„Schon wieder!“

Weil es gleich erstmal etwas anders aussehen könnte, das Wichtigste vorweg: Der Afghane Mansor S. hat kein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat die Ermittlungen gegen ihn eingestellt.

Am 14. August dieses Jahres ließ die „Bild“-Titelseite wenig Spielraum für Interpretationen:

Ausriss Bild-Titelseite - Schon wieder! Mansor S. ist seit fünf Jahren ausreisepflichtig - Schon neunmal verurteilt - Jetzt wegen Vergewaltigung einer 14-Jährigen verhaftet

Auf Seite 3 derselben Ausgabe ging es groß weiter. Über dem Text von Markus Arndt, Thomas Knoop, Thomas Röthemeier sowie deren Kollegin Nadja Aswad titelte „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei sicher - Abgelehnter Asylbewerber vergewaltigte Mädchen (14)

Während die „Bild“-Redaktion immerhin noch die leichte (und leicht übersehbare) Abschwächung „Polizei sicher“ vor die riesige Überschrift setzte, war bei Bild.de das Urteil längst gefällt:

Screenshot Bild.de - Der Täter (30) zog sie in einen Hauseingang - 14-Jährige in der Hamburger City vergewaltigt

Als sich die 14-Jährige entfernte, folgte er ihr, verwickelte sie immer wieder in Gespräche — und zog sie dann im Bereich von „Saturn“ an der Mönckebergstraße in einen Hauseingang.

Obwohl sich das Mädchen heftig wehrte, vergewaltigte der Mann es!

Keine Zweifel, keine Unschuldsvermutung. Keine weiteren Untersuchungen nötig.

Und wenn sie bei „Bild“ einmal beschlossen haben, dass eine Vergewaltigung stattgefunden hat, gehen sie sehr schnell über zur nächsten Stufe, dem Fordern von politischen Konsequenzen:

Screenshot Bild.de - Nach Vergewaltigung einer 14-Jährigen - Abschieben statt Strafprozess! Warum muss bloß immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor gehandelt wird?

Außerdem lassen sie auch Politiker Konsequenzen fordern:

Screenshot Bild.de - Langes Vorstrafen-Register - Politiker fordern jetzt mehr Härte von der Justiz!

Die Staatsanwaltschaft Hamburg zeigte sich von all dem „Bild“-Lärm unbeeindruckt und machte einfach ihre Arbeit: Sie befragte das vermeintliche Opfer zweimal, das sich dabei in Widersprüchen verhedderte. Das Mädchen sagte zum Beispiel, dass sie wegen ihrer High Heels nicht habe wegrennen können; auf Überwachungskameras war sie allerdings nur in Turnschuhen zu sehen. Die Staatsanwaltschaft stieß auf weitere Aufnahmen, die sich nicht mit den Vorwürfen deckten. Daher wurde Mansor S. bereits am 17. August aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Staatsanwaltschaft teilte uns damals mit, dass nur noch ein hinreichender Tatverdacht bestehe und kein dringender mehr.

Auch darüber berichtete „Bild“. Allerdings in einem etwas anderen Ausmaß: Auf der Titelseite vom 18. August war nichts zu dem Thema zu finden. Auch nicht auf Seite 3. Dafür eine kleine Meldung auf Seite 7, zwischen einem angeblichen „ARZT-MÖRDER“ aus Somalia, einem angeblichen Leibwächter von Osama bin Laden und angeblichen islamistischen Gefährdern:

Ausriss Bild-Zeitung - Kein dringender Tatverdacht mehr - Afghane (30) nach Vergewaltigungsvorwurf wieder frei

Nur mal zum Vergleich — oben „Bild“ am 14. August über die Festnahme von Mansor S., unten „Bild“ am 18. August über die Entlassung von Mansor S. aus der U-Haft:

Collage mit den Bild-Seiten zum Fall vom 14. August und vom 18. August

Gestern berichtete das „Hamburger Abendblatt“ (Artikel hinter der Paywall), dass die Hamburger Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen Mansor S. komplett eingestellt habe:

„Dem Beschuldigten konnte kein strafbares Handeln nachgewiesen werden“, sagt Carsten Rinio, Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft. Es bestünden vielmehr „massive und durchgreifende Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin“.

Der Anwalt von Mansor S. sagt, dass sein Mandant die Folgen der Anschuldigungen und der Berichterstattung deutlich spüre: Die Familie habe sich von ihm abgewendet, von seinen Mitbewohnern im Flüchtlingsheim sei er als „Kinderschänder“ beschimpft und vertrieben worden. Mansor S. habe daraufhin als Obdachloser auf der Straße gelebt. Gegen das Mädchen, das die Vergewaltigung erfunden hat, wolle der Afghane nicht vorgehen, so dessen Anwalt. Erstens wolle sein Mandant „das Ganze nicht erneut aufrollen“, und zweitens habe die 14-Jährige, die aus schwierigen Verhältnissen stamme, „in ihrem Leben schon genug durchgemacht“.

In den „Bild“-Medien ist von der Einstellung der Ermittlungen gegen den Mann, den die „Bild“-Medien längst verurteilt haben, bisher kein Wort zu lesen.

Mit Dank an @ma_ma_sz für den Hinweis!

Nachtrag, 30. November: Wir haben eine gute Woche abgewartet und noch mal nachgeschaut, ob bei „Bild“ und Bild.de Korrekturen erschienen sind.