Dunning-Kruger: Wer nichts weiß, weiß nicht mal das

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 5: Selbstüberschätzung.

***

Wer schon mal eine längere Abschlussarbeit schreiben musste, hat das Phänomen wahrscheinlich selbst erlebt: Ganz am Anfang wusste man nichts über das Thema, aber man ging davon aus, dass sich das bald ändern würde. Dann vergingen Tage und Wochen, in denen man sich ausführlich mit der Sache beschäftigte. Aber unglücklicherweise schlossen sich nicht nach und nach alle Wissenslücken, sondern es taten sich immer neue auf. Das ist eine ganz typische Entwicklung. Mit dem Wissen wächst auch die Fähigkeit, das eigene Nichtwissen abzuschätzen. Oder umgekehrt: Wer wenig weiß, hat keine Ahnung, wie wenig er weiß.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger haben diesen Effekt im Jahr 1999 untersucht. Ihre Arbeit trägt den Titel: „Unskilled and unaware of it: how difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments“.

Die beiden Wissenschaftler ließen Probandinnen und Probanden an einem Test teilnehmen und baten sie im Anschluss, ihre eigene Leistung im Vergleich zu der aller übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzuschätzen. Alle hielten sich selbst für überdurchschnittlich gut. Aber je schlechter ihre Leistung war, desto mehr neigten sie dazu, sich zu überschätzen. Die besseren tendierten dazu, ihre Leistung zu unterschätzen. Es zeigte sich: Menschen mit geringem Wissen können nicht nur ihr eigenes Wissen schlecht einschätzen. Sie sind auch nicht in der Lage, die Überlegenheit anderer zu erkennen. Und das ist besonders fatal, denn es führt dazu, dass inkompetente Menschen oft ein enormes Selbstvertrauen besitzen.

Auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben das Phänomen untersucht. Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman nennen es „Overconfidence bias“.

Journalistinnen und Journalisten haben mit diesem Effekt bei ihrer Arbeit ständig zu tun — sowohl im Kontakt mit anderen als auch bei der Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten. Unglücklicherweise wissen viele nichts von diesem Problem.

Vor allem, wenn Reporterinnen und Reporter tagesaktuell arbeiten, im Lokalen oder Regionalen, bleibt oft nicht viel Zeit, um sich auf Pressetermine oder Interviews vorzubereiten. Es bleibt generell nicht viel Zeit für Recherche. Das Gefühl, alles im Groben verstanden zu haben, stellt sich in der Regel aber schnell ein — manchmal schon nach einem flüchtigen Blick auf den Wikipedia-Artikel. Nur genau dann ist die Gefahr am größten, bei völliger Ahnungslosigkeit gewaltigen Unsinn zu verbreiten. Genau das passiert natürlich trotzdem.

Pressesprecherinnen und Pressesprecher bringt das in eine dumme Situation: Sie wissen, dass vor allem bei regionalen und lokalen Medien viel schiefläuft. Dort haben Reporterinnen und Reporter es oft am selben Tag gleich mit mehreren, völlig verschiedenen Themen zu tun, die für sie neu sind, und abends müssen die Texte fertig sein. Wenn beispielsweise ein Pressesprecher eine Journalistin dann fragt, ob er den Artikel vor der Veröffentlichung noch einmal sehen dürfe, um zu verhindern, dass etwas falsch dargestellt wird, gerät er in Verdacht, auf diese Weise auch auf den Inhalt Einfluss nehmen zu wollen — was allerdings oft genug auch passiert. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Lokalreporter.

In vielen Redaktion gilt daher die strikte (und nachvollziehbare) Regel: Wir geben unsere Texte vor der Veröffentlichung nicht heraus. Journalistinnen und Journalisten erklären das dann mit der Pressefreiheit. Allerdings gehört zu dieser Freiheit auch die Verpflichtung zu prüfen, ob Informationen wirklich stimmen. Und wenn sie wissen, dass sie das nicht garantieren können, wäre es unter bestimmten Bedingungen vielleicht doch einen Gedanken wert.

Das ist nie eine optimale Lösung. Es gibt vieles, was dagegenspricht, es so zu machen. Ich habe via Twitter Journalistinnen und Journalisten gebeten, mir zu sagen, wie sie es mit der Herausgabe von Texten halten. Im Dokument ist nicht zu sehen, wer geantwortet hat. Aber die Antworten bilden vieles ab, was ich von Journalistinnen und Journalisten schon öfter gehört habe. In einer Antwort steht: „Noch nie gemacht und werde es auch nie machen, weil es die Standards versaut und am Ende allen schadet.“

Das stimmt, es verändert die Standards. Allerdings schadet es auch, wenn Informationen falsch erscheinen und erst später richtiggestellt werden. Zum einen erreicht die Korrektur viele Leserinnen und Leser nicht mehr, zum anderen tendieren Menschen auch dann dazu, an Informationen festzuhalten, wenn sie erfahren, dass sie falsch sind (Belief perseverance).

Journalistinnen und Journalisten gehen mit der Situation sehr unterschiedlich um. Das zeigen schon die wenigen Antworten auf meine Frage: Danach geben einige nur Zitate heraus, andere auch ganze Texte. Bei Wortlaut-Interviews ist die Autorisierung in Deutschland üblich. Aber auch bei Zitaten im Text wird sie häufig gefordert und ist manchmal Voraussetzung dafür, dass ein Gespräch überhaupt zustande kommt.

Es hängt auch von der Art der Texte ab, ob Journalistinnen und Journalisten den Menschen, über die sie berichten, das Ergebnis vor der Veröffentlichung zeigen. Bei Investigativgeschichten wird es in der Regel logischerweise nicht vorkommen, bei Berichten über Wissenschaftsthemen wahrscheinlich recht häufig.

Normalerweise gebe ich nichts vorher zum Lesen heraus, es sei denn, es ist technisch/wissenschaftlich kompliziert und ich will sicher gehen, alles richtig verstanden und wiedergegeben zu haben

… heißt es in einer der Antworten. Ungefähr so steht es auch in einer anderen. Der Journalist Birk Grüling schreibt mir in einer Nachricht:

Ich habe mit dem „Textherausgeben“ durchaus positive Erfahrungen gemacht. Häufig schreibe ich über intime Dinge — Kinder mit Behinderung, Schicksale. Viele dieser Menschen geben mir einen großen Vertrauensbonus, haben oft noch nie mit Journalisten gesprochen. Und den gebe ich zurück. Natürlich mit dem Hinweis, dass ich höchstens ein Zitat oder eine falsche Schreibweise im Namen ändere.

Auch zwischen Publikumspresse und Fachpresse gibt es Unterschiede. Während es in der Publikumspresse, bei überregionalen Tageszeitungen oder Nachrichten-Magazinen, eher verpönt ist, Texte vor der Veröffentlichung zu zeigen, schreibt Jürg Vollmer, Chefredakteur des Schweizer Landwirtschafts-Fachmagazins „Die Grüne“:

[W]ir können nicht alles wissen. Deshalb geben wir grundsätzlich jeden Text und jedes Interview den beteiligten Protagonisten zum Gegenlesen. Diese können fachliche Fehler oder Ungenauigkeiten korrigieren. Absolut tabu beim Gegenlesen sind aber die fachlichen Beurteilungen unserer Redakteure und das „Weichspülen“ von Zitaten der Protagonisten (die wir deshalb als Audio-Format aufnehmen). Für diese konsequente Haltung büßen wir immer wieder mal Inserate-Aufträge ein, das nehmen wir in Kauf. Wir erreichen dadurch aber eine praktisch fehlerfreie Berichterstattung, was unsere kritischen Leser […] sehr zu schätzen wissen.

Ich selbst habe auf diesem Gebiet wahrscheinlich schon fast jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Ich habe mich darauf verlassen, als Menschen mir versicherten, es gehe nur darum zu schauen, ob im Text alles richtig sei. Später fand ich mich in einer Diskussion darüber wieder, ob man dies oder das denn nicht doch irgendwie anders formulieren könnte. Ich habe auch schon einem Gespräch unter der Voraussetzung zugestimmt, dass die Zitate später autorisiert werden, und leichtsinnigerweise den gesamten Text geschickt, weil ich den Inhalt für harmlos hielt. Der Text ist nie erschienen.

Ich habe allerdings auch Fehler an Stellen gemacht, an denen ich gar keine Gefahr sah. Und ich bin schon oft von Fachleuten auf Details hingewiesen worden, die nicht stimmen und die auch Kolleginnen oder Kollegen nicht gefunden hätten, denen ich sonst meine Texte zum Lesen schicke.

Deshalb halte ich selbst es mittlerweile so: Wenn von mir gefordert wird, dass ich Texte, die keine Wortlaut-Interviews sind, vor der Veröffentlichung vorlege, sage ich immer: nein. Aber ich biete es manchmal von mir aus an, wenn ich meinem eigenen Wissen nicht traue und nicht die Gefahr sehe, dass jemand die Chance nutzen wird, Einfluss auf den Inhalt zu nehmen.

Selbstüberschätzung betrifft natürlich genauso die Menschen, mit denen Journalistinnen und Journalisten es zu tun haben — und nicht nur inkompetente Gesprächspartner, sondern ebenso Expertinnen und Experten. Holm Friebe beschreibt in seinem Buch „Die Stein-Strategie“ ein Experiment des Psychologen Philip Tetlock, der Mitte der 80er-Jahre für ein Experiment 284 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Politik und Journalismus bat, die Wahrscheinlichkeit bestimmter politischer Ereignisse vorherzusehen: Wo der Ölpreis in zwei Jahren steht. Wie wahrscheinlich ein Krieg zwischen Indien und Pakistan innerhalb der nächsten fünf Jahre ist. Und so weiter. 20 Jahre lang trug Tetlok Tausende von Datensätzen zusammen. Friebe schreibt:

Im Großen und Ganzen war die Güte der Expertenprognosen nicht besser als der nackte Zufall. Das heißt, sie wären „von einem Dartpfeile werfenden Schimpansen geschlagen worden“, wie es Tetlock formuliert.

Doch nicht alle Expertinnen und Experten waren gleich. Tetlock unterschied zwischen Fachleuten mit großen Wissen auf einem bestimmten Gebiet (Igel) und Personen mit einem breiten breiten Wissen und „Demut vor der Zukunft“ (Füchse). Die Füchse schnitten durchweg deutlich besser ab. Friebe schreibt dazu:

Die Igel […] lagen sogar umso weiter daneben, je mehr die Prognose mit ihrem Spezialthema zu tun hatte. Aufgrund ihres großen Fachwissens überschätzten sie systematisch sowohl ihre eigene Prognosefähigkeit als auch die durchschlagende Bedeutung ihres Themas für die allgemeine Zukunft. Zur sprichwörtlichen Betriebsblindheit tritt „overconfidence“, überzogenes Selbstbewusstsein.

Das hat mit einem Effekt zu tun, den Daniel Kahneman die WYSIATI-Regel (What you see is all there is) nennt: Menschen beurteilen das, was sie wissen oder sehen und vernachlässigen systematisch das, was sie nicht sehen. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ schreibt auch er über über Tetlocks Experiment und ein Ergebnis, das für den Journalismus recht interessant ist:

Philip Tetlock beobachtete, dass die Experten mit der stärksten Selbstüberschätzung am ehesten eingeladen wurden, in Nachrichtensendungen zu zeigen, was sie draufhaben.

Und möglicherweise tut das der Fähigkeit zur Selbstkritik nicht immer gut. Kahneman zitiert Tetlock:

„Experten, die hoch im Kurs standen“, schreibt er, „überschätzten sich selbst stärker als ihre Kollegen, die fern des Rampenlichts ein kümmerliches Dasein fristen.“

Sogar Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger sind davor anscheinend nicht gefeit. Vielleicht macht der Ruhm sie sogar besonders anfällig. Laut Michael Brendler hat der frühere Londoner Medizinprofessor Robin Weiss der bei ihnen auftretende Form der Selbstüberschätzung sogar ein eigenes Wort geben: „Nobilitis“. Sie zeige sich so:

Plötzlich glauben sie [die Nobelpreisträger], alles zu verstehen, und äußern grandiose Ideen auf Gebieten, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Aber auch auf dem eigenen Fachgebiet ist die Gefahr groß, Unsinn zu behaupten, wenn man sich seiner Sache zu sicher ist. Forscher der Cornell University haben Menschen, die für sich beanspruchten, sich gut mit Finanzthemen auszukennen, eine Liste mit 15 Begriffen aus der Finanzwelt vorgelegt und sie gebeten, diese zu erklären. Darunter waren zum Beispiel Fantasiebegriffe wie „annualisierter Kredit“. Das Ergebnis war: „Je sicherer sich die Probanden ihrer ökonomischen Kenntnisse waren, desto öfter erklärten sie mit großem Ernst, was sich hinter den ausgedachten Termini verbarg.“

Das große Problem beim Dunning-Kruger-Effekt ist: Von außen lässt sich nur wenig machen. Menschen auf ihre Inkompetenz hinzuweisen, führt meistens zu nichts, denn auch wenn man sie mit der Nase darauf stößt, fehlt ihnen weiterhin das Wissen, um das Ausmaß ihrer Ahnungslosigkeit zu erkennen. Zuallererst müsste man diese Menschen dazu bewegen, sich mehr Wissen anzueignen, um in die Lage zu kommen, ihre Schwäche zu erkennen. Doch das ist schwer. Sie sehen zum Lernen ja gar keine Notwendigkeit.

Selbstüberschätzung lässt sich nur verhindern, wenn man sich selbst gegenüber skeptisch bleibt, wenn man das eigene Wissen infrage stellt und die eigenen Einschätzungen mit denen anderer abgleicht. Oder in anderen Worten: Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet das, sie sind gut beraten, auch dann kritisch zu bleiben, wenn dazu auf den ersten Blick überhaupt gar kein Anlass besteht.

***

Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier und Teil 4 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.