„Aber immer noch frei!“

Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Champion Barrow zogen, soweit wir wissen, nie durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt), und auch sonst ist der Vergleich mit dem mordenden US-Duo, den die „Bild“-Redaktion im ersten Absatz ihrer heutigen Titelgeschichte zieht, recht gewagt:

Wie Bonnie & Clyde zogen Peggy N. (39) und ihr Freund (41) durch Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Sie lebten als Mietnomaden, begingen Einbrüche und räumten Briefkästen leer. Die Polizei wies dem drogensüchtigen Duo 640 Straftaten in 18 Monaten nach — und ließ es wieder laufen!

Nein, auch wenn „Bild“ den Eindruck erwecken mag: „und ließ es wieder laufen“ bedeutet nicht, dass sich die Angelegenheit für das Paar damit erledigt hat. Es bedeutet nicht, dass Peggy N. und ihr Freund trotz der vielen mutmaßlichen Straftaten (größtenteils wohl Beschaffungskriminalität) straffrei bleiben. Es bedeutet erstmal nur, dass sie nicht in Untersuchungshaft sitzen.

Das wird auf der „Bild“-Titelseite noch nicht ganz klar:

Ausriss Bild-Titelseite - Verbrecher-Paar aus Magdeburg - 640 Straftaten, aber immer noch frei! Und die Polizei hilft auch noch bei Behördengängen

Auf Seite 6 im Blatt wird „Bild“ immerhin konkreter:

Ausriss Bild-Zeitung - 640 Straftaten, keine U-Haft! Polizisten helfen Intensivtätern bei lästigen Behördengängen

Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Warum das Paar nicht in U-Haft sitzt? Unklar!

So „Unklar!“ dürfte es aber gar nicht sein.

Die U-Haft dient der Durchführung von Strafverfahren. Sie dient nicht der Strafe. Und sie hat hohe Anforderungen, schließlich geht es darum, jemanden ohne ein Urteil ins Gefängnis zu stecken. „Ihr Vollzug ist die ultima ratio; der Erlass eines Haftbefehls muss sich an den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Unschuldsvermutung messen lassen“, erklärt uns Strafverteidiger Carsten Hoenig. Zur Untersuchungshaft komme es nur, „wenn gar nichts mehr anderes geht“.

In den Paragraphen 112 und 112a der Strafprozessordnung ist geregelt, wann es soweit ist und wann nicht: Besteht Flucht- oder Verdunkelungsgefahr (§112)? Wenn nicht: Besteht Wiederholungsgefahr (§112a)? Wenn auch nicht: keine U-Haft. Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten wollte sich uns gegenüber zwar nicht zum konkreten Fall äußern, sagte aber, dass die Staatsanwaltschaft Magdeburg immer prüfe, ob eine dieser Gefahren besteht. Und dass sie keinen Haftbefehl beantrage, wenn keine davon vorliegt.

Es kann auch sein, dass es einen Haftbefehl gibt, dieser aber gegen Auflagen ausgesetzt wurde. Eine solche Auflage könnte zum Beispiel darin bestehen, so Strafverteidiger Hoenig, „dass die Beschuldigte sich in Therapie begibt, um auf diesem Wege die Wiederholungsgefahr zu minimieren beziehungsweise zu beseitigen.“ Das könne er ohne Akteneinsicht aber natürlich nicht sicher sagen.

Das Polizeirevier Magdeburg hat eine Pressemitteilung zu dem Fall herausgegeben, aus der auch „Bild“ zitiert. Darin steht unter anderem:

Mit der Beschuldigten konnten eingehende Gespräch zu ihrem Lebenswandel geführt werden. Ebenso erhielt sie von den Beamten unterstützten bei Ämtergängen. Auch wurde innerhalb ihres sozialen Umfelds vermittelt, um ein erneutes in Erscheinung treten zu verhindern. Der beschuldigte 41-jährige wies solche Maßnahmen zurück.

Das klingt zumindest bei Peggy N. wie ein Versuch, die Wiederholungsgefahr zu minimieren.

Nicht, dass er es sich wünsche, sagt Strafverteidiger Carsten Hoenig noch, aber mit anderen Argumenten hätte man vielleicht auch eine Inhaftierung vertreten können: „Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Haftrichter bereits die Fluchtgefahr bejahen könnte — wegen der Höhe der zu erwartenden Strafe, die einen Fluchtanreiz bieten könnte.“

Es sind also nicht ganz einfache, aber ziemlich normale rechtsstaatliche Vorgänge und Fragen, um die es bei der Untersuchungshaft geht. Es ist auf jeden Fall nicht das große Ärgernis, das „Bild“ daraus macht.

Mehr zu den Schwierigkeiten der „Bild“-Redaktion mit der Untersuchungshaft:

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Asylbewerber vs. „Bild“, Google-Geld, Doku-Komparsen üblich?

1. Asylbewerber gegen Springer
(taz.de, Markus Kowalski)
„Abgeschoben, Einreisesperre, illegal zurück und trotzdem Stütze“ — so schrieb „Bild“ auf der Titelseite über den Asylbewerber Alassa M. Gegen die seiner Ansicht nach falsche Berichterstattung geht M. nun mit Hilfe eines Anwalts vor, der den „Bild“-Artikel als „mediale Hetze“ bezeichnet (BILDblog berichtete): „Meiner Meinung nach hat der Artikel eine Pranger-Wirkung, die die Persönlichkeitsrechte meines Mandanten verletzen.“ Die „Bild“-Redaktion hatte außerdem die Karlsruher Flüchtlingsunterkunft gezeigt, in der M. lebt. Nun habe M. Angst, dass er dort angegriffen werde.

2. Auch Überflieger können abstürzen
(medienwoche.ch, René Zeyer)
Das crowdfinanzierte Online-Medium „Republik“ legte vor etwa einem Jahr einen spektakulären Start hin: Rund 16.000 Abonnenten und Spender sorgten dafür, dass die Neugründung mit knapp sieben Millionen Euro Anfangskapital ausgestattet war. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass das Projekt bei weitem kein Selbstläufer ist. René Zeyer hat sich angeschaut, wie es bei „Republik“ und den anderen Online-Medien läuft.

3. Geld von Google ist nicht die Lösung: Die Presse muss sich durch Kunden finanzieren
(nzz.ch, Ronnie Grob)
Die Schweizer Verleger wollen Google mit dem Leistungsschutzrecht zur Kasse zu bitten. Ronnie Grob sieht darin mittel- bis langfristig nicht die Lösung: „Mit Gratisinhalten werden sich im Internet auf lange Frist womöglich nur einige wenige Firmen mit Werbung refinanzieren können. Die Schweizer Verleger sollten vielmehr damit beginnen, konsequent Geld zu verlangen für die eigentliche Leistung, die ihre Journalisten erzeugen, den Journalismus. Hören sie damit auf, gegenüber der Werbewirtschaft zufälligen Traffic zu verkaufen, können sie neu jene klar umrissene Gruppe bewerben, die bereit ist, ein Abonnement zu lösen. Diese zahlenden Leser sind treue, interessierte, aufmerksame Kunden und keine herangespülten Zufallsleser, die sowieso nicht bereit sind, Geld auszugeben.“

4. Die verlogene David-Berger-PR des WDR und seine ärgerliche Homophobietradition
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Der WDR ist in den sozialen Medien für die Entscheidung kritisiert worden, David Berger zu den „Tischgesprächen“ einzuladen, und hat sich dafür mit einer Stellungnahme verteidigt. Johannes Kram hat dem WDR daraufhin einen offenen Leserbrief geschrieben: „(…) selbst, wenn Ihr denkt, Euch hier auf die Seite von Berger schlagen zu müsssen und in seiner Ankündigung dessen Täter-Opfer-Umkehr-Rethorik übernimmt, in dem ihr so tut, als würde man ihn für seinen „Mut“ kritisieren und nicht für seinem Hass (merkt Ihr nicht, welchem populistischem Narrativ Ihr hier aufgesessen seid?); selbst wenn Ihr das rassistische, homophobe und islamfeindliche Geschreibsel wirklich nicht für rassistisch, homophob und islamfeindlich haltet, warum teilt Ihr dann Euren HörerInnen nicht wenigstens mit, was das eigentlich ist, was ihm da vorgeworfen wird?“
Zum Hintergrund: Wie ein schwuler Theologe zum Sprachrohr von AfD, IB und Co. wurde (belltower.news, Stefan Lauer).

5. Offener Brief an Online-Redaktionen und Journalisten
(facebook.com/ichbinhierDerVerein, Alex Urban)
Die Aktionsgruppe #ichbinhier wendet sich mit einem offenen Brief an Online-Redakteure von reichweitenstarken Facebookseiten: „Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?“

6. „Quote wollen sie dann nämlich schon immer gern“
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Der WDR hat sich von einer Autorin getrennt, die wegen drei Dokus in die Kritik geraten war, in denen unter anderem Komparsen eingesetzt wurden. Die Autorin hat das Vorgehen, bei Dokus und Reportagen auf Komparsen zurückzugreifen, gegenüber der „SZ“ verteidigt: „Das ist üblich. Viele TV-Sender und Produktionsfirmen suchen ihre Protagonisten bei komparse.de.“ Sie sei seit 25 Jahren „gut im Geschäft“ und habe nicht gewusst, dass das laut ihrer Aussage branchenübliche Vorgehen der Komparsenanheuerung beim WDR nicht geduldet werde.

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Bild  

Hilfe!

Die „Bild“-Titelseite von heute:

Ausriss Bild-Titelseite - Wolfgang Schäuble fordert - Männer sollen mehr im Haushalt helfen - putzen, kochen, bügeln

Die Wahl des Wortes „helfen“ ist interessant. Es impliziert: Die Aufgabe liegt hauptsächlich bei den Frauen, die Männer kommen als Helfer dazu. Die helfenden Männer sollen im Haushalt zwar auch einen Teil übernehmen, aber eben nur übernehmen, was normalerweise Frauen zu erledigen haben. Das mag als Zustandsbeschreibung passen, es taugt aber nicht als Forderung im Sinne einer Gleichberechtigung.

Die Wahl des Wortes „helfen“ kam nicht, wie man beim Blick auf die „Bild“-Titelseite denken könnte, von Wolfgang Schäuble, sondern von der „Bild“-Redaktion. Schäuble sagte gestern in seiner Begrüßungsansprache zur Feierstunde „100 Jahre Frauenwahlrecht“:

Bei aller Auseinandersetzung um die richtigen Mittel und Wege zur tatsächlichen Gleichstellung werden wir um eine Erkenntnis wohl nicht herum kommen: Dass wir die für unsere Gesellschaft unverzichtbaren Tätigkeiten, die auch heute noch ganz überwiegend Frauen unbezahlt verrichten, anders aufteilen müssen: Kindererziehung, Hausarbeit, Pflege. Eine weithin akzeptierte Erkenntnis, an deren Umsetzung Männer gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden müssen. Erst wenn Frauen und Männer wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten, ist das Ziel erreicht. Die Geschichte der Emanzipation von Frauen lehrt: es könnte noch ein längerer Weg sein. Aber mit Blick auf die starken, selbstbewussten Frauen, die wir in diesem Land haben, ist mir um den Erfolg nicht bange.

Kein „helfen“, dafür „anders aufteilen“. Das klingt schon deutlich mehr nach Gleichberechtigung.

Mit Dank an @rinaliebt für den Hinweis!

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Scripted-WDReality, Veganer Unsinn, Youtube verbietet #BirdBoxChallenge

1. Scripted-Reality-Methoden bei WDR-Vorzeige-Dokus?
(uebermedien.de, Ralf Heimann)
Bei den Reality-Soaps der Privatsender wie Vox, Kabel eins, Pro Sieben oder RTL 2 erwarten wohl die Wenigsten Wahrhaftigkeit und Akkuratesse. Schließlich weiß man, dass derlei Trash-Formate gescriptet und relativ lieblos mit Schauspielern runtergedreht werden. Dokumentationen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben in dieser Hinsicht einen anderen Anspruch. Umso schlimmer, wenn sich nun herausstellt, dass dort mit denselben Methoden gearbeitet wurde. Ralf Heimann berichtet von den verstörenden Seltsamkeiten bei der preisgekrönten WDR-Reihe „Menschen hautnah“.

2. Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten
(graslutscher.de)
Gemäß einer britischen Studie sollen Veganer in Großbritannien doppelt so oft krank sein wie ihre nicht-veganen Kollegen. Das behauptet jedenfalls der „Stern“ in seiner Onlineausgabe. Der Blogger „Graslutscher“ hält das Ganze für eine Räuberpistole, die dicht an „Fake News“ rankäme. Das Ganze hat, wie so oft, mit einer Verwechslung von Kausalität und Korrelation zu tun: „Ebenso gut hätte man also festhalten können, welche Probanden dritte Zähne haben und dann zum Schluss kommen, dass die Menschen ohne dritte Zähne öfter erkältet sind. Ich warne dennoch dringend davor, sich die ganze Kauleiste überarbeiten zu lassen, weil man keinen Schnupfen bekommen möchte. Es wäre nämlich genau so falsch gewesen, hätte der Stern getitelt: „Menschen ohne Zahnprothesen sind doppelt so oft krank wie Menschen mit Zahnprothesen“.“

3. Recherchen und Forschungsergebnisse
(djv.de)
Am 11. Januar hat der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in einer Pressemitteilung die Landesmedienanstalten davor gewarnt, RT Deutsch eine Rundfunklizenz zu erteilen, und bekam dafür in den sozialen Medien einigen Gegenwind. Die Position des DJV, dass es sich bei RT um ein Propagandainstrument des Kreml und nicht um ein journalistisches Informationsmedium handele, sei jedoch gut begründet und durch mehrere externe Quellen belegt (im Beitrag verlinkt).

4. Afrika, sprich
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert berichtet die freie Journalistin und Hörfunkkorrespondentin Bettina Rühl vom afrikanischen Kontinent, ob „über Kindersoldaten und Warlords, über Drogenhandel in Mali, das Foltersystem in Eritrea, über Elfenbeinschmuggel, die Geschäftemacherei reicher Kenianer mit den Slums im Land und die Terrorfinanzierung in Westafrika“, aber auch über positive, aufmunternde Geschichten. Die „SZ“ stellt die vielbeschäftigte und preisgekrönte Autorin vor.
Der passende Hörtipp dazu: „Der Blinde hilft dem Lahmen“, „Deutschlandfunk Kultur“, diesen Sonntag um 12:30 Uhr; „Hightech in Afrika“, SWR 2, 25. Januar um 8:30 Uhr.

5. Weshalb wollen Menschen nach schlaflosen Nächten mehr essen?
(meta-magazin.org)
Im „Wochenrückblick des Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Dieses mal dabei: Die Studie „Schlafmangel erhöht nicht via Hormonspiegel, sondern via Hirnaktivität die Lust auf fettiges Essen“ aus dem „Journal of Neuroscience“.

6. Youtube verbietet „Bird Box“-Clips
(faz.net)
Der Netflix-Thriller „Bird Box“ mit Sandra Bullock führte zu dem Internetphänomen #BirdBoxChallenge, in dem Menschen mit verbundenen Augen Alltagssituationen bewältigen, sich dabei filmen lassen und die Videos ins Netz stellen. Dabei ist es schon zu Unfällen und Verletzungen gekommen. Nun zieht Youtube die Reißleine und verbietet derartige Filme: „Auch wenn es unfair erscheint, das Posten von bestimmten Inhalten nicht zu gestatten, weil dies Zuschauer zu bestimmten Aktionen verleiten könnte, ziehen wir doch eine Grenze bei Inhalten, die Gewalt provozieren oder zu gefährlichen oder illegalen Handlungen aufrufen, bei denen ein Risiko für Leib und Leben besteht.“

Bringt Julian Reichelt Handballer-Familien in Gefahr?

Die Spieler der deutschen Handballnationalmannschaft sind bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark derzeit ziemlich erfolgreich — und ihre Familien möglicherweise in Gefahr. Jedenfalls dann, wenn man der Logik von Julian Reichelt folgt.

Der „Bild“-Chef wollte bekanntermaßen nicht, dass der Branchendienst „kress“ sein Gehalt öffentlich schätzt, da das seine Familie in Gefahr bringe, so Reichelt.

Entweder sind ihm die Familien anderer Menschen herzlich egal oder er hat bei seiner Begründung damals Unfug erzählt — jedenfalls bringt Julian Reichelts Portal Bild.de heute diese Geschichte:

Screenshot Bild.de - Was verdienen die eigentlich? Die Gehaltsliste unserer Handball-Stars

Hinter der „Bild plus“-Paywall (schließlich will Bild.de auch noch ein bisschen was daran verdienen) fein säuberlich aufgelistet: die Gehälter der Nationalspieler Uwe Gensheimer, Silvio Heinevetter, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek, Finn Lemke, Hendrik Pekeler, Steffen Fäth, Paul Drux, Fabian Wiede, Jannik Kohlbacher, Patrick Groetzki, Andreas Wolff, Matthias Musche, Fabian Böhm, Martin Strobel und Franz Semper.

Und da ist noch lange nicht Schluss. Zum Vergleich nennt Bild.de auch noch die Monatsgehälter „anderer deutscher Sport-Stars“. Mit dabei: Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel, Fußballer Mesut Özil, Basketballer Dennis Schröder, Eishockeyspieler Leon Draisaitl, Golfer Martin Kaymer, Volleyballer Georg Grozer sowie Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov.

Auch für deren Familien heißt es laut Julian Reichelt nun: Gefahr!

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Stefan N. für den Hinweis!

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Neues armes Deutschland, Sein Name: Yannic Hendricks, Netflix-Codes

1. So kann es nicht weitergehen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
„Spiegel Online“-Kolumnist Sascha Lobo macht es wütend, auf welche Weise viele Medien über Themen wie Brexit, Donald Trump oder die AfD berichteten: „Der Aufstieg der autoritären Kräfte weltweit wäre ohne Medien nicht möglich gewesen, und zwar sowohl sozialer wie redaktioneller Medien. Die Verantwortung für eine weitere Stärkung der Rechten, Rechtsextremen, Autoritären liegt zum guten Teil bei ebendiesen Medien.“ Diese tappten in immer die gleichen Fallen: False Balance, Agenda Cutting und strukturelle Verharmlosung.

2. Armes Deutschland
(taz.de, Anne Fromm)
Um die linke Tageszeitung „neues deutschland“ steht es bereits seit vielen Jahren schlecht, doch jetzt scheint die Lage ernst wie nie zuvor. Anne Fromm nimmt sich in der „taz“ Raum und Zeit, um etwas von der Geschichte und der komplizierte Struktur des „nd“ zu erzählen und die aktuellen Schwierigkeiten zu erklären.

3. BuzzFeed News darf den Namen von Abtreibungsgegner Yannic Hendricks weiterhin nennen
(buzzfeed.com, Juliane Loeffler)
Das Landgericht Düsseldorf hat eine Klage des Abtreibungsgegners Yannic Hendricks gegen „BuzzFeed News Deutschland“ zurückgewiesen. Das Internetportal hatte den Namen des Mannes genannt, der viele Ärztinnen und Ärzte angezeigt hat, die auf ihrer Website angeben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Hendricks wollte anonym bleiben und ging mit einer Unterlassungserklärung gegen die Namensnennung vor. Nun wurde der Antrag abgelehnt. „BuzzFeed News“ hat die gesamte Urteilsbegründung in den Beitrag eingebettet. Ob es zu einem Berufungsverfahren kommt, sei derzeit noch offen.

4. Facebook investiert 300 Millionen Dollar in Journalismus
(heise.de, Andreas Wilkens)
300 Millionen US-Dollar will Facebook in den kommenden drei Jahren in Nachrichtenprogramme, Partnerschaften und Inhalte investieren, „mit einem großen Schwerpunkt auf Lokalnachrichten“. Dazu werde man mit Nachrichtenorganisationen zusammenarbeiten und diese mit Produkt- und Technikteams vernetzen, um bereits in einer frühen Phase der Produktentwicklung „den Bedürfnissen der Menschen auf Facebook besser gerecht zu werden“. Schließlich wolle man Verleger „nicht von uns abhängig machen, sondern unterstützen“.

5. Islamismus-Experte auf Abwegen
(faktenfinder.tagesschau.de, Volker Siefert)
Hat der Frankfurter Journalist Shams Ul-Haq, wie von ihm behauptet, undercover in mehr als 100 Moscheen die Radikalisierung von Muslimen aufgedeckt? Der ARD-„Faktenfinder“ ist skeptisch und verweist auf die Widersprüche, in die sich Shams Ul-Haq verstrickt habe.

6. Ich will doch nur einen Film sehen!
(faz.net, Julia Bähr)
Die „FAZ“-Redakteurin Julia Bähr spricht vielen Netflix-Zuschauern aus dem Herzen, wenn sie die Nutzerführung des Streamingportals als „katastrophal“ bezeichnet. Doch sie hat ein Gegenmittel parat: Die im Internet kursierenden Listen, mit deren Hilfe man das System überlisten kann.

Bild.de bringt veraltetes Zeug in Umlauf

Achtung, Gefahr!

Screenshot Bild.de - Jugendliche in Gefahr - Schon ein paar Joints verändern das Gehirn

Cannabis ist eine der beliebtesten, illegalen Drogen in Deutschland. Oft verharmlost, ist sie viel gefährlicher, als die meisten denken.

… schrieb Bild.de gestern. Denn:

Schon ein oder zwei Joints verändern das Gehirn eines Jugendlichen merkbar, hat jetzt eine internationale Forschergruppe mit deutscher Beteiligung herausgefunden und ihre Ergebnisse im „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht.

Das „jetzt“ ist an dieser Stelle recht großzügig ausgelegt: Die Studie, auf die sich Bild.de bezieht und die das Portal im Artikel verlinkt*, ist bereits am 28. Januar 2015 im „Journal of Neuroscience“ erschienen — und damit geschmeidige vier Jahre alt. Noch interessanter aber ist die Überschrift, die die „internationale Forschergruppe mit deutscher Beteiligung“ ihrer Untersuchung damals gab:

Screenshot der Überschrift der Studie - Daily marijuana use is not associated with brain morphometric measures in adolescents or adults

„Is Not Associated“.

Schon im „Abstract“ steht:

No statistically significant differences were found between daily users and nonusers on volume or shape in the regions of interest. Effect sizes suggest that the failure to find differences was not due to a lack of statistical power, but rather was due to the lack of even a modest effect. In sum, the results indicate that, when carefully controlling for alcohol use, gender, age, and other variables, there is no association between marijuana use and standard volumetric or shape measurements of subcortical structures.

Das übersetzt Bild.de ins Gegenteil:

Die Wissenschaftler beobachteten bei 14-Jährigen, die nur ein- oder zweimal Cannabis konsumiert hatten, mithilfe eines modernen Bildgebungsverfahrens, der sogenannten Voxel-basierten Morphometrie, eine Zunahme der grauen Hirnsubstanz. Bedeutet: Ein Ungleichgewicht zwischen weißer und grauer Hirnsubstanz entsteht.

Dazu steht in der „Discussion“ der Studie:

The lack of significant differences between marijuana users and control subjects in the present study is consistent with the observation that the mean effect size across previously published studies suggests no clear effect of marijuana on gray matter volumes.

Bei Twitter haben einige User die „Bild“-Redaktion auf den Fehler hingewiesen. Die juckt das aber ganz offensichtlich nicht.

Mit Dank an @Goettergattin42 für den Hinweis!

*Nachtrag, 19:13 Uhr: Bei FAZ.net ist ein Artikel zum selben Thema mit recht ähnlicher Überschrift erschienen. Im Gegensatz zu Bild.de verlinkt Autor Joachim Müller-Jung dort auf eine aktuelle Studie aus dem „Journal of Neuroscience“ (erschienen am 14. Januar 2019). Es gibt die aktuellen Erkenntnisse, von denen Bild.de berichtet, also tatsächlich. Allerdings nennt und verlinkt die Bild.de-Redaktion die falsche, veraltete Studie.

Wir haben daher unsere Überschrift von „Bild.de bringt falsches Zeug in Umlauf“ in „Bild.de bringt veraltetes Zeug in Umlauf“ geändert.

Einer schrieb über die Sexualität

Zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ soll es bei Netflix bald ein Pre­quel geben, also eine Fortsetzung, die zeitlich allerdings vor den Ereignissen des Films spielt. Nun ist die Besetzung dafür bekannt gegeben worden, und Bild.de schreibt dazu:

Screenshot Bild.de - Vorgeschichte zum Kultfilm - Mega-Besetzung für neue Netflix-Serie

Und wer ist so alles dabei?

Auch die heterosexuelle Judy Davis (63, „Feud“), der heterosexuelle Finn Wittrock (34, „American Horror Story“) , die heterosexuelle Amanda Plummer (61, „Pulp Fiction“) und der heterosexuelle Corey Stoll (42, „House of Cards“) stehen für die neue Netflix-Serie vor der Kamera.

Ja, gut, so steht das nicht bei Bild.de. Die merkwürdigen, unerheblichen Zusätze zur Sexualität der Schauspielerinnen und Schauspieler haben wir eingefügt. Am folgenden Absatz aber haben wir nicht herumgedoktert — der steht eins zu eins so im Artikel von Bild.de-Autor Roman Scheck:

Mit dabei sind Stars, die so manchen Fan begeistern dürften: Die offen lesbische Schauspielerin Cynthia Nixon (52, „Sex and the City“), die bekennende bisexuelle Kult-Schauspielerin Sharon Stone (60, „Basic Instinct“) und der offen schwule Schauspieler Charlie Carver (30, „Desperate Housewives“).

Mal abgesehen davon, dass das alles völlig unwichtig ist: Die sind also nicht nur lesbisch, bisexuell und schwul, sondern das auch noch „offen“, „bekennend“ und „offen“.

Mit Dank an @WayneSchlegel_ für den Hinweis!

Nachtrag, 15:36 Uhr: „Bild“-Redakteur Timo Lokoschat weist bei Twitter darauf hin, dass der Artikel „im LGBT-Bereich von Bild.de“ erschienen ist. So ganz verstehen wir aber nicht, warum aufgrund der Sexualität einiger beteiligter Schauspielerinnen und Schauspieler über die neue Serie im LGBT-Bereich berichtet wird (und warum deshalb die Sexualität eine solche Rolle spielt, dass sie genannt werden muss). Inhaltlich hat „Einer flog über das Kuckucksnest“ nichts mit LGBT zu tun.

Das Wort „bekennend“ findet auch Lokoschat unangebracht.

Ende der Drohbriefe, AfD-Maier muss zahlen, Reporter gegen die Mafia

1. Keine Drohbriefe mehr
(faz.net, Constantin von Lijnden)
Medienrechtsanwälte haben eine pfiffige Strategie entwickelt, um ihre prominenten Mandanten vor Erwähnungen in der Presse zu schützen: Vorauseilende Drohbriefe, die sie euphemistisch als „presserechtliche Informationsschreiben“ bezeichnen. Allein bei der „FAZ“ seien von der bekannten Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann zwischen Ende 2012 und Mitte 2016 mehrere Dutzend solcher Schreiben eingegangen, ungefragt und zuletzt ausdrücklich unerwünscht. Die „FAZ“ hat sich gegen diese Praxis juristisch gewehrt — bis zum Bundesgerichtshof (BGH), der die „Informationsschreiben“ grundsätzlich für zulässig hält. Anders sieht es der BGH, wenn ein solches Schreiben „keine Informationen enthält, die dem Presseunternehmen die Beurteilung erlauben, ob Persönlichkeitsrechte durch eine etwaige Berichterstattung verletzt werden.“ Das Faxen derartiger Schreiben ist mit dem Urteil des BGH nun untersagt.

2. AfD-Rechtsaußen muss Noah Becker Schmerzensgeld zahlen
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Vor einem Jahr erschien auf dem Twitter-Profil des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier ein Tweet, in dem der Künstler Noah Becker wegen dessen dunkler Hautfarbe rassistisch beleidigt wurde. Maier, selbst gelernter Richter, gab sich unschuldig: Ein Mitarbeiter habe den Tweet ohne Absprache veröffentlicht, was der Mitarbeiter auch offiziell zugab. Becker verklagte den AfD-Politiker daraufhin auf 15.000 Euro Schmerzensgeld. Sein vorheriges Angebot, 7.500 Euro an eine karitative Organisation zu spenden und den Streit damit zu beenden, hatte Maier abgelehnt. Nun hat das Landgericht Berlin Becker Recht gegeben und Maier zur Zahlung der vollen 15.000 Euro plus Zinsen verurteilt.

3. Re: Der Tod im Auge – Reporter gegen die Mafia
(arte.tv, Chiara Sambuchi, Video: 30 Minuten)
Wer in Italien über die Mafia berichtet, muss sehr mutig sein und setzt unter Umständen sein Leben aufs Spiel. Die Arte-Reportage „Re: Der Tod im Auge“ begleitet den unter permanenter Bewachung stehenden Journalisten Paolo Borrometi bei dessen Arbeit für den Fernsehsender TV2000, bei dem er mit Staatsanwälten, Richtern und Kronzeugen Interviews über die Mafia führt.

4. „Politik setzt gezielt auf Framing“
(fr.de, Ruth Herberg)
Die „Frankfurter Rundschau“ hat sich mit den beiden „Floskelwolke“-Betreibern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl über Wortmacht, Medienkompetenz und politisches Framing unterhalten.

5. Hoher Anspruch, rote Zahlen
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:32 Minuten)
Unglaubliche 3,5 Millionen Franken sammelten der Journalist Constantin Seibt und seine Kollegen an Spendengeldern ein, um vor etwa einem Jahr mit dem Schweizer Online-Magazin „Republik“ starten zu können. Die Medienjournalistin Brigitte Baetz gibt dem Startup durchwegs gute Noten. Allein finanziell laufe es nicht so gut: Laut Geschäftsbericht sei das Online-Magazin im ersten Jahr auf ein Minus von rund 2,5 Millionen Euro gekommen.

6. Wann Ihr einen Blogbeitrag als Werbung kennzeichnen müsst
(fitfuerjournalismus.de, Bettina Blaß)
Viele Youtuber, Instagrammer, Facebooker und Blogger sind verunsichert, ob sie ihre Beiträge als Werbung kennzeichnen müssen, wenn sie dort zum Beispiel mit Markenware zu sehen sind oder ein Produkt empfehlen. Zum Glück gibt es die Kennzeichnungsmatrix der Landesmedienanstalten und Bettina Blaß, die Licht ins Kennzeichnungsdunkel bringen.

Bild  

Heiligabend im Wandel der Zeit

2003, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten!

2005, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2008, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Bild schenkt Ihnen nur gute Nachrichten!

2009, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute gibt es nur gute Nachrichten

2011, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute gibt es nur gute Nachrichten

2012, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2015, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2018, Heiligabend unter Julian Reichelt:

Ausriss Bild-Titelseite - Vorwurf versuchter Totschlag - DSDS-Star prügelt Fan in Klinik

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BILDblog-Klassiker

Alles für’n Arsch

So eine plötzliche Dauererektion kann ja verschiedene Gründe haben. Die Leute von „Bild“ zum Beispiel werden immer dann besonders schnell und langanhaltend rattig, wenn es um die versehentlich entblößten sekundären Geschlechtsmerkmale weiblicher Prominenter geht („Lindsay Lohan lüpft ihre Lustwarze“ / „Freche kleine Knospen“ / „Da wird’s uns ganz warm ums Herz“). Ruckzuck schießt ihnen dann das Blut in den Kopf zwischen die Beine, und es kann durchaus vorkommen, dass es mehrere Tage und Artikel lang dort bleibt und pulsiert und pulsiert.

Dieses Mal ist es so heftig wie nie zuvor. Seit über eine Woche kriegt die „Bild“-Zeitung die Hose nicht mehr zu. Vor allem online herrscht der blanke Wahnsinn, seit ein „Popo-Blitzer“-Foto von Herzogin Kate aufgetaucht ist.

Dass die Erregung diesmal so lange anhält, hat aber vermutlich weniger damit zu tun, dass die Leute von „Bild“ den Hintern von Kate angeblich so übertrieben gut finden („Er ist einfach nur SCHÖN. Nicht zu groß, nicht zu klein. Toll geformt. Trainiert, geradezu gestählt. Cellulite-frei. Ja, absolut perfekt“), sondern eher damit, dass die „Bild“-Medien die ersten und weitgehend einzigen waren, die das Foto unverpixelt gezeigt haben — und sich, seit der „Skandal“ die Runde macht, nicht mehr nur an dem Foto aufgeilen, sondern vor allem an sich selbst.

Vor zwei Jahren, als die französische „Closer“ die Oben-ohne-Fotos von Kate veröffentlicht hatte, hielt sich „Bild“ noch brav zurück, zensierte die Fotos und plädierte sogar dafür, den Royals mehr Respekt entgegenzubringen. Die Fotos waren damals allerdings auch auf einem Privatgrundstück aufgenommen worden, was gerade juristisch noch mal eine andere Qualität hat. Die aktuellen Fotos sind dagegen auf öffentlichem Gelände entstanden: Kate, die Herzogin von Cambridge, ist in Australien aus einem Hubschrauber ausgestiegen, dabei wurde ihr Kleid kurz hochgepustet, und man konnte einen Teil ihrer Pobacken sehen. Eine Fotografin hielt drauf, entdeckte später den Schnappschuss und bot ihn zum Verkauf. Und die Leute von „Bild“ witterten offenbar die Chance auf ihren ganz eigenen Kate-„Nackt“-„Skandal“ — und schlugen zu.

Der Windhauch des royalen Helikopters bei der Landung in den australischen Blue Mountains sorgte für diesen kurzen, aber magischen Moment.

Diesem „magischen Moment“ widmete die „Bild am Sonntag“ fast die ganze letzte Seite:

Dazu noch drei weitere Kate-zeigt-versehentlich-Haut-Fotos, denn „der Wind, das himmlische Kind“, meine es „ja traditionell gut mit Kate“, haha.

Noch am selben Tag, online, gleich der nächste Artikel. Kategorie: Service.

Wer wünscht sich nicht ein knackiges Hinterteil mit dem „sich Nüsse knacken“ lassen?! Wie sich jetzt durch einen kleinen Windhauch-Blitzer herausstelle, ist Herzogin Kate in der Körpermitte besonders gut ausgestattet. Kein Grund zum Popo-Neid, liebe Damen!

Denn Bild.de verriet den „lieben Damen“, wie „aus jedem Schwabbel-Popo“ bis zum Hochsommer „ein knackiger Hingucker werden“ kann (zusammengefasst: mit Sport und vernünftiger Ernährung, oha!), bot außerdem eine „Kleine Po-Typologie“, mit deren Hilfe der geneigte Leser endlich erfährt, wie sich eigentlich „Apfel-“ von „Birnen-„, „Kartoffel-„, „Nektarinen-“ und „Tomaten-Pos“ unterscheiden („Wer einen Nektarinen-Po hat, sollte dankbar sein!“) und welche besonderen Pflegemaßnahmen die Typen jeweils erfordern („Aufgrund der eher schlafferen Po-Struktur sollte der Tomaten-Po besonders durch intensive Übungen gefestigt werden“). Als Service für die lieben Herren gab es einen Link zum „Knackarsch-Quiz“ („Erkennen Sie die Promi-Popos?“).

Am Tag darauf erschien ein Artikel, der bei Bild.de anschließend tagelang zu den meistgeklickten gehörte, was aber auch nicht gerade verwundert:

Dann gab es die ersten Reaktionen. Bild.de verkündete:

Ein Knack-Popo sorgt für Wirbel!

[…] BILD zeigte das Foto, britische Medien berichteten darüber. Und sind ein bisschen verstimmt, weil wir IHRE Kate in POse setzen.

Und wenn andere, sogar internationale Medien über „Bild“ schreiben — egal, ob gut oder schlecht –, findet „Bild“ das natürlich noch geiler als jeden Promiarsch. Also ging es fleißig weiter.

Um die Aufmerksamkeit der Briten noch zu befeuern, richtete sich Bild.de gleich direkt an die „lieben Engländer“ und schrieb: „Hey, nicht aufregen – wir wollen euch Kate doch nicht wegnehmen. Denn: Auch hierzulande gibt’s tolle Kehrseiten. Und die zeigen wir euch jetzt!“

Und zur Sicherheit das Ganze auch auf Englisch:

Neben der „Von-hinten-mindestens-so-sexy-wie-von-vorne-Liste“ („the as-sexy-from-the-back-as-from-the-front list“) und den dazugehörigen Klickstrecken zeigte Bild.de auch ein 40-sekündiges Video, auf dem die Fotos von Kate als Diashow zu sehen sind, ohne den sonst üblichen Off-Kommentar, dafür aber mit loungig-pornöser Fahrstuhl-Musik unterlegt. Sechs Mal wird Kates Hintern in verschiedenen Zoom-Stufen präsentiert.

Das Video ist auch in fast allen Artikeln zu finden, die danach noch folgten, etwa in diesem hier:

Bei Kylie Minogue fliegt „das Röckchen in die Luft“, bei Allesandra Ambrosio gibt es „am schicken Malibu Beach plötzlich mehr als nur Wellen zu sehen“ und die Leute von „Bild“ schwärmen vom weltweiten Wirbel, den sie verursacht haben.

Erst wirbelte der Wind um Herzogin Kates Po, dann sorgte das entstandene Foto für Wirbel.

Sonntag tauchte ein Schnappschuss unserer Lieblings-Herzogin Kate (32) mit freiem Blick auf ihren schönen Po auf. BILD zeigte das Foto, die Briten waren not amused.

Aber: Ob in Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA oder natürlich bei unseren britischen Freunden – Kates Knackpo ist DIE Story!

Das musste gleich noch mit einem ganz eigenen Artikel gefeiert werden:

„Viele Medien und Twitterer rücken die BILD-Berichterstattung in den Mittelpunkt“, hieß es da, und noch mal:

Ob in Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA oder natürlich bei unseren britischen Freunden – Kates Knackpo ist DIE Story!

Darum zeigt BILD noch mal die ganze Fotoserie und erklärt, wie sie entstanden ist.

Plus: Einen Haufen Screenshots und Tweets, die belegen sollen, wie sehr die „Bild“-Berichterstattung doch um die Welt gegangen sei.

Und auch sonst gaben sich die Mitarbeiter größte Mühe, DIE Story weiter auszuschlachten. Etwa so:

Ein Hinterteil, auf das eine Frau stolz sein kann!

… meint „Bild“-Autorin Christiane Hoffmann (das ist übrigens auch die, die Kates Hintern „einfach nur SCHÖN“ und „absolut perfekt“ findet) in diesem bislang absurdesten Artikel der ganzen Serie. Sie fügt stolz hinzu:

Noch NIE hat ein toller Po für eine derartige Aufregung gesorgt. Rund 400 Quadratzentimeter Haut, noch nicht einmal nackt, sondern mit einem Hauch von Stöffchen bedeckt.
Dass BILD am Sonntag das Hinterteil von Herzogin Catherine (32), kurz Kate, zeigte, sorgt für Aufregung auf der ganzen Welt.

Interessanterweise meint Frau Hoffmann aber auch:

Ein Po geht um die Welt, dabei sollten wir den Hintern-sinnigen Aufruhr lieber am Po der Welt lassen…

Was ist denn schon passiert?

Eine der meistfotografierten Frauen der Welt, wunderschön und von einem ganzen Stab an Stylisten und Experten rundum in ihrem Auftreten beraten, wurde mal wieder fotografiert.

Tja, so what?!

Unterscheidet sich ihr Po von einem anderen VIP-Hinterteil? Nein, dieses royale Körperteil besteht aus den exakt gleichen Bestandteilen und Inhaltsstoffen wie ein bürgerlicher – aus Fleisch und Blut.

Ja, eben.

Aber?

ABER: Kates Popo-Moment ist eines jener Ereignisse, die schon vielen VIP-Frauen passierten. Magische Sekunden, die ein Bild manifestieren in unseren Köpfen. Ein magischer Marilyn-Monroe-Effekt!

Ach so.

Die Frage, die wir uns eher stellen sollten: Ist so ein Popo-Moment rein zufällig?

Das zu glauben, ist dumm. Das hieße, wir würden diesen Frauen mangelnde Intelligenz und schreckliche Naivität unterstellen und Selbstkontrolle absprechen. Jeder VIP, der die freie Wildbahn, einen Bürgersteig oder einen roten Teppich betritt, kalkuliert mögliche Risiken. Und wenn dies der Promi nicht selbst tut, dann gibt es jemanden, der es für ihn macht.

Das heißt: Kates „Popo-Moment“ war Absicht? Eine PR-Inszenierung?

Natürlich ist eine Wiese in Australien keine Oscar-Party. Und Kates Kleid nicht das weiße Röckchen von der Monroe.

Ja, eben. Aber?

Aber beim Verlassen eines Hubschraubers erzeugen Rotorblätter nun einmal einen starken Wind. Einen, der so stark sein könnte, dass alles im Umkreis von einigen Metern nicht da bleibt, wo es vielleicht sollte.

Kate wusste, dass sie mit einem Hubschrauber fliegen würde. Und dass Hubschrauber nicht ohne Rotorblätter fliegen können. Und dass Rotorblätter Wind erzeugen. Und dass sie ein leichtes Stöffchen trug an jenem Tag im April.

Dass natürlich die Hobby-Fotografin Diane Morel diesen magischen Po-Moment festhalten könnte – ja, damit hätte Kate nicht rechnen können.

Ach so.

Die „Bild“-Autorin kommt zu dem Schluss:

Ein winzig kleiner Zufall mit großer Wirkung: Er zeigt uns, dass diese wunderbare, sehr kontrollierte, einem strengen Hof-Protokoll unterworfene Frau mit Super-VIP-Status ein Wesen aus Fleisch und Blut ist. Und wir jetzt seit ein paar Tagen wissen – mit einem granatenhübschen Hinterteil!

Wenn wir das alles richtig verstehen, findet „Bild“-Frau Christiane Hoffmann also, dass wir alle (Kate eingeschlossen) „Bild“ dankbar sein müssten. Darauf muss man auch erstmal kommen.

Am Tag darauf der nächste Artikel:

Geboten wurden sechs Fotos aus der Kate-verlässt-den-Hubschrauber-Serie, arrangiert in einer „Popo-Love-Story“:

Gleich wird’s windig…
Da ist es passiert! Der Wind hat das Kleidchen gelüftet
Ist doch gar nichts passiert! Oder?
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – schnell ab ins Auto
Ob doch jemand was gesehen hat?
Gleich ist es geschafft
Bye-bye, Kate winkt

… plus Hintern-Video, plus zwei der schon am Anfang präsentierten Kate-zeigt-versehentlich-Haut-Fotos.

Einen Tag später erneut Christiane Hoffman. Diesmal in der gedruckten „Bild“ über die …

„Der Po ist nicht das Ende, sondern der Anfang aller Dinge.“ (afrikanisches Sprichwort)

Berlin – Der wunderschöne PO der wunderbaren Kate fasziniert die Welt. Rund, knackig, wogend …
Hach! Pure POesie.

Aber Hoffmann dichtet nicht nur, sie geht auch den grundlegenden Fragen des Lebens nach, etwa:

Warum begeistern sich die Menschen für dieses POpuläre Körperteil? Woher kommt diese Lust auf PO?

Irgendwann stellt sie fest:

Wir sind PO-verrückt!

Und das glauben wir ihr gerne.

„Bild“ hat noch einige „ARSCHGEILE SCHNAPPSCHÜSSE“ und die berühmtesten Hintern der Welt abgedruckt, außerdem die KLEINE POPOLOGIE“, „5 WEGE ZUM PERFEKTEN PO“ und natürlich Screenshots von der „EMPÖRUNG IM AUSLAND“. Voller Stolz hält auch die Print-„Bild“ noch mal fest:

Ein Po (-Foto) geht um die Welt! Und die EmPOrung ist riesig…

Die Welt fragt sich: Darf man das vom Winde verwehte Hinterteil von Catherine (32) zeigen? Ein Popo-Blitzer wird nun zum POlitikum …

„Bild“ erwähnt zur Sicherheit noch mal „Australien“ und die „Vereinigten Arabischen Emirate“ und ergänzt diesmal:

Doch keiner traut sich in Kates Heimatland, alles zu zeigen. Der Popo wird mit Krönchen abgedeckt oder verpixelt.

„Keiner traut sich“. Als wäre das alles, worum es geht — ob man „mutig“ genug ist, die Fotos zu zeigen.

Auch am nächsten Tag war Bild.de im „Popo-Fieber“ und schob noch mal ein Service-Stück ein:

Im Grunde ist es der gleiche Artikel wie schon zu Beginn („So bekommen auch Sie einen royalen Knack-Po“), nur dass die Po-Typologie diesmal bebildert ist. Ach — und diesmal muss man bezahlen, um den Artikel lesen zu können.

Anschließend (der Trip dauerte inzwischen schon eine Woche) wurden die „Bild“-Leserinnen aufgerufen, Fotos von ihrer „POPOladenseite“ in der „Bild“-App hochzuladen („Schicken Sie uns Ihren Knackarsch!“), was tatsächlich über 500 Menschen taten.

Derweil klopfte sich auch die „Bild am Sonntag“ noch mal kräftig auf die Schulter:

Gestern dann der nächste Schritt — Querverbindungen zur hiesigen C-Prominenz:

Denn Larissa (aus Topmodel, Dschungelcamp, Promi-Dinner und „Let’s Dance“) hat am Wochenende im Fernsehen getanzt — und plötzlich:

Bei einer schwungvollen Drehung fliegt das kurze weiße Kleid des Models hooooooch und entblößt einen Knackpo.

Gut geformt, frei von Dellen, ein Anblick zum Genießen! Genau so schön wie der Blick auf Herzogin Kates Kehrseite.

Deren freigelegter Hintern sorgt seit einer Woche für Aufruhr. Denn BILD zeigte das royale Prachtstück.

Auch in diesem Artikel: Foto und Video von Kates „Prachtstück“, außerdem Links zu den „POPOlärsten Geschichten“, die bislang erschienen sind.

Über ein Dutzend waren das bislang, das heißt, fast zwei Texte täglich haben die „Bild“-Leute aus dieser einen luftigen Millisekunde, dem „magischen Moment“ herausgeholt. Nicht zu vergessen die unzähligen Wortspiele und die Aufmerksamkeit der „Welt-Presse“. Und sehr wahrscheinlich werden wir auch in Zukunft, wenn es mal wieder irgendwo „Nippelalarm!“ gibt oder „Bild“ den nächsten „Po-Blitzer“ zelebriert, die Geschichte hören von damals, als die Helden von „Bild“ ihren ganzen Mut zusammennahmen und als erste und einzige die Hälfte von Kates Hintern abdruckten.

Ging es beim Anschlag auf den BVB wirklich um Millionen Euro?

Kein islamistischer Terror, keine Rechtsextremen, keine Linksextremen. Habgier soll das Motiv des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus vor zehn Tagen gewesen sein. Heute früh wurde ein Mann festgenommen, der die drei Sprengsätze am 11. April in Dortmund gezündet haben soll. Dabei soll es ihm um die Aussicht auf viel Geld gegangen sein — die Bundesanwaltschaft schreibt in einer Pressemitteilung, dass der Tatverdächtige vor dem Anschlag Optionsscheine gekauft habe, mit denen er auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie spekuliert habe. Viele Medien schreiben, dass der Mann dadurch Millionen hätte machen können.

Bei ihrer Jagd nach großen Schlagzeilen mit großen Summen bringen die Redaktionen allerdings Zahlen ins Spiel, an denen es erhebliche Zweifel gibt. Der Ursprung des Übels ist dabei einmal mehr Bild.de:

Die zuständigen sieben Autoren schreiben:

Nach BILD-Recherchen fanden die Ermittler heraus, dass Sergej W. vom Hotel aus online ein Aktienpaket von 15 000 Optionsscheinen für 78 000 Euro kaufte. (…)

Im Falle eines deutlichen Kursverlustes der BVB-Aktie hätte Sergej W. einen Millionengewinn machen können. Nach den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes hätte er einen Gewinn von bis zu 3,9 Millionen Euro erzielt.

Dafür musste die Aktie dramatisch fallen. Und genau das wäre nach einem Anschlag, bei dem ein Teil der Mannschaft schwer verletzt oder sogar getötet worden wäre, vermutlich passiert.

Andere Nachrichtenseiten übernahmen die Kennziffern 15.000 Optionsscheine, 78.000 Euro Einsatz, 3,9 Millionen Euro möglicher Gewinn. „Focus Online“ zum Beispiel:

„Der Westen“:

„20 Minuten“ aus der Schweiz:

Und viele weitere.

Erstmal zu den 78.000 Euro — wir vermuten, dass die Bild.de-Mitarbeiter durch eine simple Rechnung auf diese Zahl gekommen sind: Sie dürften die 15.000 Optionsscheine, von der die Bundesanwaltschaft berichtet, mit dem Basispreis von 5,20 Euro je Optionsschein multipliziert haben. Macht insgesamt 78.000 Euro.

Das Problem dabei: So funktioniert der Kauf von Optionsscheinen nicht. Man erwirbt die sogenannten Put-Optionsscheine, mit denen man auf fallende Kurse spekulieren kann, nicht zum Basispreis, sondern zu einem Kaufpreis des jeweiligen Optionsscheins. Und der lag bei den Put-Optionen zur BVB-Aktie am Tag des Anschlags bei nur wenigen Cents je Schein.

Die Put-Option zur BVB-Aktie mit dem Basiswert von 5,20 Euro, auf die sich Bild.de bei der 78.000-Euro-Rechnung vermutlich bezieht, hatte am Tag den Anschlags einen Kaufpreis von 0,18 Euro. Die 15.000 Optionsscheine, die der Tatverdächtige gekauft haben soll, haben also nur 2700 Euro gekostet.

Weiter zu den 15.000 Optionsscheinen — vermutlich hat der Verdächtige noch einige mehr gekauft. Sowohl boerse.ard.de (wo Detlev Landmesser übrigens bereits am 12. (!) April im Zusammenhang mit dem Anschlag in Dortmund auf „eine kleine Auffälligkeit aus Börsensicht“ hingewiesen hatte) als auch die „Wirtschaftwoche“ gehen davon aus, dass mehr Transaktionen getätigt wurden.

Es gibt 23 verschiedene Put-Optionen auf die BVB-Aktie, die man an deutschen Börsen kaufen kann. Sie haben unterschiedliche Basiswerte und unterschiedliche Kaufpreise. Bei insgesamt fünf von ihnen gab es am Tag des Anschlags Aktivitäten an der Frankfurter Börse (was laut Finanzexperten auffällig ist, da Optionsscheine von Privatanlegern in der Regel an der Stuttgarter Börse gehandelt werden):

1) Wertpapierkennnummer DG9CHE
Basiswert: 3,60 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,09 Euro

2) DG7MN5
Basiswert: 4,00 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,019 Euro

3) DGQ1VU
Basiswert: 4,40 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,043 Euro

4) DGM51Y
Basiswert: 4,80 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,12 Euro

5) DGQ1VV
Basiswert: 5,20 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,18 Euro

Der Gesamtkaufpreis für diese 75.000 Optionsscheine liegt bei 6780 Euro.

Einen Tag später gab es ebenfalls an der Frankfurter Börse noch einmal Aktivitäten bei Put-Optionsscheinen zur BVB-Aktie. Wir konnten nicht endgültig klären, ob es sich auch bei ihnen ausschließlich um Käufe — und nicht um Verkäufe — handelt. Sollten es alles Käufe gewesen sein, und sollte für all diese Käufe der nun festgenommene Mann verantwortlich sein, hätte er insgesamt 123.000 Optionsscheine im Wert von 10.218 Euro erworben. Also immer noch weit entfernt von den 78.000 Euro, die Bild.de ins Spiel gebracht hat. Und auch nur ein Bruchteil des 79.000-Euro-Kredits, den der Tatverdächtige laut NRW-Innenminister Ralf Jäger aufgenommen haben soll. Bei süddeutsche.de und „Spiegel Online“ ist die Rede von einem 40.000-Euro-Kredit.

Zuletzt noch zu den 3,9 Millionen Euro — konnte der Verdächtige auf so viel Geld hoffen? Höchstwahrscheinlich nicht. Detlev Landmesser schreibt bei boerse.ard.de, dass „der theoretisch maximale Gewinn“ bei „gerade mal 276.000 Euro“ läge. Dafür hätte der Wert der BVB-Aktie allerdings auf 0 Euro sinken müssen. Wäre er lediglich auf 3 Euro gesunken, hätte der Gewinn nur 96.000 Euro betragen. Die „Wirtschaftswoche“ nennt zwar keine konkreten Zahlen, glaubt aber auch nicht, dass der nun festgenommene Mann Millionen hätte verdienen können: Die Annahme, dass sich mit dem Einsatz von einigen Tausend Euro „mithilfe von Put-Optionsscheinen Millionen verdienen lassen“, sei „vollkommen unrealistisch.“

Dazu auch:

Mit Dank an Tobi W. für den Hinweis!

30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte sich die „Bild“-Redaktion als Speerspitze der deutschen Willkommenskultur inszenieren. Den Slogan „Wir helfen“ ließ sie damals Politiker auf Pappschildern hochhalten und Fußballprofis auf deren Ärmeln tragen.

Es ist noch gar nicht so lange her, aber es hat sich seitdem viel geändert. Auch und vor allem ist die Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de über Flüchtlinge und Asylbewerber eine ganz andere geworden. Die „Bild“-Medien meinen, sie seien nur ehrlich, sprächen nur Wahrheiten aus und Probleme an. Aber das ist falsch. „Bild“ und Bild.de bringen immer wieder auch völlig falsche Informationen und Zahlen in Umlauf. Heute etwa mit dieser Titelgeschichte:

Ausriss Bild-Zeitung - 30000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden!

Schon im Anreißer auf Seite 1 klingt es dramatisch:

Neuer, unfassbarer Behördenskandal: Von gut 30 000 abgelehnten, sofort ausreisepflichtigen Asylbewerbern wissen die Behörden nicht, wo sie stecken. Zum Teil haben sie Deutschland wohl einfach verlassen — oder sind hier untergetaucht.

Auf Seite 2 breitet Autorin Larissa Krüger den „ABTAUCH-SKANDAL“ dann so richtig aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

Das darf doch nicht wahr sein. BILD deckt die nächste Behörden-Panne im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf.

Regierung und Behörden wissen nicht, wo gut 30 000 abgelehnte und vollziehbar ausreisepflichtige Asylbewerber derzeit sind.

In Deutschland — warum auch immer — untergetaucht? Außer Landes? Keine Ahnung!

Nur: „Bild“ deckt hier gar nichts auf. Außer die eigene Ahnungslosigkeit und die eigene Unfähigkeit, die richtigen Zahlen rauszusuchen.

Krüger schreibt:

Die Fakten: Laut Bundesregierung waren Ende Dezember 2016 genau 54 437 Personen vollziehbar ausreisepflichtig (inzwischen sind es rund 65 000). Aber laut Statistischem Bundesamt bezogen im Jahr 2016 nur 23 617 dieser Personen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Über den Verbleib des Restes von 30 820 Personen (Stichtag 31.12.2016) haben die Behörden und Statistiker KEINE Informationen.

Die zwei Zahlen von der Bundesregierung beziehungsweise dem Statistischen Bundesamt mögen stimmen. Aber sie passen nicht zueinander. Denn die 54.437 vollziehbar ausreisepflichtigen Personen, die die Bundesregierung nennt, sind nicht nur Asylbewerber, sondern auch andere Ausländer, die ausreisepflichtig sind, zum Beispiel Urlauber mit abgelaufenen Visa. Diese Gruppe ist — Überraschung — gar nicht in der Lage, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu bekommen, und kann daher auch nicht in den Zahlen des Statistischen Bundesamts auftauchen (oder dort fehlen).

Und es sind nicht nur ein paar wenige visalose Urlauber, die Larissa Krüger in ihrer Apfel-Birnen-Rechnung übersieht. Das Bundesinnenministerium schreibt uns in einer Stellungnahme zum heutigen „Bild“-Bericht:

Die Differenz zwischen der Zahl der Leistungsberechtigten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und der Zahl der im Ausländerzentralregister (AZR) erfassten ausreisepflichtigen Ausländer ohne Duldung lässt nicht den Schluss zu, dass sich die genannte Personengruppe allein aus abgelehnten Asylbewerbern zusammensetzt.

So verkennt der Artikel schon grundsätzlich, dass es sich überhaupt nur bei etwa 49 % aller im AZR als ausreisepflichtig registrierten Ausländer um Personen handelt, zu denen auch die Ablehnung eines Asylantrages im AZR eingetragen ist.

51 Prozent der Personen, die Krüger in ihre Asylrechnung einbezieht, gehören dort überhaupt nicht rein, weil sie nicht abgelehnte Asylbewerber sind, sondern beispielsweise Urlauber ohne Visa. Das heißt: Statt mit 54.437 Personen müsste die „Bild“-Autorin mit 26.674 Personen rechnen. Diese Zahl passt auch viel besser zu der Statistik, die das Statistische Bundesamt heute rausgegeben hat und nach der 28.000 Schutzsuchende am Stichtag 31. Dezember 2016 vollziehbar ausreisepflichtig waren.

Statt um 30.820 geht es also lediglich um 3057* Personen. Und auch das dürfte noch nicht die endgültige Anzahl „spurlos verschwundener“ abgelehnter Asylbewerber sein, wie „Bild“ sie nennt. Denn nicht alle ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber beziehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wenn der Betroffene etwa selbst über ein ausreichendes Vermögen verfügt, oder Angehörige zum Unterhalt verpflichtet sind, tauchen diese Personen nicht in der Statistik auf, die Larissa Krüger herangezogen hat.

Dazu kommt, dass auch die Verantwortlichen im Statistischen Bundesamt sagen, dass ihre Zahl, die Krüger für die Rechnung genutzt hat, dafür nicht taugt. Gudula Geuther vom „Deutschlandfunk“ hat mit ihnen gesprochen (Audio, 2:57 Minuten). So notieren zum Beispiel die Kommunen, die die Gelder auch an die ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber auszahlen, nicht immer deren genauen aufenthaltsrechtlichen Status dazu. Die Zahl der 23.617 ausreisepflichtigen Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz dürfte tatsächlich also noch mal etwas höher sein, was die Differenz noch mal etwas kleiner werden lassen dürfte als 3057.

Oder in Kurzform und ohne die vielen Zahlen und Rechnungen: Die heutige Schlagzeile von „Bild“ ist kompletter Unsinn, auf wenn die Kollegen von Larissa Krüger das Zahlenwirrwarr für eine „tolle Recherche“ halten.

Krügers Geschichte hat bereits eine ordentliche Populisten- und Hetzerrunde gedreht. Bei Bild.de ist sie hinter der Bezahlschranke gestartet

Screenshot Bild.de - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

… von dort aus in Facebook-Gruppen wie dem „Viktor Orban Fanclub Deutschland“ gelandet …

Screenshot Facebook des Postings in der Gruppe Viktor Orban Fanclub Deutschland

… und bei faktenfeindlichen Anheizern wie Claus Strunz …

Screenshot Facebook des Postings von Claus Strunz

… und David Berger:

Screenshot Facebook des Postings von David Berger

„Wir helfen“, haben „Bild“ und Bild.de mal behauptet. Heute helfen sie vor allem rechten und noch rechteren Gruppen mit Vorlagen für deren Stimmungsmache.

*Nachtrag, 18:46 Uhr: Durch einen Rechenfehler unsererseits war in einer früheren Version von 4146 Personen die Rede. Tatsächlich ist die Differenz zwischen der „Bild“-Zahl und der Zahl, die die Statistiken wirklich hergeben, noch größer.

Nachtrag, 22:14 Uhr: Die Geschichte geht weiter: Bild.de behauptet nun, Kanzleramtschef Peter Altmaier bestätige den „Bild“-Bericht. Dabei sagt Altmaier nur, dass niemand wisse, wie viele abgelehnte Asylbewerber verschwunden sind.

Nachtrag, 4. November: Inzwischen sieht auch die „Bild“-Redaktion ein, dass es nicht 30.000 verschwundene abgelehnte Asylbewerber sind.