Reichelts Attacken, Tichys Sieg, Trumps Drohungen

1. Bloß nicht vernünftig
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo geht in seiner Kolumne der Frage nach, warum die „Bild“-Redaktion eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten fährt und kommt dabei schnell auf „Bild“-Chef Julian Reichelt zu sprechen: „Man muss feststellen, dass Julian Reichelt die sicher geglaubte Deutungshoheit der ‚Bild‘-Zeitung über das politische und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland entgleitet, vielleicht längst entglitten ist. Wenn ein Chefredakteur derart strategielos in sozialen Medien agiert und vor allem unsouverän reagiert, ist das ein Warnsignal der Schwäche. Die ‚Bild‘-Zeitung hat katastrophal unterschätzt, dass und wie man Social Media als medial attackierte Person heute nutzen kann.“

2. Der Allesversteher
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Mit „Der Allesversteher“ hat Josef-Otto Freudenreich sein Interview mit dem vormaligen ARD-Nachrichtenchef und jetzigem SWR-Intendanten Kai Gniffke überschrieben. Eine spitze Zuschreibung, die sich wahrscheinlich auf Gniffkes Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsradikalen wie Björn Höcke beziehen soll. Und die durch den Umstand unterstützt wird, dass Gniffke sich mit den Interviewern nicht darauf verständigen konnte, „dass die AfD im Grundtenor nationalistisch, völkisch, rassistisch und fremdenfeindlich“ sei.

3. Tichy siegt gegen „Correctiv“ vor Gericht
(faz.net)
Das Recherchezentrum „Correctiv“ hatte im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Facebook einen Beitrag der rechtslastigen Online-Zeitung „Tichys Einblick“ mit einem „Teils falsch“-Stempel versehen. Dagegen hatte sich Roland Tichy juristisch gewehrt, war jedoch vor dem Landgericht Mannheim unterlegen. Nun hat die höhere Instanz, das Oberlandesgericht Karlsruhe, das Urteil der Vorinstanz revidiert und Tichy Recht gegeben.

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4. Regierungs-PR als Konkurrenz für Journalisten?
(ndr.de, Daniel Bouhs & Caroline Schmidt)
Für Hauptstadtkorrespondentinnen und -korrespondenten sei die Berichterstattung deutlich schwieriger geworden. Viele Pressekonferenzen würden per Chat und ohne direkten Kontakt ablaufen, viele Ansprechpartner seien nicht verfügbar, da im Homeoffice. Und auch der Regierungspodcast zur Corona-Pandemie werde mit gemischten Gefühlen gesehen, da eine „unschöne Konkurrenzsituation“ um Expertinnen und Experten entstehen könne, so die Gesundheitspolitik-Reporterin Rebecca Beerheide.

5. Trump droht Twitter mit Schließung
(tagesschau.de)
Nachdem Twitter erstmals Tweets des US-Präsidenten Donald Trump als inhaltlich irreführend kennzeichnete, droht dieser: „Die Republikaner sind der Meinung, dass Social-Media-Plattformen die Stimmen der Konservativen völlig zum Schweigen bringen. Wir werden sie stark regulieren oder schließen, bevor wir dies jemals zulassen können …“ Die verborgene Pointe: Trumps Drohung, Twitter zu schließen, veröffentlicht er ausgerechnet auf dem Kanal, den es betrifft und von dem er fast abhängig zu sein scheint: Twitter.
Weiterer Lesehinweis: Lesenswert ist in diesem Zusammenhang Patrick Beuths Kritik an Twitters Faktencheck, der Defizite des Unternehmens im Kampf gegen Falschinformationen deutlich mache (spiegel.de).

6. „Es geht auch um den Austausch“
(taz.de, Peter Weissenburger)
Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ musste seinen Straßenverkauf coronabedingt für zwei Monate stoppen. Peter Weissenburger hat sich mit „Hinz&Kunzt“-Chefredakteurin Birgit Müller darüber unterhalten, wie sich der Verkaufsstopp für das Projekt und die Obdachlosen ausgewirkt hat. Man habe zunächst um Spenden gebeten, um jedem Verkäufer 100 Euro Soforthilfe auszahlen zu können, „dafür hätten wir 53.000 Euro benötigt. Aber durch die großartige Hilfe der Hamburger sind sogar 390.000 Euro zusammengekommen, sodass wir vier Mal Geld ausbezahlt haben und heute ein Starterset für jeden bereit hatten — mit 20 geschenkten Magazinen, Maske und Visier und Desinfektionsmittel.“

„Bild“ und die Drosten-Studie, Kuckuckszitate, Steingart-Experiment

1. Wie berechtigt ist die Kritik an der „Drosten-Studie“?
(spiegel.de, Julia Köppe)
„Bild“ missbrauchte wissenschaftliches Feedback zu Teilaspekten einer Studie im Pre-Print-Stadium, an der der Virologe Christian Drosten mitgearbeitet hat, um diese in ihrer Gesamtheit zu diskreditieren. Julia Köppe erklärt die Hinweise von Statistikern und kommentiert: „Unter Forschern ist es üblich, einen eigenen Beitrag zu verfassen, wenn es Anlass zur Kritik gibt und in sachlicher Sprache darzulegen, wo der Fehler liegt. Das kann auf Laien schon mal harsch wirken. Die aktuelle ‚Bild‘-Berichterstattung skandalisiert einen in der Wissenschaft völlig üblichen Vorgang.“
Weitere Hörempfehlungen: Der aktuelle „FAZ“-Podcast: „Wir haben allerbeste Chancen“ – Virologe Drosten über Corona und die „Bild“ (Audio, 26:46 Minuten) mit einem Gesprächsangebot von Christian Drosten an „Bild“ in den letzten Minuten.
Und die aktuelle Folge des „Coronavirus-Updates“ (NDR), in der Christian Drosten ebenfalls Stellung zu den Vorwürfen der „Bild“-Zeitung nimmt (Audio, 52:30 Minuten).

2. Meine (fast) sechs Monate mit Gabor Steingart
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer hatte Großes vor: „Ein halbes Jahr lang Gabor Steingarts ‚Morning Briefing‘ auf den Prüfstand stellen, um zu sehen, wie nah er an seinem Markenversprechen ‚100% Journalismus. Keine Märchen‘ liegt.“ Knüwer hat das Experiment nicht durchgehalten, aber die immerhin vier Monate haben gereicht, um die Methode Steingart zu dechiffrieren: „1. Nur Fakten einblenden, die eine These stützen. 2. Behauptungsjournalismus galore. 3. Niemals an das Gute im Menschen glauben. 4. Hasse die Medien – aber bediene Dich ihrer. 5. Erschwere die Recherche. 6. Korrigiere Dich niemals. 7. Habe keine Meinung – tu nur so.“
Weiterer Lesehinweis aus dem Archiv: Die Weihnachtsgeschichte im Gabor-Steingart-Style aus der Feder des „6 vor 9“-Kurators: Steingarts „Morning Briefing“ über Marias neues Religions-Startup (uebermedien.de, Lorenz Meyer).

3. „Das Wort Idiot hätte Loriot nie verwendet“
(sueddeutsche.de, Mareen Linnartz)
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich mit Gerald Krieghofer unterhalten, einem Experten für sogenannte Kuckuckszitate. Dabei handelt es sich um Falschzitate, die allerlei Berühmtheiten untergeschoben werden. In seinem Blog führt Krieghofer 493 dieser vermeintlichen Zitate auf, von Adorno bis Zola. Anlass für das Gespräch ist ein erfundenes Loriot-Zitat, das gerade in den Sozialen Medien die Runde macht.

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4. Ärger um einen Hörfunkklassiker: Darum steigt der NDR beim „Zeitzeichen“ aus
(rnd.de, Imre Grimm)
Der NDR will in den kommenden Jahren 300 Millionen Euro einsparen und sich dabei auch von Sendungen trennen. Der Hörfunkklassiker „Zeitzeichen“ soll zum Beispiel komplett ins Netz verlegt werden. Imre Grimm kommentiert: „Ist das zeitgemäß? Gewiss. Ist das sinnvoll? Gewiss nicht. Das ‚Zeitzeichen‘ gehört zu den profiliertesten Radiomarken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es passt blendend ins Profil. Der Verweis auf die Audiothek schließt Hunderttausende aus, die dem Tagestakt des Radios noch immer massenhaft bereitwillig folgen und den Podcast-Kosmos kaum je für sich entdecken werden.“

5. Der Rassismus einiger Medien
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:18 Minuten)
Thuy-Tien Nguyen vom post-migrantischen, asiatisch-deutschen Netzwerk korientation beobachtet die Corona-Berichterstattung und entdeckt dabei immer wieder Formen von anti-asiatischem Rassismus. Auch bei Medien, von denen man dies eigentlich nicht erwarte würde: „Die Bildzeitung und das Cicero-Magazin sind natürlich mit dabei. Aber auch ganz vorne ist der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine, die Tagesschau — da ist auch mal ein Fall passiert — Hamburger Morgenpost, Mitteldeutsche Zeitung, die Abendzeitung München.“

6. Twitter zerpflückt Trump-Tweet in erstem Faktencheck
(spiegel.de)
US-Präsident Donald Trump nutzt Twitter gern als sein tägliches Verlautbarungsorgan für Lügen, Stuss und Hetze, und Twitter ließ ihn dabei stets gewähren. Dies scheint sich zu ändern. Erstmals hat Twitter einen Trump-Tweet auf Richtigkeit überprüft und den Tweet des Präsidenten mit einem Link zur Richtigstellung versehen. Die Reaktion des US-Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten: „Twitter unterdrückt das Recht auf freie Meinungsäußerung, und ich, als Präsident, werde das nicht zulassen!“
Weiterer Lesehinweis: Das Interview von „Zeit Online“ mit dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: „Das Bewusstsein wächst, dass Trump nicht der Richtige ist“ (zeit.de, Marcus Gatzke).

„Bild“ vs. Drosten, Polizeigewalt, Erlösmodelle für Journalismus

1. Warum Drosten die „Bild“-Zeitung so scharf angeht
(tagesspiegel.de, Tilman Schröter & Gloria Geyer)
Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten ärgert sich über eine Anfrage der „Bild“-Zeitung, die er als tendenziös und unfair empfand. Noch dazu hatte man ihm zur Beantwortung der komplexen Fragestellung lediglich eine Antwortzeit von einer Stunde eingeräumt. In der Anfrage, die eher einer Konfrontation glich, hatte sich „Bild“ auf verschiedene Wissenschaftler bezogen, von denen sich mehrere sofort von dieser Art der Berichterstattung distanzierten.
Weiterer Lesehinweis: Wissenschaftler distanzieren sich im Streit um Drosten-Studie von „Bild“ (turi2.de, Benjamin Horbelt). Lesenswert ist auch das Interview von Alexander Kühn mit dem vermeintlichen „Bild“-Kronzeugen, dem deutschen Ökonomen Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt: „Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem ‚Bild‘-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.“ (spiegel.de)
Und selbst altgedienten „Bild“-Recken wie Georg Streiter ist das Vorgehen seiner ehemaligen Kollegen unangenehm, wie auf Facebook zu lesen ist: „Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden ‚Recherche‘-Methoden von Herrn Piatov ignoriert (darüber ist schon ausreichend geschrieben worden), bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt.“
Außerdem aus unserem Archiv: Wie die „Bild“-Redaktion mit schmutzigen Tricks versucht, Christian Drosten zu zerlegen.

2. Ein Spotify für Journalismus?
(message-online.com, Pauline Tillmann)
Medien erleben die Corona-Krise als eine höchst paradoxe Zeit: Einerseits sind sie als Informationslieferanten wertvoll wie noch nie und verzeichnen explodierende Online-Abrufe. Andererseits brechen die Anzeigeneinnahmen in dramatischer und existenzbedrohender Weise ein. Wie können Gegenstrategien aussehen? Könnten Spotify, Netflix und andere Streamingdienste Beispiele für neue Geschäftsmodelle sein? Was ist nötig, um die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus zu verbessern. Anhaltspunkte dafür können laut Pauline Tillmann Modelle wie die „Krautreporter“, das Schweizer Digitalmagazin „Republik“ und der Abo-Abwickler Steady liefern (Offenlegung: Wir nutzen Steady als einen Weg, über den man uns unterstützen kann).

3. Jung & Live mit Bernhard Pörksen
(youtube.com, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 2:04:00 Stunden)
Zwei kurzweilige Stunden ohne überfrachtetes Medien-Blabla, sondern mit dem spürbaren Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen: Bei „Jung & live“ war der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Besuch. In dem Gespräch mit Tilo Jung und Hans Jessen geht es um die mediale Wahrnehmung der Corona-Pandemie, die Kunst des Miteinander-Redens, Filter-Bubbles und Filter-Clashs sowie die große Gereiztheit in unserer Gesellschaft. Schön ist auch die Anekdote, wie Pörksen bei einer Talkshow-Teilnahme von einem anderen Talkshow-Gast „bestohlen“ wurde.

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4. Netflix: Wer nicht glotzt, fliegt raus
(wuv.de)
Normalerweise freuen sich Unternehmen darüber, wenn zahlende Kundinnen und Kunden die Dienste nicht in Anspruch nehmen (bei Fitnessstudios scheint dies gar zum Geschäftsprinzip zu gehören). Nicht so beim Video-Streaming-Dienst Netflix: Dort wolle man inaktiven Nutzerinnen und Nutzern (oder genauer: Nicht-Nutzerinnen und -Nutzern) das Konto künftig automatisch kündigen. Dies betreffe jene, die ihr Konto seit zwei Jahren nicht mehr genutzt haben oder die ein Jahr nach ihrer Anmeldung nicht in Erscheinung getreten sind. Die Zahl dieser Fälle sei höher als man erwartet: Die Rede ist von mehr als 900.000 Konten.

5. Böse Überraschungen
(taz.de, Lotta Laoire)
Die Kamera-Assistentin Lea R. ist nach eigenen Angaben ein Opfer von Polizeigewalt geworden. Ein Polizist habe ihr am 1. Mai in Berlin mit voller Absicht ins Gesicht geschlagen, während ihr Team eine Festnahme aufgenommen habe. Die medizinischen Folgen für die 22-Jährige seien gravierend. Derzeit sei unklar, ob ihre abgebrochenen Schneidezähne überhaupt repariert werden können. Die Ermittlung des Täters in den Polizeireihen gestalte sich, wie oft bei derartigen Fällen, als schwierig bis unmöglich. Laut einer Studie komme es nur in rund zwei Prozent der Fälle von Polizeigewalt zu Gerichtsverfahren.

6. Pixel-Nacktbilder und SMS-Chats: Der Teletext wird 40
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Man mag es kaum glauben, aber Teletext wird auch 40 Jahre nach seiner Erstausstrahlung immer noch fleißig aufgerufen. Die Rede ist von mehr als zehn Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzern. Matthias Schwarzer lässt die vergangenen 40 Jahre Revue passieren und versucht die Frage zu beantworten, warum der Dienst bei vielen Menschen immer noch so beliebt ist — jenseits des nostalgischen Retrocharmes.

Corona-Tote-Gedenken, Journalist als Störer, Bloße Kritik kein „Shitstorm“

1. Auferstanden aus der Anonymität
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
In den USA gibt es mittlerweile annähernd 100.000 Opfer der Corona-Pandemie. Die „New York Times“ veröffentlichte auf der Frontseite ihrer Wochenendausgabe die Namen von Hunderten von Toten, um sie aus der Anonymität herauszuholen. Eine puristisch gehaltene Namensübersicht ohne Fotos und Grafiken, jedoch ergänzt um teilweise berührende Anmerkungen.
Weitere Lesehinweise: Der Zeitstrahl samt Gedenken an die Corona-Toten als schier endloser Digitalfriedhof zum Scrollen: An Incalculable Loss (nytimes.com). Und der Hintergrundbericht: The Project Behind a Front Page Full of Names (nytimes.com).
In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenswert: Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten? (dirkvongehlen.de).

2. Kritik an rassistischer Werbung ist kein „Shitstorm“
(uebermedien.de, Said Rezek)
Volkswagen veröffentlichte jüngst einen Werbeclip, der wegen seiner rassistischen Begleitbotschaft heftige Kritik nach sich zog. Nach anfänglichem Herumlavieren und Abstreiten bat der Konzern um Entschuldigung und löschte das Video. Handelte es sich bei den Reaktionen in den Sozialen Medien um einen „Shitstorm“? Keineswegs, findet der Politikwissenschaftler und freie Journalist Said Rezek: „Wir haben es mit einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr zu tun, die gerade bei rassistischen und sexistischen Übergriffen weit verbreitet ist. Denn wer die vielen Twitter-, Facebook- und Instagram-Nutzer:innen in der Causa VW eines Shitstorms beschuldigt, macht sie kollektiv zum Täter und VW zum Opfer.“

3. „Wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht verloren“
(zeit.de, Eike Kühl)
„Zeit Online“ hat sich mit dem Autor, Journalisten und Aktivisten Cory Doctorow über Verschwörungserzählungen in Corona-Zeiten unterhalten. Wie entstehen derartige Mythen, wie werden sie befördert, und wie kann man ihnen begegnen? Doctorows hoffnungsvolle Sicht: „Ich finde, wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht per se verloren. Viele sind bloß im letzten Moment der Wahrheitssuche falsch abgebogen. Und leider können sie sich heutzutage nicht immer auf die Institutionen verlassen, die ihnen dabei helfen sollen, zwischen guter und schlechter Recherche zu unterscheiden.“
Weiterer Lesehinweis: Verschwörungstheorien in sozialen Medien: Die Pandemie der Unwahrheiten (taz.de, Carolina Schwarz).

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4. Alles lässt sich immer so oder so (oder sogar so!) sehen
(spiegel.de, Arno Frank)
Aron Frank hat sich die Meinungs-App „The Buzzard“ („Der tägliche Perspektivwechsel im Mediendschungel“) angeschaut: „The Buzzard setzt ganz auf die Kraft des Arguments und voraus, dass weltanschauliche Vorprägungen sich damit mühelos aushebeln lassen. Könnten wir nur lesen, was die jeweils ‚andere Seite‘ liest, würde gegenseitiges Verständnis sich schon von selbst einstellen. Der Wunsch ist fromm, zeugt aber auch von einer Selbstüberschätzung. Und einem entleerten Begriff von Journalismus.“

5. Datteln IV und der Journalist als Störer
(verdi.de, Helma Nehrlich)
Der freie Fotograf Björn Kietzmann habe eine Protestaktion gegen das Kraftwerk Datteln IV dokumentiert und dafür einen Strafbefehl von 900 Euro wegen Hausfriedensbruchs erhalten. Außerdem sei er vom Polizeipräsidium Recklinghausen mit einem Betretungs- und Aufenthaltsverbot für das Kraftwerksgelände belegt worden. Dagegen wolle er sich nun auf juristischem Wege wehren.

6. Der Begriff „Journalist“ ist nicht mehr zu gebrauchen
(dwdl.de, Hans Hoff)
Der Begriff „Journalist“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung und werde oft von Menschen für sich in Anspruch genommen, die nichts mit Journalismus am Hut haben. Es mangele an Trennschärfe, so Hans Hoff in seinem Rant bei „DWDL“: „Es gibt Mistschleudern wie ‚Der Westen‘, Dumpfportale wie ‚Express‘, Hetzblätter wie ‚Bild‘ und Lügenorgane wie ‚Die Aktuelle‘. Überall dort arbeiten Menschen, die sich als Journalisten bezeichnen. Sie zeichnen sich mehrheitlich dadurch aus, dass ihnen komplett egal ist, was sie transportieren, so lange sie mit ihrem Output genügend Deppen einfangen und am Ende die Zahlen stimmen. Sie optimieren ihre Produkte der Form nach und scheren sich einen Dreck um Inhalte.“

VWs Werbeclip, Symbolbild-Idylle, Intimitätskoordinatorin

1. VW entschuldigt sich für rassistischen Werbeclip: „Falsch und geschmacklos“
(rnd.de)
Volkswagen veröffentlichte auf seinem Instagram-Kanal einen rassistischen Werbeclip und reagierte auf die aufbrandende Kritik zunächst uneinsichtig und latent patzig („Wie ihr euch vorstellen könnt, sind wir überrascht und schockiert, dass unsere Instagram Story derart missverstanden werden kann“). Nach etwas Nachdenken wurde dem Unternehmen anscheinend die Dimension und Brisanz des Falls klar, und man schickte eine Entschuldigung hinterher, die sich ganz anders las: „Es [das Video] beleidigt alle Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung. Es beleidigt jeden anständigen Menschen. Wir schämen uns dafür und können es heute auch nicht erklären. Umso mehr werden wir dafür sorgen, dass wir diesen Vorgang aufklären.“

2. Behind the Scenes II – Talk mit dem Podcast-Team
(ndr.de, Korinna Hennig, Audio: 28 Minuten)
Zum zweiten Mal hat sich das Podcast-Team vom „Coronavirus-Update“ (NDR) zum Backstage-Talk getroffen. Wie bereitet sich die Moderatorin auf die Gespräche mit dem Chefvirologen der Berliner Charité Christian Drosten vor? Unter welchen technischen Umständen wird produziert? Warum lässt man Drosten zur Verbesserung der Soundqualität nicht einfach seine eigene Tonspur aufnehmen, wie in der Podcast-Szene oft gefordert? Und was gibt es zu den Abrufzahlen des erfolgreichen Podcast-Formats zu sagen?

3. „Mut und viel Durchhaltevermögen gehören dazu“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Der „Fachjournalist“ hat mit Lara Gonschorowski, Chefredakteurin der „Cosmopolitan“, über Modejournalismus gesprochen: Was empfiehlt Gonschorowski Einsteigerinnen und Einsteigern? Welche Qualifikationen sollte man mitbringen? Wie sieht der Alltag in einer Moderedaktion aus? Und wie bespielt man erfolgreich so unterschiedliche Kanäle wie Heft, Online, Podcast und Social Media?

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4. Filmlöwinnen – Alles außer Cat Content
(podplayer.net, Audio, 1:09:11 Stunden)
Beim „Filmlöwinnen“-Podcast ist die Schauspielerin und Intimitätskoordinatorin Julia Effertz zu Gast. In dem Gespräch geht es um „Sex vor der Kamera“ und die Frage, wie dabei verantwortungsvoll Grenzen gezogen und gewahrt werden können. Triggerwarnung: Ein Thema, das angesprochen wird, ist sexualisierte Gewalt. Das betrifft sexuelle Übergriffe am Set wie auch die filmische Darstellung von Vergewaltigung.

5. Offenbar nichts gelernt
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Matthias Dell fühlt sich beim medialen Umgang mit Teilen der Corona-Maßnahmen-Kritiker an die Zeit der „Pegida“-Proteste erinnert. Medien würden Gefahr laufen, in dieselbe Falle zu tappen: „Wieso können Medien nicht begreifen, dass nicht jeder, der sich auf Meinungsfreiheit beruft, auch an einem Austausch von Meinungen interessiert ist? Dass das Mit-dem-Grundgesetz-Rumfuchteln noch nicht bedeutet, an einer Diskussion von Standpunkten teilnehmen zu wollen? Sondern dass solche Gesten nur dazu dienen, sich in die öffentliche Debatte zu bomben, um dort kindisch die kritiklose Durchsetzung der eigenen Weltsicht zu fordern. Und zwar sofort.“
Weiterer Lesetipp: Hasnain Kazim fragt und antwortet in der „Zeit“: „Ist die Kritik an Corona-Maßnahmen falsch, nur weil Wirrköpfe und Neonazis auf den Demos mitlaufen? Nein. Aber wer sich von ihnen nicht abgrenzt, wird auch nicht gehört.“

6. Sind so brave Kinder
(sueddeutsche.de, Barbara Vorsamer)
Die dpa hat ein Foto veröffentlicht, das Redaktionen bereits hunderte Male als Symbolbild für das Thema Home-Office verwendeten. Es zeichnet ein geradezu idyllisches und friedvolles Bild: „Die Mutter des sechsjährigen Jakob und des vierjährigen Valentin arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.“ In ihrer Kolumne stellt Barbara Vorsamer die Symbolbild-Idylle infrage: „Echtes Familienleben passt nicht auf ein Symbolfoto, dafür bräuchte es eher ein Wimmelbild. In der Bildunterschrift würde dann stehen: ‚Links im Bild liegen Legosteine im Flur, in der Mitte stolpert jemand übers Ladekabel. Der kleine Junge in der Ecke (rechts) muss ganz dringend aufs Klo, aber Papa hat grad Telko und die Noise Canceller auf, deswegen hört er ihn nicht und muss nachher den See wegwischen.“

BND-Klatsche, Kritik rund um „Männerwelten“, Deutschrap

1. Grundrechte gelten für alle
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Markus Beckedahl kommentiert das gestrige Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum BND-Gesetz, das in weiten Teilen für rechtswidrig erklärt wurde: „Es ist gut, dass das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, dass unsere Geheimdienste einfach nicht alles machen dürfen, was sie wollen und was die Bundesregierung gerne hätte. Weil man eben auch auf unser Grundgesetz vereidigt wurde und dessen Werte selbstverständlich verteidigen sollte.“ Das Urteil sei vor allem der Verdienst der Gesellschaft für Freiheitsrechte und Reporter ohne Grenzen, die sich zur Klärung dieser Frage verbündet hätten.

2. Maskuliner Trotz
(philomag.de, Philipp Hübl)
In vielen Medien seien es vor allem Männer, die eine Lockerung des „Lockdowns“ fordern. Das sei kein Zufall, wie Philipp Hübl im „Philosophie Magazin“ meint. Mit dafür ursächlich sei der unterschiedlich ausgelegte Freiheitsbegriff: „Liberale und Wähler rechts der Mitte (deutlich mehr Männer) fassen Freiheit eher im negativen Sinn auf, als ‚Freiheit von Zwang‘: von einem zu großen Einfluss des Staates auf das Individuum und die Wirtschaft. Die Progressiven links der Mitte (deutlich mehr Frauen) sehen Freiheit eher positiv als ‚Autonomie‘: Sie wollen, dass der Staat eingreift, um die freie Entfaltung besonders der Schwachen zu schützen.“

3. Zeigt her eure Wunden
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Die Fernsehunterhalter Joko und Klaas haben für ihren Beitrag über Gewalt gegen Frauen („Männerwelten“) viel Applaus bekommen. Margarete Stokowski lenkt den Blick auf einige aus ihrer Sicht zu kurz gekommene Aspekte und spricht dabei auch das Verhalten von Joko und Klaas in der Vergangenheit an. Diese hatten „zum Spaß“ eine Frau sexuell belästigt und waren in überaus hässlicher Weise über sie hergezogen: „Natürlich muss man nicht jeder öffentlichen Person jeden Fehler jahrelang hinterhertragen, aber wenn jemand gerade dabei ist, Ruhm und Dankbarkeit einzusammeln, wenn er mit einer Sendung genau das kritisiert, was er vor Kurzem noch selbst getan hat, dann kann man schon mal dran erinnern, dass es ein perfekter Moment gewesen wäre, zu sagen: Guckt mal, ich war auch mal so, und heute weiß ich es besser. (Wenn es denn so ist).“
Weiterer Gucktipp: Auf dem Instagram-Kanal der „taz“ liest Friedrich Küppersbusch sowohl dem Sender ProSieben als auch den beiden TV-Entertainern Joko und Klaas die Leviten. Statt Selbstkritik, auch wegen der eigenen Senderformate, gab es laut Küppersbusch „politisch korrektes Schwanzträger-Bashing mit festem Blick auf Gratis-Applaus und einer tüchtigen Tünche moralischer Erhabenheit für ProSieben“ (Video, 1:50 Minuten).

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4. Warum der Deutschrap so verstrahlt ist
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
Sebastian Leber kritisiert die Sorte von Deutschrappern, die ihre jungen Fans mit toxischen Verschwörungsmythen indoktriniert: „Statt sich etwa um soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierungen aller Art, um Klimakatastrophe, Nord-Süd-Gefälle, ertrinkende Flüchtlinge, Korruption, sexuellen Missbrauch, Altersarmut, reflektierte Kapitalismuskritik, die Ausbeutung prekär Beschäftigter, organisierte Kriminalität, Polizeigewalt, Waffenexporte oder wenigstens um die miese Netzabdeckung zu kümmern, begnügen sich die Deutschrapper mit Hokuspokus. Weil sie dies so laut und reißerisch tun, überdecken sie auch jene seltenen Stimmen, die sich um echte Gesellschaftskritik bemühen. Sie wirken wie die Schafe in Orwells ‚Farm der Tiere‘, die mit penetrantem Geblöke jede nötige Kritik an den Herrschenden verhindern.“

5. „Seid ihr noch unabhängig?“
(taz.de, Gaby Sohl)
Die „taz“ hat nach eigenen Angaben viel Kritik für ihre Berichterstattung während der Corona-Krise bekommen (einige der kritischen Stimmen sind im Beitrag angeführt). Etliche Leserinnen und Leser, Genossinnen und Genossen hätten sogar ihr Abo oder ihren Genossenschaftsanteil gekündigt. Als Reaktion habe man einen „taz“-Schwerpunkt ins Leben gerufen.

6. Das Telegram-Prinzip
(sueddeutsche.de, Jannis Brühl)
Beim Messengerdienst Telegram können, ähnlich wie bei WhatsApp, Gruppen eingerichtet werden. Während jedoch die Gruppengröße bei WhatsApp ein Limit von 256 Mitgliedern hat, können Telegram-Gruppen bis zu 200.000 Mitglieder umfassen. Das macht den Dienst anfällig für Corona-Verschwörungsgläubige, die dort ihre grenzwertigen Botschaften ungefiltert und unkommentiert verbreiten können. Einige prominente Beispiele: der Sänger Xavier Naidoo, der Koch Attila Hildmann und die ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman.

Fragwürdiger „Bild“-„Faktencheck“ zu Karl Lauterbachs Aussagen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben es nicht leicht in diesen Tagen. Laien behaupten, es besser zu wissen, oder kokettieren sogar damit, keine Ahnung zu haben, und lassen sich als Querköpfe feiern. Und dann schaltet sich, wenn’s ganz schlecht läuft, auch noch die „Bild“-Redaktion ein.

So erging es auch Karl Lauterbach, SPD-Politiker, Arzt und studierter Epidemiologe, nachdem er mal wieder in der Sendung von Markus Lanz zu Gast war:

Screenshot Bild.de - Faktencheck - Karl Lauterbach und seine fragwürdigen Aussagen

Der „Faktencheck“ der beiden „Bild“-Redakteure Timo Lokoschat und Filipp Piatov ist bereits rund zwei Wochen alt. Aber ein genauerer Blick lohnt sich noch immer, denn der Beitrag zeigt, mit welch unsauberen Methoden die „Bild“-Medien arbeiten, wenn sie eine Person, in diesem Fall Karl Lauterbach, abschießen wollen: Sie zitieren falsch, sie reißen Studien aus dem Zusammenhang, sie überbetonen bestimmte Aspekte, lassen andere komplett weg.

Ein Check zum „Faktencheck“.

1. „Lockdown“

„Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam“, behauptete Lauterbach im Talk bei Markus Lanz am Dienstag. Die Forscher der ETH Zürich widersprechen: In einer viel beachteten Studie schreiben sie, dass Ausgangssperren zu den „am wenigsten effektiven Maßnahmen“ gehören. Auch den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge sanken die Infektionszahlen bereits VOR dem Lockdown.

… schreibt „Bild“. Bereits in einem früheren Artikel (der auch aus anderen Gründen Unfug war) hat sich die Redaktion auf die Schweizer Studie berufen und sie, wie auch hier, falsch angewendet. In der Untersuchung der ETH Zürich (PDF) haben die Forscherinnen und Forscher genau definiert, was sie mit „Lockdown“ meinen — nämlich nicht das, was in den meisten deutschen Bundesländern bis vor Kurzem galt. Die Definition der ETH:

Lockdown: Prohibition of movement without valid reason (e.g., restricting mobility except to/from work, local supermarkets, and pharmacies)

Nach dieser Definition gab es in Deutschland keinen flächendeckenden „Lockdown“. Klar, Karl Lauterbach nutzte den eigentlich unpassenden Begriff selbst, Lokoschat und Piatov griffen ihn letztlich nur auf. Aber die zwei „Bild“-Redakteure sind es, die ihn in den falschen Zusammenhang mit der Schweizer Studie bringen. Das, was dort unter „Lockdown“ verstanden wird, die strikte Mobilitätseinschränkung, traf nur auf eine Handvoll Bundesländer zu, und das nicht mal die ganze Zeit. Die Maßnahmen, die hingegen tatsächlich bundesweit galten, unter anderem das Versammlungsverbot, Grenzschließungen, die Schließung von Kinos, Theatern und Konzertsälen sowie die Schließung von nicht systemrelevanten Betrieben, zählt die Studie zu den „effektivsten Maßnahmen“. Diese Maßnahmen dürfte Lauterbach auch mit „Lockdown“ gemeint haben.

Die Behauptung von Lokoschat und Piatov, die Infektionszahlen seien laut RKI schon vor dem „Lockdown“ gesunken, ist rein statistisch durchaus zutreffend. Aber erstens ist das kein Beweis dafür, dass die Maßnahmen nichts gebracht hätten. Und zweitens verkennen die „Bild“-Autoren einen wichtigen Punkt: Mit „Lockdown“ müssten sie die am 22. März beschlossenen bundesweiten Kontaktbeschränkungen meinen, die am 23. März in Kraft traten. In den Zahlen des RKI erkennt man tatsächlich nach einem Höhepunkt am 16. März einen Rückgang der Erkrankungsfälle (allerdings nur einen leichten auf hohem Niveau), also eine Woche vor der Einführung der Kontaktbeschränkungen. Bloß: Auch schon vor dem 23. März gab es Maßnahmen, die später zum „Lockdown“ gezählt wurden — etwa die Absage von Großveranstaltungen (9. März) oder das Schließen der meisten Schulen und Kitas (16. März). Auch die Mobilität der Menschen verringerte sich bereits vor den Kontaktbeschränkungen erheblich. All das hatte schon vor dem 23. März eine Wirkung, wie Ranga Yogeshwar in einem Video anschaulich erklärt.

2. Italienische Zustände

„80% unseres Erfolgs waren die Horrorbilder aus Italien!“, lobt Lauterbach die Vollalarm-Stimmung, die Deutschland im März in den Stillstand versetzte. Damit ist er nicht allein: Auch RKI-Chef Lothar Wieler (59) mahnte mehrmals, dass Deutschland „einfach nur 1–2 Wochen vor Italien“ sei. Doch von italienischen Zuständen war in Deutschland glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt etwas zu sehen.

… schreibt „Bild“. Erstmal: Lokoschat und Piatov zitieren hier unsauber. Lauterbach sprach nicht von „Horrorbildern“, sondern von „bestürzenden Bildern“. Und er lobte damit auch nicht die „Vollalarm-Stimmung“ in Deutschland, sondern versuchte, mit diesem Beispiel zu erklären, warum es aus seiner Sicht hier nicht so schlimm gekommen ist wie in anderen Ländern:

Wir haben diese Hotspots in Deutschland nicht gesehen. Haben wir ja nicht gesehen. Wir hatten Gangelt. Und wir hatten also Webasto in München. Aber wir haben zum Beispiel diese Hotspots in den Restaurants (…) nicht gesehen, haben bei uns keine Rolle gespielt. (…) Und zwar deshalb, weil wir zu dem Zeitpunkt, wo wir noch nicht viele Infektionen hatten, die Bilder aus Italien hatten. 80 Prozent unseres Erfolgs sind die Bilder, die bestürzenden Bilder aus Italien gewesen. Und dann haben wir sozusagen schon alles dicht gemacht, bevor viele infiziert waren.

Karl Lauterbach nennt als Grund dafür, dass die Situation in Deutschland nicht so dramatisch wurde wie in anderen Ländern, etwa in Italien, dass „wir“ als Warnung „die Bilder aus Italien hatten.“ Lokoschat und Piatov machen daraus: Was redet der Lauterbach denn von „Horrorbildern aus Italien“? Das war hier doch alles gar nicht so schlimm wie in Italien! Eigentlich stützen sie damit unfreiwillig Karl Lauterbachs These — sie liefern ein Beispiel für das Präventionsparadoxon: Greifen Maßnahmen und bleiben dadurch schlimme Folgen aus, entwickelt sich schnell eine Stimmung: Waren diese Maßnahmen, dieser „Vollalarm“, dieser „Stillstand“ jetzt wirklich nötig? War doch alles gar nicht so schlimm!

Bildblog unterstuetzen

Lauterbach beschreibt etwas später in der Lanz-Sendung genau das, was „Bild“ mit seinem Zitat anstellt (inklusive dem oben bereits zitierten „Lockdown“-Zitat):

Das höre ich oft und das sage ich jetzt, weil Sie es gesagt haben, das höre ich aber auch bei anderen oft: „Das, was ihr gesagt habt, ist doch alles nicht eingetreten.“ Die Epidemiologen, die Wissenschaftler werden da so ein bisschen diffamiert, so nach dem Motto: „Ihr hattet Unrecht, es ist doch gar nicht so dick gekommen.“ (…) Wir haben nie gesagt, dass die Katastrophe kommt, wenn wir den Lockdown machen. Wir haben gesagt, die Katastrophe kommt nicht, wenn wir den Lockdown machen. Genau das ist passiert. Wir haben sozusagen das erreicht, was wir wollten. Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam. (…)

Daher darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Wissenschaftler etwas hier in Deutschland vorhergesagt hätten, was dann nicht gekommen ist. Es diffamiert die Arbeit, die wir gemacht haben. Das ist der Erfolg unserer Arbeit, dass das nicht gekommen ist. Es gibt diesen Spruch: Die Epidemiologie hat keine Helden. Weil ich den vermiedenen Tod nachher gratis nehme und nicht sehe, was sonst passiert wäre.

3. Schweden

„Völlig verantwortungslos“, urteilt Lauterbach über Schweden und wähnt sich damit in der Gesellschaft „aller Epidemiologen“. Hintergrund: Das Königreich verzichtete auf Ausgangsbeschränkungen, setzte auf Vernunft und Freiwilligkeit seiner Bürger. Ein Krankenhaus-Kollaps blieb in Schweden aus. Über die Bewertung der schwedischen Zahlen sind sich keineswegs „alle Epidemiologen“ einig. Weltweit und mit unterschiedlichen Ergebnissen wird der Sonderweg des Landes auch von der Fachwelt debattiert.

… schreibt „Bild“. Und lässt hier mehrere Aspekte weg. Allen voran die hohen Todeszahlen in Schweden. So berichtete der „Tagesspiegel“ am selben Tag, an dem auch der „Bild“-Artikel erschien:

Das Land [Schweden] verzeichnet pro eine Million Einwohner mit fast 289 Todesfällen deutlich mehr als beispielsweise die Nachbarländer Norwegen, Dänemark oder Finnland. Auch im Vergleich mit Deutschland (87,7) liegt die Sterberate mehr als dreimal so hoch.

Inzwischen liegt dieser Wert für Schweden bei über 360 Toten pro eine Million Einwohner (in Belgien, Spanien, Italien, Großbritannien und Frankreich ist er noch höher – für Deutschland liegt er aktuell bei ungefähr 96). Würde man den schwedischen Wert auf Deutschlands Einwohnerzahl übertragen, hätten wir hier nicht, wie aktuell, etwa 8000 Tote, sondern fast 30.000.

Dass in Schweden die Zahl der Verstorbenen pro eine Million Einwohner um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland, argumentiert auch Karl Lauterbach bei Markus Lanz, wenn er von „völlig verantwortungslos“ spricht. Timo Lokoschat und Filipp Piatov lassen das aber einfach unter den Tisch fallen.

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Auch das Scheitern des schwedischen Vorhabens, die Alten zu schützen, bleibt bei „Bild“ unerwähnt: In Schweden starben besonders viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ vergangene Woche konstatierte.

Die Schweden-Affinität der „Bild“-Redaktion in der Corona-Krise ist auch drüben bei „Übermedien“ Thema.

4. Aerosole

Teil von Lauterbachs bedrohlichen Szenarien in der Lanz-Sendung sind „Aerosole“ — Corona-Wölkchen, die bis zu sieben Stunden in der Luft schweben und Infektionen auslösen würden, wie der SPD-Politiker erläutert. Das steht zumindest im Widerspruch zu dem, was das Robert-Koch-Institut schreibt: Eine Übertragung über Aerosole sei im normalen gesellschaftlichen Umgang „nicht wahrscheinlich“, urteilen die RKI-Experten Ende April mit Verweis auf bisherige wissenschaftliche Untersuchungen.

… schreibt „Bild“. So sicher, wie Lokoschat und Piatov hier tun, war sich das Robert-Koch-Institut zu dem Zeitpunkt aber gar nicht:

Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich erscheint, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass eine Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang nicht wahrscheinlich ist.

„Eine abschließende Bewertung“ erscheine „zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich“. So eine Nuancierung ins Ungewisse mag unerheblich wirken, gerade in diesem Fall stellt sie sich im Nachhinein aber als relevant heraus. Denn das RKI änderte seine Einschätzung inzwischen gewissermaßen ins Gegenteil, auch wenn „eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt“ immer noch „schwierig“ sei. Mittlerweile heißt es:

Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig ist, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass SARS-CoV-2-Viren über Aerosole auch im gesellschaftlichen Umgang in besonderen Situationen (s. o.) übertragen werden können.

Diese Neubewertung veröffentlichte das RKI am 7. Mai. Also genau an dem Tag, an dem der „Bild“-Artikel über Karl Lauterbach erschien (bei Bild.de wurde er am Abend vorher veröffentlicht). Lokoschat und Piatov konnten beim Schreiben ihres Textes davon freilich nichts wissen. Aber schon da war das RKI beim Thema Aerosole nur eine unter mehreren Quellen: Der Virologe Christian Drosten nahm in seinem Podcast bei NDR Info bereits am 6. April Bezug auf eine Studie, auf die sich unter anderem auch die erste Einschätzung des RKI stützte. Drosten war hier eher unschlüssig (PDF):

Genau. Wir wissen nicht, wie das speziell bei diesem Virus ist. Also es gibt eine Studie zum Beispiel im „New England Journal“, die ist vor ungefähr drei Wochen schon erschienen. Die sagt, im Aerosol ist dieses SARS-2-Virus ungefähr drei Stunden lang noch infektiös. Dazu muss man aber dann auch sagen, dass die Autoren, die das publiziert haben, ein künstliches Virusaerosol mit einer ganz hohen infektiösen Viruskonzentration hergestellt haben. Da kann sich niemand sicher sein, ob das wirklich dem entspricht, was ein infizierter Patient wirklich von sich gibt.

Karl Lauterbach erwähnt bei Markus Lanz eine weitere Studie, nach der in einem Restaurant im chinesischen Guangzhou eine Person Menschen angesteckt habe, die gar nicht mit ihr an einem Tisch saßen. Das sei durch die Luftverteilung durch eine Klimaanlage begünstigt worden. Beide Studien werden in dem „Bild“-Artikel nicht erwähnt. Auch ein Beitrag der „Washington Post“ von Ende April thematisierte die unsichere Faktenlage in Bezug auf Aerosole. Es ist also nicht so, als hätten Timo Lokoschat und Filipp Piatov beim Schreiben ihres Artikels nicht genügend Informationen für eine differenziertere Darstellung der Sachlage zur Verfügung gehabt.

Virologe Drosten ist in seiner Einschätzung zur Bedeutung von Aerosolen im Übrigen mittlerweile deutlicher, auch weil es einen neuen Report der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften zum Thema gibt. In der Podcast-Folge vom 12. Mai sagte er, dass er die Ansicht Lauterbachs, was die Aerosol-Infektionen angeht, teile (PDF):

Und die Infektiosität kann tatsächlich für mehrere Stunden bleiben. Da hat also Herr Lauterbach vollkommen Recht.

Auch das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt — neue Studien können neue Erkenntnisse bringen.

5. Restaurants

Für Lauterbach ist in der Sendung von Markus Lanz klar: Restaurants wären „Brandbeschleuniger der Pandemie“, würden die Ausbreitung des Corona-Virus stark vorantreiben. Zweifel an den eigenen Aussagen? Keine.

Dabei hatte Hendrik Streeck (42), Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, vor vier Wochen bei Lanz erklärt: „Wir sehen, wie die Infektionen stattgefunden haben. Das war nicht im Supermarkt oder im Restaurant oder beim Fleischer. Das war auf den Partys beim Aprés (sic) Ski in Ischgl, im Berliner Club ‚Trompete‘, beim Karneval in Gangelt und bei den ausgelassenen Fußballspielen in Bergamo.“

… schreibt „Bild“. Während Timo Lokoschaft und Filipp Piatov es so wirken lassen, als wäre Lauterbach generell gegen die Öffnung von Restaurants (was auch wunderbar zu ihrem Einleitungssatz passt: „Wenn es nach Karl Lauterbach (57, SPD) geht, haben alle Fragen eine einzige Antwort: Lockdown.“), sagt dieser in der Sendung von Markus Lanz, dass er es bei Beachtung von Hygieneregeln „schon für denkbar“ halte, „dass die Gastronomie wieder öffnen kann.“ Das verschweigen die „Bild“-Autoren allerdings.

Genauso wie sie in ihrem Artikel übrigens kein einziges Mal erwähnen, dass Karl Lauterbach Epidemiologe ist, dazu noch einer, der in Harvard studiert hat. Dieses Detail würde aber auch nicht so gut in ihre irreführende, als „Faktencheck“ gelabelte Meinungsmache passen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Internetüberwacher BND, Corona-Daten, „Zensurheberrecht“

1. So überwacht der BND das Internet
(spiegel.de, Max Hoppenstedt & Wolf Wiedmann-Schmidt)
Heute urteilt das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der Internetüberwachung durch den Bundesnachrichtendienst (BND). Was bedeutet die Internetüberwachung durch eine der mächtigsten deutschen Behörden für unseren Alltag? Kann der BND auch verschlüsselte Kommunikation knacken? Und welche privaten Daten sind für den BND tabu? Max Hoppenstedt und Wolf Wiedmann-Schmidt geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

2. Medien fordern bessere Corona-Daten vom RKI
(ndr.de, Daniel Bouhs)
45 Datenjournalisten und Datenjournalistinnen fordern vom Robert-Koch-Institut (RKI) die Herausgabe der detaillierten Corona-Daten. In ihrem „#OpenCoronaData-Appell“ wenden sie sich an RKI-Präsidenten Lothar Wieler: „Bitte tragen Sie auch Sorge dafür, dass Ihre Behörde (und insbesondere Ihre Pressestelle) personell, technisch und inhaltlich in die Lage versetzt wird, diesem datenbezogenen Informationsinteresse der Medien Rechnung tragen zu können.“

3. Redaktionsstart unter genauer Beobachtung
(deutschlandfunk.de, Vera Linß, Audio: 5:55 Minuten)
Nun schwimmt es also tatsächlich auf der Spree im Berlinger Regierungsbezirk: Gabor Steingarts Redaktionsschiff „Pioneer One“. Rund 15 Journalistinnen und Journalisten sollen sich dort um Newsletter, Podcasts und Events kümmern — bezahlt von Abonnenten und Abonnentinnen. Der Deutschlandfunk stellt das Projekt vor und lässt dabei auch Wiebke Loosen zu Wort kommen, die als Professorin an der Universität Hamburg zu Pionierjournalismus forscht.
Weiterer Lesetipp: Der Erklärungsversuch von Stefan Niggemeier auf „Übermedien“: „Ich male mir das so aus, dass Gabor Steingart irgendwann zu Springer-Chef Mathias Döpfner gegangen ist und ihn überzeugt hat, Millionen in das neue Unternehmen zu stecken statt in sowas wie, sagen wir, die ‚Welt‘, indem er es nicht als Schnäppchen, sondern absurd teure Sache verkauft hat. Je mehr es kostete, je absurder es wurde (und dann lassen wir ein eigenes Schiff bauen und fahren damit auf der Spree zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof hin und her!), desto attraktiver schien die Investition.“

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4. Oberstes Gericht setzt Grenzen für „Message Control“ durch Zensurheberrecht
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Die österreichische Regierung bemüht sich um die totale Kontrolle ihrer Außenwirkung. Das führte unter anderem dazu, dass ein unpassend erscheinendes Hintergrundbild noch zwei Jahre später durch eine Heimatlandschaft mit Kühen ersetzt wurde. Als Online-Medien darüber berichten wollten, verfiel man auf einen Trick: die Berichterstattung verletze angeblich das Urheberrecht des Fotografen. Dem habe nun letztinstanzlich der Oberste Gerichtshof widersprochen: Die Nutzung als Bildzitat sei zulässig gewesen. Leonhard Dobuschs Fazit: „Meinungsfreiheit schlägt hier also klar ein Urheberrecht, das für die Zwecke der Message Control instrumentalisiert werden sollte.“

5. Das sind die Podcast-Tipps im Mai
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand & Nicolas Freund & Carolin Gasteiger & Stefan Fischer & Theresa Rauffmann)
Die „Süddeutsche Zeitung“ stellt einige empfehlenswerte Podcasts vor und zeigt, dass es jenseits unterhaltsamer Laber-Formate auch anspruchsvolle und aufwändige Produktionen gibt. Diesen Monat mit dabei: ein fünfteiliges Feature zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der unter zweifelhaften Umständen in der Gefängniszelle einer Polizeiwache in Dessau starb, ein amerikanisches Format über die Auswirkungen von Corona im Mississippi-Delta, eine Produktion zur Zukunft der Arbeit, ein Krimi sowie eine Chronologie der Pannen beim Bau des Berliner Flughafens.

6. Amazon steigt kurzfristig in Bundesliga ein – mit Pannen
(faz.net)
Amazon versuchte sich an einer Übertragung eines Bundesliga-Spiels, kämpfte jedoch mit technischen Problemen. Der Einstieg von Amazon in das Fußball-TV-Geschäft ist auch angesichts der Differenzen der bisherigen Rechteinhaber bemerkenswert. Dazu auch der weitere Lesehinweis: Bundesliga kurios: Eurosport produziert für Amazon (dwdl.de, Alexander Krei).

„Hygiene-Demos“, Steingarts Pathos, Sch­lech­ter­dings Juris­ten­deutsch

1. „Das erinnert mich an die Anfänge von Pegida“
(deutschlandfunkkultur.de, Katja Bigalke & Martin Böttcher, Audio: 17:11 Minuten)
Derzeit wird an vielen Orten gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Die Teilnehmenden sind äußerst heterogen und schwer einzuordnen, die sogenannten „Hygiene-Demos“ ein Magnet für Rechtsextreme, Linksextreme, Verschwörungserzähler und Esoteriker. Die Berichterstattung darüber sei ebenso „verständlich wie problematisch“, so Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung. Es fehle an kritischer Einordnung. Außerdem müsse man nicht „jedem Zweiten das Mikro unter die Nase“ halten.

2. 25 Jahre WELT im Internet. Eine Zeitreise
(welt.de, Oliver Michalsky)
Vor 25 Jahren wagte die „Welt“ den Sprung ins Internet und setzte ihre erste Webseite auf. Digital-Chef Oliver Michalsky lässt das vergangene Vierteljahrhundert Revue passieren. Alleine die nostalgisch anmutenden Screenshots von damals lohnen einen Blick auf den Beitrag.

3. Chebli wehrt sich erfolgreich gegen kommerzielle Nutzung ihres Namens
(tagesspiegel.de)
Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) sieht sich auf Twitter immer wieder Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt. Ganz übel mitgespielt hatte ihr ein Ex-Polizist und Youtuber aus dem rechten Spektrum, der von einem Gericht jedoch freigesprochen worden war. Eben diese Person hat nun Gegenstände mit Cheblis Konterfei verkauft. Dagegen wehrte sich Chebli erfolgreich via Unterlassungserklärung.

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4. Herr Steingart, das Pathos ist schon wieder leer!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
„Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, wenn man es gesehen hat.“ Die Rede ist von Gabor Steingarts neuem Imagefilmchen zum Launch von „The Pioneer“, einer Mischung aus verschiedenen Polit-Newslettern und Podcasts. Stefan Niggemeier mit einem Erklärungsversuch des Medien-Phänomens Steingart: „Ich male mir das so aus, dass Gabor Steingart irgendwann zu Springer-Chef Mathias Döpfner gegangen ist und ihn überzeugt hat, Millionen in das neue Unternehmen zu stecken statt in sowas wie, sagen wir, die ‚Welt‘, indem er es nicht als Schnäppchen, sondern absurd teure Sache verkauft hat. Je mehr es kostete, je absurder es wurde (und dann lassen wir ein eigenes Schiff bauen und fahren damit auf der Spree zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof hin und her!), desto attraktiver schien die Investition.“

5. Das Bild des Politclowns bleibt
(taz.de, Ralf Leonhard)
Als vor einem Jahr das sogenannte „Ibiza-Video“ auftauchte, gingen viele davon aus, dass es mit der politischen Karriere von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache endgültig vorbei ist. Doch weit gefehlt: Der Politiker schart schon wieder Anhänger und Anhängerinnen um sich und bastelt an einer zweiten Karriere. Sein größter Verbündeter: die österreichische Boulevardpresse.

6. Sch­lech­ter­dings Juris­ten­deutsch
(lto.de, Hendrik Wieduwilt)
Die sperrige Formulierung „Schlechterdings nicht nachvollziehbar“ ist für Hendrik Wieduwilt willkommener Anlass, über das aufgeblähte Juristendeutsch nachzudenken. Sein (etwas ironisches) Fazit: „Wer beim Schreiben wirklich an die Leser und die Rechtsunterworfenen denkt, greift nicht zu Passiv-Konstruktionen, doppelten Verneinungen und Ausdrücken aus dem vorigen Jahrhundert. Wer es aber dennoch tut, denkt womöglich nicht so sehr an den Leser, sondern schlechterdings einfach an sich selbst.“

Zum Würfeln: Promi-Schönheits-OPs in Boulevardmedien

Zeitknappheit, Personalmangel, begrenzte Ressourcen …

Wir kennen die Probleme der Redaktionen nur allzu gut und haben dafür die Lösung: Mit unserem Würfelspiel „Kurz vor Redaktionsschluss“ lassen sich, jawoll, auch kurz vor Redaktionsschluss auf die Schnelle druckreife Teaser, kurze Artikel und erfundene Klatschgeschichten erstellen.

Folge 10 unserer 16-teiligen Serie: Promi-Schönheits-OPs in Boulevardmedien.

Das neue BILDblog-Würfelspiel Kurz vor Redaktionsschluss - nur viermal würfeln, schon haben einen sinnfreuen Klatschartikel beisammen - Schritt 1: Würfeln Sie die Obendrüber-Zeile - Schritt 2: Würfeln Sie die Headline - Schritt 3: Würfeln Sie die Beauty-Panne - Schritt 4: Würfeln Sie die Verschwörung - Variante 1: Foto-Schock: Absicht oder OP-Unfall? Ihre Mutter wollte es nicht glaube. Schlauchboot-Lippen und Pandabärenaugen! Wollte sich der Make-up-Artist rechen? Variante 2: Beauty-Traum für immer geplatzt! Ist sie diesmal zu weit gegangen? Streifenhörnchen-Look und Botox-Desaster! Stand der Chirurg unter Drogen? Variante 3: Stars im Schnippelwahn! Er kann sich nicht mehr bücken! Hyaluron-Fail und Selbstbräuner-Panne! Alles für bessere Rollenangebote? Variante 4: Horror-Auftritt auf dem Roten Teppich! Sie traute sich nicht aus der Limousine. Wangen-Implantate und Silikon-Brüste! Steckt die Sekte dahinter? Variante 5: Beauty-OPs: Fluch oder Segen? Er ist für immer entstellt! Injektions-Pfusch und Nasen-Desaster! Zog der Manager die Fäden? Variante 6: Geheime Schönheits-OP im Urlaub! Schlimmer als ein Auto-Unfall! Katzenaugen und Gesichtsstraffung! Alles wegen Schermzensgeld?

Hier gibt es ein größeres JPG und hier ein PDF zum Ausdrucken.

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BILDblog-Klassiker

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Zwei, wie füreinander geschaffen

Der „Stern“ schreibt in seiner aktuellen Ausgabe über die „gefährliche Nähe“ zwischen Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer und Gerhard Schröder. Laut dem Artikel soll Maschmeyer dem Altkanzler zwei Millionen Euro für die Rechte an dessen Autobiographie gezahlt haben — doppelt so viel wie bisher bekannt.

„Privates wurde mit Geschäftlichem vermischt“, finden einige Journalisten; die „Stern“-Enthüllung geht seit gestern durch alle Medien. Oder durch fast alle. Denn „Bild“ hat bislang kein einziges Wort darüber berichtet, weder in der Print-Ausgabe noch online.

Woran das wohl liegt? Ist der „stern“ vielleicht nicht glaubwürdig genug für ein Sorgfaltsmedium wie „Bild“? Oder hat es womöglich etwas damit zu tun, dass Béla Anda, Politikchef von „Bild“, sowohl Schröders Regierungssprecher als auch später Maschmeyers Kommunikationschef war? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Auch Carsten Maschmeyer und die „Bild“-Zeitung stehen sich gefährlich nahe.

Seit Jahren sind die beiden dicke Kumpels, was praktisch ist für den Finanzmann, denn wenn mal wieder irgendwelche Vorwürfe gegen ihn laut werden, kann er sich gleich via „Bild“ vor Millionen Lesern verteidigen. Als sich etwa 2011 eine NDR-Doku kritisch mit Maschmeyer und der AWD beschäftigte, bot das Blatt ihm schon einen Tag nach der Sendung die Möglichkeit, den Vorwürfen in einem Pseudo-Verhör ausführlich zu widersprechen (BILDblog berichtete). Als „Bild“ knapp ein Jahr später berichtete, dass Maschmeyer die Anzeigen für das Wulff-Buch bezahlt hatte, durfte er auch gleich seine Version der Geschichte loswerden. Als er 2013 von Günther Jauch in dessen Talkshow „attackiert“ wurde, durfte er kurz darauf bei Bild.de zurückschlagen.

Die „Bild“-Zeitung gibt „Maschi“, wie sie ihn liebevoll nennt, eine Plattform, wenn er eine braucht, sie hofiert ihn über die roten Teppiche, feiert ihn als vielleicht etwas umstrittenen, aber eigentlich doch herzensguten Wohltäter, und als er Veronica Ferres heiratete („Zwei, wie füreinander geschaffen“), wünschte die „Bild am Sonntag“ natürlich „von Herzen: Alles Glück dieser Welt!“

Aber auch für „Bild“ hat die Freundschaft zu Maschmeyer so ihre Vorteile. Als Maschmeyer 2012 sein Buch veröffentlichte, war es die „Bild“-Zeitung, die vorab exklusive Auszüge daraus drucken durfte. „Bild“ erfuhr auch vor allen anderen Medien von den Morddrohungen gegen Maschmeyer, und freilich lassen er und Frau Ferres sich auch regelmäßig auf den „Bild“-Events blicken, worüber die Zeitung dann wieder ganz entzückt berichten kann.

Das hat schon fast was Symbiotisches: Maschmeyer profitiert von der Reichweite und Meinungsmacht der „Bild“-Zeitung, sie von seiner Berühmt- und Berüchtigtheit. Und von seinem Geld.

2008 spendete Maschmeyer eine Million Euro aus seinem Privatvermögen an die „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“. Bei der Gala 2010 gab er 1,4 Million Euro, außerdem sponsorte die AWD im selben Jahr Bandenwerbung für „Ein Herz für Kinder“ im Wert von 500.000 Euro. Im vergangenen Jahr zahlte Maschmeyer erneut eine Million aus eigener Tasche an die „Bild“-Organisation. In gut drei Wochen findet die nächste Spendengala statt.

Kein Wunder, dass die „Bild“-Leute ihren Maschi lieber in Ruhe lassen.

Mit Dank an Sabine.

1. Nachtrag, 14. November: Tja, was sollen wir sagen? Heute berichtet „Bild“ plötzlich doch über die Geschichte — und zwar so:

2. Nachtrag, 14. November: Béla Anda hat unseren Eintrag gelesen. Und nicht verstanden. In seinem „Bild“-Politik-Newsletter schreibt er (mit „Osnablogger“ ist übrigens Stefan Niggemeier gemeint):

Muslime, Umfragewesen, Wiedergeburt

1. Total normal
(krautreporter.de, Irena Amina Rayan)
In den Medien seien Muslime Terroristen oder Verbrecher. Dabei wären sie in Wirklichkeit genauso durchschnittlich wie der Rest der deutschen Gesellschaft, stellt Irena Amina Rayan in ihrem Essay fest. Wer nach Ursachen für Integrations-Probleme suche, finde andere, komplexere Erklärungen.

2. Hier die «Bürger», dort die «Populisten»“
(medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Dem Autor ist eine Diskrepanz in der Schweizer Politberichterstattung aufgefallen. Ausländische Rechtsparteien würden bevorzugt mit harten und härtesten Adjektiven tituliert, von „fremdenfeindlich“ bis „national-sozialistisch“. Die heimische SVP gelte indes seit Jahr und Tag als „bürgerlich“. Der Artikel geht der Frage nach, wie es dazu gekommen ist und warum man über treffendere Begriffe nachdenken sollte.

3. Über den Hass
(ploechinger.tumblr.com)
Der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ Stefan Plöchinger über die uns umgebende Gesinnungs-Filterblase, Hass im Netz und die Schwierigkeit, damit umzugehen. Die Antwort darauf sei trivial, die Umsetzung jedoch weniger trivial: „Unser digitales Hochtempo-Reizthesen-Emotionsoptimierungs-Reichweitensystem bedingt, dass wir uns die ehernen Grundsätze unseres Berufs neu vergewärtigen.“ Etwas längerer Text mit klugen Gedanken, aus dem Blattmacher und Mensch sprechen.

4. Journalisten gegen „Lügenmedien“
(taz.de, Reinhard Wolff & Anne Fromm)
In Finnland haben sich 22 ChefredakteurInnen in einer gemeinsamen Erklärung gegen Hetze im Netz ausgesprochen. Man wolle sich als Teil der seriösen Medien offensiver mit Falschmeldungen und Hetzkampagnen im Internet auseinandersetzen. Für Deutschland können sich die „taz“-Autoren einen solchen Zusammenschluss nicht vorstellen: „Schließlich haben sie das in der Vergangenheit nicht einmal getan, wenn es um ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen ging: weder bei der Diskussion über das Leistungsschutzrecht noch bei der Frage nach Bezahlmodellen im Internet. Wieso sollten sie also jetzt?“

5. Die Stunde der Demoskopen
(deutschlandfunk.de, Ulrike Winkelmann)
Lesens- beziehungsweise hörenswerter Beitrag des Deutschlandfunks, der sich mit dem Umfragewesen und der damit verbundenen Datenindustrie beschäftigt. Es sind nur wenige Player im Spiel: Die Forschungsgruppe Wahlen versorgt das ZDF, infratest dimap die ARD und den Deutschlandfunk, Allensbach die „FAZ“. Emnid beliefert ProSieben/Sat1, Forsa RTL und den „Stern“ und INSA die „Bild“.

6. Das Leben nach dem Tod
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Vor zwei Jahren musste die Münchner „Abendzeitung“ Insolvenz anmelden. Was danach folgte, war das, was man wohl eine Gesundschrumpfung nennt. Claudia Tieschky hat das mittlerweile profitable Start-Up besucht und berichtet über „das Leben nach dem Tod“.

Prinz Harry wehrt sich gegen den britischen Boulevard

Beim Blick auf die Titelseiten britischer Boulevardblätter, könnte man fast täglich sagen: „Jetzt haben die aber eine Grenze überschritten.“ Für Prinz Harry war es in der vergangenen Woche offenbar soweit. Sein „Communications Secretary“ hat heute ein Statement im Namen des Prinzen veröffentlicht:

But the past week has seen a line crossed. His girlfriend, Meghan Markle, has been subject to a wave of abuse and harassment. Some of this has been very public — the smear on the front page of a national newspaper; the racial undertones of comment pieces; and the outright sexism and racism of social media trolls and web article comments.

Dieser Absatz ist für viele Leute deswegen so bemerkenswert, weil dort zum ersten Mal offiziell bestätigt wird, was bisher nur ein Gerücht war: Dass die Schauspielerin Meghan Markle die neue Freundin von Prinz Harry ist. Er ist aber auch deswegen so bemerkenswert, weil ein derart direkter Angriff des Kensington Palace in Richtung eines Teils der britischen Medien nicht häufig vorkommt.

Weiter heißt es in dem Statement:

Prince Harry is worried about Ms. Markle’s safety and is deeply disappointed that he has not been able to protect her. It is not right that a few months into a relationship with him that Ms. Markle should be subjected to such a storm.

Es werden keine konkreten Artikel genannt, die „such a storm“ verursacht hätten. Aber es sind die üblichen Verdächtigen, die in den vergangenen Tagen richtig aufgedreht haben. Da wäre zum Beispiel „The Sun“, die vor vier Tagen so titelte:

In dem kleinen Teaser unten rechts geht es um Meghan Markle. Es sollen „steamy scenes“ von ihr bei „Pornhub“ zu sehen sein, schreibt „The Sun“, was nicht völlig falsch ist, allerdings handelt es sich dabei nicht um Pornos, sondern um Bett-Szenen aus der Serie „Suits“, in der Markle mitspielt. Und diese Szenen hat eben irgendjemand bei „Pornub“ hochgeladen. Mit „smear on the front page of a national newspaper“ dürfte dieses „Sun“-Cover gemeint sein.

Bei den „racial undertones of comment pieces“ könnte sich der „Communications Secretary“ des Prinzen auf die „Mail on Sunday“ beziehen. In einem Kommentar schreibt Rachel Johnson dort über Meghan Markle:

Genetically, she is blessed. If there is issue from her alleged union with Prince Harry, the Windsors will thicken their watery, thin blue blood and Spencer pale skin and ginger hair with some rich and exotic DNA. Miss Markle’s mother is a dreadlocked African-American lady from the wrong side of the tracks who lives in LA

Wie radikal die britischen Boulevardmedien ihre eigene Rolle in dem aktuellen Fall verstehen, zeigt eine Drohung ein Zitat von Katie Nicholl, Königshaus-Korrespondentin der „Mail on Sunday“, das der „Guardian“ rausgesucht hat:

„Any journalist worth their salt will leave no stone unturned,“ said Katie Nicholl, royal correspondent of the Mail on Sunday, in an interview on LBC radio. „If he really wants this to go away there is one or two things he could do. You give the press what they want. You make a statement, or you give an interview or you issue a picture. There has not been one picture of them together. Fleet Street will not rest until they have got their picture of them together and they have got some words either from Prince Harry or Meghan about the relationship.“

Ein Halbsatz aus der Veröffentlichung des Kensington Palace schlägt dann übrigens noch die Brücke zur deutschen Regenbogenpresse, wenn auch nicht zwingend gewollt:

He [Prinz Harry] has rarely taken formal action on the very regular publication of fictional stories that are written about him

Gerade erst gestern hat „Das goldene Blatt“ diese Tatsachenbehauptung über Harry und seine frühere Freundin Chelsy Davy in die Welt gesetzt:

Das dürfte angesichts des heute veröffentlichten Statements sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich sein.

Julian Reichelt vergisst den Anschlag von Anders Breivik

Wenn „Bild“-Oberchef Julian Reichelt twittert, wird es häufig unsachlich oder aufbrausend oder beides. Manchmal ist es aber auch einfach faktisch falsch, was er schreibt. Zum Beispiel dieser Tweet von ihm von heute zum gestrigen Anschlag in Manchester:

Tweet von Julian Reichelt - Die (wieder mal) neue Qualität des Terrors von Manchester: Es ist der erste Anschlag in Europa, der sich gezielt gegen Kinder richtet.

Abgesehen von dem Versuch, diesem Attentat etwas Neues, Exklusives zu verleihen: Es stimmt schlicht nicht. Am 22. Juli 2011 fuhr der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik gezielt auf die Insel Utøya, um dort, wo ein Sommercamp mit vielen Jugendlichen stattfand, Menschen zu töten. Auf Utøya starben 32 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren.

Vielleicht sieht Julian Reichelt Anders Breivik nicht als Terrorist, sondern als Verwirrten oder rechten Spinner. Oder er bezog sich in seiner Aussage nur auf islamistischen Terror, ohne es zu schreiben. Aber selbst dann ist seine Behauptung nicht richtig: Am 19. März 2012 fuhr Mohamed Merah, der sich selbst als „Gotteskrieger“ bezeichnete, zu einer jüdischen Schule in Toulouse und tötete dort unter anderem drei Kinder.

Der Anschlag gestern nach dem Konzert von Ariana Grande in Manchester bleibt eine abscheuliche, grausame Tat, natürlich auch, wenn es nicht „der erste Anschlag in Europa“ ist, „der sich gezielt gegen Kinder richtet.“ Und sicher gibt es nach einem derartigen Attentat wichtigere Themen als einen falschen Tweet von Julian Reichelt. Es handelt sich bei ihm aber nun mal um diejenige Person, die beim größten deutschen Online-Nachrichtenportal die Richtung vorgibt und auch bei Deutschlands größter Tageszeitung einiges zu sagen hat. Und das macht das Vergessen von Anders Breivik und Mohamed Merah dann doch erwähnenswert.

Mit Dank an @fiiinix und Ralf H. für die Hinweise!

Bezahl-Parlamentarier, Parteien-Hashtags, Sex-Podcast

1. News Feed: Neue Tests gegen Falschmeldungen
(de.newsroom.fb.com, Sara Su)
Facebook schraubt mal wieder an den Algorithmen. Dieses Mal, um angeblich Fake News zurückzudrängen. Produktmanagerin Sara Su: „Wir beginnen ab sofort damit, verbessertes maschinelles Lernen zu nutzen. So wollen wir noch mehr potenzielle Falschmeldungen identifizieren, um diese an externe Faktenprüfer weiterzuleiten. Wenn ein Artikel von den unabhängigen Faktenprüfern überprüft wurde, zeigen wir gegebenenfalls die Darstellung des Themas der Faktenüberprüfung unter dem ursprünglichen Beitrag an.“ Nun denn, warten wir’s ab.

2. Abgeordnete kassieren Millionensummen von Unternehmen
(abgeordnetenwatch.de)
„abgeordnetenwatch.de“ hat die Selbstauskünfte aller 655 Abgeordneten, die in der laufenden Wahlperiode ein Bundestagsmandat hatten, erfasst und ausgewertet. Das Resultat: Viele Parlamentarier verfügen über keine meldepflichtigen Einkünfte von mehr als 1.000 Euro im Monat bzw. 10.000 Euro im Jahr. Es gibt einige jedoch spektakuläre Ausreißer mit beträchtlichen Geldzahlungen von Unternehmerverbänden, Wirtschaft und Lobbyvereinen. „abgeordnetenwatch“ fordert mehr Transparenz. Dass Abgeordnete Millionensummen aus anonymen Quellen kassieren, sei nicht hinnehmbar. Außerdem müsse ein verbindliches Lobbyregister eingeführt werden. Lobbyjobs von Parlamentariern in der Wirtschaft gehörten schlicht verboten.

3. [Interaktiv] Die Hashtags der Parteien von Januar bis Juli 2017. Und Juli alleine. Und Tabellen.
(blog.holnburger.com)
Josef Holnburger hat eine Reihe interaktiver Grafiken mit den von Parteien auf Twitter verwendeten Hashtags generiert. Interessant, wenn man sich schnell einen Überblick über die Schlagwort-Schwerpunkte von SPD, CDU, CSU, den Grünen, der Linken und der AfD verschaffen möchte. Holnburger sind bei der Analyse der Partei-Tweets, wie zuvor schon dem Tagesspiegel, Besonderheiten beim Twitterverhalten der AfD aufgefallen, denen er sich später nochmal zuwenden möchte.

4. Wegen Terrorverdacht festgenommen
(taz.de)
In der Türkei ist ein freier Mitarbeiter des französischen Fernsehsenders „TV5“, Loup Bureau, festgenommen worden. Der Vorwurf: Angebliche Verbindungen zur kurdischen YPG-Miliz. Vor drei Jahren hatte Bureau eine Reportage vom Kampf der YPG in Nordsyrien gedreht, die von „TV5 Monde“ ausgestrahlt wurde (kann auf Vimeo angeschaut werden, Länge 3:21 Minuten, Sprache: französisch).

5. Vom Virginia Jetzt!-Bassisten zum Medienunternehmer: So hat Matze Hielscher „Mit Vergnügen“ aufgebaut
(omr.com)
Im Podcast der „Online Marketing Rockstars“ gibt es ein Gespräch mit dem „Mit Vergnügen“-Gründer Matze Hielscher. Hinter dieser Medienmarke stecken ein digitales Stadtmagazin und eine erfolgreiche Podcastreihe. Anfangs als Partyprojekt gestartet, ist es mittlerweile ein Medienunternehmen mit 18 Mitarbeitern und Millionenumsatz. Im Podcastbereich besonders erfolgreich ist der Podcast „Sexvergnügen“ mit 150.000 ZuhörerInnen pro Folge. Geld verdiene „Mit Vergnügen“ vor allem durch Native Advertising. In dem etwa einstündigen Gespräch geht es um Podcasts im Allgemeinen und Besonderen, um Fragen der Monetarisierung und einen Ausblick in die Zukunft.

6. Live aus dem Jenseits
(sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Ende August jährt sich der Todestag von Prinzessin Diana zum 20. Mal. In den britischen Medien ist deswegen ein Hype ausgebrochen, der jeden Rahmen sprenge. Vor allem der Boulevardpresse sei keine Geschichte zu abstrus, um sie nicht genüsslich und in aller Ausführlichkeit ausschlachten zu können. Aber auch das Fernsehen lässt eine ganze Flut von Diana-Filmen auf das britische Volk los.