendwelche Marken zu stellen, in die Kamera zu lächeln und irgendwas Nettes zu sagen. Nicht viel mehr und nicht viel weniger haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan jetzt bei Erdogan getan.

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UKW-Aus?, Leistungsschutzrecht bringt nix, ESC-Würstchen mit Senf

1. Streit ums UKW-Netz: Betreiber drohen mit Funkstille
(ndr.de, Daniel Bouhs & Kathrin Drehkopf)
Die nachteiligen Folgen von Privatisierung kann man derzeit beim Streit ums UKW-Netz beobachten: Die Privatisierung von UKW-Antennen könnte im schlimmsten Fall das Aus für das UKW-Radio bedeuten. Natürlich liegt es wieder mal am Geld: Sendenetzbetreiber und Antennenbesitzer können sich nicht auf neue Preise einigen. Die „Zapp“-Autoren Daniel Bouhs und Kathrin Drehkopf erklären die verschiedenen Positionen und Interessenlagen in diesem kniffligen Konflikt.

2. VG Media darf Google weiterhin bevorzugen
(golem.de, Friedhelm Greis)
Der Suchmaschinenkonzern Google profitiert weiterhin vom Leistungschutzrecht und von der Bevorzugung durch die Verwertungsgesellschaft der Medienunternehmen, der „VG Media“: Das Verwaltungsgericht München hat den Prozess um das Verbot der Gratislizenz ausgesetzt.

Weiterer Lesetipp: Tabea Rösner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz (Bündnis90/Die Grünen), schreibt unter Leistungsschutzrecht: Kostet Millionen – bringt nichts: „Es ist unverantwortlich, dass die Bundesregierung weiterhin die seit Jahren versprochene Evaluation des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger schuldig bleibt. Allerdings wurde nun mal wieder doppelt bestätigt, dass das Gesetz Unmengen Kosten verursacht und Gerichte über Jahre beschäftigt – indes für die eigentlichen Probleme der Presseverlage in keiner Weise hilfreich ist.“ Laut Jahresbericht habe die VG Media letztes Jahr mehr als zwei Millionen Euro Rechtskosten aufgewendet, um einen Betrag von 30.000 Euro einzunehmen.

3. Das Beste, was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk passieren konnte
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Demnächst entscheidet das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der pauschalen Rundfunkabgabe. Claudia Tieschky kann dem Streit um die heftig kritisierte Abgabe auch etwas Positives abgewinnen: „Die Sender müssen sich mit denen auseinandersetzen, die sie nicht mögen. Finanzen können zwangseingezogen und bombenfest sein, ohne die Liebe des Publikums geht Rundfunk einfach nicht.“

4. „Apples Podcast-Charts können leicht manipuliert werden“
(t-online.de, Marc Krüger)
Radio-„Futurologe“ und Podcast-Experte James Cridland spricht im Interview ein grundsätzliches Problem der Podcast-Szene an. Es gebe derzeit keine unabhängigen Podcast-Statistiken, welche die gesamte Podcast-Branche widerspiegeln – von kleinen Herzensprojekten bis hin zu den Multi-Millionen-Unternehmen. Apples Podcast-Charts seien intransparent und leicht manipulierbar. Eine Firma würde beispielsweise für Summen zwischen 5.000 und 10.000 Dollar Top-Platzierungen in den Podcast-Charts bei iTunes anbieten. Apples Podcast-Charts seien für ihn dadurch nicht mehr glaubwürdig.

5. Wikimedia-Chefin Maher im Interview: „Vielleicht gibt es nur Platz für eine Organisation wie uns“
(heise.de, Torsten Kleinz)
Seit zwei Jahren leitet Katherine Maher die Wikimedia-Foundation und verantwortet damit auch Wikipedia. Im Interview mit „heise online“ spricht sie über Zensur, Motivation und die Unausgewogenheit der Autoren-Community. Absolut lesenswert für uns alle, die wir täglich das Online-Lexikon verwenden, aber viel zu wenig über die Hintergründe wissen.

Weiterer Tipp: Katherine Mahers Auftritt auf der re:publica 2018: „You gotta fight for your right to free knowledge!“ (Video, 54 Minuten)

6. ESC & BILD: Wenn ein Würstchen seinen Senf dazugibt
(spiesser-alfons.de, Harald Dzubilla)
Spießer Alfons über den Wandel eines „Bild“-ESC-Reporters vom Fundamental-Basher zum Lobpreiser mit Gedächtnislücke.

Russland vs. Seppelt, Maffay vs. „Spiegel“, Erdogan vs. Böhmermann

1. Einreise mit Unwägbarkeiten
(tagesschau.de)
Russland verweigerte dem ARD-Dopingexperten Halo Seppelt zunächst das für den Besuch der Fußball-WM notwendige Visum. Dagegen erhob sich von verschiedenen Seiten Protest. Nun vermeldete Außenminister Heiko Maas auf Twitter einen Zwischenerfolg: „Russische Seite hat uns soeben mitgeteilt, dass @hajoseppelt zumindest zur WM einreisen kann.“ Damit ist die Sache jedoch nicht ausgestanden, denn es ist unklar, ob und in welchem Umfang Seppelt von Russland aus berichten darf. Außerdem will die staatliche Ermittlungsbehörde Seppelt als Zeugen in dem Strafverfahren gegen den Ex-Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors befragen. Dazu werde man „Maßnahmen ergreifen“.

2. SPIEGEL gegen Maffay – 5:0
(spiegel.de)
Im Juli 2017 berichtete der „Spiegel“ über die Peter Maffay und seine „fragwürdige Stiftung“, die traumatisierten Kindern Urlaub auf Mallorca ermöglichen will. Die Hauptvorwürfe: Der Biohof sei verwahrlost, Maffays Geschäftspartner und Fans seien verärgert. Dagegen setzte sich Peter Maffay juristisch zur Wehr. Nun teilte sein Anwalt mit, dass sein Mandant die Klage zurücknimmt. Der „Spiegel“ dazu im hauseigenen Blog: „Damit hat Maffay das Unterlassungsverfahren verloren, wie zuvor schon alle vier Gegendarstellungsverfahren in Hamburg. Auf die Richtigstellungsansprüche hat er bereits verzichtet. Und um die Redlichkeit von Maffay wird sich die Staatsanwaltschaft Köln kümmern, Aktenzeichen 981 Js 538/18.“

3. Tumult beim Presserundgang im Transitzentrum
(donaukurier.de)
Im bayrischen Oberstimm wurde aus einer ehemaligen Kaserne eine „Ankunft- und Rückführungseinrichtung“ für Asylbewerber gemacht. Bei einem Presserundgang kam es am Dienstag zu Tumulten. Zunächst hätten sich die Asylbewerber mit den etwa 50 Journalisten über die ihrer Meinung nach menschenunwürdigen Zustände in dem Lager unterhalten. Dann kam es zu einer Spontandemonstration, die jedoch unterbunden wurde: „Danach ging der Presserundgang weiter, als wäre nichts gewesen. Den Journalisten wurden die leeren Zimmer der Bewohner präsentiert. Mit diesen unterhalten durften sich die Pressevertreter aber nicht mehr.“

4. Über jeden „Mist“ berichten?
(deutschlandradio.de, Janko Tietz & Henning Hübert, Audio, 6:05 Minuten)
Angesichts der umstrittenen Äußerungen von Dobrindt (CSU) und Lindner (FDP) fand „Spiegel-Online“-Redakteur Janko Tietz auf Twitter direkte Worte: „Wenn wir als Medien solchen Mist verbreiten, sind wir mit Schuld.“ Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Dietz über seinen Tweet unterhalten. Im Gespräch geht es um den Umgang mit Provokationen in einem gesellschaftlich aufgeheizten Klima und die Verantwortung von Journalisten.

5. Regierung: Geheimnis um ein Geschenk für Verleger
(ndr.de, Philipp Hennig & Kaveh Kooroshy)
Die Zeitungsverlage können sich über eine nur für sie geltende Sonderregelung freuen: Laut Koalitionsvertrag wird der Arbeitgeberanteil für die Rentenversicherung bei minijobbenden Zeitungszustellern von 15 auf 5 Prozent abgesenkt. „Panorama 3“ wollte wissen wie der für die Verleger so attraktive Passus in den Koalitionsvertrag gekommen ist und hat die Mitglieder der zuständigen Arbeitsgruppe kontaktiert.

6. Dreiviertelsieger Erdoğan
(taz.de, Christian Rath)
Nachdem schon das Hamburger Landgericht so entschieden hatte, hat nun auch das Oberlandesgericht Hamburg Jan Böhmermann untersagt, 18 von 24 Zeilen seines Erdogan-Gedichts zu wiederholen. Damit ist die Sache jedoch nicht am Ende angelangt: Böhmermanns Anwalt habe klargemacht, dass sein Mandant auf jeden Fall auch das Bundesverfassungsgericht anrufen wird.

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