Archiv für März 5th, 2020

Wann die „Bild“-Medien Roma und Romnja erwähnen

Eine Frau hat mehreren Rentnern Lügengeschichten erzählt und ihre Opfer dabei um viel Geld gebracht: Mal behauptete sie, dass sie ein Vermögen auf einem Schweizer Konto liegen hätte, an das sie aber nur rankäme, wenn man ihr Geld für Notar und Anwalt leiht; mal sagte sie, dass sie Probleme bei der Rückzahlung eines Darlehens hätte. Die Männer gaben ihr teilweise sechsstellige Summen, die sie nie wiederbekamen — insgesamt 1,5 Millionen Euro soll sich die Frau auf diese Weise ergaunert haben. Vergangene Woche wurde sie zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Bild.de und die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung berichteten über den Prozess:

Screenshot Bild.de - Betrügerin gaukelte Geldprobleme vor - R. (49) zockte 1,5 Millionen Euro bei Rentnern ab
(Zur Unkenntlichmachung: Verpixelung links und Augenbalken rechts durch „Bild“, der Rest durch uns.)

Der Autor schildert in seinem Text auch das Vorgehen der Frau und schreibt als Einleitung in „Bild“:

DIE MASCHE DER ROMA:

Bei Bild.de wurde daraus eine Zwischenüberschrift:

Screenshot Bild.de - Die Masche der Roma

Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Taten der Frau mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu tun haben. Und es gibt genauso wenig Anhaltspunkte dafür, dass man diese „Masche“ als eine „der Roma“, wohlgemerkt im Plural, bezeichnen kann.

Der Presserat schreibt in Richtlinie 12.1 seines Pressekodex:

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Genau das befürchtet die Initiative Sinti-Roma-Pride. Sie hat einen Offenen Brief an die „Bild“-Redaktion geschrieben. Zu dem „zutiefst rassistischen, reißerischen und unzutreffenden“ sowie „antiziganistischen Zusatz“ im „Bild“-Artikel heißt es dort:

Als Angehörige der Ethnie selbst würden wir gerne mehr darüber erfahren, wieso das unsere Masche ist und wieso wir alle trotz dieser uns fest zugeschriebenen Masche selbst noch keine 1,5 Mio. € erwirtschaftet haben, weil wir dahinter noch nicht gekommen sind, da der Großteil der deutschen Sinti und Roma eben nicht kriminell ist, sondern ganz normal einer geregelten Arbeit nachgeht.

Die Nennung der ethnischen Herkunft der verurteilten Betrügerin findet Sinti-Roma-Pride auch deswegen so auffällig, weil eine solche Nennung an andere Stelle ausbleibe: Wenn Roma und Romnja Opfer sind, wie beim rassistischen Anschlag in Hanau, bei dem auch zwei Roma und eine Romni getötet wurden. Der „Bild“-Redaktion schreibt die Initiative:

Wir als Interessenvertretung für Sinti und Roma, fragen uns angesichts dieser ungleichwertigen Benennung von Tätern und Opfern, welches Motiv Sie bei diesem sich immer wieder wiederholenden Vorgehen verfolgen.

Das ist eine sehr gute Frage, finden wir.

Mit Dank an Birgit B. für den Hinweis!

Bild  

To B, or not to B

Etwas war anders in diesem Jahr, als die „Bild“-Zeitung am Rande der Berlinale ihre traditionelle Promi-Party „Place to B“ veranstaltete: Hinter den Kulissen gab es unter vielen der „500 handverlesenen Gäste“ Diskussionen darüber, ob man überhaupt hingehen sollte — oder ob man die Party boykottieren sollte, aus Protest gegen „Bild“.

Nur wenige Tage zuvor hatten die „Bild“-Medien in nicht weniger traditioneller Weise über den Anschlag von Hanau berichtet. Zwar stellte sich heraus, dass der mutmaßliche Täter rechtsradikale Motive hatte, „Bild“ jedoch mutmaßte nach der Tat reflexhaft darüber, dass kriminelle Ausländer dahinterstecken könnten. Russen womöglich oder Schutzgelderpresser aus „gewissen Milieus“. Eine weitere Folge der unendlichen „Bild“-Serie: Wie können wir Angst und Hass noch größer machen?

Kurz darauf also: Schicke „Bild“-Party im Borchardt. Doch einige Gäste konnten und wollten das nicht.

Nicht einmal 100 Stunden nach der Tat von Hanau mit den Menschen zu feiern, die für die rassistische Stimmung im Land entscheidend mitverantwortlich sind, fühlt sich für viele falsch an. Allen ist klar, dass man die Party nicht verhindern wird und dass man dadurch nicht die Welt verändert, aber es wäre ein Zeichen, ein dringend notwendiger Schritt, wenn die BILD versteht, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, ihre Hetze hinzunehmen. Und am allerwichtigsten: Dass die Stars und Sternchen, mit denen sie ihre Seiten so gerne füllen, nicht mehr „mitspielen“, solange dieser Zustand anhält.

So schreibt es die Aktivistengruppe „Modus“, die während der Berlinale dazu aufrief, die „Bild“-Party zu boykottieren. Auch einige der Eingeladenen regten im Hintergrund Diskussionen an: Hingehen? Nicht hingehen? Irgendeine Art Zeichen setzen?

Als auch die Agentur- und Presseleute Wind von den Boykott-Ideen bekamen, wurde es plötzlich hektisch. „Modus“ schreibt:

Bereits nach wenigen Stunden ist klar: Der Boykott-Aufruf sorgt für Wirbel. Presseagenten und Agenturen schreiben ihre Klienten und Klientinnen an. Hinter den Kulissen werden Gespräche geführt. Aus verschiedensten Richtungen wird Druck aufgebaut.

Und sichtbar wird das Dilemma, in dem sich nicht nur die Entertainmentbranche, sondern auch Politikerinnen und Politiker und andere Personen der Öffentlichkeit offenbar immer wieder zu befinden fühlen: Sie wollen eigentlich nicht mit „Bild“, können aber anscheinend auch nicht ohne.

Die „Place to B“-Party zur diesjährigen Berlinale fand dann fast wie gewohnt statt. „Bild“-Chef Julian Reichelt kam, einige Schauspieler kamen, einige Models, Dschungelcampteilnehmer und andere „Stars“.

Einige blieben jedoch bewusst fern, aus Protest gegen „Bild“.

Andere kamen mit Statements:

Eine Gruppe von 15 Schauspielerinnen und Schauspielern auf dem Roten Teppich der Party halten Schilder, auf denen Botschaften stehen wie NORACISM

„Diversität ist Normalität“ oder „#NORACISM“ stand auf den Schildern. Es gab auch subtile „Bild“-Kritik: „Euer Bild ist nicht unser Bild“ oder „Deutschland sind wir ALLE!“, geschrieben in typischer „Bild“-Aufmachung.

Am Tag darauf berichtete auch die „Bild“-Zeitung über die Party, widmete ihr sogar die komplette letzte Seite:

Letzte Seite der Bild-Zeitung gefüllt mit Fotos von der Place-to-B-Party. Überschrift: So bunt war PLACE TO B noch nie!

Dass einige Gäste mit Botschaften kamen, erwähnte die Redaktion jedoch mit keinem Wort. Auch Fotos davon druckte sie nicht ab.

Online berichtete Bild.de ebenfalls über die Party, zeigte mehr als drei Dutzend Fotos. Von den Gästen mit Schild: kein einziges. Für Kritik an „Bild“ ist in „Bild“ eben kein Platz. Ganz traditionell.

Siehe auch:

Medien von Tickern infiziert, Des Rappers Brunftgebrüll, Fakende Idole

1. Wohldosierte Panikmache
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 5:03 Minuten)
Samira El Ouassil beschäftigt sich in ihrer Deutschlandfunk-Kolumne unter anderem mit der medienethischen Frage, inwieweit die ständige Berichterstattung über das Coronavirus in Live-Tickern sinnvoll ist: „Tickern ist die mediale Form der Stunde. Es wird über den Virus getickert als handele es sich um ein Fußballspiel von der Dauer einer Präsidentschaftswahl. ‚Bild‘, ‚Welt‘, ‚Spiegel‘, ‚Focus‘ haben alle natürlich einen Ticker. Ja, sogar die ‚Superillu‘ berichtet minutengenau über die ersten Infektionen in Brandenburg. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll das Vermelden jeder neuen Infektion wirklich ist, denn es vermittelt lediglich eine protokollarische Unmittelbarkeit und inszeniert eher das Informieren, als tatsächlich zu informieren.“

2. Zahlen lügen nicht
(journalist.de, Carsten Fiedler)
In der empfehlenswerten Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ sprechen Mediengrößen über ihre Ideen für einen besseren Journalismus. In der siebzehnten Folge ist Carsten Fiedler zu Gast, der Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und vormalige Chef des Boulevardblatts „Express“. Letzteres merkt man ihm noch etwas an: Fiedlers elf Empfehlungen tragen die Namen von erfolgreichen Popsongs.

3. Viel Brunftgebrüll
(zeit.de, Daniel Gerhardt)
Als „Härtetest für die deutsche Rapszene“ bezeichnet Daniel Gerhardt das Verhalten des Rappers Fler: „Wer den Einsatz von #unhatewomen schmälert oder Flers Drohgebärden verharmlost, überschreitet eine rote Linie, die nicht verhandelbar sein darf. Gerade dort, wo sich Sexismus, Misogynie, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung vollkommen unverhohlen zeigen, ist es wichtig, sie zu benennen und dagegen vorzugehen.“

4. „Demokratie ist kein Kaufhaus“
(kontextwochenzeitung.de, Susanne Stiefel)
Die Wochenzeitung „Kontext“ hat sich mit der Journalistin Anja Reschke unterhalten, die bei der ARD das Magazin „Panorama“ moderiert. Im Gespräch geht es um Gleichberechtigung, Antifeminismus und rechtes Gedankengut, um Freude an der Empörung und Besonnenheit.

5. Zoff um Johnsons Hausblatt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die für ihren konservativen Grundton bekannte britische Tageszeitung „Daily Telegraph“ macht wirtschaftlich schwere Zeiten durch. Die Auflage sei vergleichsweise zusammengebrochen, und das Blatt habe sich der offiziellen Auflagenkontrolle entzogen. Zu alldem sei auch noch eine Familienfehde zwischen den adligen Eigentümern entbrannt, wie Steffen Grimberg in der „taz“ berichtet.

6. Fakes bei Joko und Klaas – „Wir haben Hinweise bekommen“
(ndr.de, Juliane Puttfarcken, Video: 5:36 Minuten)
„Ich habe gegen meine eigenen Medienidole recherchiert.“ Han Park vom Youtube-Format „Strg_F“ erzählt, wie es zur Aufdeckung der gefakten Joko-&-Klaas-Videos kam. Ein angenehm unaufgeregtes Gespräch, das nachdenklich macht. Und in dem Han Park anregt, der Frage nachzugehen, was Unterhaltungsfernsehen darf und was es nicht dürfen sollte.