Reichweitenverlust, Geld verdirbt den Sportjournalismus, Gefakte Werbung

1. Focus und Stern verlieren jeweils neun Prozent an Reichweite
(horizont.net, David Hein)
Die Media-Analyse „ma Pressemedien“ erfasst die Reichweiten der Publikumszeitschriften in Deutschland, und die sind gegenwärtig meist rückläufig. Vor allem die aktuellen Magazine haben es schwer. So haben „Focus“ und „Stern“ jeweils neun Prozent an Reichweite verloren. Gegen den Trend zulegen konnten Wochenzeitungen wie „FAZ“, „Welt am Sonntag“ und „Zeit“.

2. Böhmermanns Anwalt zieht vor Bundesgerichtshof
(sueddeutsche.de)
Der Rechtsstreit um Jan Böhmermanns Schmähgedicht über Recep Tayyip Erdogan geht in die nächste Instanz: Nachdem der Satiriker letztes Jahr im Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Hamburg gescheitert war, hat Böhmermanns Rechtsanwalt Christian Schertz nun Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt.

3. Fußball und Fernsehen: Das Geld hat den Sportjournalismus versaut
(120minuten.net, Jérôme Grad)
Können Fußballübertragungen und die Berichterstattung drumherum wirklich kritisch sein? Angesichts der Tatsache, dass Fernsehsender und andere Bewegtbild-Plattformen jedes Jahr einen Milliardenbetrag für die Übertragung von Fußballspielen investieren? Hat das Geld „den Sportjournalismus versaut“, wie der frühere DFB-Mediendirektor und langjährige SWR-Sportchef Gerhard Meier-Röhn sagte? In einem längeren Beitrag erklärt Jérôme Grad die derzeitige Situation und entwirft verschiedene Szenarien für die Zukunft.

4. Ein bisschen Pressefreiheit
(deutschlandfunk.de, Marc Engelhardt)
Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Äthiopien derzeit noch auf einem unrühmlichen 150. Platz, doch das könnte sich bald zum Besseren wenden: Unter dem Premierminister und selbsternannten Reformer Abiy Ahmed wurden Dutzende inhaftierte Journalisten freigelassen, die Blockade von 250 Websites und Blogs aufgehoben und kritische Medien zur Rückkehr nach Äthiopien bewegt. Von echter Pressefreiheit sei das Land jedoch noch weit entfernt.

5. „Paradise Papers“: Haft für türkische Journalistin
(ndr.de, Oliver Mayer-Rüth, Video: 4:46 Minuten)
Bei ihren Recherchen zu den „Panama Papers“ stieß die türkische Journalistin Pelin Ünker auf die Namen der Söhne des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten und heutigen Parlamentspräsidenten Yildirim. Für ihre Berichterstattung über diesen Fall wurde sie mit Preisen für hervorragenden investigativen Journalismus ausgezeichnet. Und zu etwas mehr als einem Jahr Haft verurteilt — wegen „übler Nachrede“ …

6. Diese Instagrammer posten gefakte Werbung, um sich als Influencer zu gerieren
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Dass manche Instagram-Influencer ihre von Unternehmen bezahlten Posts nicht als Werbung erscheinen lassen wollen, ist soweit bekannt. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Instagrammer, die ihre Posts gezielt wie Werbung aussehen lassen, obwohl das beworbene Unternehmen sie gar nicht dafür bezahlt hat. „OMR“ ist der Sache nachgegangen und hat sich nach deutschen Beispielen umgeschaut.

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Bild.de dramatisiert Emiliano Salas letzte Nachricht

Der argentinische Fußballspieler Emiliano Sala wird seit vorgestern vermisst. Er war mit einer einmotorigen Propellermaschine auf dem Weg von Nantes, wo sein alter Fußballverein, der FC Nantes, spielt, nach Cardiff, wo er einen Vertrag beim Premier-League-Klub Cardiff City unterschrieben hatte. Über dem Ärmelkanal verschwand das Flugzeug am Montagabend vom Radar. Seitdem wird nach Sala und dem Piloten gesucht.

Zuvor hatte Sala per WhatsApp eine Sprachnachricht verschickt, über die nun viele Medien berichten. Darunter auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - Fußball-Star Sala Ich habe solche Angst - Dramatische WhatsApp aus dem Absturz-Flieger

Die Redaktion interpretiert die Aufnahme in bemerkenswerter Weise: Es sei …

eine dramatische Sprach-Nachricht des Argentiniers, die er per WhatsApp an Freunde schickte.

Und:

Schon zu Beginn der knapp einminütigen Nachricht heißt es: „Ich bin tot!“

Bei Bild.de schlussfolgern sie:

Im Hintergrund zu hören: Motorengeräusche. Kaum zu fassen: Sala spricht mit relativ ruhiger Stimme. Er klingt erschöpft, fast schon lethargisch — offenbar ohne jede Hoffnung zu überleben …

Tatsächlich spricht Emiliano Sala in der Aufnahme davon, dass das Flugzeug so aussehe, als würde es gleich in Stücke fallen. Und er sagt: „Wenn ihr in eineinhalb Stunden noch nichts Neues von mir gehört habt, keine Ahnung, ob man jemanden schickt, mich zu suchen, der wird mich eh nicht finden, aber das wisst ihr ja.“ Er sagt auch: „Papa, habe ich eine Angst.“ Angesichts des möglichen Absturzes und der aktuellen Suche nach dem Fußballer wirkt die Sprachnachricht sicher gespenstisch — sie ist ohne diesen Hintergrund allerdings keineswegs „dramatisch“, wie Bild.de schreibt. Sala gähnt beim Reden. Er nennt seine Freunde spaßig „ihr Verrückten“. Er fragt sie: „Wie geht es Euch, Brudis, alles gut?“ Er sagt auch nicht zwingend „Ich bin tot!“, sondern „estoy muerto“, was man mit Blick auf den Kontext (er erzählt anschließend, wie viel er vor seiner Abreise nach Cardiff in Nantes noch erledigen musste — „ich musste Sachen erledigen, Sachen erledigen, Sachen erledigen und es hörte nicht auf, es hörte nicht auf, es hörte nicht auf“) besser mit „Ich bin vollkommen fertig“ übersetzen kann. Und dann die Behauptung von Bild.de, Sala sei „offenbar ohne jede Hoffnung zu überleben“, was ziemlicher Unsinn ist, schließlich blickt er in der Aufnahme in die Zukunft und erzählt, dass er bald ja das erste Training mit seinem neuen Team habe: „Mal sehen, wie es wird.“

Die Familie von Emiliano Sala soll darum gebeten haben, die Audioaufnahme nicht zu verbreiten. Bild.de hat die Audioaufnahme in den Artikel eingebettet (und, ja, auch wir tragen durch die Zitate weiter oben dazu bei, dass sich der Inhalt der Aufnahme verbreitet — wir verzichten allerdings bewusst auf jeglichen Link zu Artikeln, in denen die Originalaufnahme zu hören ist).

Mit Dank an anonym und Benedikt für die Hinweise!

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Flughafen-Journalismus, Authentisch schlecht gelaunt, Handball-Promoter

1. Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht»
(medienwoche.ch, Eva Hirschi)
Der norwegische Politikwissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung macht sich Sorgen, was die Auslegung seiner Nachrichtenwert-Theorie anbelangt: „Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!“ Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Das Resultat sei ein „Flughafen-Journalismus“, bei dem „alle darüber berichten, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.“

2. Der erste Umweltjournalist
(taz.de, Manfred Kriener)
Der im Alter von 96 Jahren verstorbene Horst Stern war nicht nur der erste Umweltjournalist, sondern auch Mitbegründer des Bunds für Umwelt- und Naturschutz. Und er war eine Persönlichkeit, wie Manfred Kriener in seinem Nachruf feststellt: „Seine Fernseh-Nachhilfestunden machten ein breites Publikum mit dem Artensterben und dem Siechtum des Wald bekannt, mit Gentechnik-Größenwahn und dem Elend der Massentierhaltung. Was ihm fehlte zum Fernsehstar, war die joviale Ausstrahlung eines Ranga Yogeshwar oder die Lässigkeit anderer, ewig gut gelaunter TV-Größen. Stern wirkte vor der Kamera immer bekümmert, als sei gerade die Hauskatze gestorben. Das eigentlich Großartige: Er machte keinerlei Versuche, einmal zu lächeln oder gar heiter rüber zu kommen. Er blieb authentisch schlecht gelaunt.“

3. Leicht sein ist nicht alles
(sueddeutsche.de, Anna Steinbauer)
Zu Beginn des Jahres beschäftigen sich Frauenzeitschriften besonders intensiv mit dem Thema Abnehmen. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch etwas geändert, so die Soziologin Paula-Irene Villa: „Diätmachen spielt nach wie vor eine große Rolle. Allerdings dreht es sich immer mehr darum, gesund und fit sein.“ Zeitschriften seien aber eher Überbringer als Verursacher von Körperkult und Schlankheitswahn: Die Popkultur spiele eine enorme Rolle dafür, dass Diäten nicht wegzukriegen seien.

4. Der Fall Relotius und die Medien: Wir schreiben einfach wundervoll
(nzz.ch, Susanne Gaschke)
Susanne Gaschke nimmt den Fall Relotius zum Anlass, über die Entfremdung zwischen Medienmachern und ihrem Publikum nachzudenken. Gaschke beklagt die mangelnde Selbstkritik der Medien: „Journalisten müssen mehr Bescheidenheit und manchmal auch mehr Wohlwollen gegenüber ihren Berichtsgegenständen — und Lesern — entwickeln. Und sie brauchen eine Entschuldigungskultur, die nicht verschämt oder trotzig Fehler höchstens auf Seite 18 zugibt. Ob das alles hilft, um die Öffentlichkeit zu reparieren und Vertrauen zurückzugewinnen? Vielleicht nicht. Es aber nicht einmal versucht zu haben, hilft auf keinen Fall.“

5. Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen
(journalist-magazin.de, Daniel Drepper)
Das Medienmagazin „journalist“ startet die Serie „Mein Blick auf den Journalismus“, in der sich die „klugen Köpfe der Branche“ Gedanken darüber machen, wie Journalismus besser gemacht werden kann. Im ersten Teil dabei: Daniel Drepper, Chefredakteur von „BuzzFeed News Deutschland“, im zweiten Teil die Journalistin und Medienexpertin Carline Mohr.

6. Kommentatoren ohne Distanz
(djv.de, Sebastian Huld)
Sebastian Huld vom Deutschen Journalisten-Verband kritisiert die seiner Ansicht nach zu positive TV-Kommentierung des vergangenen Handballspiels der deutschen Nationalmannschaft. Die Kommentatoren seien irgendwo zwischen Fans und Teammitgliedern anzusiedeln. Sie „geben wie ARD und ZDF insgesamt vor, die Handball-WM zu übertragen und das Geschehen mit Expertise aufzubereiten. Tatsächlich aber sind sie nur die ersten Promoter des Produkts Handball-WM, weil der Erwerb der Übertragungslizenzen nur durch hohen Zuschauerzuspruch zu rechtfertigen ist. Vor diesem Konflikt stehen alle Sender beim Übertragen von Sportevents, ganz besonders aber die Öffentlich-Rechtlichen.“

Wie „Bild“ das Schicksal des zweijährigen Julen ausschlachtet

In Spanien ist ein kleiner Junge in einen rund 110 Meter tiefen Schacht gefallen. Seit neun Tagen läuft die Rettungsaktion für den zweijährigen Julen nun. Und fast genau so lang belagern Reporter nun den Ort Totalán, wo das Unglück passierte und wo die Rettungskräfte versuchen, einen Tunnel zu dem Jungen zu bohren.

„Bild“ ist natürlich mit dabei, aber auch andere Knallportale berichten fleißig, Stern.de zum Beispiel, „Focus Online“, RTL.de und so weiter.

Heute meldete Bild.de:

Screenshot Bild.de - Mediziner über das Bohrloch-Unglück - Es ist nur theoretisch möglich, dass Julen lebt

… was nicht besonders überraschen dürfte, angesichts der Tatsache, dass ein Zweijähriger erst einen sehr tiefen Brunnenschacht hinunterstürzt und anschließend viele Tage ohne Essen und Trinken verbringen muss. Aber wie hätte man ohne Hoffnung dem gierigen Klickvolk die vielen Akte dieses Dramas verkaufen sollen?

Screenshot Bild.de - Rettung sehr gefährlich - Junge (2) stürzt 110 Meter tief in Brunnen
Screenshot Bild.de - Junge in 110 Meter tiefen Brunnenschacht gestürzt - 2017 starb sein Brüderchen - Das Schicksal schlug schon einmal zu
Ausriss Bild-Zeitung - Junge (2) stürzt in 110 Meter tiefen Schacht
Screenshot Bild.de - Junge in 100-Meter-Schacht gestürzt - Gibt es noch Hoffnung für den kleinen Julen?
Screenshot Bild.de - Julen stürzte in 110-Meter-Loch - Das furchtbare Warten auf ein Wunder
Screenshot Bild.de - Ganz Spanien bangt um Jungen im Schacht - Bagger und Bohrer sollen Julen retten
Ausriss Bild-Zeitung - Das furchtbare Warten auf ein Wunder
Screenshot Bild.de - Junge stürzte in 110 Meter tiefes Brunnenloch - Julen und das Prinzip Hoffnung
Ausriss Bild-Zeitung - Kinder beten für Jungen im Schacht
Screenshot Bild.de - Beklemmende Kamerafahrt in das Brunnenloch - Hier stürzte der kleine Julen hinein
Screenshot Bild.de - Wie die Helfer zu dem Jungen im Brunnenloch vordringen wollen - Neuer Rettungsversucht für den kleinen Julen
Ausriss Bild-Zeitung - Vor der Haustür steht noch Julens Dreirad
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen seit Sonntag verschüttet - Vor der Haustür steht noch das Dreirad
Screenshot Bild.de - Seit Sonntag im Schacht gefangen - So wollen sie den kleinen Julen retten
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen im Brunnenschacht - Nur noch wenige Stunden, bis es regnen soll
Screenshot Bild.de - Junge stürzt in 110 Meter tiefes Loch - Dieser Bohrer ist Julens letzte Hoffnung
Ausriss Bild am Sonntag - Retter bohren endlich Schacht zu kleinem Julen
Screenshot Bild.de - Retter kämpfen um Julen in Schacht - Bohrer schafft drei Meter pro Stunde
Screenshot Bild.de - Kleiner Junge stürzte vor einer Woche in 100 Meter tiefen Bohrschacht - Retter müssen sich per Hand zu Julen durchgraben
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen fiel vor einer Woche in Bohrschacht - Retter stoßen auf fünf Meter Granit
Screenshot Bild.de - Julen fiel vor acht Tagen in Bohrschacht - Jetzt beginnt die kritische Phase
Ausriss Bild-Zeitung - Julen soll mit Käfig geborgen werden
Screenshot Bild.de - Julens Eltern am Unglücksort in Totalan - Acht Tage Albtraum
Screenshot Bild.de - Kind im Brunnenschacht - Heute wollen sie Julen finden
Screenshot Bild.de - Vor mehr als einer Woche fiel der Junge in einen Bohrschacht - Retter wollen heute Mittag zu Julen vordringen
Screenshot Bild.de - Bild sprach mit dem Feuerwehr-Chef der Rettungsmission am Bohrloch - Ich gehe erst wieder heim, wenn wir Julen haben
Screenshot Bild.de - Julen fiel vor neun Tagen in ein Bohrloch - Wiederholt sich das Schicksal des kleinen Alfredo?
Screenshot Bild.de - Schon wieder Verzögerung bei Drama um Julen - Parallel-Schacht einsturzgefährdet

Gnadenlos und ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen schlachten sie das Schicksal eines Zweijährigen aus.

Im Mai 2017, nach dem Terroranschlag in Manchester, verteidigte Ombudsmann Ernst Elitz die Berichterstattung der „Bild“-Redaktion, die Fotos von verstorbenen Kindern und Jugendlichen gezeigt hatte, so:

Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre? (…)

Die Auswahl eines jeden Fotos war eine Gewissensentscheidung. Ich finde, das Gewissen der Mütter und Väter in der Redaktion hat bei der Auswahl der Fotos aus Manchester richtig entschieden.

Auch vor diesem Hintergrund kann man den Beitrag des „Postillon“ von heute sehen: „Bild-Chef Reichelt: ‚Wenn mein 2-jähriges Kind in ein 100-Meter-Loch fällt und wahrscheinlich tot ist, hätte ich auch gern, dass die gesamte Welt live daran teilnimmt‘.“

Mit Dank an Sebastian E. und Olaf für die Hinweise!

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Mit Spatzen auf Polizisten schießen

Es könnte sein, dass bald fallschirmspringende Hasen, Schildkröten mit Gewehren und Hunde mit Kanonen die Polizei am oder im Hambacher Forst angreifen. Möglich, dass dann auch die Ameisen mit ihren Grubenhelmen dabei sind und für Bürgerrechte demonstrieren, und die Fledermäuse auf ihren Schildern einmal mehr klarmachen, dass nichts zu verkaufen ist. „Bild“ und „Bild“-Redakteur Peter Poensgen sind jedenfalls einer ganz heißen Sache auf der Spur:

Ausriss Bild-Zeitung - Bildunterschrift - Eine Gruppe aus der Waldbesetzer-Szene studiert eine Art Schlachtplan gegen die Polizei

Das Foto und die Bildunterschrift stammen aus einem Beitrag, der am vergangenen Freitag in der Düsseldorf-Ausgabe der „Bild“-Zeitung erschienen ist. Und auch Bild.de zeigt die Aufnahme, mit einer leicht anderen Zeile darunter:

Screenshot Bild.de - Bildunterschrift - Gewaltschauplatz Hambacher Forst: Anhand einer riesigen Karte werden Strategien gegen die Polizei geplant

Überschrift in der Onlineversion: „Die ‚Gewalt-Uni‘ der Hambach-Aktivisten“ (die bereits im ersten Satz des Artikels nur noch „fast wie eine Uni für Gewalt und Krawall“ sei). Gemeint sind die Skill-Sharing-Camps, in denen Aktivisten anderen Aktivisten auch Fähigkeiten vermitteln, die für zivilen Ungehorsam nützlich sein können.

In einem dieser Camps steht also ein Mann an einem großen Plakat und soll mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern „Strategien gegen die Polizei“ planen. Doch dazu taugt die „riesige Karte“ überhaupt nicht. Es handelt sich dabei nämlich um einen Druck des Wimmelbilds „The True Cost of Coal“, gezeichnet vom Beehive Design Collective. Dieses Netzwerk aus Künstlerinnen und Künstlern stellt Aktivisten große Illustrationen für deren Arbeit etwa in Skill-Sharing-Camps zur Verfügung. Auf dem Exemplar, das „Bild“ und Bild.de zeigen, sind der fallschirmspringende Hase, die Schildkröte mit dem Gewehr, der Hund mit der Kanone, die Ameise mit dem Grubenhelm, die Fledermaus mit dem Protestschild und viele weitere Tiere zu sehen, deren Lebensraum vom Kohlebergbau, von Baggern und Planierraupen zerstört wird.

Das ist der „Gewaltschauplatz Hambacher Forst“, den „Bild“ ausruft.

Mit Dank an @SoliFur für den Hinweis!

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Fantastischer Penis, „Pastewka“-Verbot, Julians Schrumpf-„Bild“

1. „Es muss so fantastisch sein, einen Penis zu haben“
(zeit.de, Sigrid Neudecker)
Die Autorin Simone Buchholz hat, wie auch ihre Kollegen Matthias Wittekindt und Max Annas, den Deutschen Krimipreis gewonnen. Ihre Freude über die Auszeichnung wird von Störgefühlen begleitet: „Ich verehre die beiden Kollegen (…), wir haben alle zusammen gewonnen, aber wenn mein Buch „lichte Unterhaltung“ ist, und die Bücher der Männer „existenzialistische Literatur“ oder „politisch radikal“ sind, dann denke ich schon: Oh Mann, es muss so fantastisch sein, einen Penis zu haben!“

2. taz ist zu unbequem
(taz.de, Jean-Philipp Baeck)
Es könnte dem Lehrbuch für Trumpsche Rhetorik entspringen: Die AfD beklagt sich gerne darüber, in den Medien zu wenig Beachtung zu finden. Interessiert sich dann jemand für sie, verweigert sie sich. So jüngst geschehen, als die „taz“ von einer Pressekonferenz der AfD in Bremen als einziges Medium ausgeschlossen wurde.

3. „Pastewka“-Verbot
(sueddeutsche.de)
Anscheinend haben es die Macher der neuen „Pastewka“-Staffel mit der Schleichwerbung etwas übertrieben: Auf Anordnung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien darf die vierte Folge der achten Staffel („Das Lied von Hals und Nase“) nicht mehr gezeigt werden.

4. Böse Trump-Fans, guter Ureinwohner? Die zu einfache Geschichte einer Konfrontation
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In den vergangenen Tagen ging ein Videoausschnitt viral, der die Konfrontation eines jugendlichen Trump-Fans mit einem amerikanischen Ureinwohner zeigt. In den klassischen und sozialen Medien war man sich bei der Be- und Verurteilung des Geschehens weitgehend einig. Der Fall ist jedoch bei näherer Betrachtung keineswegs eindeutig. Stefan Niggemeier hat sich der Sache angenommen und kommt zum Schluss: „Die Welt ist komplizierter, als sie scheint. Das ist eine Tatsache, an die man nicht nur Trump-Anhänger immer wieder erinnern muss. Und die Heftigkeit der Angriffe als Reaktion sagt dann vielleicht doch etwas darüber aus, wie sehr etwas an der politischen Kultur in den USA kaputt ist.“

5. Alle schrumpfen, aber Bild schrumpft am schnellsten
(de.statista.com, Mathias Brandt)
Die überregionalen Tageszeitungen schrumpfen weiter, doch ein Medium hat es besonders schlimm erwischt: „Bild“. Die Boulevardzeitung (inkl. „B.Z.“ und „Fussballbild“) habe einen Rückgang von 6,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und 9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal hinnehmen müssen.

6. Robotius
(twitter.com/ROB0TIUS)
„Eine Meldung und ihre Geschichte: Ein englischer Pizzabäcker bekommt Ärger wegen seiner bösen „Nazi-Kühe“.“ Derartige Titelgeschichten und Themenvorschläge spuckt der „ROB0TIUS“ regelmäßig auf Twitter aus, der ein Verwandter des „Spiegel“-Dichterfürsten Claas Relotius sein könnte.

„Aber immer noch frei!“

Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Champion Barrow zogen, soweit wir wissen, nie durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt), und auch sonst ist der Vergleich mit dem mordenden US-Duo, den die „Bild“-Redaktion im ersten Absatz ihrer heutigen Titelgeschichte zieht, recht gewagt:

Wie Bonnie & Clyde zogen Peggy N. (39) und ihr Freund (41) durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Sie lebten als Mietnomaden, begingen Einbrüche und räumten Briefkästen leer. Die Polizei wies dem drogensüchtigen Duo 640 Straftaten in 18 Monaten nach — und ließ es wieder laufen!

Nein, auch wenn „Bild“ den Eindruck erwecken mag: „und ließ es wieder laufen“ bedeutet nicht, dass sich die Angelegenheit für das Paar damit erledigt hat. Es bedeutet nicht, dass Peggy N. und ihr Freund trotz der vielen mutmaßlichen Straftaten (größtenteils wohl Beschaffungskriminalität) straffrei bleiben. Es bedeutet erstmal nur, dass sie nicht in Untersuchungshaft sitzen.

Das wird auf der „Bild“-Titelseite noch nicht ganz klar:

Ausriss Bild-Titelseite - Verbrecher-Paar aus Magdeburg - 640 Straftaten, aber immer noch frei! Und die Polizei hilft auch noch bei Behördengängen

Auf Seite 6 im Blatt wird „Bild“ immerhin konkreter:

Ausriss Bild-Zeitung - 640 Straftaten, keine U-Haft! Polizisten helfen Intensivtätern bei lästigen Behördengängen

Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Warum das Paar nicht in U-Haft sitzt? Unklar!

So „Unklar!“ dürfte es aber gar nicht sein.

Die U-Haft dient der Durchführung von Strafverfahren. Sie dient nicht der Strafe. Und sie hat hohe Anforderungen, schließlich geht es darum, jemanden ohne ein Urteil ins Gefängnis zu stecken. „Ihr Vollzug ist die ultima ratio; der Erlass eines Haftbefehls muss sich an den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Unschuldsvermutung messen lassen“, erklärt uns Strafverteidiger Carsten Hoenig. Zur Untersuchungshaft komme es nur, „wenn gar nichts mehr anderes geht“.

In den Paragraphen 112 und 112a der Strafprozessordnung ist geregelt, wann es soweit ist und wann nicht: Besteht Flucht- oder Verdunkelungsgefahr (§112)? Wenn nicht: Besteht Wiederholungsgefahr (§112a)? Wenn auch nicht: keine U-Haft. Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten wollte sich uns gegenüber zwar nicht zum konkreten Fall äußern, sagte aber, dass die Staatsanwaltschaft Magdeburg immer prüfe, ob eine dieser Gefahren besteht. Und dass sie keinen Haftbefehl beantrage, wenn keine davon vorliegt.

Es kann auch sein, dass es einen Haftbefehl gibt, dieser aber gegen Auflagen ausgesetzt wurde. Eine solche Auflage könnte zum Beispiel darin bestehen, so Strafverteidiger Hoenig, „dass die Beschuldigte sich in Therapie begibt, um auf diesem Wege die Wiederholungsgefahr zu minimieren beziehungsweise zu beseitigen.“ Das könne er ohne Akteneinsicht aber natürlich nicht sicher sagen.

Das Polizeirevier Magdeburg hat eine Pressemitteilung zu dem Fall herausgegeben, aus der auch „Bild“ zitiert. Darin steht unter anderem:

Mit der Beschuldigten konnten eingehende Gespräch zu ihrem Lebenswandel geführt werden. Ebenso erhielt sie von den Beamten unterstützten bei Ämtergängen. Auch wurde innerhalb ihres sozialen Umfelds vermittelt, um ein erneutes in Erscheinung treten zu verhindern. Der beschuldigte 41-jährige wies solche Maßnahmen zurück.

Das klingt zumindest bei Peggy N. wie ein Versuch, die Wiederholungsgefahr zu minimieren.

Nicht, dass er es sich wünsche, sagt Strafverteidiger Carsten Hoenig noch, aber mit anderen Argumenten hätte man vielleicht auch eine Inhaftierung vertreten können: „Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Haftrichter bereits die Fluchtgefahr bejahen könnte — wegen der Höhe der zu erwartenden Strafe, die einen Fluchtanreiz bieten könnte.“

Es sind also nicht ganz einfache, aber ziemlich normale rechtsstaatliche Vorgänge und Fragen, um die es bei der Untersuchungshaft geht. Es ist auf jeden Fall nicht das große Ärgernis, das „Bild“ daraus macht.

Nachtrag, 22:52 Uhr: Wir haben vergessen, eine weitere Stelle aus der verlinkten Pressemitteilung des Polizeireviers Magdeburg zu zitieren, die auf eine Therapie der Beschuldigten hinweist und damit einen Grund gegen eine mögliche Wiederholungsgefahr liefern könnte. Diese Passage wollen wir hier nachreichen:

Zeitweise arbeiteten bis zu 5 Kriminalbeamte gleichzeitig an den Verfahren in der Ermittlungsgruppe. Neben strafprozessualen Maßnahmen wurden auch Therapiemaßnahmen durch die Polizisten begleitet, da es sich bei der Begehung der Straftaten um Fälle der so genannte „Beschaffungskriminalität“ gehandelt hat. Die Beschuldigten haben durch die Taten ihren Drogenkonsum finanziert.

Und, weil man es möglicherweise falsch verstehen kann: Carsten Hoenig äußert sich hier als Experte und nicht als Verteidiger des beschuldigten Paares — denn das ist er nicht.

Mehr zu den Schwierigkeiten der „Bild“-Redaktion mit der Untersuchungshaft:

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Asylbewerber vs. „Bild“, Google-Geld, Doku-Komparsen üblich?

1. Asylbewerber gegen Springer
(taz.de, Markus Kowalski)
„Abgeschoben, Einreisesperre, illegal zurück und trotzdem Stütze“ — so schrieb „Bild“ auf der Titelseite über den Asylbewerber Alassa M. Gegen die seiner Ansicht nach falsche Berichterstattung geht M. nun mit Hilfe eines Anwalts vor, der den „Bild“-Artikel als „mediale Hetze“ bezeichnet (BILDblog berichtete): „Meiner Meinung nach hat der Artikel eine Pranger-Wirkung, die die Persönlichkeitsrechte meines Mandanten verletzen.“ Die „Bild“-Redaktion hatte außerdem die Karlsruher Flüchtlingsunterkunft gezeigt, in der M. lebt. Nun habe M. Angst, dass er dort angegriffen werde.

2. Auch Überflieger können abstürzen
(medienwoche.ch, René Zeyer)
Das crowdfinanzierte Online-Medium „Republik“ legte vor etwa einem Jahr einen spektakulären Start hin: Rund 16.000 Abonnenten und Spender sorgten dafür, dass die Neugründung mit knapp sieben Millionen Euro Anfangskapital ausgestattet war. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass das Projekt bei weitem kein Selbstläufer ist. René Zeyer hat sich angeschaut, wie es bei „Republik“ und den anderen Online-Medien läuft.

3. Geld von Google ist nicht die Lösung: Die Presse muss sich durch Kunden finanzieren
(nzz.ch, Ronnie Grob)
Die Schweizer Verleger wollen Google mit dem Leistungsschutzrecht zur Kasse zu bitten. Ronnie Grob sieht darin mittel- bis langfristig nicht die Lösung: „Mit Gratisinhalten werden sich im Internet auf lange Frist womöglich nur einige wenige Firmen mit Werbung refinanzieren können. Die Schweizer Verleger sollten vielmehr damit beginnen, konsequent Geld zu verlangen für die eigentliche Leistung, die ihre Journalisten erzeugen, den Journalismus. Hören sie damit auf, gegenüber der Werbewirtschaft zufälligen Traffic zu verkaufen, können sie neu jene klar umrissene Gruppe bewerben, die bereit ist, ein Abonnement zu lösen. Diese zahlenden Leser sind treue, interessierte, aufmerksame Kunden und keine herangespülten Zufallsleser, die sowieso nicht bereit sind, Geld auszugeben.“

4. Die verlogene David-Berger-PR des WDR und seine ärgerliche Homophobietradition
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Der WDR ist in den sozialen Medien für die Entscheidung kritisiert worden, David Berger zu den „Tischgesprächen“ einzuladen, und hat sich dafür mit einer Stellungnahme verteidigt. Johannes Kram hat dem WDR daraufhin einen offenen Leserbrief geschrieben: „(…) selbst, wenn Ihr denkt, Euch hier auf die Seite von Berger schlagen zu müsssen und in seiner Ankündigung dessen Täter-Opfer-Umkehr-Rethorik übernimmt, in dem ihr so tut, als würde man ihn für seinen „Mut“ kritisieren und nicht für seinem Hass (merkt Ihr nicht, welchem populistischem Narrativ Ihr hier aufgesessen seid?); selbst wenn Ihr das rassistische, homophobe und islamfeindliche Geschreibsel wirklich nicht für rassistisch, homophob und islamfeindlich haltet, warum teilt Ihr dann Euren HörerInnen nicht wenigstens mit, was das eigentlich ist, was ihm da vorgeworfen wird?“
Zum Hintergrund: Wie ein schwuler Theologe zum Sprachrohr von AfD, IB und Co. wurde (belltower.news, Stefan Lauer).

5. Offener Brief an Online-Redaktionen und Journalisten
(facebook.com/ichbinhierDerVerein, Alex Urban)
Die Aktionsgruppe #ichbinhier wendet sich mit einem offenen Brief an Online-Redakteure von reichweitenstarken Facebookseiten: „Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?“

6. „Quote wollen sie dann nämlich schon immer gern“
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Der WDR hat sich von einer Autorin getrennt, die wegen drei Dokus in die Kritik geraten war, in denen unter anderem Komparsen eingesetzt wurden. Die Autorin hat das Vorgehen, bei Dokus und Reportagen auf Komparsen zurückzugreifen, gegenüber der „SZ“ verteidigt: „Das ist üblich. Viele TV-Sender und Produktionsfirmen suchen ihre Protagonisten bei komparse.de.“ Sie sei seit 25 Jahren „gut im Geschäft“ und habe nicht gewusst, dass das laut ihrer Aussage branchenübliche Vorgehen der Komparsenanheuerung beim WDR nicht geduldet werde.

Bild  

Hilfe!

Die „Bild“-Titelseite von heute:

Ausriss Bild-Titelseite - Wolfgang Schäuble fordert - Männer sollen mehr im Haushalt helfen - putzen, kochen, bügeln

Die Wahl des Wortes „helfen“ ist interessant. Es impliziert: Die Aufgabe liegt hauptsächlich bei den Frauen, die Männer kommen als Helfer dazu. Die helfenden Männer sollen im Haushalt zwar auch einen Teil übernehmen, aber eben nur übernehmen, was normalerweise Frauen zu erledigen haben. Das mag als Zustandsbeschreibung passen, es taugt aber nicht als Forderung im Sinne einer Gleichberechtigung.

Die Wahl des Wortes „helfen“ kam nicht, wie man beim Blick auf die „Bild“-Titelseite denken könnte, von Wolfgang Schäuble, sondern von der „Bild“-Redaktion. Schäuble sagte gestern in seiner Begrüßungsansprache zur Feierstunde „100 Jahre Frauenwahlrecht“:

Bei aller Auseinandersetzung um die richtigen Mittel und Wege zur tatsächlichen Gleichstellung werden wir um eine Erkenntnis wohl nicht herum kommen: Dass wir die für unsere Gesellschaft unverzichtbaren Tätigkeiten, die auch heute noch ganz überwiegend Frauen unbezahlt verrichten, anders aufteilen müssen: Kindererziehung, Hausarbeit, Pflege. Eine weithin akzeptierte Erkenntnis, an deren Umsetzung Männer gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden müssen. Erst wenn Frauen und Männer wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten, ist das Ziel erreicht. Die Geschichte der Emanzipation von Frauen lehrt: es könnte noch ein längerer Weg sein. Aber mit Blick auf die starken, selbstbewussten Frauen, die wir in diesem Land haben, ist mir um den Erfolg nicht bange.

Kein „helfen“, dafür „anders aufteilen“. Das klingt schon deutlich mehr nach Gleichberechtigung.

Mit Dank an @rinaliebt für den Hinweis!

Scripted-WDReality, Veganer Unsinn, Youtube verbietet #BirdBoxChallenge

1. Scripted-Reality-Methoden bei WDR-Vorzeige-Dokus?
(uebermedien.de, Ralf Heimann)
Bei den Reality-Soaps der Privatsender wie Vox, Kabel eins, Pro Sieben oder RTL 2 erwarten wohl die Wenigsten Wahrhaftigkeit und Akkuratesse. Schließlich weiß man, dass derlei Trash-Formate gescriptet und relativ lieblos mit Schauspielern runtergedreht werden. Dokumentationen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben in dieser Hinsicht einen anderen Anspruch. Umso schlimmer, wenn sich nun herausstellt, dass dort mit denselben Methoden gearbeitet wurde. Ralf Heimann berichtet von den verstörenden Seltsamkeiten bei der preisgekrönten WDR-Reihe „Menschen hautnah“.

2. Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten
(graslutscher.de)
Gemäß einer britischen Studie sollen Veganer in Großbritannien doppelt so oft krank sein wie ihre nicht-veganen Kollegen. Das behauptet jedenfalls der „Stern“ in seiner Onlineausgabe. Der Blogger „Graslutscher“ hält das Ganze für eine Räuberpistole, die dicht an „Fake News“ rankäme. Das Ganze hat, wie so oft, mit einer Verwechslung von Kausalität und Korrelation zu tun: „Ebenso gut hätte man also festhalten können, welche Probanden dritte Zähne haben und dann zum Schluss kommen, dass die Menschen ohne dritte Zähne öfter erkältet sind. Ich warne dennoch dringend davor, sich die ganze Kauleiste überarbeiten zu lassen, weil man keinen Schnupfen bekommen möchte. Es wäre nämlich genau so falsch gewesen, hätte der Stern getitelt: „Menschen ohne Zahnprothesen sind doppelt so oft krank wie Menschen mit Zahnprothesen“.“

3. Recherchen und Forschungsergebnisse
(djv.de)
Am 11. Januar hat der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in einer Pressemitteilung die Landesmedienanstalten davor gewarnt, RT Deutsch eine Rundfunklizenz zu erteilen, und bekam dafür in den sozialen Medien einigen Gegenwind. Die Position des DJV, dass es sich bei RT um ein Propagandainstrument des Kreml und nicht um ein journalistisches Informationsmedium handele, sei jedoch gut begründet und durch mehrere externe Quellen belegt (im Beitrag verlinkt).

4. Afrika, sprich
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert berichtet die freie Journalistin und Hörfunkkorrespondentin Bettina Rühl vom afrikanischen Kontinent, ob „über Kindersoldaten und Warlords, über Drogenhandel in Mali, das Foltersystem in Eritrea, über Elfenbeinschmuggel, die Geschäftemacherei reicher Kenianer mit den Slums im Land und die Terrorfinanzierung in Westafrika“, aber auch über positive, aufmunternde Geschichten. Die „SZ“ stellt die vielbeschäftigte und preisgekrönte Autorin vor.
Der passende Hörtipp dazu: „Der Blinde hilft dem Lahmen“, „Deutschlandfunk Kultur“, diesen Sonntag um 12:30 Uhr; „Hightech in Afrika“, SWR 2, 25. Januar um 8:30 Uhr.

5. Weshalb wollen Menschen nach schlaflosen Nächten mehr essen?
(meta-magazin.org)
Im „Wochenrückblick des Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Dieses mal dabei: Die Studie „Schlafmangel erhöht nicht via Hormonspiegel, sondern via Hirnaktivität die Lust auf fettiges Essen“ aus dem „Journal of Neuroscience“.

6. Youtube verbietet „Bird Box“-Clips
(faz.net)
Der Netflix-Thriller „Bird Box“ mit Sandra Bullock führte zu dem Internetphänomen #BirdBoxChallenge, in dem Menschen mit verbundenen Augen Alltagssituationen bewältigen, sich dabei filmen lassen und die Videos ins Netz stellen. Dabei ist es schon zu Unfällen und Verletzungen gekommen. Nun zieht Youtube die Reißleine und verbietet derartige Filme: „Auch wenn es unfair erscheint, das Posten von bestimmten Inhalten nicht zu gestatten, weil dies Zuschauer zu bestimmten Aktionen verleiten könnte, ziehen wir doch eine Grenze bei Inhalten, die Gewalt provozieren oder zu gefährlichen oder illegalen Handlungen aufrufen, bei denen ein Risiko für Leib und Leben besteht.“

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BILDblog-Klassiker

Rügen-Drama! Helene Fischer und das Killer-Kommando

Vergangene Woche hat der Presserat neben der Germanwings-Berichterstattung auch die „regulären“ Beschwerden bearbeitet und im Anschluss (zusätzlich zu den zwei Rügen, sechs Missbilligungen und neun Hinweisen zu Germanwings) sechs Rügen, 26 Missbilligungen und 27 Hinweise ausgesprochen.

Am fleißigsten unjournalistisch unterwegs waren mal wieder die „Bild“-Medien und die der Regenbogenpresse.

***

Eine Rüge bekam Bild.de für die Veröffentlichung eines Notruf-Mitschnitts aus den USA, in dem eine schwer verletzte Frau berichtet, dass sie schwanger sei und ihr der Bauch aufgeschnitten wurde:

(Inzwischen offline.)

Der Beschwerdeausschuss bewertete die Veröffentlichung als unangemessen sensationell (Verstoß gegen Ziffer 11):

Der über fünf Minuten lange Mitschnitt ermöglichte es den Hörern, am Leiden der Frau teilzunehmen. Ein Begleittext mit einer journalistischen Einordnung des Falls fehlte. Da die Frau auch mit Bild gezeigt wurde und sie bei dem Notruf ihren Vornamen, ihr Alter und ihre Adresse nennt, lag zudem eine Verletzung des Schutzes ihrer Persönlichkeit vor.

Dass ein Begleittext fehlte, ist übrigens so nicht ganz richtig. Im Video-Bereich von Bild.de erschien das Video zwar ohne eigenen Text, geschrieben hat das Portal über den Fall aber an anderer Stelle. Und da umso ausführlicher:


Darüber hat sich aber niemand beim Presserat beschwert.

„Bild“ und Bild.de erhielten außerdem fünf Missbilligungen.

Auf Bild.de war ein Artikel über einen Mann erschienen, der angeblich heimlich ein Mädchen gefilmt hatte und von dessen Vater daraufhin zu Tode geprügelt wurde. Im Artikel wurden beide Männer unverpixelt gezeigt, worin der Presserat einen Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) erkannte.

Ebenfalls gegen Ziffer 8 verstieß nach Ansicht des Presserats dieser Artikel:

… weil Bild.de die Gesichter der Opfer unverpixelt gezeigt hatte.

Auch in diesem Fall …

… verzichtete Bild.de auf eine Anonymisierung des Opfers, allerdings ist wohl davon auszugehen, dass eine Erlaubnis der Eltern vorlag (sie haben sich auch selbst von „Bild“ fotografieren lassen).

Eine Erlaubnis für das Zeigen des Täters hatte Bild.de aber offensichtlich nicht; der Presserat sprach erneut eine Missbilligung wegen Verstoßes gegen Ziffer 8 aus.

Missbilligt wurde zudem dieser Beitrag:

Das Video wurde zwar von der Mutter selbst veröffentlicht, dennoch erkannte der Presserat einen Verstoß gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde).

***

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Eine weitere Rüge sprach der Presserat gegen die „Ludwigsburger Kreiszeitung“ aus. Das Blatt hatte eine Polizeimeldung über einen Trickdiebstahl veröffentlicht. Darin stand, dass die Verdächtigen „vermutlich Sinti oder Roma“ seien. Der Beschwerdeausschuss bewertete das als diskriminierend und als „einen schwerwiegenden Verstoß gegen Ziffer 12 in Verbindung mit Richtinie 12.1 des Pressekodex“, in der steht:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Dieser Bezug fehlte nach Ansicht des Presserats in diesem Fall.

***

Ebenfalls gerügt wurde die „Märkische Allgemeine“. Die Zeitung hatte drei Beiträge veröffentlicht, in denen den Lesern jeweils ein bestimmtes Produkt vorgestellt wurde (Notizbuch, Haarpflegemittel, Raumspray), inklusive Produktfotos und Preisnennung. In einem Fall wurde der vorgestellte Artikel zudem als „Wundermittel“ bezeichnet. Der Beschwerdeausschuss sah durch diese Angaben die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 überschritten.

***

Alle weiteren Rügen gingen diesmal wieder an die Regenbogenpresse.

Unter anderem an „Das neue Blatt“. Das Heft aus dem Bauer-Verlag hatte im vergangenen Jahr getitelt:

Die Geschichte ging so: Neulich ist mal eine Artistin im Düsseldorfer Varieté aus vier Metern Höhe gestürzt und hat sich verletzt. Helene Fischer macht bei ihrer Tour auch ein paar Kunststücke in luftiger Höhe. Ende.

Oder wie „Das neue Blatt“ zusammenfasst:

Sie will überraschen, das Publikum begeistern: Für ihre Fans gibt Helene Fischer alles! Dabei ist die Gefahr, sich zu verletzen oder dass Schlimmeres passiert, groß, wie ein schwerer Unfall zeigt. […] Ob Helene nach diesem Drama vernünftig wird?

Auch der Presserat wertete die Darstellung auf der Titelseite und in der Schlagzeile als „bewusst irreführend“ und als Verstoß gegen die Ziffern 1 (Wahrhaftigkeit) und 2 (Sorgfalt).

***

Gleich zwei Rügen (ebenfalls wegen Verstößen gegen die Ziffern 1 und 2) kassierte der „Alles Gute Verlag“ — für einen identischen Artikel in zwei verschiedenen Heften. Beide hatten getitelt:


Diese Mehrfachverwurstung ist in der Regenbogenpresse übrigens üblich.

Die Informanten für die Story sind angeblich irgendwelche „Palastinsider“, die angeblich „von einer ausgewachsenen Depression“ bei Norwegens Prinzessin sprechen. Belege für eine tatsächliche Erkrankung liefern die Blätter nicht.

Das Foto auf dem Titel haben die Redaktionen noch dazu komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Ja, sie weint auf dem Foto, aber nicht wegen der angeblichen „Schock-Diagnose“, sondern weil sie um die 77 Opfer trauert, die bei den Anschlägen in Norwegen am 22. Juli 2011 ums Leben kamen. Darunter auch Mette-Marits Stiefbruder, der auf der Insel Utøya erschossen wurde.

Die Fotos wurden bei einer Trauerfeier aufgenommen und werde seitdem immer wieder von den Regenbogenredaktionen missbraucht, um ihre Lügengeschichten zu illustrieren.

Apropos. Die „Freizeit direkt“ aus dem Deltapark-Verlag sieht zurzeit so aus:

Und der „Alles Gute Verlag“ hat seinen soeben doppelt gerügten Artikel einfach noch ein drittes Mal rausgejagt. Die aktuelle „Freizeit heute“ sieht so aus:

Zu den Mitteilungen des Presserats

Blick  

„Blick“ macht 15-Jährigen zum Dopingsünder

Der „Blick“ (die „Bild“-ähnliche Journalismusattrappe aus der Schweiz) hat in seiner Ausgabe vom vergangenen Sonntag mehrere Seiten zum Thema Doping gebracht. Darunter auch eine Liste mit den derzeit gesperrten Schweizer Sportlern, auf der auch ein gewisser Lukas Stettler vom FC EDO Simme steht (zwei Jahre Sperre wegen des Besitzes von Anabolika).

Schon kurz nach der Veröffentlichung meldete sich jener FC EDO Simme und erklärte, die Behauptung sei Quatsch:

Weder dem FC EDO Simme 1977 noch dem Spieler selbst, liegen solche Informationen vor. (…) Es handelt sich hierbei um eine Zeitungsente.

Wenig später erfuhr der Verein dann auch, wie es dazu gekommen war: Der Verfasser des „Blick“-Artikels gab an, er sei zunächst von der offiziellen Liste der gesperrten Sportler auf antidoping.ch ausgegangen.

Diese Liste gibt es tatsächlich. Allerdings gibt sie keinen Aufschluss über die Vereinszugehörigkeit:

Eintrag auf der Liste: Lukas Stettler, Verstoß: Besitz von Anabolika, Sperre: 16.07.2015-16.07.2017

Also was tat der „Blick“-Journalist? Er recherchierte. Heißt: Er googelte den Namen. In den Suchtreffern stieß er auf den FC EDO Simme. Zack, Recherche beendet.

Aus dem Blick-Artikel: 'Aktuell sind 15 Schweizer Sportler gesperrt' - darunter: 'Lukas Stettler (FC EDO Stimme), Besitz von Anabolika, 16.7.2015-16.7.2017'

Hätte er noch zehn Sekunden weitergesurft, wäre er allerdings darauf gestoßen, dass jener Lukas Stettler vom FC EDO Simme in der B-Jugend spielt und erst 15 Jahre alt ist, und vielleicht hätte er dann geahnt, dass er sich hier um den falschen Spieler handelt.

In Wahrheit trifft die Sperre nämlich den 22-jährigen Lucas Stettler von einem ganz anderen Verein.

Der Vorsitzende des FC EDO Simme erklärte uns, es sei „unannehmbar“, dass sein Verein mit Doping in Verbindung gebracht werde.

Dass aber ein 15-Jähriger, der aktuell auf Lehrstellensuche ist, dermaßen verunglimpft werden kann, ist eine Frechheit sondergleichen.

Immerhin hat der „Blick“ heute eine Korrektur abgedruckt.

Mit Dank an Samuel G.

Pistenbully-PR-Gag, Olympia im Privaten, Regenbogen-Klon

1. Pistenbully auf Abwegen war PR-Aktion
(ndr.de, Jörg Jacobsen)
Ein LKW-Fahrer mit einem Bully für Schneepisten auf der Ladefläche fährt nach Seefeld (Schleswig-Holstein) statt nach Seefeld (Tirol). Haha, hihi, große Freude auf den Panorama-Seiten von Zeitungen und Online-Portalen. Jetzt zeigt sich: War alles nur eine PR-Aktion, und viele Medien sind drauf reingefallen. Manchen Redaktionen kann man durchaus Vorwürfe machen, weil sie die Story zu leichtgläubig aufgeschrieben haben; anderen aber nicht: Sie haben recherchiert, bei den zuständigen Personen nachgefragt — und die blieben frech bei ihrer Mogelgeschichte. Auch die „dpa“ ist auf den PR-Gag reingefallen und nun selbstkritisch der Angelegenheit nachgegangen.

2. Die dunkle Seite der Macht
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
Die Geschichte zu dieser Geschichte geht zusammengefasst so: Nach der Wahl von Donald Trump lässt der Mediendienst „Meedia“ unter anderem „Weltwoche“-Boss und Rechtsaußen-Politiker Roger Köppel die Leistung deutscher Medien bewerten. Überschrift: „‚Am schlimmsten ist der Spiegel‘: Weltwoche-Chef Köppel rechnet mit deutscher Trump-Berichterstattung ab“. Gestern antwortete „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer und schoss gegen Medienkritik im Allgemeinen und „Meedia“ im Speziellen: „Köppel zu Blättern wie dem SPIEGEL oder der ‚Süddeutschen‘ zu befragen, ist in etwa so, als ob man eine katholische Nonne bitten würde, Herrenmagazine zu rezensieren.“ Daraufhin meldete sich „Meedia“-Chef Georg Altrogge: „Leider gibt es zu ‚positiver Berichterstattung‘ über den Spiegel aktuell wenig Anlass, und genau das scheint der Grund zu sein, warum die Nerven in der Chefredaktion blank liegen.“ Das Popcorn steht bereit.

3. Was ARD und ZDF mit den gesparten Olympia-Ressourcen machen müssen
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Die Olympischen Sommer- und Winterspiele 2018 bis 2024 wird es nicht live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen geben. „Für ARD und ZDF sieht das Scheitern der Verhandlungen auf den ersten Blick natürlich aus wie eine Niederlage“, schreibt Hans Hoff, doch: „Richtig ist aber auch, dass ARD und ZDF weiter über Probleme hinter den Kulissen berichten können, berichten müssen. Das ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und vielleicht gelingt die Erfüllung dieses Auftrags noch ein Stückchen besser, wenn man nicht abgelenkt ist, weil man nebenbei noch die Übertragung stemmen muss.“

4. Die Lügner sind immer die anderen
(deutschlandradiokultur.de, Nana Brink & Mark Heywinkel, Audio, 6:26 Minuten)
Mal poltern sie heftig gegen Hillary Clinton, mal geben sie Tipps, welche Waffen man am besten an Weihnachten verschenken kann: Die Website „Breitbart“ ist eines der großen Sprachrohre der sogenannten „Alt-Right“-Bewegung in den USA, „Breitbart“-Chef Steve Bannon inzwischen Chefstratege von Donald Trump. „Ze.tt“-Redakteur Mark Heywinkel hat eine Woche lang „Breitbart“ gelesen. Bei „Deutschlandradio Kultur“ erzählt er, was er dort entdeckt hat.

5. Bürgerjournalismus belebt das Mediensystem
(de.ejo-online.eu, Tobias Eberwein & Colin Porlezza)
Graswurzeljournalismus, Laienberichterstattung, Jekami-Journalismus („Jeder kann mitmachen“) — das war vor einigen Jahren ein großes Thema, verbunden mit einigen Hoffnungen für die Medienbranche. Tobias Eberwein und Colin Porlezza haben geschaut, wie es heute „in sechs europäischen Ländern“ beim digitalen Bürgerjournalismus ausschaut. Ihre Studie zeigt: Zur Medienvielfalt habe er zwar beigetragen, die einst prophezeite Revolution von unten sei allerdings weitgehend ausgeblieben.

6. Wunderheilung durch Wiederholungsdrama
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Die große Titelgeschichte des zweimonatlich erscheinenden Regenbogenblatts „Freizeit Total“ im Dezember/Januar: „Familien-Drama“. Im Februar/März: „Familien-Drama“. Im April/Mai: „Schock-Nachricht“. Im Juni/Juli: „Familien-Drama“. Im August/September: „Familien-Drama“. Im Oktober/November: „Familien-Drama“. Erkennen Sie ein Muster?

Spiegel Daily, Kristallkugel Demoskopie, Martenstoned

1. Erste Details zu „Spiegel Daily“
(horizont.net, Ulrike Simon)
Der „Spiegel“ will in den nächsten Monaten die digitale Tageszeitung „Spiegel Daily“ starten. Ulrike Simon liefert erste Einblicke in das redaktionelle Konzept, das mehrstufige Abomodell und das Zusammenspiel mit „Spiegel Online“. Die offizielle Pressemitteilung dazu gibt es hier. Projektbeteiligter Cordt Schnibben schildert auf seiner Facebookseite die Entstehungsgeschichte der Idee vom ersten Prototypen bis heute. Und kann sich einen Seitenhieb auf seinen ehemaligen Chefredakteur nicht verkneifen.

2. „Eine beeindruckende Gestalt“
(sueddeutsche.de, Evelyn Roll)
Der Publizist Jürgen Todenhöfer ist seit kurzem Herausgeber des „Freitag“. Chefredakteur Jakob Augstein erklärt, warum. Die Zuweisung „umstritten“ in der Eingangsfrage will er nicht so stehen lassen: „Sie sagen, er sei umstritten. Das ist doch interessant – dem arrivierten Medienbetrieb ist ausgerechnet ein Mann suspekt, der nicht vom Schreibtisch aus urteilt, sondern sich selbst ein Bild macht. Eine sonderbare Umkehrung. Die meisten von uns haben ihre Informationen aus dem Netz oder aus dem Fernsehen und verlassen sich blind darauf. Aber jemand, der es selber wissen will, der sich Mühen und Gefahren der Reise und der Recherche aussetzt, der ist uns verdächtig.“

3. Ist das zu viel des Trump? Nein.
(udostiehl.wordpress.com)
Muss wirklich jeder Schritt des neuen amerikanischen Präsidenten auseinandergenommen werden? Auf jeden Fall und mit aller Konsequenz, findet Udo Stiehl: „Es dauert vielleicht jetzt etwas länger, bis ein ausgewogener und verlässlicher Artikel geschrieben ist, oder ein entsprechender Fernseh- oder Hörfunkbeitrag. Das kostet Zeit und Kraft. Aber das dürfen unsere Zuschauer, Hörer und Leser wohl auch erwarten von uns.“

4. „Regierung ist nicht die Instanz“
(taz.de, René Martens)
Die Bundesregierung plant, gesetzlich gegen sogenannte Fake News vorzugehen. Im Gespräch ist auch ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“. Der Rechtswissenschaftler und emeritierter Professor für öffentliches Recht Karl-Heinz Ladeur warnt vor solchen staatlichen Maßnahmen und regt die Einrichtung privater Schiedsgerichte an.

5. Die Kristallkugel
(de.ejo-online.eu, Thomas Petersen)
Thomas Petersen ist Privatdozent an der TU Dresden und arbeitet als Projektleiter am „Institut für Demoskopie Allensbach“. In seinem Beitrag erklärt er, was Demoskopie leisten kann und was nicht. Umfrageforscher würden viel zu oft als Wahrsager wahrgenommen werden. Für ihn ist das nichts: „Wenn mir das nächste Mal wieder ein Journalist die Kristallkugel entgegenhält mit der Aufforderung, hineinzuschauen, sollte ich sie vielleicht gleich an ihn weiterreichen.“

6. Über Flüchtlinge, Autos, Wohlbefinden und Todesgefahren.
(herrfischer.net, Tin Fischer)
Tin Fischer hat die neueste Martenstein-Kolumne im Zeit-Magazin gelesen („Opferzahlen und Gewissensfragen“). Darin fragt Martenstein „Würden Sie Ihr Leben opfern, um 20 Flüchtlinge zu retten?“ Fischer kam ins Grübeln und hat sich in die offiziellen Zahlen eingearbeitet. Abgesehen davon, dass die Martenstein-Zahl angreifbar ist, kommt Fischer zu dem Schluss, dass die größte Bedrohung für sein Leben, die direkt von anderen Leuten ausgeht, laut „Todesursachen“-Rubrik des Statistischen Bundesamtes Autos und LKWs seien. Also dreht er die Argumentationsrichtung: „Ich will Harald Martenstein nicht unterstellen, dass er mit seinem Auto nur durch Berlin fährt, um an einer Kreuzung mal eben schnell rechts abzubiegen, wenn er mich mit meinem Fahrrad im Rückspiegel sieht. Aber sagen wir es so: er nimmt es zumindest ein klein wenig in Kauf, mich allenfalls umzubringen.“

WDR  

WDR verbreitet wilde Wilders-Verschwörung

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Zum Beispiel die Hetze gegen den Islam und die Hassparolen, die der niederländische Politiker bei seinen Auftritten immer wieder verbreitet. Er will den Koran verbieten, Moscheen schließen, früher wollte Wilders auch mal eine Steuer auf Kopftücher einführen. Dennoch könnte der Rechtspopulist mit seiner „Partei für die Freiheit“ (PVV) bei der heutigen Parlamentswahl stärkste Kraft in den Niederlanden werden (auch wenn die PVV, aufgrund der zersplitterten Parteienlandschaft des Landes, dabei vermutlich nicht mal 20 Prozent der Stimmen bekommen wird).

Anlässlich der Wahl im Nachbarland hat der WDR vor einer Woche die Dokumentation „Holland in Not — Wer ist Geert Wilders?“* gezeigt:

Der 44-minütige Film ist zum größten Teil schon einige Jahre alt, er basiert auf einem längeren BBC-Beitrag von 2011. Vereinzelt sind neu gedrehte Passagen dazwischen geschnitten, nur selten wird so richtig klar, welche Aufnahmen nun aktuell sind und welche nicht.

Obwohl die meisten Szenen bereits einige Jahre alt sind, ist die Dokumentation über weite Strecken ganz interessant. Reporter Joost van der Valk spricht mit Wilders-Anhängern, begleitet sie beim PVV-Flyer-Verteilen, folgt dem Politiker zu Wahlkampfveranstaltungen.

Im letzten Drittel des Films gibt es allerdings neun Minuten (ab Minute 29:21) zu sehen, die ausgesprochen seltsam und problematisch sind: Auf einmal geht es nicht mehr um Geert Wilders‘ politische Forderungen oder seine Auftritte. Der Beitrag beleuchtet plötzlich Wilders‘ Verbindungen zum Judentum, zu jüdischen Geldgebern und zu Israel. Van der Valk und der WDR setzen verschiedene Versatzstücke so zusammen, dass der Zuschauer am Ende die vermeintliche Enthüllung sehen könnte: Geert Wilders‘ Kampf gegen den Islam sei eigentlich der Kampf Israels gegen den Islam. Hinter Wilders Islam-Hetze steckten die Juden.

Aus allen möglichen Ecken schnappt sich der Film Hinweise auf angebliche oder tatsächliche Verbindungen: Wilders‘ Großmutter sei Jüdin gewesen, seine Frau sei Jüdin, er selbst habe häufig das israelische Konsulat in Den Haag besucht. Außerdem habe Wilders, der eindeutiger Israel-Unterstützer ist, als junger Mann ein Jahr in dem Land gelebt. Joost van der Valk reist sogar dorthin, um nach Spuren und Verbindungsleuten von Geert Wilders zu suchen.

In den Niederlanden spricht der Reporter mit einem Anhänger der „Jewish Task Force“, einer extremen kahanistischen Organisation, der bekennender Wilders-Wähler ist:

Außerdem besucht van der Valk Chaim Ben Pesach in den USA, der auch Victor Vancier heißt und Gründer der „Jewish Task Force“ ist:

Chaim Ben Pesach saß mehrere Jahre im Gefängnis, weil er an 18 Sprengstoffanschlägen beteiligt war. Das war seine Art des Protests gegen den Umgang der Sowjetunion mit Juden. Diese Haftstrafen erwähnt auch der WDR-Beitrag. Und es wird schnell klar, dass dieser Terrorist Geert Wilders ebenfalls bewundert. Der Subtext dabei: Wenn selbst diese zwei jüdischen Extremisten Wilders toll finden, dann muss doch auch der niederländische Politiker jüdischer Extremist sein — als wäre es möglich, sich all seine Anhänger auszusuchen.

Dazu kommen zwei Unterstützer, die Wilders finanziell geholfen haben und die der WDR-Beitrag nun als eine Art Beleg für die Verbindung des niederländischen Politikers zu jüdischen Geldgebern in den Raum wirft: Daniel Pipes übernahm mit seinem „Middle East Forum“ Kosten in sechsstelliger Höhe, die bei einem Prozess gegen Wilders angefallen waren. Mit dem „David Horowitz Freedom Center“ gebe es „einen weiteren großen amerikanischen Sponsor“. Horowitz stammt genauso wie Pipes aus einer jüdischen Familie.

Der dämlichste Aspekt zur Verbindung von Geert Wilders nach Israel, der in der WDR-Dokumentation genannt wird, ist dieser hier:

Wenn man Geert Wilders und Israel im Internet sucht, ergibt das über eine halbe Million Einträge.

Wenn man WDR und Fake News bei Google sucht, ergibt das 370.000 Einträge, was genauso wenig aussagt wie das Suchergebnis im WDR-Beitrag. Dort wird es aber als weiteres Indiz genannt, dass irgendwie irgendwas zwischen Geert Wilders und Israel laufen könnte.

Und auch die Auswahl der Bilder für den Beitrag unterstützt den Eindruck möglicher Seilschaften. Bei der Überleitung zu den Finanziers aus den USA ist ein religiöser Jude auf New Yorks Straßen zu sehen:

Es wird ein altes Foto von Geert Wilders ausgegraben, das ihn mit Kippa vor der Klagemauer zeigt:

Sein Gesicht wird vor eine israelische Flagge montiert:

All die Punkte, die in den neun Minuten der WDR-Dokumentation vorkommen, sind mehr oder weniger starke Indizien, die auch in klassische Verschwörungstheorien zur jüdischen Weltherrschaft passen könnten. Klischees werden bedient. Es fehlt eigentlich nur noch die Andeutung einer Verbindung zur Familie Rothschild.

An keiner Stelle behauptet der Beitrag konkret, dass Geert Wilders in irgendeinem Auftrag oder als Marionette handele. Dem Zuschauer wird alles immer nur als interessante Information präsentiert, über die man sich ja mal Gedanken machen könnte. Das Zusammenführen der einzelnen Puzzleteile überlässt Joost van der Valk dem muslimischen Prediger Scheich Khalid Yasin. Im WDR-Beitrag wird Khalid Yasin als „muslimischer Lehrer“ eingeführt, der bei jungen Muslimen extrem beliebt sei und sich gegen radikale Ideen einsetze. Dabei fällt er tatsächlich immer wieder mit hasserfüllten Aussagen auf, gegen Nichtgläubige, gegen Andersgläubige, gegen Homosexuelle. Nachdem die BBC den Beitrag im Februar 2011 gezeigt hatte, gab es eine Beschwerde, in der es auch um die Rolle von Khalid Yasin ging:

Complaint
A viewer complained that the programme was biased against Geert Wilders, inaccurately portrayed him as guilty of wrongdoing, and misleadingly portrayed Sheikh Khalid Yasin as someone engaged in de-radicalising youth whereas he is known to hold and preach extreme views.

Outcome
The programme was neither biased nor inaccurate in relation to Geert Wilders, but did give the misleading impression that Sheikh Khalid Yasin was a man of moderate views.
Partly upheld

Als Konsequenz beschloss der Sender:

the programme will not be re-broadcast without appropriate editing.

Dieses „appropriate editing“ hat sich der WDR offenbar geschenkt. In der Doku vom vergangenen Mittwoch darf Khalid Yasin über Wilders und den „modernen Zionismus“ sagen:

„Ich glaube, er hat die Idee des modernen Zionismus begriffen und angenommen. Er benutzt den modernen Zionismus, um die gleichen Ansichten über Muslime und über den Koran zu verbreiten, die sich die Juden in Israel nicht trauen zu sagen. Aber Herr Wilders kann ihnen einen Gefallen tun. Er kann außerhalb Israels die Palästinenser so charakterisieren, wie es die Zionisten tun, um ihre Macht zu rechtfertigen. Herr Wilders kann den Islam auf die gleiche Weise beschreiben.“

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Die Vermutung, dass eine jüdische Verschwörung hinter seinen Parolen stecken könnte, gehört nicht dazu.

Mit Dank an @bjoernstritzel für den Hinweis!

Nachtrag, 19:06 Uhr: Der WDR hat inzwischen bei Twitter auf eine kritische Nachfrage von @hanvoi reagiert:

*Nachtrag, 16. März: Obwohl der WDR gestern noch schrieb, dass der Film „grundsätzlich nicht zu beanstanden“ sei (siehe Nachtrag weiter oben), hat der Sender ihn aus der Mediathek genommen:

Hinweis
Der Film ist derzeit aus redaktionellen Gründen nicht abrufbar.

Nachtrag, 17. März: Gestern Abend äußerte sich die WDR-Presseabteilung bei Twitter erneut zu dem Fall:

Die WDR-Dokumentation über Geert Wilders ist inzwischen also wieder online, allerdings knapp vier Minuten kürzer als noch vor zwei Tagen. Die Aussagen des Hass-Predigers Khalid Yasin wurden komplett rausgeschnitten. Außerdem hat der Sender einen Hinweis hinzugefügt, der in weiten Teilen dem Tweet von gestern ähnelt: