Archiv für März 30th, 2020

Zum Würfeln: Literaturkritiken

Zeitknappheit, Personalmangel, begrenzte Ressourcen …

Wir kennen die Probleme der Redaktionen nur allzu gut und haben dafür die Lösung: Mit unserem neuen Würfelspiel „Kurz vor Redaktionsschluss“ lassen sich, jawoll, auch kurz vor Redaktionsschluss auf die Schnelle druckreife Teaser, kurze Artikel und sogar ganze Buchbesprechungen erstellen.

Folge 2 unserer 16-teiligen Serie: Literaturkritiken.

Das neue BILDblog-Würfelspiel Kurz vor Redaktionsschluss - Literaturkritiken - Schritt eins: Würfeln Sie den Einleitungssatz - Schritt zwei: Würfeln Sie das erste Kritikelement - Schritt drei: Würfeln Sie das zweite Kritikelement - Schritt vier: Würfeln Sie den Schlusssatz - Variante eins: Die gefeierte Hohepriesterin der Poesie entwirft ein leuchtendes Requiem der Vergänglichkeit und räumt nachhaltig mit falschen Gewissheiten auf. Die Katastrophe als Signum unserer Zeit! - Variante zwei: Der geniale Handwerker im Literaturbetrieb malt ein verstörendes wie anrührendes Sittenbild und erstarrt in Klischees und Konventionen. Ein Lektüreerlebnis zwischen Fortschritt und Zwiespalt! - Variante drei: Die Zentralfigur der deutschen Gegenwartsliteratur knüpft ein dichtes, aber subtiles Textgewebe und zeichnet das Bild einer klaustrophoben Herrschaft. Ein Drama, das gänzlich auf Bewältigung verzichtet! - Variante vier: Der literarische Saboteur des Ewiggesagten webt ein Gespinst aus postmoderner Philosophie und verhüllt sich in einer luziden Wehmutswolke. Ein pointenpralles und fulminantes Gemälde unserer Zeit! - Variante fünf: Der Schriftsteller mit dem Hang zur Identitätssuche bietet ein Tableau disparater Reflektorfiguren auf und entwirrt die Fallstricke der Unverstelltheit. Geschichtenfäden aus dem Beziehungsgeflecht der Welt! - Variante sechs: Die sträflichst unterbewertete Wort-Architektin ergeht sich in einer Mischung aus Angst, Wut und Ekel und changiert zwischen Lust und Verblendung. Wie ein Malariafiebertraum, aus dem man nie erwacht!

Hier gibt es ein größeres JPG und hier ein größeres PDF zum Ausdrucken.

Am Freitag folgt Ausgabe 3.

Bisher erschienen:

Wenn Franz Josef Wagner sich falsch an den Adidas-Gründer erinnert

Was hatten die beiden Dassler-Brüder Adolf und Rudolf auch den gleichen Nachnamen? Wie soll „Bild“-Briefonkel Franz Josef Wagner es bei so einer komplizierten Lage hinbekommen, den einen und den anderen auseinanderzuhalten?

Wagner schreibt heute ans „Liebe Adidas“, an die Firma also, die derzeit schwer in der Kritik steht, weil sie für ihre in der Corona-Krise geschlossenen Shops im April keine Miete zahlen wolle. Adidas verteidigt sich: Es gehe nur um eine Stundung der Mietkosten.

Sowas hätte es bei Adolf „Adi“ Dassler, dem Gründer von Adidas, laut Wagner jedenfalls nie gegeben:

Ein Adi Dassler hätte nie die Mietzahlungen gestrichen. Er war ein Mann, der aus der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kam. Wegen Fahnenflucht wurde er von der Gestapo verfolgt und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. (…)

Adidas sollte sich an seinen Gründer erinnern.

Und Franz Josef Wagner sollte sich richtig an die Geschichte der Dassler-Brüder erinnern, bevor er sowas schreibt. Denn es war nicht Adolf Dassler, der wegen Fahnenflucht von der Gestapo festgenommen und ins Konzentrationslager Dachau gebracht werden sollte, sondern dessen Bruder Rudolf, der spätere Gründer von Puma.

Selbst wenn Wagners Aussage stimmen würde, wäre es eine bemerkenswert einseitige Darstellung von Adolf Dasslers Rolle während des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Zeit in Deutschland (andere Aspekte nennt Wagner nicht). Beide Dassler-Brüder wurden 1933 Mitglieder der NSDAP. Adolf Dassler war bei der Hitlerjugend aktiv. Während des Krieges stellten die Dasslers in ihrer Fabrik für das Nazi-Regime die Panzerabwehrwaffe „Panzerschreck“ her, auch unter Einsatz von französischen Zwangsarbeitern. Zu Adolf Dasslers Verhalten während dieser Zeit gehört aber auch, dass er bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gegen alle Widerstände dafür sorgte, dass der schwarze Leichtathlet Jesse Owens in Dassler-Schuhen antreten konnte. Und im Entnazifizierungsverfahren der US-Amerikaner gab es viele Fürsprecher für Adolf Dassler, unter anderem einen jüdischen Bürgermeister, der berichten konnte, dass Dassler ihn bei sich zu Hause vor der Gestapo versteckt hatte, und einen bekannten Antifaschisten, den Adolf Dassler auch während der NS-Zeit weiterbeschäftigte.

Mit Dank an Georg und @sundrio für die Hinweise!

Nachtrag, 18:10 Uhr: Die „Bild“-Redaktion hat reagiert und die Wagner-Kolumne überarbeitet: Die Passage zum Zweiten Weltkrieg ist komplett verschwunden. Dafür gibt es nun eine „ANMERKUNG DER REDAKTION“ am Ende des Textes:

In einer früheren Version des Artikels hieß es über den Adidas-Gründer: „Er war ein Mann, der aus der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kam. Wegen Fahnenflucht wurde er von der Gestapo verfolgt und in das Konzentrationslager Dachau gebracht.“

Das ist falsch, die Beschreibung trifft vielmehr auf den Rudolf Dassler zu, den älteren Bruder von Adi Dassler. Rudolf Dassler gründete den Adidas-Konkurrenten Puma.

Diese transparente Korrektur ist gut. Wenn die Redaktion schon dabei ist, könnte sie auch gleich noch Wagners Behauptung korrigieren, dass „Adi“ Dassler der Erfinder der Schraubstollen ist („Adi Dassler war Zeugwart und Schuster in der Nationalelf. Er erfand den Schraubstollen.“). Laut Patent- und Markenamt gab es einige Personen, die lange vor Dassler ein Patent auf Schraubstollen angemeldet hatten.

Mit Dank an @seelengalerie und L. S. für die Hinweise!

Reichweitennutzer Xavier Naidoo, Quarantäne-WG, Das letzte Spiegelei

1. „Ich habe mir die Reichweite von RTL zunutze gemacht“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Der Sänger Xavier Naidoo hat sich nach dem Skandal um seine rassistischen Verschwörungsvideos erstmals direkt zu Wort gemeldet. In einem Interview mit einem Rechtspopulisten hat er eine Stellungnahme zu den Vorgängen abgegeben. Das Video strotzt erneut vor Verschwörungsgeraune und Anti-Mainstream-Getue. Thomas Lückerath ordnet die unerquickliche Angelegenheit für „DWDL“ ein.
Weitere Information: Mit deutlichen Worten hat sich der Sender ProSieben geäußert: „Wir versprechen: Der Sänger mit dem Aluhut wird nie wieder mit seiner Musik in unseren Shows sein. Nie wieder.“

2. Der Newsroom als Isolationsbereich
(taz.de, Ralf Leonhard)
Die „taz“ berichtet über die „Corona-Quarantäne-WG“ des österreichischen Fernsehsenders ORF. Ein Team von 68 in Isolation lebenden Personen erhalte den Sendebetrieb von Wien aus aufrecht. Dreimal täglich werde in der ORF-WG Fieber gemessen, ein Freizeitraum sorge für Ablenkung. Ein europaweit wahrscheinlich wegweisendes Experiment, zu dem es bereits Anfragen aus anderen Ländern gebe.
Weiterer Lesehinweis: Auf Twitter postet Anchorman Armin Wolf regelmäßig kurze Eindrücke seines Quarantäne-Alltags. Längere Berichte gibt es in seinem Blog (zuletzt: In der Corona-WG: Tag 5).

3. Wie recherchiert man, wenn kaum jemand rausgeht?
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:59 Minuten)
Homeoffice, Personalmangel, Ausgangsbeschränkungen — bei Medienhäusern ist gerade viel Improvisationstalent angesagt. Annika Schneider hat sich bei verschiedenen Medien nach deren Umgang mit den aktuellen Herausforderungen erkundigt.

4. Behörden haben RT Deutsch im Visier
(belltower.news, Stefan Lauer)
Der vom russischen Staat gegründete und staatlich finanzierte Auslandsfernsehsender RT Deutsch steht immer wieder in der Kritik, gezielt für Desinformation zu sorgen und Verwirrung zu stiften. Aktuell passiere das anhand der Corona-Krise, so Stefan Lauer in seinem Bericht. Auf dem Sender würden die Maßnahmen der Bundesregierung als „Panikmache“ und als Versuch, „mehr Kontrolle über die Gesellschaft“ zu erlangen, dargestellt.

5. Leitfaden: Wie man besser über diagnostische Tests berichtet (mit Checkliste)
(medien-doktor.de, Marcus Anhäuser)
„Über diagnostische Tests zu berichten ist eine der herausforderndsten Aufgaben, die es im Medizin- und Gesundheitsjournalismus gibt“, so der Wissenschaftsjournalist Marcus Anhäuser — was dabei alles schiefgehen kann, sieht man bei der Berichterstattung über den Covid-19-Schnelltest von Bosch. Als Hilfestellung für den Recherchealltag hat das „Medien-Doktor“-Team einen wertvollen Leitfaden samt Checkliste (PDF) erstellt.

6. Mutter Beimer brät das letzte Spiegelei
(faz.net, Oliver Jungen)
Am Sonntag war es soweit: Nach 35 Jahren und schier unglaublichen 1758 Folgen ging die TV-Serie „Lindenstraße“ zu Ende. Oliver Jungen verabschiedet das Format: „Im goldenen Serienzeitalter ist kein Platz mehr für eine Textaufsage-Soap mit Spiegelei-Plot. Für die meisten war die ‚Lindenstraße‘ schon seit langem ein Phantom, jetzt kann sie zum ‚Phantomschmerz‘ werden. Das ist womöglich ein Aufstieg, in jedem Fall aber ein ehrenwerter Abgang.“
Weitere Lesehinweise: „Spiegel“-Autor Nils Minkmar hat eine Würdigung der „Lindenstraße“ verfasst: Wo Tabus leichter brachen als Butterkekse.
Und „Übermedien“ hat sich mit der „Lindenstraßen“-Expertin Johanna Hansen unterhalten. Hansen hatte bei „Wetten, dass..?“ ihre Serien-Expertise demonstriert und war Ausrichterin des „Lindenstraßen“-Festivals: „Die ‚Lindenstraße‘ ist ein Teil meines Lebens“.
Außerdem: Letzte Folge: So trauern Fans um ihre „Lindenstraße“ mit einigen Reaktionen aus den Sozialen Medien (rnd.de).