ZDF  

Live is live

ARD und ZDF sind empört. Von Manipulation ist die Rede und von der Missachtung journalistischer Standards, ja sogar ihre Glaubwürdigkeit sehen die Öffentlich-Rechtlichen in Gefahr. Und Schuld an alledem ist die UEFA.

Denn deren internationale Bildregie hatte während der Fußball-Europameisterschaft an manchen Stellen Szenen, die vor Spielbeginn aufgezeichnet worden waren, in die Live-Übertragung geschnitten. So wurde beispielsweise im Halbfinale Deutschland gegen Italien, kurz nachdem die deutsche Mannschaft ein Gegentor kassiert hatte, eine weinende Deutschland-Anhängerin gezeigt. Es entstand der Eindruck, dieses Gegentor habe die Frau so traurig gestimmt — dabei war die Szene gar nicht live, sondern schon vor Beginn des Spiels aufgezeichnet worden. Ebenso hatte es sich einige Tage zuvor mit einer Szene verhalten, die Bundetrainer Löw beim Ärgern eines Balljungen zeigte.

Nachdem die Vorgehensweise der UEFA bekannt geworden war, reagierten ARD und ZDF äußerst erbost. ZDF-Chefredakteur Peter Frey erklärte in einer Pressemitteilung:

Wir haben bei der UEFA moniert, dass tatsächlich der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Wir erwarten von der UEFA, dass sie uns künftig darauf hinweist, ob sie während einer Live-Übertragung aufgezeichnetes Material verwendet.

Dieter Gruschwitz, Leiter der ZDF-Sportredaktion, bekräftigte:

Es wird dazu noch Gespäche geben. Ich habe so etwas auch noch nicht erlebt. Bei dem zweiten Vorgang wurde durch diese bildliche Montage dem Zuschauer suggeriert, dass das Bild der weinenende Frau eine Reaktion auf das Tor der Italiener ist. Das ist eindeutig Manipulation! Wir sehen durch diese Vorgänge, die allein in der Verantwortung der UEFA liegen, unsere Reputation bei den deutschen Fernsehzuschauern beschädigt.

In einer weiteren Pressemitteilung hieß es gestern:

Die Intendantinnen und Intendanten von ARD und ZDF halten fest, dass die nicht ausreichend gekennzeichnete Einspielung von aufgezeichneten Szenen in ein Live-Spiel durch die UEFA nicht akzeptabel ist. Die beiden Vorfälle bei der EURO 2012 seien als Manipulation einzustufen.

Und ZDF-Intendant Thomas Bellut forderte:

Die UEFA muss dafür sorgen, dass Vorfälle dieser Art in Zukunft ausgeschlossen sind. Ansehen und Glaubwürdigkeit von ARD und ZDF dürfen nicht beschädigt werden.

ARD und ZDF kämpfen also. Für Glaubwürdigkeit, für sauberen Journalismus, für ihr Ansehen, und nicht zuletzt für ihre Zuschauer, die ein echtes Produkt erwarten, ohne Tricks, ohne Täuschung, ohne manipulierte Bilder.

Denkste. Denn das, was die Öffentlich-Rechtlichen der UEFA vorwerfen, hat zumindest das ZDF ziemlich genauso gemacht.

Das Rahmenprogramm um das Finale zwischen Spanien und Italien sendete das ZDF wie immer live vom „ZDF-Fußballstrand“ auf Usedom. Etwa eine Dreiviertelstunde nach dem Schlusspfiff wurde nach Madrid geschaltet:

Wie im Video zu sehen, kündigt Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein die Schalte so an:

Wir wollen Emotionen abrufen, direkt im Land des Europameisters, denn Natalie Steger ist für uns in Madrid.

Dort berichtet dann eine Reporterin vor der Kulisse jubelnder Fans über die tolle Stimmung im Land des Europameisters („Und hier hinter mir, da tanzt Madrid!“).

Danach wird die Reporterin verabschiedet:

Dankeschön, Natalie Steger, und viel Spaß bei der Party!

Was Frau Müller-Hohenstein jedoch mit keinem Wort erwähnt und was auch sonst in keiner Weise angemerkt wird: Die Bilder waren direkt nach Spielende aufgezeichnet worden. Zwar wird nicht explizit von einer Live-Schalte gesprochen, doch für den Zuschauer, der ja immerhin eine Live-Sendung verfolgt, entsteht der Eindruck, als sei auch der Blick nach Madrid live.

Einer unserer Leser erkundigte sich beim ZDF und erhielt folgende Antwort:

Die Liveschaltung nach Spanien erfolgte direkt nach dem Spielende und wurde aufgezeichnet, um den Zuschauern einen Eindruck von der Stimmung mitgeben zu können.

Wir sind sehr dankbar, wenn unsere Zuschauer das Programmangebot nicht kritiklos hinnehmen, sondern uns ihre Gedanken und Ideen mitteilen. Ihre kritischen Anmerkungen zu unseren Übertragungen und Sendungen von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine haben wir der zuständigen Sportredaktion gerne zur Kenntnis gebracht. (…)

Bitte vergessen Sie jedoch nicht, dass sich ein Millionenpublikum in seinen Wünschen und Erwartungen unterscheidet. Leider ist es unmöglich, nur annähernd allen Vorstellungen gerecht zu werden, auch wenn es immer einmal zu kleineren Fehlern und Missverständnissen kommen kann. Hier sind alle Beteiligten stets um Verbesserung bemüht. Von daher danken wir Ihnen für Ihre Rückmeldung.

Auf unsere Anfrage hin hielt sich das ZDF deutlich knapper und teilte lediglich mit:

Die Bilder wurden nach dem Abpfiff aufgezeichnet und aus Kostengründen (Leitungskosten) leicht zeitversetzt gesendet.

Zur Frage, ob das nicht genau das sei, was die Intendaten am Vorgehen der UEFA so stark kritisiert hatten, äußerte sich das ZDF uns gegenüber nicht.

Das heißt also zusammengefasst: Wenn die UEFA aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das Manipulation, eine Missachtung journalistischer Standards und ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Wenn das ZDF aufgezeichnete Bilder in eine Live-Sendung einbaut, ohne das kenntlich zu machen, dann ist das ein Dienst am Zuschauer. Das soll mal jemand verstehen.

Mit Dank auch an M.