Archiv für März 4th, 2020

Bei Bild.de ist das Coronavirus am tödlichsten

Es müssen ja nicht immer gleich Dutzende Alarmartikel sein, mit denen die „Bild“-Redaktion Angst und Schrecken zum Coronavirus, Verzeihung, „CORONAVIRUS“ verbreitet. Manchmal reicht auch eine kleine Schummel-Rechnung:

Weltweit gibt es derzeit (Stand Sonntagvormittag) 41 663 aktive Fälle. Davon sind 34 095 (82 Prozent) milde verlaufen. Bei 7568 Menschen (18 Prozent) verlief die Infektion kritisch. Insgesamt sind 86 993 Menschen am Coronavirus erkrankt. Davon wurden 42 351 Menschen geheilt. 2979 Menschen (7 Prozent) starben.

Das stand am Sonntag im Bild.de-Live-Ticker zum Coronavirus.

Nimmt man die Anzahl der Menschen, die durch das Virus gestorben sind (2979), und teilt sie durch die Anzahl der Menschen, die jemals daran erkrankt sind (86.993), kommt man allerdings nicht, wie Bild.de, auf 7 Prozent, sondern auf 3,4 Prozent — also etwa die Hälfte.

Dass die Redaktion auf eine viel höhere Sterberate kommt, können wir uns nur so erklären, dass sie die geheilten Menschen (42.351) aus ihrer Rechnung genommen hat, also: 2979 Menschen geteilt durch 44.642 Menschen (alle jemals Erkrankten minus die Geheilten). Dann kommt man auf 6,7 Prozent beziehungsweise gerundet auf 7 Prozent.*

Experten gehen derzeit von einer deutlich niedrigeren Sterberate aus: Laut Robert-Koch-Institut liege sie bei 1 bis 2 Prozent. Genaue Zahlen könne man allerdings erst nach Ende der Epidemie nennen. Außerdem müsse man von Land zu Land und Region zu Region unterscheiden: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziffert die Sterberate in China, ohne das Epizentrum Hubei, auf 0,7 Prozent. In der Provinz Hubei liege sie bei 2,9 Prozent.

Die „Bild“-Redaktion schafft es jedenfalls locker, das tödlichste Coronavirus zu berechnen.

Mit Dank an Christoph G. und Timo für die Hinweise!

Nachtrag, 21:46 Uhr: Auf die 3,4 Prozent, die wir oben nennen, kommt auch die WHO:

Globally, about 3.4% of reported COVID-19 cases have died.

Mit Dank an @publictorsten für den Hinweis!

*Nachtrag, 5. März: Mehrere Leserinnen und Leser weisen darauf hin, dass es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, um (gerundet) auf die 7 Prozent von Bild.de zu kommen. Man kann lediglich die abgeschlossenen Fälle, also nur die Geheilten und die Gestorbenen, nehmen. Und mit ihnen die Sterberate der abgeschlossenen Fälle berechnen. Das würde hier so aussehen: 2979 Menschen geteilt durch 45.330 Menschen (42.351 Geheilte plus 2979 Gestorbene) — macht 6,6 Prozent.

Dazu auch:

Unehrliche Unterhalter, Schäbige Gewaltausbrüche, Sexszenen-Expertin

1. Das Ende von Joko & Klaas als ehrliche Unterhalter
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier kommentiert den Fall der reihenweise zusammengetricksten und geschummelten Videos von Joko & Klaas: „Es war immer schon ein atemberaubender Spagat, dass Joko und Klaas gleichzeitig die albernsten, pubertärsten, extremsten Späße machen und sich glaubwürdig gesellschaftspolitisch engagieren konnten. Dieser Spagat funktionierte auch deshalb, weil die beiden Protagonisten für ehrliche Unterhaltung standen — sei es durch schlichte, eindimensionale Spaß-Aktion oder durch ein cleveres, ironisches, oft genug entlarvendes Spiel mit dem Medium und seinen Regeln. Beide Seiten ihrer Prominenz, die reine Spaß-Existenz und die engagierte Persönlichkeit, beruhen auf dem Vertrauen, dass sie das Publikum nicht für dumm verkaufen. Damit ist es erstmal vorbei.“
Weiterer Lesehinweis: Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Schwindel um die Joko-&-Klaas-Videos aufgedeckt wurde, verkündete das Grimme-Institut, wer seine begehrten Preise bekommen soll. Joko & Klaas sollen einen erhalten, aber nicht für eine ihrer Fernsehshows, sondern für ihre 15 Live-Minuten bei ProSieben. Und ab hier ging bei Bild.de und Welt.de einiges durcheinander. Stefan Niggemeier fragte dazu gestern auf Twitter: „Ist es nicht irre, dass diese Falschmeldung, dass #LateNightBerlin wegen der Fake-Vorwürfe der Grimme-Preis aberkannt worden sei, bei der @Welt auch nach 7 Stunden immer noch nicht korrigiert wurde? Merkt da niemand irgendwas?“

2. Die schäbigen Gewaltausbrüche des Patrick Losensky
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
Sollte man über die Gewaltausbrüche des Rappers Fler berichten oder ihn mit medialer Nichtbeachtung strafen? Für Sebastian Leber gehören die Vorgänge öffentlich gemacht: „Weil es Menschen gibt, die real von ihm bedroht, sexistisch beleidigt und verprügelt werden. Weil sich diese Betroffenen alleingelassen fühlen. Und weil Strafrahmen in der Vergangenheit offenbar so wenig ausgeschöpft wurden, dass Fler nicht einmal Reue zeigt und seine Opfer nach Taten sogar öffentlich verhöhnt.“

3. Die zweifelhaften Zocker-Ratschläge der „Bild“
(ndr.de, Philipp Eckstein & Stella Peters & Jan Lukas Strozyk)
Online-Glücksspiel ist in Deutschland, außer in Schleswig-Holstein, illegal. Dennoch trommele die „Bild“-Redaktion mit ihrer werblichen Berichterstattung für diverse Online-Casino-Angebote. Ein NDR-Team ist der Sache nachgegangen und hat Beteiligte und Behörden dazu befragt. Die Glücksspielaufsicht prüfe Schritte gegen „Bild“. Die weist jeden Vorwurf empört zurück: Man berichte über Glückspiel „ausgesprochen verantwortungsvoll.“

4. Leipziger Buchmesse 2020 abgesagt: »Sicherheit geht vor«
(buchreport.de)
Rund 280.000 Besucherinnen und Besucher wurden zur diesjährigen Leipziger Buchmesse erwartet, etwa 2500 Aussteller wollten dort den Lesern und Leserinnen ihr Angebot näherbringen. Doch gestern wurde das wichtige Branchenereignis abgesagt. Das Gesundheitsamt Leipzig sei „der Aufforderung des Bundesgesundheits- und des Bundeswirtschaftsministeriums gefolgt, wonach eine Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen bei Großveranstaltungen gewährleistet sein muss. Es empfahl dringend, dass jeder Messeteilnehmer schriftlich belegen muss, nicht aus definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben.“ Da dies nicht zu bewerkstelligen sei, habe man die Buchmesse schweren Herzens abgesagt.

5. Berliner Verlag: Wer ist schuld am Abgang Thiemes?
(newsroom.de)
Über die Gründe des Abgangs des kurzzeitigen Chefredakteurs von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ sind sich die Beteiligten uneinig: Während die Verleger Silke und Holger Friedrich mitteilen, dass Ex-Chefredakteur Matthias Thieme aus persönlichen Gründen ausgeschieden sei, entgegnet dieser über einen Anwalt, es habe sich um betriebliche Gründe gehandelt.

6. Expertin für Sexszenen im Film: Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin
(rnd.de, Tilmann P. Gangloff)
In den USA sei es schon gang und gäbe, nun soll es diese Praxis auch hier geben: Deutschlands erste „Intimitätskoordinatorin“ will Schauspieler und Schauspielerinnen bei Sexszenen im Film beraten.