1. Leipzig unter Hochspannung (lto.de, Markus Sehl)
Am heutigen Mittwoch verhandelt das Bundesverwaltungsgericht das Vereinsverbot gegen “linksunten.indymedia”. Kritiker sähen das Vorgehen des Staats gegen die Internetseite als Gefahr für die Meinungs- und Pressefreiheit. Markus Sehl schreibt zu den Hintergründen des Verfahrens.
3. Freiheit für Osman Kavala (reporter-ohne-grenzen.de)
Die 30. Große Strafkammer zu Istanbul hat es so beschlossen: Der türkische Verleger und Kulturmäzen Osman Kavala muss nach mehr als zwei Jahren weiter in Untersuchungshaft bleiben. Reporter ohne Grenzen, Amnesty International, die Akademie der Künste, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union, das KulturForum TürkeiDeutschland und das PEN-Zentrum Deutschland fordern seine sofortige Freilassung. Zuvor hatte dies bereits der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte getan — vergeblich.
4. Haben Zeitungsleser für Journalismus jemals gezahlt? (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer fragt sich: “Haben die Menschen früher WIRKLICH für den Journalismus gezahlt — oder haben sie für die Dienstleistung gezahlt (und tun das immer noch), eine Auswahl von Nachrichten auf Papier zu drucken und ihnen am Morgen in den Briefkasten zu stecken?” Knüwer tippt auf Letzteres und hat dafür gute Argumente.
5. Was nicht ins Heldenepos passt (sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Nach dem Unfalltod des US-Basketballstars Kobe Bryant verlinkte eine Reporterin einen Artikel aus dem Jahr 2016, der sich mit Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Sportler beschäftigt. Daraufhin erhielt die Journalistin Morddrohungen und wurde von ihrem Arbeitgeber, der “Washington Post”, zwangsbeurlaubt.
Zur allgemeinen Thematik “Über Tote darf man nicht schlecht sprechen, oder vielleicht doch?” siehe auch “die Gewissensfrage” von Rainer Erlinger aus dem Jahr 2010 (sueddeutsche.de).
6. Medienaufseherin geht Influencer auf den Leim (uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Lust auf eine fette Portion Fremdschämen mit einer Prise WTF? Dann bitte lesen, wie und was die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt Cornelia Holsten alles so in ihrem Podcast bespricht. Und mit wem sie da so spricht.
1. Macht und Missbrauch (taz.de, Peter Weissenburger)
Der Auslandssender Deutsche Welle (DW) kommt nicht zur Ruhe. Im Hintergrund schwelt ein noch nicht geklärter #Metoo-Fall. Nun berichtet ein Whistleblower im “Guardian” von weiteren Missständen: Dem Sender werden Rassismus, Mobbing und systematische Unterdrückung von Kritik vorgeworfen (worauf Angestellte der DW mit einem offenen Brief geantwortet haben). Die “taz” hatte in den vergangenen Monaten Kontakt mit verschiedenen ehemaligen und gegenwärtigen DW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, die von Drohungen und Machtmissbrauch sprechen.
2. Björn Höcke will doch nicht reden (n-tv.de, Benjamin Konietzny)
Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im thüringischen Landtag, beklage sich oft, dass viel über ihn, aber nie mit ihm geredet werde. Die Redaktion von RTL und n-tv hat sich nach eigener Aussage vier Monate lang um ein Interview mit Höcke bemüht, doch 48 Stunden vor dem abgesprochenen Termin sei überraschend die Absage erfolgt. Die habe vermutlich auch mit angekündigten Fragen zu Höckes Buch zu tun: “Auf Nachfrage, wann der Termin nachgeholt werden könne, heißt es, man werde ntv überhaupt keine Interviews mehr geben.”
4. Leipziger Polizeisprecher mischte sich unter Pseudonym in Gewalt-Debatte ein (tagesspiegel.de, Maximilian König)
Von einem Polizeisprecher erwartet man öffentliche Stellungnahmen, doch der Leipziger Polizeisprecher schaltete sich unter Pseudonym in die Debatte zur Gewalt in Connewitz ein. Nicht das erste Mal, dass er sich ungefragt einmische, wie Maximilian König feststellt: “Unter einem Artikel des Leipziger Stadtmagazins ‘Kreuzer’ zu einer Attacke von Kampfsportfans auf einen Club, kommentierte er 2016 unter dem Usernamen ‘Polizei Leipzig’ Vorwürfe an die Polizei.”
5. Journalistischer Kitsch über Soleimani (nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler kritisiert Teile der Berichterstattung über den Anschlag der USA auf den iranischen General Kassem Soleimani: “Man mag Soleimani zu den brutalen Zeitgenossen zählen. Wer ihn jedoch zum schlechthin Bösen erklärt, macht aus der realen Welt, in der der Mensch aus krummem Holz geschnitzt ist, ein Disneyland. Mit journalistischem Kitsch missachtet man das mündige Publikum.”
6. Das Problem mit den Seichtreportagen im Fernsehen (dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff hat sich eine ZDF-Reportage über deutsche Trucker angeschaut, in der es um Dinge wie einen verschwundenen Grillrost gehe. Anhand dieses Beispiels erklärt er, wie das Genre “Seichtreportage” funktioniere: “Man muss nur alle paar Minuten ein gewichtiges Problem andeuten, dann bleibt der Zuschauer dran. Mögen die Probleme auch noch so nichtig sein, sie müssen benannt werden.”
Die kommende Fußballweltmeisterschaft findet bekanntermaßen in Katar statt. Weil dort recht hohe Temperaturen herrschen, hat die FIFA entschieden, nicht, wie sonst üblich, im Juni und Juli spielen zu lassen, sondern vom 21. November bis 18. Dezember 2022. Das hat Folgen für die nationalen Ligen, auch die Bundesliga, schließlich sind zu dieser Zeit des Jahres normalerweise Spieltage angesetzt. Für die Deutsche Fußball Liga (DFL) stellt sich daher die Frage: Soll sie die Bundesligasaison im Winter 2022 während der Weltmeisterschaft in Katar unterbrechen, weil bei vielen Teams Spieler fehlen werden, die bei der WM für ihre Länder auflaufen? Oder andersrum:
Das fragt die “Sport Bild”-Redaktion in ihrer aktuellen Ausgabe. Sie schreibt dazu:
Bei der DFL wird deshalb ein Plan diskutiert: Die Bundesliga soll auch während der WM weiterspielen!
Werder-Manager Frank Baumann, der in der zuständigen DFL-Kommission Fußball sitzt, bestätigt den Plan. “Wir werden unsere Spieler ganz sicher nicht zehn Wochen in den Urlaub schicken, sofern sie nicht bei der WM sind. Denkbar ist, dass sie ein oder zwei Wochen Zeit zur Regeneration erhalten”, sagt Baumann: “Möglich ist, dass es parallel zur WM Spielrunden der Bundesligisten gibt. Wie die geartet sein könnten, wird in den nächsten Wochen erarbeitet.”
Das ist eine ziemliche Überraschung, vor allem für den zitierten Frank Baumann. “Mit großer Verwunderung” habe er “die Berichterstattung der ‘Sport Bild’ zur Kenntnis genommen”, schreibt sein Verein Werder Bremen auf der eigenen Website. Baumann stellt dort klar:
Ich wurde im Rahmen einer Umfrage danach gefragt, wie Werder Bremen die Bundesligapause während der WM nutzen wird. Ich habe geantwortet, dass die Spieler sicherlich ein bis zwei Wochen frei bekommen werden. Dass es für die Vereine dann aber auch darum gehen wird, in der zehnwöchigen Pause Test- und Freundschaftsspiele auszutragen. Ob das internationale Vergleiche werden, da dieses Problem ja alle Verbände haben, oder Turniere, Spielrunden oder einzelne Partien, ist noch völlig unklar. Bundesligaspieltage werden aber sicherlich nicht ausgetragen. Ich wurde nicht zu Plänen der DFL bezüglich weiterer Spieltage der Bundesliga während der WM befragt und habe somit auch nichts bestätigt.
Mit Dank an den Hinweisgeber!
Nachtrag, 16:12 Uhr: Ein BILDblog-Leser weist uns darauf hin, dass unsere Aussage “hat die FIFA entschieden, nicht, wie sonst üblich, im Sommer spielen zu lassen, sondern im Winter” nicht ganz korrekt ist: Die WM 2010 beispielsweise fand in Südafrika statt, als dort Winter war. Wir haben die Stelle angepasst.
1. Analyse: BILD wetzt die Messer und schneidet dabei schlecht ab … (volksverpetzer.de, Tobias Wilke)
Im “großen BILD-Messer-Report” geht es angeblich um die “ganze Wahrheit über die Zunahme der Gewalt”. Doch nicht alle Zahlen, die “Bild” dabei nennt, haben auch etwas mit Gewalt zu tun. Tobias Wilke kommentiert: “Eine Bedrohung ist selbstverständlich eine sehr ernst zunehmende Straftat. Aber anders als BILD in seiner ‘Ganzen Wahrheit’ in ihrem ‘Großen Report’ suggeriert, wurde hier niemand abgestochen. Allein dieser Straftatbestand macht mit 1261 von 3550 Delikten im ersten Halbjahr mehr als ein Drittel (35,5%) dessen aus, was BILD als ‘Gewalt mit Messern!’ zu verkaufen versucht. Langsam wird es einfach stumpf.”
Weiterer Lesehinweis von uns zur Messerfixiertheit der “Bild”-Redaktion: “Bild” meldet falsche “Messer-Attacke” auf Karamba Diaby (bildblog.de).
2. “Mitglieder müssen zahlen” (taz.de, Peter Weissenburger)
Die Gründung des Onlinemagazins “Republik” basiert auf einem sehr erfolgreichen Crowdfunding von vor zwei Jahren, bei dem mehr als 3 Millionen Schweizer Franken zusammenkamen. Das Geld scheint jedoch nicht zu reichen. In einem dramatischen Aufruf heißt es, wenn “Republik” bis März dieses Jahres nicht die 19.000 zahlenden Mitglieder halten kann, sei das Experiment beendet. Peter Weissenburger hat mit Clara Vuillemin, Mitgründerin, Verwaltungsrätin und Vorständin bei Republik.ch, über die Malaise gesprochen.
3. Chinas Botschaft warb in Deutschland um Geld (sueddeutsche.de, Christoph Giesen & Georg Mascolo)
Mit einem neuen Informationsportal über China (Arbeitstitel: “Chinareporter”) wollten zwei deutsche Journalisten der chinesischen Regierung helfen, ihr Image in Deutschland aufzupolieren. Heikel wird das Projekt durch einen Brief des chinesischen Botschafters, den er an große Stiftungen und Dax-Konzerne in Deutschland verschicken ließ und der um finanzielle Unterstützung bat. Christoph Giesen und Georg Mascolo kommentieren: “‘Chinareporter’ ist dann nicht gestartet, das Schreiben aber gibt einen seltenen Einblick, wie Pekings Vertreter in Deutschland versuchen, die Meinungsbildung zu beeinflussen. Sie setzen in China engagierte Unternehmen unter Druck, damit diese die von ihnen gewünschten Inhalte finanzieren. Anfragen dazu beantwortete die chinesische Botschaft nicht.”
4. Wikipedia ist in der Türkei wieder zugänglich (spiegel.de)
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Nach fast drei Jahren hat die Türkei ihre Wikipedia-Sperre beendet. Passenderweise am 19. Geburtstag der Ehrenamts-Enzyklopädie, dem sogenannten Wikipedia-Tag. Auf der Blockiererliste stehe nun nur noch China.
5. Lasst Lokalzeitungen sterben, damit Lokaljournalismus leben kann! (netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Leonhard Dobusch überlegt, ob es nicht manchmal sinnvoll sein kann, notleidende Regionalzeitungen untergehen zu lassen: “Kann es nicht sogar sein, dass das Fortbestehen von Zombie-Regionalzeitungen das Entstehen von unabhängigerem Lokaljournalismus mehr behindert als befördert? Ist nicht der Umstand, dass viele Menschen immer noch ‘etwa 40 Euro’ monatlich für ihre Lokalzeitung ausgeben, ein Grund dafür, dass sie keine Notwendigkeit oder Möglichkeit sehen, stattdessen 10 bis 20 Euro für lokaljournalistische Blogs auszugeben, die sich mit klein(st)em Team auf genuin journalistische Recherche konzentrieren?”
6. Memes sollen nur noch 128 mal 128 Pixel groß sein (golem.de, Friedhelm Greis)
In einem “Diskussionsentwurf” für das neue Leistungsschutzrecht geht es unter anderem um die Nutzung von Pressefotos und Videos für Memes und Vorschaubilder. Wenn es nach dem Papier geht, soll künftig nur noch “‘ein kleinformatiges Vorschaubild mit einer Auflösung von bis zu 128 mal 128 Pixeln’ und eine ‘Tonfolge, Bildfolge oder Bild- und Tonfolge mit einer Dauer von bis zu drei Sekunden’ lizenzfrei genutzt werden dürfen.” Die Urheberrechtsexpertin und frühere Europaabgeordnete Julia Reda kommentiert auf Twitter: “Die Ausnahmen für kleine Ausschnitte sind absolut weltfremd definiert. 128×128 Pixel? Wie zu Atari-Zeiten!”
1. Profitierte Bauer Media Group vom Nazi-Regime? (ndr.de, Sebastian Friedrich, Video: 6:07 Minuten)
Die Bauer Media Group ist mit 600 Magazinen in 17 Ländern das größte Zeitschriftenhaus Europas und kann auf eine fast 150-jährige Geschichte zurückblicken. In der veröffentlichten Firmenhistorie werde die Zeit des Nationalsozialismus jedoch weitgehend ausgespart. Recherchen von “Spiegel” und “Zapp” hätten ergeben, dass das Unternehmen in der Nazizeit den entscheidenden Aufschwung erfuhr. Nun wolle das Verlagshaus, dessen historisches Interesse bisher begrenzt gewesen sei, einen Historiker mit der Aufarbeitung der Verlagsgeschichte beauftragen.
Weiterer Lesehinweis: Ein Verlag stellt sich seiner Nazi-Vergangenheit (spiegel.de, Nils Klawitter).
2. Kein Recht auf Vergessenwerden (jmwiarda.de, Jan-Martin Wiarda)
Nach jahrelangem Streit mit insgesamt drei Verfahren hat nun das Oberlandesgericht Frankfurt am Main geurteilt: Eine des Doppel-Plagiats (Promotion und Habilitation) bezichtigte ehemalige Vizepräsidentin der Universität Flensburg müsse es hinnehmen, dass in der Berichterstattung darüber ihr Name genannt werde. Dagegen hatte sich die Beschuldigte bislang gewehrt und war gegen “Flensburger Tageblatt”, “Cicero”, die “FAZ” sowie den Publizisten und Autor Jochen Zenthöfer vorgegangen. Das Oberlandesgericht habe nun entschieden, dass die Klägerin ein “Recht auf Vergessenwerden” nicht geltend machen könne.
3. Werbeverstöße: Diese Sender werden besonders oft gerügt (dwdl.de, Timo Niemeier)
Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) kontrolliert unter anderem die Werbung bei Privatsendern und spricht bei Regelverstößen Beanstandungen aus oder stellt mögliche Rechtsverstöße fest. Da die Rügen finanzielle Nachteile mit sich bringen, prozessieren die betroffenen Werbesünder oft gegen die Entscheidungen. Nach einer “DWDL”-Auswertung käme in den vergangenen Jahren kein anderer Sender auch nur annähernd auf so viele Beanstandungen wie Sport1.
4. Kritik an Wahl der Direktorin (deutschlandfunk.de, Tonia Koch)
Die CDU-Politikerin Ruth Meyer ist zur neuen Direktorin der saarländischen Landesmedienanstalt gewählt worden. Doch “Wahl” ist hier vielleicht der falsche Ausdruck, denn Medienrechtler kritisieren diese als intransparent und gegen die Chancengleichheit verstoßend: Die Staatsferne der Medienanstalt sei gefährdet. Nun werde damit gerechnet, dass ein nicht berücksichtigter Bewerber gegen die Entscheidung des Landtags klagt.
5. War #Omagate ein von rechts orchestrierter Shitstorm? (belltower.news, Simone Rafael)
Der zum Skandal aufgeblasene Vorgang um das harmlose Satireliedchen von der Oma als “Umweltsau” beherrschte viele Tage die Medien. Der Shitstorm wurde maßgeblich von der rechtsextremen Internetszene erzeugt, die den Fall nutzte, um rituell gegen den Rundfunk und die damit verbundenen Gebühren zu hetzen. Simone Rafael hat das Zusammenspiel der Protagonisten und die inszenierte Empörung analysiert.
6. Hinter jedem Baum lauert der Wahnsinn. (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Wenn Jakob Buhre Interviews durchführt, dann stets wohltuend ausführlich und in die Tiefe gehend. So auch diesmal bei seinem Gespräch mit Ingo Appelt über dessen bewegte Karriere als Comedian. Appelt äußert sich darin auch zu den geschlechtsspezifischen Besonderheiten von Humor: “Frauen haben eine ganz andere Form von Humor, sie sind viel moralischer als wir Männer in der Bewertung. Das kann man gut bei Comedy-Shows sehen, wenn da ein Mann auf der Bühne steht und die Kamera ins Publikum schwenkt, geht der erste Schnitt immer zu Frauen. Immer, grundsätzlich. Weil: Wenn die Frau lacht, ist alles gut. Wenn der Mann lacht, könnte es auch eine Hinrichtung sein.”
Wer — wie ich — lange Jahre bei Boulevard-Zeitungen gearbeitet hat, kennt auch die Kniffe, mit denen man immer halbwegs überleben kann, auch wenn man gerade ins Klo gegriffen hat. Eine Rettungs-Regel z.B. lautet: wenn Du falsch berichtet hast, lass die Korrektur aussehen wie eine neue Enthüllung.
Das schrieb Georg Streiter im Dezember 2018 über eine fehlerhafte “Bild”-Kampagne gegen Annette Widmann-Mauz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Streiter hat früher selbst bei “Bild” gearbeitet.
Vergangene Woche lieferte die “Bild”-Redaktion neues Anschauungsmaterial, wie sie diese “Rettungs-Regel” in der Paraxis umsetzt.
Viele Medien berichteten, dass die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin scheinbar eine 24-Stunden-Woche einführen wolle — nur vier Tage in der Woche à sechs Stunden arbeiten. Auch bei Bild.de gab es einen Artikel zum “JOB-HAMMER IM NORDEN”:
Premierministerin Sanna Marin will zudem den Arbeitstag von acht auf sechs Stunden verkürzen
Nach einer Runde großem Staunen und Abschreiben kamen die ersten Journalistinnen und Journalisten auf die verrückte Idee, doch noch zu recherchieren. Und siehe da: Sanna Marin sprach zwar mal von einer Vier-Tage-Woche und auch von einem Sechs-Stunden-Tag, aber erstens nie in Kombination (also: entweder eine kürzere Arbeitswoche oder kürzere Arbeitstage — und nicht beides auf einmal) und zweitens nie in ihrer Rolle als Ministerpräsidentin. Im August 2019 erwähnte Marin, damals noch Transportministerin Finnlands, bei einer Podiumsdiskussion ihrer Partei die Vier-Tage-Woche und den Sechs-Stunden-Tag. Sie twitterte noch etwas dazu. Das war’s aber auch schon — im aktuellen Regierungsprogramm findet man zu dem Thema nichts. Das stellte auch die finnische Regierung recht schnell klar. Der Journalist David Mac Dougall hat versucht nachzuzeichnen, wie sich die falsche Nachricht zur finnischen Arbeitswoche vermutlich von Belgien aus über Großbritannien bis nach Indien und Australien verbreitet hat.
Was macht man nun als Redaktion, “wenn man gerade ins Klo gegriffen hat”, wie Ex-“Bild”-Ressortleiter Georg Streiter es nennt? Man könnte den Murks transparent korrigieren, wie in diesem Fall etwa Stern.de, Welt.de und Handelsblatt.de.
Oder man tut so, als wären die anderen schuld; als hätte man selbst keinen Fehler gemacht, sondern eine neue Enthüllung zu bieten; als gäbe es “bei den Finnen” eine “Rolle rückwärts”; und als hätte die finnische Regierungschefin auf einmal “kalte Füße” bekommen:
Rolle rückwärts bei den Finnen!
Was fällt Sanna Marin auch ein, die 24-Stunden-Woche nicht so einzuführen, wie “Bild” und die anderen es falsch vermeldet hatten?
Damit war aber noch nicht Schluss bei Bild.de. Noch bescheuerter wurde es, als die Redaktion einen Tag später wieder behauptete, dass es in Finnland nun doch die schon längst rückwärtsgerollte Vier-Tage-Woche geben werde:
Vier Tage pro Woche und jeden Tag nur sechs Stunden arbeiten?
Finnlands neue Regierungschefin Sanna Marin (34) will eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit testen.
1. Selbstverliebte Männer (taz.de, Ingo Arzt)
Eine Jury aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten hat entschieden: Unwort des Jahres ist “Klimahysterie” (Pressemitteilung als PDF). Im Interview mit dem “Spiegel” erklärt Jurychefin Nina Janich, warum das Wort irreführend und diskreditierend sei: “Wenn man die Klimadebatte mit einem Wort wie Hysterie in Zusammenhang bringt, dann diskreditiert man die Debatte, indem man sie pathologisiert und wie eine kollektive Psychose behandelt. Damit werden in der Konsequenz alle, die sich für Klimaschutz engagieren, als Hysteriker abgestempelt. Irreführend ist der Begriff deshalb, weil die Klimadebatte auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse geführt wird, mit dem Wort Hysterie wird sie aber in einen Krankheitsbereich verschoben.” “taz”-Redakteur Ingo Arzt kommentiert: “Auch FDP-Neoliberale, CDU-Konservative und diverse Journalisten nutzten es, denn sie eint mit den Rechtspopulisten das dumpfe Gefühl, dass ihnen da jemand die argumentative Lufthoheit geraubt hat. ‘Hysterie’ als Kampfbegriff gegen eine größtenteils weibliche Klimabewegung lag da auf der Hand.”
2. Gericht stärkt Faktenchecks von Correctiv (correctiv.org, David Schraven)
Wie “Correctiv”-Chef David Schraven berichtet, habe das Landgericht Mannheim die Klage des Blogs “Tichys Einblick” auf eine einstweilige Verfügung abgewiesen (Urteil als PDF). Bei “Tichys Einblick” hatte man sich an “Correctivs” Faktencheck für Facebook gestört. Die Entscheidung sei auf 45 Seiten ausführlich und umfassend begründet. Trotzdem hätten Tichys Anwälte angekündigt, in Berufung gehen zu wollen. Der Streit wird also vermutlich fortgeführt.
3. Julian Assanges Hinrichtung auf Raten (deutschlandfunkkultur.de, Milosz Matuschek)
Nach einem langjährigen Aufenthalt in der Botschaft Ecuadors sitzt Wikileaks-Gründer Julian Assange nun in einem Hochsicherheitsgefängnis in Großbritannien. Der UN-Folterbeauftragte Nils Melzer spreche in diesem Zusammenhang von “psychologischer Folter”. Trotz dieses Vorwurfs würden sich nur wenige Journalistenverbände für Assanges Freilassung einsetzen. Der Publizist und Jurist Milosz Matuschek spricht in seinem Kommentar von einem Totalversagen: “Wäre Julian Assange in einem Keller über Monate eingesperrter, gequälter Hund — wir hätten vermutlich längst einen Prozess gegen die Tierquäler, eine Verschärfung des Tierschutzgesetzes und ‘Donnerstage für Doggen’-Demos gesehen. Doch Assange ist — zu seinem Pech — leider ein Mensch. Und zwar einer, der sich bei Mächtigen nicht beliebt gemacht hat.”
4. Liebe Kollegen der @berlinerzeitung … (twitter.com, Julius Betschka)
Julius Betschka wirft der “Berliner Zeitung” in einem Twitter-Thread vor, zum wiederholten Mal Falschmeldungen über die Mordrate in Berlin zu verbreiten: “Jeder macht Fehler. Man kann sich korrigieren und entschuldigen. Aber anstelle einer Entschuldigung wird hier eine unhaltbare These mit wiederholt falschen Fakten und besonders markigen Worten verteidigt. Verstehe ich nicht, liebe @berlinerzeitung.”
Lesehinweis zum Hintergrund: Berlin doch nicht Mordmetropole Europas (uebermedien.de, Stefan Niggemeier).
5. “Deutschland sticht absolut heraus” (deutschlandfunk.de, Bettina Schmieding, Audio: 6:30 Minuten)
Bettina Schmieding hat sich im Deutschlandfunk mit der Wissenschaftlerin Susanne Fengler unterhalten, die sich mit ihrem Co-Autor Marcus Kreutler die Berichterstattung über Geflüchtete genauer angeschaut hat (“Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien”). In Deutschland werde zwar intensiv über Migration und Flucht berichtet, aber dies erfolge sehr selektiv. So kämen Migranten und Geflüchtete nur in einem Viertel der Berichte als zentrale Akteure vor. Auch Herkunft und Kontext sowie der Status — Geflüchteter oder Migrant — seien oft kein Thema, so Fengler.
6. Herrenwitz: Keine Partei wird anteilig häufiger von Männern gewählt (einfacherdienst.de)
Welche Partei wird laut offizieller Wahlstatistik des Bundeswahlleiters am meisten, nämlich zu zwei Dritteln, von Männern gewählt? Ist es die AfD? Oder vielleicht die FDP? Nein, es handelt sich dabei um die Satirepartei Die Partei mit ihren Spitzenleuten Martin Sonneborn und Nico Semsrott. Das krasse Geschlechter-Ungleichgewicht bei der Wählerschaft soll sich jedoch ändern. Laut Semsrotts Pressesprecherin Isabel Prößdorf stelle man sich nun “immer die Frage, ob Frauen aber auch Personen, die sich selbst als divers bezeichnen würden, genug in unsere Aktionen miteingebunden sind und sich angesprochen fühlen.” Männer seien dabei egal, “die werden von der AfD und CSU schon genug vertreten.”
Ein exklusives Interview mit zwei Hollywood-Stars — darauf kann eine Redaktion schon stolz sein. Und klar, dass diese Redaktion dann auch extra schreibt: “BILD traf Will Smith und Martin Lawrence zum Interview”.
Blöd nur, wenn es gar kein Interview gegeben hat.
Der Artikel auf Bild.de zitiert Will Smith und Martin Lawrence zwar mehrfach und ausführlich; diese Zitate stammen aber alle von einer Pressekonferenz in Berlin, bei der die zwei Schauspieler gemeinsam mit Produzent Jerry Bruckheimer sowie den Regisseuren Adil El Arbi und Bilall Fallah ihren neuen Film “Bad Boys for Life” vorgestellt haben. Hier der Vergleich:
Bild.de
Pressekonferenz
“Ich habe in meiner Karriere einige Fortsetzungen gedreht, ich war niemals richtig glücklich mit der Qualität. Aber das hier war unser Baby, dieser Film hat unsere beiden Karrieren gestartet. Es musste also vernünftig werden und nicht einfach nur der dritte Teil. Sehr selten werden Fortsetzungen besser, aber bei dieser Trilogie ist der dritte Film der beste.”
Smith: “I’ve made a couple of sequels in my career and I was never totally happy with the quality of the sequel, and this was like our baby, like this was the movie that really launched both of us and it just, it had to be right, it had to be a movie, that was worthy of coming back to it by itself. Not just: Hey, wouldn’t it be cool to make a third one, and you know, I wanted to do something that was great and I wanted to take a shot at making the best of the three movies. And very rarely in sequels do the films get better, as you go along, and I think that with this trilogy, I think that definitely in terms of story, definitely in terms of performance, this third one is the best of the three.”
Als Lawrence etwas von “Ich mache Sport” ins Mikrofon flüstert, kriegt sich Smith gar nicht mehr ein. Er fängt an, laut zu lachen und klatscht begeistert in die Hände. Dann gibt er zu: “Ich fühle mich älter.”
Lawrence: “Well, exercise.” – Gelächter – Smith: “I don’t know, ah, you know, I just feel like, I’m feeling all of my 50 years old.” – Lawrence: “I feel all of 54.”
Vor Beginn der Dreharbeiten zu “Bad Boys for Life” habe er [Smith] gesagt, er mache alle Stunts selbst – Tom Cruise (57) schaffe das schließlich auch. “Nach drei Tagen war klar, es ist viel tougher als ich dachte.” Kampfszenen und aus dem Fenster springen sei in seinem Alter doch weitaus schwieriger als mit 25. “Danke Gott für die Spezialeffekte!”
Smith: “We came into this movie, and I was like: I’m doing all the stunts, I don’t need no stuntman. Just whatever it is. Tom Cruise can do all his stunts, I can do all my stunts. And, we had about three days of that, we had about three days and we had a scene calling the subs. I said: ‘Hey, you think we should use our stuntman for this?’ And you know, it was really a lot tougher than I imagined, it’s a whole lot easier doing a fight scene and trying to fall out of a window and all of that kind of stuff at 25, than it is at 50. Thank god for special effects!”
Er [Bruckheimer] hat keinerlei Zweifel am Erfolg der Fortsetzung: “Wenn du eine Kamera auf Martin und Will richtest, weißt du, sie werden fantastisch sein.”
Bruckheimer: “When you put Martin and Will together, and you turn a camera on, it’s magic, no matter what, so I knew they would be fantastic.”
Smith erinnert sich noch gut an die Dreharbeiten des ersten Films in Florida. “Prince hatte einen Club in Miami, selbst designt. Es war wirklich hart für uns zu arbeiten, wenn du jede Nacht in den Club gehen konntest …”
Smith: “For me, it was Miami. It was like, you know, for this, for ‘Bad Boys’ was the first time we really spent time in Miami, it was like our introduction to that. And, one of the major memories: Prince had a club in Miami, when we first made the film, with ‘glam slam’ or something like that. Prince designed a club, it was really hard to get work done in Miami when you could go to Prince’s club every night. So that was one of my fondest memories.”
Was für ihn die Freundschaft der beiden Hauptfiguren ausmacht: “Es muss nicht liebenswürdig sein, es muss nicht besonnen sein oder goldig. Aber sehr zuverlässig.” Motto: “We ride together, we die together”.
Smith: “Yeah, that’s really at the center of ‘Bad Boys’, you know, that idea: ‘We ride together, we die together.’ It’s like perfect friendship. And it doesn’t have to be gentle, and, you know, it doesn’t have to be calm, it doesn’t have to be sweet, but what it is: it’s rocksolid. We ride together, we die together. Bad Boys for life.”
(All diese Zitate (bis auf eines — aber auch dieses stammt von der Pressekonferenz), sind in einem gekürzten Zusammenschnitt auf Youtube zu finden.)
Der “Bild”-Autor hat während der gesamten Pressekonferenz keine einzige Frage gestellt — das geht aus einem Audiomitschnitt hervor, der uns vorliegt. Dennoch gibt die Redaktion die Antworten als eigenes “Interview” aus.
Diese Interviewvorgaukelei hat bei “Bild” eine gewisse Tradition:
1. Name des Beschuldigten tausendfach bei Twitter (deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz & Annika Schneider, Audio: 5:32 Minuten)
Vor Silvester soll ein betrunkener Kölner Lokalpolitiker nach einem kurzen Streit auf einen 20-Jährigen geschossen haben. In der Berichterstattung zum Fall hätten die meisten Medien darauf verzichtet, den Namen des Beschuldigten zu nennen. Auf Twitter habe dessen Name zeitweise jedoch auf Platz 1 der am häufigsten verwendeten Hashtags gestanden. Helmut Frangenberg vom “Kölner Stadtanzeiger” sagt im Gespräch mit Brigite Baetz, dass er eine Namensnennung aus journalistischer Sicht nicht für wichtig halte. Die rechtliche Bewertung könne sich bei neuen Erkenntnissen jedoch ändern. Und das hat sie offensichtlich prompt getan: Wie der Deutschlandfunk in einem Update hinzufügt, habe sich der “Kölner Stadtanzeiger” nun entschieden, den Namen des Verdächtigen doch zu nennen.
2. Spiegel-Gate(s) (mmm.verdi.de, Oliver Neß)
Oliver Neß berichtet von einer möglichen Befangenheit des “Spiegel” in Sachen Atomkraftberichterstattung: Der Software-Milliardär und Nuklearinvestor Bill Gates habe den “Spiegel” mit einer millionenschweren Zuwendung bedacht. In zeitlichem Zusammenhang seien auffällig atompositive Berichte wie zuletzt der Titel “Atomkraft? Ja bitte” (Ausgabe 51/2019) erschienen. Nachtrag, 13. Januar: Laut “Süddeutsche” halte der “Spiegel” die Vorwürfe für “absurd”: Magazin erklärt Details zur Kooperation.
3. “Ich bin sicherlich nicht der übliche Sportfan” (sueddeutsche.de, Christopher Gerards)
Der ARD-Sportreporter Hajo Seppelt ist mit seinen investigativen Reportagen bekannt geworden. So deckte er beispielsweise das russsische Staatsdoping auf. Im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” kritisiert Seppelt den organisierten Sport in seiner derzeitigen Ausprägung: “Der organisierte Sport ist aus meiner Sicht anachronistisch aufgestellt. Er wird teils aus öffentlichen Kassen subventioniert, pocht aber immer auf seine Autonomie und lässt sich ungern in die Karten schauen. Es sind mitunter feudale Strukturen. Man denke allein ans Internationale Olympische Komitee, wo ja nach wie vor ein großer Teil der Mitglieder ernannt wird wie damals am Hofe und man sich die Frage stellt: Ist das zeitgemäß, sind das demokratische Strukturen, wie wir sie heutzutage für selbstverständlich halten? Zudem hat sich gezeigt: Die oft zitierten Selbstreinigungskräfte des Sports — gerade in Sachen Doping und Korruption — sind eine Illusion.”
4. Die Asche meines Großvaters (juedische-allgemeine.de, Eliyah Havemann)
Als der in Israel lebende Eliyah Havemann davon hört, dass das Zentrum für Politische Schönheit angeblich Asche von Holocaustopfern in einem Mahnmal vor dem Reichstagsgebäude ausstellt, ist seine erste Reaktion eine Mischung aus Ekel und tiefer Betroffenheit: “Mir war natürlich klar, dass rein mathematisch die Wahrscheinlichkeit dafür gegen null geht, aber sie war da: Darin könnte auch die Asche meines Großvaters Dagobert Biermann enthalten sein.” Havemann beschließt, dem Fall nachzugehen und nach Berlin zu reisen. Wieder in Israel fasst er seine Rechercheergebnisse und Gedanken zusammen: “Dieses ‘Kunstwerk’ ist offenbar nicht reparabel. Es hat die Schoa missbraucht, die Totenruhe verletzt, sein politisches Ziel verfehlt, und es ist künstlerisch wertlos. Es muss weg.”
5. Viktor Orban und die Auslandspresse (ard-wien.de, Christian Limpert)
Christian Limpert ist seit dem 1. August 2019 Auslandskorrespondent im ARD-Studio Wien/Südosteuropa. Damit fällt auch der ungarische Regierungschef Viktor Orbán in seinen Zuständigkeitsbereich. Doch einen Termin bei Orbán zu bekommen, sei schwer bis unmöglich. Und auch bei offiziellen Presseterminen müssten die Fragen vorher eingereicht werden. Limpert berichtet, wie es auf einem derartigen Pressetermin zugeht und zu welchen Themen sich Ungarns Ministerpräsident zuletzt geäußert hat.
6. “Als Mitglied des Königshauses darf man sich nicht die Rosinen herauspicken” (spiegel.de, Julia Smirnova)
Der “Spiegel” hat sich mit dem früheren BBC-“Royal Correspondent” Michael Cole über Prinz Harrys und Herzogin Meghans Rückzug von ihren royalen Pflichten unterhalten. Im Interview äußert Cole sein Unverständnis über diesen Schritt. Beim Lesen seiner Antworten könnte man gar den Eindruck bekommen, dass Cole der Ansicht sei, Medien und Öffentlichkeit hätten ein allumfassendes Anrecht auf das Paar — was den Entschluss von Meghan und Harry nochmal verständlicher macht.
Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 6: Storydenken.
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Im Jahr 1944 veröffentlichten die österreichischen Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel eine etwas mehr als eine Minute lange Animation, die zwei Dreiecke und einen Punkt zeigen. Die Formen bewegen sich innerhalb und außerhalb eines Rechtecks. Probandinnen und Probanden bekamen die Aufgaben, sich die Szene anzusehen und sie zu beschreiben.
Einige von ihnen schilderten eine Verfolgungsjagd, andere eine Eifersuchtsszene. In den Dreiecken und dem Punkt sahen sie häufig zwei Männer und ein Frau. Das Quadrat stellten sie sich als Haus vor. Sie machten sich Gedanken über die Motive der Figuren und über deren Gefühle. Einige Deutungen glichen einer Seifenoper. Nur: Einen Punkt, zwei Dreiecke und ein Rechteck sah so gut wie niemand. Die Beschreibungen hatten fast alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren eine Geschichte.
Ungefähr so scheint der Mensch zu funktionieren. Wo er auch hinschaut, entdeckt er Sinn und Zusammenhänge. Das ist das Format, in dem das Gehirn Informationen speichert. Und in dieses Format konvertieren Menschen alles, was sie sehen und erleben.
Im Rückblick sieht fast alles so aus, als wäre es eine zwangsläufige Folge aus sich logisch auseinander ergebenden Ereignissen, obwohl vieles im Leben einfach durch Zufall passiert, und man bei einer genaueren Untersuchung feststellen würde: Es hat keinen Sinn. Diesen Fall lässt das Gehirn allerdings nur ungern zu. Wo es keinen Sinn erkennen kann, schließt es die Sinnlücke mit einer eigenen Konstruktion. Und das ist im Journalismus ein Problem, denn es führt zu einer Verzerrung, die als Story bias bekannt ist.
Menschen biegen sich die Dinge gern so zurecht, dass sie zu einer guten Geschichten werden. Sie unterschlagen Details, die nicht ins Bild passen. Sie konstruieren Zusammenhänge, wo keine sind. Diese Tendenz bewirkt, dass Gerüchte oft immer abenteuerlicher werden, weil neue Details hinzugedichtet werden, die aus dem Gerücht eine noch bessere Geschichte machen. Im Grunde beschreibt das Story bias ein Grundprinzip der “Bild”-Zeitung: Die Geschichte ist wichtiger als die Wahrheit.
Der Effekt führt auch dazu, dass Geschichten ohne schlechte Absicht so sehr vereinfacht werden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch abbilden können. Eine Weltwirtschaftskrise oder ein Krieg zum Beispiel lassen sich wunderbar im Info-Grafik-Format erklären. Erst passierte dies, dann das, dann kam der nächste Schritt. So wird das Ereignis am Ende greifbar, aber es entsteht der falsche Eindruck, dass die Welt sich wie ein Domino-Spiel erklären lässt — und bei den gegebenen Ereignissen alles zwangsläufig so kommen musste.
Der Schriftsteller Rudolf Dobelli beschreibt das Story bias in seiner Kolumnensammlung “Die Kunst des klaren Denkens” an einem Beispiel: Eine Brücke stürzt ein und reißt einen Autofahrer mit in die Tiefe. Danach wird man die tragische Geschichte des Autofahrers lesen. Vielleicht war er auf dem Weg zu seiner Familie. Vielleicht kam er gerade von der Arbeit. Vielleicht wollte er in der Woche darauf heiraten.
Nur das, was eigentlich passiert ist, ist keine gute Geschichte. Die Brückenkonstruktion hat aus irgendeinem Grund nachgegeben, vielleicht durch eine komplizierte Kette aus unglücklichen Zufällen, die sich nicht zurückverfolgen lässt. Für Menschen sind aber vor allem die Menschen interessant.
Journalistinnen und Journalisten gehen zudem gern so vor, dass das Ergebnis schon vor der Recherche feststeht. Sie formulieren eine These und suchen dann nach den passenden Belegen. Im Januar 2019 musste der WDR einräumen, dass die Wirklichkeit sich doch etwas anders darstellte, als sie in einigen Dokumentationen der Reihe “Menschen hautnah” gezeigt wurde. Eine Autorin hatte Protagonisten für eine Doku aus einer Komparsen-Datenbank rekrutiert. Die Geschichte stimmte so nicht ganz. Es sollte alles etwas besser klingen, als es wirklich war.
Dass ein Beitrag schon vor der Recherche steht, ist keine Besonderheit der WDR-Doku-Reihe. Das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht über den Fall Relotius beim “Spiegel”. An einer Stelle zitiert das Autoren-Team aus einer inzwischen sehr bekannt gewordenen E-Mail. Der damalige Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer, gibt darin Anweisungen zu Aufbau und Inhalt einer Reportage:
Dort heißt es unter anderem: “Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.”
Wie die Geschichte aussehen soll, steht schon vor der Recherche fest. Das Ergebnis muss in die vorgegebene Form passen. Und wenn das der Fall ist, steht am Anfang der Recherche nicht die Frage: Wie ist es gewesen? Sondern: Woher bekomme ich das Personal?
In diesem Fall sollte die Story offenbar möglichst preiswürdig sein. In anderen Fällen konstruieren Journalistinnen und Journalisten, weil es schneller geht, als ergebnisoffen zu recherchieren — oder weil sie davon überzeugt sind, die Antwort eh schon zu haben.
Pressesprecher sagen, sie kennen das. Wenn sie von Journalistinnen und Journalisten angerufen werden, wüssten diese oft längst, was sie hören wollen. Sie bräuchten nur noch jemanden, der es sagt. Der Bundesverband deutscher Pressesprecher hat im Jahr 2015 eine Studie mit dem Titel “Thesenjournalismus statt ergebnisoffener Recherche?” veröffentlicht. Dazu hatte er über eintausend Pressesprecher befragt. Ein Ergebnis war:
Über alle Medien hinweg gehört es inzwischen zum journalistischen Standard, thesengeleitet zu recherchieren und Storys zuzuspitzen.
In der Zusammenfassung heißt es:
Probleme bereiten den Pressesprechern […] vor allem Situationen, in denen die Journalisten nicht bereit sind, ihre Ausgangseinschätzungen zu ändern — auch wenn sie in der Recherche neue Informationen bekommen, die die Storyline widerlegen.
Auch das ist nicht allein ein Problem von Journalistinnen und Journalisten. Wissenschaftler haben in verschiedenen Studien gezeigt, dass Menschen sogar dann an falschen Informationen festhalten, wenn sie sehen, dass sie falsch sind. Die Forscher sprechen von Belief perseverance oder Faktenresistenz.
In einem Experiment sollten 19 Probandinnen und Probanden, jeder von ihnen promoviert in einem naturwissenschaftlichen Fach, den Inhalt einer Kugel bestimmen. Sie erhielten eine manipulierte Formel. Dann gab man ihnen Kugeln. Sie berechneten den Inhalt erst mit der Formel, später füllten sie Wasser in die Kugeln, gossen es in eine Kiste und bestimmten das Volumen. Das errechnete Ergebnis stimmte nicht mit dem tatsächlichen überein. Dennoch hielten mit Ausnahme eines Wissenschaftlers alle an der falschen Formel fest.
Auch der Innsbrucker Psychologe Tobias Greitemeier untersuchte den Effekt in einem Experiment. Er ließ Probandinnen und Probanden einen wissenschaftlichen Artikel lesen. Einige informierte er im Anschluss darüber, dass die Daten gefälscht waren. Die übrigen bekamen diese Information nicht. Eine dritte Gruppe (Kontrollgruppe) las den Artikel nicht. In Befragungen zeigte sich, dass die Menschen, die über die Fälschung informiert wurden, ihre Meinung zwar korrigierten, aber auch danach weiterhin stärker von den Informationen beeinflusst waren als die Personen aus der Kontrollgruppe, die den Artikel gar nicht kannte. Im Abstract seiner Arbeit schreibt Greitemeier:
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Widerrufserklärung eines empirischen Artikels in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht ausreicht, um sicherzustellen, dass die Leser des ursprünglichen Artikels nicht mehr an die Schlussfolgerungen des Artikels glauben.
Bei journalistischen Beiträgen ist das wahrscheinlich nicht anders.
Das Gehirn wirkt schon beim Sammeln von Informationen darauf hin, dass vorhandene Informationen begünstigt werden (Confirmation bias) und neue es schwerer haben. Ergeben sich Widersprüche (kognitive Dissonanzen), versucht das Gehirn, sie aufzulösen, indem es sie umdeutet. Jürgen Schaefer schreibt in einem “Geo”-Essay: “Wenn andere viel zu schnell mit ihrem Rad durch die Fußgängerzone fahren, halten wir das für ‘idiotisch’, bei uns selbst für ‘verwegen’.”
So formt die Wahrnehmung unsere Wirklichkeit. Und wie die Wirklichkeit aussehen wird, beeinflussen Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Erwartung, die in ihrer These enthalten ist. Das passiert auch in der Wissenschaft, wo in der Regel viel gründlicher gearbeitet werden kann und mehr Zeit bleibt, alles noch einmal zu überdenken. Jürgen Schaefer berichtet von zwei Studien, in denen es um die Frage geht, ob es Herzpatienten hilft, wenn Unbekannte für sie beten:
Eine Studie ergab: Ja, es helfe. Die zweite kam zum gegenteiligen Ergebnis: Nein, es schade sogar. Das naheliegende Ergebnis — dass es weder hilft noch schadet — wollte keiner nachgewiesen haben: nicht spektakulär genug.
Auch hier ist es wahrscheinlich, dass diese Beobachtung nicht nur die Wissenschaft betrifft, sondern ebenso den Journalismus: Die Geschichte muss gut sein. Dann verbreitet sie sich — und mit ihr die inbegriffene Botschaft. Das ist das Prinzip, nach dem “Fake News” und Gerüchte funktionieren.
Eine Rolle spielt dabei, dass Geschichten von anderen Hirnregionen verarbeitet werden als Fakten. Und dass die Spiegelneuronen im Gehirn es möglich machen, sich in eine Geschichte hineinzuversetzen. So können Menschen von den Erfahrungen anderer lernen, ohne sie selbst gemacht zu haben. Und Geschichten finden sehr viel leichter Zugang zum Gehirn als sperrige Fakten, die beim Eingang auch noch kritisch überprüft werden.
Das ist das Erfolgsgeheimnis von Geschichten. Aber das macht sie gleichzeitig zu manipulativen Werkzeugen: Sie müssen nicht stimmen, damit Menschen sie glauben. Sie müssen vor allem plausibel klingen. Und wie das ausgehen kann, steht im Abschlussbericht zum Fall Relotius.
Das Dumme ist: Es gibt keine Alternative zur Geschichte. Auf keine andere Weise lassen sich Emotionen, Werte oder Erfahrungen so gut transportieren und so erfolgreich Sinn und Identität stiften. Kein anderes Format ist in der Lage, Menschen so zu berühren, sogar körperliche Reaktionen auszulösen. Menschen weinen im Kino, wenn sie Geschichten sehen, die im Grunde nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Und in keinem anderen Format ist der Inhalt so lange haltbar. Je eindrucksvoller eine Geschichte ist, desto besser kann das Gehirn sie sich merken. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt:
Reine Information ist nur limitiert anknüpfbar. Wenn Sie sie aber in eine Geschichte verpacken, liefern Sie in deren Rahmen viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte. So kann man die Geschichte besser im Gedächtnis abspeichern und daraus dann die entscheidenden Aussagen ableiten. Dazu kommt: Jeder Lernprozess wird von Emotionen begleitet, bei der nackten Vermittlung von Fakten werden diese emotionalen Bereiche nicht angesprochen.
Den Effekt kennt jeder aus schockierenden oder auf andere Weise bewegenden Momenten. Die meisten Menschen, die den 11. September 2001 erlebt haben, können sich genau daran erinnern, wo sie waren, was sie gemacht haben und was sie um sich herum wahrgenommen haben, als die Flugzeuge ins Word Trade Center flogen. Es ist alles gespeichert, wie in einem Film. Es erscheint noch immer sehr real. Nur möglicherweise stimmt es nicht, weil die Erinnerung es mit den Jahren an einigen Stellen verformt hat.
Journalistinnen und Journalisten können das nicht verhindern. Aber sie können dem entgegenwirken, indem sie sich diese Effekte bewusst machen und sich nicht allein auf ihre Erinnerung verlassen, sondern ihre Recherchen so gut es geht dokumentieren, damit das Gehirn sich die Geschichte nicht zurechtformt. Sie können ihre Vermutungen immer wieder infrage stellen, indem sie nach Widersprüchen suchen — und Argumente sammeln, die für das Gegenteil sprechen.
Und wenn sie dann feststellen, dass diese Widersprüche sich im Beitrag nicht unterbringen lassen, weil die Geschichte dann nicht mehr funktionieren würde, sollten sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte so, wie sie es sich vorgestellt hatten, einfach nicht funktioniert.
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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier und Teil 5 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.