1. “Titanic-Chef Tim Wolff: ‘Wir sind die freieste Redaktion der Republik'” (meedia.de, Christopher Lesko)
Christopher Lesko spricht mit “Titanic”-Chefredakteur Tim Wolff über Satire, den “Postillon” und über die Reaktionen auf ein “Titanic”-Titelbild mit Michael Schumacher: “Die Wut, die sich da entlädt, müsste sich eigentlich auf Boulevard-Medien entladen. Und im Fall Schumacher nicht nur auf Boulevard-Medien, sondern auch auf die Tagesschau, die minutenlang über eigentlich Nichts berichtete: Als der Reporter erzählte, er habe mit dem Arzt gesprochen, und der habe ihm nichts Neues mitgeteilt, fragte ich mich, was genau die Nachricht daran sei und dachte: Lass den Arzt doch einfach in Ruhe seine Arbeit machen.”
2. “Über den Wert von Freunden und Mitläufern” (persoenlich.com, Peter Wälty)
Peter Wälty widmet sich der Anzahl “Social-Media-Leser” von Schweizer Zeitungsmarken. Und er notiert, mit was diese im Internet Geld verdienen: “Mit Traffic. Oder präziser: mit Page Impressions, mit plump angeklickten Artikeln also, die Ad Impressions (Werbeeinblendungen) generieren oder dereinst Leser zu einer Paywall führen sollen.”
3. “Breaking News. 23 Thesen” (23thesen.tumblr.com)
Jessica Binsch, Ole Reißmann und Hakan Tanriverdi stellen 23 Thesen auf, unter anderem dabei sind “5. Weg mit den Ressorts!”, “11. Vergesst die Nische!” und “15. Leser belohnen harte Arbeit”.
5. “Eine Ignoranz, die den Rechten nutzt” (tagesspiegel.de, Harald Schumann)
Harald Schumann beklagt “das debile Niveau der Plakatwerbung” im Wahlkampf zur Europawahl 2014: “Mit provozierender Ignoranz verweigert die Führungsriege der Parteien die Auseinandersetzung darüber, wie die EU künftig funktionieren soll. Stattdessen inszenieren sie den Europawahlkampf einmal mehr als Low-Budget-Programm, das mit minimalem Aufwand maximale Erträge für die Parteikassen aus der staatlichen Kostenerstattung erzielen soll.”
Sie wollen wissen, wie supertoll und megaluxuriös das “fliegende Hotelzimmer” wird, das die Fluggesellschaft Etihad Airways plant? Nun, dann können Sie sich entweder das 90-sekündige Werbevideo des Unternehmens anschauen, oder Sie investieren ein bisschen mehr Zeit und lesen diesen Artikel beim Onlineauftritt der “Welt”:
Das Werbevideo können Sie sich danach immer noch anschauen — die “Welt” hat es am Ende des Textes freundlicherweise gleich eingebettet, für alle Fälle.
Aber das ist eigentlich nicht nötig, denn nach der Lektüre des 5.000 Zeichen langen Textes werden Sie ohnehin schon längst überzeugt sein von der unschlagbaren Grandiosität der Etihad-Luxus-Suite. Die “Welt” gibt sich jedenfalls größte Mühe, kein einziges der vielen fantastischen Details zu vernachlässigen.
Schon die ersten beiden Sätze machen die Marschrichtung klar.
Wer dachte, mit der First Class sei der ultimative Luxus im Linienflugzeug bereits erreicht, muss sich von der arabischen Etihad Airways eines Besseren belehren lassen. Denn der neue Wohnraum “The Residence” fängt dort an, wo die First aufhört.
(Im Original liegt hinter “‘The Residence'” ein Link zur Unternehmensseite.)
Der “Gipfel des Genusses”, meint die “Welt”, werde
eine immerhin fast zwölf Quadratmeter große Wohnfläche sein, die ein Maß an Luxus und Privatsphäre bieten wird, wie es sonst nur in Privatjets vorgefunden wird.
“Das Wohnzimmer” sei
unter anderem mit einem 1,50 Meter breiten Zweisitzersofa (ausklappbar zu einem Liegesofa), ausklappbaren Ottomanen, Intarsien-Esstisch, gekühlter Minibar und 32-Zoll-TV-Bildschirm ausgestattet.
“Im Schlafbereich” stehe
ein 205 mal 120 Zentimeter großes Doppelbett mit Leselampen und Stimmungslicht, ein Nachtschrank, Kleiderschrank, hinterleuchtete holzgeschnitzte Wände und ein 27-Zoll-Fernseher.
Und das “private Duschbad” ermögliche
eine vier Minuten währende Dusche sowie Toilette, Waschtisch mit Kosmetikspiegel und Föhn.
Wir erfahren, dass jedem Gast “ein persönlicher Butler zur Verfügung” steht und dass diese “qualifizierten Servicekräfte” an der “Londoner Savoy Butler Academy speziell geschult” werden.
Wir erfahren, dass ein “‘Fünfsterne-Verpflegung'” dazugehört und der Chefkoch “auf Wunsch eine persönliche Menüplanung berücksichtigt”. Dass der Fluggast “mit luxuriöser Bettwäsche, Schlafanzug” und anderem Schnickschnack “umsorgt” wird. Dass sich “ein spezielles VIP-Reise-Concierge-Team um die Top-Gäste” kümmert und “dafür sorgt, dass jedes Reisedetail, einschließlich Bodentransport, Küche und Annehmlichkeiten, optimal auf die Anforderungen des Gastes zugeschnitten sind.”
Dann folgen Angaben zum Preis, zu den geplanten Strecken, den kooperierenden Flughäfen, den angepeilten Terminen und den Platzkapazitäten des Flugzeugs.
Anschließend darf der Etihad-Chef noch persönlich erklären, dass diese “neuartigen Wohnräume” die “Erwartungen von Flugreisenden in Bezug auf Bordkomfort und Luxus nachhaltig verändern [werden]”. Und die Konkurrenz darf er auch noch niedermachen erwähnen:
Mit Blick auf Mitbewerber um begehrte First-Class-Passagiere wie die Golf-Rivalen Emirates und Quatar Airways, aber auch Singapore Airline und British Airways habe man sich entschlossen, die größten “First Class Suites” anzubieten.
Aber auch das ist noch lange nicht alles.
Und so plant der Carrier neben dem Top-Produkt “The Residence by Etihad” auch noch eine Vielzahl weiterer Service-Veränderungen.
Die kürzen wir aber jetzt mal ab.
… “First Apartments” (neun Stück in einer 1-1-Anordnung also mit nur einem Gang) … 1,60 Meter hohen Schiebetür … Liegesessel … Ottomane … Full-Flat-Bett mit einer Länge von 2,03 Metern … gekühlte Minibar … persönlicher Waschtisch … schwenkbarer TV-Monitor zur Nutzung vom Sitz oder vom Bett aus … 74 Prozent größere Grundfläche als die aktuellen, preisgekrönten First Class Suites … verbesserte “First Suite” … acht Suiten (in 1-2-1-Anordnung) … großen Sitz … Ottomane … Full-Flat-Bett von 2,05 Metern Länge … lassen sich die Armlehnen zurückschieben … können zwei Suiten in eine Einheit mit Doppelbett umgewandelt werden … gekühlte Minibar … 24-Zoll-TV-Monitor … 20 Prozent mehr persönlichen Platz bieten … direkten Zutritt zum Gang … Full-Flat-Bett mit einer Länge von 2,05 Metern …
… und so weiter.
Der Artikel ist (inklusive Etihad-PR-Video und zehnteiliger Klickstrecke) vergangenen Montag erschienen, im redaktionellen Bereich des Online-Ablegers der “Welt”.
In der Print-Ausgabe, zumindest in der “Welt kompakt”, suchte man ihn vergeblich. Dort wurde stattdessen auf die klassische Weise für “The Residence” geworben — per Anzeige über drei ganze Seiten.
Bei den Fluggesellschaften gebe es einen “Kampf um die zahlungskräftige Klientel”, schreibt die “Welt” noch. Gut für die, die ihre Verbündeten schon gefunden haben.
1. “Die Spiegel-Affäre” (ardmediathek.de, Video, 98:39 Minuten)
Der Fernsehfilm “Die Spiegel-Affäre” greift die Verhaftung von Rudolf Augstein und Mitarbeitern des “Spiegels” 1962 auf, nachdem in der Ausgabe 41/1962 der Text “Bedingt abwehrbereit” erschienen war.
2. “betr. Interview mit Dieter Lenzen” (planet-interview.de, Jakob Buhre) Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, streicht bei der Autorisierung eines Interviews mit ihm mehrere Antworten sowie die entsprechenden Fragen: “Nachdem wir gegenüber Lenzen ankündigten, zumindest unsere Fragen vollständig zu publizieren, drohte man uns, das Interview komplett zurückzuziehen.”
4. “Nicht Google, Europa ist das Problem” (futurezone.at, Gerald Reischl)
Gerald Reischl schaltet sich in die von der FAZ initiierte Debatte um die von Google ausgehenden Gefahren ein: “Warum sollte eine euro-politisch entwickelte Suchmaschine erfolgreich sein und plötzlich Google Paroli bieten können? Konsumenten nutzen ein Produkt nur dann, wenn sie es hilfreich und gut finden. Zu glauben, dass Konsumenten aus Europa eine europäische Entwicklung einer amerikanischen vorziehen würden, um den eigenen Kontinent zu stärken, entspricht leider nicht der Realität, sondern ist der Wunsch von EU-Politikern. Europa sollte lieber die Voraussetzungen dafür schaffen, dass auf diesem Kontinent Innovation möglich ist und sich erfolgreiche Unternehmen gründen können.”
5. “Gewalt-Statistik: So nahm die Falsch-Behauptung ihren Lauf” (kurzpass.ch, Daniel Ammann)
Nach einem Artikel in der “Sonntagszeitung” übernehmen die Nachrichtenagentur SDA und weitere Medien deren Interpretation von Statistiken zur Gewalt rund um Schweizer Fußballstadien. Daniel Ammann klärt den Sachverhalt direkt mit dem Bundesamt für Statistik.
1. “‘Jeder Scharlatan bekommt ein Forum für seinen Stuss'” (theeuropean.de, Thore Barfuss)
Ein Interview mit Jörg Kachelmann, der bedauert, “dass sich die meisten Medien in Duldungsstarre vor der ‘Bild’-Zeitung begeben haben”. “Das langsame Sterben der Printmedien” verwundere nicht: “Recherche bedeutet heute meistens, dass ein Mensch, der Zugang zu einem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Papier hat, die Nummer eines sogenannten Investigativjournalisten kennt, der auf einen Anruf wartet.”
2. “Wie Putin seine Journalisten-Armee einsetzt” (welt.de, Julia Smirnova)
In Russland werden über 300 Journalisten von Wladimir Putin “mit Orden und Medaillen” ausgezeichnet. “Dass derartig viele willfährige Redakteure und Reporter für ihre Arbeit mit Orden behängt werden, ist beispiellos.”
3. “Der Fussballfan wird zum Staatsfeind geschrieben” (kurzpass.ch, Daniel Ammann)
Daniel Ammann beschäftigt sich mit einem Artikel in der “Sonntagszeitung”, der mit “258 Straftaten im Umfeld von Stadien” übertitelt ist, jedoch von “grossformatigen Fotos von bengalischem Feuer und schwarzem Rauch” begleitet wird. “Das Fazit des Artikels könnte alternativ auch heissen: 2013 wurden rund um Schweizer Sportstätten Polizisten häufiger beschimpft als im Jahr zuvor und es wurden mehr Ohrfeigen und Fusstritte verteilt, während die Gewalt innerhalb der Stadien sank.”
5. “‘Big things are happening in Denmark'” (b.dk, Edward Snowden, englisch)
Edward Snowden schreibt einen Brief zur Debatte um das Boulevardmagazin “Se og Hør”, das Kreditkarten-Daten von Prominenten gekauft haben soll.
1. “Karl Marx, übernehmen Sie!” (juliane-wiedemeier.de)
Juliane Wiedemeier notiert, dass Lokaljournalisten eigentlich gar keinen verzichtbaren Lokaljournalismus machen wollen – es dann aber oft doch tun: “Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.”
2. “Mein persönlicher Daten-GAU” (medienwoche.ch, Nik Niethammer)
Das Googlemail-Konto von Journalist Nik Niethammer wird von den USA aus geknackt: “Dieser Angriff hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Ich fühle mich wie ausgesperrt aus dem eigenen Haus. Stehe vor der Tür und da drinnen macht sich jemand an meinen persönlichen Sachen zu schaffen.”
3. “Von der Seifenoper zur Kunstform” (drama-blog.de, Thilo Röscheisen)
“Das goldene Zeitalter der Fernsehserie hat erst begonnen”, glaubt Thilo Röscheisen. “Nur durch die einzigartige wirtschaftliche Dynamik des amerikanischen Kabelfernsehmarktes konnte der Zuschauer wieder zum Kunden und die Serie wieder zum Produkt werden, das der sich aussucht. Erst die künstlerische Befreiung von der Diktatur der Quote hat zum neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens geführt – und findet deshalb auch nach wie vor weitgehend abseits des klassischen linearen Fernsehens statt, dessen Abhängigkeit von der Quote durch stetig sinkende Marktanteile eher noch größer wird.”
4. “Die aufgedrängte Kostenloskultur: Zahlen wollen, aber nicht zahlen können?” (blog.zdf.de/hyperland, Torsten Dewi)
Torsten Dewi beklagt eine “aufgedrängte Kostenloskultur” und erinnert sich dabei an den Bildschirmtext: “Bei BTX gab es seit 1980 oben in der rechten Ecke einen kleinen Zähler mit den angefallenen Kosten. Wollte man eine kostenpflichtige Seite ansurfen, wurde der vom Anbieter dafür verlangte Preis transparent angezeigt – ‘ja oder nein?’ war die einzige Entscheidung, die man als Leser treffen musste.”
5. “The readers’ editor on… pro-Russia trolling below the line on Ukraine stories” (theguardian.com, Chris Elliott, englisch)
Chris Elliott, Leserredakteur beim “Guardian”, thematisiert die Flut von Leserkommentaren zum Ukraine-Konflikt, die eine Position pro russische Regierung einnehmen: “In fairness there is no conclusive evidence about who is behind the trolling, although Guardian moderators, who deal with 40,000 comments a day, believe there is an orchestrated campaign.”
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Eine Meldung – und ihre Geschichte” (blog.zeit.de/kabul, Ronja von Wurmb-Seibel)
Die Geschichte hinter der dpa-Meldung “Pakistan: Zwei Berliner Brüder festgenommen”: “Im Bus gibt es dann englischsprachige Zeitungen zu lesen und auf Seite zwei entdecken wir die Schlagzeile über unser Ergreifen, maßlos übertrieben und wenig informativ. (…) Eine ganze Reihe deutscher Medien hat diese fälschliche Schlagzeile reproduziert, teilweise noch pikanten Details verfeinert.”
2. “Qualitätsjournalismus Fehlanzeige: Journalisten als Lobbyisten” (meedia.de, mit Video, 6:48 Minuten)
Die ZDF-Sendung “Die Anstalt” zeigt Verflechtungen deutscher Journalisten mit Lobbygruppen auf. “In der Mitgliederliste der Atlantik-Brücke, der u.a. Bild-Chef und -Herausgeber Kai Diekmann vorsitzt, tauchen neben ‘heute’-Anchor Claus Kleber auch Theo Koll, noch Politbarometer-Experte und bald Leiter des ZDF-Studios in Paris, und Grünen-Politiker Cem Özdemir auf, der den stv. Vorsitz des ZDF-Fernsehrates inne hat.”
3. “Rebellion unter den Lesern” (medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Die Meinungsvorherrschaft der Journalisten zerbröckle, stellt Rainer Stadler fest angesichts der breiten Kritik von Lesern, Journalisten würden im Konflikt um die Ukraine “die Ereignisse einseitig aus westlicher Optik darlegen und bewerten”: “Ich bezweifle allerdings, dass diese Erkenntnis ins Bewusstsein vieler professioneller Informationsverarbeiter gedrungen ist. Der Wille, die Rebellion im Publikum ernst zu nehmen, ist kaum vorhanden.” Siehe dazu auch “Der Westen und die Massenmedien sind zu tadeln!” (nzz.ch, Lorenz König).
4. “Im Abseits” (sueddeutsche.de, Ralf Wiegand)
Insgesamt zwei gedruckte Interviews mit Pep Guardiola sind erschienen, seit dieser Trainer des FC Bayern München ist. “Viele Vereine aber führen intern schon Diskussionen, wozu man Sportjournalisten in den Stadien überhaupt noch braucht – wenn man doch alles selber machen kann.”
5. “Fünf Jahre taz-Hausblog: So viel Transparenz wie bei keiner anderen Zeitung” (blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Das “taz”-Hausblog feiert den 5. Geburtstag: “Als Student hatte ich das Blog spiegelkritik.de betrieben, das sich am Spiegel und Spiegel Online abarbeiten wollte, aber leider nie das Niveau des großen Vorbilds bildblog.de erreicht hat. Noch mehr als über die journalistischen Fehler im Spiegel habe ich mich über den Umgang mit ihnen geärgert. Genauer: Den Nicht-Umgang. Die Journalisten – gerade beim Spiegel – dachten, es sei für ihre Arbeit essenziell, einen Nimbus der Unfehlbarkeit zu verbreiten und keine Fehler zuzugeben. Das ärgerte mich als Leser. Ich fand, Journalisten müssten mal von ihrem hohen Ross runterkommen, ihre Arbeit transparenter machen und sich der Kritik stellen. Und dann wechselte ich die Seiten.”
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Markus Wiegand: Vom Wahnsinn des Gegenlesens” (newsroom.de, Markus Wiegand)
Medienjournalist Markus Wiegand zeigt auf, wie Journalisten darauf bestehen, Artikel über sie vor Erscheinen komplett gegenzulesen: “Viele Journalisten finden es inzwischen selbst total normal, zum Beispiel Porträts komplett vor der Veröffentlichung an den Porträtierten rauszugeben.”
2. “‘Team Wallraff’: RTL hält Kurs in Richtung Relevanz” (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath lobt RTL für die erste Folge von “Team Wallraff”: “RTL lieferte Erkenntnisse, die weit tiefer und wichtiger sind als wenn der ‘Markencheck’ im Ersten doch tatsächlich enthüllt: Mit dem Junior Menü will McDonalds Kinder locken! Nein! Doch! Oh! Wie kurios das Jahr 2014 doch ist, wenn RTL die Öffentlich-Rechtlichen bei einer investigativen Verbraucherstory in diesem Fall sehr alt aussehen lässt.”
3. “Moralischer Fehlschluss in der Sache Schröder” (hogymag.wordpress.com, almasala)
Almasala wendet sich gegen die breite Kritik deutscher Medien an der Tatsache, dass Gerhard Schröder seinen 70. Geburtstag zusammen mit Wladimir Putin in St. Petersburg feiert. “Anscheinend kommt den Schreiberlingen einfach nicht in den Sinn, dass es auch andere legitime Standpunkte als den eigenen geben könnte; das nicht jeder Putin als den rücksichtslosesten und gefährlichsten Mann für den Weltfrieden seit Ende des kalten Kriegs sieht, sondern man auch eine völlig andere Sicht auf den aktuellen Konflikt in der Ukraine haben kann, bei der die USA und Europa in ihrer Doppelmoral und Selbstgerechtigkeit ebenfalls reichlich bekleckert dastehen.”
6. “China nimmt ‘The Big Bang Theory’ aus dem Netz” (blog.zeit.de/china, Felix Lee)
“Die amtliche Behörde für Medienkontrolle” in China untersagt einem Internetportal ohne Vorwarnung, verschiedene US-Serien weiterhin auszustrahlen. “Mithilfe der Zensurbehörden wollen die Staatssender offenbar verlorenes Terrain zurückgewinnen. Offensichtlich sind nicht mehr politisch fragwürdige Inhalte für die chinesischen Behörden das Kriterium für eine Absetzung einer Sendung, sondern allzu hohe Zuschauerzahlen.”
Wissen Sie, was Kleister-Klüngel ist? Wenn die SPD in Bremerhaven Langzeitarbeitslose durch Wahlplakat-Kleben ausbeutet.
Und wissen Sie, was üble Nachrede ist? Wenn solche Dinge behauptet werden, obwohl sie gar nicht stimmen.
Aber der Reihe nach.
Es geschah am hellichten Tag, mitten im beschaulichen Bremerhaven.
Langzeitarbeitslose vom Verein “Faden e.V.” […] ziehen mit Eimern, Kleister und SPD-Wahlplakaten durch Bremerhaven. Anführer des Leim-Trupps: “Faden”-Chefin Sabine Markmann. Die vier Vereins-Mitglieder tragen nach BILD-Informationen leuchtende Warnwesten. Ein Passant, dem das komisch vorkommt, schießt ein schnelles Foto.
Was ist daran anstößig? “Faden”-Chefin Markmann sitzt gleichzeitig im Bremerhavener SPD-Vorstand, ist die Lebensgefährtin von SPD-Vorstands-Urgestein und “grauer Eminenz” Siggi Breuer. Die Erwerbslosen mussten die Plakate der Sozis auf Anweisung der SPD kleben. Nach BILD-Informationen als Gratis-Gefallen.
Auf der Vereins-Internetseite von “Faden e.V.” ist dagegen die Rede von “gezielten Beschäftigungs- und Qualifizierungsangeboten”, um den Menschen ohne Job “zusätzliche Chancen auf Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu erschließen”.
Selbstverständlich hatte “Bild” auch gleich einen empörten Politiker parat: Malte Grotheer von der (rechtspopulistischen) Wählervereinigung “Bürger in Wut” ist “stinksauer” und “will diesen Fall nicht auf sich beruhen lassen”:
“Es ist ein Rückfall in schlimme Sozi-Filz-Zeiten, dass mal eben durch Personalunion ein öffentlicher Verein Parteiarbeit leisten muss. Damit werden öffentliche Gelder vergeudet.”
Ein unscharfes Foto, die Vorwürfe einer ungenannten Quelle, ein polternder Politiker, schwupps!, fertig ist der “Bild”-Polit-Skandal.
Zwei Tage später allerdings erklärte Sybille Böschen von der SPD Bremerhaven, die Vorwürfe seien “unwahr und verleumderisch”:
“Wir haben deshalb eine Berliner Rechtsanwaltskanzlei gebeten, unsere Rechte gegenüber der BILD- Zeitung und gegenüber der Wählervereinigung [“Bürger in Wut”] wahrzunehmen.”
Zwar sei “der Wahlkampf eine Zeit verdichteter und zugespitzter Formulierungen”.
“Wir wollen und müssen aber alle miteinander bei der Wahrheit bleiben und können und dürfen es nicht zulassen, dass Menschen in Misskredit gebracht werden und Tatsachen verdreht werden.”
Am Tag darauf, in der Freitagsausgabe, musste “Bild Bremen” die Tatsachen dann wieder zurechtdrehen:
Die Richtigstellung ist übrigens nicht mal ein Viertel so groß wie der ursprüngliche (falsche) Artikel.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “‘Jeder Trottel kann sich im Internet verbreiten'” (bazonline.ch, Benedict Neff, Markus Somm)
Ein ausführliches Interview mit “Blick”-Verleger Michael Ringier: “Das Internet ist ein Schlötterliinstrument, es ist ein Querulantenmedium. Jeder Trottel kann sich da verbreiten. Die Journalisten müssen wahnsinnig aufpassen, dass sie sich nicht auf dieses Niveau herunterlassen.”
2. “Wie sich die Egomanie in den Journalismus frisst” (cicero.de, Petra Sorge)
Das “Ich-Narrativ” mache sich im Journalismus breit, beobachtet Petra Sorge: “Wo Facebook-Nutzer ihre digitalen ‘Freunde’ mit belanglosen Status-Posts nerven – ‘Stehe gerade am Bahnhof. Zug hat mal wieder Verspätung’ –, ärgert der Ich-Reporter seine Leser mit Betroffenheitsbröckchen: ‘Mich trifft ein Regentropfen an der Stirn. Das passt jetzt gar nicht.'”
3. “Wo gerade viel von ‘Native Advertising’ gesprochen wird” (facebook.com) Native Advertising eigne sich “maximal für Boulevard- und reine Unterhaltungsmedien, deren journalistischer Anspruch ohnehin mit angezogener Handbremse daherkommt”, glaubt Sascha Lobo. “Redaktionell ernsthaft kritisch-journalistische Medien sollten sich meiner derzeitigen Überzeugung nach davon fernhalten, und zwar deutlich.”
4. “Keine Russen-Bomber im NATO-Luftraum” (augengeradeaus.net, Thomas Wiegold)
Thomas Wiegold widerspricht Medienberichten: “Beim Flug russischer Langstreckenbomber vom Typ Tu-95, NATO-Codename Bear, am (gestrigen) Mittwoch sind die russischen Maschinen zu keinem Zeitpunkt in den Luftraum eines NATO-Mitgliedslandes eingedrungen.”
5. “Google Maps Russia claims Crimea for the federation” (theguardian.com, Alex Hern, englisch)
Wie Google Maps die Grenzen zur Krim in verschiedenen Ländern anzeigt: “Visitors to the company’s Ukrainian website, google.com.ua, will find a map of Crimea as they remember it. (…) Russian visitors to Google get a very different picture. In no uncertain terms is the area marked as a separate country from wider Ukraine.” Siehe dazu auch “Google Maps spaltet Krim für die Russen ab” (sueddeutsche.de, Markus C. Schulte von Drach).