KW 24: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?
(ardaudiothek.de, Audio)
Wer wenig Zeit hat und nur eine Empfehlung von dieser Liste mitnehmen will: Hier ist sie! Die Produktion über die Verwandlung von Ken Jebsen vom aufstrebenden Radiomoderator zum berühmt-berüchtigten Verschwörungsideologen ist großartig umgesetzt. Die Macherinnen und Macher haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen und sind erkennbar bemüht, ein möglichst facettenreiches Bild von der Person Jebsen zu zeichnen (jedenfalls in den ersten zwei bislang abrufbaren Folgen). Absoluter Hörtipp!

2. Verdacht: Kritische Artikel gegen Spenden gelöscht
(youtube.com, Zapp – Das Medienmagazin, Video: 9:20 Minuten)
Arndt Ginzel berichtet für das Medienmagazin “Zapp” über einen äußerst bemerkenswerten Fall: Ein Finanzjournalist soll Leuten, deren Produkte bei seinem Test schlecht abgeschnitten haben, das Löschen der für sie nachteiligen Artikel anbieten – gegen eine Spende an die Leipziger Tafel. Was sagen die Tafel-Verantwortlichen dazu? Was sagt der Deutsche Journalisten-Verband zu dem Fall? Und was ist strafrechtlich von der Sache zu halten?

3. Kanzlerduell auf YouTube mit REZO?
(youtube.com, Rezo, Video: 14:36 Minuten)
Die Youtuber Rezo und Tilo Jung wollten gemeinsam ein Online-Kanzlerduell organisieren und hatten dafür nach eigenen Aussagen bereits Unterstützungszusagen von Youtube und “Zeit Online” als technische Dienstleister beziehungsweise Ausrichter. Von Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) sei ebenfalls grünes Licht für die Veranstaltung gegeben worden, von Armin Laschet (CDU) sei hingegen eine Absage gekommen. Im Video erzählt Rezo den “Verhandlungsverlauf” zwischen den Beteiligten nach.

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4. Buchvorstellung: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper
(youtube.com, AStA der Universität Bonn, Video: 1:55:50 Stunden)
Wolfgang M. Schmitt rechnet in seinem Buch “Influencer: Ideologie der Werbekörper” (Co-Autor: Ole Nymoen) mit – der Titel verrät es schon – dem Geschäftsmodell der Influencer ab. Auf Einladung des AStA der Universität Bonn stellt Schmitt sein Buch vor und analysiert die Ökonomie und Ideologie der Influencer.

5. Neue Boulevardmedien und parteiische Medien: Diskussion der Initiative Qualität im Journalismus
(youtube.com, IQ Journalismus, Video: 1:32:49 Stunden)
Die Initiative Qualität im Journalismus hat einen Livetalk über “Neue Boulevardmedien und parteiische Medien” veranstaltet. Es geht dabei um die Fragen: Was bedeutet Aktivismus für den Qualitätsjournalismus? Was bedeuten die Entwicklungen am Medienmarkt für den Qualitätsjournalismus? Und was verändert sich dadurch im Journalismus? Es diskutieren Alexandra Föderl-Schmid (stellvertretende Chefredakteurin der “Süddeutschen Zeitung”), Michael Roither (Professor für Digitale Medien und Kommunikation), Thomas Walach (Chefredakteur “ZackZack”) und Ivo Mijnssen (Korrespondent Zentral- und Osteuropa für die “NZZ”).

6. “Ein Sumpf aus systemischer Korruption”
(falter.at, Video: 41:31 Minuten)
Florian Klenk, Chefredakteur des österreichischen “Falter”, hat sich mit dem ehemaligen “Krone”-Ressortleiter Thomas Krems unterhalten. Wie funktioniert Österreichs auflagenstärkstes Boulevardblatt? Und wie schafft es Bundeskanzler Sebastian Kurz, das Blatt für sich einzuspannen? Krems packt in gnadenloser Offenheit aus und erzählt von seinen ersten Begegnungen mit dem heutigen Bundeskanzler, der Macht der Verlegerfamilie Dichand sowie der “Inseratenkorruption” in Österreich.

Wie “Bild” mit Kritik umgeht

Vergangene Woche hat der Deutsche Presserat mal wieder Rügen verteilt. Traditionell ganz vorne mit dabei: die “Bild”-Medien. Sieben der 17 ausgesprochenen Rügen gingen an “Bild”, Bild.de oder “Bild am Sonntag”, weil die jeweilige Redaktion …

  • … in einem Artikel über angebliche Alkoholprobleme einer Person berichtete, obwohl sich diese Person dazu nicht äußern wollte.
  • … in einem anderen Artikel private Sprachnachrichten derselben Person ohne deren ausdrückliche Einwilligung veröffentlichte.
  • … in einem Artikel unverpixelte Fotos des Täters und der Opfer eines Tötungsdelikts zeigte.
  • … in einem Artikel ein unverpixeltes Foto eines minderjährigen Opfers veröffentlichte, “offensichtlich ohne Einwilligung der Angehörigen”.
  • … in einem Artikel ein unverpixeltes Foto eines anderen minderjährigen Opfers zeigte.
  • … in einem Artikel ein Foto einer getöteten Frau veröffentlichte, das sie von deren Facebook-Seite genommen hatte, ohne Einwilligung der Angehörigen.

Auf die siebte Rüge wollen wir etwas detaillierter eingehen, weil der Vorgang dahinter wunderbar zeigt, wie die “Bild”-Redaktion und Chefredakteur Julian Reichelt mit Kritik umgehen. Und weil das problematische Verhältnis von “Bild” zur Wahrhaftigkeit deutlich wird.

In der März-Ausgabe der “Blätter für deutsche und internationale Politik” schrieb der Publizist Albrecht von Lucke eine lesenswerte ausführliche Analyse des TV-Projekts “Bild live”. Der Beitrag ist ausgesprochen kritisch. Schon im Teaser heißt es:

Die neueste Ideologieproduktion aus dem Hause »Springer«

Und im Text:

Kaum ein Politiker oder eine Politikerin, sieht man einmal von der Kanzlerin ab, der oder die sich den Anfragen von “Bild” entzöge; alle rennen – auch mangels anderer Live-Möglichkeiten im Corona- und Superwahljahr – dem neuen Sender förmlich das Studio ein. So etwa nach dem jüngsten Corona-Gipfel am 10. Februar, als sich Kanzleramtschef Helge Braun den Fragen von “Bild”-Vize Paul Ronzheimer stellte – im Laufband untertitelt nicht, wie sonst üblich, mit “Gespräch” oder “Interview”, sondern mit “Merkels wichtigster Mann im Verhör”. Ebenfalls kurz zuvor “im Bild-Verhör”: Gesundheitsminister Jens Spahn. Hier artikuliert sich die zugrundeliegende aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung – “Bild live” als die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste.

Die “Bild”-Redaktion griff Luckes Artikel auf, drehte dessen Aussage aber komplett um. Aus der scharfen Kritik an “Bild live” wurde am 27. Februar in “Bild” ein großes Lob für “Bild live”:

Ausriss Bild-Zeitung - Polit-Experte Albrecht von Lucke - Bild live ist die Stimme des Volkes

Er zählt zu den profiliertesten Politikexperten des Landes: Albrecht von Lucke (54), Autor zahlreicher Bücher (u.a. “Die gefährdete Republik”)!

Jetzt hat Lucke in einem Beitrag in “Blätter für deutsche und internationale Politik” den Erfolg des TV-Formats BILD live auf BILD.de gewürdigt. (…)

BILD Live sei “die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste”, konstatiert von Lucke.

Die von Lucke dargelegte “aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung” im “Bild”-TV-Studio lässt “Bild” lieber unerwähnt; das Selbstverständnis von “Bild live”, das Lucke der Redaktion zuschreibt, verdreht diese zu einer Bewertung von Lucke selbst. Und mal abgesehen davon, dass die “Bild”-Redaktion das alles gänzlich aus dem (kritischen) Zusammenhang reißt: Das wörtliche Zitat aus der Überschrift ist in dieser Form frei erfunden.

(Nur nebenbei bemerkt: Wie traurig und klein ist es eigentlich, dass die Redaktion der größten Zeitung Deutschlands es offenbar nötig hat, auf der eigenen Seite 2 einen Artikel darüber zu veröffentlichen, wie toll jemand anderes das eigene TV-Format vermeintlich findet?)

Für die Verfälschung des Zitats von Albrecht von Lucke gab es die bereits erwähnte Rüge vom Presserat. Der sah “einen gravierenden Verstoß gegen das Gebot zur wahrhaftigen Wiedergabe wörtlicher Zitate” und den “Bild”-Artikel generell als “Verstoß gegen das Gebot zur Wahrhaftigkeit nach Ziffer 1 des Pressekodex”.

Es handelt sich dabei nicht um einen einmaligen Ausrutscher. Dass sich die “Bild”-Redaktion aus Kritik ein Lob bastelt, oder dass sie Kritik an der eigenen Berichterstattung aus Zitaten streicht, kommt häufiger vor. Als sich beispielsweise Günter Wallraff mal anerkennend über eine “Bild”-Reportage äußerte, kürzte Bild.de die gleichzeitige “Bild”-Kritik aus dem wörtlichen Zitat Wallraffs einfach raus.


Unser Buch ist überall erhältlich, zum Beispiel bei euren lokalen Buchhändlern, bei GeniaLokal, bei Amazon, bei Thalia, bei Hugendubel, bei buch7, bei Osiander oder bei Apple Books. Es ist auch als eBook und Hörbuch erschienen.

In unserem Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” geht es in einem ganzen Kapitel um den Umgang von “Bild” mit Kritik. Darin beschreiben wir das generelle Vorgehen der Redaktion und erwähnen unter anderem zwei weitere konkrete Beispiele. Hier ein Auszug:

Für die Macher der “Bild”-Medien ist das keine unbekannte Strategie, mit Kritik umzugehen: löschen, verschweigen, verstecken. Wenn sich zum Beispiel Prominente negativ über “Bild” äußern, gibt sich die Redaktion große Mühe, ihren Lesern diese Kritik vorzuenthalten. Als die Zeitung 2018 behauptet, Helene Fischer könne aufgrund eines Infekts womöglich “nie wieder singen” und habe einen “Wunderheiler aus den USA” einfliegen lassen, veröffentlicht die Sängerin einen langen Facebookpost über ihren Gesundheitszustand, in dem sie unter anderem schreibt, die Wunderheiler-Geschichte sei “totaler Quatsch”. Über diesen Beitrag berichtet auch “Bild”, druckt ihn in der Zeitung ab – setzt dabei eine Bildunterschrift jedoch exakt so, dass ausgerechnet die kritischen Worte von Helene Fischer verdeckt werden.

Ein ähnlicher Fall im Jahr darauf, als der TV-Moderator Walter Freiwald bekannt gibt, dass er unheilbar erkrankt ist. Bei Twitter schreibt er:

Bevor die @BILD oder @RTLde irgendwelche Unwahrheiten über meine Person verbreiten, will ich selbst mitteilen, dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.

“Bild” macht daraus kurzerhand:

“Bevor irgendwelche Unwahrheiten über meine Person verbreitet werden, will ich selbst mitteilen, dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.”

Für “Bild”-Kritik ist in “Bild” eben kaum Platz.

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Eriksen-Bilder nötig?, Festnahmen bei “Apple Daily”, Ronaldos Wasser

1. Medienethikerin zu Eriksen-Berichterstattung: “Bilder dienten der Sensationalisierung”
(rnd.de, Hannah Scheiwe)
Die Berichterstattung über den Zusammenbruch des Fußballers Christian Eriksen während eines EM-Spiels wirft Fragen nach der Verantwortung der Medien auf: Die einen kritisieren die Bilder als sensationslüstern, voyeuristisch und übergriffig, die anderen verteidigen das Zeigen der Aufnahmen mit dem Hinweis auf die Dokumentationspflicht. Die Medienethikerin Petra Grimm ordnet den Fall im Interview ein. Sie kritisiert das Vorgehen einiger Redaktionen, nimmt allerdings eine generelle Sensibilisierung in der Gesellschaft wahr: “Wir sind aber mittlerweile auch im Großen und Ganzen sensibler geworden bezüglich dessen, was als Tabu gilt oder nicht. Livebilder von Unfallsituationen werden weitgehend nicht mehr toleriert. Das ist eine positive Entwicklung.”
Weiterer Lesehinweis aus unserem BILDblog-Archiv: Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen.

2. Trumpscher Wahlkampf
(kontextwochenzeitung.de, René Martens)
René Martens kommentiert die Anti-Grünen-Medienkampagne der Wirtschaftslobbyisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und führt ein interessantes, bislang wenig gehörtes Argument an: “Ein nicht unmaßgebliches Motiv für die Kampagne dürfte der Wunsch der Akteure gewesen sein, ihre Frauenfeindlichkeit ausleben zu können. Sie kommt unter anderem in der Verkindlichung der 40-jährigen Baerbock (‘Annalena und die zehn Verbote’) zum Ausdruck. Wäre Robert Habeck als Kanzlerkandidat angetreten – hätte die INSM dann die Formulierung ‘Robert und die zehn Verbote’ gewählt? Wohl kaum.”

3. 500 Polizisten gegen Hongkongs freie Stimme
(faz.net, Friederike Böge)
“Apple Daily”, die wichtigste Oppositionszeitung Hongkongs, war das Ziel einer Großrazzia: Etwa 500 Polizisten rückten an, nahmen mehrere Angestellte der Zeitung fest und beschlagnahmten Computer, Mobiltelefone und journalistische Aufzeichnungen. Außerdem sei die Anweisung ergangen, Vermögenswerte des Medienunternehmens im Wert von etwa zwei Millionen Euro einzufrieren. Der Gründer und Besitzer von “Apple Daily”, Jimmy Lai, sitze bereits seit Dezember 2020 im Gefängnis.
Weiterer Lesehinweis: Reporter ohne Grenzen fordert die sofortige Freilassung der festgenommenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und des Verlegers und erklärt: “Die heutigen Festnahmen und die Durchsuchung zeigen, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um eines der letzten unabhängigen Medien und ein Symbol der Pressefreiheit in Hongkong zum Schweigen zu bringen.”

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4. Facebook drängt auf den Podcast-Markt
(spiegel.de)
Nach Informationen des Magazins “The Verge” wolle Facebook kommende Woche Podcasts auf seiner Plattform integrieren. Bereits diese Woche hat der Konzern den Testlauf eines Clubhouse-Klons gestartet. Auch Spotify will bei den Live-Formaten mitmischen. Dort wurde diese Woche die App Greenroom vorgestellt.

5. Krass: ZDF Sport hat seine Facebook-Seite (>500k Fans) geschlossen
(twitter.com, André Kroll)
Für André Kroll ist nicht nachvollziehbar, warum ZDF Sport seine über zwölf Jahre aufgebaute Facebook-Community mit mehr als 500.000 Followern einfach schließt und sich fortan nur noch auf andere Plattformen konzentrieren will: “Klar, macht Arbeit – aber die anderen Accounts auch. Und richtigen Sportjournalismus mit Diskussionen sehe ich bei TikTok bisher nicht. Sich nur auf die ganz Jungen zu fokussieren, halte ich auch für falsch. Nun ja.”

6. Ronaldo, Coke und der Journalismus, der nur schön sein muss – nicht wahr
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Habt ihr auch die Meldung gesehen, dass der Aktienkurs von Coca Cola eingebrochen sei, weil Portugals Fußball-Star Cristiano Ronaldo bei einer Pressekonferenz die Cola-Flaschen durch Wasser ausgetauscht hat? Dann seid ihr einer Falschinterpretation einiger Medien aufgesessen. Thomas Knüwer erklärt, wie es dazu kam.

Innenministerkonferenz, Klagen der Hohenzollern, Halbes China-Bild

1. Neuregelungen in Sicht
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider)
Anlässlich der dieser Tage stattfindenden Innenministerkonferenz fordert der Presserat: Die “Innenminister müssen sich zu gemeinsamen Regeln für Medien- und Polizeiarbeit bekennen”. Ob die Innenminister sich dieses Themas annehmen werden, sei unklar. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) will jedoch erfahren haben, dass auf der Konferenz ein eigenes Papier diskutiert werde. DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner kommentiert: “Die ministerielle Geheimniskrämerei erinnert an feudales Regierungsgebaren bei Hofe. Um Informationen zu bekommen, braucht man Kontaktleute. Auf diese Weise drang durch, dass die Innenminister ein eigenes Papier fabriziert haben, in dem es um das Verhältnis von Polizei und Journalisten gehen soll. Das kann gut oder schlecht sein, wahrscheinlich gibt es mehr zu kritisieren als zu begrüßen. Denn auf die Expertise des Presserats und seiner Verbände glaubten die Innenminister verzichten zu können.”

2. Wiki über die Klagen der Hohenzollern
(verdi.de, Susanne Stracke-Neumann)
Anfang der Woche hat der Verband der Historikerinnen und Historiker sein “Hohenzollern-Klage-Wiki” vorgestellt. Seit im November 2019 die Verhandlungen um mögliche Restitutionen öffentlich geworden sind, sei Georg Friedrich Prinz von Preußen in über 70 Fällen juristisch gegen Historikerinnen und Journalisten vorgegangen. Die Dokumentation bietet einen Überblick der historischen und juristischen Aspekte des Streits.

3. Was soll die Polemik?
(djv.de, Ina Knobloch)
Ina Knobloch antwortet auf einen “Tagesthemen”-Kommentar der Studioleiterin des Hessischen Rundfunks gegen gendergerechte Sprache: “Wer sich an Sternchen und Unterstrich abarbeitet, hat weder die Problematik verstanden, noch Studien zum Thema gelesen und begibt sich auf ein gefährliches, rechtes Stammtischniveau, wo es viel Zustimmung für derartige Polemik gibt.”

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4. Christoph Kramer über seinen ZDF-Job: “Was soll schon passieren?”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Fußballprofi Christoph Kramer ist bei der Fußball-Europameisterschaft für das ZDF als Experte im Einsatz. Im Gespräch mit “DWDL” erzählt er von seinen TV-Einsätzen und verrät, welche Fragen von Journalisten ihn als Fußballspieler besonders nerven: “Ich habe manchmal das Gefühl, dass es einen geheimen Fragenkatalog gibt, der unabhängig vom Spielverlauf abgearbeitet wird – wenn beispielsweise über Emotion und Wille geredet wird. In der einen Woche wird mir der Wille zugesprochen, in der nächsten wird er mir wieder abgesprochen.”

5. Das halbe Bild: Phoenix zeigt eine Doku über Xinjiang – und lässt das Leid der Uiguren weg
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
In einer China-Doku auf Phoenix ging es um die im Nordwesten des Landes gelegene Region Xinjiang, die dortige Landschaft und deren Bewohner. Etwa die Hälfte der 23 Millionen Einwohner Xinjiangs zählen zum Volk der Uiguren, das von der chinesischen Regierung in vielfacher Weise unterdrückt und drangsaliert wird. Dieser Aspekt taucht im Phoenix-Film jedoch nicht auf. Wissenschaftsjournalist Hinnerk Feldwisch-Drentrup, selbst ein China-Liebhaber, erklärt die Hintergründe und lässt Sender und Experten zu Wort kommen.

6. Lasst uns auf eine Reise gehen
(sueddeutsche.de, Christine Dössel)
Christine Drössel ist aufgefallen, wie oft in Castingshows oder Sportsendungen die Metapher von der “Reise” verwendet wird: “Ersetze Arbeit, Anstrengung, Transformation, Prozess, das leidige Auf und Ab von Erfolg, Frust und Niederlage durch ‘Reise’, und schon klingt es wie ein Erlebnisurlaub.”

Jeder 1. Tatverdächtige wird in “Bild”-Überschriften zum “Täter”

Mit einer falschen Überschrift und möglichst wenig Einordnung haben es die “Bild”-Medien gestern mal wieder geschafft, rechten Scharfmachern Munition zu liefern.

Die “Bild”-Zeitung schrieb:

Ausriss Bild-Zeitung - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Und bei Bild.de hieß es genauso:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Die Überschrift ist deswegen falsch, weil die interne Statistik der Bundespolizei, auf der der ganze “Bild”-Artikel beruht, gar nicht von “Tätern” spricht, sondern von Tatverdächtigen. Das ist in einem Land, in dem die Unschuldsvermutung gilt, ein bedeutender Unterschied.

Die “Bild”-Redaktion reagierte gestern zumindest teilweise auf die Kritik an der Überschrift – online änderte sie sie heimlich in:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Tatverdächtige ist Ausländer

Wir haben uns die Statistik der Bundespolizei ebenfalls besorgt. Ein Blick darauf zeigt, dass die Zahlen die inzwischen geänderte Bild.de-Überschrift durchaus stützen: 2019 konnte die Bundespolizei im Zusammenhang mit “Sexualdelikten auf Bahnanlagen” 693 Tatverdächtige ermitteln. Davon hatten 371 Personen “eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit”. 2020 waren es 346 von insgesamt 621. Und im ersten Quartal 2021 80 von 137. Also jeweils mehr als 50 Prozent.

Allerdings fehlt in der Berichterstattung der “Bild”-Medien in diesem Zusammenhang ein Detail: Bei den von “Bild” und Bild.de angegebenen Tatverdächtigen handelt es sich um ermittelte Tatverdächtige. Es gibt allerdings zahlreiche “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”, bei denen der Täter überhaupt nicht bekannt ist: 2019 konnte die Bundespolizei bei 682 Delikten einen Verdächtigen ermitteln. Insgesamt gab es aber 1.184 Delikte. 2020 waren es insgesamt 1.215 Delikte – nur bei 680 gibt es einen Tatverdächtigen. Und im ersten Quartal dieses Jahres sieht es ähnlich aus: Bei 143 von 274 Delikten gibt es einen Verdächtigen. Das heißt: Bei jeweils über 40 Prozent der Delikte weiß man nicht, woher die Verdächtigen/Täter stammen. Natürlich kann es sein, dass auch in diesen Fällen die Verteilung zwischen Personen mit deutscher und mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit ganz ähnlich ist. Sicher ist das aber nicht. In den “Bild”-Medien liest man von dieser Einordnung kein Wort.

Genauso bei der Frage, um welche Delikte es sich konkret handelt. Dazu schreibt “Bild” nur allgemein:

Die Delikte: Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Nötigung, Belästigung, exhibitionistische Handlungen und andere Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Die Bundespolizei liefert in ihrer Statistik die genaue Verteilung: Sowohl 2019 als auch 2020 als auch im ersten Quartal 2021 entfielen rund 92 Prozent der Delikte auf die zwei Bereiche “exhibitionistische Handlungen” und “sexuelle Belästigung”. Auch diese Delikte können für Opfer zweifelsohne traumatische Folgen haben. Die in der Regel härter bestraften Delikte “sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen” sowie “sexuelle Nötigung/Vergewaltigung” kommen vergleichsweise allerdings deutlich seltener vor. Bei “Bild” liest man auch von dieser Einordnung nichts, obwohl die Zahlen der Redaktion laut Bundespolizei vorlagen.

Und auch mit Blick auf den größeren Zusammenhang geben sich die “Bild”-Medien keinerlei Mühe, irgendeinen Kontext herzustellen. Schaut man in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts, in der nicht nur das Geschehen an Bahnhöfen und in Bahnen dokumentiert wird, sondern jenes im gesamten Land, erkennt man, dass der von “Bild” gesetzte Fokus nur einen kleinen Teil aller Sexualdelikte ausmacht. Zur Erinnerung: 2019 gab es laut Bundespolizei 1.184 “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”. In ganz Deutschland gab es im selben Jahr laut PKS (PDF) insgesamt 69.881 erfasste “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” (wir wählen in diesem Fall bewusst das Jahr 2019, weil es dafür die aktuellste PKS gibt). Auch hier gilt: Eine derartige Einordnung liefern “Bild” und Bild.de nicht.

Das Bundeskriminalamt gibt in seiner PKS auch an, wie groß der Anteil “nichtdeutscher Tatverdächtiger” im Bereich der “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” ist: 26,8 Prozent. Verglichen mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland ist das immer noch überproportional viel*, aber eben auch deutlich niedriger als die “Jeder-2.”-Schlagzeile von “Bild”.

Und so stellt sich schon die Frage: Warum setzt die “Bild”-Redaktion diesen sehr speziellen Fokus auf die Sexualdelikte in Bahnhöfen und Bahnen? Doch nicht etwa nur, um ihrer Leserschaft einen möglichst großen Anteil krimineller Ausländer (oder genauer: ausländischer Tatverdächtiger) präsentieren zu können?

Mit ihrem Beitrag kommt sie in bestimmten Kreisen jedenfalls gut an: Den Bild.de-Artikel haben unter anderem die AfD-Politikerinnen und Politiker Beatrix von Storch, Joana Cotar, Markus Buchheit, Martin Sichert, Bernhard Zimniok, Martin Hess, Rainer Kraft, Tobias Peterka, Sebastian Wippel und Jörg Dornau, die AfD-Verbände Nordrhein-Westfalen, Hannover, Köln, Landkreis Leipzig, Emmendingen, Ravensburg, Weserbergland, Erding, Traunstein, Bergisch Gladbach, Straubing-Regen, Neustadt an der Weinstraße und Kleve sowie Gruppen mit Namen wie “WIR SIND DAS VOLK”, “Gegen Masseneinwanderung”, “Gutmenschen im Endstadium” und “Dr Hans-Georg Maaßen für Kanzler” bei Facebook geteilt. Es dürfte ein erfolgreicher Tag für die “Bild”-Redaktion gewesen sein.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 17. Juni: Mehrere Leserinnen und Leser weisen uns berechtigterweise darauf hin, dass der Vergleich mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland problematisch ist, da in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) Personen auch dann als “nichtdeutsche Tatverdächtige” gezählt werden, wenn sie den Delikt zwar in Deutschland begangen haben sollen, aber aus dem Ausland stammen und dort auch wohnen. So werden beispielsweise auch Grenzpendler, denen in Deutschland eine Straftat vorgeworfen wird, die aber in Österreich wohnen, als “nichtdeutsche Tatverdächtige” in der Statistik des Bundeskriminalamts gezählt. Damit sind die Zahlen der PKS nicht direkt vergleichbar mit der Wohnbevölkerung in Deutschland. Gerade bei Bahnhöfen, wo die Reisebewegung qua Definition dazugehört, könnte das eine größere Rolle spielen.

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BMI vs. Linksextremismus-Definition, Islam-Umfrage, Geldregen in MV

1. Seehofers Haus diktierte Definition
(taz.de, Volkan Ağar)
In der Einleitung des Linksextremismus-Onlinedossiers der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stand ein Satz, mit dem bestimmte konservative Kreise ihre Probleme hatten. Ein renommierter Wissenschaftler hatte wie folgt geschrieben: “Im Unterschied zum Rechtsextremismus teilen sozialistische und kommunistische Bewegungen die liberalen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – interpretieren sie aber auf ihre Weise um.” Auf Anweisung des Bundesinnenministeriums sei dieser Satz durch eine unwissenschaftliche Linksextremismusdefinition des Verfassungsschutzes ersetzt worden, schreibt Volkan Ağar. Der “taz” liegt die Mailkorrespondenz zwischen Bundeszentrale und Bundesministerium vor: “Aus dieser Kommunikation geht einerseits hervor, welch zentrale Rolle die Bild-Zeitung und der Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzender des bpb-Kuratoriums, beim Eingriff des BMI gespielt haben.”

2. Schlecht angelegt: Was aus zwei Millionen Euro Corona-Hilfe für die Presse wurde
(uebermedien.de, Anne Haeming)
Vergangenen August schüttete das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern zwei Millionen Euro aus dem Corona-Schutzfonds an die “Ostsee-Zeitung”, die “Schweriner Volkszeitung” und den “Nordkurier” aus. Was ist mit dem Geld geschehen, und was hat es bewirkt? Anne Haeming hat sich bei den zuständigen Stellen auf Verlags- und Ministeriumsseite erkundigt und zieht ein ernüchterndes Fazit: “Die Geschichte von der Presseförderung in Mecklenburg-Vorpommern ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie es eben nicht funktioniert. Die Verlage nutzen das Geld nicht nachhaltig für die eigene Zukunft.”

3. Umfrage von Islamgegnern: Wer nicht islamfeindlich ist, wird islamfeindlich gemacht
(schantall-und-scharia.de, Fabian Goldmann)
Fabian Goldmann hat sich eine neue Umfrage zum Thema Islam und Islamismus angeschaut und ist einigermaßen entsetzt. Die Erhebung zeige, wie man durch manipulative Fragen und Antwortvorgaben zum gewünschten Ergebnis kommt: “Frageformulierungen und Antwortvorgaben, die ein islamkritisches Setting erzeugen, ziehen sich durch den ganzen Fragebogen. Manche Passagen der Umfrage erinnern fast schon an Polemiken rechter Politiker als eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ziel es sein sollte, die Befragten möglichst unbeeinflusst zu lassen.” Leider hätten viele Medien kritiklos die aus seiner Sicht fragwürdigen Ergebnisse und Deutungen übernommen und damit den Auftraggebern der Studie geholfen, “unter dem Deckmantel (pseudo)empirischer Meinungsforschung ihre islamfeindliche Lobbyarbeit zu betreiben.”

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4. Viel Angstmache, wenig Aufklärung
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:40 Minuten)
Als der “Spiegel” vor 40 Jahren über Aids berichtete, sei dies in einer äußerst apokalyptischen Weise geschehen, erklärt Medienjournalist Stefan Niggemeier im Deutschlandfunk. Aids sei als eine Krankheit beschrieben worden, die mit Sicherheit zum Tod führe und gegen die nichts helfe. “Und das in Kombination mit Geschichten, auch wirklich mit einer merkwürdigen Lust erzählten Geschichten, Schauergeschichten von der Promiskuität von Schwulen, die diese Seuche verbreiten.” Laut dem aktuellen “Spiegel”-Ressortleiter, denke man darüber nach, diese Phase noch einmal aufzuarbeiten.

5. Herr Rosemann, was haben Sie vor mit Sat.1 und ProSieben?
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann hat im Mai auch die Leitung über Sat.1 übernommen. In der kurzen Zeit musste er bereits zweimal eingreifen, einmal beim neuen Trash-Format “Plötzlich arm, plötzlich reich”, einmal bei “Promis unter Palmen”. Beide Formate sind seitdem Sendergeschichte. “DWDL”-Chefredakteur Thomas Lückerath hat sich mit Rosemann über die künftige Ausrichtung der Sender unterhalten.

6. “Kleber hat was Cooles”
(spiegel.de, Alexander Kühn, Video: 4:07 Minuten)
Gestern wurde bekannt, dass Claus Kleber zum Ende des Jahres die Moderation des “heute Journals” abgibt. Für “Spiegel”-Redakteur Alexander Kühn ein willkommener Anlass, Kleber eine Video-Hommage zu widmen.

Geld vernebelt den Verstand, “Sun”, Verunsicherung als Geschäftsmodell

1. Geld vernebelt den Verstand
(t-online.de, Florian Harms)
Vergangenen Freitag startete der Marktwirtschafts-Lobby-Verband INSM eine Anzeigenkampagne, die für breite Empörung sorgte: Die von Arbeitgeberverbänden getragene wirtschaftsliberale Denkfabrik hatte das Gesicht der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock auf den biblischen Moses retuschieren lassen, der zwei Steintafeln mit den zehn “grünen Geboten” trägt. Dazu hieß es wechselnd: “Wir brauchen keine Staatsreligion” oder “Warum uns grüne Verbote nicht ins Gelobte Land führen”. Florian Harms erinnert die Anzeige an Schmutzkampagnen in US-amerikanischen Wahlkämpfen. Er zeigt sich dabei weniger vom Vorgehen der Lobbyisten, sondern der Beteiligung vieler Medien überrascht: “Die ‘Süddeutsche Zeitung’ gehört dazu, die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ und ‘Die Zeit’. Alle diese Medien haben kluge Redaktionen und scharfsinnige Chefredakteure. Aber alle diese Medien sind durch den digitalen Wandel unter Druck geraten und kämpfen daher um jeden Anzeigenkunden. Wozu diese Entwicklung führt, dokumentiert die Anti-Baerbock-Anzeige: Selbst der schärfste Verstand scheint nicht dagegen gefeit zu sein, vom Dunst des Geldes vernebelt zu werden.”

2. Gegen die Lügen
(merkur-zeitschrift.de)
In einem offenen Brief stellen sich zahlreiche Kulturschaffende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinter die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke, der Springer-Medien und CDU Antisemitismus vorgeworfen hatten: “Wir kritisieren scharf die Form der Angriffe auf die Publizistin, die exakt das vollziehen, was Carolin Emcke in ihrem Redebeitrag formuliert und wovor sie zu Recht eindrücklich gewarnt hat: Die Beschädigung der politischen Öffentlichkeit durch mutwillig verzerrte Halbwahrheiten und bösartige Verdrehungen von Sinn, mit dem politischer Streit nicht ausgetragen, sondern ausgehöhlt wird.”

3. Verunsicherung als Geschäftsmodell
(belltower.news, Stefan Lauer)
Boris Reitschuster erfreut sich in rechten Kreisen und im “Querdenker”-Milieu besonderer Beliebtheit und hat einen prominenten Fan: Til Schweiger. Der hatte unlängst ein Selfie von sich und Reitschuster gepostet und diesen als seinen Helden bezeichnet. Für Stefan Lauer Anlass, die Methode Reitschuster näher unter die Lupe zu nehmen: “Boris Reitschuster betreibt populistischen Journalismus. Die Meinung ist klar, dann müssen nur noch die Fakten entsprechend angepasst werden. Das passiert immer mehr oder weniger unangreifbar. Konjunktive, Vermutungen und fehlender Kontext. Die Geschichte, die Reitschuster erzählt, ist immer die gleiche: die Regierung weiß nicht, was sie tut. Genausowenig wie Opposition, Forschung und Medien. Damit ist seine Strategie sehr ähnlich zu der von russischen Trollen, die er eigentlich so stark kritisiert: Verunsicherung schaffen statt aufzuklären.”

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4. Der wichtigste Ort für Journalisten? Ihr Schreibtisch!
(uebermedien.de, Olaf Storbeck)
“Achten Sie darauf, dass Ihr Büro leer ist!” Oft wird jungen Journalistinnen und Journalisten in pathetischen Worten empfohlen, ihr Büro zu verlassen und hinaus in die Welt zu ziehen, so auch in einer Rede des Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Dabei handele es sich um einen in vielen Teilen falschen Mythos, findet “Financial-Times”-Korrespondent Olaf Storbeck: “Die wichtigste Arbeit findet am Ende eben doch am Schreibtisch statt. Das mag in den Ohren junger Journalisten langweilig klingen. Doch wer nur immer nur vor Ort ist, wessen Büro immer leer ist, der arbeitet wie ein Zehnkämpfer, der nur in einer Disziplin glänzt.”

5. Bundesamt für Justiz geht mit Bußgeldverfahren gegen Telegram vor
(zeit.de)
Das Bundesjustizministerium geht mit zwei Bußgeldverfahren gegen den Messengerdienst Telegram vor. Laut Netzwerkdurchsetzungsgesetz müsse es leicht erkennbare und erreichbare Möglichkeiten zur Beschwerde über strafbare Inhalte geben. Dies sei bei Telegram jedoch nicht der Fall. Ebenso sei unklar, wohin sich Gerichte wenden könnten, wenn jemand juristisch gegen das Unternehmen vorgehen wolle. Das Bundesamt für Justiz habe zwei Schreiben an den Unternehmenssitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten verschickt. Es bleibt spannend, ob Telegram auf eine derartige Korrespondenz reagiert.

6. Das Gift von gestern
(sueddeutsche.de, Alexander Menden)
Rupert Murdochs britisches Krawallblatt “Sun” befindet sich im wirtschaftlichen Sinkflug. Das habe mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu tun, wie Alexander Menden erklärt, sei aber auch den erheblichen Entschädigungszahlungen für Abhöropfer geschuldet: “Allein im Jahr 2020 zahlte News Group Newspapers Abhöropfern umgerechnet mehr als 60 Millionen Euro an Prozesskosten und Entschädigung. Im Jahr zuvor hatten sich diese Zahlungen, welche die Bilanz als ‘britische Zeitungsangelegenheiten’ auswies, auf die Hälfte belaufen.” Außerdem seien weitere Klagen anhängig, darunter eine von Prinz Harry.

“Für Geld kommen sie alle nach Katar”

In der “Bild”-Redaktion haben sie am Wochenende offenbar viel Fußball-Europameisterschaft geschaut und dabei besonders auf die Bandenwerbung in den Stadien geachtet:

Screenshot Bild.de - Rassisten! Terroristen! Schwulenfeinde! Warum lässt sich die EM von diesen Horror-Regimen bezahlen?

… fragen heute “Bild” und Bild.de. Neben der Bandenwerbung für den russischen Energiekonzern Gazprom, das chinesische Unternehmen Hisense und die ebenfalls aus China stammende Social-Media-App TikTok geht es den “Bild”-Medien vor allem um die Werbung für Qatar Airways:

“Qatar Airways” ist die nationale Fluggesellschaft und das bekannteste Unternehmen Katars.

Doch der superreiche Golf-Staat tritt Menschenrechte mit Füßen: Für den Bau von Fußballstadien für die WM 2022 holten die Scheichs Tausende Gastarbeiter v. a. aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Dutzende sollen bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein, eine Studie geht sogar von bis zu 1200 Toten aus. Homosexualität steht in Katar unter Strafe.

Mehr noch: Der Golfstaat unterstützt die islamistische Terror-Organisation Hamas in Gaza. Sie lässt Homosexuelle ermorden, schießt Raketen auf Israel.

Im März erklärte Bild.de zur Taktik Katars:

Screenshot Bild.de - Die unheimliche Entwicklung in der Wüste - Wie Katar mit Sportwashing nach der Macht greift

Das reiche ­Emirat am Persischen Golf kauft sich nicht nur hochkarätigste Sport-Veranstaltungen, sondern auch internationalen Einfluss. (…)

Was den herrschenden Scheichs fehlte, war internationale Anerkennung. Die erkaufen sie sich nun mithilfe des Sports – eine Entwicklung, die als “Sportswashing” bekannt ist.

Dr. Jürgen Mittag, Politikwissenschaftler an der Sporthochschule Köln: “Der Sport wird als zentrales Instrument genutzt, um die Entwicklung des Emirats, vor allem dessen Infrastruktur und Image in der Welt, von der bisherigen Ausrichtung auf Erdöl- und Erdgas auf ein neues Fundament zu heben.”

Folge: Über 500 internationale Sportveranstaltungen haben die Katarer in den letzten 15 Jahren ausgerichtet, dabei Milliarden in Stadien und Trainingszentren gepumpt.

“Für Geld”, so Bild.de, “kommen sie alle nach Katar”.

Einen Monat zuvor, im Februar, fand in Katar solch ein “Sportwashing”-Event statt: die Fußball-Klub-WM. Mit dabei: “Bild”.

Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Live und umsonst - Bild überträgt die Bayern-Spiele
Screenshot Bild.de - FIFA Klub-WM - Bayerns Titel-Jagd Montag ab 18 Uhr live und gratis bei Bild
Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Lewy schießt Bayern ins Live-Finale bei Bild

Wenn die “Bild”-Redaktion von den Milliarden, die Katar für die Imagepflege in den Sport pumpt, profitieren kann; wenn sie dabei ihre großen TV-Pläne vorantreiben kann, scheint es ihr erstmal egal zu sein, dass in dem “Horror-Regime” Menschenrechte mit Füßen getreten werden, dass Homosexualität unter Strafe steht, dass Terroristen unterstützt werden. Dann ergreift “Bild” die sich bietende Chance und macht einfach mit. Die Stadien, aus denen die Redaktion im Februar die zwei Klub-WM-Spiele des FC Bayern München übertragen hat, gehören zu den acht Stadien der Fußball-WM 2022, zu denen “Bild” nun zurecht kritisiert, dass Dutzende Gastarbeiter “bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein” sollen.

In der Berichterstattung von heute zitiert “Bild” auch mehrere Politiker. Darunter:

FDP-Außenexperte Bijan Djir-Sarai (45) kritisiert in BILD, dass “Despoten und Terrorunterstützer durch ihre Finanzierungsmöglichkeiten die sportliche Bühne für Propaganda und Imageverbesserung missbrauchen können”.

Und dann gibt es auch noch Medien, die durch ihre Übertragungen dabei helfen.

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Emcke absichtlich missverstanden, Regie-Versagen, Jebsen-Podcast

1. Carolin Emcke wird gezielt verunglimpft
(sueddeutsche.de, Ronen Steinke)
Die Autorin Carolin Emcke hat auf dem Parteitag der Grünen eine kurze Gastrede gehalten, die von CDU und “Bild”-Redaktion kritisiert und skandalisiert wurde: Angeblich habe Emcke Klimaforscher mit Holocaust-Opfern verglichen. “SZ”-Redakteur Ronen Steinke widerspricht: “Nirgends in ihrer Rede hat sie vom Holocaust gesprochen. Auch nicht indirekt. Die Idee, Kritik an heutigen Virologen oder Klimaforschern ernsthaft mit dem Holocaust gleichzusetzen, ist Carolin Emcke, soweit ersichtlich, auch nicht ansatzweise in den Sinn gekommen, und auch beim Zuhören konnte man auf diese Idee nur kommen, wenn man denn wirklich, wirklich einen ‘Eklat’ konstruieren wollte. Zum Beispiel, weil Wahlkampf ist.”
Judith Liere kommt in ihrem Kommentar bei “Zeit Online” zu einer ähnlichen Feststellung: “Man muss nicht einmal laut ‘Kontext, Kontext!’ rufen, um klarzustellen, dass sie nie gemeint hat, was ihr da unterstellt wird. Sie hat es nämlich nicht nur nicht gemeint, sondern schlichtweg nicht gesagt.”
Weiterer Lesehinweis: In einem Twitter-Thread erklärt Matthias Meisner: “Was den von BILD, WELTAMSONNTAG, CDU, Generalsekretär Paul Ziemiak, Martenstein und anderen angezettelten Shitstorm gegen Carolin Emcke so bösartig und perfide macht: Die Kritiker vermischen unzulässig Vergleich und Aufzählung.”
Weiterer Hinweis: Wer die entsprechenden Passagen nachhören will: Der “Spiegel” hat ebenfalls über den Nicht-Skandal berichtet und Emckes Rede in einem eingebundenen Video dokumentiert.

2. Bange Minuten bei der EM: Das Regie-Versagen der UEFA
(dwdl.de, Alexander Krei)
Am Samstag konnten Millionen Menschen vor dem Fernseher mit anschauen, wie in der Fußball-EM-Partie zwischen Dänemark und Finnland der Däne Christian Eriksen auf dem Spielfeld reanimiert werden musste. Alexander Krei kommentiert: “Dass diese Bilder mehr als nur einmal in den weltweiten Live-Übertragungen gezeigt wurden, ist ein krasses Versagen der UEFA, deren Zentralregie in diesen bangen Minuten komplett daran scheiterte, Eriksens Privatsphäre zu schützen. Stattdessen gingen sogar noch die Bilder der weinenden Ehefrau des Fußballstars um die Welt. Die fehlende Empathie des europäischen Fußballverbands ist nichts weniger als ein handfester Skandal – erst recht, wenn man bedenkt, dass in der Vergangenheit schon harmlose Flitzer genügten, um dafür zu sorgen, dass die großen Verbände blitzschnell den Blick abseits des Spielfelds lenkten.”
(Ergänzender Hinweis auf einen Beitrag bei uns im BILDblog: Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen.)
Weiterer Lesehinweis: Das übertragende ZDF weist Vorwürfe zurück: “Wir mussten auch dem Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden.”
An anderer EM-Stelle gibt es positive Nachrichten: Die russischen Behörden haben eingelenkt und den ARD-Journalisten Robert Kempe auch für St. Petersburg akkreditiert (faz.net).

3. Des Schwurblers Kern
(zeit.de, Daniel Hornuff)
Ab heute sind die ersten zwei Teile einer Podcast-Produktion über den Werdegang des Verschwörungserzählers Ken Jebsen verfügbar (zum Beispiel in der ARD-Audiothek: “Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?”). David Hornuff ist begeistert. Der Podcast sei fantastisch gemacht, erzeuge dennoch Unbehagen: “So bewundernswert sorgfältig der Podcast arrangiert und inszeniert ist: Der Fokus auf die eine ausgewählte Person erzeugt eine unfreiwillige Stilisierung, eine überhöhende Psychologisierung – was wiederum eine seltsam umschmeichelnde Aufwertung nach sich zieht, die passagenweise ins Heroisierende kippt.”
Weiterer Lesehinweis: Anonymous hackt Ken-Jebsen-Website: “Anonymous hat Ken Jebsen ins Visier genommen: Der ehemalige Journalist gilt als Schlüsselfigur der ‘Querdenker’-Szene. Jetzt wollen Hacker die Namen seiner Spender erbeutet haben.” (spiegel.de, Frank Patalong)

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4. Ist der Begriff “Doku” noch immer nicht ausgehöhlt genug?
(medienkorrespondenz.de, Christian Bartels)
Der Medienexperte Christian Bartels hat sich die ARD-Doku “Der Milliardenraub” angeschaut. Missfallen hat ihm, dass die 45-minütige “Doku” rund zur Hälfte aus nachgestellten (wenn auch gekennzeichneten) Szenen bestanden habe: “Bedenken ‘Doku’-Autoren überhaupt noch, dass nachgestellte Szenen die Glaubwürdigkeit ihrer Filme immer beeinträchtigen und zumindest alle im Publikum, die die Überzeugungen der Autoren nicht von vornherein teilen, skeptisch machen? Wenn Reenactments in einem Ausmaß eingesetzt werden, das günstigenfalls ermüdet oder gar lächerlich erscheint, müsste Mut, auch mal unbewegte Bilder zu zeigen, leichtfallen.”

5. Wieso ich nicht mehr über “Querdenken” berichten werde
(gaebler.blog, Paul Gäbler)
“Ein Jahr lang ‘Querdenken’ hieß für mich: einmal pro Woche auf eine Demo, Gespräche führen, Fotos machen – und mich beschimpfen lassen. Damit ist jetzt Schluss.” Paul Gäbler zieht ein nachdenkliches Fazit seiner journalistischen Beobachtung unzähliger “Querdenker”- und Coronaleugner-Demos, bei dem er sich auch unangenehmen Fragen stellt: “Heute, wo ‘Querdenken’ massiv an Zulauf verliert, frage ich mich: habe ich das ganze von Anfang an überschätzt? Ist ‘Querdenken’ nur ein Misthaufen in der Geschichte – und ich habe sie mit meiner Twitter-Reichweite auch noch bekannter gemacht?”

6. Georg Thiel: Der Mann, der ins Gefängnis ging, um “GEZ-Rebell” zu werden
(uebermedien.de, Susanne Lang)
Als “GEZ-Rebell” feiert die “Bild am Sonntag” den 53-Jährigen Georg Thiel, der “lieber in den Knast ging, als jeden Monat 17,50 Euro GEZ-Gebühren zu zahlen”. Eine Behauptung, die zwar nicht ganz falsch sei, bei der aber eine wichtige Information ausgeblendet werde: “Thiel hätte seine Inhaftierung selbst verhindern können. Er hätte dafür nicht einmal die Beiträge plus Bußgelder begleichen, sondern bloß seine Vermögensverhältnisse offenlegen müssen.” Susanne Lang hat den Vorgang aufgearbeitet, der von verschiedenen Seiten – vor allem von rechtsaußen – für die eigene Agenda instrumentalisiert wird.

Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen

Beim Gruppenspiel der Fußball-Europameisterschaft zwischen Dänemark und Finnland ist der Däne Christian Eriksen auf dem Platz zusammengebrochen, lebensrettende Maßnahmen waren nötig. Laut Uefa ist Eriksen inzwischen wieder in einem stabilen Zustand, er befindet sich im Krankenhaus.

Während er auf dem Platz behandelt wurde, stellten sich Eriksens Mitspieler um ihn herum. Bild.de schreibt dazu in einer Bildunterschrift:

Schützend stehen die Dänen-Profis vor den medizinischen Maßnahmen an Eriksen

Als er vom Platz getragen wird, wird extra ein Sichtschutz aufgebaut. Bild.de:

Eriksen wird geschützt von Decken vom Platz getragen

Und obwohl sie weiß, dass alles mögliche dafür getan wurde, um den Spieler vor Blicken und Kameras zu schützen, zeigt die “Bild”-Redaktion online auf der Startseite ein großes Foto des gerade reanimierten Christian Eriksen auf der Trage:

Screenshot Bild.de - Nach Wiederbelebung auf dem Platz - Dänen-Star Eriksen stabil im Krankenhaus

Die Unkenntlichmachung stammt von uns, auf der Bild.de-Startseite, im Bild.de-Artikel und in einer “Bild-live”-Sondersendung ist Eriksens Gesicht unverpixelt zu sehen. t-online.de und n-tv.de verwenden die Aufnahme ebenfalls.

Zuvor hatte die “Bild”-Redaktion auch schon die ersten Momente nach Eriksens Zusammenbruch gezeigt: Auf einem Foto liegt der 29-Jährige regungslos auf dem Boden, seine Mitspieler sind zu ihm geeilt, einer von ihnen beugt sich runter und schaut nach, was mit Eriksen los ist. Die Aufnahme veröffentlichte die Redaktion in einem Artikel bei Bild.de und bei Twitter:

Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion - Grausame Bilder bei der EM: Dänemark-Star kämpft um sein Leben
(Diese Unkenntlichmachung ist ebenfalls von uns.)

Auch dieses Foto haben die “Bild”-Leute ohne jegliche Verpixelung veröffentlicht. Den Tweet haben sie inzwischen gelöscht, das Foto bei Bild.de ersetzt – durch jenes, das Christian Eriksen auf der Trage zeigt.

Nachtrag, 13. Juni: Noch als Ergänzung: Neben den oben genannten Aufnahmen veröffentlichte Bild.de auf der Startseite auch ein Foto auf dem aus etwas Entfernung die Reanimation zu sehen ist. Dazu die Überschrift: “Grausame Bilder bei der EM – Dänemark-Star kämpft um sein Leben”. “Der Westen” zeigt ein ähnliches Foto, auf dem auch Eriksens schockierte Mitspieler zu sehen sind, die sich als Sichtschutz vor ihren Teamkollegen positioniert haben, und schreibt dazu: “Spieler und Fans konnten nicht hinsehen, als Christian Eriksen wiederbelebt wurde.”

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BILDblog-Klassiker

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Irrer ist menschlich

Sie wollen auf die Schnelle eine Million Dollar verdienen? Gut. Dann brauchen Sie jetzt zwei Dinge: einen E-Mail-Account und Ihr Mathebuch aus der neunten Klasse.

Bereit? Na dann los:Wer ist der Irre, der für die Lösung dieser Mathe-Aufgabe 1 Mio $ zahlt? - Wenn Ax + By = Cz ist und A, B, C, x und z positive ganze Zahlen sind, dann haben A, B, und C einen gemeinsamen Faktor. Stimmt das? - Washington - Er heißt Andrew Bale, lebt in den USA und hat ein Vermögen von 8 Milliarden Dollar. Bale vergibt ein Preisgeld für die Lösung dieser mathematischen Vermutung, die er selbst eufgestellt hat. Wer das Ergebnis kennt, schickt eine Mail: bealprize@ams.org.

Das dürfte mit ein bisschen Grübelei auf jeden Fall machbar sein. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Und wenn Sie so weit sind: Mail rausjagen, abwarten, Kontoauszug überprüfen. Vielleicht dauert’s ein paar Tage, aber schon bald werden Sie um eine Million Dollar reicher sein. Herzlichen Glückwunsch!

Kleiner Scherz. Ganz so einfach, wie “Bild” das alles schildert, ist es natürlich nicht.

Zunächst einmal: Der gute Mann heißt Beal, nicht Bale. Und er ist kein Irrer, sondern Unternehmer. 1997* veröffentlichte er die “Beal-Vermutung” und lobte einen Preis aus für denjenigen, der einen Beweis oder einen Gegenbeweis dafür liefern kann.

Im Original lautet die Vermutung so:

If Ax +By = Cz, where A, B, C, x, y and z are positive integers and x, y and z are all greater than 2, then A, B and C must have a common prime factor.

Dummerweise hat “Bild” die Aufgabe falsch abgeschrieben und aus A hoch x kurzerhand A mal x gemacht — was die Aufgabe dann doch ein wenig ändert. Außerdem vergisst das Blatt zu erwähnen, dass x, y und z größer als 2 sein müssen.

Und es reicht auch nicht, einfach nur eine Mail zu schreiben, wenn man glaubt, “das Ergebnis” gefunden zu haben. In der Regel muss ein Beweis zunächst in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht werden, bevor sich das “Beal Prize Committee” der Sache annimmt.

Sie können das Mathebuch also wieder wegpacken.

Mit Dank an Torben Z., Markus W. und Martin B.

Nachtrag/*Korrektur, 16. Juni: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass “Bild” außerdem unterschlägt, dass es sich bei dem gemeinsamen Faktor um einen Primfaktor handeln muss. Die “Beal-Vermutung” wurde im Übrigen nicht im Jahr 1997 aufgestellt, sondern schon im Jahr 1993. Vier Jahre später wurde dann erstmals ein Preisgeld ausgelobt.

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Die Feinde meiner Feinde sind meine Lokführer

Was die „Bild“-Zeitung vom gestern beendeten Streik der Lokführer, pardon, vom gestern beendeten „MONSTER-STREIK“ der Lokführer hielt, dürfte spätestens seit der Telefonterrorkampagne gegen GDL-Chef Claus Weselsky klar gewesen sein.


(Unkenntlichmachung von uns.)

Am Donnerstag, pünktlich zum Beginn des Streiks, schoss „Bild“ dann mit einer ganzen Anti-Streik-Seite nach, auf der die wütenden Gegner und Opfer nochmal ordentlich rumwettern durften:

Herzstück der Schimpferei: die Kritik aus den eigenen Reihen. „Wir sind Lokführer und finden den Streik bescheuert!“

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat zum bisher längsten Streik in der Bahn-Geschichte aufgerufen! Doch nicht alle folgen dem Aufruf: Einige sind Beamte, dürfen nicht streiken, andere Lokführer halten den Monster-Streik der GDL für völlig überzogen.

In BILD sagen vier von ihnen, warum sie heute zur Arbeit gehen – und den Streik bescheuert finden

Da wäre zum Beispiel ein Lokführer aus München, der sagt:

Dieser viertägige Streik ist voll daneben. Er trifft einfach zu viele Reisende, Familien, Pendler. Ich merke auch, dass ein Teil der GDL-Lokführer den Streik nicht mehr mitträgt, weil sie der Ausstand Lohn kostet. Ich bin für heute in der ICE-Bereitschaft eingesetzt und werde mit Sicherheit einen Zug fahren.

Was der Mann allerdings nicht sagt: Er ist gar kein Mitglied bei der GDL, sondern bei der konkurrierenden Gewerkschaft EVG, die überhaupt nicht mitgestreikt hat und den Tarifkonflikt stark kritisiert.

Auch zwei weitere, also insgesamt drei der vier interviewten Lokführer sind laut Gewerkschafts-Website Mitglied in der EVG und setzen sich unter anderem für die Eingliederung der Lokführer in die EVG ein. Es ist also keine Überraschung, dass sie nicht am Streik teilgenommen haben, dass sie ihn „voll daneben“ finden und auch sonst fleißig gegen die Konkurrenz von der GDL stänkern.

Und es ist keine Überraschung, dass die „Bild“-Zeitung diese Fakten auf ihrem Feldzug gegen Weselsky und den „MONSTER-STREIK“ ganz einfach verschwiegen hat.

Mit Dank an Max und Anonym.

Sein Wort in ihren Ohren

„Mag“? „Vergöttert“ trifft es viel besser. In der Welt von „Bild“ ist Zuckerberg nämlich nichts weniger als ein übermenschlicher Held, der Franz Beckenbauer des Internets. „Bild“-Oberchef Kai Diekmann nennt Zuckerberg den „Charity-Gott“. Springer-Vorstand Mathias Döpfner schwärmt, er sei „a wonderful human being“. Franz Josef Wagner nennt ihn in einem rasselnden Atemzug mit Nelson Mandela und Mutter Teresa.

Umso aufgedrehter war die Springer-Bande gestern — denn der Facebook-Chef hatte angekündigt, sie am Abend in ihrem Hauptquartier zu beehren.

Schon morgens jauchzte Kai Diekmann:

Zu Ehren ihres Gastes hatten die Springer-Leute nicht nur schnell einen Award ins Leben gerufen, sondern gleich noch ihre Dachterrasse umgebaut …

… ein Stück Berliner Wald abgeholzt …

… und alles ganz facebookblau-kuschelig gemacht für den man of the evening.

Und dann — endlich:

An einem so zauberhaften Abend spricht man natürlich nur ungern über heikle Themen. Aber dafür gab es dann ja auch die Zuckerberg-Fragestunde heute in Berlin, zu der wir Folgendes eingereicht hatten:

Da die Frage zu denen mit den meisten Likes gehörte (vielen Dank für die Unterstützung!), ist Zuckerberg auch darauf eingegangen. Er sagte:

Well, this is a tricky one. If it’s not a public photo, then someone should not be taking your photo and using it publicly. You know, in general, the rule is that you control all the content that you post on facebook. (…) If we’re building a community and people are sharing stuff that they don’t intend to be public, and then someone else is making it public, then that’s an issue. Right? And that’s gonna undermine the trust that our community has in us to making sure that, you know, when you share something with just your friends then that’s actually going to only the people that you want.

This is a tricky area for us, because we don’t control … you know, the law in most countries around the world, I believe, is that you post a photo, you own that photo. And that people don’t have the ability to use that photo without your permission. So if you find out that someone, you know, whether it’s on a blog or … you know, someone else is using your photo without your permission, you should have the right to be able to send them an e-mail and get in touch with them and tell them that that they don’t have permission to do that and they should take it down. In (…) most countries I can think of, if people don’t respect your rights for the content that you own, you have legal recourse to go after that.

But this is obviously an issue for facebook, because we want people to feel completely comfortable, that if they share something with their friends or with a community of a hundred people, then that’s not somehow gonna be taken and shared with more people. Unfortunately, we don’t have complete control if someone takes a screenshot or something, but you do own those photos and have the right to have it distributed only how you want, wheter that’s on our service or outside.

Man darf also sagen: Er findet’s eher nicht okay.

Das hatten wir ehrlich gesagt vermutet, und wir hatten die Hoffnung (zumindest ein kleines bisschen), dass — wenn es schon die Justiz, die Polizei, Angehörige von Betroffenen, der Presserat, wir und auch sonst keiner schafft, den “Bild”-Mitarbeitern die Fotoklauberei bei Facebook auszutreiben — dass vielleicht ja Mark Messias Zuckerberg etwas in seinen Jüngern auszulösen vermag.

Jene Jünger waren natürlich auch bei seiner Fragestunde, haben live getickert und später einen Artikel gebracht, in dem sie die Fragen und Antworten zusammenfassen. Über das Thema Täter- und Opferfotos schreiben sie sowohl im Ticker als auch im Artikel — kein Wort.

Aber dafür, heute auf Bild.de:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Alle sind gleich, aber manche sind Kai Diekmann

Es gilt die Unschuldsvermutung. Für jeden, und natürlich auch für “Bild”-Herausgeber Kai Diekmann. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt momentan gegen ihn, nachdem eine “Springer”-Mitarbeiterin Anzeige erstattet hatte. Im vergangenen Sommer soll Diekmann sie beim Baden sexuell belästigt haben, so der Vorwurf, den Diekmann bestreitet.

Der “Spiegel” und “Spiegel Online” schrieben vergangene Woche als Erste über die Anzeige, viele weitere Medien zogen nach. Anders als von einigen Leuten bei Facebook und Twitter behauptet, griffen auch die “Bild”-Redaktionen das Thema auf. Bild.de berichtete noch am Freitag, für einige Stunden war eine “dpa”-Meldung auf der Startseite klein verlinkt:

“Bild” brachte am Samstag die gleiche “dpa”-Meldung, ganz unten auf Seite 2:

Und einen Tag später veröffentlichte “Bild am Sonntag”, wo Diekmann ebenfalls Herausgeber ist, auf Seite 2 einen eigenen kurzen Artikel:

Man kann also nicht sagen, dass “Bild”, Bild.de und “Bild am Sonntag” das Thema totgeschwiegen hätten. Vielleicht kann man sogar sagen, dass sie angemessen berichtet haben: nüchtern, keine sensationsgierige “Sex”-Schlagzeile, nicht vorverurteilend (zugegeben: alles andere wäre im Fall des eigenen Herausgebers auch eine große Überraschung gewesen). Schließlich steht außer den Tatsachen, dass gegen Kai Diekmann eine Anzeige vorliegt und die Staatsanwaltschaft ermittelt, nichts fest.

Heute berichten die Berlin-Ausgabe der “Bild”-Zeitung und Bild.de über den “AfD”-Politiker Andreas Kalbitz. Gegen Kalbitz liegt eine anonyme Anzeige wegen sexueller Belästigung vor, die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft derzeit, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet. Der Stellvertreter des brandenburgischen “AfD”-Chefs Alexander Gauland soll sich bei einer Party der “Jungen Alternativen” teilweise noch minderjährigen Jugendlichen “sexuell genähert” haben, so der Vorwurf, den Kalbitz bestreitet.

Auch hier ist noch nicht klar, was an den schweren Vorwürfen dran ist. Doch statt wie bei Diekmann auf eine große Aufmachung und Reizwörter wie “Sex” in der Überschrift zu verzichten, berichtet “Bild” so:

Nicht falsch verstehen: Wir sind nicht dafür, dass “Bild” über Kai Diekmann so berichtet wie in diesem Fall über Andreas Kalbitz. Andersrum wäre es wünschenswert: Dass die “Bild”-Medien — wie im Fall ihres Herausgebers — Ermittlungen abwarten, die ermittelnden Behörden und, sollte es zu einem Prozess kommen, die Gerichte ihren Job machen lassen, bevor sie riesige Artikel bringen. In der Vergangenheit, unter der Leitung von Kai Diekmann, hat sich zu oft gezeigt, dass die “Bild”-Redakteure mit ihren schnellen Schlagzeilen zu oft danebenlagen.

Mit Dank an alle Hinweisgeber!

Cristiano Ronaldo und Angelina Jolie mit türkischer Ente auf Weltreise

Wie beruhigend es doch ist, dass deutsche Verlage so engagiert gegen Falschmeldungen vorgehen.

“Gruner + Jahr” zum Beispiel erklärte erst vor zwei Tagen, dass “Recherche und das Verifizieren von Fakten” zu den “Kernkompetenzen eines Verlages” gehören — und dass man sich schon auf Gespräche mit Facebook freue, um “sinnvoll daran mitwirken [zu] können, dass sich Falschmeldungen nicht weiter verbreiten”.

Oder “Axel Springer”. Dort haben sie jetzt nicht nur einen “Bild”-Ombudsmann, sondern auch einen Oberchefredakteur und einen Vorstandsvorsitzenden, die allergrößten Wert auf hartnäckige Recherche legen.

Bei so viel Kompetenz und Hartnäckigkeit haben Falschmeldungen natürlich keine Chance.

Meldungen wie diese hier:

So steht es seit vergangener Woche auf der Seite turkish-football.com:

Der Regisseur der Serie, Eyup Dirlik, sagte gegenüber Turkish-Fottball.com: “Wir werden in der ersten Aprilwoche anfangen zu drehen. Die Serie handelt von der Notlage einer Flüchtlingsfamilie und davon, was sie durchmachen muss. Es werden viele Schauspieler und Schauspielerinnen aus der ganzen Welt auftreten, darunter Cristiano Ronaldo, Angelina Jolie und [die libanesische Sängerin] Nancy Ajram.”

(Übersetzung von uns.)

Ronaldos Sprecher allerdings erklärte kurz darauf: stimmt nicht. “La noticia es falsa.”

Da hatten Medien auf der ganzen Welt die Geschichte jedoch schon übernommen, und zwar britische, belgische, ägyptische, indonesische, portugiesische, amerikanische, bosnische, ghanaische, schwedische, französische, griechische, estnische, kroatische, nigerianische, dänische, australische, niederländische, polnische, spanische — und viele, viele mehr. Bei den allermeisten steht sie bis heute unverändert online.

In deutschen Medien aber, wo hartnäckige Recherche und das Verifizieren von Fakten zu den Kernkompetenzen gehören, haben solche Falschmeldungen natürlich keine Cha…


(“B.Z.”, “Axel Springer”)


(stern.de, “Gruner + Jahr”)


(Bild.de, “Axel Springer”)


(gala.de, “Gruner + Jahr”)

Oh.

Bild.de-Urlaubern fällt falscher Fleischfresser-Koala auf den Kopf

Planen Sie eine Reise nach Australien? Dann legen Sie am besten ein paar Gabeln bereit, die sie sich vor Ort in die Haare stecken können, und eine Extra-Tube Zahnpasta, um sie sich nach Ankunft hinter die Ohren zu schmieren. Denn nur so können Sie sich ordentlich vor fleischfressenden Freifall-Koalas schützen — jedenfalls wenn man den großen Fehler macht, auf Bild.de zu hören, und die Reisetipps des Portals konsequent weiterdenkt.

Doch der Reihe nach. Bild.de präsentierte gestern Abend “99 Fettnäpfchen, die Urlauber vermeiden sollten”, eine lange Liste mit Hinweisen zu verschiedenen Reisezielen auf der ganzen Welt:

99 Fettnäpfchen, die Urlauber kennen sollten - Hier müssen Sie in Schlappen aufs WC

In Frankreich solle man etwa “nach dem Dessert keinen Wein mehr trinken”. In Griechenland solle man die Menschen nicht als “Pleite-Griechen” beschimpfen solle man die “Menschen am Telefon an ihrer Stimme erkennen”. Und in Taiwan solle man “am Neujahrstag nicht putzen”.

Zu Australien gibt Bild.de fünf Tipps. Nummer eins: Man solle “Koalas nicht mit dropbears verwechseln”:

In Australien sollten Sie Koalas nicht mit dropbears verwechseln - Garantiert: Planen Sie eine Reise nach Australien, werden Sie mindestens ein Dutzend Bekannte fragen, ob Sie nicht Angst vor den Killerspinnen und Riesenschlangen haben. Dabei ist die größte Gefahr ein ganz andere: Uninformierte Touristen verwechseln goldige, harmlose und zuckersüße Koalas mit den fleischfressenden dropbears, die sich aus Eukalyptusbäumen herabstürzen. Erkundigen Sie sich stets vor Ort über das lokale Risiko!

Wie man möglichen Angriffen durch die “fleischfressenden dropbears” vorbeugen kann? Laut “Wikipedia” sollen die eingangs erwähnten Mittel helfen:

Es werden verschiedene Methoden vorgeschlagen, um Drop Bears abzuschrecken. Dazu gehört, sich Gabeln in die Haare zu stecken, sich Vegemite oder Zahnpasta hinter die Ohren zu schmieren, auf sich selber zu urinieren oder nur Englisch mit australischem Akzent zu sprechen.

Bei “Wikipedia” steht allerdings auch:

Ein Dropbear oder Drop Bear (wörtliche Übersetzung “Fall-Bär”) ist ein fiktives australisches Beuteltier. (…) Geschichten über Angriffe werden erzählt, um Touristen zu erschrecken.

Für Ihren nächsten Besuch bei Bild.de hätten wir auch noch eine Reisewarnung einen Tipp:

Bei Bild.de sollten Sie Journalismus nicht mit dem Reinfallen auf Witze verwechseln - Garantiert: Planen Sie einen Besuch bei Bild.de, werden Sie mindestens ein Dutzend Bekannte fragen, ob Sie nicht Probleme mit all den üblen Kampagnen des Portals oder mit dem Veröffentlichen von bei Facebook geklauten Fotos verstorbener Menschen haben. Dabei ist die größte Gefahr eine ganz andere: Uninformierte Bild.de-Redakteure verwechseln lustige Gruselgeschichten aus Down Under mit der Realität. Erkundigen Sie sich stets bei BILDblog über das aktuelle Risiko!

Mit Dank an Marcel H. für den Hinweis!

Nachtrag, 16:07 Uhr: Bild.de hat in der Zwischenzeit reagiert und lässt die “Dropbears” nun nur noch “mit einem Augenzwinkern” auf “uninformierte Touristen” fallen:

Besucher sollten sich vor Ort stets über das lokale Risiko erkunden, empfiehlt der Autor mit einem Augenzwinkern (Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war die Ironie nicht direkt erkennbar. Wir bitten um Entschuldigung).

Milch macht wütende “Bild”-Redakteure sauer

Die Leute bei “Bild” sind nicht nur “wütend”, sondern auch “sauer”:

Ausriss Bild-Zeitung - Diese Milch-Preise machen uns sauer!

Am Samstag ließ die Redaktion Dampf ab — ihr war nämlich aufgefallen, dass im Supermarkt alles, was mit Milch zu tun hat, in letzter Zeit teurer geworden ist:

Diese Preise sind echt gebuttert! Quark, Sahne und Milch sind im letzten Jahr um ein Viertel teurer geworden, Butter sogar um knapp 60%!

Ein Experte erklärt in dem Artikel, dass “‘die Zahl der Milchbetriebe und der Kühe'” zurückgegangen sei, daher sinke auch die Milchmenge. “Zudem steige die Nachfrage, insbesondere für die Käse-Erzeugung”, erklärt “Bild” dann noch.

Folge: Die Bauern bekommen von den Molkereien inzwischen 33,3 Cent/kg Kuhmilch, zehn Cent mehr als vor einem Jahr.

“Vor einem Jahr” ist ein gutes Stichwort. Im Mai 2016 schrieben die “Bild”-Medien von der “MILCH-SAUEREI” und berichteten über den historisch niedrigen Milchpreis:

Er fällt und fällt und fällt: Der Milchpreis ist bundesweit auf ein Rekordtief gefallen! Molkereien zahlen den Bauern zum Teil nur noch 19 Cent je Kilogramm — so wenig wie nie!

Sie warnten vor dem “Preis-Krieg der Discounter”, der die Bauern in den Ruin treibe:

Ausriss Bild.de - Milch, Butter und Sahne billig wie nie! Preis-Krieg der Discounter treibt Bauern in den Ruin!

Und sie zeigten, wie hoch der Milchpreis sein müsste, damit sich das Melken überhaupt lohnt:

Wegen eines Überangebots sind aktuell die Milchpreise in ganz Europa im Keller. Um kostendeckend wirtschaften zu können, brauchen deutsche Milchbauern im Schnitt etwa 40 Cent je Kilogramm. Dieser Stand wurde zuletzt 2014 erreicht. Oft geraten gerade jene Bauern in Existenznot, die noch “glückliche Kühe” auf der Weide haben.

14 Monate später interessiert die “Bild”-Medien all das überhaupt nicht mehr. Dass “33,3 Cent/kg Kuhmilch” immer noch weniger sind als “40 Cent je Kilogramm” scheinen die Redakteure bei all ihrem Ärger am Kühlregal übersehen zu haben.

Mit Dank an Sabine L. für den Hinweis!

“Berliner Kurier” findet falsches Hitler-Uran

Auf der Titelseite des “Berliner Kuriers” ist heute Doppelapokalypse:

Ausriss der Titelseite des Berliner Kuriers - Atom-Klumpen-Fund in Oranienburg - War es Hitler-Uran? Radioaktives Material löst Großeinsatz aus. Polizei sieht Zusammenhang mit Atombomben-Forschung der Nazis - zu sehen ist ein Foto von Adolf Hitler sowie ein großer Atompilz

Hilter. Atompilz. Ein Boulevard-Traum.

Tatsächlich hat die ganze Sache aber nichts mit Uran zu tun, erst recht nichts mit einem Atompilz und höchstwahrscheinlich auch nichts mit Adolf Hitler.

Aber von vorne.

Im brandenburgischen Leegebruch, einem kleinen Ort mit etwas weniger als 7000 Einwohnern, gab es am Mittwochabend große Aufregung. Ein 64-jähriger Mann, der gerne mit seinem Metalldetektor in der Region nach Schrott und Schätzen sucht, war auf einen etwa 1,3 Kilogramm schweren Gegenstand gestoßen, der zwar metallähnlich aussah, aber nicht magnetisch war. Er nahm den Klumpen mit nach Hause, ließ ihn ein paar Tage rumliegen, schaute ihn dann zusammen mit seinen Kindern an, googelte ein wenig rum — und zack: Atom-Alarm in Leegebruch.

Polizei und Feuerwehr rückten an, zogen einen Sperrkreis um das Haus des Mannes und untersuchten den Gegenstand, bei dem der Finder inzwischen meinte, dass es sich um Plutonium handeln könnte. Die zuständige Polizeidirektion Nord gab gestern eine Pressemitteilung raus, die mit “Radioaktiver Fund” überschrieben ist und in der steht:

Die gemessene Strahlung war schwach. (Achtung: Wert von ca. 400 Nanosievert ist noch unbestätigt.)

Ja, das, was die Feuerwehr vor Ort gemessen hatte, war zu diesem Zeitpunkt alles “noch unbestätigt”. Wichtig in diesem Zusammenhang auch: Die benachbarte Stadt Oranienburg gilt als der radioaktiv am meisten belastete Ort Deutschlands, nachdem die Alliierten im Zweiten Weltkrieg mit Tausenden Bomben die dort ansässigen Auerwerke, in denen unter anderem Uranoxid angereichert wurde, komplett zerstört hatten.

Ein Mann findet einen bislang unbekannten Gegenstand in einer Region, in der Mal mit Uran hantiert wurde — für den “Berliner Kurier” reichte diese Faktenlage, um heute auf der Titelseite von einem “Atom-Klumpen-Fund” zu sprechen. Im Blatt hat die Geschichte eine komplette Doppelseite bekommen:

Ausriss Doppelseite des Berliner Kuriers - Überschrift Auf der Jagd nach dem Hitler-Uran

Die zwei Autoren schreiben dort:

Denn allem Anschein nach haben sie [der Mann und seine Kinder] etwas gefunden, aus dem die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine Atombombe bauen wollten.

Und:

Kurz darauf die Bestätigung der Behörden: Ja, der Klumpen von Bernd T. ist radioaktiv. Und strahlt.

… was den Zusatz “Achtung: Wert von ca. 400 Nanosievert ist noch unbestätigt.” in der Polizeimeldung komplett missachtet.

Inzwischen haben sich auch Mitarbeiter der Strahlenschutzbehörde den 1,3-Kilo-Klumpen angeschaut und kommen zu dem Ergebnis: null Radioaktivität.

Wir wissen nicht, wann beim “Berliner Kurier” Redaktionsschluss ist. rbb24.de brachte die Nachricht, dass es sich bei dem Fund in Leegebruch nicht um radioaktives Material handelt, gestern bereits um 17:06 Uhr.

Das “Uran” in der “Kurier”-Schlagzeile ist also Quatsch. Bleibt noch der Zusammenhang mit Adolf Hitler, über den die Redaktion auf der Titelseite schreibt:

Polizei sieht Zusammenhang mit Atombomben-Forschung der Nazis.

Im Artikel machen die Autoren keine Scherze:

Kein Scherz: Auch die Polizei geht davon aus, dass strahlende Fund (sic) aus einer alten Nazi-Fabrik stammt.

Sie zitieren die Polizei sogar:

Doch wie kommt ein radioaktiv strahlender Metall-Klumpen nach Brandenburg? Die Polizei geht von einem Zusammenhang “mit der früheren Geschichte Oranienburgs und den Auer-Werken” aus.

Die komplette Aussage der Polizei steht in der bereits erwähnte Pressemitteilung und geht so:

Nicht ausgeschlossen wird derzeit ein Zusammenhang mit der früheren Geschichte Oranienburgs (Auer-Werke).

Die Polizeidirektion Nord kann sicher auch einen Zusammenhang mit dem nordkoreanischen Atomprogramm nicht hundertprozentig ausschließen. Der “Berliner Kurier” hätte also auch titeln können: “Schießt der Irre aus Nordkorea auf Leegebruch?”

Wir haben uns erlaubt, die “Kurier”-Titelseite von heute etwas zu korrigieren:

Ausriss der Titelseite des Berliner Kuriers, allerdings mit Korrekturen von uns - Durchgestichen sind Atom, Uran, radioaktives Material, Polizei sieht Zusammenhang mit Atombomben-Forschung der Nazis, der Atompilz, Fragezeichen liegen über dem Foto von Adolf Hitler und dem Namen Hitler

“Bild” übernimmt Politiker-Draufhauen von AfD und “Pegida”

Es ist schrecklich anzusehen, wie sich einige Spitzenpolitiker derzeit präsentieren. Sigmar Gabriel zum Beispiel, der sich als gekränkter abgesägter Außenminister dazu hinreißen lässt, in einem Interview seine kleine Tochter zu benutzen, um Rache an der SPD und Martin Schulz zu üben:

Gabriel sagte mit Blick auf seine Zukunft: “Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Zuhause freuen sich schon mal alle darauf.” Seine kleine Tochter Marie habe ihm am Donnerstagfrüh gesagt: “Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.”

Eine Fünfjährige vorschicken und sie mit einem Spruch über das Aussehen einer anderen Person zurückschlagen lassen — das muss man erstmal für richtig halten.

Oder Olaf Scholz, dessen Versprechen, auch bei einer erneuten Großen Koalition Bürgermeister Hamburgs zu bleiben, in Anbetracht des mächtigen Postens als Finanzminister nichts mehr wert ist.

Oder Martin Schulz, der mit dem Umstoßen von unumstößlichen Positionen, ein denkbar schlechtes Bild eines Berufspolitikers abgibt.

All diese — mitunter schweren — Fehler sind traurig und tun weh, weil sie das ohnehin schwindende Vertrauen in Politiker und Politik im Allgemeinen weiter zerstören. Sie stärken die, die alle Politiker für korrupt und machtbesessen halten.

Für diese Leute, die genug haben von “den da oben im Parlament”, scheint die “Bild”-Redaktion heute einen Kommentar auf ihrer Titelseite verfasst zu haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht über die Titelseite

DAS MEINT BILD

Erbärmlich!

Was haben SPD-Vorsitzende und Joghurt gemeinsam?

Ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum. So spottet man im Berliner Regierungsviertel.

Das politische Ende von Martin Schulz, erst als Vorsitzender, jetzt als Außenminister, bevor er überhaupt Außenminister wurde, bestätigt so ziemlich jedes Vorurteil, das man über Niedertracht und Charakterlosigkeit in der Politik haben kann.

Genau die Genossen, die Schulz mit dem DDR-Ergebnis von 100 Prozent zu ihrem Oberhaupt gewählt haben, erpressen wenige Monate später seinen unwürdigen Abgang herbei.

Sigmar Gabriel, der unser Land repräsentiert und Schulz wie Kanonenfutter in den Wahlkampf geworfen hat, weil er selber nicht den Schneid hatte, gegen Angela Merkel anzutreten und zu verlieren, versteckt sich im entscheidenden Moment hinter seiner fünfjährigen Tochter und legt ihr den bitterbösen und politisch vernichtenden Satz in den Mund, Papa müsse jetzt nicht mehr so viel Zeit „mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“ verbringen.

Männer, die für ihre persönlichen Machtkämpfe ihre Töchter benutzen – das ist der Zustand unserer politischen Elite in Deutschland. Erbärmlich.

Sigmar Gabriel sagt etwas, das man ohne Zweifel kritisieren kann und vielleicht auch muss. Und daraus leitet “Bild” einen erbärmlichen “Zustand unserer politischen Elite in Deutschland” ab? Das ist populistisch. Das ist undifferenziert. Das ist verachtend. Das ist gefährlich. Das ist die Übernahme der Formulierung und der Stimmungsmache, die man sonst von AfD und “Pegida” kennt.

Mit ihrer Verallgemeinerung spuckt die “Bild”-Zeitung all den Politikern ins Gesicht, die wirklich gute Arbeit leisten, die teils irre viel arbeiten, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, denen nicht alles egal ist, was nichts mit Posten und/oder Macht zu tun hat. Und die sich dennoch als “Volksverräter” beschimpfen lassen müssen. Das Wettern gegen “unsere politische Elite in Deutschland” auf der “Bild”-Titelseite ist davon zwar noch zwei, drei Schritte entfernt. Aber eben auch nur noch zwei, drei Schritte.

Angesprochen auf den AfDesken Kommentar seiner Redaktion, ruderte “Bild”-Oberchef Julian Reichelt bei Twitter ganz ordentlich zurück:

Der schöne Schein und die Ästhetisierung des Krieges

Als Reaktion auf einen mutmaßlichen Giftgasangriff bombardierten die USA unter Beteiligung von Frankreich und des Vereinigten Königreichs am 14. April syrische Einrichtungen bei Damaskus und Homs. Zur Bebilderung der Meldung verwendeten zahlreiche Medien (“Spiegel Online”, Berliner-Zeitung.de, Stern.de, Handelsblatt.com, taz.de, ksta.de, MDR.de, “Deutschlandfunk” und viele weitere) ein und dasselbe Bild der amerikanischen Nachrichtenagentur “Associated Press”, die in Deutschland mit der “dpa” zusammenarbeitet.

Screenshot Spiegel Online, der die Verwendung des Fotos zeigt - Foto-Beschreibung weiter hinten im Text
Screenshot Berliner-Zeitung.de, der die Verwendung des Fotos zeigt
Screenshot taz.de, der die Verwendung des Fotos zeigt

Kriegsmeldungen zu bebildern, ist mit Sicherheit keine einfache Aufgabe und vielleicht gab es auch nur wenig Auswahl. Dennoch tue ich mich mit diesem Bild schwer.

Das Foto zeigt ein nächtliches Stadtpanorama in warmen Farbtönen mit einem spektakulären Lichtschweif, der weite Teile des Himmels erhellt.

Je nachdem, welcher Ausschnitt von der jeweiligen Redaktion gewählt wurde, ergeben sich stimmungsvolle Kompositionen aus malerischer Stadtkulisse und einem leuchtendem Himmel, der dynamisch von der Diagonale des Leuchtstreifens zerteilt wird. Man könnte durchaus von einem ästhetischen Bild sprechen, das man sich gerne ansieht. Kein Wunder: Bilder von nächtlichen Stadtlandschaften, Skylines und Gewittern sind begehrte Postermotive und werden sogar auf Leinwand angeboten.

Was bei all der visuellen Schönheit in den Hintergrund zu geraten droht: Es handelt sich immer noch um eine Kriegsaktion, mit all den furchtbaren Folgen für die dort lebende Bevölkerung.

Während sich also in Damaskus und Homs die Menschen Sorgen um ihr Leben machen, schauen wir uns romantischen Kriegskitsch an. Fast wie zu Silvester, wo wir dank der jährlichen Überdosis Raclette oder Fondue um Mitternacht schwerfällig nach draußen schwanken und sagen: “Oh, ist das schön!” Und uns danach wieder in das kuschelige Warm unserer sicheren Wohnung zurückziehen.

Nennt mich streng, nennt mich überkorrekt. Außerdem weiß ich, dass es natürlich — wie fast immer — Wichtigeres gibt. Aber mir ist unwohl bei dieser journalistischen Entscheidung, etwas schön zu bebildern, was nicht schön zu bebildern ist.

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