Bild  

Von Persönlichkeitsrechten im digitalen Zeitalter

Womöglich muss man schon dankbar sein, dass sie bei „Bild“ nicht gleich wieder eine Titelgeschichte draus gemacht haben, nach deren Veröffentlichung eine Bildungseinrichtung bedroht wird, und sich die Polizei einschalten muss.

Aber hartnäckig drangeblieben sind sie schon an der Geschichte, dass eine Grundschule in Halle an der Saale („kein Einzelfall!“) den Eltern verboten habe, bei der Einschulungsfeier zu fotografieren.

Ausriss Bild-Zeitung - Ist das wirklich im Sinne der gut 730000 Erstklässler oder nicht doch völliger Datenschutz-Irrsinn?

(Nein, in Halle wurden nicht „730.000 Erstklässler“ eingeschult — die „Bild“-Redaktion macht es hier nur etwas genereller.)

Der Artikel vom Samstag legte dann für „Bild“-Verhältnisse überraschend sachlich die Rechtslage dar („Eltern sollten sich bewusst sein, dass Fotos von Kindern im Internet problematisch seien“).

Aber auch gestern waren die besagte Grundschule und eine weitere in Halle noch einmal Thema in der Bundesausgabe: Eine Mutter, die sich mit ihrer Tochter von „Bild“ fotografieren ließ, sagt, dass sie die Vorgabe des Schulleiters respektiert hätten. Ein Gast (!) der Einschulung wird mit den Worten zitiert, ein Foto vom eigenen Kind zu verbieten sei „Irrsinn“ (eine Formulierung, die „Bild“ gerne für die Dachzeile des Artikels übernahm). Und der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes erklärt:

„Natürlich muss das Recht der Kinder am eigenen Bild geschützt werden.“

Damit war das Thema für „Bild“ aber noch nicht durch: Auf Seite 2 forderte Redakteur Christian Langbehn etwas melodramatisch: „Lasst uns die Erinnerungen“.

Ausriss Bild-Zeitung - Dass einige Schuldirektoren ein generelles Fotoverbot für diese Feier verhängen, ist schlicht grotesk. Gewiss, im digitalen Zeitalter ist es wichtiger denn je, auf die Persönlichkeitsrechte, insbesondere die von Kindern, zu achten. Dabei geht es aber nicht um das Fotografieren, das eigentliche Erstellen des Fotos. Sondern um den späteren Umgang damit. Die entscheidenden Fragen sind: Laden wir diese Fotos ins Internet? Und wer darf sie dort sehen?

Was so alles mit Fotos passieren kann, die zufälligerweise ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, kann man just oben auf jener Seite 6 der „Bild“-Bundesausgabe von gestern sehen, auf der unten die Geschichte vom „Datenschutz-Irrsinn“ steht: Da prangt das Foto eines 20-jährigen Geflüchteten aus Afghanistan, der am Wochenende bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde — unverpixelt, „Foto: privat“.

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Der große Werbe-Beschiss, Rezo und die Zeitungen, Lachkonserve-Erfinder

1. Der grosse Werbe-Beschiss: Klickt euch doch selbst!
(medienwoche.ch, René Zeyer)
René Zeyer beschäftigt sich in der „Medienwoche“ mit einem Problem, das bei vielen Medien gerne unter den Tisch gekehrt wird: den unzähligen Promi-Betrugsinseraten und Werbebetrügereien. Er schreibt: „Wieso es aber weder Google mit seinen Tausenden von IT-Spezialisten, noch grossen Medienkonzernen wie Springer, Ringier, «Spiegel», «Die Zeit» und anderen nicht gelingt, wenigstens offenkundige Betrugsmaschen den Stecker zu ziehen, bleibt unverständlich.“ Manche Medien würden gar vor den Fake-Inseraten ihrer eigenen Seite warnen: „Man muss sich diese Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Ein Verlag warnt vor seinen eigenen Inseraten. Er verdient zwar dran, kriegt sie aber nicht weg.“

2. Die Zerstörung der Zeitungen durch den Youtuber Rezo
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Youtuber Rezo war beim Comedyduo „Space Frogs“ zu Gast. Es ging um das Thema „Zeitung“. Hat das Konzept ausgedient („Die meisten Zeitungen sind Billo-Shit-Unterhaltung.“)? Und warum kritisieren Medien sich nicht untereinander, da wo es angebracht ist: „Übermedien macht das. BILDblog macht das. Aber warum machen das nicht alle Zeitungen?“

3. Viele individuelle Lösungen für komplexe Probleme
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:16 Minuten)
Die „Fridays for Future“-Bewegung könne laut Medienethiker Alexander Filipovic einen positiven Effekt auf die Medienberichterstattung haben. Die Folge der Proteste könne sein, „dass sich die Erwachsenen für die Komplexität des Themas interessieren und auch die anspruchsvollen Dinge angucken und auch kaufen, sodass sich die Medien auch trauen, die wichtigen Sachen zu platzieren“.

4. dpa reagiert positiv auf offenen Brief zum Jubiläum
(genderequalitymedia.org)
Anlässlich des 70. Geburtstags der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hat sich „Gender Equality Media“ in einem offenen Brief (PDF) an die Nachrichtenagentur gewandt. Kern des Anliegens: Die Nachrichtenprofis auf unangebrachte Begriffe im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen hinzuweisen. Der offene Brief sei von der Agentur positiv aufgenommen worden.

5. Erzählen Sie lieber was vom Pferd!
(faz.net, Hans Hütt)
Das Format der Sommerinterviews gehört neu überdacht, findet Hans Hütt: „Wie kommt es, dass die beiden großen Sendeanstalten mit ihren erstaunlichen Ressourcen nicht in der Lage sind, ihre rhetorisch ausgeschlafenen Gäste mit Daten und Fakten zu konfrontieren?“ Die „oberflächliche Dampfplauderei“ sei entbehrlich.

6. Der Erfinder der Lach-Konserve
(spiegel.de, Danny Kringiel)
Hinter dem Lachen vom Band in TV-Sendungen steht die Erfindung eines US-Ingenieurs aus dem Jahr 1953 — Charles Douglass hatte eine „Lachmaschine“ entwickelt: „Die Tasten waren mit 320 Lacher-Variationen belegt. Es war wie eine Orgel, mit der man ein ganzes Lachorchester kontrollierte. Douglass spielte sie virtuos. Mit präzisem Timing setzte er Lacher wie Akkorde zusammen: etwa das frühe Kichern vom Blitzmerker, der die Pointe als erster versteht, überlappend mit dem Auflachen der Menge, als der Groschen fällt. Das applausbegleitete Hauptgelächter, aus dem ein schrilles Lachen hervorsticht. Und dann, kurz vor dem Abebben, das dröhnende Wiehern des Spätzünders. Douglass schuf Kompositionen der Freude.“

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Wo gibt’s denn sowas? Nicht bei Otto.

„Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen“ habe es gegeben, schrieb die „Hamburger Morgenpost“ vor zwei Monaten groß auf ihrer Titelseite, und zwar in der Hamburger Villa des Unternehmers Frank Otto. Dort sei eine „Teenie-Party“ mit 300 Gästen aus dem Ruder gelaufen.

Eine Teenie-Party in der Nacht zu Sonntag in der Hamburger Villa von Medienunternehmer Frank Otto (61) und Dschungelstar Nathalie Volk (22) ist derart ausgeufert, dass mehrfach die Polizei auftauchen musste. Für drei Jugendliche endete die Nacht in Handschellen.

Am Ende des Artikels kam auch Otto selbst zu Wort, der die Sache allerdings etwas anders darstellte. Er erklärte, dass …

in der Villa selbst alles friedlich gewesen sei. Randale hätten demnach Leute gemacht, die zu der Party gar nicht eingeladen waren und auf der Straße vor dem Anwesen bleiben mussten.

Trotzdem titelte die „Mopo“-Redaktion:

Große Titelschlagzeile der Hamburger Morgenpost: Krawall-Party in der Otto-Villa - Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen: 300 Jugendliche feierten in der Millionärs-Residenz, bis die Polizei kam

Heute musste sie auf ihrer Titelseite und im Innenteil eine Gegendarstellung abdrucken:

Gegendarstellung auf der Titelseite der Hamburger Morgenpost: Auf der Titelseite der "Hamburger Morgenpost" vom 24. Juni 2019 heißt es unter der Überschrift "Krawall-Party in der Otto-Villa": "Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen: 300 Jugendliche feierten in der Millionärs-Residenz, bis die Polizei kam" Hierzu stelle ich fest: Die beschriebenen Vorfälle fanden nicht in meinem Haus statt; es feierten dort nicht mehr als 100 Personen - Hamburg, den 2. August 2019 - Frank Otto

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Whatsapp an Strache, Maaßen-Analyse, Mockridge vs. Fernsehgarten

1. Chronologie einer Enthüllung: Whatsapp an H.-C. Strache
(derstandard.at, Bastian Obermayer & Frederik Obermaier)
Die beiden „SZ“-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier waren an der Aufdeckung des Ibiza-Skandal um FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beteiligt. Beim österreichischen „Standard“ erzählen sie, wie sie Kurz und dessen Adlatus mit den Vorwürfen konfrontierten und was danach passierte. Ein Bericht, der sich streckenweise wie ein Krimi liest.

2. Angeblicher Auflagen-König ist in Wahrheit König der Kopierer
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Nahezu alle Zeitschriften machen Verluste, doch ein Verlag scheint davon auf wundersame Weise nicht betroffen zu sein: der Alles Gute Verlag. Sein Erfolgsrezept beruhe auf einem simplen Trick, so Mats Schönauer auf „Übermedien“: Die sich mehrheitlich um Klatschblätter handelnden Postillen würden vornehmlich bei sich selbst abschreiben. Die fantastischen Zahlen hätten etwas mit der Abrechnungsweise der IVW bei den Remissionen bestimmter Titel zu tun: „Für ihre Analysen haben die Branchendienste bei der „Freizeit Heute“ nicht die verkaufte Auflage betrachtet, wie bei anderen Zeitschriften, sondern die Druckauflage, die immer deutlich höher ist. Das Blatt gehört also nicht an die Spitze des Rankings, sondern vermutlich irgendwo ins Mittelfeld.“

3. Warum wir weiterhin darüber aufklären, wen Maaßens Anhängerschaft retweetet
(netzpolitik.org)
Netzpolitik.org hat die Twitter-Anhängerschaft des früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen analysiert. Dies hat teilweise heftige Kritik ausgelöst, die Netzpolitik.org wie folgt beantwortet: „Wir stehen zu unserem Bericht über die Datenanalyse. Deswegen lassen wir uns weder von Klageandrohungen noch von Shitstorms einschüchtern, die mit persönlichen Angriffen, Beleidigungen und Verleumdungen eine Änderung unserer Berichterstattung einfordern. Beides stellt einen Angriff auf die Pressefreiheit dar.“

4. Wo sich der Populismus unterhält
(tagesspiegel.de, Oliver Weber)
Oliver Weber hat sich die Entwicklung der Polittalks in den vergangenen Jahrzehnten näher angeschaut. Anfangs habe es an den Sendungen häufiger Kritik von rechts gegeben, heutzutage eher von links: „Führt man sich einmal vor Augen, wie irritationsresistent politische Talkshows funktionieren, wird auch klarer, inwiefern sie zum Aufstieg der AfD beigetragen haben können. Wenn sich der Personenkreis der häufig geladenen Gäste auf gut dreißig bekannte Gesichter reduziert, wird auch das populistische Vorurteil plausibler, in Berlin regiere eine kleine Clique von Politikern, die zur Lösung der Probleme im Land nichts beitrage.“

5. Wie Neonazis ihren Lifestyle auf Instagram verbreiten
(belltower.news, Samira Alshater)
Viele Rechtsextreme haben Instagram für sich entdeckt: „Auch sie nutzen die Plattform zur Darstellung ihres rechten Lifestyles. Dabei verwischen sie gezielt die Grenzen zwischen Propaganda und Privatleben.“ Samira Alshater zeigt mit zahlreichen Beispielen, welcher Bildsprache sich Rechtsextreme und Neonazis bedienen.

6. Kiewel rügt Mockridge nach Gaga-Auftritt im „Fernsehgarten“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Am Sonntag war der Comedian Luke Mockridge beim ZDF-„Fernsehgarten“ zu Besuch und hat dort augenscheinlich versucht, mit einem absichtlich schlechten Auftritt voller schlechter Witze die Sendung zu „pranken“. Nach vier quälend langen Minuten hatte die Regie genug und schaltete zu Fernsehgarten-Moderatorin Andrea Kiewel rüber, die dem Spuk ein Ende bereitete. Etwas später richtete Kiewel sich live an ihr Publikum: „Ich moderiere diese Sendung jetzt seit 19 Jahren und das was Luke Mockridge hier gerade abgeliefert hat, übertrifft alle Vorstellungen an Unkollegialität, die ich jemals erlebt habe.“
Kommentar des „6 vor 9“-Kurators: Wenn überhaupt bezieht der Vorgang seine Komik aus einem Aspekt, der sicherlich nicht beabsichtigt war: Ein glattgebügelter und gefälliger Unterhaltungskünstler für den Massengeschmack arbeitet sich an einem glattgebügelten und gefälligen Unterhaltungsformat für den Massengeschmack ab.

Schöner abschieben, MDR-Diskussion geplatzt, Börse für Andersdenkende

1. Ein PR-Coup des Innenministeriums: Schöner abschieben nach Kabul
(fr.de, Katja Thorwarth)
Die Deutsche Presse-Agentur hat auf Einladung des Innenministeriums einen Abschiebeflug nach Afghanistan begleitet und darüber recht einseitig berichtet, wie Katja Thorwarth kritisiert: „Natürlich kann man die Perspektive der Polizei wählen, nur trägt das zur Transparenz maximal 50 Prozent bei. Tatsächlich wird das für die abgeschobenen Menschen dramatische Ereignis auf den Routinealltag von Beamten heruntergebrochen, Emotionen werden mit dem Verweis auf „beklommene Blicke“ abgefrühstückt. Eigentlich im Fokus stehende Einzelschicksale der Flüchtlinge sind ausgeblendet, das Individuum inklusive Innenleben findet im ministeriell abgesegneten Propagandastück nicht statt.“

2. Lernen Sie jemanden kennen, der ganz anders denkt als Sie!
(zeit.de)
Beim großen Projekt „Deutschland spricht“ vermitteln „Zeit Online“ und die beteiligten Partnermedien allen interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen politisch anders denkenden Gesprächspartner. Das Projekt wurde erstmals 2017 initiiert und von 12.000 Personen genutzt. Im vergangenen Jahr waren es dann schon 28.000 Menschen.
Weiterer Lesetipp: Armin Falk hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und kommt zu dem Ergebnis, „dass bereits ein zweistündiges Gespräch ­zwischen Menschen mit völlig unterschiedlichen ­politischen Ansichten reicht, um die Polarisierung abzuschwächen. Das Treffen hat Vorurteile gegenüber Andersdenkenden abgebaut: Nach dem Gespräch hielten Teilnehmer Menschen mit anderen Ansichten im Schnitt für weniger inkompetent, ­bösartig und schlecht informiert. Und sie hatten weniger den Eindruck, dass diese völlig andere Werte und Lebensvorstellungen ­haben.“

3. MDR-Diskussion mit Neonazi platzt nach heftiger Kritik
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Die geplante Diskussion des MDR zum Film „Chemnitz — Ein Jahr danach“, zu der auch ein Neonazi eingeladen war, findet nicht statt. Nachdem es einige Kritik gegeben hatte, und Diskussionspartner aus Protest ihre Teilnahme widerrufen haben, will der MDR das Publikum stattdessen mit den Machern des Films diskutieren lassen.

4. Gewalt gegen Journalisten eskaliert
(reporter-ohne-grenzen.de)
In Hongkong kommt es seit mehreren Wochen zu massiven Protesten. Auslöser war ein Gesetzentwurf, der die Auslieferung von Verdächtigen nach Festland-China erlaubt hätte. Nun wird die Lage auch für Medienschaffende gefährlich. Christian Mihr, Geschäftführer bei Reporter ohne Grenzen: „Die mittlerweile systematische Gewalt soll Journalistinnen und Journalisten abschrecken, über die Proteste zu berichten. Die Behörden in Hongkong müssen die Gewalt gegen Medienschaffende beenden und die brutalen Übergriffe untersuchen.“

5. Radio erlebt als Audio seinen x-ten Frühling
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Im Gespräch mit dem Portal „Fachjournalist“ verrät der stellvertretende Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks Walter Schmich, was aus seiner Sicht guten Radiojournalismus ausmacht, wie für ihn das Radio der Zukunft aussieht und was er vom Podcast-Boom hält. Um das Radio macht er sich keine Sorge: „Hörfunk hat beispielsweise in Bayern in 20 Jahren nicht einmal vier Prozent an Reichweite verloren — das ist gar nichts. Da ist der Vorteil, dass wir ein Nebenbei-Medium sind: Ich kann z.B. am Computer arbeiten und Radio hören. Ob man uns über UKW, DAB oder als Livestream am PC hört — völlig egal, wir erreichen die Leute.“

6. Warum Bibel TV der Werbemarkt egal sein kann
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Seit mittlerweile 17 Jahren behauptet sich der kleine Nischenkanal Bibel TV am Markt. Der gemeinnützig arbeitende Sender gehört mehrheitlich der Rentrop-Stiftung, die beiden großen Kirchen besäßen jedoch eine Sperrminorität. Timo Niemeier stellt den Sender vor, bei dem „die Ausrichtung am christlichen Wertekanon und an Gewaltfreiheit“ im Zentrum stehe.

Bild.de macht pauschal Stimmung: „Muslime hassen Juden“

Bei Netflix läuft seit gut zwei Wochen der Film „The Red Sea Diving Resort“, und Bild.de hat ihn nun auch entdeckt:

Screenshot Bild.de - Red Sea Diving Resort - Geheimdienst tarnt Flüchtlinge als Urlauber -Der Netflix-Film basiert auf wahren Begebenheiten

Allerdings ist bereits das, was die Redaktion in der Überschrift schreibt, falsch. Und es wird auch nicht richtiger, wenn Autor Christian Henning diese Art Zusammenfassung ähnlich im Artikel wiederholt:

Als die Tarnung als Tauch-Resort so perfekt ist, dass tatsächlich (deutsche) Touristen dort ankommen, müssen die Geheimagenten Tauch- und Fitness-Kurse anbieten. Hauptsache, niemand merkt, dass die meisten Gäste auf den Zimmern Flüchtlinge sind, die um ihr Leben bangen.

In der Tat geht es in „The Red Sea Diving Resort“ um einen Geheimdienst (den Mossad), der Geflüchtete (Äthiopierinnen und Äthiopier jüdischen Glaubens) rettet. Das Team des Mossad pachtet zum Schein ein verlassenes, am Roten Meer gelegenes Resort im Sudan. Es kommen dann etwas überraschend auch richtige Touristen, für die der Mossad ein Urlaubsprogramm organisieren muss. Die Geflüchteten aus Äthiopien werden in den 130 Minuten, die der Film dauert, allerdings kein einziges Mal als Urlauber getarnt und sie sind auch nicht Gäste des Resorts, wie Bild.de schreibt. Sie verstecken sich nach ihrer Flucht vor dem äthiopischen Bürgerkrieg in einem sudanesischen Flüchtlingslager, das ganz woanders im Land liegt. Das vom Mossad gepachtete Resort dient lediglich als der Ort, zu dem sie bei Dunkelheit in Lastwagen gefahren werden, um dort in Boote zu steigen, die sie nach Israel bringen. Die Geschichte basiert auf der „Operation Brüder“.

„Bild“-Autor Christian Henning hat den Film offenbar überhaupt nicht gesehen. Oder er hat ihn gesehen, allerdings kaum verstanden.

Dafür hat er es aber hinbekommen, bei Bild.de selbst in einer Filmrezension Stimmungsmache gegen Muslime unterzubringen. Zum „Haken“ an dem Vorhaben des Mossad schreibt er:

Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden.

Ohne Einschränkung, ohne Differenzierung. Kein „manche“. Kein „einige“. Nicht mal ein „viele“. Laut Bild.de sind pauschal alle Muslime Judenhasser.

Mit Dank an @MKTuningDO und @Menschenkleber für die Hinweise!

Nachtrag, 12:27 Uhr: Bild.de hat die zwei oben zitierten Sätze zum Sudan als „überwiegend muslimisches Land“ sowie zu den Muslimen, die pauschal Juden hassen würden, ohne irgendeinen Korrekturhinweis aus dem Artikel gestrichen.

Nachtrag, 12:59 Uhr: Nun hat die Redaktion auch eine Anmerkung hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Muslime hassen Juden.“ Der Satz wurde ersatzlos entfernt.

Nachtrag 19:48 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Text inzwischen ein weiteres Mal überarbeitet. Nun sind auch die Sätze „Im Sudan ist ein Menschenleben eher wenig wert. Ein jüdisches umso weniger.“ rausgeflogen.

Außerdem hat die Redaktion ihre „Anmerkung“ am Ende des Artikels noch einmal überarbeitet:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden. Ein Menschenleben ist dort nichts wert. Ein jüdisches umso weniger.“ Für diese falsche Pauschalisierung bitten wir um Entschuldigung. Der Absatz wurde ersatzlos entfernt.

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Polizeiliche Leimgeher, Klima-Framing, MDR Bühne für Rechte

1. Was macht die Polizei Berlin in der „Bild“-Werbung?
(t-online.de, Lars Wienand)
Die Polizei Berlin hat sich für eine Werbekampagne der „Bild“-Zeitung einspannen lassen und versucht, dies auf interessante Weise zu rechtfertigen: Ihr sei das alles in dieser Form nicht vorher kommuniziert worden. Der Medienjournalist und BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier („Übermedien“) kommentiert: „Damit geht die Polizei entweder der ‚Bild‘ auf den Leim oder sie stellt sich dumm.“

2. Klima: Medien verführen mit der Wortwahl zu passivem Verhalten
(infosperber.ch, Stefan Boss)
Die Kommunikations- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling hat ein Buch über „Politisches Framing“ verfasst. Darin geht es darum, wie die Wortwahl unser Denken beeinflusst. Beispiele dafür seien etwa die Worte „Klimawandel“ oder „Klimaerwärmung“, welche das Problem verharmlosen würden. Hier seien eher Begriffe wie „Klimaerhitzung“ oder „Klimakrise“ angebracht.

3. Mit Rechten reden
(taz.de, Sarah Ulrich)
Im August 2018 kam es in Chemnitz zu Aufmärschen von Rechten und Rechtsextremen. Anlässlich seiner Reportage „Chemnitz — Ein Jahr danach“ lädt der MDR zu einer Diskussionsveranstaltung. Mit dabei unter anderem die Oberbürgermeisterin der Stadt, der Programmdirektor und ein Universitätsprofessor, aber auch ein gewisser Arthur Oesterle. Die „taz“ erklärt, warum das hochproblematisch ist.

4. Britische Werbeaufsicht verbannt Volkswagen-Spot
(horizont.net, Ingo Rentz)
Großbritannien hat neue Werberichtlinien hinsichtlich der Darstellung der Geschlechter erlassen. Dass diese Richtlinien keine bloßen Appelle sind, hat nun unter anderem der Automobilkonzern VW erfahren. Die britische Werbeaufsicht Advertising Standards Authority hat die Ausstrahlung eines Spots über ein E-Auto untersagt.

5. Online second
(kontextwochenzeitung.de, Wolfgang Messner & Markus Wiegand)
Der Strukturwandel in den etablierten Zeitungsmedien führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Printlern und den Onlinern. Auch bei der „Süddeutschen Zeitung“ soll dieser Kampf hinter den Kulissen toben. Angeblich befeuert durch einen Debattenbeitrag der Digitalchefin, den ihr einige Kollegen wohl übel genommen haben. „Kontext“ berichtet über Positionen, Zusammenhang und Hintergründe des Richtungsstreits.

6. Eine herzzersplitternde Traurigkeit
(zeit.de, Linda Benedikt)
Linda Benedikt schreibt bei „Zeit Online“ in berührender Weise über ihren Großvater, die Fernsehlegende Robert Lembke: „Als Jude machte er Karriere im Land der Täter, die seine Verwandten ausgelöscht hatten. Wie konnte er das nur aushalten?“

Hitzige Klima-Debatte, Feindesliste der Prepper, Erfolgreiches Katapult

1. Ein Einblick in die Social-Media-Strategie der „Tagesschau“
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Petra Schwegler hat sich für die „Medientage München“ mit Patrick Weinhold unterhalten, der das Social-Media-Team der „Tagesschau“ leitet. Ausgewählte Inhalte der Nachrichtensendung werden über Instagram, YouTube, Facebook und Twitter ausgespielt. Demnächst kommen noch Messengerdienste hinzu wie der Facebook Messenger und Telegram. Der Schwerpunkt der Social-Media-Strategie liege in der Verjüngung des Publikums, denn „das Durchschnittsalter der klassischen „Tagesschau“-Zuschauer liegt bei 64 Jahren, die Homepage-Besucher sind im Schnitt 42, die App-Nutzer 41 Jahre alt.“

2. Wie weit dürfen Journalisten bei Undercover-Recherchen gehen?
(sueddeutsche.de, Elisa Britzelmeier)
Beim RTL-Format „Team Wallraff“ recherchieren Reporter undercover. Das heißt, sie schleusen sich in Betriebe ein und dokumentieren mit versteckter Kamera Missstände. Dagegen haben sich nun verschiedene Personen gerichtlich zur Wehr gesetzt, die im Zusammenhang mit einer Krankenhausreportage heimlich aufgenommen wurden.

3. Hitze, Brände, Kachelmann
(scilogs.spektrum.de, Stefan Rahmstorf)
Der Klimatologe Stefan Rahmstorf hat einen Artikel über den Zusammenhang von steigenden Temperaturen und Waldbränden verfasst, der auch eine Abrechnung mit dem Wetter-Experten Jörg Kachelmann ist: „Sein Twitter-Verhalten ähnelt dem von US-Präsident Trump: markige Behauptungen posten ohne Rücksicht auf deren Wahrheitsgehalt, und wer ihn widerlegt wird unflätig beschimpft. Kachelmann ist zwar nicht so dumm, die globale Erwärmung an sich oder ihre Verursachung durch den Menschen zu bestreiten, wie es die AfD tut, aber er gehört zum dritten Typus von „Klimaskeptikern“, der versucht, die Folgen der Erwärmung herunterzuspielen. Dieser Typ stellt die „Klimaleugner“ und die angeblich „alarmistischen“ Klimaforscher auf eine Stufe als gleichermaßen verblendet, um sich dann selbst in der vermeintlich goldenen Mitte zu verorten. Gemeinsam haben alle drei Typen von „Klimaskeptikern“, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu ihrem Narrativ passen, und dass ihre Hauptmethode daher die Diffamierung von Wissenschaftlern ist.“

4. Klaus-Peter Wolf geht erstmals gegen Schmähschrift vor
(buchmarkt.de, Klaus-Peter Wolf)
Was muss vorfallen, damit ein Autor gegen einen Leserbriefschreiber gerichtlich vorgeht? Immerhin stehen sofort Verdacht und Vorwurf im Raum, hier wolle jemand einen Kritiker mundtot machen. Der Autor Klaus-Peter Wolf erzählt, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat.

5. „Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen“: die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte des „Katapult“-Magazins
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
Als Benjamin Friedrich 2015 „Katapult“ gründete, das Magazin für „Kartografik und Sozialwissenschaft“, haben die Wirtschaftsberater ein schnelles Aus prophezeit: „Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen. Dann ist das der schlechteste Business-Plan überhaupt.“ Doch es kam anders: Derzeit ist die 15. Ausgabe des Heftes in Planung, das laut Verlagsangaben etwa 18.500 Abonnenten und eine Auflage von 50.000 Exemplaren hat. „Meedia“ hat mit dem Gründer und Chefredakteur ein aufschlussreiches Gespräch rund um das ungewöhnliche Magazin geführt.

6. „Feindesliste“ von rechtsextremen Preppern: Wir verklagen Bundeskriminalamt
(fragdenstaat.de)
Die rechtsextreme „Nordkreuz“-Gruppe hat Informationen über rund 25.000 Personen, darunter Journalistinnen und Journalisten sowie linke Politikerinnen und Politiker, in einer Liste zusammengetragen. Personen, die in einem „Krisenfall“ festgesetzt und getötet werden sollen. Wer auf dieser Liste auftaucht, kann also als gefährdet gelten, doch das Bundeskriminalamt verweigert die Herausgabe der Daten. Nun beschreitet „Frag den Staat“ den Klageweg. Der Fall werde am kommenden Montag, 19. August, im Verwaltungsgericht Wiesbaden öffentlich verhandelt.

„BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln“

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte in ihrer Regierungserklärung gesagt, Soldatinnen und Soldaten in Uniform sollten in Deutschland künftig kostenlos mit der Bahn fahren können. Doch dieser Plan drohe nun zu kippen:

Wie der „Spiegel“ berichtet, scheitert der Plan bisher an der Bahn: Die verlange 38 Millionen Euro/Jahr für die Einführung (bei geschätzt 40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr), wolle Soldaten aber nur auf ICE-Hauptstrecken fahren lassen und verlange ein eigenes Bundeswehr-Buchungssystem.

… schrieb Hans-Jörg Vehlewald gestern auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung. Und nein, der Preis für eine Bahnfahrt ist nicht über Nacht auf irgendwas zwischen 475 und 950 Euro gestiegen. Vehlewald bekommt es einfach nicht hin, die richtigen Zahlen zu nennen: Bei rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten, die die Bundeswehr zählt, hätten „40 000 bis 80 000 Freifahrten pro Jahr“ selbst dem „Bild“-Chefreporter merkwürdig niedrig vorkommen müssen. Tatsächlich soll es um „geschätzte 400.000 bis 800.000 Freifahrten von Soldaten pro Jahr“ gehen, für die die Bahn „38 Millionen Euro“ veranschlagt, wie der „Spiegel“ berichtet.

Zusätzlich zu seinem fehlerhaften Artikel schrieb Chefreporter Vehlewald in „Bild“ gestern auch einen Kommentar zu dem Thema („Kommt zu Potte!“), den er mit einer Drohung einer bemerkenswerten Botschaft enden ließ:

Und sollte sich irgendwer bei der Bahn oder ein Landesminister in den Weg stellen: BILD berichtet gern über jeden Quertreiber einzeln.

Wer an dem Vorhaben von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer zweifelt und etwa den legitimen Punkt aufbringt, dass sowieso schon volle Züge auf stark genutzte Strecken durch die möglichen Freifahrten der Soldatinnen und Soldaten übervoll werden könnten, muss also fürchten, von Deutschlands größter Zeitung an den Pranger gestellt zu werden. Bei „Bild“ kündigen sie ihre diskursvergiftenden Kampagnen jetzt schon breitbeinig an.

Vielleicht muss sich Hans-Jörg Vehlewald aber auch erstmal gar nicht „irgendwen bei der Bahn oder einen Landesminister“ vorknöpfen, sondern seinen „Bild“-Kollegen Kai Weise. Der berichtete im vergangenen Dezember über die Probleme der Deutschen Bahn: „Bei der Bahn haben wir ganz viel Dampf im Kessel!“ Eine Dampfquelle laut Weise: Die Züge seien zu voll.

Mit Dank an Niklas R. für den Hinweis!

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Innere Pressefreiheit, Klartext über Klartext, Versteckte Kameras

1. Wir müssen Verkäufer in eigener Sache werden
(journalist-magazin.de, Sascha Borowski)
Das Medienmagazin „journalist“ lässt seit einiger Zeit in einer herausragenden Serie führende Medienmacherinnen und -macher zu Wort kommen. In der elften Ausgabe von „Mein Blick auf den Journalismus“ erzählt Sascha Borowski, Digitalleiter der „Augsburger Allgemeinen“, von seinen Erkenntnissen. Wertvolle, da konkrete Einblicke in die praktische Arbeit einer Redaktion, ganz ohne die sonst üblichen inhaltsleeren Floskeln über Medienwandel, Transformation und Disruption.

2. Klartext über Klartext
(uebermedien.de, Samira El Ouassil)
Besonders in den Boulevardmedien wird gerne „Klartext“ geredet. Auf „Übermedien“ rechnet Samira El Ouassil mit dem unsäglichen Wort ab: „Bei Klartext kommt nie irgendwas Neues oder Überraschendes, Schlaues, Radikales, Inspirierendes, Visionäres — und es kommt vor allem, und das ist das Frechste an Klartext, vor allem eben kein Klartext, sondern meist selfiejournalistische Kolumnisten-Kakophonie eigener Egos, die sich nach etwas Rückversicherung und Validation sehnen.“

3. „Weniger Interesse, in die Tiefe zu gehen“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 7:15 Minuten)
Die große Zeit der Musikmagazine scheint vorbei. In den vergangenen Jahren wurden bei so bekannte Zeitschriften wie „Spex“, „Intro“ und „Groove“ der Stecker gezogen. Tapfer widersetzt sich der mittlerweile 50 Jahre alte „Musikexpress“, der von der Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann als „one last magazine standing“ gelobt wird. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärt Eismann, warum sich die Musikzeitschriften so schwer tun, obwohl Musik und Popkultur allgegenwärtig sind.

4. Warum lineares Fernsehen gut ist für uns alle
(welt.de, Elmar Krekeler)
Dem linearen Fernsehen laufen in Scharen die Leute weg. Dabei gebe es gute Gründe, warum es weiter bestehen sollte. In seinem Plädoyer für lineare Medien führt Elmar Krekeler einige davon an.

5. Innere Pressefreiheit groß geschrieben
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband lobt den „Spiegel“ für dessen kritische Titelgeschichte zu Kreuzfahrten. Diese sei umso bemerkenswerter, als dass der „Spiegel“ selbst derartige Leserreisen anbieten würde: „Deshalb ist es ein Vorzeigebeispiel von innerer Pressefreiheit, dass die Spiegel-Redaktion diese Geschichte ins Blatt heben konnte. Dass kritischer Journalismus den Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen eines Verlags bekommen hat. So sollte es überall sein.“
Ergänzung des „6 vor 9“-Kurators: Der „Spiegel“ schreibt in seiner Hausmitteilung (Ausgabe 33 vom 10.8.2019): „Selbstkritisch sei hier eingeräumt, dass der SPIEGEL-Verlag, wie andere Medienhäuser auch, Leserreisen auf Kreuzfahrtschiffen anbietet. Beim SPIEGEL agieren Verlag und Redaktion unabhängig voneinander. Wir werden die Titelgeschichte trotzdem zum Anlass nehmen, diese Kooperationen neu zu überdenken.“

6. Achtung, gleich wird’s lustig
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Früher waren TV-Sendungen mit versteckter Kamera ein Quotengarant. In Zeiten allgegenwärtiger Smartphonekameras und millionenfach geteilter Videomitschnitte mehr oder weniger lustiger Begebenheiten, müssten derartige Sendungen eigentlich obsolet sein. Trotzdem halten Sender wie ZDF und Vox unbeirrt an den Formaten fest. Formate, die Hans Hoff für gescheitert hält: „Das Scheitern der Shows hat natürlich vor allem mit der sinnlichen Entkernung ihrer selbst zu tun. Der eigentliche Gag, also die Überraschung ahnungsloser Menschen, ist halt nach wenigen Sekunden vorbei, verbraucht sich also ultraschnell. Deshalb sind die Produzenten dazu übergegangen, die Vorgeschichten und Nachbesprechungen endlos auszuwalzen, vorher zu versprechen, dass es gleich ganz lustig wird und hinterher zu behaupten, dass das gerade aber total lustig war. Im Prinzip gleichen Versteckte-Kamera-Präsentationen inzwischen eher gepflegten Nichtigkeitstalkshows mit kurzen Einspielern als einer wirklich guten Unterhaltung.“

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BILDblog-Klassiker

Lady Gagas kleiner Penis kommt ganz groß raus

Zwei Fragen beschäftigen die Menschen in diesen Tagen, und eine davon können wir beantworten.

Frage 1: Hat Lady Gaga einen Penis?
Frage 2: Sind die Medien komplett verrückt geworden?

Aber beginnen wir diese Geschichte doch einfach bei einer seriösen Nachrichtenseite, der des ARD-Boulevardmagazins „Brisant“. Dort heißt es:

Lady Gaga: „Ja, ich habe einen Penis!“

Das [sic] die US-amerikanische Sängerin Lady Gaga gern Haut zeigt, ist nichts Neues. Doch als sie beim Glastonbury Festival in England auf der Bühne von einem Motorrad stieg, rutschte ihr knappes rotes Kleid noch ein Stück höher und gab den Blick auf etwas frei, dass [sic] aussah wie ein Penis. Zu einem amerikanischen Magazin sagte sie, dass sie sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsteile habe, sich aber eher als Frau fühle. Ob das stimmt, oder ob sich die verrückte Künstlerin nur wieder selbst inszenieren wollte, bleibt offen.

Doch das ist nicht das einzige, das offen bleibt. Offen bleibt auch und vor allem die Frage, ob Frau Gaga das überhaupt gesagt hat. Das Zitat stammt aus einem merkwürdigen verwaisten Blogrudiment namens „Starr Trash“. Das behauptete, die Künstlerin hätte in einem Blog-Eintrag die Gerüchte bestätigt, sie sei zweigeschlechtlich (intersexuell):

Its not something that I’m ashamed of, just isn’t something that i go around telling everyone. Yes. I have both male and female genitalia, but i consider myself a female. Its just a little bit of a penis and really doesnt interfere much with my life. the reason I haven’t talked about it is that its not a big deal to me. like come on. its not like we all go around talking about our vags. I think this is a great opportunity to make other multiple gendered people feel more comfortable with their bodies. I’m sexy, I’m hot. i have both a poon and a peener. big fucking deal.
– L8d Gaga <3>

Ich schäme mich dafür nicht, es ist nur nichts, das ich jedem erzähle. Ja. Ich habe sowohl männliche als auch weibliche Genitalien, aber ich verstehe mich als Frau. Es ist nur ein kleines Stück Penis und stört nicht groß in meinem Leben. Ich habe deshalb nicht darüber geprochen, weil es für mich kein großes Thema ist. Wir rennen ja auch nicht herum und reden über unsere Vaginas. Ich finde, dies ist eine gute Gelegenheit, anderen Menschen mit multiplen Geschlechtern zu helfen, sich mit ihren Körpern wohler zu fühlen. Ich bin sexy, ich bin heiß. Ich habe eine Muschi und einen Pimmel. Was soll’s.

Das Blog gibt sich alle Mühe, kein Vertrauen in seine Seriösität zu wecken, und es spricht sehr viel dagegen, dass das Zitat echt ist. Sicher aber ist: Es ist alt. Der Blog-Eintrag stammt vom 14. Dezember 2008.

Als nun Foto- und Videoaufnahmen auftauchten, die möglicherweise den versehentlich entblößten Penis der Sängerin bei einem Live-Auftritt vor gut fünf Wochen zeigen, kramte „Gone Hollywood“, ein anderes amerikanisches Blog ohne besonderen Anspruch, das passende alte angebliche Zitat hervor.

„Gone Hollywood“ schreibt ausdrücklich, dass das Zitat nicht neu ist, und behauptet auch nicht, die Quelle zu sein. Und trotzdem dient dieser kleine hingeworfene Eintrag nun ungezählten Medien als Beleg für die aufgeregte Meldung, Lady Gaga habe jetzt plötzlich zugegeben, einen Penis zu haben.

Die „Abendzeitungs“-Fachfrau Kimberly Hoppe, bekannt für ihre sensiblen Twitter-Reportagen, berichtet:

Während sich andere Stars zu Intimitäten selten äußern, und zu so etwas schon gar nicht, machte Lady/Mister GaGa kurz darauf eine bemerkenswert deutliche Ansage. Dem Online-Portal [!] „Gone Hollywood“ sagte die Skandal- Sängerin: „Ja, ich habe einen kleinen Penis!“

Hoppes Artikel trägt die Überschrift: „Lady GaGa schockt mit kleinem Penis“ (als wäre ein großer weniger schockierend gewesen) und enthält einen unscharfen Screenshot mit der gewagten Unterzeile: „Eindeutig zu erkennen: Lady GaGa und ihr kleiner Penis.“

Der Online-Ableger des öffentlich-rechtlichen österreichischen Radiosenders Ö3 verlinkt sogar den Blog-Eintrag von „Gone Hollywood“, schreibt aber trotzdem:

Lady Gaga behauptet, dass Sie [sic] einen Penis besitzt. Auslöser für dieses Geständnis ist eine [sic] Video-Konzertmitschnitt, das [sic] eine ziemlich deutliche Beule unter ihrem Minikleid zeigt. (…)

Darauf angesprochen sagte die 23-Jährige dem Onlinemagazin [!] Gone Hollywood: „Ich habe einen kleinen Penis. Ich schäme mich deswegen nicht, aber ich erzähle es eben nicht überall herum. Ich meine, wir reden ja auch nicht die ganze Zeit über unsere Vaginanen [sic]. (…)“

Der „Münchner Merkur“ und seine diversen Schwesterblätter machen begeistert mit, die „B.Z.“ sowieso, und Radio Energy (das „Gone Hollywood“ ein „Magazin“ nennt), zieht aus der, nun ja: Enthüllung die merkwürdige Schlussfolgerung: „Lady Gaga hatte bis jetzt also wirklich ein perfektes Pokerface.“ Vor wenigen Minuten ist Bild.de auf den Gaga-Zug aufgesprungen, wodurch die Geschichte mit Sicherheit erst richtig Schwung bekommen wird.

Und um auf die beiden Fragen vom Anfang zurückzukommen: Die zweite können Sie jetzt selbst beantworten.

Mit Dank an Jan B.!

Pressefreiheit-Bulldozer, Plastikkritik in Plastik, Zu wenig Klischees

1. „Sie sind eine furchtbare, unverschämte Person“
(spiegel.de)
Bei einer Pressekonferenz des US-Präsidenten Donald Trump kam es zum Eklat: Trump unterstellte den Medien „Feindseligkeit“ und teilte auf unsägliche Weise gegen einen CNN-Journalisten aus. Dem Reporter wurde anschließend „bis auf Weiteres“ die Akkreditierung entzogen. Der Verband der im Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten (WHCA) nannte den Entzug der Akkreditierung „schwach und fehlgeleitet“, was den Präsidenten jedoch voraussichtlich nicht stören oder gar zu einer Änderung seines Verhaltens veranlassen wird.
Weitere Leseempfehlung: In Das Rezept von Diktaturen (spiegel.de) beschreibt Georg Diez, wie US-Medien wie der TV-Sender Fox News sich zu Trump-Handlangern machen und von der Information zur Indoktrination umschwenken.

2. Darf man neben Rechten lesen?
(deutschlandfunkkultur.de, Thorsten Jantschek)
Nachdem die Autorin Margarete Stokowski erfahren hatte, dass in einer Buchhandlung Bücher aus dem rechtsextremen Spektrum verkauft werden, sagte sie ihre dort geplante Lesung ab. Durfte sie das? Ja, findet Thorsten Jantschek, sieht das Problem jedoch mehr in der Kanonisierung rechten Denkens und rechter Literatur als in der Tatsache, dass die Buchhandlung derartige Bücher überhaupt anbietet.

3. „Eine enorme Diskrepanz, die zulasten der Qualität geht“
(dwdl.de, Torsten Zarges & Thomas Lückerath)
„Ihre Serie bedient leider keines der Klischees, die wir in den vergangenen Jahren mit unseren Arztserien gesetzt haben. Deshalb verspricht sie kein Publikumserfolg zu werden.“ Beim „DWDL“-Fiction-Gipfel diskutierten drei Produzenten und zwei Drehbuchautoren über die Missachtung mancher Erfolgsserien, neue Genre-Trends, die Zukunft des 90-Minüters und die dramatische Unterfinanzierung der Stoffentwicklung.

4. Ein Thread über Plastikverzicht und meine Lokalzeitung, das Hamburger @Abendblatt.
(twitter.com/hzulla)
Hanno Zulla ist ein treuer Leser des „Hamburger Abendblatts“ und verfolgt dort besonders gern die Beiträge über die notwendige Reduzierung von Plastikmüll und die damit einhergehenden Aufforderungen zum Plastikverzicht. Die Beiträge erreichen ihn jedoch in Plastik verpackt.

5. Wie ist das Verhältnis von Bayer zu Journalisten, Herr Maertin?
(journalist-magazin.de, Henning Kornfeld)
Das Medienmagazin „journalist“ bringt ein ausführliches Interview mit dem Presse- und Kommunikationsverantwortlichen des Bayer-Konzerns. Bayer hatte kürzlich den Glyphosat-Hersteller Monsanto übernommen, beschäftigt rund 100.000 Mitarbeiter und zählt zu den wertvollsten deutschen Dax-Unternehmen. Im Gespräch geht es um sogenannte Qualitätsmedien, Kritikfähigkeit und die Frage, ob Bayer in Zukunft noch Journalistinnen und Journalisten benötigt.

6. Tendenz zum Schmutzwäsche-Waschen
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek, Audio, 5:09)
Ob „Goldene Kartoffel“, „Sprachpanscher des Jahres“, „Goldene Himbeere“, „Big Brother Awards“, „Saure Gurke“ oder „Rosa Handtaschl“: Es gibt derzeit zahlreiche Negativpreise. Arno Orzessek fragt sich, was die Schmähpreise bewirken, außer dass sie die Aufmerksamkeit auf das Falsche lenken würden.