Reichelts Attacken, Tichys Sieg, Trumps Drohungen

1. Bloß nicht vernünftig
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo geht in seiner Kolumne der Frage nach, warum die „Bild“-Redaktion eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten fährt und kommt dabei schnell auf „Bild“-Chef Julian Reichelt zu sprechen: „Man muss feststellen, dass Julian Reichelt die sicher geglaubte Deutungshoheit der ‚Bild‘-Zeitung über das politische und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland entgleitet, vielleicht längst entglitten ist. Wenn ein Chefredakteur derart strategielos in sozialen Medien agiert und vor allem unsouverän reagiert, ist das ein Warnsignal der Schwäche. Die ‚Bild‘-Zeitung hat katastrophal unterschätzt, dass und wie man Social Media als medial attackierte Person heute nutzen kann.“

2. Der Allesversteher
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Mit „Der Allesversteher“ hat Josef-Otto Freudenreich sein Interview mit dem vormaligen ARD-Nachrichtenchef und jetzigem SWR-Intendanten Kai Gniffke überschrieben. Eine spitze Zuschreibung, die sich wahrscheinlich auf Gniffkes Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsradikalen wie Björn Höcke beziehen soll. Und die durch den Umstand unterstützt wird, dass Gniffke sich mit den Interviewern nicht darauf verständigen konnte, „dass die AfD im Grundtenor nationalistisch, völkisch, rassistisch und fremdenfeindlich“ sei.

3. Tichy siegt gegen „Correctiv“ vor Gericht
(faz.net)
Das Recherchezentrum „Correctiv“ hatte im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Facebook einen Beitrag der rechtslastigen Online-Zeitung „Tichys Einblick“ mit einem „Teils falsch“-Stempel versehen. Dagegen hatte sich Roland Tichy juristisch gewehrt, war jedoch vor dem Landgericht Mannheim unterlegen. Nun hat die höhere Instanz, das Oberlandesgericht Karlsruhe, das Urteil der Vorinstanz revidiert und Tichy Recht gegeben.

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4. Regierungs-PR als Konkurrenz für Journalisten?
(ndr.de, Daniel Bouhs & Caroline Schmidt)
Für Hauptstadtkorrespondentinnen und -korrespondenten sei die Berichterstattung deutlich schwieriger geworden. Viele Pressekonferenzen würden per Chat und ohne direkten Kontakt ablaufen, viele Ansprechpartner seien nicht verfügbar, da im Homeoffice. Und auch der Regierungspodcast zur Corona-Pandemie werde mit gemischten Gefühlen gesehen, da eine „unschöne Konkurrenzsituation“ um Expertinnen und Experten entstehen könne, so die Gesundheitspolitik-Reporterin Rebecca Beerheide.

5. Trump droht Twitter mit Schließung
(tagesschau.de)
Nachdem Twitter erstmals Tweets des US-Präsidenten Donald Trump als inhaltlich irreführend kennzeichnete, droht dieser: „Die Republikaner sind der Meinung, dass Social-Media-Plattformen die Stimmen der Konservativen völlig zum Schweigen bringen. Wir werden sie stark regulieren oder schließen, bevor wir dies jemals zulassen können …“ Die verborgene Pointe: Trumps Drohung, Twitter zu schließen, veröffentlicht er ausgerechnet auf dem Kanal, den es betrifft und von dem er fast abhängig zu sein scheint: Twitter.
Weiterer Lesehinweis: Lesenswert ist in diesem Zusammenhang Patrick Beuths Kritik an Twitters Faktencheck, der Defizite des Unternehmens im Kampf gegen Falschinformationen deutlich mache (spiegel.de).

6. „Es geht auch um den Austausch“
(taz.de, Peter Weissenburger)
Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ musste seinen Straßenverkauf coronabedingt für zwei Monate stoppen. Peter Weissenburger hat sich mit „Hinz&Kunzt“-Chefredakteurin Birgit Müller darüber unterhalten, wie sich der Verkaufsstopp für das Projekt und die Obdachlosen ausgewirkt hat. Man habe zunächst um Spenden gebeten, um jedem Verkäufer 100 Euro Soforthilfe auszahlen zu können, „dafür hätten wir 53.000 Euro benötigt. Aber durch die großartige Hilfe der Hamburger sind sogar 390.000 Euro zusammengekommen, sodass wir vier Mal Geld ausbezahlt haben und heute ein Starterset für jeden bereit hatten — mit 20 geschenkten Magazinen, Maske und Visier und Desinfektionsmittel.“