Lobbyismus und Dirty Campaigning, Axel V.s 500 Freunde, Inszenierungen

1. EU-Urheberrechtsreform: Zensur ist nicht der Zweck
(wolfgangmichal.de)
Als Musterbeispiel der Irreführung bezeichnet Wolfgang Michal den Streit um die europäische Urheberrechts-Reform: „Nicht die Zensur von Inhalten, sondern die Pflicht zur Lizenzierung ist der Kern der EU-Urheberrechtsreform: Handlungen sollen nicht verhindert, sondern zu Geld gemacht werden. Die entscheidenden Fragen sind also: Wohin fließt das Geld? Und: Wer macht durch fortschreitende Kommerzialisierung das „freie Internet“ kaputt?“
Weiterer Tipp: Stefan Niggemeier hat sich im „Deutschlandfunk“ zum Lobbyismus der Zeitungen in eigener Sache geäußert. Niggemeier kritisiert die einseitige und teilweise verzerrende Berichterstattung und nennt dafür auch Beispiele (deutschlandfunk.de, Audio: 5:44 Minuten).
Der Jurist Thomas Stadler kommentiert auf seinem Blog: „Das was wir hier beobachten können, ist nichts anderes als eine Form des Dirty Campaignings, bei dem die Grenzen zwischen politischem Lobbyismus und Journalismus verschwimmen. Diese Form der politischen und medialen Auseinandersetzung scheint endgültig auch hierzulande angekommen zu sein und sie benutzt dieselben Techniken, die einen Trump an die Macht gebracht und den Brexit ermöglicht hat.“ (internet-law.de).
Und noch ein Lesetipp: Die „FAZ“ konnte anscheinend Unterlagen einsehen, welche die Haltung der Bundesregierung in Sachen Urheberrechtsreform in ein neues Licht rücken würden: „Demnach soll Deutschland auch deshalb den Kompromiss mittragen, weil diese Haltung mit einem vollkommen anderen Projekt verknüpft wurde, nämlich mit einem Zugeständnis Frankreichs im Streit um die Nord-Stream-2-Gaspipeline. So schätzt es jedenfalls ein mit der Sache befasster Beamter ein.“

2. Das Axel-Voss-Interview von @frauhegemann, annotiert. Ein Drama in 13 Tweets.
(twitter.com/SimonHurtz)
Der Journalist Simon Hurtz nimmt auf Twitter das aktuelle „Zeit“-Interview mit Axel Voss (CDU), dem „Vater der Urheberrechtsreform“, auseinander. Die Lektüre des Gesprächs lohnt, wenngleich man im Verlauf immer fassungsloser wird. Zum Ende hin behauptet Voss nämlich, man könne für 500 Facebook-Freunde fremde Texte online stellen, weil dies ein „geschlossener Kreis“ sei. Eine interessante rechtliche These und höchst fraglich, ob dies die Verleger ebenso sehen. Aber Voss hat ja eh interessante Internet- und Rechtsauffassungen. Siehe auch: Axel Voss will nicht sagen, ob er Fotos geklaut hat, und löscht stattdessen 12 der 17 fraglichen Facebook-Beiträge (buzzfeed.de, Karsten Schmehl & Marcus Engert).

3. „Wir bekommen wahnsinnig gute Kommentare auf Facebook und wahnsinnig beknackte“
(journalist-magazin.de, Leif Kramp & Stephan Weichert)
Das Medienmagazin „journalist“ hat mit Torsten Beeck gesprochen, dem „Leiter Platform Partnerships & Engagement“ bei „Spiegel Online“. Es geht um Nutzerbeteiligung und Partizipationskultur, vor allem auf den großen Plattformen wie Facebook. Beeck kritisiert den Umgang der deutschen Medien mit Kommentaren insgesamt: „Ich finde, dass es in Deutschland keiner schafft, Nutzern halbwegs auf Augenhöhe zu begegnen. Es geht oft nur um die Möglichkeit, Traffic zu generieren. Es ist nicht so, dass Redaktionen sich inhaltlich dafür interessieren, was ihre Nutzer da schreiben. Ich kenne keine.“

4. Angebliche Staatsgefährdung: Ministerien halten Namen von Lobbyisten unter Verschluss
(abgeordnetenwatch.de, Sabrina Winter)
Die Transparenz-Initiative abgeordnetenwatch.de hat bei den Ministerien nachgefragt, welche Lobbyisten dort ungehindert ein und aus gehen können, weil man ihnen einen sogenannten Hausausweis ausgestellt habe. Einige Bundesministerien würden ein großes Geheimnis daraus machen und brächten zweifelhafte Gründe dafür an. So antwortete das Verteidigungsministerium: „Das Bekanntwerden der Information [kann] nachteilige Auswirkungen auf militärische und sonstige sicherheitsempfindliche Belange der Bundeswehr haben.“

5. taz durfte Namen nennen
(blogs.taz.de, Patricia Hecht)
Der Presserat hat entschieden: Die „taz“ durfte den Namen des notorischen Ärzte-Anzeigers Yannic Hendricks nennen. Hendricks habe anonymisiert Interviews über seine Anzeigen gegeben „und damit eine breite öffentliche Diskussion zu diesem Thema befeuert“. Damit habe er sich zu einer Person des öffentlichen Interesses gemacht, so der Ausschuss.

6. Die Selbstinszenierung der Parteien
(zdf.de, Florian Neuhann, Video: 3:42 Minuten)
Die ZDF-Sendung „Berlin Direkt“ berichtet über die Selbstinszenierung in der Politik: Immer mehr Parteien und Ministerien produzieren ihre Nachrichten selbst — teilweise in eigens dafür eingerichteten Studios unter professionellen Bedingungen. Die Absicht: Totale Kontrolle über Inhalte und Wirkung und das Vermeiden von lästigen Journalistenfragen.
Weiterer Lesetipp: Die Wissenschaftler Jan Rau (GESIS-Leibniz Institut für Sozialwissenschaften) und Felix M. Simon (Reuters Institute for the Study of Journalism) beschäftigen sich mit dem Thema Agenda Setting der Parteien im Internet, speziell mit der AfD, und den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie: Agenda Setting im Internet: Rechts(außen) führt, der Rest folgt (hamburger-wahlbeobachter.de).

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„Bild“ und der Fall Rebecca

Seit mehr als einem Monat wird die 15-jährige Katharina aus Langwedel vermisst. Die Polizei hat inzwischen ein Foto von ihr veröffentlicht, sucht seit eineinhalb Wochen öffentlich nach dem verschwundenen Mädchen.

So hat „Bild“ bisher über den Fall berichtet:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.*)

Seit mehr als einem Monat wird auch die 15-jährige Rebecca aus Berlin vermisst. Die Polizei hat inzwischen ein Foto von ihr veröffentlicht, sucht seit mehreren Wochen öffentlich nach dem verschwundenen Mädchen.

So hat „Bild“ bisher über den Fall berichtet:




























Zwei vermisste Mädchen, beide 15 Jahre alt, beide seit einem Monat verschwunden. Das eine bekommt einen kleinen Artikel auf einer hinteren Seite, das andere mehr als 20 auf den prominentesten Plätzen im Blatt, riesengroß, fast jeden Tag. Warum dieser Unterschied?

Eine große Rolle spielt vermutlich Rebeccas Aussehen.

Es ist die außergewöhnliche Schönheit dieses Porträts, das aus dem traurigen Verschwinden eines Kindes eine mediale Sensation macht.

… schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ vor Kurzem, und das gilt umso mehr für die „Bild“-Redaktion, die ja ohnehin keine Gelegenheit auslässt, sich an den „heißen Kurven“ von minderjährigen Mädchen zu ergötzen, und selbst in den unpassendsten Momenten das Aussehen eines Menschen einer Frau für einen zwingend erwähnenswerten Aspekt in der Berichterstattung hält.

So wird „Bild“ auch in diesem Fall nicht müde zu betonen, wie „schlank“, „groß“ und „hübsch“ Rebecca doch sei. Auch Franz Josef Wagner schreibt:

Rebecca ist eine schöne 15-Jährige. (…) Arme Rebecca, Du hübsches Mädchen. (…) Es ist nicht normal, dass so ein hübsches Mädchen verschwindet in dunkle Geheimnisse.

(Weil sonst bekanntlich immer nur unansehnliche Mädchen „in dunkle Geheimnisse“ verschwinden.)

Dass „Bild“ so viel über den Fall Rebecca berichtet, liegt wohl auch daran, dass die Ermittler der Zeitung gegenüber äußerst gesprächig sind. Immer wieder zitiert das Blatt „aus Ermittlerkreisen“, veröffentlicht viele exklusive „BILD-Informationen“, die nur von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft stammen können.

Auch Verwandte von Rebecca sprachen in ihrer Verzweiflung immer wieder mit Reportern, wurden von der „Bunten“ interviewt, von RTL, von den „Bild“-Medien. So wird „die emotionale Not“ der Familie zum „Einfallstor für Tragödienjournalismus“, wie es das Medienmagazin „Zapp“ formulierte.

Die Tragödienjournalisten von „Bild“ aber geben sich mit Interviews und geleakten Ermittlerinfos selbstverständlich nicht zufrieden. Schon zu Beginn des Falls lungerten sie vor dem Haus von Rebeccas Schwager, der zwischenzeitlich als Tatverdächtiger verhaftet wurde, protokollierten, wer ein und aus ging und fotografieren den Mann, sobald er das Haus verließ. Anfangs gaben sie ihm noch einen kleinen Augenbalken, seit die Polizei ein Foto von ihm veröffentlichte, zeigen sie ihn ohne jede Unkenntlichmachung.

Dass die Polizei das Foto des Mannes herausgab, obwohl er zu dieser Zeit schon in Untersuchungshaft saß, ist ungewöhnlich; sie erklärt es damit, dass sie erhoffe, dass sich Zeugen melden, die ihn zur Tatzeit gesehen haben. Für die „Bild“-Medien jedenfalls ein sehr willkommener Umstand. So können sie sein Gesicht in Großaufnahme zeigen, immer und immer wieder:



Diese Artikel erschienen wohlgemerkt, nachdem der Schwager am vergangenen Freitag aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, weil der Ermittlungsrichter inzwischen „Zweifel am dringenden Tatverdacht hat“.

Bei „Bild“ scheinen sie wenig Zweifel und kein Interesse an der Unschuldsvermutung zu haben. Schon in der vergangenen Woche fragte die Redaktion:

Wieder und wieder listete sie die aus Ermittlerkreisen durchgestochenen Details auf, die den Mann belasten sollen. Eigentlich, so der Eindruck, den „Bild“ erweckte, kann nur er es gewesen sein.

Und auch nach seiner Haftentlassung ließen sie nicht von ihm ab. „Bild“-Reporter verfolgten und fotografierten den Mann, wie hier vor dem Haus seiner Mutter:

Bereits vor zwei Wochen kritisierte die Vereinigung Berliner Strafverteidiger die Berichterstattung unter anderem der „Bild“-Medien „auf das Schärfste“:

Die aktuelle Berichterstattung, insbesondere in BILD, B. Z., aber nicht mehr nur in den Boulevardmedien tritt die Unschuldsvermutung des Verdächtigen mit Füßen und imponiert als Treibjagd im Live-Tickermodus. Darstellungen, die sich darüber hinaus im Ringen nach Sensationseffekten in Spekulationen ergehen und überbieten, untergraben in der frühesten Phase des Verfahrens bewusst das, was der Rechtsstaat um seiner selbst willen garantieren will und soll: Unvoreingenommenheit und Fairness gegenüber einem Verdächtigten.

Gegenüber „Zapp“ sagte Stefan Conen, ein Strafverteidiger aus Berlin:

Die Unschuldsvermutung gilt ungeteilt für jeden, der von einem Strafverfahren betroffen ist. Mich interessiert eigentlich weniger, wie die Medien dastehen, mich interessiert als Strafverteidiger, wie der junge Mann dasteht und wie das Verfahren dasteht. Und da muss man sagen, was da angerichtet wird, das lässt sich auch mit einer späteren Berichterstattung vermutlich nicht wiedergutmachen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 26. März: Die 15-jährige Katharina ist inzwischen wieder aufgetaucht — es muss nicht mehr nach ihr gesucht werden. Daher haben wir das Foto von ihr nun verpixelt.

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Vossnungsloser Fall, Harald Schmidts Bart, Apples Nachrichten-Abodienst

1. Axel Voss vs. Julia Reda: Stimmungsbild vor dem Urheberrechtsvoting
(futurezone.at)
Barbara Wimmer hat sich zusammen mit anderen Digital-Journalisten angehört, was der „Vater der Urheberrechtsreform“ Axel Voss (CDU) zu den Bedenken gegen das Gesetzesvorhaben zu sagen hat. Leider verweigerte Voss die Freigabe einzelner Zitate, angeblich weil zu viel „aus dem Kontext“ gerissen werde. So muss sich Wimmer auf die Schilderung ihres Eindrucks von Voss beschränken: „Oft genug war ihm vorgeworfen worden, das Internet nicht zu verstehen. Dieser Eindruck bestätigte sich bei unserem Gespräch, ohne auf die Inhalte näher eingehen zu dürfen.“
Weiterer Lesehinweis: Dieser Protest könnte Artikel 13 stoppen (sueddeutsche.de, Simon Hurtz).

2. Apples News-Abodienst: „New York Times“ warnt andere Verlage vor Kontrollverlust
(heise.de, Ben Schwan)
Apple will demnächst einen Nachrichten-Abodienst starten. Das oft als „Netflix für Nachrichten“ bezeichnete Projekt stößt auf Verlagsseite auf verhaltene Reaktionen bis deutliche Ablehnung. Der Chef der US-Tageszeitung „New York Times“ gab nun Gründe für die Teilnahmeverweigerung an. Es bestehe das Risiko, die Kontrolle über das eigene Produkt zu verlieren. Dazu dürften auch finanzielle Gründe kommen: Apple verlangt dem Vernehmen nach relativ hohe Provisionen.

3. Disney schluckt Fox: Tabula rasa!
(beta.blickpunktfilm.de, Thomas Schultze)
Der Kampf um die Streaming-Vorherrschaft ist in vollem Gange. Netflix und Amazon Prime sind bereits am Start, der Gigant Apple wird wohl heute seinen Einstieg ins Business bekanntgeben. Derweil bringt sich der Disney-Konzern in Stellung und übernimmt das Filmstudio 20th Century Fox (u.a. „Avatar“). Disney hatte sich in der Vergangenheit bereits Marken wie Pixar, Marvel und Lucasfilm einverleibt.

4. Die Zeitung ist tot – es lebe die gedruckte Zeitschrift!
(infosperber.ch, Christian Müller)
Christian Müller empfiehlt fünf bislang eher wenig bekannte Zeitschriften: „Zeitpunkt“, „Makroskop“, „Neue Wege“, „Marxistische Blätter“ und „Monthly Review“. Er begründet seine Auswahl wie folgt: „Manche Leserinnen und Leser mögen nun denken, dass die hier vorgestellten Zeitschriften politisch etwas gar einseitig positioniert sind. Sie haben recht. Wir leben in einer Zeit, da die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. (…) In einer solchen Zeit muss man nicht Zeitschriften empfehlen, die das propagieren, was wir schon haben: Unfriede und Ungerechtigkeit. Wir müssen uns damit beschäftigen, was wir ändern müssen, wenn auch unsere Enkelkinder noch glücklich leben können sollen.“

5. SUBSCRIBE 10
(media.ccc.de)
Am Wochenende haben sich ein paar Hundert Podcast-Begeisterte in Köln zur Subscribe 10 getroffen. Die Veranstaltung fand im Funkhaus des „Deutschlandfunks“ statt, der die Podcast-Community mit seinen Räumlichkeiten und freien Getränken unterstützte. Inzwischen gibt es Video-Mitschnitte der meisten Sessions.

6. Harald Schmidt oder: Der ehemalige Großmeister
(dwdl.de, Hans Hoff)
Late-Night-Legende Harald Schmidt hat seit einiger Zeit ein neues mediales Zuhause: Im Bezahlbereich von „Spiegel Online“ unterhält Schmidt eine tägliche Videokolumne. Hans Hoff macht sich Sorgen um den ehemaligen Großmeister. Das hat etwas mit den Inhalten der Filmchen zu tun, aber auch mit profanen Dingen wie dem Schmidtschen Bart. Hoff hofft auf eine Spendenaktion für den berühmten Video-Talker: Damit werde dann „ein Coach finanziert, der ihm erklärt wie man in Würde altert. Und wenn nicht genug für einen Coach zusammenkommt, müsste es doch wenigstens für einen Besuch im Barbershop reichen. Und für eine Creme gegen das Jucken im Bart.“

Bezahlte Demonstranten gegen Uploadfilter? Bild.de hakt nicht nach

Die „Bild“-Medien sind auffallend still beim Thema EU-Urheberrechtsreform. Gestern, als deutschlandweit Zehntausende auf die Straße gingen, um unter anderem gegen die Einführung von Uploadfiltern zu demonstrieren, erschien bei Bild.de einer der wenigen Artikel zu dem großen aktuellen Streitthema. Und der hatte dann auch eine besondere Ausrichtung:

Screenshot Bild.de - Wegen Abstimmung zu Upload-Filtern im Europaparlament - Deutscher Abgeordneter bekam Morddrohungen

Ohne Frage: Morddrohungen gegen CDU-Politiker Axel Voss sind unter keinen Umständen in Ordnung.

Im Bild.de-Artikel kommt nicht nur Voss zu Wort, sondern auch dessen Parteikollege Daniel Caspary. Und der erzählt gar Unglaubliches:

Daniel Caspary, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, wirft Internet-Konzernen in den USA sogar unlautere Mittel vor, mit denen sie die Reform zu torpedieren versuchten — und sich so die Zahlungen von Lizenzgebühren zu sparen. Caspary zu BILD: „Der Kampf gegen eine faire Bezahlung von Musikern, Journalisten, Fotografen und anderen Kreativen wird mit allen Mitteln geführt.“

Casparys Verdacht: „Nun wird offensichtlich versucht, auch mit gekauften Demonstranten die Verabschiedung des Urheberrechts zu verhindern. Bis zu 450 Euro werden von einer sogenannten NGO für die Demoteilnahme geboten. Das Geld scheint zumindest teilweise von großen amerikanischen Internetkonzernen zu stammen. Wenn amerikanische Konzerne mit massivem Einsatz von Desinformationen und gekauften Demonstranten versuchen, Gesetze zu verhindern, ist unsere Demokratie bedroht.“

Von amerikanischen Internetkonzernen bezahlte Demonstranten? Das ist entweder ein ganz schöner Skandal oder ein ziemlich übler Desinformationsversuch. Da würden wir ja gern mal mehr wissen: Welche „sogenannte NGO“ soll das sein? Woher hat Daniel Caspary diese Geschichte? Und: Stimmt die überhaupt? Bild.de-Autorin Anne Merholz und ihr Kollege Florian Kain stellen keine dieser Fragen. Sie haken bei Caspary nicht nach. Sie äußern keine Zweifel. Der CDU-Mann kann das alles einfach so bei Bild.de behaupten. Ein bemerkenswertes Desinteresse einer Redaktion, die sich sonst auf jedes Skandälchen stürzt.

Journalist Dennis Horn hat eine ganz plausible Erklärung, was hinter den angeblichen 450 Euro Demogeld stecken könnte: Die Vereinigung von Bürgerrechts-NGOs EDRi hat für rund 20 Personen, die mit Abgeordneten des Europaparlaments über die Urheberrechtsreform sprechen wollten, die Kosten dieser Lobbyreise übernommen: bis zu 350 Euro Reise- und 100 Euro Übernachtungskosten — insgesamt also bis zu 450 Euro. Die Finanzierung dafür stamme zu zwei Dritteln von der von George Soros gegründeten Open Society Foundation und zu einem Drittel von Copyright 4 Creativity.

Das ist dann doch ein ziemlicher Unterschied zu einer „von großen amerikanischen Internetkonzernen“ finanzierten „sogenannten NGO“, die „gekauften Demonstranten“ „für die Demoteilnahme“ 450 Euro biete. Aber das scheint bei Bild.de niemanden zu interessieren.

Ach, und ein Service-Hinweis noch für alle, die gestern bei den Demonstrationen waren und ihr Demogeld noch nicht bekommen haben: Das kann man sich hier holen. Aber dabei bitte auch diese „wichtigen Informationen“ beachten.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

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„Papa, warum verdient Axel Springer mehr an deinem Buch als DU?“

Die Bild.de-Startseite heute um 16:59 Uhr:

Screenshot Bild.de - Gegen EU-Urheberrechtsreforn - Mehr als 10000 Teilnehmer bei Demo in Berlin - mit einem Foto, das Demonstranten in Berlin zeigt, die beschriftete Schilder hochhalten

Die Bild.de-Startseite heute um 17:16 Uhr:

Screenshot Bild.de - Gegen EU-Urheberrechtsreforn - Mehr als 10000 Teilnehmer bei Demo in Berlin - mit einem anderen Foto, das Demonstranten in Berlin zeigt, die andere beschriftete Schilder hochhalten

Merkwürdig. Was hat die „Bild“-Redaktion am ersten Foto nur gestört? Doch nicht etwa dieses Plakat zum Artikel 12 der EU-Urheberrechtsreform?

Screenshot Bild.de - Gegen EU-Urheberrechtsreforn - Mehr als 10000 Teilnehmer bei Demo in Berlin - erneut der erste Ausriss mit dem Foto, das Demonstranten in Berlin zeigt, die beschriftete Schilder hochhalten, dieses Mal mit einem Pfeil, der auf ein bestimmtes Plakat weist, auf dem steht: Papa, warum verdient Axel Springer mehr an deinem Buch als Du?

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6-vor-9-Sonderausgabe zur Urheberrechtsreform: Richtlinie für Politikverdrossenheit, Taschenspielertricks, #Axelsurft

1. So entsteht Politikverdrossenheit
(tagesschau.de, Samuel Jackisch)
Die geplante EU-Richtlinie zum Urheberrecht auf Online-Plattformen vergrault Wähler und sorgt für weitere Politikverdrossenheit, meint ARD-Brüssel-Korrespondent Samuel Jackisch. Außerdem sei fraglich, ob und inwieweit Autoren, Fotografinnen, Komponisten oder Filmschaffende finanziell von der Regelung profitieren würden, „denn eine Pflicht für Presse-, Musik- und Filmindustrie, das von Google und Co künftig eingesammelte Geld tatsächlich an Künstler und Kreative umzuverteilen, diese Stelle sucht man im Text vergeblich.“

2. Lügen fürs Leistungsschutzrecht, jetzt auch von dpa
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Deutsche Presse-Agentur dpa steht hinter der geplanten Reform des Urheberrechts in der EU, bedient sich dabei jedoch rhetorischer Taschenspielertricks, wie Stefan Niggemeier erklärt.

3. Die große Koalition zerstört unsere Zukunft
(t-online.de, Jenna Behrends)
Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends sieht in der Urheberrechtsreform eine Gefahr für die Entwicklung Europas. Behrends schreibt in einem Gastbeitrag für t-online.de: „Die beiden Regierungsparteien haben sich denkbar schlecht präsentiert, indem sie die Bedenken der jungen Generation nicht ernst genommen haben. Was bleibt, ist das Bild von Politikern, die keine Ahnung von ihren Themen haben und sogar lügen.“

4. Martin Kretschmer: „Die EU würde wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt“
(irights.info)
Der Jurist Martin Kretschmer hat den Reformprozess in der EU von Anfang beobachtet, dokumentiert und mit konstruktiven Vorschlägen begleitet. Nach anfänglicher Zustimmung sieht er nun viele Schwachstellen und konstatiert: „Europa ist kulturell so reich. Warum sollen Innovationen für unerwartete, interessante, verwertbare kulturelle Materialien, wie ich sie mit meinen Beispielen skizziert habe, ausgebremst werden? Als Ganzes ist die Richtlinie unsauber. Aus meiner persönlichen Sicht würde die EU wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt.“

5. Merkel verteidigt Bruch des Koalitionsvertrages
(golem.de, Friedhelm Greis)
Für Kanzlerin Merkel sei die europäische Einigung zum Urheberrecht wichtiger als der Koalitionsvertrag, meint Friedhelm Greis. Außerdem habe Merkel einen entscheidenden Faktor für den Kompromiss mit Frankreich zu den Uploadfiltern im Bundestag verschwiegen.

6. #AxelSurft ist das Lustigste, das aktuell auf Twitter passiert
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Der EU-Politiker und Vater der Urheberrechtsreform Axel Voss (CDU) fiel vergangene Woche durch ein Interview auf, das bezweifeln ließ, ob er sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Online auskennt. Auf Twitter rief Gavin Karlmeier als Antwort den Hashtag #axelsurft ins Leben, der die Inkompetenz des Politikers karikiert. Und wenigstens das ist ganz lustig.

Influencer-Urteil, Faktenchecker-Tipps, Dieselvernebelter Mario Barth

Vorbemerkung: Aus aktuellem Anlass folgt im Lauf des Tages morgen eine Sonderausgabe zur umstrittenen Urheberrechtsreform.

1. Fünf Tipps und Tools von Faktencheckerin Karolin Schwarz, die zeigen, wie man Fake-News im Netz erkennt
(meedia.de, Marina Friedt)
Die Journalistin Karolin Schwarz ist die Gründerin von Hoaxmap, einem Portal, auf dem Falschmeldungen u.a. über Geflüchtete zusammengetragen werden. Außerdem arbeitet sie unter anderem für den „Faktenfinder“ der ARD. Im Interview mit „Meedia“ spricht sie über die Praxis des Factchecking im Journalismus und gibt nützliche Tipps zu Online-Tools, die wir alle in den Bookmarks haben sollten.
Weiterer Lesehinweis: In der „Hannoverschen Allgemeinen“ gibt es ein Interview mit dem Bildforensiker Jens Kriese: So erkennen Profis manipulierte Fotos — und so erkennt sie auch der Laie.

2. Anwalt von Billy Six widerspricht seinem Mandanten
(tagesspiegel.de, Madlen Haarbach)
Der Journalist Billy Six schreibt für rechtskonservative Medien wie die „Junge Freiheit“ und ist nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ vom radikal rechten Verein „Die Deutschen Konservativen“ für eine Reportage nach Venezuela entsandt worden. Dort saß er vier Monate in Haft, wegen angeblicher Rebellion, Spionage und dem Verletzen von Sicherheitszonen. Vor einigen Tagen wurde er überraschend freigelassen und ist wieder zurück in Deutschland. Nun behauptet Six, die deutschen Diplomaten hätten nicht gegen seine Inhaftierung protestiert und ihm nicht geholfen: Man habe ihn dort „verrecken“ lassen wollen. Aussagen, denen sogar sein eigener Anwalt widerspricht.

3. Über das Gründegeben
(christophkappes.de)
Christoph Kappes nimmt den Abgang des nun ehemaligen „FAZ“-Herausgebers Holger Stelzner zum Anlass, eine persönliche Geschichte zu erzählen: Kappes hatte selbst für die „FAZ“ geschrieben und erhielt irgendwann die überraschende Nachricht, der zuständige Redakteur dürfe keine Texte mehr von ihm annehmen. Kappes versuchte, der Zurückweisung auf den Grund zu gehen, was sich als nicht so einfach erwies. Am Ende blieb nur eine Vermutung.

4. Auch das Private ist geschäftlich
(tagesschau.de, Frank Bräutigam)
Pamela Reif ist sogenannte Influencerin in Sachen Fitness und Mode und hat über vier Millionen Instagram-Follower. In einer Entscheidung des Landgerichts Karlsruhe wurde Reif verpflichtet, bestimmte Posts als Werbung zu kennzeichnen. Dabei ging es um Beiträge, von denen Reif behauptet hatte, es seien Ausschnitte aus ihrem Privatleben. Die Posts waren jedoch mit Tags zu Markennamen zu ihrer Kleidung versehen, was vom Gericht als Werbung gewertet wurde.

5. Facebook speicherte Hunderte Millionen Passwörter unverschlüsselt
(zeit.de)
Facebook hat zugegeben, Passwörter von Hunderten Millionen Nutzerinnen und Nutzern unverschlüsselt gespeichert zu haben. „Wir gehen davon aus, dass wir Hunderte Millionen Nutzer von Facebook Lite, Dutzende Millionen weitere Facebook-Nutzer sowie Zehntausende Instagram-Nutzer benachrichtigen werden“, so das Unternehmen.
Weiterer Lesehinweis: Kritik an Social-Media-Plattform: EU-Kommissarin Jourova ruft zum Verlassen von Facebook auf (spiegel.de).

6. „Mario Barth deckt auf“ oder: Verantwortungsloses Fernsehen
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Kennste-Kennste-Komiker Mario Barth hat in der vergangenen Ausgabe seiner Aufdecker-Sendung („Mario Barth deckt auf“, RTL) mal wieder alle Populismus-Register gezogen. In einer AfD-verdächtigen Dummifizierung hat er sich der Debatte um die Diesel-Grenzwerte gewidmet. Ein einseitiges und irreführendes Stück Fake News, in dem Barth die Argumentation des längst widerlegten Lungenfacharztes und Zahlen-Konfusius Dieter Köhler ins Spiel brachte.

Vom Witwenschüttler zum Chefredakteur

Vergangene Woche jährte sich der Amoklauf in Winnenden zum zehnten Mal. Ein Jugendlicher tötete am 11. März 2009 an seiner Schule 15 Menschen und sich selbst.

Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ zeigte Ende Februar noch einmal, wie Medien und Journalisten damals vor Ort vielfach Grenzen überschritten. Dafür führten die „Zapp“-Reporter Daniel Bouhs und Sabine Schaper auch ein Interview mit SWR-Reporter Knut Bauer, der vor zehn Jahren für den ARD-Hörfunk in Winnenden war. Bauer erzählt unter anderem diese Geschichte:

Noch schlimmer habe ich es erlebt in einem Fotogeschäft. Auch da habe ich nicht drüber nachgedacht. Und da war es auch eine ganz bizarre Situation, dass die Frau in diesem Fotoladen mich eigentlich fast wieder rausschmeißen wollte. „Gehen Sie, gehen Sie, gehen Sie.“ Und ich habe dann gesagt: „Jetzt lassen Sie uns erstmal in Ruhe drüber reden. Ich weiß, dass es ganz schwierig ist. Ich mache ja auch nur meinen Job und mir ist es auch nicht wohl dabei.“ Und dann kam ein anderer Mitarbeiter oder ihr Sohn — ich weiß gar nicht, wer es war — und hat das Gespräch dann übernommen und hat mir erzählt, dass am Tag vorher auch Boulevardjournalisten da waren, die Geld auf den Tisch gelegt haben, um Fotos, Konfirmationsfotos von den toten Schülerinnen und Schülern zu bekommen. Also das ist dann schon bizarr und abstoßend. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Da gab es viele Situationen, wo ich mich dann auch geschämt habe.

Wer macht sowas? Wer bedrängt Leute, die trauern, die mitgenommen sind, die sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden — nur um an Fotos von getöteten Menschen zu kommen? Zum Beispiel „Bild“-Chef Julian Reichelt.

Reichelt war damals, als die Medienmeute in Winnenden einfiel, natürlich noch nicht Chefredakteur. Aber er war für Bild.de als Reporter dabei. Es gibt ein Video von ihm:

Screenshot eines Bild.de-Videos, in dem Julian Reichelt in Winnenden zu sehen ist

Reichelt sagt darin:

Hier in Süddeutschland, in dieser scheinbaren Idylle, begann einer der blutigsten Amokläufe der deutschen Kriminalgeschichte.

Leutenbach, in der Nähe von Stuttgart in Baden-Württemberg, eine Stadt unter Schock. Hier in dem Haus hinter mir hat Amokläufer Tim K. gewohnt. Von hier brach er auf auf seinen blutigen Feldzug.

Patrick S. hatte gerade Deutschunterricht an der Albertville-Realschule in Winnenden, als der kaltblütige Amokschütze Tim K. sein Blutbad begann. Mehrere Kugeln trafen den Schüler.

„Bild“ sitzt im Wohnzimmer der Familie von Patrick S. und lässt den Schüler seine mit Pflastern überklebten Verletzungen zeigen. Es folgt ein Interview, das offenbar nicht Reichelt führt, jedenfalls klingt die Stimme des Interviewers anders. Patrick S. kann zu den Fragen („Was hatte er für eine Waffe?“, „Eine Waffe? Oder hatte er mehrere?“, „Was hatte er an?“, „Wie oft hat er geschossen?“, „Hat denn jemand geschrien?“) nicht wirklich etwas sagen. Es schüttelt wiederholt den Kopf, atmet tief durch.

Dann setzt Reichelt erneut ein, als Off-Sprecher:

Patricks Mitschülerin Chantal ist eine der ermordeten Schülerinnen. Er zeigt uns ein altes Klassenfoto. Ein weiteres Opfer des Killers von Winnenden ist Jana. Sie galt unter Mitschülern als beliebt, kontaktfreudig, lebensfroh. Wie Patrick ging auch sie in die neunte Klasse der Realschule und stand kurz vor ihrem Schulabschluss. Jana und Chantal — junge Mädchen aus der Nachbarschaft des Täters.

Im Video sind die Bilder der beiden Mädchen unverpixelt und in Großaufnahme zu sehen (daher verzichten wir auf einen Link). Der Vater von Chantal äußerte sich kurze Zeit später dazu, dass „Bild“ und einige Fernsehsender Fotos seiner Tochter zeigten: „Dreimal hintereinander sind Bilder von Chantal erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt.“ Die „Bild“-Medien veröffentlichten nach dem Amoklauf wieder und wieder Fotos, auf denen die Opfer zu sehen waren. Und Julian Reichelt hat mitgemacht.

Heute leitet Reichelt also die „Bild“-Medien. Und es sieht nicht danach aus, als würde seine Redaktion in absehbarer Zeit darauf verzichten, Fotos von Verstorbenen zu zeigen. Solche Aufnahmen begegnen uns immer wieder, mitunter groß auf der „Bild“-Titelseite. Erst vor ein paar Tagen, nach dem Absturz eines Flugzeugs in Äthiopien, bei dem 157 Menschen ums Leben kamen:

Ausriss Bild-Titelseite - Die deutschen Opfer aus dem Todesflieger
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.)

Wobei „Die deutschen Opfer“ vor allem bedeutet: Die drei deutschen Opfer, bei denen die „Bild“-Redaktion an Fotos gelangen konnte (und von denen „Bild“ auch noch die Berufe und die kompletten, teilweise falschen Namen nennt). Die zwei weiteren Deutschen, die bei dem Absturz gestorben sind, spielen in der „Bild“-Ausgabe keine Rolle.

Es müssen auch gar nicht große Ereignisse wie ein Amoklauf oder ein Flugzeugabsturz sein, nach denen die „Bild“-Mitarbeiter losziehen, Fotos von Verstorbenen zusammenklauben und diese groß und ohne Unkenntlichmachung abdrucken:

Ausriss Bild-Titelseite - F (16) und L (16) von S-Bahn überrollt - zwei 17-Jährige in U-Haft - Nach Disco in den Tod gestoßen - dazu zwei unverpixelte Fotos der verstorbenen Jugendlichen

In diesem und in manchen anderen Fällen bringen die Familien der Verstorbenen die bewundernswerte Kraft auf, sich in einer Zeit tiefster Trauer gegen die Schweinereien der „Bild“-Redaktion zu wehren.

Wes Brot ich ess, des Auto ich verteidige

Warum berichtet die „Bild“ eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

… fragte uns eine Leserin vor einer Weile. Und tatsächlich fiel in den letzten Monaten ganz besonders auf, wie sehr sich die „Bild“-Medien für ihre Freunde in der Autoindustrie ins Zeug legen.

Als etwa das Bundesverwaltungsgericht Anfang vergangenen Jahres entschied, dass Kommunen Fahrverbote für ältere Dieselautos verhängen können, reagierte „Bild“ entsetzt.

Bild-Titelseite: Wir sind DI-ESEL der Nation!

… und „Bild“-Redakteurin Sissi Benner warnte:

Dieses URTEIL gefährdet Existenzen!

„Wie sehr können wir uns in Deutschland eigentlich noch selbst schaden?“, fragte sie. Dieses Urteil sei einfach nur „rücksichtslos“. Feuerwerke zu Silvester seien schließlich ebenfalls umweltschädlich, aber die verbiete ja auch niemand.

Ein paar Tage später veröffentlichte die „Bild“-Redaktion ein großes „Diesel-Manifest“:

DAS BILD-MANIFEST - DEUTSCHLAND SOLLTE STOLZ AUF DEN DIESEL SEIN!

Die Kritik am Diesel sei kompletter „Blödsinn“, schrieben die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel und führten verschiedene Zahlen und Studien an, mit denen sie den Diesel verteidigten. Bei genauerem Hinschauen zeigte sich jedoch, dass sie Zahlen aus dem Zusammenhang gerissen und wichtige Fakten verschwiegen hatten, um den Diesel besser aussehen zu lassen.

Kurz darauf veröffentlichte das Umweltbundesamt eine Studie zu den Gesundheitsbelastungen durch Stickstoffdioxid. Ergebnis:

Die NO2-Konzentrationen in der Außenluft in Deutschland führen zu erheblichen Gesundheitsbelastungen. Dies zeigt eine Studie des Umweltbundesamts (UBA). Demnach lassen sich für das Jahr 2014 statistisch etwa 6.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die NO2-Hintergrund-Belastung im ländlichen und städtischen Raum zurückführen.

Eine „bedeutende Ursache für schädliche Stickoxide in der Atemluft“, so die Präsidentin des Umweltbundesamts, seien „eindeutig Diesel-Pkw“.

„Bild“ reagierte — entsetzt.

Bild-Titelseite - Ergebnis von Abgas-Studie dreist verfälscht - So pfuscht das Umweltministerium mit Tausenden Diesel-Toten

Das Blatt warf der Behörde „PANIKMACHE“ und die „Hinrichtung des Diesels!“ vor. Die Behörde habe Fakten unterdrückt, um „den Diesel an den Pranger zu stellen“. Im Kommentar sprach „Bild“-Redakteur Stefan Voswinkel von der „Diesel-Hysterie der Öko-Apostel“ und forderte im gleichen Atemzug „eine sachliche Diskussion“.

Und so sachlich ging’s dann bei „Bild“ weiter:

Bild-Titelseite - Bild kämpft für Ihren Diesel

BILD setzt ein Zeichen für den Diesel! Ab heute ist unser Aufkleber überall dort kostenlos erhältlich, wo es BILD gibt. Setzen auch Sie ein Zeichen und kleben ihn auf Ihr Auto!

In der gleichen Ausgabe widmete Franz Josef Wagner seinen Brief an die „Lieben Diesel-Fahrer“ („Dein Diesel ist ein Familienmitglied. Plötzlich soll er eine Dreckschleuder sein. Was für ein Quatsch!“), und im Innenteil schrieb Stefan „Sachliche Diskussion“ Voswinkel:

Massiv wurde in den letzten Monaten gegen den Diesel gestänkert. Von der Deutschen Umwelthilfe als Stinker gebrandmarkt und mit Fahrverboten bedroht, vom Bundesumweltamt ohne wissenschaftliche Beweise mit 6000 Toten durch Abgase in Verbindung gebracht. Millionen Diesel-Fahrer beklagen hohe Wertverluste, viele Fahrzeuge gelten als unverkäuflich.

BILD meint deshalb: Es reicht!

Tatsächlich sei die Luft in Deutschland „so gut wie nie zuvor“, und „auch die Altlasten durch Euro-5-Diesel lösen sich in Luft auf.“

Und dann kamen noch vier Männer zu Wort. Nicht etwa Wissenschaftler oder Politiker, sondern:

Artikel mit Stimmen von Dieter Zetsche, Harald Krüger, Herbert Diess und Wolfgang Kopplin

Der Chef von Daimler, der Chef von BMW, der Chef von VW und der Chef von Ford. Sie alle durften noch einmal betonen, wie toll und sauber ihre Diesel doch seien, und dass ein Fahrverbot ja nun wirklich nichts bringe.

Eine komplette Seite widmete die Redaktion ihrem Kampf für den Diesel. Darauf außerdem zu finden:

– ein Foto des „Diesel-Friedhofs von Kalifornien“ („So wie auf diesem Foto wird es bei uns hoffentlich nie aussehen …“)

– ein Artikel darüber, dass die Deutsche Umwelthilfe fünf Millionen Euro Steuergelder bekommt („5 Millionen Steuergeld für die Diesel-Hasser!“)

– ein Artikel darüber, dass auch Autohersteller gegen die Nachrüstung sind; dort kommen noch einmal der BMW-Chef und noch einmal der Ford-Chef zu Wort.

Als dann im November das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied, dass bald in einigen Stadtteilen Essens, einschließlich Teilen der Autobahn 40, einige Diesel nicht mehr fahren dürfen, reagierte „Bild“ — entsetzt.

Bild-Titelseite - Neues Diesel-Urteil - Erstes Fahrverbot auf Autobahn

„So kann es nicht weitergehen!“, kommentierte „Bild“-Redakteur Tom Drechsler: „Solche Urteile sind nicht nur der Todesstoß für den Diesel. Sie bedrohen das Auto an sich. Und damit unser Land.“

Kommentar - Angriff auf unser Land! von Tom Drechsler

Vor zwei Monaten dann:

Bild-Titelseite - 107 Lungenärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub

Und wieder verteidigte das Blatt die Autos gegen die „Feinstaub-Hysterie“. Der „Rauch einer Zigarette“ zum Beispiel sei ja „um das Mehrfache giftiger“ als unsere Luft. (Im Übrigen hatte sich der Anführer der „107 LUNGEN-ÄRZTE“ ziemlich verrechnet).

Kurz darauf:

Bild.de - Zehn Mitrede-Fakten zum Diesel-Durcheinander

Auch dieser Artikel könnte direkt aus der PR-Abteilung eines Autobauers stammen: Autos seien in Wahrheit gar nicht so schlimm, unsere Luft werde immer sauberer, Kritik sei nicht wissenschaftlich fundiert, sondern politisch motiviert. Wieder gaben sich die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel größte Mühe, die Autobranche mit verzerrten Fakten und Scheinargumenten zu verteidigen. So lautete einer ihrer Punkte allen Ernstes:

2010 überschritt die Zahl der Autos auf der Erde erstmals die Milliardengrenze, bis 2020 werden es 1,3 Milliarden sein. Die Lebenserwartung der Menschen steigt aber jedes Jahr. Laut WHO in den letzten 50 Jahren um 20 Jahre. Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung: 80,8 Jahre.

Auch bei anderen Themen nimmt die „Bild“-Zeitung immer wieder eine Autoindustrie-freundliche Position ein. Beim Tempolimit zum Beispiel oder bei den „Gaga-Mess-Stationen“ — und verdreht oder verschweigt die Fakten dabei so, dass es den Chefetagen der Autobauer in den Kram passen dürfte.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsfrage:

Warum berichtet die „Bild“ eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

Stimmt das denn eigentlich? Schalten die Autohersteller so viel Werbung in den „Bild“-Medien?

Um das herauszufinden, sind wir alle Ausgaben der „Bild“-Zeitung und der „Bild am Sonntag“ durchgegangen, die in diesem Jahr bislang erschienen sind. Anhand der Preislisten des Verlags (PDF & PDF) haben wir dann ausgerechnet, in welchem Wert einzelne Branchen in diesem Jahr Anzeigen geschaltet haben. Und siehe da:

Grafik mit den Werten der von verschiedenen Branchen geschalteten Anzeigen in Bild und BamS vom 2. Januar bis 20. März 2019 - Discounter 50,1 Millionen Euro - Autohersteller 9,9 - Pharmaunternehmen 4,9 -  TV-Sender 2,7 - Telekommunikation 2,5 - Baumärkte 1,8 - Glücksspiel 1,3

Allein in den ersten elf Wochen dieses Jahres haben Autohersteller Anzeigen im Wert von fast 10 Millionen Euro in „Bild“ und „BamS“ geschaltet. Die Discounter waren die einzige Branche, die mehr investierte.

In vielen „Bild“-Regionalausgaben ist die Zahl der Autoanzeigen sogar noch größer, weil dort zusätzlich lokale Autohäuser werben. Hinzu kommen Autoanzeigen bei Bild.de, in „Auto Bild“ und anderen Zeitschriften und Onlineportalen von Axel Springer.

Wie viel die Autobauer tatsächlich für die Werbung gezahlt haben, ob sie von „Bild“ die üblichen Rabatte bei Anzeigen oder inzwischen einen besonderen Freundschaftspreis bekommen, wissen wir natürlich nicht. Und ob wirklich ein Zusammenhang besteht zwischen den vielen Autoanzeigen und der Pro-Auto-/Anti-Öko-Apostel-Berichterstattung der „Bild“-Medien, oder ob das alles bloß Zufall ist, können wir auch nicht mit Gewissheit sagen.

Eines steht aber fest, sei es bei den Autos oder bei der „Bild“-Zeitung: Ganz sauber sind sie nicht.

Axels Meme-Rubrik, Staat mahnt „FragDenStaat“ ab, Wikipedia offline

1. Dies ist unsere letzte Chance. Helfen Sie uns, das Urheberrecht in Europa zu modernisieren
(wikipedia.de)
Die deutschsprachige Wikipedia ist seit Mitternacht für 24 Stunden offline. Mit der Aktion protestieren die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsreform: „Die geplante Reform könnte dazu führen, dass das freie Internet erheblich eingeschränkt wird. Selbst kleinste Internetplattformen müssten Urheberrechtsverletzungen ihrer Userinnen und User präventiv unterbinden (Artikel 13 des geplanten Gesetzes), was in der Praxis nur mittels fehler- und missbrauchsanfälliger Upload-Filter umsetzbar wäre. Zudem müssten alle Webseiten für kurze Textausschnitte aus Presseerzeugnissen Lizenzen erwerben, um ein neu einzuführendes Verleger-Recht einzuhalten (Artikel 11). Beides zusammen könnte die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit erheblich beeinträchtigen.“

2. Axel Voss findet eine Memes-Rubrik bei Google – und das Netz flippt aus
(t3n.de, Jörn Brien)
Der als Vater der umstrittenen EU-Urheberrechtsreform geltende Europaabgeordnete Axel Voss (CDU) hat in einem Interview Sachen gesagt, die im Netz für allerhand Verwunderung sorgten. Auf Twitter wurden ihm daraufhin Wissenslücken, absichtliche Irreführung, das Verbreiten von Verschwörungstheorien oder schlicht Dummheit unterstellt. Für besonderes Kopfschütteln sorgte ein Part des Interviews, in dem Voss von einer „Meme-Rubrik“ bei Google sprach. Diese Art von „technischem Verständnis“ wurde vom offiziellen Twitter-Account der Europa-CDU/CSU nochmal überboten: „Dabei wurde — mit rotem Pfeil und eingekreist — auf den vorgeschlagenen Suchbegriff Memes in der Bildersuche (nach Axel Voss) verwiesen. Nicht klar war den Twitter-Verantwortlichen des Accounts offenbar, dass es sich dabei lediglich um häufig gesuchte Begriffe im Zusammenhang mit dem Namen des Politikers handelt.“

3. #Zensurheberrecht: Bundesregierung mahnt uns ab, wir wehren uns
(fragdenstaat.de)
Die Informationsfreiheitsaufklärer von „FragDenStaat“ haben Post von der Bundesregierung bekommen. Im Umschlag steckte jedoch nicht ein Dankesschreiben oder das längst verdiente Bundesverdienstkreuz für besondere Dienste an der Demokratie, sondern eine Abmahnung. „FragDenStaat“ hatte ein staatliches Gutachten zu Krebsrisiken von Glyphosat veröffentlicht, woraufhin die Regierung nun mit jener Abmahnung reagiert — wegen einer angeblichen Verletzung des Urheberrechts. „FragDenStaat“ wird sich gegen die Abmahnung wehren, so Projektleiter Arne Semsrott: „Wir lassen uns aber nicht einschüchtern. Wenn es sein muss, ziehen wir mit dem Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof. Das Urheberrecht darf nicht zum Zensurheberrecht werden.“

4. Fall Relotius: Ullrich Fichtner wird nicht „Spiegel“-Chefredakteur
(sueddeutsche.de, David Denk)
Eigentlich sollten die „Spiegel“-Redakteure Ullrich Fichtner und Matthias Geyer Chefredakteur beziehungsweise Blattmacher werden. Doch dann kam der Fall Relotius, und die Personalie lag erst einmal auf Eis. Drei Monate später hat sich der „Spiegel“ neu sortiert: Fichtner und Geyer sollen nicht die für sie vorgesehenen Leitungsfunktionen erhalten, sondern „mit neuen strategischen Aufgaben“ betraut werden, wie der „Spiegel“ mitteilt.

5. KNV
(voland-quist.de, Leif Greinus)
Vor etwa einem Monat meldete Deutschlands größter Buchgroßhändler, die Firma KNV, Insolvenz an. Viel zu schnell wird vergessen, was das für die Gläubiger bedeutet. Zu denen gehören nämlich Verlage, die nun in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Leif Greinus ist Geschäftsführer des 2004 gegründeten Verlags Voland & Quist und erzählt in beeindruckender Offenheit von den wirtschaftlichen Auswirkungen der KNV-Pleite. Und von dem Gefühlscocktail aus Überraschung, Wut, Ratlosigkeit, Resignation und Aufbäumen.

6. Schelte der „Kollegenschelte“
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Matthias Dell kritisiert Journalistinnen und Journalisten dafür, alles zu kritisieren, nur nicht sich selbst. Weil sich „Kollegenschelte“ angeblich nicht gehöre: „Das Problem mit der Kollegenschelte ist: Sie fasst den Bereich des Internen zu weit. Natürlich redet man in der eigenen Familie anders als in der Öffentlichkeit über sie. Aber wenn alle Kollegen plötzlich Familie sind, dann stimmt irgendetwas nicht. Dann hat man Angst oder ist eitel oder ignorant oder was weiß ich. Man hat jedenfalls weder Lust auf Kritik. Noch auf Öffentlichkeit. Das allerdings ist für den Journalismus und seine populäre Rolle als vierte Gewalt keine gute Voraussetzung.“

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BILDblog-Klassiker

Darauf einen Absacker!

Als die Boeing 757 von United Airlines am Sonntag von Washington, D.C. nach London von der Startbahn abhob, ahnten die 50 Passagiere an Bord vermutlich noch nicht, dass sie Zeugen und Opfer einer Beinahe-Katastrophe werden würden, die in deutschen Medien so aufbereitet wurde:

Bild.de:

Flugzeug sackt 6000 Meter ab – Notlandung!

„Bild“:

„B.Z.“:

United-Jet sackt 6000 Meter ab: Notlandung

„Focus Online“:

United-Airlines-Maschine muss notlandenBoeing 757 stürzt 6000 Meter in die Tiefe...
United-Airlines-Maschine muss notlanden: Boeing 757 stürzt 6000 Meter in die Tiefe

„Berliner Kurier„:

Flug-Schock
Notlandung! Flugzeug fällt 6000 Meter in die Tiefe

Die deutschen Medien berufen sich dabei auf Artikel ihrer englischen Kollegen, denn zuvor hatten etwa die „Daily Mail“ und der „Daily Mirror“ über den Zwischenfall berichtet.

Hätten die Journalisten jedoch selbst ein wenig recherchiert (oder einfach mal in ihren zahlreichen Leserkommentaren nachgeschaut), wären sie schnell darauf gestoßen, dass das Flugzeug nicht „gestürzt“, „gefallen“ oder „abgesackt“ war, sondern die Piloten – weil es Probleme bei einem Triebwerk gab – aus Sicherheitsgründen bewusst niedriger geflogen sind.

Dementsprechend klingt die Version des „Aviation Herald“ auch um einiges nüchterner:

Eine United Boeing 757-200, Kennzeichen N14118, Flug UA-130 von Washington Dulles, DC (USA) nach London Heathrow, EN (UK) mit 50 Passagieren und 9 Crew-Mitgliedern, war auf dem Weg auf Flugfläche 390 über den Atlantischen Ozean etwa 500 Nautische Meilen östlich von St. John’s, NL (Kanada), als die Crew über das Notfallmeldesystem erklärte, dass sie ein Triebwerk (RB211) abgeschaltet habe und auf Flugfläche 280 gesunken sei. Das Flugzeug kehrte um und steuerte St. John’s an, wo es etwa 130 Minuten später sicher auf Landebahn 29 landete.

Der Rest des Fluges wurde gestrichen.

Die Airline teilte mit, es sei ein technisches Problem mit einem Triebwerk aufgetreten. Als Vorsichtsmaßnahme sei das Triebwerk abgeschaltet worden. Die Passagiere wurden auf andere Flüge in Richtung London umgebucht.

(Übersetzung von uns).

Wie uns das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf Anfrage erklärte, ist es völlig normal, die Flughöhe zu reduzieren, wenn eines von zwei Triebwerken ausfällt oder abgeschaltet werden muss. Nur so kann in vielen Fällen der nächste Flughafen erreicht werden. Und das ist seit knapp 50 Jahren für zweistrahlige Flugzeuge wie die Boeing 757 sogar Vorschrift.

Davon abgesehen ist das Flugzeug laut „Aviation Herald“ von Flugfläche 390 (etwa 39.000 Fuß/11.900 Meter) auf Flightlevel 280 (etwa 28.000 Fuß/8.500 Meter) gesunken – also nicht um 6.000 Meter, sondern um „nur“ 3.400.

„Spiegel Online“ immerhin hat die ursprüngliche Überschrift „Boeing sackt um 6.000 Meter ab“ mittlerweile in „Triebwerksprobleme zwingen Boeing zum Umkehren“ geändert.

Unter dem Artikel heißt es:

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Meldung wurde der Eindruck erweckt, die Boeing sei nach einem Triebwerksausfall um 6000 Meter unkontrolliert abgesackt. Tatsächlich handelte es sich um ein kontrolliertes Manöver des Piloten. Wir bitten um Entschuldigung.

Mit Dank an Chris K., Stephan Sch. und Wolfgang.

Flugs kopiert

Joar, Mensch, das ist ja mal gar nicht schlecht, dass das „Abendblatt“ dabei war, „als die finnische Fluggesellschaft ‚Finnair‘ als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.“ Glückwunsch!

Warum das überhaupt bemerkenswert ist? Weil dieser Screenshot nicht von abendblatt.de stammt, sondern von Bild.de:

Das Portal berichtet heute über einen „SONDERFLUG DES LUFT-GIGANTEN“, denn der „Mega-Airbus besucht Hamburg“:

Der neue Lufthansa-Airbus A350-900, das weltweit modernste Langstreckenflugzeug, besuchte am Donnerstag-Vormittag mit einem Sonderflug die Hansestadt.

Wie da nun die frohe „Abendblatt“-Kunde reingerutscht ist? Vermutlich hat irgendein Bild.de-Mitarbeiter beim Text-Klauen nicht aufgepasst und beim Copyandpasten eben auch die Passage mit „Finnair“ übernommen. Auf abendblatt.de steht nämlich ebenfalls (Link mit Bezahlschranke):

Für die Lufthansa sei der Neuzugang eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Die A350-900 für 293 Passagiere sei das modernste und umweltfreundlichste Langsteckenflugzeug. Es verbrauche 25 Prozent weniger Treibstoff und sei beim Start wesentlich leiser als vergleichbare Flugzeugtypen.

Das Abendblatt war dabei, als die finnische Fluggesellschaft Finnair als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.

Die Bild.de-Redaktion mopst also einfach zwei Absätze beim „Abendblatt“, inklusive Rechtschreibfehler („Langsteckenflugzeug“), und vergisst, die Spur zu verwischen. Wir wollen an dieser Stelle nur noch mal daran erinnern: Bild.de geht derzeit mit einer wettbewerbs- und urheberrechtlichen Klage gegen „Focus Online“ vor, weil man sich nicht länger bieten lassen wolle, dass das „Burda“-Portal „systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BILDplus abschreibt“. Nun ist das Ausmaß, mit dem „Focus Online“ sich bei „Bild plus“ bedient, sicher noch mal ein anderes. Aber auch bei den zwei „Abendblatt“-Absätzen handelt es sich um Bezahl-Inhalte. Und abschreiben bleibt abschreiben.

Nachdem ein Twitter-User auf den Textdiebstahl hingewiesen hat, hat Bild.de die Passagen gelöscht.

Mit Dank an @DonTimoteoHH für Hinweis und Screenshot!

Hitzacker: Polizei-Nachplapperei und Steineschmeißer aus dem Archiv

Schaut man sich dieses Bild an …

Screenshot eines Tweets der Welt - Niedersachsen: 60 Vermummte stürmen Privatgrundstück eines Polizisten - dazu ein Foto von sieben Vermummten, die Steine und einen Baumstamm werfen
(„Welt“-Tweet)

… oder dieses …

Screenshot shz.de - Innenminister Pistorius entsetzt über Aufmarsch von Vermummten - dazu ein Foto mit vielen Vermummten, im Hintergrund eine auf dem Boden liegende Mülltonne
(shz.de)

… oder dieses …

Screenshot Politically Incorrect - Hitzacker: Linke vermummte Terrorgruppe bedroht Polizistenfamilie - dazu ein Foto eines Steine werfenden Vermummten
(„Politically Incorrect“)

… könnte man denken, dass am vergangenen Freitag vermummte Linke und Autonome und Antifa-Aktivisten in Hitzacker Steine geschmissen und Bäume durch die Gegend geworfen, Mülltonnen umgetreten und Randale gemacht haben. Nun ist nicht ganz klar, was in dem Ort in Niedersachsen vor knapp einer Woche genau passiert ist — es steht Aussage (der Polizei) gegen Aussage (der Aktivisten). Aber dennoch ist recht sicher, dass es solche Szenen, wie sie auf den Fotos von Welt.de, shz.de und „Politically Incorrect“ zu sehen sind, in Hitzacker nicht gegeben hat. Dennoch verwenden die drei Redaktionen derartige Symbolfotos.

Was ist bislang bekannt? Am frühen Freitagabend ist eine Gruppe linker Aktivisten zum privaten Wohnhaus eines Polizisten gezogen, um dort gegen dessen Arbeits- und Vorgehensweise zu demonstrieren. Es gibt verschiedene Angaben, wie viele Personen es genau waren: wohl irgendwas zwischen 55 und 80. Einige waren vermummt, laut Demo-Teilnehmern rund ein Viertel von ihnen. Am Ende gab es einen Polizeikessel, mehrere Festnahmen und verletzte Demonstranten. Was dazwischen geschah — da gehen die Versionen sehr weit auseinander: Die Polizei spricht in einer Pressemitteilung, die sie noch in der Nacht zu Samstag veröffentlichte, von einer „neuen Qualität der Gewalt“ seitens der Aktivisten. Diese wiederum beklagen in einer Pressemitteilung einen „brutalen Polizeiübergriff“ während ihres Rückzugs, den sich nach einer guten halben Stunde angetreten seien (auf einen Link verzichten wir, da in der Mitteilung der komplette Name des Polizeibeamten genannt wird). Einig sind sich beide Seiten, dass die Demonstranten Fahnen und Banner der kurdischen YPG am Carport des Beamten befestigt (wohl eine Revanche für eine Polizeiaktion im Februar) und vor dem Haus gesungen haben. Während die Polizei allerdings von „lautstarker Stimmungsmache“ spricht, nennen es die Aktivisten „fröhliches“ Singen.

Kurzum: Auch eine Woche später lässt sich von außen nicht exakt beurteilen, was vergangenen Freitag in Hitzacker passiert ist. Dennoch haben sich viele Redaktion schon sehr früh festgelegt — und dabei fast ausschließlich die Version der Beamten verbreitet. „60 Vermummte stürmen Grundstück eines Polizisten“, titelt etwa Bild.de, obwohl von „stürmen“ und „60 Vermummten“ nicht mal die Polizei spricht. Welt.de schreibt, dass „rund 60 zum überwiegenden Teil vermummte Personen das Grundstück und private Wohnhaus eines Polizisten im niedersächsischen Hitzacker gestürmt“ hätten.

Die Gegenseite kam in den ersten Tagen — und kommt teilweise bis heute — nicht zu Wort, die Angaben der Polizei wurden nicht hinterfragt. Dabei gibt es durchaus Punkte in der Pressemitteilung, die fragwürdig erscheinen: Was meinen die Beamten beispielsweise mit der Aussage, es handele sich um eine „neue Qualität der Gewalt“? Diese Behauptung wurde von vielen Medien kommentarlos zitiert, sicher auch, weil sie verkaufs- und klickträchtig klingt.

Natürlich heißt das alles nicht, dass die Aktion der Aktivisten, das Aufsuchen eines privaten Wohnhauses mit mehreren Dutzend Personen, nicht kritikwürdig ist. Manche von ihnen haben nach eigener Angabe die Frau und Kinder des Polizisten auch schon um Entschuldigung gebeten. Und natürlich heißt das auch nicht, dass die Version der Polizei auf keinen Fall stimmen kann. Aber es reicht für Redaktionen einfach nicht, nur auf Grundlage einer Polizeimeldung zu berichten, erst recht nicht, wenn die Polizei nicht mehr nur neutrale Behörde ist, sondern wie in Hitzacker auch Beschuldigter und Akteur. Das hat vor Kurzem erst ein Beispiel aus Hessen gezeigt. Gleiches gilt selbstverständlich für die Erzählung der Aktivisten: Das 2:10 Minuten lange Video zum Beispiel mit dem Titel „Hitzacker 18.05.2018 — Was wirklich geschah“, in dem das „Medienkollektiv Wendland“ das friedliche Singen zeigt, beweist erstmal nur, was in den im Video zu sehenden Szenen „wirklich geschah“ (auf einen Link verzichten wir, da in dem Video der Name der Straße, in der der Polizist wohnt, sowie dessen Haus gezeigt werden).

Mit den eingangs gezeigten Fotos gehen manche Redaktionen dann noch einen Schritt weiter: Sie plappern nicht nur willfährig die Pressemitteilung der Polizei nach, sondern bebildern das Ganze auch noch passend. In diesem Fall und bei der derzeitigen Informationslage ist ein solches Symbolbild dann nicht mehr nur Symbolbild, sondern eine gewagte Festlegung: Wenn nicht genau so, dann war es jedenfalls so ähnlich.

Es ist etwas erschreckend, dass wir Redaktionen, die eigentlich ernst genommen werden wollen (hier: „Welt“ und shz.de), in diesem Fall problemlos in eine Reihe stellen können mit den Hetzern von „Politically Incorrect“, von denen man keine sauberere Arbeit erwartet. Und es ist noch erschreckender, dass von diesen drei Portalen lediglich „Politically Incorrect“ das verwendete Foto überhaupt als „Symbolbild“ deklariert hat. Im „Welt“-Tweet sowie im Artikel bei shz.de fehlt ein solcher Hinweis. Twitter-Follower beziehungsweise Leserinnen und Leser könnten ohne Weiteres denken, dass die Aufnahmen die Geschehnisse in Hitzacker zeigen, vor allem in Kombination mit dem Text im „Welt“-Tweet respektive der Bildunterschrift bei shz.de („60 teils vermummte Personen haben in Hitzacker das Privatgelände eines Polizeibeamten gestürmt“). Dabei ist auf dem Foto im Tweet der „Welt“-Redaktion etwa ein Anti-Atom-Protest im November 2011 zu sehen.

Andere Redaktionen haben sich ebenfalls für Symbolbilder entschieden. Die mögen etwas zurückhaltender sein, die Wahrnehmung drücken aber auch sie in Richtung „vermummter Mob“:

Screenshot RTL.de - Hitzacker: Vermummte bedrohen Familie eines Polizisten - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(RTL.de)

Screenshot Augsburger Allgemeine - Vermummte aus der linken Szene belagern Wohnhaus eines Polizisten - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(Augsburger-Allgemeine.de)

Screenshot Focus Online - Kritik an Wohnhaus-Belagerung reißt nicht ab - dazu ein Foto mehrere Vermummter bei einem Aufmarsch
(„Focus Online“)

Screenshot Deutschlandfunk - Linke Gruppe bedrängt Polizistenfamilie - dazu ein Foto eines Vermummten bei einem Aufmarsch
(„Deutschlandfunk“)

Screenshot Deutschlandfunk - Dutzende Linke belagern das Haus eines Polizisten - dazu ein Foto eines Vermummten bei einem Aufmarsch
(„Bento“)

Dazu auch:

Mit Dank an Michael L. und Katrin für die Hinweise!