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Spiegel Online, Boris Becker, Norbert Gastell

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Zeit ist Macht”
(zeit.de, Jochen Bittner)
Jochen Bittner beschäftigt sich mit der Hektik in der Politik, getrieben von den Medien, zum Beispiel von “Spiegel Online”: “Eine ganze Schar von Hauptstadtreportern ist, bildlich gesprochen, damit beschäftigt, tagsüber die Sauen durchs Dorf zu jagen, die sie morgens selbst losgelassen haben. Jeden Vormittag, so der Anspruch der Redaktion, soll auf dem ‘HP1’ (Homepage-Platz 1) eine eigene Exklusivmeldung stehen. Bis 14 Uhr müssen die Reporter dazu weitere Zitate und Reaktionen eingeholt haben. Aus ihnen wird die sogenannte ‘Nachdrehe’ geschrieben. Danach recherchieren die Redakteure die Nachricht für den nächsten Morgen. Bis 19 Uhr geht die ‘Analyse’ online, ein Text, der zusammenfasst und zuspitzt, wie sich die Nachricht den Tag über entwickelt hat.”

2. “Die ZEIT zensiert die Welt”
(blog.felixvictor.net, Felix Victor Münch)
Was die “Zeit” über Google, Amazon, Apple und Facebook schreibt. “Schon die Überschrift ‘Vier Sheriffs zensieren die Welt’ ist so reißerisch, dass es schwer vorstellbar ist, dass es überhaupt möglich ist, sie durch den Text zu decken.”

3. “Wehrbeauftragter sorgt für Medien-Eklat”
(spiegel.de, Severin Weiland)
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, reagiert auf einen Kommentar bei Deutschlandradio Kultur und erwartet, dass dieser “in der Audio- wie in der Textvariante schnellstmöglich aus dem Internetangebot” gelöscht werde. “Der Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur, Peter Lange, sorgte dafür, dass der Kommentar gelöscht wurde. Er habe, so heißt es aus der Pressestelle des Senders, mit den ‘Qualitätsstandards kollidiert’, sei aber strafrechtlich nicht zu beanstanden.”

4. “Alles außer live – ARD und ZDF veräppeln Zuschauer”
(welt.de, Paul-Nikolas Hinz)
“Dauernde Aufzeichnungen führen irgendwann dazu, dass überhaupt nichts mehr live zu sehen ist”, schreibt Paul-Nikolas Hinz über die Olympia-Berichterstattung von ARD und ZDF: “Sätze wie ‘Hier verliert sie Zeit’ oder ‘Das sieht langsamer aus’ sind leichtes Expertentum, wenn der Reporter schon weiß, wie das Rennen ausgeht. Das ist nicht authentisch.”

5. “Bobeles Märchenstunde”
(kicker.de, Stefan Bomhard)
Boris Becker kritisiert in der ARD deutsche Tennisspieler, die bei den olympischen Spielen in London nicht antreten: “Man hätte Becker bei dieser Gelegenheit mal fragen sollen, wie es damals war, wenn er sich unpässlich fühlte und im Davis Cup nicht antrat.”

6. “Durch dick und dünn mit Homer Simpson “
(sueddeutsche.de, Michael Zirnstein)
Norbert Gastell, die 82-jährige Synchronstimme von Homer Simpson, im Porträt.

Medaillenziele, Liveticker, Beach Volleyball

6 vor 9

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1. “Olympia: Gericht entscheidet für uns – Medaillenziele werden öffentlich”
(derwesten-recherche.org, Daniel Drepper)
Das Bundesinnenministerium muss die Medaillenvorgaben aller Sportverbände offenlegen, entscheidet das Verwaltungsgericht Berlin. “Da uns auf mehrmalige Anfrage weder DOSB noch Ministerium die Vorgaben an die Verbände mitteilen wollten, reichten wir am 6. Juli Klage beim Verwaltungsgericht Berlin ein. Unsere Begründung: Hier wird Steuergeld ausgegeben, das muss öffentlich sein.” Siehe dazu auch dieses Interview mit Daniel Drepper (newsroom.de, Bülend Ürük).

2. “2,5 Millionen Mails”
(journalist.de, Max Ruppert)
“Stern” und NDR durchforsten derzeit die anfangs Juli von Wikileaks öffentlich gemachten Syria Files.

3. “Gericht beschwert sich über VOL.AT-Liveticker und fordert Verbot”
(vol.at, Andreas Haller)
Ein Richter kritisiert nach der Urteilsverkündung im Testamentsfälscherprozess, die Internet-Live-Berichterstattung habe Zeugen vor ihrer Befragung beeinflusst: “Sie hätten aufgrund des VOL.AT-Livetickers gewusst, was sie gefragt werden. Der Richter regt nun in einem Schreiben an das Justizministerium eine gesetzliche Änderung für Berichte aus dem Gericht mittels Liveticker an.”

4. “Twitters folgenloser Fauxpas”
(zeit.de, Juliane Leopold)
Juliane Leopold befasst sich mit dem zwischenzeitlich gesperrten Twitter-Konto @guyadams: “Es stimmt, Twitter hat versagt, als es NBC selbst auf den kritischen Tweet hinwies und damit gegen seine eigene Regel verstieß, Inhalte nicht aktiv zu überprüfen. Aber die Sperrung des Accounts, basierend auf einem Tweet, der private Informationen preisgab, entsprach geltendem Twitter-Regelwerk.”

5. “Ein Jahr als Videojournalist unterwegs – Fazit vom Praktikum”
(blog.meugster.net)
Michael Eugster zieht nach einem Jahr Videojournalismus ein Fazit.

6. “What if every Olympic sport was photographed like beach volleyball?”
(metro.us, Fotos)

Umfragen, Kommentare, Pferde

6 vor 9

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1. “Eine Umfrage – und was daraus wird…”
(blog.tagesschau.de, Jörg Schönenborn)
Wie man mit Umfragen zum Euro “fast jedes Ergebnis behaupten und jede Schlagzeile gestalten kann”.

2. “Man muss Heribert Prantl verteidigen”
(freitag.de, Michael Angele)
Michael Angele weist auf Heribert Prantls “man” hin: “Man muss erleben. Man! Hallo? Schon mal was von Heidegger gehört? Bei diesem vermutlich bedeutendsten Philosophen aller Zeiten ist das Man ja gerade das Gegenteil des Ich! ‘Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung’ zeichnen es aus.”

3. “Meinung mit Maske – Kommentare im Internet”
(ndr.de, Video, 5:14 Minuten)
Kommentieren im Internet zwischen Anonymität und Echtnamen. Siehe dazu auch “‘Nach diesem Urteil sollten wir uns über die NSU nicht mehr wundern'” (stefan-niggemeier.de, 19. Juli).

4. “Sterbenden Mann fotografiert – angeklagt”
(20min.ch, kle)
Einem 19-Jährigen wird in Schottland vorgeworfen, er habe einen verunfallten Mann fotografiert, statt ihm Nothilfe zu leisten – und das Foto wenige Minuten später bei Twitter hochgeladen.

5. “Am nächsten Tag im Kleingedruckten”
(facebook.com/kobuk)
Eine Geschichte mit je einer Meldung am Dienstag und Mittwoch in der “Kronen Zeitung”.

6. “Franz Josef Wagners Weisheiten (11)”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Franz Josef Wagner und sein Umgang mit olympischen Athleten, die keine Medaille erringen. Siehe dazu auch “Olympia: Deutsche Reiter müssen Medaillen an ihre Pferde abgeben” (eine-zeitung.net).

Auto-Bild-Tuning

Kleine Kinder wollen immer wissen, was sie zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt bekommen. Wenn sie erwachsen werden, interessieren sie sich dafür, wie das neue iPhone, das neue Trikot ihres Lieblingsvereins oder ein neues Auto aussehen könnte, bevor diese Produkte offiziell vorgestellt werden.

Manche Medien leben ganz gut davon, mit einer Gemengelage aus Gerüchten, andererleuts Spekulationen und Selbstgedachtem die Stimmung weiter anzuheizen.

So sieht die aktuelle Ausgabe von “Auto Bild” aus:

Mercedes schrumpft das G-Modell
[Titelbild via meedia.de.]

Auch auf autobild.de zeigt die Redaktion stolz, wie der neue Mercedes GLG aussehen soll:

Neuer GLG und weitere Mercedes-Neuheiten: Mercedes bringt 2015 eine Kompaktausgabe des G-Modells auf A-Klasse-Basis. Wie das große Vorbild setzt auch der GLG auf einen kantigen Auftritt.

Sagen wir so: Es wäre schon ein arger Zufall, wenn der GLG tatsächlich so aussehen würde. Vieles deutet nämlich darauf hin, dass die Grafiker von “Auto Bild” ihren Photoshop-Fähigkeiten einfach freien Lauf gelassen haben.

Das hier ist jedenfalls ein Foto vom Konzept des Land Rover DC 100, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde:

Wenn man dieses Bild spiegelt, ein bisschen verzerrt und dreht …

Mit Dank an Markus R.

dpa, sid  etc.

Olympische Zahlenspiele feierlich eröffnet

Am Freitag wurden in London die 30. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit eröffnet. Im ausverkauften Olympiastadion wohnten 80.000 Zuschauer dem bunten Spektakel und dem Einmarsch der Athleten bei — aber wie viele waren es wohl in aller Welt vor den Bildschirmen?

Die Eröffnungsfeier im Liveticker: 4 Milliarden Menschen am TV dabei.

Bereits am Donnerstag hatte der Sportinformationsdienst (sid) zur Frage, wer die Olympische Flamme entzünden wird, geschrieben:

So kurz vor dem mit Spannung erwarteten Moment, den 80.000 Zuschauer im Stadion und rund vier Milliarden Menschen rund um den Globus vor dem Fernseher verfolgen werden, erreichen die Spekulationen um Mr. oder Mrs. X ihren Höhepunkt.

Die dpa hatte ebenfalls am Donnerstag berichtet:

Für die Zeremonie, künstlerisch gestaltet von Star-Regisseur Danny Boyle, erwartet [Organisationschef Sebastian] Coe vier Milliarden Zuschauer in aller Welt – mehr als die Hälfte der Menschheit.

Am Freitag wiederholte dpa diese Zahl:

Diesmal erwartet das IOC weltweit vier Milliarden Olympia-Fans vor den Fernsehern.

Um 22.05 Uhr, nur wenige Minuten nach Beginn der Eröffnungsfeier, tickerte der sid für die Samstagszeitungen, die zu dieser Zeit in den Druck gingen:

Mit einem spektakulären Knalleffekt hat um 21.03 Uhr Ortszeit die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London begonnen. Bis zu vier Milliarden Zuschauer auf der ganzen Welt saßen vor den Fernsehschirmen, als vier Modelle der olympischen Ringe an Ballons in den Himmel aufstiegen.

Um 22.42 Uhr, drei Stunden vor dem Ende der Eröffnungsfeier, schrieb dpa bereits:

62 000 Zuschauer im Olympiastadion und bis zu vier Milliarden Menschen weltweit vor den TV-Geräten ließen sich am Freitagabend von einer stilvollen Show verzaubern, bei der Tradition und Moderne in bunten Bildern miteinander verschmolzen.

Es war inzwischen Samstag, 1.19 Uhr, die Feier war immer noch nicht ganz vorbei, als der sid wiederum berichtete:

Große Emotionen, jede Menge Spektakel und Queen Elizabeth II als “Bond-Girl”: Mit einer bewegenden Reise durch die Geschichte Großbritanniens, einem musikalischen Zeitraffer und Showeffekten im besten Hollywood-Stil hat London die Athleten der Welt begrüßt und vier Milliarden Zuschauer in aller Welt begeistert.

In einer dpa-Meldung von Samstagnachmittag hatte sich die Zahl der Zuschauer dann schon rapide reduziert:

Eine Milliarde Menschen in aller Welt haben die begeistert gefeierte Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London im Fernsehen gesehen. Diese Schätzung gab die Regierung am Samstag in London bekannt.

Die Zahl von vier Milliarden Menschen – “mehr als die Hälfte der Menschheit”, wie dpa richtig angemerkt hatte – hatten die Veranstalter schon im Vorfeld ausgegeben, die Nachrichtenagenturen hatten sie zunächst einfach weitergeplappert — obwohl einem die Zahl mit etwas gesundem Menschenverstand als geradezu grotesk hochgegriffen erscheinen musste.

Die Website “Sporting Intelligence” (die im vergangenen Jahr schon vorgerechnet hatte, dass die weltweiten Zuschauerzahlen der sogenannten “Royal Wedding” von Prinz William mit Kate Middleton eher bei 300 Millionen als bei den vorher postulierten zwei Milliarden lagen), hat schon am Donnerstag erklärt, warum die Zahl von vier Milliarden “bollocks” (“völliger Unfug”) ist:

Die Welt hat sieben Milliarden Bewohner, die in 1,9 Milliarden Haushalten leben, welche durchschnittlich 3,68 Mitglieder haben.

Von diesen 1,9 Milliarden Haushalten haben nur 1,4 Milliarden einen Fernseher, geschweige denn Internet. Es sind die ärmeren Haushalte, die dazu neigen, keinen Fernseher zu haben, und sie haben auch die größeren Haushalte. Also haben etwa 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zum Fernsehempfang.

Zuschauerinteresse in Deutschland

Obwohl in Deutschland viele Menschen einen Fernseher haben, die Eröffnungsfeier zeitlich günstig lag, das Interesse mutmaßlich groß und das Wetter überwiegend schlecht war, schaltete hierzulande nur etwa jeder zehnte Einwohner ein: Das ZDF verzeichnete Zuschauerzahlen von 7,66 Millionen.

Wir müssen auch die Zeit in Betracht ziehen, zu der die Londoner Zeremonie stattfinden wird: zwischen 20 Uhr und Mitternacht britischer Zeit.

Asien wird schlafen, denn es wird mitten in der nacht sein. 4,1 Milliarden der Weltbevölkerung leben in Asien. Die allermeisten von ihnen werden nicht zuschauen.

Das belegbar meist gesehene Ereignis der Menschheitsgeschichte – und das bis heute einzige “echte Milliarden”-Ereignis – war die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking 2008.

Die “durchschnittliche” Zuschauerzahl (jene, die die vierstündige Veranstaltung in voller Länge gesehen haben) lag bei 593 Millionen Menschen, viele davon in der Gastgebernation China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Chinas 1,3-Milliarden-Bevölkerung war der Grund, warum die Veranstaltung so populär war. In Großbritannien, zum Beispiel, haben nur 5 Millionen Leute die gleiche Veranstaltung verfolgt.

Insgesamt haben 984 Millionen Menschen in aller Welt die Eröffnung der Spiele 2008 am heimischen Fernseher eingeschaltet und die Differenz von 16 Millionen, die zur Milliarde fehlt, wurde fast sicher durch die Leute erreicht, die rund um die Welt an öffentlichen Plätzen zugesehen haben.

Die eine Milliarde, die die Feier in Peking verfolgt haben, war einmalig hoch, weil es so eine wichtige Sache im Gastgeberland war, das eine einmalig hohe Bevölkerungszahl hat.

(Übersetzung von uns.)

Die Argumentation geht noch länger weiter, knapper hat es der “Guardian” in seinem Olympia-Medienblog aufgeschrieben:

Es ist eine große, glatte Zahl, also lieben die Medien sie, und es steht überall — aber werden wirklich vier Milliarden Menschen die Olympische Eröffnungsfeier sehen? In einem Wort: nein. In ein paar Worten mehr: natürlich nicht, wie nach nur einem Moment Nachdenken klar sein sollte.

(Übersetzung von uns.)

Aber wer würde bei einer großen, glatten Zahl schon einen Moment nachdenken?

Mit Dank an Rüdiger M.

Enthüllungen unter der Dusche

In Vereinen, wo der Sport bekanntlich am Schönsten ist, gibt es viele merkwürdige Traditionen und Regeln. Dazu zählt etwa die sogenannte Mannschaftskasse, in die die Mitglieder unterschiedlich hohe Geldbeträge einzahlen, wenn sie gegen bestimmte Verhaltensregeln verstoßen haben.

Auch der Fußballbundesligist FC Augsburg hat eine solche Mannschaftskasse mit entsprechendem Strafenkatalog, den sportbild.de gestern “enthüllte”:

In die Dusche urinieren = 50 Euro. Enthüllt! Der Strafenkatalog des FC Augsburg

Echte Fans des FC Augsburg werden von diesen Enthüllungen (“Wer ungeduscht auf die Massagebank oder ins Entmüdungsbecken geht, zahlt je 50 Euro”) allerdings wenig überrascht gewesen sein: Die “Augsburger Allgemeine” hatte schon zwei Wochen vorher über den Strafenkatalog des FCA berichtet, der der Redaktion damals schon “vorlag”.

In diesem Zusammenhang kam es auch zu dieser grandiosen Kombination von Überschrift, Symbolfoto und Bildunterschrift:

Strafenkatalog: 50 Euro fürs Pinkeln unter der Dusche. Der Strafenkatalog des FC Augsburg bietet allerhand zur Belustigung. Ein Auszug. Schon klar: Das sind weder Spieler des FC Augsburg, noch die Dusche des FCA. Aber finden Sie mal ein Bild zu dieser Überschrift ... So haben Sie wenigstens noch etwas für die Augen bekommen. Ist doch auch nicht schlecht.

Mit Dank an Matthias M.

Bild  

Wechselgerüchte um Cacau

Der VfB Stuttgart hat am Sonntag ein Testspiel beim Drittligisten Hansa Rostock absolviert. Die Leistung der Stuttgarter war wohl nicht so richtig überzeugend, das Spiel endete 1:1 und einer war laut “Bild” besonders schwach:

Schwacher Cacau: Auswechslung schon zur Pause

Der Nationalspieler, der in den vergangenen Tagen laut über seinen Abschied aus Stuttgart nachgedacht hatte, muss wirklich schlecht gespielt haben: Insgesamt drei Mal erwähnt “Bild”, dass “für den enttäuschenden Cacau” “nach 45 Minuten Schluss” bzw. “sein Arbeitstag beendet” gewesen sei.

Doch nicht nur für den: Die gesamte Startelf des VfB Stuttgart wurde in der Halbzeitpause ausgewechselt, wie der Verein auf seiner Internetseite schreibt. Er schreibt allerdings auch:

In der Pause wechselte Cheftrainer Bruno Labbadia, wie vorab angekündigt, komplett durch.

Dadurch wirkte die Auswechslung von Cacau – schwache Leistung hin oder her – natürlich nicht mehr ganz so spektakulär. Das haben sie selbst bei “Bild” eingesehen und in der Nacht die Version bei Bild.de überarbeitet.

Mit Dank an Michael W.

Gesünder Werben mit AOK Plus

Drei- bis viermal im Jahr laden die “Dresdner Neuesten Nachrichten” für einen Tag einen “Gast-Chefredakteur” ein, der gemeinsam mit der Redaktion eine Ausgabe mit einem thematischen Schwerpunkt entwickelt. Darauf ist der Chefredakteur der “Dresdner Neuesten Nachrichten” offenbar so stolz, dass er in einer Stellungnahme gegenüber dem Deutschen Presserat ausführlich über dieses Projekt referiert und auflistet, welche prominenten und nicht-prominenten “Gast-Chefredakteure” es schon gegeben habe und welche Themen diese dabei bearbeitet hätten.

Diese Stellungnahme war nötig geworden, weil sich ein Leser beim Presserat über die “DNN”-Ausgabe vom 15. Februar beschwert hatte, deren “Gast-Chefredakteur” Rolf Steinbronn, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse AOK Plus, war.

In seinem Leitartikel hatte Steinbronn erklärt, wie viel Geld die AOK Plus (die “größte gesetzliche Krankenkasse in Sachsen und Thüringen”) wofür ausgibt, und dass die AOK Plus allein im vergangenen Jahr 70 Millionen Euro durch Rabattvertäge mit Pharmafirmen gespart habe.

Und solche Einsparungen sind natürlich was Tolles für die Versicherten der AOK Plus:

Vom Spareffekt profitieren letztlich alle Versicherten, indem sie sich darauf verlassen können, bei der AOK Plus bis mindestens 2014 von Zusatzbeiträgen verschont zu bleiben.

Und was die AOK Plus sonst noch tolles macht, konnte der Leser fast überall in dieser Ausgabe der “DNN” erfahren:

  • Im Lokalteil etwa kamen die Mitarbeiter eines Jugendgästehauses zu Wort, die dank der Gesundheitsförderung der Dresdner AOK jetzt drei Übungsstunden à 60 Minuten mit individuellen, arbeitsplatzbezogenen Rückenübungen bekommen haben.
  • Im Kulturteil stand ein Artikel über ein Präventionsprojekt, bei dem Musiker des Landesjugendorchesters Sachsen spezielle Übungen zur Stärkung ihres Bewegungsapparats lernen sollten, um Haltungsschäden zu vermeiden. Gefördert von der AOK Plus, wie der Leser erfuhr.
  • Und im Sportteil erschien ein Interview mit dem Leiter des Betriebssportvereins der AOK in Dresden, das “Entspannung bei Zumba in der Mittagspause” versprach. Man muss aber gar nicht bei der AOK arbeiten, um dort mitmachen zu dürfen: “Unser Sportverein richtet sich aber nicht nur an AOK-Mitarbeiter, sondern ist für alle offen.”

Der Beschwerdeführer fand insgesamt acht Artikel, in denen er das Gebot der klaren Trennung von Redaktion und Werbung verletzt sah.

Der Chefredakteur der “DNN”, Dirk Birgel, betonte in seiner Stellungnahme, dass die Veröffentlichung weder von dritter Seite bezahlt noch durch geldwerte Vorteile belohnt worden sei. Auch ein Kopplungsgeschäft liege nicht vor.

Die “DNN” beharrte auf ihre redaktionelle Unabhängigkeit: Nur der Leitartikel sei vom Chef der AOK Plus verfasst und durch den Chefredakteur selbst geprüft worden. Alle anderen Beiträge seien durch die Redaktion selbst erarbeitet worden. Es sei “naheliegend”, dass sie thematisch im Zusammenhang mit dem Gast-Chefredakteur stünden.

Wenn überhaupt, so der Chefredakteur, dann könnte allenfalls in der Mitteilung, dass die AOK bis 2014 keine Zusatzbeiträge erheben wolle, eine werbliche Wirkung gesehen werden. Er erklärte aber auch eindrucksvoll, warum das eigentlich nicht sein könne: Da die Meldung die überwiegende Anzahl der Leser betreffe, überlagere hier das öffentliche Interesse einen möglichen Werbeeffekt. Auch in allen anderen Artikeln überlagere der Informationswert eindeutig eine mögliche Werbewirkung für die AOK.

Einer der vom Leser kritisierten Artikel mit dem Titel “Last-Minute-Fitness für Wintersportler” gehöre übrigens gar nicht zu den mit dem AOK-Chef vorbereiteten Texten, führte der Chefredakteur weiter aus: Es handele sich dabei vielmehr um den vorletzten Teil der zwölfteiligen Serie “Gesund und aktiv”, die von der AOK lediglich durch die Schaltung einer Anzeige in Form eines Logos begleitet werde. Dieser Text sei aber auch keine AOK-Veröffentlichung, sondern ein von einem Facharzt für Orthopädie verfassten Beitrag zum Thema “Skilanglauf und Abfahrtski” ohne Bezug zur AOK. Auf der Seite finde sich zudem ein Interview mit einer Ernährungsberaterin, in dem der einzige Bezug zur AOK sei, dass diese bei der Krankenkasse arbeite.

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Beschwerdeausschuss des Presserats konnte sich der Argumentation der “Dresdner Neuen Nachrichten” nicht anschließen und erkannte in der Berichterstattung eine Verletzung des Grundsatzes der klaren Trennung von Redaktion und Werbung. Die gemeinsam mit der AOK Plus entstandenen Beiträge überschritten die Grenze zwischen einer Berichterstattung von öffentlichem Interesse und Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 Pressekodex.

Die Häufung von Beiträgen, in denen über die Krankenkasse und ihr im Wettbewerb stehendes Angebot berichtet wird, sei redaktionell nicht mehr zu begründen. Es entstehe dabei eine Werbewirkung für die AOK, die nicht durch ein Leserinteresse an der Berichterstattung zu rechtfertigen ist.

Der Presserat sprach deshalb eine “Missbilligung” gegen die “Dresdner Neuesten Nachrichten” aus.

ZDF  

Live is live

ARD und ZDF sind empört. Von Manipulation ist die Rede und von der Missachtung journalistischer Standards, ja sogar ihre Glaubwürdigkeit sehen die Öffentlich-Rechtlichen in Gefahr. Und Schuld an alledem ist die UEFA.

Denn deren internationale Bildregie hatte während der Fußball-Europameisterschaft an manchen Stellen Szenen, die vor Spielbeginn aufgezeichnet worden waren, in die Live-Übertragung geschnitten. So wurde beispielsweise im Halbfinale Deutschland gegen Italien, kurz nachdem die deutsche Mannschaft ein Gegentor kassiert hatte, eine weinende Deutschland-Anhängerin gezeigt. Es entstand der Eindruck, dieses Gegentor habe die Frau so traurig gestimmt — dabei war die Szene gar nicht live, sondern schon vor Beginn des Spiels aufgezeichnet worden. Ebenso hatte es sich einige Tage zuvor mit einer Szene verhalten, die Bundetrainer Löw beim Ärgern eines Balljungen zeigte.

Nachdem die Vorgehensweise der UEFA bekannt geworden war, reagierten ARD und ZDF äußerst erbost. ZDF-Chefredakteur Peter Frey erklärte in einer Pressemitteilung:

Wir haben bei der UEFA moniert, dass tatsächlich der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Wir erwarten von der UEFA, dass sie uns künftig darauf hinweist, ob sie während einer Live-Übertragung aufgezeichnetes Material verwendet.

Dieter Gruschwitz, Leiter der ZDF-Sportredaktion, bekräftigte:

Es wird dazu noch Gespäche geben. Ich habe so etwas auch noch nicht erlebt. Bei dem zweiten Vorgang wurde durch diese bildliche Montage dem Zuschauer suggeriert, dass das Bild der weinenende Frau eine Reaktion auf das Tor der Italiener ist. Das ist eindeutig Manipulation! Wir sehen durch diese Vorgänge, die allein in der Verantwortung der UEFA liegen, unsere Reputation bei den deutschen Fernsehzuschauern beschädigt.

In einer weiteren Pressemitteilung hieß es gestern:

Die Intendantinnen und Intendanten von ARD und ZDF halten fest, dass die nicht ausreichend gekennzeichnete Einspielung von aufgezeichneten Szenen in ein Live-Spiel durch die UEFA nicht akzeptabel ist. Die beiden Vorfälle bei der EURO 2012 seien als Manipulation einzustufen.

Und ZDF-Intendant Thomas Bellut forderte:

Die UEFA muss dafür sorgen, dass Vorfälle dieser Art in Zukunft ausgeschlossen sind. Ansehen und Glaubwürdigkeit von ARD und ZDF dürfen nicht beschädigt werden.

ARD und ZDF kämpfen also. Für Glaubwürdigkeit, für sauberen Journalismus, für ihr Ansehen, und nicht zuletzt für ihre Zuschauer, die ein echtes Produkt erwarten, ohne Tricks, ohne Täuschung, ohne manipulierte Bilder.

Denkste. Denn das, was die Öffentlich-Rechtlichen der UEFA vorwerfen, hat zumindest das ZDF ziemlich genauso gemacht.

Das Rahmenprogramm um das Finale zwischen Spanien und Italien sendete das ZDF wie immer live vom “ZDF-Fußballstrand” auf Usedom. Etwa eine Dreiviertelstunde nach dem Schlusspfiff wurde nach Madrid geschaltet:

Wie im Video zu sehen, kündigt Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein die Schalte so an:

Wir wollen Emotionen abrufen, direkt im Land des Europameisters, denn Natalie Steger ist für uns in Madrid.

Dort berichtet dann eine Reporterin vor der Kulisse jubelnder Fans über die tolle Stimmung im Land des Europameisters (“Und hier hinter mir, da tanzt Madrid!”).

Danach wird die Reporterin verabschiedet:

Dankeschön, Natalie Steger, und viel Spaß bei der Party!

Was Frau Müller-Hohenstein jedoch mit keinem Wort erwähnt und was auch sonst in keiner Weise angemerkt wird: Die Bilder waren direkt nach Spielende aufgezeichnet worden. Zwar wird nicht explizit von einer Live-Schalte gesprochen, doch für den Zuschauer, der ja immerhin eine Live-Sendung verfolgt, entsteht der Eindruck, als sei auch der Blick nach Madrid live.

Einer unserer Leser erkundigte sich beim ZDF und erhielt folgende Antwort:

Die Liveschaltung nach Spanien erfolgte direkt nach dem Spielende und wurde aufgezeichnet, um den Zuschauern einen Eindruck von der Stimmung mitgeben zu können.

Wir sind sehr dankbar, wenn unsere Zuschauer das Programmangebot nicht kritiklos hinnehmen, sondern uns ihre Gedanken und Ideen mitteilen. Ihre kritischen Anmerkungen zu unseren Übertragungen und Sendungen von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine haben wir der zuständigen Sportredaktion gerne zur Kenntnis gebracht. (…)

Bitte vergessen Sie jedoch nicht, dass sich ein Millionenpublikum in seinen Wünschen und Erwartungen unterscheidet. Leider ist es unmöglich, nur annähernd allen Vorstellungen gerecht zu werden, auch wenn es immer einmal zu kleineren Fehlern und Missverständnissen kommen kann. Hier sind alle Beteiligten stets um Verbesserung bemüht. Von daher danken wir Ihnen für Ihre Rückmeldung.

Auf unsere Anfrage hin hielt sich das ZDF deutlich knapper und teilte lediglich mit:

Die Bilder wurden nach dem Abpfiff aufgezeichnet und aus Kostengründen (Leitungskosten) leicht zeitversetzt gesendet.

Zur Frage, ob das nicht genau das sei, was die Intendaten am Vorgehen der UEFA so stark kritisiert hatten, äußerte sich das ZDF uns gegenüber nicht.

Das heißt also zusammengefasst: Wenn die UEFA aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das Manipulation, eine Missachtung journalistischer Standards und ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Wenn das ZDF aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das ein Dienst am Zuschauer. Das soll mal jemand verstehen.

Mit Dank auch an M.

Zweierlei Maß sind voll

Die Axel Springer AG kämpft seit Jahren gegen eine “Kostenlos-Mentalität” im Internet.

Vor drei Jahren gehörte der Verlag zu den Unterzeichnern der sogenannten “Hamburger Erklärung”, in der es hieß:

Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben. Gesetzgeber und Regierung auf nationaler wie internationaler Ebene sollten die geistige Wertschöpfung von Urhebern und Werkmittlern besser schützen. Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben.

In letzter Zeit trommelte Springer an vorderster Front für ein Leistungsschutzrecht, das schon das Zitieren kurzer Textpassagen im Internet kostenpflichtig machen soll.

* * *

Und damit zum Wetter: Am Wochenende gab es beinahe im gesamten Bundesgebiet Unwetter, die teils schwere Ausmaße ausnahmen. Der Deutsche Wetterdienst DWD zählte insgesamt mehr als 364.000 Blitze.

Bei wetterpool.de, einem nicht-kommerziellen Portal von Hobbymeteorologen, sah die Blitzkarte entsprechend beeindruckend aus:

Das dachten sich wohl auch die Leute von Bild.de, nahmen eine solche Blitzkarte, entfernten die Legende, zeichneten die deutschen Grenzen nach und stellten sie ins Internet:

Hier kracht es am Häufigsten — Der Blitzatlas

Das war offenbar nicht ganz mit dem Rausfeilen der Fahrgestellnummer bei einem gestohlenen Auto zu vergleichen, denn in der Bildunterschrift steht immerhin noch die (aus der Grafik retuschierte) Quelle:

Die Blitz-Karte von Wetterpool.de zeigt, wann und wo sich in Deutschland die Blitze entluden. Blau steht für Freitag, grün für Samstag, Gelb für die Nacht von Samstag auf Sonntag und Rot für den Sonntag

Andererseits haben uns die Betreiber von wetterpool.de geschrieben, das Vorgehen von Bild.de sei “weder erwünscht, noch erlaubt, geschweigedenn abgesprochen” gewesen.

Wir haben die Axel Springer AG, deren hundertprozentige Tochter Bild Digital für Bild.de verantwortlich ist, gestern Mittag mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Falls sie zuträfen, wollten wir außerdem wissen, wie dieses Vorgehen mit der Haltung des Verlags in Sachen Urheberrecht im Internet vereinbaren ließe. Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten.

* * *

Noch eine bunte Meldung vom Sport: Seit der italienische Nationalstürmer Mario Balotelli nach seinem Tor zum 2:0 gegen Deutschland zum etwas unkonventionellen Jubel sein Trikot ausgezogen hatte, ist er die Hauptfigur eines sogenannten Mems, bei dem sein Foto digital in zahlreiche fremde Umgebungen verpflanzt wird.

Der Grafiker und Musiker Friedemann Weise veröffentlichte am Freitag diese Variante auf seiner Facebook-Seite:

Er war sehr überrascht, als er seine Bearbeitung gestern auf der Titelseite von “Bild” erblickte:

Nachtrag, 8. Juli: Bild.de hat die Blitzkarte von wetterpool.de entfernt. Friedemann Weise erklärte unterdessen bei Facebook, dass er lieber kein Geld von “Bild” möchte.

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