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Das Drogengeständnis der eingeweihten Kreise (2)

Der Artikel, den Reinhard Breidenbach am Montag über den unter Drogenverdacht stehenden SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Hartmann geschrieben hat, ist nicht mehr online. Die Mainzer “Allgemeine Zeitung”, deren Politikchef Breidenbach ist, hat ihn durch einen anderen Artikel zum selben Thema ersetzt. Die “Allgemeine Zeitung” hat nicht kenntlich gemacht, dass sie den Text komplett überarbeitet und an entscheidenden Stellen verändert hat. Sie hat das auch nicht erklärt. Sie hat einfach die erste Version klammheimlich verschwinden lassen (BILDblog berichtete)

Das ist an sich schon schlechter Stil. Nun aber tut die “Allgemeine Zeitung” auch noch so, als hätte es die erste Version nie gegeben.

Sie tut, als hätte sie von Anfang an geschrieben, dass bloß irgendjemand aus dem Umfeld des Politikers ihr gegenüber gesagt hat, Hartmann habe “geringe Mengen Crystal Meth” genommen, und nicht Hartmann selbst. Hartmann hat den Drogenkonsum am Mittwoch über seine Anwälte öffentlich zugegeben. Aber den Eindruck, dass er sich schon am Montag gegenüber der “Allgemeinen Zeitung” offenbarte, den ließ er sofort dementieren.

Den Ablauf schilderte Breidenbach in der “Allgemeinen Zeitung” gestern wie folgt:

Seit dem 2. Juli: Warten auf eine Erklärung Hartmanns. Am 7. Juli sagt jemand aus Hartmanns engstem Umfeld gegenüber dieser Zeitung dies: Es sei davon auszugehen, dass Hartmann eine sehr geringe Menge Crystal Meth konsumiert, dann aber die Finger davon gelassen habe. Hartmann dementiert sofort, was nie behauptet worden war: dass er persönlich gegenüber irgendeinem Medium eine Erklärung abgegeben habe; er rede zuerst mit der Staatsanwaltschaft. Das ist nun geschehen. Der wichtigste Satz seiner Erklärung: Er bedauert und bereut.

Hartmann dementierte, “was nie behauptet worden war”?

Wie sonst hätte man etwa Breidenbachs Formulierung verstehen sollen: “Hartmann wies gegenüber unserer Zeitung auch Gerüchte zurück, …” ? Oder Halbsätze wie: “Hartmann ließ gegenüber unserer Zeitung auf Anfrage erklären” oder: “Hartmann trat auch Spekulationen entgegen”? Oder die Überschrift seines Artikels, die mit Doppelpunkt und Anführungszeichen keinen Zweifel daran ließ, dass es sich um ein wörtliches Zitat Hartmanns handelte?

Die “Allgemeine Zeitung” hat am Montag den falschen Eindruck erweckt, der SPD-Politiker habe ihr gegenüber eine Art Geständnis abgelegt. Nun erweckt sie auch noch den Eindruck, sie hätte nie diesen falschen Eindruck erweckt.

Mit Dank an Boris R.!

Maybritt Illner, Rassismus, Kopp-Verlag

1. “Peinliche Kaffeesatzleserei bei Illner”
(berliner-zeitung.de, Daland Segler)
Die ZDF-Talkshow “Maybritt Illner” mit dem Thema “Alles oder nichts – wird Deutschland jetzt Weltmeister?” (zdf.de, Video, 65 Minuten). Daland Segler hat sich die Sendung angesehen und findet: “Auf dem Lerchenberg herrscht blanker Opportunismus.” Siehe dazu auch “Das ZDF opfert auch Illner auf dem Fußball-Altar” (dwdl.de, Uwe Mantel).

2. “Ein Recht auf Information”
(nzz.ch, Annegret Mathari)
Unterstützung für Radios in Krisengebieten, so in der Zentralafrikanischen Republik: “‘Wir informieren über Fakten, machen jedoch weder Analysen noch Kommentare’, sagt Chefredaktor Jean-Claude Ali im Gespräch.”

3. “Das Web-Erfolgsrezept der Verschwörungstheoretiker vom Kopp-Verlag”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Stefan Winterbauer schaut sich Artikel an auf der Website des Kopp-Verlags.

4. “‘Bin ich schwul?’, fragt Ruedi M. den Esoterik-Experten der Glückspost – und erhält eine Antwort, die einen Shitstorm auslöst”
(watson.ch, Simon Jacoby)
In der “Glückspost” antwortet ein “PSI-Experte” auf die Frage “Bin ich schwul?”.

5. “Der Rassist in uns”
(zdf.de, Video, 74:14 Minuten)
39 Personen nehmen teil an einem Experiment, das versucht, Blauäugige und Braunäugige gegeneinander auszuspielen. Siehe dazu auch “Die Arier” (zdf.de, Video, 91:55 Minuten).

6. “Flug MH370 spurlos aus den Nachrichten verschwunden”
(der-postillon.com)

George Clooney, Israel, Fußball-WM

1. “Israel und die Hamas im Spiegel deutscher Schlagzeilen”
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Anatol Stefanowitsch wertet Schlagzeilen zum aktuellen Konflikt im Nahen Osten aus: “Um das zu überprüfen, habe ich heute morgen auf Google News die Suchbegriffe Israel und Hamas eingegeben, und die Überschriften der jeweils 25 ersten Treffer analysiert.”

2. “Wen trifft das neue Leistungsschutzrecht für Presseverleger?”
(irights.info, Till Kreutzer)
Till Kreutzer versucht herauszufinden, für welche Dienste der Gesetzestext des Leistungsschutzrechts für Presseverleger gelten könnte.

3. “Ukraine: ‘Die Medien haben diesen Konflikt verschärft'”
(derstandard.at, Julia Herrnböck)
Ein Interview mit dem Medienwissenschaftler Jürgen Grimm: “Die antirussische Tendenz war relativ ähnlich in Österreich und in Deutschland. Dann gab es eine Gegenbewegung in den Social Media, die sich als Protest an dieser Mainstream-Berichterstattung entzündet hat. Ganz deutlich war es beim ‘Spiegel’, da war kein Unterschied mehr zur ‘Bild’-Zeitung. Es wurden hemmungslos Feindbilder konstruiert. Das war auch schon ein Kennzeichen der Publizistik 1914: Da haben Medien in ganz Europa durch ihre nationale Perspektive wesentlich zur Kriegsdynamik beigetragen.”

4. “Exclusive: Clooney responds to ‘Daily Mail’ report”
(usatoday.com, George Clooney, englisch)
George Clooney stellt Fakten richtig zu einem Bericht der “Daily Mail”, der behauptet, die Mutter seiner Verlobten sei aus religiösen Gründen gegen eine Heirat: “The irresponsibility, in this day and age, to exploit religious differences where none exist, is at the very least negligent and more appropriately dangerous. We have family members all over the world, and the idea that someone would inflame any part of that world for the sole reason of selling papers should be criminal.”

5. “Nachrichten-Wahnsinn pur: Das ‘heute-journal’, der Nahostkrieg und das WM-Drama”
(stefan-niggemeier.de)
Wie das “Heute-Journal” die Entwicklung im Nahen Osten und die Fußball-Weltmeisterschaft in der Halbzeit eines WM-Spiels abhandelt. “Die Quote ist das einzige Kriterium, das das ZDF bei diesen Entscheidungen antreibt.” Siehe dazu auch “‘Kurve zu hart’: Claus Kleber räumt Fehler ein” (dwdl.de, Uwe Mantel) und “Was für das ZDF die Nachricht des Tages war” (stefan-niggemeier.de).

6. “Hier, ich freu mich ja auch und so, aber so sieht Spiegel Online momentan aus, wenn man Fussball entfernt”
(twitter.com/Sillium)
Siehe dazu auch “Das geht mit der @SZ auch sehr gut” (twitter.com/oler).

Playboy, Peter Röthlisberger, China

1. “‘Ist sie nicht hübsch?'”
(freitag.de, Elke Wittich)
Weibliche Journalisten zum Thema Fußball: “Manchmal allerdings bleibt auch mir nur Sprachlosigkeit. Wie bei einem Interview mit einem Ostberliner Vereinspräsidenten, der die Frage nach dem ‘Wie geht es denn nun weiter mit dem Klub?’ mit einem ‘Nein, wie sind Sie hübsch!’ beantwortete. Auch alle weiteren Versuche, etwas auch nur halbwegs Zitierbares aus ihm herauszubekommen, beantwortete er mit einer Variation des Hübsch-Themas. Er holte sogar seinen Vizepräsidenten dazu und sagte dem: ‘Schau sie dir an, ist sie nicht hübsch?’ Das komplette Interview haben wir dann übrigens ungekürzt abgedruckt, eine Reaktion des Vereins gab es nie.”

2. “Beschwerde gegen den ‘Playboy’: Wie der Presserat seine Missbilligung begründet”
(kress.de, Henning Kornfeld)
Wie der Presserat und der Chefredakteur des “Playboy” mit der Beschwerde eines Lesers umgehen: “Der Chefredakteur bezweifelt, dass der Experte, der in seinem Fach äußerst aktiv und offenbar auch anerkannt sei, seine Glaubwürdigkeit für Gefälligkeits-PR aufs Spiel setze. Nur weil der Hersteller möglicherweise nicht unglücklich über die Feststellung des Experten sei, mache dies den Professor noch lange nicht zum Handlanger des Unternehmens.”

3. “Sack Reis in China”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Die Titelseiten wichtiger überregionaler Zeitungen in Deutschland zeigen alle Angela Merkel beim Kochen.

4. “Bad China Articles: Hall of Infamy”
(theanthill.org, englisch, 27. Juni)
“The Anthill” kürt zehn schlechte Artikel über China: “Business Insider reporter in town on a visit goes out ‘to see the ‘real’ China’. Has lunch, pays a lot for it, writes blog post. Contains the poetic photo caption ‘Beijing from the window of my cab’, which pretty much sums it up.”

5. “A list of search results omitted, erased, or censored due to the ‘Right to be forgotten'”
(hiddenfromgoogle.com, englisch)
Eine Liste von Links, die aufgrund des Rechts auf Vergessenwerden von Suchmaschinen-Resultaten entfernt wurden.

6. “‘Der Leser hat recht'”
(blickamabend.ch, Peter Röthlisberger, 1. Juli)
In einem Beitrag für ein Buch des Verbands Schweizer Medien behauptet Peter Röthlisberger, Chefredakteur der kostenlosen Boulevardzeitung “Blick am Abend”: “Der ‘Blick’ lügt nicht, die Blick-Titel erfinden keine Geschichten. (…) Im Idealfall missionieren Boulevardmedien auch nicht für eine Anschauung, nehmen die Leser und User ernst und erklären nicht die Welt, wie sie sein müsste, sondern beschreiben, was ist.”

Kartenlegen für die Isis

In den sozialen Netzwerken und in einigen Medien stößt man seit einiger Zeit auf Karten wie diese hier:

Angeblich zeigt sie die Expansionspläne der Terrorgruppe Isis; ihren Fünf-Jahres-Plan auf dem Weg zur Weltherrschaft.

Bei “Focus Online” finden sich gleich zwei solcher Karten. Und Blick.ch schreibt:

Die Gotteskrieger von Isis haben den Grössenwahn. Auf einer in sozialen Medien veröffentlichten Roadmap verraten sie, wie sie die Welt gestalten wollen: Der Nahe Osten, Nordafrika, Teile Asiens, der Balkan, Osteuropa, Spanien und Portugal sollen bis 2020 zum ausgerufenen Kalifat gehören. Wie die Karte zeigt, wollen die Islamisten über Österreich sogar bis zur Schweizer Grenze vordringen!

Auch Bild.de alarmierte seine Leser sogleich über die “Machtphantasien von Isis”:

Vor allem den Betreibern und Nutzern von rechten Blogs und Hetzportalen dienen die Karten seither als effektiver Stimmungsanheizer gegen den Islam insgesamt.

Dabei gibt es enorme Zweifel daran, ob die Karten überhaupt echt sind.

Zunächst: Bild.de gibt als Quelle “Twitter (ThirdPosition)” an — verschweigt allerdings, dass es sich dabei um eine nationalistische und rassistische Bewegung aus den USA handelt, deren erklärtes Ziel die Vorherrschaft der Weißen ist.

Davon ab kursieren im Netz verschiedene Varianten der Karte, und das schon seit Wochen. Und schon zwei Tage vor dem Bild.de-Artikel hatte der Nahost-Experte Aaron Zelin erklärt, dass es sich bei der (von “abc News” und der “Daily Mail” verbreiteten) Karte um einen Fake handele. Er sagte:

Das ist ein altes Bild, das von Fans der [Isis-]Gruppe veröffentlicht wurde. Es ist weder offiziell, noch gibt es einen Fünf-Jahres-Plan.

Auch Yassin Musharbash von der “Zeit” twitterte heute:

Schon vor ein paar Wochen hatte er geschrieben:

Es gibt Hunderte solcher Fakes. Das Problem ist, wenn sie für wahr gehalten werden. So kursieren mehrere Landkarten des Nahen Ostens unter Isis-Anhängern, in denen das von Isis beanspruchte Gebiet schwarz eingefärbt und mit ihrer Flagge markiert ist – das zukünftige Kalifat. Solche Karten gibt es seit Jahren, von Al-Kaida-Anhängern fabriziert, von Sympathisanten von Isis’ Vorläufergruppen – es ist ein alter Propaganda-Hut. Weiterverbreitet wurde aber letzte Woche eine Version dieser Karte mit dem Hinweis, es handle sich um den Fünf-Jahres-Plan von Isis. Huch! Und schon wird aus einer schnell hinretouchierten Karte plötzlich ein vermeintliches Dokument.

Als hätten wir nicht schon genug Schwierigkeiten, bei den wirklich von Isis stammenden Informationen herauszufinden, welche bedeutsam sind, welche die Wahrheit abbilden oder nur einen absichtsvoll gewählten Teil der Wahrheit, und welche gelogen sind.

Manchmal scheint es allerdings so, als wollten einige Journalisten das gar nicht herausfinden.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wie die BamS 1978 über die WM in Argentinien berichtete

(Dieser Text ist im März 2006 entstanden und erschien im damaligen Fußballblog “Fooligan”. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Autoren. Die Zitate stammen aus dem Buch “Zeugen der Anklage” von Günter Wallraff.)

Zwischen 1976 und 1983 verschwanden in Argentinien ca. 10000 Menschen, andere Quellen sprechen von bis zu 30000. Unter den desaparecidos befanden sich zahlreiche Studenten, Journalisten und andere, welche gegen die seit einem Putsch im Jahr 1976 regierende Militärjunta unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla opponierten. Diktator Videla hatte für sein hartes Durchgreifen gegen jegliche Opposition eine einfache Erklärung.

Im Dezember 1977 sagte er:

“Ein Terrorist ist nicht nur jemand mit einem Gewehr oder einer Bombe, sondern jemand, der Ideen verbreitet, die im Widerspruch zur westlichen und christlichen Zivilisation stehen”

Wie man sich vorstellen kann, fühlten sich die europäischen Fußballkorrespondenten während der WM 1978 verpflichtet, auf die Situation auch jenseits der Bühne hinzuweisen. Unter ihnen war der spätere “Tagesthemen”-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs.

“Auch als Sportredakteur kann meine Aufgabe nicht nur darin bestehen, stupide die Tore zu zählen!

Die heile Berti-Vogts-Welt à la “Fußball-ist-unser-Leben-und-sonst-gar-nichts-auf-der-Welt” gibt’s nämlich nicht mehr. Und das ist nicht meine Schuld.”

Ein Gedanke, dem angesichts einer Weltmeisterschaft in einem Land, das gerade von einer — wenn auch nicht vorbildlich funktionierenden — Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde, eigentlich niemand widersprechen konnte.

Die “Bild am Sonntag”, die Zeitung, die ein späterer Kanzler in einem magischen Dreiklang mit “Bild” und Glotze zum Regieren benötigen sollte, sah das jedoch völlig anders.

“GEHT DAS SO WEITER MIT DER AGITATION, HERR FRIEDRICHS?”

Die “BamS” hatte zu dem Sportereignis ihren Chefreporter Michael Jeannée entsandt, der nun Friedrichs knallhart investigativ befragte:

“Ihre Zuschauer, Herr Friedrichs, und unsere Leser haben diese Art tendenziöser Interviews und Berichte, die sich nur am Rande mit Fußball beschäftigen, nämlich satt, Hunderte von Anrufen beweisen es….”

Aber natürlich hat die “BamS” auch selbst recherchiert und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass alles in Wirklichkeit ganz anders war, als es ZDF und ARD darstellten.

Jeannée zitiert einen Herrn Bellardi, der im Auftrag der Junta Unterkünfte für die akkreditierten Journalisten organisierte.

“Wichtig ist, dass die Welt zur Kenntnis nimmt, dass die Bajonette und MPs der Soldaten zum Schutz unserer Gäste da sind. Und nicht zur Unterdrückung und Knechtung des Volkes.”

Worte, die den “BamS”-Reporter nachdenklich stimmten.

“An diese Worte des Senors Bellardi musste ich denken, als ich eine Woche später auf dem Rhein-Main-Flughafen unsere waffenstarrenden Grenzschützer sah: War mir jemals der absurde Gedanke gekommen, dass diese Jungs zu meiner Unterjochung da sind???”

BamS-Reporter Michael Jeannée, heute Klatschreporter der Wiener Kronenzeitung, durfte sich auf Einladung des argentinischen Dikators Videla selbst ein Bild von den Zuständen in argentinischen Gefängnissen machen. Und — Überraschung — alles, was in Europa über Folter und Menschenrechtsverletzungen berichtet wurde, entpuppte sich als haltlose Propaganda.

“In Argentinien werden, wie überall, Terroristen, d.h. Gewalttäter, die politische Motive vorgeben, gefangengehalten. Sie wurden nicht gefoltert, dürfen Besuche ihrer Angehörigen und Anwälte empfangen, werden ausreichend ernährt, genießen mehr Menschenrechte als in allen sozialistischen Straflagern — und machen aus ihren Verbrechen keinen Hehl.”

Der “BamS”-Reise-Führer berichtet staunend von der Wunderwelt der Luxusherberge mit angeschlossenem Gourmettempel.

“Die Zellen sind sauber, in allen steht ein kleiner Ofen. Die Häftlinge können sich ihren Tee oder Kaffee selber kochen…

Jedem subversiven Verbrecher in ‘La Unidad 9’ stehen pro Tag 450 Gramm Fleisch zu.”

Ein Bewohner des Ferienlagers erläutert dem Reporter die Annehmlichkeiten und Umstände seines Aufenthaltes:

“Was ich getan habe, habe ich getan. Dafür hat mich der Staat kassiert. Aber gefoltert oder mißhandelt bin ich nie worden. Auch geht mein Prozeß, soweit ich das beurteilen kann, in Ordnung. Nein, ich fühle mich in meinen Rechten nicht verletzt. Von den 880 hier einsitzenden… hat noch keiner konkrete Angaben (über Folterungen) machen können. Etwa, daß man ihm die Fingernägel gerupft habe.”

Winston Smith hätte es nicht schöner sagen können.

Gott allein weiß, ob der Terrorist wirklich existierte, dem Reporter ein Polarbär aufgebunden wurde, oder ein echter Häftling nur anfing zu glauben, dass zwei plus zwei fünf ergibt.

Etwas weniger begeistert vom Service in den argentinischen All-inclusive-Clubs zeigte sich die amerikanische Staatsbürgerin Gwenda Loken Lopez, die im April 1976 von Sicherheitskräften aus einem Bus gezerrt wurde, nachdem sie Flugblätter mit der Forderung nach Freilassung politischer Gefangener auf einer Parkbank zurückgelassen hatte.

“Mir wurden die Augen verbunden, meine Hände waren gefesselt, und ich wurde an eine Wand gestellt. Ein elektrisches Gerät berührte meine Hände. Im nächsten Augenblick lag ich am Boden…. Ich wurde geschlagen…. Meine Kleider wurden heruntergerissen. Dann lag ich, glaube ich, auf einem Tisch, wo ich von vier bis fünf Kerlen festgehalten wurde. Sie setzten die Picana ein [einen elektrischen Stab]. Dann banden sie mich fest und übergossen mich mit Wasser…. Sie stellten mir Fragen, aber vor allem hieß es: ‘Gib es ihr. Da. Da. Da. An den Genitalien…’ Sie sagten, sie würden dafür sorgen, dass ich keine Kinder bekommen könnte.”

Die Axel Springer AG distanziert sich deutlich vom Nationalsozialismus und gibt sich als Freund und Förderer Israels. Aber was hätte Michael Jeannée wohl zum Fall Sophie Scholl geschrieben? Terroristin wird auf Staatskosten mit 450 Gramm Fleisch am Tag gefüttert!?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht nur Angehörige des Springer Konzerns verhielten sich wie die sprichwörtlichen drei Affen. Auch einige der Lieblinge der Nation, Spieler der deutschen Elf, die 1978 in Argentinien antrat, zeigten sich unbeeindruckt.

“Militär stört mich nicht. Ich hoffe, wir kommen weit.”

Klaus Fischer, Schalke 04

“Nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird.”

Manfred Kaltz, Hamburger SV

“amnesty sollte lieber mal im STERN nachlesen, was da über russische Lager drinsteht.”

Berti Vogts, Borussia Mönchengladbach

Das Schicksal der desaparecidos ist mittlerweile bekannt: In Argentinien war es üblich, die zuvor oftmals heftigsten Folterungen ausgesetzten Opfer unter Drogen zu setzen und über dem Meer abzuwerfen.

Die Geschichte jedes Einzelnen wird man jedoch niemals erfahren.

SFV, Staatsschutz, Verschlüsselung

1. “Besser reden mit unseren Lesern”
(ploechinger.tumblr.com)
Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, macht sich ausführlich Gedanken über Leserkommentare: “Das Argument, Moderation sei Zensur, ist grundfalsch. Nie war die Chance, irgendwo irgendwelche Thesen zu publizieren, so groß wie heute im Netzzeitalter. Wieso aber sollten ausgerechnet Nachrichtenseiten mit ihrem Multimillionenpublikum dieser Ort sein – wenn alle dort davon genervt sind, Leser wie Redakteure? Wieso ändern wir nicht unsere Regeln so, dass Menschen durchkommen, die wirklich etwas beizutragen haben?” Siehe dazu auch “Das Erbrochene betrachten” (christophkappes.de).

2. “‘Analsex’ ist nicht der meistgesuchte Begriff in Niedersachsen, liebes Internet”
(vice.com, Henri Tartaglia)
Einige Leser verstehen den Artikel “Was man aus den Google-Suchen über Deutschland lernen kann” falsch: “Um ein echtes Psychogramm der Bundesländer zu erstellen, müsste man nicht nur jedes Wort in der deutschen Sprache durch Google Trends jagen, sondern auch noch die Unterschiede in den Bevölkerungszahlen rausrechnen.”

3. “Nazi-Angriff: Anzeige gegen Ruhrbarone-Journalist, weil der bei den Dortmunder Rathausverteidigern stand”
(ruhrbarone.de, Bastian Puetter)
Journalist Bastian Puetter erhält eine Anzeige vom Staatsschutz wegen Nötigung: “Zwar leite ich seit fünf Jahren hauptamtlich eine Magazin-Redaktion mit Sitz in Dortmund, erscheine auch auf Polizeipressekonferenzen und war für die Ruhrbarone etwa zuletzt für die konstituierende Sitzung des Rates akkreditiert, aber man muss mich nicht kennen. Nur: Dafür ermittelt ein Staatsschutz ja.”

4. “Kanalisieren, verhindern, abwürgen, bestimmen”
(bazonline.ch, Marcel Rohr)
Marcel Rohr beklagt sich über die Medienarbeit des Schweizer Fußballverbands SFV, die aus “kanalisieren, verhindern, abwürgen und bestimmen” bestehe: “Mal hiess es, Ottmar Hitzfeld wolle nicht, dass die Spieler zu viel reden. Mal war es der Medienchef, der keine Lust zu haben schien, mal die Fifa, die mit ihrer Doktrin alle in Atem hielt.”

5. “Nutzen Journalisten Verschlüsselungsprogramme?”
(ndr.de, Video, 2:33 Minuten)
Eine Kurzumfrage unter Journalisten.

6. “Diego Maradona against Belgium: the real story behind the famous image”
(theguardian.com, Jonny Weeks, englisch)

Stern.de, Digg, Eric Weber

1. “EU’s right to be forgotten: Guardian articles have been hidden by Google”
(theguardian.com, James Ball, englisch)
James Ball stellt sechs Guardian-Artikel vor, die aufgrund des Rechts auf Vergessenwerden vom Google-Suchindex verschwinden: “Publishers can and should do more to fight back. One route may be legal action. Others may be looking for search tools and engines outside the EU. Quicker than that is a direct innovation: how about any time a news outlet gets a notification, it tweets a link to the article that’s just been disappeared. Would you follow @GdnVanished?” Siehe dazu auch “Why has Google cast me into oblivion?” (bbc.com, Robert Peston).

2. “Wozu gibt es eigentlich STERN.de?”
(jensrehlaender.tumblr.com)
Wer Stern.de aufrufe, dem offenbare sich “in schonungsloser Härte, wie Reichweitenoptimierung eine Medienseite bis zur Unkenntlichkeit” ruiniere, schreibt Jens Rehländer. “Liebe Leute von stern.de, ich bin sicher, ihr würdet euren Dienst anders machen, wenn man euch ließe. (…) Denn angesichts dieses Allerwelts-Klimbim frage mich ernsthaft, was fehlen würde, wenn es stern.de morgen nicht mehr gäbe?”

3. “Gegenentwurf zu Facebook: Wie Digg zur Startseite des Internets werden will”
(spiegel.de, Ole Reißmann)
Ole Reißmann schaut sich Digg an, wo man neu auf redaktionell ausgewählte Links setzt. “Was es auf Digg nicht gibt: Clickbait, reißerische Überschriften zu oft belanglosem Entertainment, wie es Seiten wie Heftig oder Upworthy vormachen.”

4. “Deutsche Talkshows sind Russland-lastig”
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck)
Fabian Burkhardt analysiert in der Arbeit “Die Ukraine-Krise in den deutschen Talkshows” die Gäste von Talkshows zum Thema Russland und Ukraine.

5. “A leap forward in quarterly earnings stories”
(blog.ap.org, Paul Colford, englisch)
Die Nachrichtenagentur AP will neu in automatisierter Form Bericht erstatten: “The Associated Press announced in an advisory to customers today that the majority of U.S. corporate earnings stories for our business news report will eventually be produced using automation technology.”

6. “Eric Weber, der Bürgerschreck”
(bazonline.ch, Aaron Agnolazza)
Aaron Agnolazza stellt Eric Weber vor, Ex-“Bild”-Mitarbeiter und gewählter Parlamentarier im Kanton Basel-Stadt: “Mittlerweile deckt der Grossrat die Regierung beinahe täglich mit Interpellationen und schriftlichen Anfragen ein. ‘Ich schreibe so viele Anfragen, um den angestauten Frust abzubauen’, erklärt sich Weber. ‘Meine Anfragen kosten die Regierung pro Monat 20 000 Franken’, behauptet er beinahe triumphierend.”

Per Mertesacker, Mindestlohn, Erdbeben

1. “Haut ab mit eurem Wow-Effekt!”
(zeit.de, David Hugendick)
Ein ZDF-Interview mit Per Mertesacker (youtube.com, Video, 2:35 Minuten) im Anschluss an das Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Algerien: “Im Fernsehen, wo notorisch ‘magische Momente’ eingefordert werden, hat Negativität keinen Platz mehr. Man will lieber Wirklichkeit mit dem Emotionswert der Soap-Opera. Man will ‘echte Tränen’, ‘echte Freude’ und alles, was sonst noch unter dem Modewort ‘Authentizität’ firmiert, die nur gut ist, solange sie sich anpasst und irritationsfrei konsumierbar ist.”

2. “Herzlichen Glückwunsch, Boris Büchler!”
(faz.net, Frank Lübberding)
Frank Lübberding gratuliert ZDF-Reporter Boris Büchler zu diesem Interview und regt an, sich mit dem Bundestrainer zu beschäftigen: “Stattdessen sieht man etwa im Fernsehen jene Szenen namens ‘Löw am Strand’ im WM-Quartier der Nationalmannschaft. Ein nachdenklicher Trainer auf dem Wege zu Ruhm, so ist diese Form des öffentlich-rechtlichen Propaganda-Fernsehens zu nennen. Offenkundig muss jeder Journalist für ein kritisches Wort befürchten, am Hofe des DFB in Ungnade zu fallen.” Siehe dazu auch “In Interviewgewittern” (begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig).

3. “LSR: Wiederholt sich die Geschichte?”
(vocer.org, Heidi Tworek und Christopher Buschow)
Heidi Tworek und Christopher Buschow erinnern an das Gesetzgebungsverfahren in den 1920er-Jahren, als mit der zunehmenden Verbreitung des Radios “die Forderung nach einem rechtlich geregelten Nachrichtenschutz” aufkam.

4. “Schlechte Schlagzeilen (1): ‘Warum in Deutschland stärkere Erdbeben drohen'”
(scienceblogs.de/astrodicticum-simplex, Florian Freistetter)
Die Schlagzeile “Warum in Deutschland stärkere Erdbeben drohen” auf Focus.de: “Die Gefahr durch geologische Aktivität ist heute nicht größer als sie es in der Vergangenheit war. Es ist nichts passiert, dass eine neue ‘Bedrohung’ durch Erdbeben verursacht hat. Wir wissen nun nur besser über die Statistik Bescheid als vorher.”

5. “Warum werden eigentlich ausgerechnet Zeitungszusteller vom Mindestlohn ausgenommen?”
(nachdenkseiten.de, Jens Berger)
Der angeblich flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro soll erst ab 2017 auch für Zeitungszusteller gelten. “Geht es nicht noch ein bisschen grotesker und dreister?”, fragt Jens Berger zur Behauptung, die Pressefreiheit sei dadurch in Gefahr: “Nach dieser Logik sind auch Hungerlöhne für Krankenpfleger gerechtfertigt, da ansonsten ja Krankenhäuser geschlossen werden müssten und die öffentliche Gesundheitsvorsorge in Gefahr wäre. Nach dieser Logik ließen sich in so ziemlich in jeder Branche Hungerlöhne rechtfertigen.”

6. “Die gesammelten Bauer-Regeln zu Journalismus im Netz”
(davidbauer.ch)

Jung&Naiv, Volontariat, Netzfingerabdruck

1. “Der Traum vom Journalistenleben”
(mdr.de, Audio, 29:23 Minuten)
Zwanzig Jahre nach dem Besuch der Journalistenschule ruft Philip Meinhold ehemalige Mitschüler an und fragt sie, ob sie ihre Vorstellungen von Journalismus verwirklichen konnten.

2. “Bitte bewerben – ihr braucht dafür auch nur drei Tage”
(sara-weber.tumblr.com)
Noch bis zum 8. Juli kann man sich beim britischen “Spectator” für ein ein- oder zweiwöchiges Praktikum bewerben. Sara Weber findet die Anforderungen dafür sehr hoch, das Bewerbungsverfahren “unverschämt”.

3. “Meine Laudatio für Jung&Naiv: Die konservative Konterrevolution hat Youtube erreicht”
(leitmedium.de, ccm)
“Jung & Naiv” mit Tilo Jung revolutioniere nicht den Journalismus auf Youtube, sondern es sei “ein Intranetformat für Medienmacher und Politiker”, schreibt Caspar Clemens Mierau: “Jung bringt den am Zuschauer desinteressierten Journalisten auf die Videoplattform und erntet damit natürlich den Applaus einiger Journalisten-Kollegen, die auch lieber ohne Leser schreiben würden.”

4. “Stromnetz verrät Whistleblower”
(heute.de, Peter Welchering)
Eine Verzerrung der Stimme des Informanten ist kein wirkungsvoller Schutz, schreibt Peter Welchering: “Denn mit einer IT-forensischen Methode können die Einstreuungen der elektrischen Netzfrequenz in Tonaufnahmen herausgefiltert und zu einer Art Netzfingerabdruck verdichtet werden. Dieser Netzfingerabdruck wird dann mit Frequenzdatenbanken abgeglichen, um herauszubekommen, wann und wo die Aufnahme gedreht wurde.”

5. “Das Chaos der Anderen”
(neues-deutschland.de, Tobias Riegel)
Tobias Riegel malt sich in der sozialistischen Tageszeitung “Neues Deutschland” aus, wie es wäre, wenn ausländische Politiker und Medien deutsche Politiker kritisieren, die versuchen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen: “Wir können uns in Deutschland kaum vorstellen, wie das wäre, wenn sich der US-Außenminister regelmäßig tadelnd zu unserem Umgang mit Demonstranten äußern würde. Es ist aber zu vermuten: Sollte eine linke Bundesregierung einst den Austritt aus der NATO anstreben – wir würden das Gefühl der ständigen Ermahnung kennenlernen. Dann wären die Randalierer vom 1. Mai für die ‘Bild’-Zeitung plötzlich die ‘friedliche und demokratische’ Speerspitze gegen eine ‘autokratische’ und ganz allgemein ‘korrupte’ Bundesregierung – die schleunigst durch Technokraten ersetzt werden muss.”

6. “Keine Handyfotos auf der Pressetribüne erlaubt”
(twitter.com/LarsWallrodt)

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