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Bergpanorama am Stiel

Die heutige Titelgeschichte der “Welt Kompakt” lautet:

Auf in die Dolomiten

Für Joachim Löw und sein Team beginnt heute die heiße Vorbereitungsphase auf die WM. 27 Auserwählte müssen bis Ende Mai im Trainingslager in Südtirol schwitzen. Für das Bergpanorama […] dürften die Spieler kaum einen Blick haben

Und jetzt raten Sie mal — womit hat die “Welt Kompakt” diese Geschichte bebildert?

Mit einem Bergpanorama? Den Dolomiten?
Mit schwitzenden Fußballern? Nationalelf? Jogi Löw?
Copacabana? Zuckerhut? Samba-Tänzerinnen?

Nö. Sondern:

Klar, wer denkt da auch nicht sofort an den “Eisklassiker ‘Dolomiti'”?

Immerhin beruht die Zuneigung zwischen dem Axel-Springer-Verlag (“Welt”) und Langnese (“Dolomiti”) auf Gegenseitigkeit: Auf der “Dolomiti”-Verpackung im Kühlregal prangt seit dem Comeback des Eises das Logo der “Bild”-Zeitung. Warum? Weil “Bild”-Chef Kai Diekmann den Konzern angeblich erst auf die Idee gebracht hat, die Sorte wiederzubeleben. Zumindest erzählte “Bild” das im Februar so selbst:

2012 sprachen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann und Unilever-Chef Harry Brouwer über die Generation Babyboomer, den geburtenstärksten Jahrgang der Deutschen […]. Auf Diekmanns Frage, warum das Dolomiti irgendwann nicht mehr produziert wurde, ließ Harry Brouwer bei Langnese (die Eissparte von Unilever) Marktforschung betreiben und nach der Original-Rezeptur für das Waldmeister-, Himbeer- und Zitronen-Eis suchen. […]

Mit dem Aufdruck “Comeback by BILD” bedankt sich Langnese beim BILD-Chef für seine Idee.

Der Verlag wiederum bedankte sich zurück und trommelt seither fleißig für das Eis — selbst dann, wenn es eigentlich um Fußball geht.

Bauer Media Group, Käseblatt, Wodka

1. “Wenn Firmen sich bei den Kreativen bedienen: Dreister Bilderklau”
(schoen-und-fein.de, Stefanie Bamberg)
Wie sich die Bauer Media Group bei Bildern von Bloggern bedient: “Bauer Media ist übrigens mit so einem Verhalten, dass sich vor allem auf Facebook zeigt, nicht alleine. Ich empfehle euch, mal ein paar Facebook-Seiten anzuschauen, zum Beispiel von Burda – ebenfalls ein Verlag, der das Leistungsschutzrecht einst gefordert hat. Was man da so findet, ist ziemlich niederschmetternd.”

2. “Kuck mal, wat für ‘n Käseblatt”
(operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Ralf Heimann, bisher Lokaljournalist, kritisiert den Lokaljournalismus: “Ich habe überhaupt nichts gegen Vereinsberichterstattung. Aber die Voraussetzung dafür, dass etwas in der Zeitung steht, sollte immer sein, dass man vom Kreis der potenziellen Interessenten die Leute auf dem Foto abziehen kann und dann noch immer jemand übrigbleibt.”

3. “Ein naturalistischer Fehlschluss”
(connected.tante.cc, Jürgen Geuter)
Jürgen Geuter fragt sich, wie das EuGH-Urteil gegen Google offline aussehen könnte: “Kommen nach 10 Jahren eine handvoll Männer in schlecht sitzenden Anzügen und flößen allen Menschen, die sich noch erinnern Wodka ein, bis sie ihre Erinnerungen verloren haben?”

4. “Sand im digitalen Kapitalismus”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
“Die digitalen Goliaths aus den USA sollen angekettet und den nationalen Sitten unterworfen werden”, schreibt Rainer Stadler zum gleichen Thema: “Das Feuilleton der wirtschaftsliberalen ‘FAZ’ operiert gar mit Versatzstücken der antikapitalistischen Rhetorik und verbündet sich im Kampf gegen das Silicon Valley mit dem Chef des ‘Bild’-Herausgebers Axel Springer.”

5. “’20 Minuten’: Werbung vor Inhalt”
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Wie in den Gratiszeitungen “20 Minuten” und “Blick am Abend” Werbung und Inhalte präsentiert werden.

6. “die story – Wer betrügt, profitiert”
(wdr.de, Video, 43:39 Minuten)
Wie deutsche Arbeitgeber mit Mitarbeitern aus der EU umgehen. Und wie Politiker einerseits Mindestlöhne fordern und andererseits Gesetzlücken offen lassen – die dann die Gerichte belasten.

Pro-Russen, Separatisten, Milchsubventionen

1. “Unsere Ukraine-Berichterstattung”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Kai Gniffke erklärt die Berichterstattung der “Tagesschau” zur Lage in der Ukraine: “Aus den einstmals bösen Armee-Schlägern vom Maidan sind nun die legitimen Truppen geworden, die die Ostukraine vor dem Zugriff durch prorussische Separatisten und möglicherweise russischem Militär schützen wollen. Da kommen einige Kollegen argumentativ ganz schön in die Bredouille.”

2. “Die nützliche Erfindung der ‘Pro-Russen'”
(heise.de/tp, Stefan Korinth)
Stefan Korinth analysiert die von den Medien geschaffene Gruppe der “Pro-Russen”: “Hiesige Medien berichten aber auch über friedliche Regierungsgegner im Osten und Süden der Ukraine so, als wenn diese dort Fremdkörper oder Ausländer wären. Aus zahllosen Berichten trieft es: verblendete Sowjetnostalgiker, leichtgläubige Propaganda-Opfer, Putin hörig, grundlos hysterisch. Die Ängste, Anliegen und politischen Vorstellungen dieser Ukrainer sind damit nicht mehr legitim. ‘Moskau-nah’, ‘pro-russisch’, ‘kreml-treu’ – wer gegen die neue Regierung ist, muss in vielen deutschen Journalistenaugen für Putin und den Zerfall der Ukraine sein.”

3. “‘Du bist ein beschissener Agent! Das ist kein Lösegeld, sondern dein Beitrag zu unserem Krieg!'”
(maidantranslations.com, Pavel Kanygin)
Pavel Kanygin, Journalist bei der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, wird in einer Pizzeria von Männern verhaftet, die ihm vorhalten, sie als Separatisten bezeichnet zu haben. Siehe dazu auch “Ukraine: Berichten unter Lebensgefahr” (swp.de, Stefan Scholl).

4. “‘Speziale Libero’: Die Meinungsfreiheit der anderen”
(publikative.org, Andrej Reisin)
Andrej Reisin kritisiert einen Text von Birgit Schönau in der “Süddeutschen Zeitung”: “In der ‘Süddeutschen Zeitung’ fordert eine Journalistin die Einschränkung der Meinungsfreiheit anderer. Garniert wird das Ganze mit vollkommen unbelegten (und unhaltbaren) Spekulationen und Geraune über Mafia und Camorra und ein ‘internationales Netz so genannter Ultràs’. Die These von den in deutsche Kurven geschmuggelte Spruchbänder der Camorra ist derartig aus der Luft gegriffen, dass einem kaum Gegen-‘Argumente’ einfallen mögen – schließlich wird ja nicht mal versucht jenseits wilder Assoziationsketten auch nur den geringsten handfesteren Hinweis vorzutragen.”

5. “Goldener Bremsklotz 2014 an das Bundesamt für Landwirtschaft”
(investigativ.ch)
Investigativ.ch zeichnet das Bundesamt für Landwirtschaft mit dem “Goldenen Bremsklotz” aus. Für “eine Liste von Empfängern von Milchsubventionen” verlangte das Amt von der Zeitschrift “Beobachter” rund 225 000 Euro. “Schließlich, so das Amt, gebe es 2500 Subventionsempfänger, die alle ein Recht hätten, zum Begehren des Beobachters angehört zu werden. Bei einer Stunde Aufwand pro Subventionsempfänger und hundert Franken Stundenansatz mache das eine Viertelmillion; dazu kämen 25.000 Franken Porto.”

6. “Wenn einer über den eigenen Chef schreibt”
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler fragt: “Wirkt es nicht etwas bizarr, wenn sich Journalisten auf anonyme Quellen im Haus berufen, in dem sie selber arbeiten? Ein Journalist hat selbstverständlich den intimsten Blick auf Arbeitsorganismen, denen er selber angehört. Aber hat er dann noch die nötige Distanz, darüber unvoreingenommen zu berichten?”

Bild  

Schamhaar-Verlängerung

Immer mal wieder bricht die “Bild”-Zeitung eine “große Schamhaar-Debatte” vom Zaun und quetscht Promis und Passanten über deren Intimfrisuren aus.

Die jüngste Debatte vor ein paar Wochen war eigentlich schon beendet, doch nun gibt es eine (eher unfreiwillige) Fortsetzung:

(Klick für größere Version.)

GEGENDARSTELLUNG - in der BILD-Zeitung vom 02.04.2014 wurde ich auf Seite 5 in einem Artikel mit der Überschrift

Staatsfeuilleton, Schließfach, Schirrmacher

1. “Transatlantik – Journalisten unter Bündnisverdacht”
(ndr.de, Video, 4:33 Minuten)
Daniel Bröckerhoff fragt, wie transparent Journalisten ihre Verbindungen zu Lobbygruppen machen – Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung antwortet.

2. “‘Wir müssen verhandeln, welchen Wert Qualitätsjournalismus hat'”
(horizont.net, Jürgen Scharrer)
Ein langes Interview mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: “Wir müssen wieder stärker an unsere Inhalte glauben, statt ständig darüber nachzudenken, mit welchen Maßnahmen wir unsere Reichweiten erhöhen können.”

3. “Das neue Staatsfeuilleton”
(sueddeutsche.de, Johan Schloemann)
Johan Schloemann erkennt aus der öffentlichen Hand finanzierte Konkurrenz für die klassischen Feuilletons: “Manches am Staatsfeuilleton ist Volksbildung, anderes aber ist eher ‘Corporate Publishing’, nur dass die Firma hier der Staat ist und der Kunde sein Steuerzahler.”

4. “Schwarzes Schaf im Schließfach”
(art-magazin.de, Almuth Spiegler)
Ein aufgetauchtes Bild wird von den Medien Vincent van Gogh zugeschrieben: “Man würde doch mit freiem Auge sehen, dass hier höchstens ein Hobbymaler nach einem Kalenderblatt gemalt habe. (…) Zwischenzeitlich sei es anscheinend ganz normal, derartige Meldungen unkritisch zu übernehmen, es scheine nur um den berühmten Namen zu gehen.”

5. “News of the World royal editor: I hacked Kate Middleton 155 times”
(theguardian.com, Lisa O’Carroll, englisch)
Der frühere Königshaus-Reporter von “News Of The World”, Clive Goodman, steht vor Gericht, weil er sich illegal Zugang zu Mobilfunk-Mailboxen verschafft hatte: “He told jurors he hacked Prince William 35 times, Prince Harry nine times and the Duchess of Cambridge 155 times.”

6. “Wer zahlt, der findet”
(perlentaucher.de, Anja Seeliger)
Anja Seeliger kommentiert das EuGH-Urteil gegen Google: “Der EuGH hat uns gestern im Handstreich eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft beschert. Die, die für Informationen bezahlen, wissen, wer pleite gemacht hat, wer schon mal verurteilt wurde oder wer vor zwanzig Jahren eine karriereschädliche Bemerkung gemacht hat. Die anderen – lernen von den Chinesen oder wissen es eben nicht. So wird die Informationshierarchie der vordigitalen Zeit langsam wieder restauriert.” Siehe dazu auch “Nach EuGH-Entscheidung: So stellen Sie einen Löschantrag bei Google” (spiegel.de, Markus Böhm).

EuGH, Gabriele Pauli, Homosexuelle

1. “Über die Kraft einer positiven Sogwirkung und wie verfrühte Kritik sie verhindert”
(netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert beobachtet, wie unterschiedlich neue Projekte in Schweden und in Deutschland aufgenommen werden: “Für Deutsche ist ein frühzeitiges Diskutieren aller Vor- und Nachteile ein Muss. Wird ein neues, herausforderndes Vorhaben angeschoben, dann müssen sich die Initiatoren darauf einstellen, dass selbst womöglich vorhandene ehrenwerte Ziele und ein eventuelles allgemeines öffentliches Interesse an der Verwirklichung nicht vor ausgedehnten, mit negativer Tonalität untermalten Analysen schützen.” Siehe dazu auch “kritik-kritiker kritik” (wirres.net, felix schwenzel).

2. “Zensur bei der taz?”
(blogs.taz.de/hausblog, tazkommune)
Die “tazkommune” antwortet auf den Beitrag “Warum ich nicht mehr für die TAZ schreibe” von Schriftsteller Raul Zelik: “Die allgemeinen Vorwürfe von Zelik gegen die taz können wir nicht nachvollziehen. Wir verstehen bereits nicht, wie man die Ablehnung eines Textes durch eine Redaktion als ‘Zensur’ bezeichnen kann.”

3. “Bild darf Ex-Landrätin Pauli nicht als ‘durchgeknallte Frau’ bezeichnen”
(juraforum.de)
Ein Rechtsstreit zwischen “Bild” und Gabriele Pauli vor dem Oberlandesgericht München behandelt einen Text von Franz Josef Wagner.

4. “EU Wants a ‘Right to Be Forgotten,’ But the Internet Never Forgets”
(mashable.com, Lance Ulanoff, englisch)
Lance Ulanoff kommentiert ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), das Suchmaschinen dazu verpflichtet, personenbezogene Daten von Privatpersonen auf Anfrage aus ihren Ergebnissen zu streichen: “You’ve got it all wrong, EU. I say this not as someone who enjoys a level of popularity on the web, but as a regular person who managed to anger a powerful few (at least online).” Siehe dazu auch “Wer gegen Netzsperren ist, muss auch das EuGH-Urteil zu Löschpflichten von Google ablehnen” (internet-law.de, Thomas Stadler) und “EuGH: Suchmaschinen und Datenschutz” (telemedicus.info, Adrian Schneider).

5. “10 Tipps auf dem Weg zur Normalität”
(journalist.de, Jennifer Stange)
Jennifer Stange gibt Tipps, wie man beim Schreiben über Homosexuelle “jenseits von übereuphorischen Riesenschlagzeilen, Klischees und peinlicher Verschwiegenheit die Dinge beim Namen nennt”.

6. “Wie man eine Geschichte schnell erhitzt”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Als PR-Mann von McDonald’s, wie ihn den “Spiegel” darstellt, tauge Günter Wallraff nicht, schreibt Michael Hanfeld: “Günter Wallraff ist nämlich nicht nur Enthüllungsjournalist, sondern auch so etwas wie ein Mediator: Er verfolgt Geschichten weiter, selbst wenn sie keine Schlagzeilen mehr machen, und schaltet sich in Fällen ein, die nicht groß genug für eine Story sind. Nur zum PR-Mann von McDonald’s, als der er im ‘Spiegel’ mehr oder weniger erscheint, taugt er nicht.”

Ein schönes, falsches Bild von Google

Wenn Digitalthemen Schlagzeilen machen, ist es ein Alptraum für Bildredakteure. Denn das Internet ist nicht fotogen. An Hackern in Skimasken, Snowden-Fotos und abfotografierten Bildschirmen hat sich das Publikum schon lange sattgesehen.

Nicht ganz so schlimm war es, als der Europäische Gerichtshof am Dienstagmorgen eine überraschende Entscheidung verkündete: Der Suchmaschinenkonzern Google wurde verpflichtet, bestimmte Artikel über den spanischen Kläger nicht mehr zu verlinken. Es war kein Problem, denn die dpa hatte das perfekte Bild im Angebot: Eine Google-Angestellte, die einsam zwischen den riesigen Serverschränken an einem Laptop sitzt und Wartungsarbeiten vornimmt. Das Foto ist so perfekt, dass es bei vielen Online-Portalen verwendet wurde.

Auf sueddeutsche.de, …

Screenshot: Sueddeutsche.de

… auf spiegel.de ,…

googlefoto-spon

welt.de

googlefoto-welt

… bei der Frankfurter Rundschau, beim Handelsblatt und vielen anderen.

Das Problem an dem Bild: Es ist eine Fälschung. Oder eine künstlerische Neuinterpretation des Google-Rechenzentrums in Oregon.

Es stammt aus der Hochglanzproduktion “Where the Internet lives“, mit dem sich Google 2012 von seiner besten Seite präsentieren wollte. Die Fotografin Connie Zhou hatte, wie Google nach herber Kritik schließlich einräumte, aus ästhetischer Gründen Korrekturen an den Originalbildern vorgenommen. Mal wurden die Kontraste bereinigt, mal ein störender Lichtfleck ausgeblendet, mal die Perspektive des Bildes digital verändert. Bei dem heute so prominenten Bild baute sie jedoch gleich das Gebäude um: Der breite Gang neben der Google-Mitarbeiterin — hier die Originalaufnahme — wurde kurzerhand in der Nachbearbeitung mit einem Serverschrank überdeckt, sodass sie komplett von Computern eingeschlossen scheint. Sehr symbolisch, aber eben auch falsch.

Die prominente Bildverfälschung, die zum Beispiel vor zwei Jahren von Zeit Online aufgegriffen worden war, war der Bildredaktion der dpa entgangen. Auf unsere Nachfrage hat ein Sprecher der Nachrichtenagentur nun Konsequenzen versprochen: “Wir ziehen das Bild jetzt aus dem Dienst zurück, denn Bildmanipulationen jeglicher Art sind mit den dpa-Standards nicht vereinbar.”

Nachtrag, 13:02 Uhr: Süddeutsche.de hat das Bild inzwischen transparent ersetzt.

Krautreporter, Günter Wallraff, Quizduell

1. “Journalist: Mach dich nicht zur Marke, mach einfach deinen Job”
(matthiasschwarzermedien.tumblr.com)
Journalisten, die sich zur Marke machen, “degradieren sich damit zu suchmaschinenoptimierten Selbstinszenierungsopfern”, glaubt Matthias Schwarzer.

2. “‘Wenn du einen Hintern in der Hose hast, dann melde dich'”
(sueddeutsche.de, Benjamin Romberg und Jana Stegemann)
Die missglückte Premiere der interaktiven Sendung “Quizduell: Vier gegen Deutschland”: “18.14 Uhr: Pilawa meldet sich zurück aus der Werbung und verkündet Schockierendes: ‘Wir sind gehackt worden.'”

3. “Bondage im Kinderbett oder: Wie man einen Skandal erzeugt”
(heise.de/tp, Bettina Hammer)
Bettina Hammer berichtet über einen Polizeieinsatz, bei dem auch ein RTL-Journalist als Tippgeber eine Rolle spielt (hier Teil 2): “Die Berichterstattung über ‘ausgehobene Pädoringe’, ‘Kinderpornoringe’ usw. beschränkt sich auf einen kurzfristigen medialen, oftmals überzogenen Panik-Chor, die leisen Stimmen werden längst nicht mehr vernommen.”

4. “Krautreporter”
(krautreporter.de)
Krautreporter stellt sich vor, als “tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten”. Erscheinen wird es ab September, vorausgesetzt, es wird zuvor ausreichend Geld dafür gesammelt. “Wer seid ihr genau? 25 Reporter im Alter von 27 bis 61, die nicht mehr darauf warten wollen, dass die großen Medienunternehmen sich endlich trauen, echten Journalismus im Netz zu ermöglichen. Wir alle arbeiten seit Jahren als Journalisten mit großem Engagement für die etablierten Medien. Und wir glauben: Jetzt ist es Zeit für etwas Neues.”

5. “Die Staatsmacht und der Journalismus”
(funkkorrespondenz.kim-info.de, Dietrich Leder)
Die Deutung der “Spiegel-Affäre” als Zweikampf zwischen Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß befriedigt Dietrich Leder nicht. Ausserdem kritisiert er, dass die Verstrickungen verschiedener handelnder Personen in die NS-Zeit nicht thematisiert wurden.

6. “Sicherheitsrisiko Security”
(rtl-now.rtl.de, Video)
In der 3. Folge von “Reporter undercover” beschäftigt sich das “Team Wallraff” mit der Sicherheitsbranche und beleuchtet Sicherheitskräfte, die im Job-Center oder in Flüchtlingsheimen angestellt sind. Siehe dazu auch “Stellungnahme von Günter Wallraff zu SPIEGEL-Fragen” (rtl.de) und “Das Erfolgsgeheimnis von Günter Wallraff” (berliner-zeitung.de, Torsten Wahl).

PDF-Dateien, Raul Zelik, Niklaus Meienberg

1. “Hört endlich auf mit dem Unterhaltungsquatsch!”
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader befasst sich mit dem Unterhaltungsauftrag der Öffentlich-rechtlichen: “Das Problem an der Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist, dass sie – entgegen jeder Absicht des Verfassungsrichter – viel zu oft die erste Geige spielt. Eine uralte, schlecht gestimmte Geige, die sich niemand zu erneuern traut. Und die, weil sie so laut und schief vor sich hin geigt, auch das übrige Orchester aus dem Takt bringt.”

2. “Warum ich nicht mehr für die TAZ schreibe”
(raulzelik.net)
Schriftsteller Raul Zelik will nicht mehr für die “taz” schreiben: “Bei mir verfestigt sich damit der Eindruck, dass es in der TAZ handfeste Formen von politischem Ausschluss und Zensur gibt.”

3. “900.000 Euro per Crowdfunding: Warum das Vorhaben von Krautreporter gelingen oder scheitern kann”
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Zur Vorfinanzierung will ein journalistisches Projekt in vier Wochen 900 000 Euro sammeln, siehe dazu diese “Spiegel”-Vorabmeldung.

4. “Wollt ihr nur Raumpfleger sein?”
(derbund.ch, Daniel Di Falco)
Daniel Di Falco erinnert an Journalist Niklaus Meienberg: “Was wissen wir über die Fälle Mörgeli, Carlos oder Hildebrand? Alles, was das Fehlverhalten einzelner Akteure betrifft. Nichts aber von den gesellschaftlichen Zuständen und Zusammenhängen, denen diese Fälle entspringen. Ehrenwert zwar, dass die Medien heute – ‘wie bitte?’ – die CO2-Sünden von Bundesstellen oder den Sexismus von Verteidigungsministern beäugen. Aber vielleicht könnten Journalisten auch mehr sein als Inspektoren im Dienst der herrschenden amtlichen und moralischen Normen. Mehr als Raumpfleger im Innern des Systems.”

5. “The solutions to all our problems may be buried in PDFs that nobody reads”
(washingtonpost.com, Christopher Ingraham, englisch)
Die Weltbank analysiert den Traffic ihrer Website und findet heraus, dass fast ein Drittel der veröffentlichten PDF-Dateien noch nicht einmal heruntergeladen wurden. Man könne wohl annehmen, schreibt Christopher Ingraham, “that many big-idea reports with lofty goals to elevate the public discourse never get read by anyone other than the report writer and maybe an editor or two. Maybe the author’s spouse. Or mom.”

6. “OMG tötet es … BILD-Leser empören sich über Conchita Wurst”
(horstson.de)
Screenshots von Leserkommentaren auf der Facebook-Seite von “Bild”.

Pictor Roy und der Hitler-Orgasmus

Pictor Roy ist ein wahrer Künstler. Und ein bisschen berühmt ist er inzwischen auch: Die “Bild”-Zeitung berichtet heute über ihn, die deutsche “Huffington Post”, Mopo.de, Express.de, Heute.at und der Online-Auftritt des “Berliner Kurier”.

Bis vor wenigen Tagen allerdings war Pictor Roy “nur in Insiderkreisen” bekannt, wie Bild.de erklärt. Ein “Geheimtipp in der Kunstszene”. Dann kam sein Durchbruch. Mit diesem Bild:

Und nicht nur das: “orgasm to hell” gelte zwar als Roys “provokantestes” Werk, schreibt Bild.de. “Begehrt und von der internationalen Kunstszene gefeiert” seien aber auch:

“orgasm to music” mit Elvis Presley, “orgasm to peace” mit Mahatma Gandhi, “orgasm to sport” mit Muhammad Ali und “orgasm to science” mit Albert Einstein.

Spätestens hier hätten die Journalisten ruhig mal stutzig werden können. Vielleicht hätten sie dann auch ein wenig recherchiert statt nur die Pressemitteilung des Auktionshauses abzuschreiben — und gemerkt, wie unglaublich die ganze Geschichte wirklich ist.

Pictor Roy, der also bevorzugt Spermien mit Gesichtern prominenter Menschen malt und für dessen Werk angeblich 19,5 Millionen Dollar gezahlt wurden, hat keinen Wikipedia-Eintrag, aber dafür 40 Follower bei Twitter. Von seinen 15 Tweets beziehen sich zehn auf das Hitler-Bild.

Das angebliche Online-Auktionshaus, bei dem Roys Bild angeblich versteigert wurde, listet exakt einen Künstler — Pictor Roy. Und exakt eine Auktion — Roys Penis-Bild. Die Domain ist erst vor drei Wochen registriert worden, auf eine Adresse in Uruguay. Und die Londoner Adresse im Impressum findet sich sonst nur auf merkwürdigen, deutschen PressemitteilungsSammelSeiten.

Auch sehr interessant: Der Käufer des Hitler-Orgasmus-Bildes — laut Mopo.de ein “Internetunternehmer aus Palo Alto in Kalifornien” — ist offenbar niemand Geringeres als der Facebook-Chef persönlich:

Da wundert es dann auch nicht mehr, dass Pictor Roy — hier auf einem Foto bei Bild.de:

… genauso aussieht wie Ernest Hemingway.

Wie gesagt: Pictor Roy ist ein wahrer Künstler. Aber noch viel besser als im Penisse-Malen ist er ganz offensichtlich im Journalisten-hinters-Licht-Führen.

Mit Dank an Jörg F.

Nachtrag, 15.35 Uhr: “Huffington Post”, express.de, mopo.de und berliner-kurier.de finden jetzt auch, dass die Geschichte “vermutlich nur ein Fake” war und haben ihre Artikel korrigiert. Bild.de hat ihn einfach gelöscht.

Nachtrag, 16.10 Uhr: Jetzt ist er bei Bild.de wieder da.

Nachtrag, 10. Mai: … und mit folgendem Hinweis versehen:

Update: Die Pressemitteilung des Auktionshauses hat sich im Nachhinein als unwahr herausgestellt. Das tut uns leid. Aus Transparenzgründen ist der Beitrag aber weiter auffindbar.

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