Archiv für März 16th, 2020

tag24.de lässt Corona-Sterberate für ältere Menschen steigen

Die Überschrift soll vermutlich sowas wie Aufklärung versprechen:

Screenshot Tag24.de - Coronavirus: Diese Zahlen zeigen, wie gefährlich es wirklich ist!

Was das Newsportal tag24.de dann aber heute liefert, ist das exakte Gegenteil von Aufklärung: eine gefährliche Verdrehung und falsche Information.

Die Redaktion schreibt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler „mittlerweile immer mehr Zahlen (vor allem aus China) über die Krankheitsverläufe und Sterberaten auswerten konnten“, und dass daher „die Gefahr des Virus immer offenbarer“ werde. Um konkreter zu werden, zieht tag24.de den Virologen Christian Drosten heran:

Christian Drosten (48), Chef-Virologe der Charité Berlin, warnt, dass jeder vierte Erkrankte, der über 65 Jahre alt ist, an dem Virus sterben könnte.

Das liegt vorallem daran, dass Menschen in diesem Alter kein so starkes Immunsystem mehr haben und oft unter Vorerkrankungen leiden.

„Jenseits des Rentenalters muss man die Bevölkerung wirklich schützen“, erklärte Drosten im NDR Podcast.

Aus der „könnte“-Warnung von Drosten macht tag24.de eine unausweichliche Tatsache, extra gefettet und mit Ausrufezeichen:

Um es noch einmal anders auszurücken [sic]: Jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, stirbt daran!

Ja, das ist wirklich „anders“ ausgedrückt.

Tatsächlich sagte Drosten in dem angesprochenen NDR-Podcast (Folge vom 9. März, hier das Transkript als PDF):

Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert, der lebt in einem ländlichen Bereich. Und der sagt mir, alle seine Altersgenossen sehen das im Fernsehen, und die finden das super, dass der Sohn von dem Drosten immer im Fernsehen ist. Die finden das verfolgungswürdig und schicken sich per WhatsApp die neuesten Informationen zu. Aber die beziehen das noch nicht wirklich auf sich. Die haben noch nicht verstanden, dass sie in dieser Altersgruppe sind — mein Vater ist über 70 und seine Alterskollegen, Vereinskollegen und so weiter, das ist ein blühendes Vereinsleben dort im ländlichen Bereich –, dass sie eigentlich die wirklich Betroffenen sind und dass auch das Sozialleben jetzt für einige Monate aufhören muss. Der Verein, das Fitnessstudio, und auch leider das Schützenfest. Dass das alles in diesem Sommer betroffen sein wird, und dass es jetzt ernst ist. Und wenn man das nicht ernst nimmt, dass man davon ausgehen muss, dass Raten, die sich im Bereich von 20 Prozent, 25 Prozent dieser Personen bewegen, sterben werden. Da schluckt man dann natürlich, das muss man aber vermitteln.

Zahlen aus China, für die 1023 Todesfälle ausgewertet wurden und die tag24.de in dem Artikel auch in einer Grafik eingebaut hat, zeigen, dass dort die Sterberate für 60- bis 69-Jährige, die sich infiziert haben, bei 3,6 Prozent lag, für 70- bis 79-Jährige bei 8,0 Prozent und für Über-80-Jährige bei 14,8 Prozent.

Mit Dank an Ronny für den Hinweis!

Nachtrag, 20:53 Uhr: Die Redaktion hat die Stelle inzwischen, ohne Korrekturhinweis, geändert. Dort steht nun:

Um es noch einmal anders auszudrücken: Bis zu jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, könnte daran sterben!

Bei Twitter verbreitet sie den Unsinn hingegen weiterhin.

Netzhetze, We agree to disagree, Dieter Bohlens wirres Statement

1. „Hetze trifft irgendwann jeden: Verwandte, Bekannte, Sie selbst“
(zeit.de, Meike Laaff & Lisa Hegemann)
„Zeit Online“ hat sich mit der Grünen-Politikerin Renate Künast über Hass und Hetze im Netz unterhalten. Künast ist immer wieder das Ziel von Anfeindungen, gegen die sie sich nötigenfalls auch juristisch zur Wehr setzt. Im Gespräch geht es vor allem um die beiden Gesetzesentwürfe, mit denen die Bundesregierung Hassrede im Internet bekämpfen will und die von Künast kritisch beurteilt werden: „Wir brauchen nicht nur das BKA, wir brauchen auch ein Demokratiefördergesetz, eine gute Finanzierung für Beratungsstellen und Leute, die wirklich immer hingucken.“

2. Dialog oder Kampf?
(gaborsteingart.com, Marina Weisband & Gabor Steingart, Audio: 53:02 Minuten)
Der Journalist und Medien-Unternehmer Gabor Steingart eckt mit seinem täglichen Newsletter „Morning Briefing“ und dem dazugehörigen Podcast immer wieder an und erntet teilweise deutliche Kritik. Nun haben sich Marina Weisband und Gabor Steingart zum Streitgespräch zusammengesetzt, und das ist insofern eine Besonderheit, da Weisband selbst einen Podcast bei Steingarts Unternehmen Media Pioneer betreibt. Das merkt man jedoch an keiner Stelle, denn Weisband schont ihren Auftraggeber nicht und konfrontiert ihn mit seinen Aussagen zu Migration und Hufeisentheorie. Ein gelungenes Beispiel für Streitkultur, bei dem es am Ende heißt: We agree to disagree.

3. Die Maus grüßt ab Mittwoch täglich
(spiegel.de)
In vielen Bundesländern bleiben wegen der Corona-Krise die Kindertagesstätten und Schulen geschlossen, die Kinder müssen daheim bleiben. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben auf die veränderte Situation reagiert und ihr Programm für die jungen Zuschauer und Zuschauerinnen angepasst. Das reicht von Unterhaltungssendungen bis hin zu Lernformaten. Der „Spiegel“ bietet eine Übersicht.

4. Dieter Bohlen in „Der Sinneswandel in zwei Stunden“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Nach dem Rauswurf von Xavier Naidoo aus der Unterhaltungssendung „Deutschland sucht den Superstar“ warteten viele gespannt auf das angekündigte Statement von Jury-Urgestein Dieter Bohlen. Nach allerlei quotenschielender Zeitschinderei kam es dann zu einem Statement, das an Wirrheit kaum zu überbieten ist. Thomas Lückerath versucht die Gedanken des „Poptitans“ nachzuvollziehen, kapituliert jedoch am Ende: „Das ist Realsatire, serviert von einem Mann, der offenbar mit der ihm zugetragenen Rolle überfordert ist und auch nach drei Tagen kein noch so einfaches oder klares Statement abgeben kann. Lieber Dieter Bohlen, nein, es ging in der Empörung der vergangenen Woche nie um die Jury Ihrer Castingshow. Es ging um rassistische und höchst irritierende Aussagen von Xavier Naidoo. Es sind nicht die anderen, die da etwas durcheinander bekommen haben.“

5. Erster Corona-Fall: ZDF beschließt Maßnahmen für Mitarbeiter
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
RTL schickt ab heute 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Homeoffice. Ähnliche Maßnahmen treffe nun das ZDF. Nach einem ersten bestätigten Fall einer Corona-Infektion solle die Belegschaft, sofern das möglich und vertretbar ist, von zu Hause aus arbeiten. „Wir müssen gemeinsam alles tun, um die Sendesicherheit, das Programm und die notwendigen Infrastrukturen aufrechtzuerhalten. In Zeiten wie diesen ist unser Programmauftrag wichtiger denn je“, so Intendant Thomas Bellut.

6. „Immer nur Corona? Das verdirbt doch die Laune.“
(twitter.com, Boris Rosenkranz)
„Immer nur Corona? Das verdirbt doch die Laune. Wir sollten ein hoffnungsvolles Gegenprogramm senden.“ Diese Worte legt Boris Rosenkranz spöttisch den „Welt“-Programmmachern in den Mund und dokumentiert mit einem Screenshot die auffällige Themenbesessenheit des Senders.