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Faktenlose Polemik, Ende der PiS-Propaganda, Kevin reich zu Haus

1. Faktenlose Polemik bei Exxpress zum Thema Schneefall und Klimawandel
(kobuk.at, Corinna Crestani)
Corinna Crestani kritisiert bei “Kobuk” einen Artikel des österreichischen “Exxpress”, der den Klimawandel im Zusammenhang mit Schneefällen diskutiert. Crestani wirft der “Exxpress”-Redaktion vor, ohne wissenschaftliche Grundlage zu argumentieren und Expertenmeinungen zu ignorieren oder falsch darzustellen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel würden falsch interpretiert oder verzerrt wiedergegeben.

2. Ende der PiS-Propaganda
(taz.de, Gabriele Lesser)
Wie Gabriele Lesser in der “taz” berichtet, müsse sich die rechte PiS-Partei in Polen, die in den vergangenen Jahren die öffentlich-rechtlichen Medien zu Propagandazwecken umgebaut habe, von ihrem Hauptsender TVP trennen. Die neue Mitte-Links-Regierung, die im Oktober gewählt wurde, habe sich zum Ziel gesetzt, Objektivität und Ausgewogenheit im Rundfunk wiederherzustellen. Dies könnte massive Auswirkungen auf die PiS haben, insbesondere im Hinblick auf die bevorstehenden Kommunal-, Regional- und Europawahlen, da die Partei ihre Medienmacht und damit ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung verliere.

3. 16. Goldener Günter: Die medialen Peinlichkeiten des Jahres 2023
(dwdl.de, Thomas Lückerath & Timo Niemeier)
Die Redaktion des Medienmagazins “DWDL” kürt regelmäßig die Peinlichkeiten des vergangenen Medienjahres mit einem Negativpreis: dem “Goldenen Günter”. Hintergrund der seit 2008 vergebenen Auszeichnung sei eine Aussage des damaligen ARD-Programmdirektors Günter Struve. Dieser habe eine Sendung mit der Künstlerin Lady Bitch Ray als “ziemlich ui-jui-jui” bezeichnet. Die Auswahl an Peinlichkeiten ist in diesem Jahr besonders groß und reicht von der Idee, Michael Wendler zurück ins TV-Geschäft zu holen, über das mit Künstlicher Intelligenz gefakte Michael-Schumacher-“Interview” der “Aktuellen” bis hin zu den schwurbelnden Aussagen von Richard David Precht im ZDF-Podcast “Lanz & Precht”.

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4. Uns fehlen noch 225.903 Euro!
(netzpolitik.org)
netzpolitik.org versteht sich als “Medium für digitale Freiheitsrechte”. Die Redaktion beschäftigt sich unter anderem mit staatlicher Überwachung, Open-Source-Software, Telekommunikationsgesetzen sowie kreativem Gemeingut und einer freien Wissensgesellschaft. Das Angebot von netzpolitik.org finanziert sich fast vollständig aus Spenden der Leserinnen und Leser. Zum Ende des Jahres wird das Geld knapp und die Redaktionen bittet um Unterstützung.

5. MDR-Fernsehen: Umschau am 12.12.2023
(mdr.de)
Gestern haben wir in den “6 vor 9” einen Artikel des “Volksverpetzers” empfohlen, in dem Gunnar Hamann einen Beitrag des MDR hinterfragt, mit dem sich der öffentlich-rechtliche Sender aus seiner Sicht zum Sprachrohr der “Querdenken”-Bewegung gemacht hat. Der MDR hat nun eine Richtigstellung veröffentlicht, in der er einräumt, dass die “publizistischen Sorgfaltskriterien” nicht eingehalten wurden. Man habe die Sendung bereits “depubliziert”.

6. So reich sind die McCallisters – und sieben weitere schräge Fakten über den Film
(spiegel.de)
Im deutschen Fernsehen haben sich zu Weihnachten gewisse Traditionen herausgebildet. Dann holen die Sender die immer gleichen Filme aus dem Schrank, seien es “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”, “Sissi”, der Actionklassiker “Stirb langsam” oder der Weihnachtsfilm “Kevin allein zu Haus” aus den 90er-Jahren. Die “New York Times” ist nun der Frage nachgegangen, wie reich Kevins Filmfamilie wirklich ist, und der “Spiegel” hat das Thema aufgegriffen. Außerdem gibt es sieben weitere unterhaltsame Fun Facts für alle, die beim rituellen Fernsehgenuss mit Hintergrundwissen glänzen wollen.

FakeGPT, Nachrichtendienst setzt auf Journalisten, Brandbrief

1. ChatGPT schreibt überzeugende Falschinformation
(zeit.de)
Der Chatbot ChatGPT kann beeindruckende Texte erzeugen, denen man ihre maschinelle Herkunft kaum oder gar nicht anmerkt. Diese Fähigkeit lasse sich jedoch auch für Falschinformationen und Propaganda ausnutzen, warnt das Unternehmen NewsGuard. Zuvor hatte es ChatGPT mit einigen Übungsaufgaben dazu gebracht, Erzählungen mit falschen Informationen abzuliefern.
Weiterer Lesetipp zu ChatGPT: “Arbeiter:innen in Kenia sollten teils traumatisierende Texte lesen, um ChatGPT zu optimieren. Ihr Stundenlohn: bis zu zwei US-Dollar. Eine Recherche des Time Magazines zeigt: Hinter dem Hype um die Künstliche Intelligenz steckt auch eine Geschichte von Ausbeutung im globalen Süden.” – Prekäre Klickarbeit hinter den Kulissen von ChatGPT (netzpolitik.org, Daniel Leisegang).

2. BND setzt auf Jour­na­listen als Spitzel
(lto.de, Hasso Suliak)
Womöglich entgegen einer Weisung des Kanzleramts setze der Auslandsnachrichtendienst BND auch auf Journalisten als Informanten. Dies gehe aus einem Schriftsatz des Bundesnachrichtendienstes vom 26. April 2022 an das Bundesverwaltungsgericht hervor, der “Legal Tribune Online” vorliegt. Hasso Suliak ordnet den Fall ein und gibt die Kritikpunkte des Deutschen Journalisten-Verbandes und der Linkspartei wieder.

3. Redaktionen wehren sich gegen Zerschlagung
(spiegel.de, Alexander Kühn)
Jahrzehntelang genoss das Medienunternehmen Gruner + Jahr einen Ruf als sicherer Arbeitgeber, doch seit der Übernahme durch RTL müssen die dort arbeitenden Menschen um ihre Arbeitsplätze fürchten. Die Redaktionsbeiräte von “Art”, “Brigitte”, “Eltern”, “Geo”/”P.M.”, “Geolino” und “Stern” hätten sich deshalb mit einem dem “Spiegel” vorliegenden Brandbrief an die Eigentümerfamilie Mohn gewandt, der das Gütersloher Medienhaus Bertelsmann und somit RTL gehört.

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4. Richtigstellung zu Berichterstattung in der B.Z.
(bundesgerichtshof.de)
Der Bundesgerichtshof (BGH) sieht sich gezwungen, einen Bericht der Berliner Tageszeitung “B.Z.” zu korrigieren, wonach das Gericht seinen Sitz von Leipzig nach Berlin verlegen wolle: “Diese Information ist unzutreffend. Es gibt keinerlei Umzugspläne für den 6. Strafsenat oder einen anderen Senat des Bundesgerichtshofs nach Berlin”, so der BGH zum Artikel des Springer-Blatts.

5. Newsletter Netzwerk Recherche 217 vom 24.01.2023
(netzwerkrecherche.org, Annelie Naumann & Albrecht Ude)
Wie immer eine Empfehlung wert, nicht nur für Journalistinnen und Journalisten aus dem Investigativbereich: der Newsletter des Netzwerk Recherche. Die neueste Ausgabe liefert einen aktuellen Überblick über Nachrichten, Veranstaltungen, Seminare, Stipendien und Preise. Außerdem geht es um das Thema Einschüchterungsklagen gegen Medienschaffende, das man auch auf der Jahreskonferenz aufgreifen werde. Im Pressespiegel gibt es zudem wertvolle Lesetipps zu ausgesuchten Themen.

6. Gregor Gysi unterstützt Journalistin bei Klage gegen Berliner Senat
(tagesspiegel.de, Madlen Haarbach)
Am Rande der Berliner Maidemo im Jahr 2020 sei einer Videojournalistin ein Polizist entgegengetreten und habe ihr unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Die Frau habe dabei ganz erhebliche Verletzungen an Nase und Zähnen erlitten. Mit Verweis auf den fehlenden Tatverdächtigen habe die zuständige Senatsverwaltung die Forderung nach Schmerzensgeld abgelehnt. Anschließend wies das Berliner Landgericht die Klage ab und habe der Journalistin sogar eine Mitschuld an ihren Verletzungen gegeben. Nun gehe sie in Berufung – mit juristischer Unterstützung durch Linken-Politiker Gregor Gysi.

Absurde Verschwendung, Hotspot nicht in Neukölln, Kritik an Razzia

1. 1,4 Millionen Euro für Rechtsberater zur Aufklärung der Schlesinger-Affäre
(rbb24.de, Gabi Probst)
Weil dem öffentlich-rechtlichen RBB Verschwendung von Gebührengeldern vorgeworfen wird, hat der Sender 31 Anwälte von vier Rechtsanwaltskanzleien mit der Aufklärung der Verschwendungsvorwürfe beauftragt, was bislang über 1,4 Millionen Euro an Honoraren gekostet habe. Nun hätten sich mehrere Rechtsexperten die Rechnungen angeschaut und den Vorgang mit “absurd und nicht nachvollziehbar” zusammengefasst.

2. Korrigierte Zahlen zeigen: Hotspot der Gewalt nicht in Neukölln
(migazin.de, Rosa Fava)
In vielen Medien war vom Berliner Stadtteil Neukölln als Hotspot der Silvesterkrawalle zu lesen und zu hören. Wie sich nach Auswertung der Zahlen zeige, habe es in anderen Berliner Stadtteilen allerdings viel mehr Fälle von “Widerstand und tätlichen Angriffen gegen Einsatzkräfte” gegeben, etwa in Mitte und Tempelhof-Schöneberg. Rosa Fava fragt: “Wo bleiben jetzt die Richtigstellungen und Entschuldigungen? Welche Sendeanstalt, welches Portal, welches Medienunternehmen korrigiert seine Schlagzeilen der ersten Woche? Wo sind Kommentator:innen und Moderator:innen, die sich für ihre Schnellschüsse entschuldigen? Welche Expert:innen erklären, dass sie auf Grundlage von quasi null gesicherten Informationen und den immerselben Bildern einfach nur Standardsprüche über Menschen mit Migrationshintergrund in segregierten Stadtteilen von sich gegeben haben?”

3. Scharfe Kritik an Razzia bei Freiburger Radiosender
(netzpolitik.org, Daniel Leisegang)
Die Polizei Freiburg hat gestern im Auftrag der Staatsanwaltschaft Karlsruhe den Freiburger Radiosender Radio Dreyeckland sowie zwei Privatwohnungen durchsucht. Anlass sei, dass der Sender in einem Artikel einen Link auf das Archiv von linksunten.indymedia.org gesetzt hatte. Hintergrund: Die Internetseite war 2017 vom Bundesinnenministerium verboten worden, da sie “nach Zweck und Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufe” und sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richte. Dies war seinerzeit vielfach kritisiert worden. So nun auch das aktuelle Geschehen: Bürgerrechtsorganisationen und Journalistenverbände bezeichnen die Maßnahme von Polizei und Staatsanwaltschaft als “tiefgreifenden Eingriff in die Presse- und Rundfunkfreiheit”.

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4. Auslandsjournalismus in der Krise: Was muss sich aus Sicht von Nachwuchsreportern ändern?
(riffreporter.de, Christina Schott)
Bei den “Riffreportern” erzählen Nachwuchsjournalistin Clara Gehrunger und Nachwuchsjournalist Jamil Zegrer, warum sie trotz verschiedener Hürden aus dem Ausland berichten wollen, was sich aus ihrer Sicht im Auslandsjournalismus ändern müsste und wo sie sich in zehn Jahren selbst sehen.

5. Wie Medien über Afrika berichten
(deutschlandfunk.de, Anh Tran & Isabelle Klein, Audio: 7:18 Minuten)
Die Hilfsorganisation Care hat erneut ihre Analyse zu vergessenen humanitären Krisen veröffentlicht (PDF), und die sind offenbar vor allem auf dem afrikanischen Kontinent zu finden: Unter den insgesamt zehn Ländern sind erstmals ausschließlich afrikanische aufgeführt. Die freie Journalistin Bettina Rühl, die aus Nairobi berichtet, ist nicht überrascht.

6. Sind die sozialen Medien noch zu retten?
(zeit.de, Christian Stöcker & Julia Ebner & Christian Montag)
Sind die großen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter schlecht für Menschen und Gesellschaft? Oder lassen sie sich zu einem besseren Ort machen? Die “Zeit” hat drei Experten und Expertinnen um Einschätzung gebeten: den Kognitionspsychologen und “Spiegel”-Kolumnisten Christian Stöcker, die österreichische Investigativjournalistin, Autorin und Politikberaterin Julia Ebner sowie den Psychologen, Wissenschaftler und Autor Christian Montag.

Wie die Blackout-Gefahr einmal durch den Springer-Kosmos gereicht wird

Bis vergangenen Mittwoch, also bis die “Bild”-Redaktion sich einschaltete, war es eine Geschichte von einem Behördenchef, der merkwürdig unsachkundige Dinge sagt, und den “Welt”-Medien, die daraus klick- und verkaufsträchtige Überschriften basteln. Dann kam eben “Bild” dazu und verdrehte das Ganze zu einem möglichen Polit-Vertuschungsskandal.

Angefangen hat es alles mit einem Interview in der “Welt am Sonntag”. Auf die Frage “Rechnen Sie angesichts der Energieknappheit mit Blackouts?” antwortete Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK):

Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird. Damit meine ich eine regional und zeitlich begrenzte Unterbrechung der Stromversorgung. Wobei die Ursache nicht nur Energieknappheit sein wird, sondern auch das gezielte, zeitweise Abschalten der Netze durch die Betreiber, mit dem Ziel, die Netze zu schützen und die Gesamtversorgung nicht zu gefährden.

Das Risiko dafür steigt ab Januar und Februar, sodass wir davon ausgehen, dass es von da an stellenweise für eine gewisse Zeit zu Unterbrechungen der Stromversorgung kommt.

Das ist eine bemerkenswerte Aussage, weil sie a) vom “obersten Katastrophenschützer” des Landes kommt und b) dessen Verständnis von einem Blackout ziemlich genau das Gegenteil der Blackout-Definition einer anderen Bundesoberbehörde, der Bundesnetzagentur, darstellt. Die Bundesnetzagentur, die für die Energieinfrastruktur in Deutschland zuständig ist, versteht unter einem Blackout:

ein unkontrolliertes und unvorhergesehenes Versagen von Netzelementen. Das führt dazu, dass größere Teile des europäischen Verbundnetzes oder das gesamte Netz ausfallen (sogenannter Schwarzfall). Ein solches Ereignis könnte beispielsweise auftreten, wenn in einer angespannten Last- und Erzeugungssituation zusätzlich schwere Fehler an neuralgischen Stellen des Übertragungsnetzes auftreten. Ein Blackout ist also grundsätzlich kein durch eine Unterversorgung mit Energie ausgelöstes Ereignis, sondern bedingt durch Störungen im Netzbetrieb.

Das, was Ralph Tiesler im “WamS”-Interview beschreibt – ein regional und zeitlich begrenztes, mitunter gezieltes Abschalten der Netze, um diese zu schützen -, klingt hingegen nach einem Brownout. Auch dafür hat die Bundesnetzagentur eine Definition:

Demgegenüber steht der sogenannte (kontrollierte) Brownout. Dieser kann notwendig werden, wenn im Vergleich zur nachgefragten Menge zu wenig Strom produziert werden kann, z.B. aufgrund eines Brennstoffmangels für Kraftwerke oder einer allgemein zu geringen Erzeugung, beispielsweise auch durch Nichtverfügbarkeiten von Erzeugungsanlagen. In diesem Fall ist es notwendig, die Nachfrage soweit zu reduzieren, dass das Angebot die Nachfrage wieder vollständig decken kann. Nur so kann die Versorgung mit Strom weiterhin stabil und zuverlässig gewährleistet werden.

Tiesler scheint das eigentlich auch zu wissen. Gleich eine Antwort später sagt er:

Wie gesagt, wir rechnen eher mit kurzfristigen, sogenannten Brownouts als mit lang anhaltenden, großflächigen Blackouts. Gute Vorbereitung ist aber auch dafür wichtig.

Er liefert also im gleichen Interview die Auflösung zur Verwirrung, die er eine Antwort zuvor selbst gestiftet hat.

Wie kann eine Redaktion mit diesem Durcheinander nun umgehen? Sie könnte im Interview schon nach der ersten Antwort widersprechen und sowas sagen wie: “Moment, Herr Tiesler, Sie meinen doch gar keinen Blackout, sondern einen Brownout, oder?” Oder sie erklärt der Leserschaft nachträglich in einem Zusatztext, dass Tieslers Aussage “Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird” mit der darauffolgenden “Damit-meine-ich”-Definition nicht zusammenpasst. Oder sie macht es so, wie die “Welt”-Medien es machen, isoliert und überbetont Tieslers Warnung vor einem eher unwahrscheinlichen Blackout und steigert damit bei einer ohnehin schon verunsicherten Bevölkerung die Verunsicherung:

Ausriss Welt am Sonntag - Katastrophenschutz erwartet Strom-Blackouts im Winter
Screenshot Welt.de - Oberster Katastrophenschützer - Müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird

Mit der ersten Schlagzeile auf der Titelseite lag die “Welt am Sonntag” in ganz Deutschland an Kiosken, Tankstellen und in Bäckereien. Die zweite Schlagzeile schaffte es auf die Welt.de-Startseite. Die große Blackout-Winter-Warnung konnte also von vielen gesehen werden, das dazugehörige Interview mit all den Brownout-Einschränkungen in Ralph Tieslers Antworten konnte hingegen nur jener Bruchteil mit einem “Welt-plus”-Abo lesen.

Bereits an dem Sonntag schaltete sich auch Tieslers Behörde ein. Bei Twitter erklärte sie in einer “Klarstellung des BBK”:

Ein großflächiger Stromausfall in Deutschland ist äußerst unwahrscheinlich. Das elektrische Energieversorgungssystem ist mehrfach redundant ausgelegt und verfügt über zahlreiche Sicherungsmechanismen, um das Stromnetz bei Störungen zu stabilisieren.

Ebenso wird die Wahrscheinlichkeit als gering angesehen, dass es regional und zeitlich begrenzt zu erzwungenen Abschaltungen kommt, um die Gesamtversorgung weiter sicherzustellen.

Auf ein solches Szenario hatte sich BBK-Präsident Ralph Tiesler in seinem Interview mit der “Welt am Sonntag” bezogen, um die grundsätzliche Bedeutung von Vorsorgemaßnahmen hervorzuheben.

Die missverständliche Formulierung bedauert das BBK und stellt diese hiermit klar.

Das rief die “Bild”-Redaktion auf den Plan:

Screenshot Bild.de - Rückzieher vom Katastrophenschutz - Will Faeser die Blackout-Warnung vertuschen?

Die “Bild”-Autoren Johannes C. Bockenheimer und Nikolaus Harbusch schreiben:

Versucht das Innenministerium, die Energiekrise zu beschönigen?

Innenpolitiker diskutieren, warum eine Behörde des Ministeriums von Nancy Faeser (52, SPD) Warnungen vor Stromausfällen im Winter kurz darauf zurücknahm. (…)

War Faeser beziehungsweise ihren Beamten die Stromausfall-Warnung des BBK-Chefs also zu heikel?

Bockenheimer und Harbusch geben sich große Mühe, der eigenen Leserschaft möglichst wenig zu dem Fall zu erklären. Sie lassen all das, was gegen ihre Vertuschungsthese spricht, großzügig weg. Im “Bild”-Text erfährt man weder, dass Tiesler im “WamS”-Interview mit einer alternativen Blackout-Definition arbeitet, noch, dass er eine Antwort später seine Aussage selbst relativiert und von Brownouts spricht.

Das “Bild”-Duo könnte ganz einfach erzählen, “warum eine Behörde des Ministeriums von Nancy Faeser (52, SPD) Warnungen vor Stromausfällen im Winter kurz darauf zurücknahm.” Man muss davon ausgehen können, dass sie als Springer-Mitarbeiter Zugang zu “Welt-plus”-Artikeln oder zur “Welt am Sonntag” haben. Im Interview mit Ralph Tiesler hätten sie die Antwort gefunden. Sie hätten es auch in einem Tweet von Malte Kreutzfeldt nachlesen können oder in einem Text vom “Volksverpetzer”. Dort steht überall, dass Tiesler eine erfundene Blackout-Definition verwendet hat, was die “Klarstellung” des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erklärt. Und das wiederum ist auch die Antwort auf die Frage aus den Überschriften von “Bild” und Bild.de, ob Nancy “Faeser die Blackout-Warnung vertuschen” will: Es geht schlicht um die Richtigstellung einer verhunzten Interviewaussage. Johannes C. Bockenheimer, Nikolaus Harbusch und die “Bild”-Redaktion können das alles nicht nicht gewusst haben.

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Schwarzer Twitter-Freitag, Feel-Good-Movie?, “Spiegel”-Kampagne

1. Twitter beginnt heute mit Massenentlassungen
(br.de, Marcus Schuler)
Für viele der rund 7.500 Twitter-Beschäftigten dürfte der heutige Freitag ein rabenschwarzer Tag werden. Denn heute sollen sie erfahren, ob sie ihren Job verlieren oder behalten. Die Maßnahme sei notwendig, “um den Erfolg des Unternehmens auch in Zukunft sicherzustellen”, so ein firmeninternes Memo. Das Firmengebäude von Twitter am Hauptsitz in San Francisco sei heute geschlossen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien aufgefordert worden, nicht ins Büro zu kommen, die Firmenausweise hätten ihre Gültigkeit verloren.

2. “Falter” legte Hellers Anwälten die Recherchen vorab vor
(derstandard.at)
Diese Woche berichtete der österreichische “Falter” über einen Kunstskandal der besonderen Art: Eine Wiener Galerie habe einen drei Millionen Dollar teuren Rahmen des berühmten Künstlers Jean-Michel Basquiat angeboten. Bei dem Verkäufer habe es sich um den bekannten Allround-Künstler André Heller gehandelt. Doch eben jener Heller soll das angebliche Basquiat-Werk selbst zusammengebastelt haben. Nun schließt sich eine Diskussion an, ob die “Falter”-Redaktion den Anwälten Hellers im Vorfeld der Artikel-Veröffentlichung zu weit entgegengekommen ist.

3. “Bei der sechsten Mail-Anfrage kommt die Depression”
(journalist.de, Annkathrin Weis)
Larena Klöckner wusste bereits vor ihrem Einstieg in die Ausbildung zur Journalistin, dass sie Depressionen hat, und hat sich trotzdem für den Beruf entschieden. Im Interview mit dem “journalist” erzählt sie von den Auswirkungen auf ihren Arbeitsalltag und der Resonanz auf ihren Beitrag bei “Übermedien”, in dem sie erstmals von ihren Depressionen berichtet hatte.
Hinweis: Solltest Du Depressionen oder Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) erreichen kannst.

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4. Himmler will 100 Millionen Euro im Programm umschichten
(dwdl.de, Alexander Krei)
ZDF-Intendant Norbert Himmler hat auf die jüngsten Äußerungen von ARD-Chef Tom Buhrow reagiert. Dieser hatte kürzlich eine Reform der Öffentlich-Rechtlichen gefordert und die Existenz der zwei Sender infrage gestellt. Beim Pressegespräch in Berlin habe es vom ZDF-Intendanten nun Contra für den ARD-Chef gegeben.

5. Ein Feel-Good-Movie für serbische Nationalisten
(hessenschau.de, Danijel Majić)
Dem serbischen Regisseur Boris Malagurski wird vorgeworfen, in seinem bisherigen Werk nationalistische Propaganda verbreitet und den Völkermord in Srebrenica verharmlost zu haben. Daher regte sich gegen seinen neuesten Film (“Republika Srpska – Kampf für die Freiheit”) Widerstand. Europweit hätten Kinos den Film aus dem Programm genommen. In Frankfurt sei er dennoch zu sehen gewesen. Danijel Majić schildert die Hintergründe und ordnet den Fall sowie Malagurskis neuen Film ein.

6. Sagen, was nicht ist
(uebermedien.de, Olivia Samnick)
Der “Spiegel” hat eine neue Werbeaktion gestartet, in der Falschausssagen plakativ hervorgehoben werden. Olivia Samnick hält diese offensichtlich provokativ gemeinte Plakatkampagne für bedenklich: “Falschaussagen wirken – auch dann, wenn man ihnen widerspricht. Sie setzen sich in unseren Köpfen fest. Fake News haben eine brachiale Kraft und sind, wenn sie einmal im Umlauf sind, kaum zu stoppen. Wie schwer sich eine Richtigstellung nach einer Falschinformation tut, sollte den meisten Medien mittlerweile bekannt sein – gerade im Social Web, wo die ‘Spiegel’-Kampagne auch ihre Kreise ziehen wird.”

Die Werbefilme des DFB, Konflikt bei “konkret”, Schlechter Scherz

1. Die ARD kauft dem DFB Werbefilme ab – und verkauft sie dem Publikum als Dokumentationen
(uebermedien.de, Frederik von Castell)
Frederik von Castell ist einer bemerkenswerten Allianz zwischen Deutschem Fußball-Bund, Privatwirtschaft und öffentlich-rechtlichem Rundfunk nachgegangen: “Die ARD preist ‘Born for this – mehr als Fußball’ als Doku-Serie über die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen an. Was sie nicht verrät: Das Format wurde vom DFB und seinen Werbepartnern Volkswagen und Adidas bezahlt.”

2. Grenzen ziehen
(taz.de, Ruth Lang Fuentes)
Zunächst hatten sich 17 Autorinnen und Autoren von der linken Zeitschrift “konkret” distanziert, mittlerweile seien es um die 30 Personen, die dem Magazin eine zu Kreml-nahe Haltung vorwerfen und nicht mehr für “konkret” schreiben wollen (die Erklärung der Autorinnen und Autoren sowie die als “Richtigstellung” bezeichnete Stellungnahme der “konkret”-Redaktion). Ruth Lang Fuentes erklärt den Konflikt, bei dem eine Annäherung der Positionen derzeit schwer vorstellbar erscheint.

3. Schlechter Scherz
(sueddeutsche.de, Jens-Christian Rabe)
Karl Lauterbach hat bereits vor seiner Zeit als Gesundheitsminister eine recht eigenwillige Medienarbeit verfolgt und ist auch durch Unterhaltungsformate getingelt. In der Amazon-Serie “One Mic Stand” beispielsweise hat er sich unter der Anleitung von Hazel Brugger in einer Folge zum Comedian ausbilden lassen. Für Jens-Christian Rabe ein Anlass, sich die neue Serie näher anzuschauen. Sein Befund: “‘One Mic Stand’ wirkt, als habe sich Deutschland, nachdem es von der Comedy-UN gebeten wurde, sein Armutszeugnis vorzulegen, mal wieder gedacht: Wenn schon, denn schon!”

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4. So schnell vergehen 20 Jahre
(arminwolf.at)
Am heutigen 18. Juli ist es exakt 20 Jahre her, dass Armin Wolf erstmals das österreichische Nachrichtenjournal “ZiB2” moderiert hat. Wolf blickt auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurück und erklärt, wie aus einer Urlaubsvertretung 2.317 Sendungen mit mehr mehr als 3.000 Studiogästen wurden.

5. Mehr Polarisierung wagen!
(spiegel.de, Samira El Ouassil)
Die viel beklagte Spaltung der Gesellschaft sei in einer Demokratie eigentlich ganz normal, findet “Spiegel”-Kolumnistin Samira El Ouassil. Vorsicht sei jedoch geboten, wenn sie in eine gruppenbezogene Ablehnung umschlage: “Gruppenbezogene Polarisierung verhindert gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, indem sie geistige Opponenten zum Feind erklärt.”

6. Ein Vorkämpfer für die Anerkennung des Comics
(tagesspiegel.de, Lars von Törne)
“Stefan Neuhaus hat als Vorsitzender des Deutschen Comicvereins viel für die Wertschätzung der Kunstform erreicht. Jetzt ist er mit 74 Jahren gestorben.” “Tagesspiegel”-Redakteur Lars von Törne würdigt in seinem Nachruf die Verdienste des Comic-Pioniers.

Fluch der Fälschungen, Wechselwillig, Sender für Corona-Leugner?

1. Der Fluch der Fälschungen: Warum Fake-Bilder im Netz so schwer einzufangen sind
(rnd.de, Imre Grimm)
In den Sozialen Medien zirkuliert seit Monaten eine äußerst böswillige Zitatfälschung, mit der Impfgegner einen CDU-Gesundheitspolitiker diskreditieren wollen. Imre Grimm kommentiert: “Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das mediale Dilemma, vor dem Urheber korrekter Zitate angesichts von populären Fälschungen stehen: Jede Berichterstattung leistet nicht nur der Wahrheit, sondern auch der möglichen Verbreitung von Fälschungen Vorschub.” Trotz diverser Richtigstellungen werde das gefälschte Sharepic weiter verbreitet, unter anderem vom Schlagersänger Michael Wendler in dessen Telegram-Kanal.

2. Wenn Journalisten Regierungssprecher werden, befeuern sie einen pauschalen Verdacht
(uebermedien.de, Stephan Lamby)
Die “Spiegel”-Redakteurin Christiane Hoffmann, der frühere “Spiegel”-Chefredakteur Wolfgang Büchner und der “taz”-Redakteur Ulrich Schulte haben die Seiten gewechselt und arbeiten künftig als Pressesprecher beziehungsweise -sprecherin für die Bundesregierung. Der Ferrnsehproduzent und Journalist Stephan Lamby hält derartige Wechsel für legitim, rät jedoch zu Sensibilität: “Heute müssen wir Journalist:innen mehr als frühere Generationen auf unsere Außenwirkung achten. Weil wir nun selbst kontrolliert werden. Und deshalb sollten sich alle, die über einen Seitenwechsel nachdenken, darüber klar sein, wie ihr Schritt über die rote Linie von außen wahrgenommen wird. Und auch, ob ein Schritt zurück eines Tages möglich sein wird – oder nicht.”

3. “RT Deutsch” sendet via Serbien
(taz.de, Erica Zingher)
Weil der russische Staatssender RT für sein deutschsprachiges TV-Programm hierzulande keine Sendelizenz bekommen hat, ist er auf eine trickreiche Idee gekommen und hat sich die Lizenz in Serbien besorgt. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg sehe darin jedoch “keine ausreichende Grundlage für eine Verbreitung des Programms in Deutschland” und habe deshalb bereits ein Verfahren gegen RT Deutsch eingeleitet.

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4. Ein Sender für Corona-Leugner?
(tagesschau.de, Srdjan Govedarica)
Der österreichische Privatsender ServusTV ist seit einiger Zeit dafür bekannt, fragwürdigen Corona-Verharmlosern eine Bühne zu bieten und falsche Informationen zur Pandemie zu verbreiten. Nun prüfe die Medienbehörde KommAustria, ob ServusTV dabei Gesetze verletzt habe. Die Publizistin Ingrid Brodnig begrüßt die Prüfung des mit Millionenbeträgen öffentlich unterstützten Senders: Es könne nicht sein, “dass die öffentliche Hand Fehlinformationen inmitten einer Pandemie auch noch indirekt fördert – die dann dazu führen, dass sich möglicherweise weniger Menschen impfen lassen”.

5. Hand in Hand mit Rechtsextremen
(belltower.news, Erika Balzer)
Der Verfassungsschutz hat das “Compact”-Magazin jüngst als “gesichert extremistisch” eingestuft. Erika Balzer hat sich angeschaut, mit welchen Themen sich “Compact” beschäftigt und wie dort (rechte) Stimmung gemacht wird. Ihr Fazit: “Die Autor:innen und Chefredakteur Elsässer spielen Rechtsextremen nicht nur in die Karten, sie gehen mit ihnen Hand in Hand in eine Richtung, die demokratische Prozesse ablehnt und stattdessen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Hetze und Verschwörungserzählungen verbreitet.”

6. Chinesische Influencerin muss 181 Millionen Euro Strafe zahlen
(spiegel.de)
Die chinesische Schauspielerin und Influencerin Viya ist im Internet als “Livestream-Königin” bekannt. Sie veranstaltet sogenannte Shopping-Livestreams und generiert damit teilweise unglaubliche Umsätze. An einem wichtigen Verkaufstag sollen es mehr als 400 Millionen Euro gewesen sein. Offenbar hat sie jedoch Steuern hinterzogen und wurde von den chinesischen Behörden mit einer Rekordstrafe von umgerechnet 181 Millionen Euro belegt.

“Maaagdeburg”, Berliner Polizei in Erklärungsnot, Leistungsschutzrecht

1. Wie Medien ostdeutsche Namen verhunzen
(meedia.de, Tobias Singer)
“‘Maaagdeburg’ – während der Name bei Marietta Slomka immer länger wird, zieht sich bei mir innerlich etwas leicht zusammen. Es ist ein bisschen wie dieses unschön quietschende Kratzgeräusch auf der Tafel. Warum? Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts wurde rund um die Wahl phonetisch wiederholt gefoltert, nicht nur am Wahlabend im ‘Heute Journal’, das Phänomen begleitete die ganze Wahlkampfphase.” Tobias Singer sind bei der Berichterstattung über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einige sprachliche Schnitzer aufgefallen. Böse Absicht, mangelnde Professionalität oder Ignoranz gegenüber dem Osten?
Anne Haeming kommentiert bei “Übermedien” in eine ähnliche Richtung: “Halb fassungslos, halb wütend: Anders konnte ich den gestrigen Abend nicht verfolgen. Als sei in den vergangenen Jahren nichts passiert!”
Weiterer Lesehinweis: Sachsen-Anhalt und die Lehren für Medien: “Ein ZDF-Reporter bezeichnet die AfD als Teil einer ‘konservativen Mehrheit’, Wahlsieger Reiner Haseloff von der CDU kritisiert eine ‘westdeutsche Medienwelt’: Die Wahl in Sachsen-Anhalt legt altbekannte Probleme offen.” (deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 6:18 Minuten)

2. Berliner Polizei gerät in Erklärungsnot
(verdi.de, Helma Nehrlich)
Jörg Reichel, Landesgeschäftsführer der Journalistengewerkschaft dju Berlin-Brandenburg, hat anlässlich der Proteste gegen die Erweiterung der Autobahn 100 etwa 20 Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Arbeit begleitet. Reichel ist unzufrieden mit dem Verhalten der Polizei und bezeichnet es als “eine Mischung aus fehlendem Überblick, pressegegnerischer Einstellung und zum Nachteil von Journalist*innen ausgelegter Rechtsprechung”. Seine Forderung: “Es muss auf jeden Fall politisch Druck auf die Berliner Polizei gemacht werden, um presserechtliche Standardfragen etwa auch bei Platzbesetzungen für die Zukunft eindeutig zu klären.”

3. Fake News mit ihren eigenen Waffen schlagen
(de.ejo-online.eu, Roman Winkelhahn)
Viorela Dan vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München hat einen ungewöhnlichen Vorschlag, wie man “Fake News”, Desinformation und Falschmeldungen begegnen könne: Mit Richtigstellungen, die nach demselben Konzept funktionieren sollen wie die Fehlinformationen selbst. Roman Winkelhahn erklärt die unkonventionelle Idee.

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4. Journalismus & Netz | Mai: Facebook News startet in Deutschland: Trau, schau, wem
(blog.torial.com, Alex Sängerlaub & Simon Hurtz)
Was hat sich in Sachen Journalismus und Netz im Mai 2021 getan? Alex Sängerlaub und Simon Hurtz fassen die wichtigsten Diskussionen, Highlights, Entwicklungen und Erkenntnisse zusammen. Lesenswert – auch wegen der verlinkten Quellen und weiterführenden Beiträge.

5. “Das wird vor Gericht gehen”
(deutschlandfunk.de, Audio: 5:27 Minuten, Christoph Sterz)
Deutsche Verlage wollen von den Tech-Giganten wie Facebook und Google Geld für ihre Inhalte. Die Chancen dafür stehen dank des neuen Leistungsschutzrechts eigentlich nicht schlecht, doch die Sache ist knifflig. Der Deutschlandfunk hat sich mit Christoph Schwennicke, Geschäftsführer von Corint Media, einer Art Gema für Verlage, über das weitere Vorgehen unterhalten. Eher skeptisch zeigt sich Urheberrechts-Experte und Rechtsanwalt Till Kreutzer: “Das wird garantiert vor Gericht gehen. Und wenn das vor Gericht geht, dann dauert es halt fünf Jahre, vielleicht zehn Jahre, dann geht das bis zum EuGH und wieder zurück.”
Weiterer Lesehinweis, zwar nicht zum Leistungsschutzrecht, aber zu einem der Protagonisten: Google in Frankreich zu hoher Strafe verurteilt: “Frankreichs Kartellamt hat Google ein Bußgeld von 220 Millionen Euro auferlegt: Das US-Unternehmen habe seine marktbeherrschende Stellung im Anzeigensektor missbraucht.” (zeit.de)

6. Schauspielerin Eva Herzig lehnt Impfung ab
(faz.net)
Die Schauspielerin Eva Herzig (“Steirerkrimi”, ORF & ARD) lehnt die Impfung gegen das Coronavirus ab. Darauf lehnt die Produktionsfirma das weitere Engagement der Schauspielerin ab und lässt das Drehbuch überarbeiten.

Rassismus-Stammtisch beim WDR, Privilegierte Quelle?, Lehrstück

1. “Das Diskriminierendste, das ich seit Langem gesehen habe”
(jetzt.de)
In der WDR-Sendung “Die letzte Instanz” haben sich vier weiße und privilegierte Promis zum Rassismus-Talk zusammengesetzt und allerlei unreflektierte Aussagen auf Stammtisch-Niveau getätigt. So jedenfalls die Wertung vieler Personen, die die Sendung gesehen haben: “Das hier ist das mit Abstand ignoranteste, arroganteste und diskriminierendste was ich seit langem im deutschen TV gesehen habe. Vier weiße Menschen, die erklären wie anstrengend und albern es ist sich mit Rassismus-Kritik auseinanderzusetzen. DANKE @WDR”, kommentierte beispielsweise Jasmina Kuhnke auf Twitter.
Um sich ein vollständiges Bild von den Dimensionen des TV-Debakels zu machen, lohnen zwei Twitter-Threads: Claudius Rück erklärt dem WDR in einem offenen Brief die Folgen des Talks: “Sie haben mit diesem Teil der Sendung übelste sprachliche Rassismen reproduziert, die ein Leben (und Überleben) der betroffenen Personengruppen erschweren oder unmöglich machen.” Und auch Anatol Stefanowitsch macht sich Gedanken über die Verantwortung der Sender: “Demokrat_innen und Humanist_innen verteidigen den ÖR seit Jahren gegen Angriffe von Rechts und halten sich mit eigener Kritik zurück, aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfüllt seine Aufgabe nicht auf eine Art und Weise, mit der sie sich das verdienen würden.”
Und als letzte Empfehlung ein kurzer Ausschnitt aus dem “Kölner Treff”, in dem Gianni Jovanoviç, Sohn einer Roma-Familie, aus eigener Betroffenheit berichtet: “Das Wort Z wurde meinen Verwandten und Menschen aus meiner Familie in der Zeit von 1939 bis 1945 in der Haut eintätowiert und dann wurden sie vergast.” (Video: 1:55 Minuten)

2. PR-Agentur bot Wirecard an, Journalisten auf eine “schwarze Liste” zu setzen
(stern.de, Hans-Martin Tillack)
Hans-Hermann Tiedje, Medienmanager und früherer Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, soll mit seiner PR- und Lobby-Agentur jahrelang für Wirecard tätig gewesen sein. Internen Mails zufolge, die dem “Stern” vorlägen, habe die Firma bis zumindest Ende 2019 für das Unternehmen unter anderem die Berichterstattung in der Presse beobachtet und Wirecard beim aggressiven Vorgehen gegen kritische Journalistinnen und Journalisten mindestens indirekt unterstützt. Außerdem habe Tiedjes Agentur eine “Kommunikationsstrategie” angeboten, um die Firma “unverwundbar” zu machen. Der reißerische Titel des Angebots: “Drachenblut”.

3. Intrigen, Eifersucht, Missgunst
(sueddeutsche.de, Angelika Slavik)
Die mehrköpfige Chefredaktion des “Spiegel” scheint zerstritten zu sein. So sehr, dass sich ein Teil der Redaktion mit einem Brief an die Chefredaktion und die Geschäftsführung wandte und sich über den Umgang mit der Chefredakteurin Barbara Hans beschwerte. Worin könnten die Gründe für das Zerwürfnis liegen? “Hans ist die einzige mit Digital-Background im Trio, da drängt sich auf, das für einen Kulturkonflikt zu halten. Es gibt aber auch die Deutung, das Ganze sei ‘ein Frauen-Männer-Ding’: Für die Elternzeit hätten die Chefredaktionskollegen ebenso wenig Verständnis gehabt wie für Hans’ Vorstellungen von Führung.”

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4. Privilegierte Quelle? – Über das schwierige Verhältnis zwischen Polizei und Presse
(stefan-fries.com, Audio: 40:21 Minuten)
Ist die Polizei wirklich eine neutrale Instanz und die sogenannte privilegierte Quelle, der Reporter und Reporterinnen unbedingt vertrauen dürfen sollten? Über diese Frage und das schwierige Verhältnis zwischen Polizei und Presse hat Stefan Fries im Deutschlandfunk mit dem Investigativjournalisten Olaf Sundermeyer und dem DLF-Hörer Marcel Brakhane gesprochen. Hier direkt zum Gespräch.

5. Die Fake-News-Fahnder
(ndr.de, Video: 3:50 Minuten)
Alice Echtermann ist die kommissarische Leiterin des “Correctiv”-Faktenchecks, auf den auch Facebook zurückgreift. Der NDR hat sich angeschaut, wie Echtermann und ihr Team arbeiten. Der kurze Beitrag ist ein willkommener Anlass, an die Faktencheck-Kategorie von “Correctiv” zu erinnern und eine Leseempfehlung auszusprechen: Hier gibt es zahlreiche Richtigstellungen zu allerlei Online-Mythen, die einem über die verschiedensten Social-Media-Kanäle begegnen.

6. Das Lehrstück vom Klubhaus – Brecht und der Verfremdungseffekt sozialer Medien
(54books.de, Robert Heinze)
Robert Heinze ordnet die Audio-Chat-App Clubhouse medientheoretisch ein und nimmt dabei Bezug auf Bertolt Brechts Gedanken über den “Rundfunk als Kommunikationsapparat”: “Die Atemlosigkeit und unreflektierte Geschwätzigkeit einer App wie Clubhouse steht der aktiv teilnehmenden kritischen Reflexion, die Brechts episches Theater in der Zuschauer*in hervorbringen will, und die auch hinter seiner Vorstellung vom Radio als Kommunikationsapparat steht, jedenfalls diametral entgegen – mal ganz abgesehen vom kalkuliert elitären Rollout der App oder ihrer Datensaugerei.”

B.Z., Bild  

Die peinliche Präsentkorb-Frechheit von “Bild” und “B.Z.”

Sie brauchen nicht viel. Den Redaktionen von “Bild” und “B.Z.” reicht schon ein gelöschter Tweet eines gelöschten, anonymen Accounts, um ordentlich auszuteilen:

Ausriss BZ - Kondome, Warnweste, Slipeinlage ... Diese absurden Überraschungen sollen Ärzte und Schwestern bekommen haben - Der peinliche Präsentkorb der Charite

… berichtet die “B.Z.” gestern fast auf einer kompletten Seite. Und bei den Springer-Kollegen der “Bild”-Zeitung heißt es in der Berlin-Ausgabe:

Ausriss Bild-Zeitung - Kondom, Warnweste, Slipeinalge - Das Weihnachts-Goodie-Bag der Charite ist eine Frechheit

Der Autor (in beiden Blättern derselbe) schreibt:

Slipeinlage, Kondom, Motivations-Tipps … Haben Sie sich das auch als Weihnachtsgeschenk gewünscht? Nein? Die Ärzteschaft auf den Intensivstationen der Charié sicher auch nicht!

Und trotzdem sollen die Mediziner, die täglich bis an die Belastungsgrenzen gehen, um Menschenleben zu retten, von der Charité mit solch einem Peinlich-Präsent beglückt worden sein.

Das zumindest behauptet auf Twitter ein Nutzer namens “Doc Bab”. Zum geposteten Foto mit dem angeblichen Charité-Mitgebsel heißt es (inklusive Rechtschreibfehler): “Das ist der einzige Coronabonus der Charité für uns ÄrztInnen auf den Intensivstationen – nicht mal Weihnachtsgeld gibt im größten Uniklinikum Europas für die Belegschaft!”

Inzwischen ist der Tweet gelöscht.

Man hätte sich natürlich schon mal fragen können, warum die Charité ausgerechnet eine Ausgabe des Hochschulmagazins “Unicum” in das “Peinlich-Präsent” für die Intensivmediziner gelegt haben soll. Und dann hätte man mal auf der “Unicum”-Website nachschauen können und wäre auf die sogenannten “Wundertüten” gestoßen, die das Magazin jedes Semester an Universitäten verteilt und die ziemlich genau aus den Werbeartikeln bestehen, die auf dem Foto zu sehen sind. Und dann hätte man mal die “Unicum”-Facebookseite besuchen können und hätte dort gesehen, dass es erst vor wenigen Tagen eine Verteilaktion mit diesen “Wundertüten” vor “dem ein oder anderen Universitätsklinikum” gegeben hat: “Nicht nur das STUDENTISCHE PERSONAL hat sich sehr über unsere Wundertüten gefreut!”

Oder kurz gesagt: “Slipeinlage, Kondom, Motivations-Tipps …” haben nichts mit irgendeinem “PRÄSENTKORB DER CHARITÉ” zu tun. Was besonders traurig ist: Der “B.Z.”-und-“Bild”-Autor wusste das alles, zumindest so halb. In seinen Artikeln zitiert er einen weiteren Twitter-Nutzer:

Aber es gibt auch andere Töne. “Was man da sieht, ist nicht von der Charité ausgegeben worden”, schreibt ein Personalrat des Klinikums. Die Charité habe im Frühjahr eine Prämie gezahlt, “einfach so, als alle noch redeten”, schreibt er. “Und es gab Jahressonderzahlung und TVÖD-Prämie im Dezember.”

Doch was ist mit Slipeinlage, Kondom und Co.? Auch darauf hat der User eine Antwort. Das seien Tüten des Hochschulmagazin “Unicum” gewesen, die sonst immer direkt an Studenten ausgegeben worden seien.

Auf der einen Seite ein anonymer Twitterer, der böswillig Lügen verbreitet und seinen Poltertweet sowie seinen ganzen Account löscht. Auf der anderen ein Personalrat der Charité, der seinen kompletten Namen nennt und Fakten liefert. Dass “Bild” und “B.Z.” diese Artikel überhaupt gebracht haben, und dann noch mit den gewählten Überschriften, zeigt, wem die Redaktionen auf ihrer Suche nach Krawallgeschichten mehr Glauben schenken wollen.

Nachtrag, 16. Dezember: Sowohl die “B.Z” als auch die Berlin-Ausgabe der “Bild”-Zeitung haben heute Richtigstellungen veröffentlicht:

Ausriss BZ - Richtigstellung - Am Montag, den 14. Dezember, berichteten wir unter der Überschrift Der peinliche Präsentkorb der Charite über Kritik an einer Präsenttütet für Klinikpersonal. Der Artikel vermittelte fälschlicherweise den Eindruck, der Absender der abgebildeten Präsentsammlung sei das Klinikum Charite. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Ausriss Bild-Zeitung - Richtigstellung - Am Montag, den 14. Dezember, berichteten wir in der Berliner Regionalausgabe der Bild unter der Überschrift Kondom, Warnweste, Slipeinlage. Das Weihnachts-Goodie-Bag der Charite ist eine Frechheit über Kritik an einer Präsenttüte für Klinikpersonal. Der Artikel vermittelte fälschlicherweise den Eindruck, der Absender der angeblichen Präsentsammlung sei das Klinikum Charite. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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