FC Wutbayern, Russlands Berliner Medienzentrale, Seifenoper Politik

1. Geschlossenheit als Drohung
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs, Audio: 5:03 Minuten)
Der FC Bayern hat vergangene Woche eine Pressekonferenz veranstaltet, die wohl in die Fremdschäm-Geschichte eingehen wird. In einem, wegen seiner Peinlichkeit schwer zu ertragenden, Rundumschlag machten die Bayern-Chefs die Medien zu den Schuldigen an was auch immer. Eine „respektlose Berichterstattung“ wolle man nicht mehr akzeptieren. Daniel Bouhs kommentiert die denkwürdige Veranstaltung.

Weiterer Lesetipp: Stefan Frommann (Ressortleiter Welt.de) kommentiert: „Die Bayern demaskierten sich als provinziell und beendeten auf schauerliche Weise die Mär vom Weltklub.“
Und „SZ“-Autor Philipp Selldorf hat in einer Glosse gleich mal ein Stück Lobhudel-Berichterstattung nach dem Geschmack der Bayern-Bosse vorgelegt: Bayern gibt eine Lehrstunde im modernen Fußball.

2. Russlands heimliche Medienzentrale in Europa
(t-online.de, Jan-Henrik Wiebe)
Drei russische Medienkanäle berichten aus Berlin: „Ruptly“, „Redfish“ und „Maffick“. Vor allem im Netz sind die Beiträge sehr erfolgreich und werden oft geteilt. Verschwiegen wird jedoch, dass ihr Besitzer der russische Staat ist. Und der verfolgt seine eigenen Interessen. Jan-Henrik Wiebe ist der Sache für t-online.de nachgegangen.

3. Warum müssen Wirtschaftsredakteure noch arbeiten?
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff philosophiert in seiner Kolumne über die tollen Geld-Vermehr-Tipps von Wirtschaftsredakteuren: „Ein bisschen was haben diese ewigen Kauft-Aktien-Predigten von Totemtänzen wilder Medizinmänner, die durch stetes Stampfen auf den Boden für Regen sorgen sollen. Mal klappt’s, mal klappt es nicht. Und die Grundfrage, warum die Wirtschaftsredakteure anstatt in Gold zu baden immer noch arbeiten, obwohl sie doch den todsicheren Tipp haben, diese Frage bleibt eine fürs ewige Buch der Mysterien.“

4. Königliche Rückrufaktion
(sueddeutsche.de, Nora Reinhardt)
In Großbritannien löschen Bildagenturen schon mal Fotos, die dem britischen Hof nicht gefallen. Jüngstes Beispiel: ein Foto eines ungünstig sitzenden Rocks. Ob dies aus bloßer Nettigkeit oder vorauseilendem Gehorsam geschieht, ist schwer zu sagen. Aber die Bildagenturen sind auf das Wohlwollen des Buckingham Palace angewiesen, was sich auf die Bereitschaft auswirken könnte, Löschwünschen zu entsprechen.

5. Drama, Drama, Drama
(taz.de, Bettina Gaus)
Bettina Gaus geht in ihrer Kolumne mit dem politischen Journalismus ins Gericht: „Wer Politik mit einer Seifenoper verwechselt und in Kauf nimmt, dass angekündigte Stürme regelmäßig nur im Wasserglas toben, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Glaubwürdigkeit leidet.“

6. I forced a bot…
(twitter.com/KeatonPatti)
Comedy-Autor Keaton Patti will einen Bot dazu gebracht haben, sich mehr als 1.000 Stunden lang „Ted Talks“ anzuschauen. Aus den Erkenntnissen habe dieser dann einen eigenen (recht speziellen) „Ted Talk“-Ablauf konstruiert.

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„Ich kann noch alles ändern“

Ich sage dies, weil es teilweise bekannt ist, weil es Fotos gibt — und dass ich „Vetternwirtschaft“ oder Beeinflussung bei dieser Recherche trotzdem komplett ausgeschlossen habe.

Das versprach „Bild“-Kolumnist Alfred Draxler im Oktober 2015. Sein Text zur Sommermärchen-Affäre, zur möglicherweise gekauften Fußball-WM 2006 in Deutschland, war laut Draxler das Ergebnis einer „Intensiv-Recherche“:

Screenshot Bild.de - Das Sommermärchen war nicht gekauft - So war es wirklich mit den 6,7 Millionen Euro

Draxlers Unabhängigkeitserklärung, die Betonung, er habe „Beeinflussung bei dieser Recherche“ komplett ausgeschlossen, wirkte damals bereits ziemlich lächerlich, schließlich beruhte sein Freispruch für seine Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund einzig auf „langen und intensiven“ Gesprächen mit seinen Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund. Jetzt scheint sich Draxlers Beteuerung als glatte Lüge zu entpuppen.

Ein Text im aktuellen „Spiegel“ zu einem Gerichtsurteil rund um das Sommermärchen beginnt mit dieser Geschichte:

Das Arbeitsprinzip des Sportjournalisten Alfred Draxler ist das eines Unterziehleibchens: Keiner klebt so eng am Deutschen Fußball-Bund wie der Chefkolumnist der „Bild“, keiner umgarnt die großen Namen so hautfreundlich wie Draxler.

Das war schon so, als er 2015 den Verband nach einer angeblichen „Intensiv-Recherche“ in Schutz nahm. Nein, das Sommermärchen, die deutsche WM 2006, sei nicht gekauft gewesen, schrieb er in einer Kolumne. Was der Leser damals nicht erfuhr: dass Draxler seinen Artikel zuvor noch dem amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach zum Gegenlesen geschickt hatte, mit der devoten Betreffzeile „Ich kann noch alles ändern.“

Genauso ging das Stück vorab auch an Elvira Netzer, Ehefrau von Altstar Günter Netzer, der ebenfalls in jenen dubiosen Deal um 6,7 Millionen Euro aus der deutschen WM-Kasse verwickelt war: „Ich kann noch alles ändern.“

Alfred Draxler soll seinen Text also den Leuten, über die er berichtet hat, zum Gegenlesen geschickt und ihnen versprochen haben, er könne „noch alles ändern“ — und hat dann in genau diesen Text geschrieben, dass er „bei dieser Recherche“ Beeinflussung „komplett ausgeschlossen“ habe.

Ein anderer Satz in Draxlers DFB-Verteidigungsschrift lautete:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Kai Diekmann, damals noch „Bild“-Chefredakteur, fand das wohl so überzeugend, dass er in gleich zwei Tweets jubelte, was für eine vermeintliche „Hammer!!!“-Enthüllung seinem Kolumnisten Draxler da gelungen sei. Und auch für die „Zeit“ wurde es etwas peinlich: Den redaktionellen Twitter-Account hatte auf Einladung „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn übernommen, die im Namen der „Zeit“ ihrem „Bild“-Kollegen zur Seite sprang und schrieb, dass sie „keinen Grund“ habe, „an den Recherchen von Alfred Draxler zu zweifeln“. Zu diesem Zeitpunkt war schon recht offensichtlich, dass es sich nicht um eine Recherche handelte, sondern lediglich um einen Kniefall vor DFB-Buddys.

Alfred Draxler schreibt auch heute noch über die Sommermärchen-Affäre. Am Dienstag erschien in „Bild“ ein Artikel von ihm mit der Überschrift „Kein Stimmenkauf!“. Auch dazu finden die „Spiegel“-Redakteure Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt sehr treffende Worte:

So gesehen war es keine Überraschung, dass Draxler in dieser Woche wieder für den DFB jubelte. Hintergrund: Das Landgericht Frankfurt hatte die Sommermärchen-Anklage gegen drei Ex-Funktionäre des DFB verworfen, darunter Niersbach. Den Beschluss legte Draxler gewohnt verbandsnah aus: „Der schwere Vorwurf des Stimmenkaufs wurde entscheidend entkräftet.“ Eine Lesart, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Die Frage, ob das Sommermärchen gekauft war oder nicht, war nämlich zu keinem Zeitpunkt Gegenstand der zweieinhalb Jahre währenden Ermittlungen.

Mehr zu Alfred Draxlers Tätigkeit als inoffizieller DFB-Pressesprecher:

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„Bild“-Chef Reichelt ganz stolz: Es stimmte fast alles

Gerade in der Konditorei: Ja, gut, das sei schon ein ärgerlicher Fehler, so der Meister, dass er und sein Team beim Teig für die Sahnetorte Gips statt Mehl genommen haben, und dass sich in dem Glas, auf dem Salz steht, kein Zucker befindet, nun ja, das hätte vielleicht auch auffallen können. Aber sonst sei das alles Top-Qualität! Ach, warum die Creme so merkwürdig schmeckt? Das könne daran liegen, dass sie Rasierschaum statt Sahne verwendet hätten. Aber sonst stimme so gut wie alles.

So würde es klingen, wenn Julian Reichelt seine Ware nicht als „Bild“-Chefredakteur unter die Leute bringen würde, sondern als Konditor.

Drüben bei Twitter rühmt er sich damit, dass seine Redaktion nur ein paar grobe Schnitzer in einem Artikel untergebracht hat — abgesehen davon habe „so gut wie alles“ gestimmt in der „BILD kennt den geheimen Ablauf“-Geschichte über Stefan Raabs Bühnencomeback. Zur Erinnerung: Das Raab-Team hatte auf der „TV Total“-Facebookseite einem „Bild“-Beitrag deutlich widersprochen. Der Artikel sei in großen Teilen schlicht erfunden.

Das ist also der journalistische Anspruch von „Bild“ unter Julian Reichelt: Ist doch super, wenn „so gut wie alles stimmt“:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Vor wenigen Tagen dementierte TV total die Bild-Berichterstattung über Stefan Raabs Comeback als frei erfunden und in Teilen erfunden. Hier sieht man nun, dass so gut wie alles stimmte (die Schalte zu ProSieben war ein ärgerlicher Fehler).
Screenshot eines weiteren Tweets von Julian Reichelt - Online haben wir berichtet, dass auch die Heavy Tones auftreten würden. Auch das stimmt. Das Dementi von TV Total zu der Geschichte in Bild ist in weiten Teilen frei erfunden.

Leider stimmt nicht mal Reichelts „so gut wie alles stimmt“. Da der „Bild“-Chef von sich aus nur den „ärgerlichen Fehler“ mit der „Schalte zu ProSieben“ anspricht, helfen wir ihm — mit Blick auf den Auftritt von Stefan Raab gestern Abend in Köln — gern noch einmal auf die Sprünge:

Nein, Lena Meyer-Landrut war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Teil der Show.

Nein, Aaron Troschke war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Moderator der Show.

Nein, es waren nicht, wie von „Bild“ angekündigt, 20.000 Zuschauer, sondern rund 14.000.

Nein, es gab keine „Aufarbeitung verschiedener Ereignisse der letzten Wochen“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab gab keinen „(beruflichen) Rückblick auf seine TV-Abstinenz“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab sprach nicht, wie von „Bild“ angekündigt, „über seine zukünftigen Pläne“.

Mathias Döpfner sagte neulich in einem Interview zur angeblichen neuen Fehler-Kultur bei „Bild“:

Und was ich toll finde: Dass Julian Reichelt, wenn er Fehler macht, sich dafür entschuldigt und sofort Transparenz herstellt.

Dem Springer-Chef könnte ein Konditor Reichelt vermutlich auch ein Stück Sahnetorte andrehen.

Wie es bei Stefan Raabs Bühnencomeback tatsächlich war:

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Twitters Troll-Archiv, Unstatistik, Raabs Temporär-Comeback

1. So arbeiten russische Internet-Trolle
(spiegel.de, Angela Gruber & Marcel Pauly & Patrick Stotz)
Twitter hat ein riesiges Troll-Archiv veröffentlicht mit mehr als zehn Millionen Tweets von 5.000 Fake-Accounts. Forscher und andere Datenspezialisten sollen sich anhand des Datensatzes ein besseres Bild davon machen können, wie die Trolle arbeiten. Die Digital-Forensiker eines amerikanischen Thinktanks hatten bereits Zugriff auf die Daten, und auch „Spiegel Online“ hat sich den Datensatz angeschaut.

2. Social Media: Erinnerung an Nachrichtenquelle verblasst
(de.ejo-online.eu, Antonis Kalogeropoulos)
In einer Repräsentativbefragung zur Nachrichtennutzung kam Interessantes zutage: Die Mehrheit der befragten Online-Nachrichtennutzer aus 37 Ländern bezieht ihre Nachrichten lieber über Suchmaschinen und soziale Medien als direkt von den Medien. Nachrichten, die über Newsfeeds von Facebook oder Twitter verbreitet werden, sehen jedoch weitgehend gleich aus, was die Folge habe, dass sich die meisten Nutzer nur selten an die Original-Nachrichtenquelle erinnern.

3. Unstatistik: Wie eine «erdrückende Mehrheit» entsteht
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Die Schweizer „Tagesschau“ (SRF) berichtete, dass laut einer Studie 85 Prozent aller europäischen Parlamentarierinnen sexistische Belästigungen erlebt hätten. Die „Tagesschau“ habe es laut Urs P. Gasche jedoch unterlassen, darüber zu informieren, dass nur ein Drittel aller befragten Parlamentarierinnen geantwortet haben. Die Autorinnen der Studie hätten sogar ausdrücklich betont, dass die Resultate statistisch nicht repräsentativ seien.

4. Die Pilgerreisen der Instagram-Jünger
(heise.de, Laura Krzikalla & dpa)
Die Influencer und Möchtegern-Influencer der Plattform Instagram haben eine neue Tourismus-Form hervorgebracht: Selbst die entlegensten Ecken der Welt werden nun zu überlaufenen Knips- und Selfie-Destinationen. Mit teilweise fatalen Folgen für Anwohner und Umwelt — wie kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen.

5. „Der Medienkrieg ist in vollem Gange“
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio, 7:28 Minuten)
Der Fall des mutmaßlich getöteten Journalisten Jamal Khashoggi sorgt nicht nur im Westen, sondern auch in der arabischen Welt für Aufruhr. Kritische Stimmen sind aus Syrien zu hören, aber auch aus Katar, dem Erzfeind Saudi-Arabiens. Der „Deutschlandfunk“ hat darüber mit Daniel Gerlach gesprochen, dem Chefredakteur des Magazins „Zenith“, das sich mit der arabisch-islamischen Welt beschäftigt. Sein Befund: „Der Medienkrieg ist in vollem Gange“.

6. Er ist wieder da: So lief das große Raab-Comeback
(haz.de, Imre Grimm)
Nach mehr als 1000 Tagen Sendepause hat sich Stefan Raab mit einer Liveshow in Köln vor 14.000 Zuschauern zurückgemeldet. Imre Grimm war dabei und berichtet über den Abend, der jedoch nicht von Raabs altem Haussender ProSieben übertragen wurde.

Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann

Auf der „Bild“-Titelseite ist heute wieder alles ganz aufgeregt:

Ausriss der Bild-Titelseite - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg!

Deutschland drohe „EIN KLINGELSCHILD-CHAOS“, weil Vermieter aufgrund der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) womöglich bald überall im Land die Klingelschilder abschrauben müssten. Dieselbe Alarmstufe bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg - Haben wir bald etwa nur noch Nummer an der Tür?

Wie die „Bild“-Medien auf den „Datenschutz-Irrsinn“ kommen? Mit einem Zitat, das der Zitatgeber so nicht gegeben haben will, falschen Fakten zur DSGVO und viel, viel Biegerei.

Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise schreiben gleich zu Beginn ihres Artikels:

„Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …“ Damit kann bald Schluss sein!

Schuld daran ist die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Zwei Sätze weiter sind sich die beiden „Bild“-Autoren zwar schon nicht mehr ganz so sicher („Ob darunter auch ein Name auf einem Klingelschild fällt, ist unklar.“), aber dennoch: „Schuld daran ist“ für sie erstmal die EU.

Nun gibt es seit einigen Tagen schon Diskussionen darüber, ob Klingelschilder unter die DSGVO fallen. Rechtsanwalt und Datenschutzexperte Niko Härting hat sich bereits vor zwei Tagen die Mühe gemacht, das Thema aufzudröseln. In einem lesenswerten Beitrag bei „CRonline“ geht er der Frage nach, ob öffentlich einsehbare Namen auf Klingelschildern mit Blick auf die DSGVO problematisch sein könnten. Seine Antwort in Kurzform: nein. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Entscheidend sei dabei, ob die Daten (in diesem Fall: die Namen auf den Klingelschildern) Teil einer „strukturierten Sammlung“ und ob sie „nach bestimmten Kriterien zugänglich sind“.

Härting schreibt dazu:

Das Haus, in dem ich wohne, ist „old school“, was die Klingelschilder angeht. Sie sind in Messing geprägt und so angeordnet, dass man nicht erkennen kann, wer in welchem Stockwerk wohnt. Es fehlt somit an jeder „Struktur“. Datenschutzrechtliche Fragen stellen sich nicht. Das Datenschutzrecht bleibt vor der Tür.

Wenn die Klingelschilder so angeordnet sind, dass sich das jeweilige Stockwerk des Bewohners erkennen lässt, fehlt es zwar nicht an einer „Struktur“. Wohl aber stellt sich die Frage einer weitergehenden „Zugänglichkeit“. (…) Eine Datenauswertung, die über die Informationen hinausgeht, die sich aus den Klingelschildern selbst ergeben, wird durch die Beschilderung nicht ermöglicht. Auch hier fehlt es demnach an einem „Dateisystem“, das die Anforderungen des Art. 4 Nr. 6 DSGVO erfüllt. Das Datenschutzrecht bleicht auch hier außen vor.

Eine Ausnahme gebe es, wenn die Klingelschilder nicht analog angebracht seien, sondern „auf einem Monitor sichtbar“. Dann finde die DSGVO Anwendung.

Zu einem ähnlich klaren Ergebnis kommen der Datenschutzexperte Thomas Schwenke, der frühere Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar, die aktuelle Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff, die Stiftung Datenschutz, der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW und die EU-Kommission.

Nur die „Bild“-Medien, Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise sind der Meinung, die DSGVO sei am „KLINGELSCHILD-CHAOS“ schuld. Sie haben ja auch diese Ankündigung des Immobilien-Eigentümerverbandes „Haus & Grund“:

Deshalb will der wichtige Immobilien-Eigentümerverband Haus & Grund seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen, die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben!

„Nur so können sie sicher sein, nicht gegen die DSGVO zu verstoßen“, sagt Kai Warnecke, Präsident von Haus & Grund, zu BILD.

Wir haben bei Haus & Grund nachgefragt, ob man wirklich „seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen“ wolle, „die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben“. Die Antwort von Pressesprecher Alexander Wiech: Die Empfehlung sei so nicht gegenüber „Bild“ angekündigt worden. Man fordere „nicht auf, Klingelschilder abzumontieren.“ Stattdessen wolle man die Mitglieder warnen, dass es irgendwann mal soweit kommen könne.

Daraufhin haben wir bei „Bild“ nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibe, dass Haus & Grund ein Empfehlung an die vielen Mitglieder gegenüber den „Bild“-Autoren angekündigt habe. Sprecher Christian Senft antwortete uns, dass er uns dringend empfehle, unsere Recherche bei Haus & Grund noch einmal zu verifizieren: „Diese haben nichts relativiert und stehen voll zu der Geschichte und dem Zitat. Sie haben Ihnen nur gesagt, dass sie diese Empfehlung bisher noch nicht ausgesprochen haben, weil sie noch nicht dazu gekommen sind.“ Also, noch mal nachgefragt bei Haus & Grund: Alexander Wiech sagt uns noch einmal, dass man keine Empfehlung gegenüber „Bild“ angekündigt habe, sondern davon gesprochen habe, die Mitglieder sensibilisieren zu wollen.

Das hat Haus & Grund übrigens auch gegenüber anderen Medien so gesagt — etwa gegenüber „Zeit Online“, gegenüber dem WDR, gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen“.

Inzwischen hat Haus & Grund, nach der Klarstellung durch die Bundesdatenschutzbeauftragte, eine Pressemitteilung rausgegeben, in der der Verband schreibt: „Bundesdatenschutzbeauftragte: Mieternamen an Klingelschildern sind zulässig“.

Nachtrag, 17:40 Uhr: Wir haben die Überschrift von „Klingelingeling, hier kommt der Fake-News-Mann“ in „Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann“ geändert. Der Begriff „Fake News“ war für diesen Fall nicht passend.

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Der Fall Khashoggi, Ziemlich Tauber Tweet, Beredtes Schweigen

1. Fakten, Gerüchte, Schauermärchen
(spiegel.de, Dominik Peters)
In der Affäre um den in der saudischen Botschaft verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi wurden und werden nach und nach Details bekannt. Die Quellen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, es herrschen die verschiedensten Interessenlagen. Dominic Peters berichtet, was amerikanische und türkische Medien bislang veröffentlichten und ordnet die Lage ein.
Weiterer Lesehinweis: „Zapp“ hat den Autor und Chefredakteur des Magazins „Zenith — Zeitschrift für den Orient“, Daniel Gerlach, zum Fall Khashoggi interviewt. Dieser geht auch auf die Medienstrategie Saudi-Arabiens ein: „Es entsteht der Eindruck, dass sich die saudischen Informationskampagnen sehr am russischen Beispiel orientieren, das aber wesentlich weniger professionell. Die Russen benutzen Kontra-Propaganda und Gegen-Narrative ja nahezu perfekt, um westliche Narrative, Erzählmuster, zu hinterfragen.“
Und im „Tagesspiegel“ kommentiert Christian Böhme das Schweigen Europas: Der Westen duckt sich im Fall Kaschoggi kläglich weg.

2. Beredtes Schweigen
(twitter.com/marcusengert)
Als politischer Reporter bei „BuzzFeed News“ Deutschland ist Marcus Engert darauf angewiesen, dass ihm Pressestellen von Behörden und Organisationen Auskunft erteilen. Die Zusammenarbeit mit den Presseverantwortlichen gestaltet sich jedoch hakelig: „Wir erleben immer öfter PressesprecherInnen, die enormen Aufwand darauf verwenden, nicht mit der Presse zu sprechen. Die Antworten schicken, mit denen sie auf keine der gestellten Fragen antworten.“ Anhand eines Screenshots erklärt Engert einen typischen Fall und denkt über eine mögliche Lösung nach.

3. Rommel mit Widerstand verbunden?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Peter Tauber (CDU) ist Staatssekretär im Verteidigungsministerium und twitterte am Wochenende eine Art Gedenktweet in die Welt hinaus: „Heute vor 74 Jahren starb Erwin Rommel, von den Nazis zum Selbstmord gezwungen.“ Tauber betrachtet Hitlers Lieblingsgeneralfeldmarschall Rommel augenscheinlich nicht als Nazi, sondern als eine Art Widerstandskämpfer. Dem geht der ARD-„Faktenfinder“ nach und befindet: „Dass Rommel „seine Rolle auch im Widerstand“ hatte, beziehungsweise mit dem Widerstand verbunden gewesen sei, ist keineswegs bewiesen, sondern unter Historikern höchst umstritten.“
Auf die Kritik bei Twitter reagierte Tauber übrigens mit einer, nun ja, interessanten Volte: „Freue mich über die ganzen Linken, die durch ihre Tweets offenbaren, dass sie in Wahrheit Popo an Popo mit den Nazis stehen.“

4. Mit Filtern gegen Kinderpornos
(taz.de, Christian Rath)
Im Oktober 2017 trat das Gesetz zur Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (NetzDG) in Kraft, nach dem rechtswidrige Inhalte von den Plattformbetreibern binnen sieben Tagen entfernt werden müssen, „offensichtlich rechtswidrige“ Inhalte sogar binnen 24 Stunden. Wie hat sich das Gesetz auf Youtube ausgewirkt? Ist es zum befürchteten „Overblocking“ gekommen? Christian Rath hat für die „taz“ hingehört, was eine Google-Juristin bei einer Veranstaltung im Mainzer Abgeordnetenhaus dazu gesagt hat.

5. Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!
(faz.net, Stephan Stach)
Wie steht es um die Pressefreiheit in Polen? Nicht sonderlich gut, wie Stephan Stach in der „FAZ“ erklärt. Er schickt sarkastisch voraus: „Was Intoleranz angeht, ist die Publizistik in Polen anderen Ländern voraus.“ Wer „falsche“ Ansichten äußert oder Witze über die Regierung macht, werde entlassen: „Die politische Linie erhält Vorrang vor der Debatte. Weichen Redakteure von der jeweiligen politischen Linie ab, gilt das schnell als Verrat.“

6. Er tut es wieder: Fake-Restaurantbesitzer veräppelt Medien mit Doppelgänger
(watson.ch)
Nachdem Oobah Butler es geschafft hat, bei Tripadvisor ein von ihm erfundenes, nicht-existentes Restaurant mittels falscher Bewertungen auf Platz eins zu hieven, ist er ein gefragter Ansprechpartner der Medien. Zu den Interviews schickte er irgendwelche ihm ähnlich sehenden Menschen. Und keiner merkte etwas.

Kurz korrigiert (517-521)

Bei „Zeit Online“ haben sie neulich das Kunststück hinbekommen, einen offensichtlichen Fehler nicht zu korrigieren, dabei aber ganz im Sinne der Transparenz zu behaupten, ihn korrigiert zu haben.

In einer Reportage über den Ort Schwarzenberg im Erzgebirge, in dem vor einer Weile eine schwarze Puppe mit einer Schlinge um den Hals von einer Brücke hing, standen diese zwei Sätze:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke in Jena, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Während Schwarzenberg tatsächlich in Sachsen liegt, liegt Jena in Thüringen — die in der „Zeit“-Reportage hergestellte Wiederholung von an Brücken aufgeknüpften Puppen in Sachsen passt also nicht so ganz. Im Kommentarbereich wiesen Leser die Redaktion auf den Fehler hin, worauf „Zeit Online“ reagierte. Nun steht am Ende des Artikels:

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes schien es so, als läge Jena in Sachsen. Es liegt aber in Thüringen. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion.

Das ist sehr vorbildlich. Bloß stimmt „Wir haben das online korrigiert“ nicht. Die Stelle im Text lautet nun nämlich:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Die Redaktion hat einfach „in Jena“ gestrichen, wodurch „in Sachsen“ allerdings nicht richtiger wird.

Völlig anderes Thema, aber geographisch genauso falsch: dieser Satz von Bild.de in einem Beitrag zum „längsten Langstreckenflug der Welt“:

Der Flug von Singapur nach New York, der bei guten Wetterbedingungen planmäßig 18 Stunden und 45 Minuten dauern soll, löst den bisher weitesten Langstreckenflug ab: Qatar Airways fliegt in 17 Stunden und 40 Minuten von Auckland in Australien nach Doha.

Auckland ist die größte Stadt Neuseelands und hat mit Australien nichts zu tun, selbst wenn CNN und Rapper das behaupten.

Mit dem Taschenrechner können „Bild“-Mitarbeiter mindestens genauso schlecht umgehen wie mit Google Maps. Zum Abschneiden der SPD bei den bayrischen Landtagswahlen verrechnete einer von ihnen:

Mit Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (50) verzeichnete die SPD ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Mehr als 50 Prozent der Stimmen haben die Sozialdemokraten verloren.

Nee. Bei der Bayernwahl 2013 bekam die SPD insgesamt 2.437.401 Stimmen. Bei der Wahl am Sonntag waren es laut vorläufigem Ergebnis 1.317.942, also 1.119.459 Stimmen weniger. Das sind nicht „mehr als 50 Prozent“ weniger, sondern 45,9 Prozent weniger.

Und zum Schluss noch ein Hinweis an „Bild“-Chefreporter Peter Hell, bevor er das nächste Mal ein Video bei Twitter per Retweet verbreitet …

Screenshot des Retweets von Peter Hell - Indonesia. Few Seconds before Tsunami when it hits

… das scheinbar den Tsunami in Indonesien Ende September dieses Jahres zeigt: Es handelt sich um Aufnahmen von 2011 aus Japan (ab Minute 1:26).

Mit Dank an Sebastian M., Joshua R., Sven W., Timo R. und Roland W. für die Hinweise!

Rechte Verlage, Gemeinmacher, Brot- und Auflagenvermehrung

1. Trotz PR-Gag: Rechte Verlage floppen auf der Buchmesse
(jfda.de)
Rechte Verlage haben erneut versucht, die Frankfurter Buchmesse als Bühne für sich zu nutzen. Obwohl sie teilweise mit fragwürdigen PR-Gags operierten und einiges prominentes Personal auffuhren, sei dies wenig bis gar nicht gelungen. Was auch am professionalisierten Umgang der Messeleitung mit den rechtsradikalen Verlagen gelegen habe, wie das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus berichtet.
Weiterer Lesehinweis: Rechter Verleger verbreitet Fake News in eigener Sache (welt.de, Matthias Kamann).

2. Ermittlungen, nachdem „Unzensuriert“-User Florian Klenk drohten
(derstandard.at, Fabian Schmid)
Der Chefredakteur des österreichischen „Falter“, Florian Klenk, wurde massiv von Nutzern der Plattform Unzensuriert.at bedroht. Klenk veröffentlichte die Drohungen in Sozialen Medien, woraufhin sich die Polizei bei ihm meldete. Klenk auf Facebook: „Ein großes Kompliment der Landespolizeidirektion Wien. Sie reagiert demonstrativ schnell im Fall „unzensuriert.at“. Heute schon um 14 Uhr habe ich meine Zeugeneinvernahme wegen gefährlicher Drohung.“

3. Welche Rolle spielt die Regierung?
(deutschlandfunk.de, Iris Rohmann)
Ein Jahr ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia Opfer einer Autobombe wurde. Mittlerweile sitzen die mutmaßlichen Täter in Haft, aber die Suche nach den Hintermännern gestaltet sich schwierig. Zumal die maltesische Regierung ein falsches Spiel spiele, wie ihr von Journalisten vorgeworfen wird.
Lesenswert in diesem Zusammenhang das „taz“-Interview mit dem EU-Parlamentarier Sven Giegold: „Es fehlt das politische Interesse“.

4. Kann das weg?
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Um die Meinungsvielfalt im deutschen Privatfernsehen zu garantieren, wurden einst die sogenannten Drittsendezeiten eingeführt. Bekannteste Sendereihe: Alexander Kluges Talkformat „10 vor 11“ mit Interviews mit Künstlern, Schriftstellern, Regisseuren und Forschern, das es in 30 Jahren auf mehr als 1500 Ausgaben gebracht hatte, bevor es im Juni eingestellt wurde. Wie steht es heutzutage um die Drittsendeplätze? Benedikt Frank hat sich mit der Fernbedienung auf Spurensuche begeben.

5. Wie sich Hanns-Joachim Friedrichs mal mit einer Sache gemein machte
(stefan-fries.com)
Selten sind Worte so missverstanden und aus dem Zusammenhang gerissen worden wie die des legendären „Tagesthemen“-Moderators Hanns Joachim Friedrichs, man solle sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen, auch keiner guten. Stefan Fries hat einen kritischen Song von Udo Jürgens aus dem Jahr 1988 ausgegraben, in dem Friedrichs eine Art Intro spricht und sich damit durchaus die Kritik des Songs zu eigen macht.

6. Luftnummer 1
(noemix.wordpress.com, Michael Nöhrig)
Michael Nöhrig über die wundersame Auflagenvermehrung von Österreichs viel gedruckter, aber wenig gelesener Kostenlos-Tageszeitung: „Ein Bäcker backt täglich neun Brote, obwohl seine Kunden täglich nur sieben kaufen. Daraufhin backt er täglich zehn Brote, aber seine Kunden kaufen täglich nur mehr sechs. Also prahlt der Bäcker vor seinen Kunden: »Als Bäcker bin ich die neue NUMMER 1, denn keiner backt täglich soviel unverkäufliche Brote wie ich!«“

Medienmäzen Google, Ausgespext, Lokalzeitungen als Klauopfer

1. Wie Google zum Medien-Mäzen wurde
(republik.ch, Adrienne Fichter)
Wenn die Kritik der Schweizer Verlage an Google leiser geworden ist, könnte das an den Millionen liegen, die ihnen der Suchmaschinenkonzern überweist. Die „Republik“-Recherche in Zusammenarbeit mit Netzpolitik.org schlüsselt die Zahlungen auf und zeigt, wie intransparent die privaten Deals zwischen Google und den Schweizer Medien laufen.

2. Das Internet, es scheint an allem Schuld zu sein
(sueddeutsche.de, Jan Kedves)
Die Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“ wird nach 38 Jahren eingestellt. Damit verschwindet nach „Groove“ ein weiteres prägendes Musikmagazin. Gründe sind der Auflagen- und Anzeigenschwund, und das hat wiederum mit dem Internet zu tun. Jan Kedves blickt von außen aufs Ganze, kennt aber auch die Innenansicht: Er hat einige Jahre in den Redaktionen von „Groove“ und „Spex“ gearbeitet, unter anderem als Chefredakteur.
Weiterer Lesehinweis: Auf Spex.de verabschiedet sich der aktuelle Chefredakteur Daniel Gerhardt von Lesern und Leserinnen.
Und die „taz“ hat einige Stimmen zum Ende des Berliner Musikmagazins eingeholt: Krach, bum! Spex kaputt (Julian Weber & Tim Caspar Boehme).

3. Brinkbäumer geht ganz
(taz.de, Frederik Schindler)
Der „Spiegel“-Verlag und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer haben sich geeinigt: Brinkbäumer wird das Nachrichtenmagazin im März 2019 verlassen und nicht, wie von manchen vermutet, als Korrespondent weiterschreiben. Als Grund für das Zerwürfnis wurden im August unterschiedliche Auffassungen über die Zusammenführung der Print- und Onlineredaktionen genannt. Ihm sei zudem der Auflagenverlust des Magazins angelastet worden. Brinkbäumer hatte sich im Rahmen der Auseinandersetzung von den Medienrechtsanwälten Christian Schertz und Simon Bergmann vertreten lassen, die immer wieder auch gegen Berichterstattungen des „Spiegels“ vorgehen, so jüngst im Fall Ronaldo.

4. Alles nur geklaut?
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio, 4:55 Minuten)
Zu den Grundlagen des journalistischen Handwerks gehört es, Quellen korrekt zu zitieren und zu nennen. Doch ausgerechnet Medien tun sich damit manchmal schwer. So werden Lokalzeitungen häufig nicht genannt, wenn überregionale Redaktionen deren Recherchen übernehmen. Dem „Mindener Tageblatt“ erging es so bei einer Geschichte über Alltagsrassismus in Deutschland.

5. Der dänische Rundfunk im Würgegriff
(de.ejo-online.eu, Henrik Kaufholz)
Der dänische Rundfunk sieht schweren Zeiten entgegen: Er wird zukünftig nicht mehr aus Gebühren, sondern aus Steuermitteln finanziert. Und muss in den nächsten fünf Jahren 20 Prozent seines Budgets einsparen. Einen „Generalangriff auf die freie Meinungsbildung“ nennt dies der dänische Journalist Henrik Kaufholz.

6. Sigi Maurer startet Crowdfunding-Kampagne gegen Hass im Netz
(futurezone.at)
Die österreichische Ex-Grüne Sigi Maurer hatte sich öffentlich gegen obszöne Drohnachrichten zur Wehr gesetzt. In der Folge war sie von einem Gericht wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe und Entschädigung verurteilt worden. Dagegen will Maurer juristisch vorgehen und hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Insgesamt wollen Maurer und der Verein Zara 100.000 Euro einsammeln, um damit die Prozesskosten ihres Falles zu finanzieren sowie Klägerinnen in anderen Fällen Geld zur Verfügung stellen zu können. Am ersten Tag sind bereits mehr als 50.000 Euro zusammengekommen.

Framing, „Musenalp“, Schubsbilanz

1. Alle reden über Framing – so funktioniert es
(spiegel.de, Elisabeth Wehling)
Die Wissenschaftlerin Elisabeth Wehling ist durch ihre Ausführungen zum politischen Framing bekannt geworden. In einem Gastbeitrag für „Spiegel Online“ beschäftigt sie sich mit einer sprachlichen Falle, wenn es um Alltagssexismus und sexuelle Gewalt geht: Der „sexualisierten Gewalt“. Der Begriff sei faktisch irreführend und nehme unseren Gehirnen die Chance auf Empathie und moralische Entrüstung.

2. Himmelhoch
(sueddeutsche.de, Burkhard Riedel)
Ältere werden sich vielleicht noch an den „Musenalp-Express“ erinnern, eine kostenlos verteilte schweizerische Jugendzeitschrift. 1988 war dem Blattmacher ein sensationeller Coup gelungen: Das „Musenalp“-Magazin lag kostenlos in 17.500 bundesdeutschen Postfilialen aus, in der stolzen Auflage von einer Million Exemplare. Der ehemalige „Musenalp“-Mitarbeiter Burkhard Riedel erzählt vom Aufstieg und Fall des einzigartigen Projekts.

3. Alles Werbung? Ja, nein, vielleicht
(taz.de, Juliane Fiegler)
Instagram ist ein Ort, der sich gut für Schleichwerbung eignet. Dementsprechend aufmerksam beobachten Wettbewerbshüter und andere das Treiben der Influencer und mahnen bei Verstößen ab. Ob sie dabei über das Ziel hinausschießen, muss nun ein Gericht entscheiden: Das Model Fiona Erdmann wehrt sich gegen eine der Abmahnungen. Sie hatte ihren Fotografen verlinkt, was ihr als Werbung ausgelegt wurde.

4. Wann merken die letzten deutschen Medien endlich …
(twitter.com/martinhoffmann)
Mit Blick auf ein Sharepic des „Deutschlandfunks“ fragt Martin Hoffmann bei Twitter: „Wann merken die letzten deutschen Medien endlich, dass es manchmal einfach keinen Sinn macht, Zitate auf Fotos zu klatschen und auf Facebook zu posten? Dass sie damit — im Gegenteil — nur die Arbeit von Populisten machen?“

5. Warum es «Vice» in der Schweiz wahrscheinlich nicht mehr schafft
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Nachdem die österreichische „Vice“-Redaktion vor einigen Wochen ihren Abschied erklärte, hat nun der Schweizer Redaktionsleiter Sebastian Sele gekündigt. Wie lassen sich diese Auflösungserscheinungen erklären? Benjamin von Wyl hat selbst für die Schweizer „Vice“ gearbeitet und bringt Licht ins Dunkel.

6. Tagesfazit und Schubsbilanz
(twitter.com/anettselle)
Die Reporterin Anett Selle hat es im Zusammenhang mit ihren Livestreams aus dem Hambacher Forst zu einiger Berühmtheit gebracht und ihrem Auftraggeber, der „taz“, einige neue Abonnenten beschert. Anlässlich der gestrigen Bayernwahl hat Selle aus München berichtet. Sie schließt den Tag mit einer Zusammenfassung und ihrer persönlichen „Schubsbilanz“ (ab Minute vier).

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BILDblog-Klassiker

„Bild“ bezahlt Spanner und Schaulustige

Ein Biker kollidierte in Berlin mit einem Radfahrer. Beide Männer liegen verletzt auf der Straße. Rettungskräfte leisten Erste Hilfe. Robert S[…] drückte auf den Auslöser.

Jaha, denn der Robert hat mitgemacht bei der „großen BILD-Aktion“ und ist „BILD-LESER-REPORTER“ geworden. Und deshalb kann Robert sich jetzt über 500 Euro Honorar freuen und die „Bild“-Zeitung über ein schönes Farbfoto, auf dem man alles sieht: die beiden Unfallopfer, die schwer verletzt und mit bloßen Oberkörpern auf der Straße liegen, die Feuerwehrleute, die neben ihnen knien und sich über sie beugen, die anderen Passanten, die offenbar keine „Bild“-Zeitung lesen und deshalb nur glotzen und nicht fotografieren.

Das hier ist knapp die obere Hälfte des „Schnappschusses“ („Bild“) — unten ist dann das eigentliche Geschehen:

Über dieses Foto und fünf andere hat „Bild“ folgende Schlagzeile gesetzt (das rote unten sind die Geldscheine, die bei der Veröffentlichung winken):
Die tollen Fotos unserer Leser

Zu den weiteren veröffentlichten Fotos gehört auch ein Bild, das Veronica Ferres und ihren Mann bei einem privaten Gespräch in einem Café zeigt, und eines, auf dem angeblich der Fußballspieler David Odonkor zu sehen ist, wie er anscheinend auf einem Parkplatz uriniert.

Angeblich haben schon „weit über 1000 BILD-Leser-Reporter ihre Schnappschüsse“ an die Redaktion geschickt. Und was die „Bild“-Zeitung in Zukunft u.a. sehen möchte, beschreibt sie so:

— Blitzte für Sekunden der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor?
— Wurden Sie Zeuge eines Großbrandes oder eines Unfalls?

Viel genauer kann man die Begriffe „Spanner“ und „Schaulustige“ nicht umschreiben. Es sei denn, man würde juristische Begriffe verwenden.

Vielen Dank an Sascha F., Mulle M. und Benjamin B.!

ZDF  

Live is live

ARD und ZDF sind empört. Von Manipulation ist die Rede und von der Missachtung journalistischer Standards, ja sogar ihre Glaubwürdigkeit sehen die Öffentlich-Rechtlichen in Gefahr. Und Schuld an alledem ist die UEFA.

Denn deren internationale Bildregie hatte während der Fußball-Europameisterschaft an manchen Stellen Szenen, die vor Spielbeginn aufgezeichnet worden waren, in die Live-Übertragung geschnitten. So wurde beispielsweise im Halbfinale Deutschland gegen Italien, kurz nachdem die deutsche Mannschaft ein Gegentor kassiert hatte, eine weinende Deutschland-Anhängerin gezeigt. Es entstand der Eindruck, dieses Gegentor habe die Frau so traurig gestimmt — dabei war die Szene gar nicht live, sondern schon vor Beginn des Spiels aufgezeichnet worden. Ebenso hatte es sich einige Tage zuvor mit einer Szene verhalten, die Bundetrainer Löw beim Ärgern eines Balljungen zeigte.

Nachdem die Vorgehensweise der UEFA bekannt geworden war, reagierten ARD und ZDF äußerst erbost. ZDF-Chefredakteur Peter Frey erklärte in einer Pressemitteilung:

Wir haben bei der UEFA moniert, dass tatsächlich der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Wir erwarten von der UEFA, dass sie uns künftig darauf hinweist, ob sie während einer Live-Übertragung aufgezeichnetes Material verwendet.

Dieter Gruschwitz, Leiter der ZDF-Sportredaktion, bekräftigte:

Es wird dazu noch Gespäche geben. Ich habe so etwas auch noch nicht erlebt. Bei dem zweiten Vorgang wurde durch diese bildliche Montage dem Zuschauer suggeriert, dass das Bild der weinenende Frau eine Reaktion auf das Tor der Italiener ist. Das ist eindeutig Manipulation! Wir sehen durch diese Vorgänge, die allein in der Verantwortung der UEFA liegen, unsere Reputation bei den deutschen Fernsehzuschauern beschädigt.

In einer weiteren Pressemitteilung hieß es gestern:

Die Intendantinnen und Intendanten von ARD und ZDF halten fest, dass die nicht ausreichend gekennzeichnete Einspielung von aufgezeichneten Szenen in ein Live-Spiel durch die UEFA nicht akzeptabel ist. Die beiden Vorfälle bei der EURO 2012 seien als Manipulation einzustufen.

Und ZDF-Intendant Thomas Bellut forderte:

Die UEFA muss dafür sorgen, dass Vorfälle dieser Art in Zukunft ausgeschlossen sind. Ansehen und Glaubwürdigkeit von ARD und ZDF dürfen nicht beschädigt werden.

ARD und ZDF kämpfen also. Für Glaubwürdigkeit, für sauberen Journalismus, für ihr Ansehen, und nicht zuletzt für ihre Zuschauer, die ein echtes Produkt erwarten, ohne Tricks, ohne Täuschung, ohne manipulierte Bilder.

Denkste. Denn das, was die Öffentlich-Rechtlichen der UEFA vorwerfen, hat zumindest das ZDF ziemlich genauso gemacht.

Das Rahmenprogramm um das Finale zwischen Spanien und Italien sendete das ZDF wie immer live vom „ZDF-Fußballstrand“ auf Usedom. Etwa eine Dreiviertelstunde nach dem Schlusspfiff wurde nach Madrid geschaltet:

Wie im Video zu sehen, kündigt Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein die Schalte so an:

Wir wollen Emotionen abrufen, direkt im Land des Europameisters, denn Natalie Steger ist für uns in Madrid.

Dort berichtet dann eine Reporterin vor der Kulisse jubelnder Fans über die tolle Stimmung im Land des Europameisters („Und hier hinter mir, da tanzt Madrid!“).

Danach wird die Reporterin verabschiedet:

Dankeschön, Natalie Steger, und viel Spaß bei der Party!

Was Frau Müller-Hohenstein jedoch mit keinem Wort erwähnt und was auch sonst in keiner Weise angemerkt wird: Die Bilder waren direkt nach Spielende aufgezeichnet worden. Zwar wird nicht explizit von einer Live-Schalte gesprochen, doch für den Zuschauer, der ja immerhin eine Live-Sendung verfolgt, entsteht der Eindruck, als sei auch der Blick nach Madrid live.

Einer unserer Leser erkundigte sich beim ZDF und erhielt folgende Antwort:

Die Liveschaltung nach Spanien erfolgte direkt nach dem Spielende und wurde aufgezeichnet, um den Zuschauern einen Eindruck von der Stimmung mitgeben zu können.

Wir sind sehr dankbar, wenn unsere Zuschauer das Programmangebot nicht kritiklos hinnehmen, sondern uns ihre Gedanken und Ideen mitteilen. Ihre kritischen Anmerkungen zu unseren Übertragungen und Sendungen von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine haben wir der zuständigen Sportredaktion gerne zur Kenntnis gebracht. (…)

Bitte vergessen Sie jedoch nicht, dass sich ein Millionenpublikum in seinen Wünschen und Erwartungen unterscheidet. Leider ist es unmöglich, nur annähernd allen Vorstellungen gerecht zu werden, auch wenn es immer einmal zu kleineren Fehlern und Missverständnissen kommen kann. Hier sind alle Beteiligten stets um Verbesserung bemüht. Von daher danken wir Ihnen für Ihre Rückmeldung.

Auf unsere Anfrage hin hielt sich das ZDF deutlich knapper und teilte lediglich mit:

Die Bilder wurden nach dem Abpfiff aufgezeichnet und aus Kostengründen (Leitungskosten) leicht zeitversetzt gesendet.

Zur Frage, ob das nicht genau das sei, was die Intendaten am Vorgehen der UEFA so stark kritisiert hatten, äußerte sich das ZDF uns gegenüber nicht.

Das heißt also zusammengefasst: Wenn die UEFA aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das Manipulation, eine Missachtung journalistischer Standards und ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Wenn das ZDF aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das ein Dienst am Zuschauer. Das soll mal jemand verstehen.

Mit Dank auch an M.

Sportteil von „Bild“ rasselt durch den Realitäts-Check

Die Transferphase der Bundesliga neigt sich dem Ende entgegen — heißt: Die Medien geben nochmal Vollgas und spekulieren munter darüber, welcher Spieler wohl zu welchem Verein wechseln wird.

Wie wenig man auf solche Ratespielchen geben kann, zeigt schon das Beispiel von Andreas Bjelland. Die „Bild“-Zeitung behauptete vor zwei Tagen, der Spieler vom FC Twente sei beim FSV Mainz 05 im Gespräch — einen Tag später musste sie aber per Twitter einräumen: Stimmt gar nicht.

Interessant übrigens auch diese Fortsetzung:

Auf der heutigen Pressekonferenz des FSV wurde der Mainzer Manager Christian Heidel gefragt, was in Sachen Transfers denn jetzt eigentlich Fakt sei. Da werde ja momentan viel geschrieben.

Heidel antwortete:

Ich lese auch viele Dinge, teilweise sehr belustigt, muss ich sagen. Aber ich verstehe das ja: Wenn wir nichts sagen, wird einfach was geschrieben – teilweise an den Haaren herbeigezogen.

Also teilweise ist es wirklich unglaublich, manche Namen habe ich noch nie gehört, kannte ich gar nicht – aber es ist halt so, damit müssen wir leben. Und wer uns kennt, wer mich kennt, weiß, dass wir einen Transfer dann bekannt geben, wenn ein Transfer perfekt ist.

Ein Journalist wollte daraufhin wissen:

Wie schwer wiegt es denn, dass ein Wunschspieler dann durch den Medizin-Check fällt? Den hätten sie ja sonst verpflichtet.

Gemeint ist damit eine Geschichte, die die „Bild“-Zeitung heute in der Mainzer Ausgabe gebracht hat:

Manager Heidel antwortete:

Das habe ich heute auch gelesen, das habe ich genauso belustigt zur Kenntnis genommen. Deswegen: Selbst wenn es so wäre, würde ich mich zu solch einer Thematik nie äußern, auch nie äußern dürfen. Ich kann nur eines sagen: Dem Jungen geht’s ausgesprochen gut!

Daraufhin der Journalist:

Ich habe nicht nach dem Medizin-Check gefragt, sondern wie schwer das wiegt, dass kurz vor einer Verpflichtung jemand scheinbar nicht den Medizin-Check besteht und die Transferperiode ja jetzt abläuft.

Manager Heidel:

Und das entscheide Wort war: scheinbar. Ich hab ja gesagt: Wartet doch mal ein bisschen ab! Hab ich gesagt, dass wir einen Spieler aufgrund eines Medizin-Checks nicht verpflichten können? Glaub ich nicht. Das hab ich auch heute irgendwo gelesen – aber was soll ich denn dazu sagen? Wir haben das nie bekanntgegeben, wir haben das nie gesagt, und ich habe ja eben gesagt: Diesem besagten Spieler geht es ausgezeichnet.

Und siehe da: Wenige Stunden nach der Pressekonferenz gab Mainz 05 die Verpflichtung des Spielers bekannt — dessen Wechsel laut „Bild“ eigentlich schon „geplatzt“ war.

Mit Dank an Jessica.

Der Hofnarr des Kaisers

Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der „Sport Bild“ den Mist, den er selbst gebaut hat:

So viel mehr, als sich beim „Spiegel“ und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim „Sport1“-Fußballtalk „Doppelpass“ und all die anderen Sticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.

Das sieht seit heute auch Alfred Draxler ein:

Er klingt zerknirscht:

Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.

Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!

Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!

Bisher dachten wir, Draxlers „Intensivrecherche“ fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.

Dafür war Draxlers Caps-lock-Ankündigung in seinem „Das Sommermärchen war nicht gekauft“-Kommentar vom 22. Oktober ausgesprochen mutig:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo „Nachgehakt“ haben und mit seiner „Sport Bild“ über den „Lohnzettel eines Schalke-Stars“ oder die „Fehler-Schiris“ sinnieren, als hätte seine „REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER“ keinen Schaden genommen.

Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.

Wir hatten Alfred Draxler vor zwei Wochen als „DFB-Außenverteidiger“ bezeichnet. Das gefiel ihm irgendwie:

Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über „Bild“, Bild.de und „Sport Bild“ ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem „Sommermärchen“ wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.

Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze „Bild“-Bande hatte dem „Sport Bild“-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.

Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der „Zeit“. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:

Matthias Müller, stellvertretender „Bild“-Sportchef, verbreitete Draxlers Kolumne ebenfalls:

Tobias Holtkamp, Chefredakteur von Springers Fußballportal transfermarkt.de, lobte Alfred Draxlers „Fakten“:

Und „Bild“-Chef Kai Diekmann musste gleich doppelt twittern:

Heute twitterte Diekmann wieder über eine Enthüllung Draxlers:

So kann man natürlich auch versuchen, aus der Nummer rauszukommen.

Bei Anruf Witwenschütteln

Am vergangenen Sonntag stürzte ein Kletterer in den Südtiroler Alpen ab und starb noch vor Ort. Der Mann lebte zwar schon seit mehreren Jahren in Österreich, er war aber gebürtiger Kölner. Und so griff die Köln-Redaktion der „Bild“-Zeitung die Geschichte am Montag auf:

Es war nur eine kleine Meldung, 15 Zeilen lang, beschränkt auf die wichtigsten Fakten. Für „Bild“-Verhältnisse also ein ausgesprochen ordentlicher Umgang mit einer so traurigen Nachricht, und wir wunderten uns schon, warum das Blatt nicht — wie sonst — Fotos des Verstorbenen zeigt oder Angehörige und Bekannte belästigt hat, um an Zitate zu kommen, oder sonst irgendwie Privatsphären missachtet hat.

Was wir nicht wussten: Während wir noch rätselten, liefen in der „Bild“-Redaktion in Köln schon die üblichen Post-mortem-Recherchen. Und so konnten „Bild“ und Bild.de (kostenpflichtig als „Bild-plus“-Artikel) gestern eine deutlich opulentere Aufmachung der Geschichte präsentieren:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Schon der erste Absatz gibt die Sensationsgier vor:

Er liebte die Berge, das Klettern, die Höhe. Doch sein Hobby wurde für ihn nun zur Todesfalle!

Und auch sonst haben die „Bild“-Mitarbeiter mal wieder unter Beweis gestellt, was sie alles Schreckliches so können. Da wäre zum Beispiel das Foto von Christian V., das „Bild“ und Bild.de groß und unverpixelt zeigen. Es stammt von der Homepage der Praxis, in der der Mann gearbeitet hat. Die „Bild“-Medien haben einfach seine Arbeitskollegen weggeschnitten und das Foto veröffentlicht.

Oder der Anruf in der Praxis:

Einen Tag danach erreicht BILD eine Arbeitskollegin von Christian V. […]. Sie erzählt unter Tränen: „Wir sind alle so geschockt. Christian war ein begeisterter Kletterer, viel in den Bergen unterwegs. Das ist alles so schlimm.“

Witwenschütteln am Telefon. Was denkt man sich als „Bild“-Reporter wohl nach diesem Gespräch? „Geil, die weint! Das nehm‘ ich.“?

Als er in den Südtiroler Alpen abstürzte, war Christian V. übrigens mit seiner Frau und einer Freundin unterwegs. „Bild“ schreibt:

Christians Ehefrau, die den Absturz wohl direkt miterlebte, wird nun psychologisch betreut.

Wenn man das weiß und dennoch eine solche Geschichte druckt, hält man sein eigenes Verhalten womöglich auch noch für völlig normal.

Nachtrag, 14:50 Uhr: Inzwischen haben wir die Praxis erreicht, in der Christian V. gearbeitet hat. Wir wollten wissen, ob dort jemand der „Bild“-Zeitung erlaubt hat, das Foto zu nutzen. Antwort: „Nein.“ Es habe nicht mal eine Anfrage gegeben.

Nur zur Erinnerung: Die Identität eines Opfers sei „besonders zu schützen“, sagt der Pressekodex. Für das Verständnis eines Unglücks sei „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich.“ Zwar könne das Foto eines Opfers „veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Aber das dürfte in diesem Fall eben nicht so gewesen sein.

Neben diesen presseethischen Grundsätzen dürfte „Bild“ mit der Veröffentlichung des Fotos auch das Urheberrecht des Fotografen missachtet haben. Als Quelle nennt die Redaktion lediglich das notorische „PRIVAT“.

Fragwürdiges zum dritten Geschlecht

Zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass es für intersexuelle Menschen die Möglichkeit geben soll, neben „männlich“ und „weiblich“ ein drittes Geschlecht im Geburtenregister zu wählen, hat auch das Team von Bild.de etwas veröffentlicht:

Screenshot Bild.de - Welche Männer stehen eigentlich auf Ladyboys? Und sechs weitere Fragen zum dritten Geschlecht

Erstens, liebe Bild.de-Mitarbeiter: Ist dieser Artikel ernsthaft das, was ihr für einen angemessenen Beitrag zu einem Thema haltet, bei dem es um das im Grundgesetz verankerte Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot geht?

Zweitens: Ladyboys haben in aller Regel nichts mit Intersexualität zu tun — und damit auch nichts mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum nötigen dritten Geschlecht im Geburtenregister. Intersexuelle Personen sind Menschen, die keinem der beidem Geschlechter „männlich“ und „weiblich“ eindeutig zuzuordnen sind. Manche von ihnen kommen mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt; bei mancher intersexueller Person ergibt eine Chromosomenanalyse weder, dass sie eindeutig ein Mann ist, noch, dass sie eindeutig eine Frau ist.

Ladyboys, die in Thailand zur Kategorie Kathoey zählen, sind im biologischen Sinne fast ausschließlich Männer mit einer femininen Identifikation. Es handelt sich bei Ladyboys also meist um Transsexuelle und nicht um Intersexuelle. Manche von ihnen unterziehen sich operativen Geschlechtsumwandlungen, wodurch sie anschließend sowohl männliche als auch weibliche anatomische Geschlechtsmerkmale haben. Aber eben nicht von Geburt an. In Thailand werden Ladyboys manchmal auch als „drittes Geschlecht“ bezeichnet, was aber nichts mit dem dritten Geschlecht zu tun, über das gestern das Bundesverfassungsgericht entschieden hat.

Drittens: In eurem Beitrag über Ladyboys gibt es eine Passage zum angeblichen allgemeinen Erscheinungsbild der „Frauen in Thailand“, die sich liest wie eine Niederschrift der ersten deutschen Asienexpedition. Darin so gruselige Sätze wie:

Die meisten Thailänderinnen haben kleine, feste Brüste

Wer schreibt so etwas freiwillig?

Und viertens: Um 12:32 Uhr hieß es gestern bei euch auf der Seite, dass es etwa 160.000 intersexuelle Menschen in Deutschland gebe. Um 15:23 Uhr waren es nur noch rund 80.000. Wie konnten in weniger als drei Stunden 80.000 Menschen verschwinden?

Mit Dank an Sabine E., Tihomir V., Oliver K., @Politbuero, @Sereiya_, @ndyzllr und @pfuideifipegida für die Hinweise!