Beim Fußballbundesligisten Hertha BSC gibt es einen Spieler, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der Verein veröffentlichte dazu heute eine Pressemitteilung:
Eigentlich sollte es heute nach drei Tagen mit individuellen Trainingsplänen wieder mit dem Teamtraining auf dem Schenckendorffplatz für diese Woche losgehen. Nachdem jedoch nun ein Spieler der Profimannschaft bei Hertha BSC positiv auf das Corona-Virus getestet wurde, wurde für alle Spieler des Lizenzspieler-Kaders und für das Trainer- und Funktionsteam nun eine 14tägige häusliche Quarantäne angeordnet.
Liest man die komplette Mitteilung, dann fällt auf, dass der Klub an keiner Stelle den Namen des positiv getesteten Spielers nennt. Das sei “nach interner Rücksprache” ganz bewusst geschehen, sagt uns Herthas Pressesprecher Marcus Jung auf Nachfrage, denn dafür gebe es “gute Gründe”: Privatsphäre, Datenschutz, ärztliche Schweigepflicht.
Das alles scheint den Leuten bei Bild.de herzlich egal zu sein.
Im Artikel nennt die Redaktion den Namen des Spielers (“Nach BILD-Informationen handelt es sich bei dem Betroffenen um (…)”) und zeigt ein Foto von ihm. Inzwischen berichten zahlreiche andere Medien, um wen es sich “laut der ‘Bild’-Zeitung” handeln soll.
Nachtrag, 18. März: In der heutigen Berlin-Ausgabe der “Bild”-Zeitung berichtet die Redaktion auch groß über den ersten Corona-Fall bei Hertha BSC. Sie nennt auch dort den Namen des Fußballers, direkt in der Überschrift:
[…] infiziert! Hertha in Quarantäne
In der “Bild”-Bundesausgabe gibt es zum Thema eine Meldung im “CORONA-TICKER” auf der Sportseite. Auch dort wird der Name genannt.
Der Spieler selbst hat sich nach wie vor nicht öffentlich, etwa auf seinem offiziellen Instagram-Profil, zum positiven Corona-Test geäußert.
Die Überschrift soll vermutlich sowas wie Aufklärung versprechen:
Was das Newsportal tag24.de dann aber heute liefert, ist das exakte Gegenteil von Aufklärung: eine gefährliche Verdrehung und falsche Information.
Die Redaktion schreibt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler “mittlerweile immer mehr Zahlen (vor allem aus China) über die Krankheitsverläufe und Sterberaten auswerten konnten”, und dass daher “die Gefahr des Virus immer offenbarer” werde. Um konkreter zu werden, zieht tag24.de den Virologen Christian Drosten heran:
Christian Drosten (48), Chef-Virologe der Charité Berlin, warnt, dass jeder vierte Erkrankte, der über 65 Jahre alt ist, an dem Virus sterben könnte.
Das liegt vorallem daran, dass Menschen in diesem Alter kein so starkes Immunsystem mehr haben und oft unter Vorerkrankungen leiden.
“Jenseits des Rentenalters muss man die Bevölkerung wirklich schützen”, erklärte Drosten im NDR Podcast.
Aus der “könnte”-Warnung von Drosten macht tag24.de eine unausweichliche Tatsache, extra gefettet und mit Ausrufezeichen:
Um es noch einmal anders auszurücken [sic]: Jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, stirbt daran!
Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert, der lebt in einem ländlichen Bereich. Und der sagt mir, alle seine Altersgenossen sehen das im Fernsehen, und die finden das super, dass der Sohn von dem Drosten immer im Fernsehen ist. Die finden das verfolgungswürdig und schicken sich per WhatsApp die neuesten Informationen zu. Aber die beziehen das noch nicht wirklich auf sich. Die haben noch nicht verstanden, dass sie in dieser Altersgruppe sind — mein Vater ist über 70 und seine Alterskollegen, Vereinskollegen und so weiter, das ist ein blühendes Vereinsleben dort im ländlichen Bereich –, dass sie eigentlich die wirklich Betroffenen sind und dass auch das Sozialleben jetzt für einige Monate aufhören muss. Der Verein, das Fitnessstudio, und auch leider das Schützenfest. Dass das alles in diesem Sommer betroffen sein wird, und dass es jetzt ernst ist. Und wenn man das nicht ernst nimmt, dass man davon ausgehen muss, dass Raten, die sich im Bereich von 20 Prozent, 25 Prozent dieser Personen bewegen, sterben werden. Da schluckt man dann natürlich, das muss man aber vermitteln.
Zahlen aus China, für die 1023 Todesfälle ausgewertet wurden und die tag24.de in dem Artikel auch in einer Grafik eingebaut hat, zeigen, dass dort die Sterberate für 60- bis 69-Jährige, die sich infiziert haben, bei 3,6 Prozent lag, für 70- bis 79-Jährige bei 8,0 Prozent und für Über-80-Jährige bei 14,8 Prozent.
Mit Dank an Ronny für den Hinweis!
Nachtrag, 20:53 Uhr: Die Redaktion hat die Stelle inzwischen, ohne Korrekturhinweis, geändert. Dort steht nun:
Um es noch einmal anders auszudrücken: Bis zu jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, könnte daran sterben!
1. 119 Angriffe auf Reporter in fünf Jahren (faz.net)
Eine Erhebung des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig liefert beunruhigende Zahlen: In den vergangenen fünf Jahren sei es in Deutschland in 119 Fällen zu Angriffen auf Journalisten und Journalistinnen gekommen. Trauriger Spitzenreiter sei Sachsen mit fast der Hälfte aller bundesdeutschen Attacken auf Medienschaffende.
2. Fukushima: Freie Berichterstattung zulassen (reporter-ohne-grenzen.de)
Exakt neun Jahre ist es her, dass im japanischen Fukushima aus einer Naturkatastrophe eine Nuklearkatastrophe wurde. Neun Jahre, in denen sich Medien immer wieder darüber beklagen würden, von Regierung und Atomlobby in ihrer Berichterstattung behindert zu werden. Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, fordert ein Umlenken: “Die japanischen Behörden müssen sicherstellen, dass Medien uneingeschränkt über Fukushima berichten können. Journalistinnen und Journalisten — dazu gehören auch Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten sowie freie Medienschaffende — müssen Zugang zu den kontaminierten Regionen und zu allen verfügbaren Daten bekommen.”
3. Nach Angriff auf RTL-Kameramann: Rapper Fler verhaftet (dwdl.de, Kevin Hennings)
Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gab gestern bekannt, dass gegen den Rapper Fler ein Haftbefehl wegen Raubes und Körperverletzung “zum Nachteil eines RTL-TV-Teams” erlassen und vollstreckt worden sei. Kevin Hennings erklärt bei “DWDL” den Hintergrund und den vorangegangenen Streit um die “unhatewomen”-Kampagne zu verbaler Gewalt gegen Frauen in Rap-Texten.
Nachtrag: Die Generalstaatsanwaltschaft teilt auf Twitter mit: “Im Termin zur Verkündung des Haftbefehls ist der Ermittlungsrichter der Bewertung der Staatsanwaltschaft nicht gefolgt und hat den HB wegen Zweifeln am dringenden Tatverdacht aufgehoben. Der Beschuldigte ist entlassen. Die Staatsanwaltschaft prüft die Einlegung einer Beschwerde.”
4. Das sind die Preisträger*innen der Goldenen Blogger 2019 (die-goldenen-blogger.de)
Anfang der Woche wurden in Berlin zum dreizehnten Mal die “Goldenen Blogger” verliehen. Die Wahl erfolgte per Online-, Saal- und Akademievoting und erstreckte sich auf insgesamt 19 Kategorien. Mit dem “Sonderpreis fürs Lebenswerk” wurde der Autor und “Spiegel”-Kolumnist Sascha Lobo ausgezeichnet. Die weiteren Preisträger samt der dahinterstehenden Projekte finden sich auf der oben verlinkten Seite.
5. Wie Fußballreporter im Empörungsrausch den Ton angeben (uebermedien.de, Andrej Reisin)
Wenn Fußballreporter über Kritik der Fußballfans und Ultras am Sportbusiness berichten, seien differenzierte Betrachtungen oft Mangelware, so Andrej Reisin auf “Übermedien”. Ein Grund dafür sei mangelnde Professionalität und mangelnde Distanz zum Berichtsgegenstand: “Die Ausbildung zum Sportjournalisten findet im besten Fall in extra eingerichteten Studiengängen statt, von denen es nur wenige gibt, die sich wiederum (wie an der Sporthochschule Köln) geradezu ihrer Praxisverbundenheit rühmen. Das heißt: Je näher der Berichterstatter am sportlichen Geschehen ist, vielleicht sogar einst selbst Athlet war, desto besser. Das alte Klischee vom Fan, der es auf die andere Seite der Absperrung geschafft hat, trifft hier noch immer häufig zu. Das Resultat ist allzu oft eine vollkommen fehlende Distanz vom Gegenstand der Berichterstattung. Reporter werden zu Gala-Empfängen nach Europapokalspielen als Gäste eingeladen; einige duzen Spieler, Trainer und Vereinsbosse vor laufender Kamera — in anderen Feldern der Berichterstattung ein absolutes No-Go.”
6. TikTok-Tricks: Mit diesen drei Engagement-Hebeln hacken TikTokker die Für-Dich-Seite (omr.com, Roland Eisenbrand)
Wer sich ein wenig für die Social-Video-App TikTok interessiert, sollte unbedingt einen Blick auf Roland Eisenbrands Analyse werfen. Dort verrät er, wie TikTokker mit ungewöhnlichen Ideen und schmutzigen Tricks Reichweite erzeugen und Kasse machen.
1. So haben wir den Bundestag ausgerechnet (projekte.sueddeutsche.de, Martina Schories)
Wie diskutiert der Bundestag über Geflüchtete und Migration? Eine Datenanalyse der “Süddeutschen Zeitung” zeigt, was sich verändert hat. Dazu habe man alle Parlamentsprotokolle der Bonner Republik und des wiedervereinigten Deutschlands seit 1949 mit computerlinguistischen Methoden ausgewertet — 4.200 Schriftstücke. Der Rechtsruck in der Debatte sei nachweisbar: “Der politische Diskurs, das zeigt sich in der Datenanalyse, hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Der Einfluss der AfD dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, denn die Partei hat den Korridor des politisch Sagbaren nach rechts verschoben.”
2. “Ich bin von Joko und Klaas enttäuscht” (deutschlandfunknova.de, Daniel Fiene & Herr Pähler, Audio: 16:39 Minuten)
Medienkritiker Stefan Niggemeier war bei “Was mit Medien” zu Besuch, dem wöchentlichen Medienmagazin bei Deutschlandfunk Nova. Dabei ging es um die jüngst enthüllten Fakes der ProSieben-Protagonisten Joko & Klaas und die Frage, warum derlei Betrügereien auch im Unterhaltungsfernsehen problematisch seien. Die komplette Sendung mit weiteren interessanten Themen, zum Beispiel zu den Vorgängen bei der “Berliner Zeitung”, gibt es hier (41:18 Minuten).
3. Die taz ist es wert (blogs.taz.de, Andreas Bull)
Es sind überaus ernüchternde Zahlen, von denen “taz”-Geschäftsführer Andreas Bull im “Hausblog” berichtet: Im vergangenen Quartal habe man werktags eine Remissionsquote (Rückgaben durch den Handel) von 83 Prozent hinnehmen müssen, bei der Wochenendausgabe sei sie mit 76 Prozent geringfügig besser ausgefallen. “Von den Verkaufspreisen müssen nun mehrere an diesem Geschäft Beteiligte bezahlt werden: nach Abzug der Mehrwertsteuer die Druckereien und die Speditionen, dann die Grossisten und letztlich der Einzelhandel, die beide zusammen an die 40 Prozent des Einzelverkaufspreises einbehalten. Grob gefolgert: es bleibt nichts übrig, um das zu bezahlen, was drinnen steht.” In seinem Beitrag erklärt Bull, warum die “taz” trotzdem an dem wenig lukrativen Geschäft festhalte.
4. Lesbos: Attacken gegen Journalisten und Geflüchtete (netzwerkrecherche.org, Franziska Grillmeier & Julian Busch)
Die freie Journalistin Franziska Grillmeier und der Fotograf Julian Busch wurden während ihrer Arbeit auf Lesbos von maskierten Rechtsradikalen angegriffen. In ihrem Beitrag schildern sie, wie es dazu kam und wie es ihnen derzeit geht: “Nach wie vor gibt es eine große Unsicherheit, sich auf der Insel zu bewegen. Wir versuchen, das Haus nicht mehr alleine zu verlassen und abends nicht mehr in der Stadt unterwegs zu sein. In den sozialen Medien trifft uns mittlerweile ein rechtsradikaler Shitstorm.”
5. “Die große Mehrheit findet dieses Thema eher schmutzig” (deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 8:32 Minuten)
Annette Ramelsberger ist die langjährige Gerichtsreporterin der “Süddeutschen Zeitung” und in Fachkreisen bekannt für ihre ausdauernde und gewissenhafte Berichterstattung über den NSU-Prozess. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk kritisiert Ramelsberger die Medien dafür, in der Vergangenheit zu wenig über rechtsextremistische Entwicklungen und die damit verbundene Gefahr berichtet zu haben: “Wir haben das über die letzten Jahrzehnte vernachlässigt. Das war immer ein Thema, das den Igitt-Faktor hatte, wo man auch häufig mal als Korrespondent so die rollenden Augen gesehen hat und die Frage: Schreiben wir jetzt die Rechten hoch? Und immer die Frage: Muss das sein?”
6. “Es ist schwierig, angemessen bezahlte Jobs zu finden” (fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Sportjournalist Christoph Biermann schreibt für das Fußballmagazin “11 Freunde” und hat zahlreiche Bücher zum Thema Fußball veröffentlicht. Im Interview mit dem “Fachjournalist” erzählt Biermann von den Besonderheiten und Herausforderungen seiner Arbeit und verrät, auf welche Themen er ein besonderes Auge habe: “Unser Magazin und auch ich persönlich sehen etwa RB Leipzig sehr kritisch. Der Verein wurde quasi gegründet, um Red Bull zu promoten. Das halten wir für falsch, weil es ein Bruch mit der Fußballkultur in unserem Land ist und den Wettbewerb verzerrt.”
Nach dem Suizid von Fußballtorwart Robert Enke ließ sich Walter M. Straten, damals stellvertretender Sportressortleiter bei “Bild”, von der “Süddeutschen Zeitung” so zitieren:
“Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein”, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, “ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht”.
Inzwischen leitet Straten die “Bild”-Sportredaktion. Am Samstag erschien in seinem Ressort ein Artikel über Schalkes Torwart Alexander Nübel, der beim Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Schalke 04 ein Tor verschuldete. Darin steht:
Dann die Flutschfinger-Aktion von Nübel (75.), die ihm die zweite BILD-Note 6 in Folge einbringt.
Mit Dank an Louis für den Hinweis!
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Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.
Vorgestern ist im hessischen Volkmarsen ein Mann mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren, die sich gerade den örtlichen Karnevalsumzug angeschaut hat. Die Polizei geht davon aus, dass der 29-Jährige dies mit Absicht getan hat. 61 Menschen wurden verletzt.
Bereits kurz nach der Tat bat die Polizei in einer Pressemitteilung darum, zu den Vorkommnissen “keine ungesicherten Meldungen weiter zu verbreiten”. Diese Bitte des Polizeipräsidiums Nordhessen war noch keine Stunde online, da lief schon die erste “Bild live”-Sondersendung. Moderator Moritz Wedel hatte Elmar Schulten am Telefon, einen Fotografen aus der Nähe von Volkmarsen. Und Schulten verbreitete in der Sendung das, was das Polizeipräsidium Nordhessen wohl als “ungesicherte Meldung” bezeichnen würde:
Natürlich haben die Leute zuerst gesagt: “Attentat! Attentat!” Aber danach sieht es nicht aus.
Aus dieser Mutmaßung, die nur auf Schultens Bauchgefühl basierte, machte die “Bild”-Redaktion gleich eine Einblendung:
Zum Geschehen in Volkmarsen folgten am Montag noch weitere “Bild live”-Sendungen. In einer davon wurde Reinhard Kubat zugeschaltet. Der Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg erzählte Moderatorin Anna von Bayern unter anderem:
Ich habe hinterher mit Angehörigen gesprochen, die mir bestätigt haben: Es machte, unvorstellbar für mich, “plopp, plopp, plopp”. Da ist der über die Menschen hinweggefahren.
Diese Aussage nutzte Bild.de in einem Artikel für eine Zwischenüberschrift, dievieleLeutesehrunangemessenfanden, um es vorsichtig auszudrücken:
Zwar basiert diese Zwischenüberschrift auf dem Zitat von Landrat Kubat. Aber niemand zwingt die “Bild”-Redaktion, dieses Zitat zu übernehmen, es sich zu eigen zu machen und überfahrene Menschen akustisch zu Popcorn oder Sektflaschen herabzuwürdigen.
Später in derselben Sendung schaltete die Redaktion zu “Bild”-Reporter Markus Brekenkamp, der in Volkmarsen stand. Diese Schalte verdeutlicht eine der großen Gefahren, die von “Bild live” ausgeht und die wir schon früher beobachtet haben: Die Redaktion berichtet alles, ohne über mögliche Folgen nachzudenken. In diesem Fall erzählte Brekenkamp von einem Einsatz des SEK, der hinter ihm gerade stattfinde:
Hier hat sich gerade die Lage ein bisschen geändert: Hier sind gerade mehrere Mannschaftswagen vom SEK eingetroffen. Der ganze Ort wird hier gerade abgesperrt. Im Hintergrund sieht man das vielleicht. Das sind Beamte mit Maschinenpistolen, die hier den Ort jetzt absperren. Was da genau hinter steckt, da können wir im Moment noch nichts sagen. Die sind gerade eingetroffen. Ja, spannend.
Moderatorin Anna von Bayern fragte nach:
Und wie viele sind das, SEK-Wagen, die da jetzt angekommen sind im Hintergrund?
Brekenkamp:
An der Stelle, an der ich stehe, sind es allein vier oder fünf Mannschaftstransporter. Ich kann jetzt auch nur diesen Bereich überschauen. Hier ist es inzwischen dunkel, es regnet. Also das werden wir gleich noch versuchen zu klären, was das jetzt für einen Grund hat.
In der darauffolgenden “Bild live”-Sendung ging es dann fast ausschließlich um den immer noch stattfindenden SEK-Einsatz. Anna von Bayern sagte:
Mittlerweile läuft auch ein SEK-Einsatz im Ort. Und wir wollen schalten zu Markus Brekenkamp, unserem Reporter dort, der uns davon mehr erzählen kann.
Brekenkamp erzählte:
Ja, hier sind vor gut einer Viertelstunde halt mehrere Fahrzeuge mit SEK-Beamten eingetroffen. Hier ist der komplette Ortskern inzwischen abgesperrt. Wir können im Moment noch nicht sagen, was hinter diesem Einsatz dahintersteckt. Wir wissen nur, dass hier im Ort erzählt wird, dass auch eine zweite Person heute Nachmittag eine Rolle gespielt haben soll, die nämlich dort vor Ort gefilmt haben soll, wie der Fahrer in diese Menschenmenge gefahren ist. Was an diesen Dingen dran ist, das ist im Moment alles noch sehr, sehr unübersichtlich. Viel mehr können wir noch nicht sagen.
Anna von Bayern wollte aber mehr wissen:
Wo befinden sich die SEK-Wagen jetzt?
Brekenkamps Antwort:
Die SEK-Wagen befinden sich hier, vielleicht kann man sie sehen im Hintergrund. Hier stehen fünf oder sechs Einsatzfahrzeuge. Die Straße ist abgesperrt. Die Beamten sind vermummt und schwer bewaffnet, lassen keinen mehr durch. Und wir wissen nicht, was genau dahintersteckt.
Das reichte von Bayern aber immer noch nicht:
Wo sind die Beamten hin, die in diesem Wagen waren?
Das konnte Markus Brekenkamp nicht so richtig beantworten:
Die stehen hier vor Ort und sperren die Straße. Die anderen sind weiter in den Ortskern gegangen. Aber dort haben wir keinen Einblick mehr.
Also ab zum nächsten Reporter. Anna von Bayern:
Wir wollen einmal schalten zu Karsten Socher, der auch in Volkmarsen ist.
Der freie Fotograf Karsten Socher erzählte:
Also ich bin jetzt vermutlich auf der anderen Seite vom Kollegen. Wir sind gerade mit mehreren Kollegen hier durch Volkmarsen gelaufen und haben die Ecke gesucht, wo angeblich der SEK-Einsatz laufen soll. (…) Hinter mir ist die Straße abgesperrt, da stehen vermummte Polizisten. Die haben mir gerade gesagt, es läuft ein Polizeieinsatz. Aber mehr wird auch gerade nicht gesagt.
Und wieder fragte Anna von Bayern nach, wo das denn nun alles stattfindet:
Und wo läuft dieser Einsatz? Du sagtest, hinter Dir stehen diese Wagen.
Socher antwortete:
Also hinter mir stehen vier, fünf Beamte, vermummte. Ich kenne mich selber jetzt hier in Volkmarsen nicht aus. Aber das dürfte nicht so weit entfernt sein vom Rauhaus.
Dann war endlich Schluss mit dem Preisgeben von Details eines gerade laufenden Polizeieinsatzes.
Während der Sendung spielte die Redaktion immer wieder Videoaufnahmen ein, die die Ermittler am Tatfahrzeug zeigten. Eigentlich hatten Polizei und Rettungskräfte einen Sichtschutz aufgebaut. Der “Bild”-Kameramann hat sich aber offenbar einen erhöhten Punkt gesucht und über den Sichtschutz gefilmt:
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)
Gestern gab es in einer weiteren “Bild live”-Sendung den nächsten Tiefpunkt:
Auch wenn die Eltern der 10-Jährigen mit der Befragung ihrer Tochter einverstanden gewesen sein sollten — das bedeutet nicht, dass eine Redaktion nicht noch einmal nachdenken kann, ob man einem Kind, das einen Tag zuvor etwas Schreckliches erlebt hat, so etwas zumuten will. Das gilt auch für die vierjährige Schwester des Mädchens, die bei der Amokfahrt verletzt wurde und im Krankenhaus liegt. Von ihr zeigte Bild.de ein unverpixeltes Foto:
In der “Bild”-Zeitung von heute erklärt ein Psychologe, “welche FOLGEN” “das Erlebte für die KINDER” haben kann. Und er gibt Tipps, welche Maßnahmen Kindern anschließend helfen könnten. “Sie interviewen” und “Fotos von ihnen auf der Startseite veröffentlichen” gehören nicht dazu.
Ebenfalls in der heutigen “Bild”-Ausgabe steht, dass der Tatverdächtige kurz vor der Amokfahrt zu einer Nachbarin gesagt haben soll, dass er “bald in der Zeitung” stehe. Diesen Wunsch erfüllen ihm die “Bild”-Medien, mit Foto, sogar auf der Titel- beziehungsweise Startseite:
Gestern gegen 22 Uhr dringt ein bewaffneter Mann im hessischen Hanau in eine Bar ein und erschießt mehrere Menschen. Dort und an einem weiteren Tatort, zu dem der Täter fährt, sterben neun Personen. Später entdeckt die Polizei in einer Wohnung zwei weitere Leichen: die des Täters und die von dessen Mutter. Die Bundesanwaltschaft soll von einem “Verdacht einer terroristischen Gewalttat” sprechen. Ein Bekennerschreiben spricht dafür, dass es sich bei dem Täter um einen Rassisten handelt.
Gegen 1:30 Uhr startet die erste “Bild live”-Sondersendung zur “Bluttat in Hanau”.
Ein kommentiertes Protokoll.
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Moderator Moritz Wedel sagt zu Beginn der Sendung:
Die Informationen derzeit unübersichtlich. Wir versuchen, das, was wir zur Stunde wissen, für Sie zu dieser späten Stunde zusammenzufassen.
Das Versprechen “was wir zur Stunde wissen” werden er und seine “Bild”-Kollegen in den kommenden knapp 43 Minuten nicht ansatzweise einlösen können.
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“Bild”-Reporter Tobias Bayer ist in Hanau. Er erzählt von seinen Erlebnissen vor Ort. Offenbar hat er ein paar Angehörige der Getöteten belästigt befragt:
Ich habe mit einigen Angehörigen sprechen können. Die Stimmung hier deutlich aggressiv. Man drohte mir, das Handy aus der Hand zu schlagen. Da sind Emotionen im Spiel. Das waren wohl auch Angehörige von mutmaßlich Toten hier. Da muss man das auch, denke ich, verstehen und richtig einordnen können.
Zum “Täterumfeld” sagt er:
Ich habe aus relativ gut unterrichteten Quellen in Hanau hier erfahren — aber ich muss dazu sagen: Das sind nur Spekulationen –, dass es sich hier bei dem Täterumfeld um Russen handeln könnte.
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Moderator Moritz Wedel will wissen: “Beschreib uns das Milieu bitte etwas: Was ist das für ein Stadtteil? Was ist das für eine Straße? Könnte vielleicht das Umfeld dieser Shisha-Bar Schrägstrich Sportsbar auf irgendwelche Motive oder Hintergründe dieser Tat hindeuten?”
Reporter Bayer weiß, dass das, was er nun antwortet “alles nur reine Spekulation” ist — und spekuliert dann wild rum:
Das ist jetzt zu diesem Zeitpunkt alles nur reine Spekulation. Ich habe aber aus mehreren Quellen erfahren, dass es eben bei den Opfern mit ziemlich großer Sicherheit um kurdischstämmige Menschen handeln soll. Das bestätigt auch mein Bild, das ich hier vor Ort sehe. Die Menschen, die hier stehen und weinen. Einige sind zusammengebrochen. Da mussten die Rettungssanitäter noch mal helfen und die Menschen beruhigen. Die Menschen, die ich hier sehe, sind eben vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund, mutmaßlich türkischem, was ich so sprachlich höre: türkische Sprache, aus dem arabischen Sprachraum kommend. Also türkische und kurdische Menschen, die unter den Opfern sein sollen. Und eben es gibt auch Quellen, die behaupten, dass die Täter aus mutmaßlich russischem Umfeld kommen sollen. Es gibt auch Anwohner, aber das halte ich für viel zu früh, zumindest Spekulationen, dass es aus einem sehr rechtsradikalen Milieu eine Tat sein könnte. Einfach aufgrund der Tatsache, dass es um Shisha-Bars geht. Aber ich glaube, das ist viel zu früh, um das einzuordnen.
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“Bild”-Chefreporter Frank Schneider wird zugeschaltet und erzählt, dass man ja noch gar nicht wisse, ob die Angriffe an den zwei Tatorten nacheinander stattfanden oder gleichzeitig. Und er spricht auch von Organisierter Kriminalität. Da hakt Moderator Wedel nach: “Frank, wenn Du jetzt ein bisschen Hanau einschätzen musst: Ist das, Du hast von Organisierter Kriminalität gesprochen, ist das ein Hotspot in der Region?” Das könne er so nicht sagen, antwortet Schneider, speziell was die angegriffenen Bars angeht. Aber:
Wenn jetzt möglicherweise diese Bars von Menschen betrieben werden, die Streit mit anderen haben, oder es geht da um Vormacht, worum auch immer, oder eben Schutzgelderpressung. Es kann ja auch sein, dass die Betreiber der Bars schlicht und ergreifend kein Schutzgeld bezahlen wollten. Das wäre dann natürlich, wie gesagt, eine Qualität, die hat es in Deutschland so noch nicht gegeben. Aber das wären jetzt alles reine Spekulationen.
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Währenddessen blendet die “Bild”-Redaktion ein:
Auch an anderen Stellen in der Sendung fällt der Begriff “Schießerei”. Das ist wahrlich nicht der schlimmste Aspekt an dieser Sondersendung, die die “Bild”-Redaktion zusammengezimmert hat, aber passend ist das Wort nicht.
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“Bild” hat Hanaus Bürgermeister Claus Kaminsky am Telefon. Er sagt:
Meine Aufgabe sehe ich im Moment eher, dafür zu plädieren, dass wir Ruhe und Besonnenheit an den Tag legen. Und auch wildes Spekulieren, in welche Richtung auch immer, hilft uns im Moment überhaupt nicht weiter.
In welche Richtung ein solche Hinweis wohl zielt? Moderator Wedel will dann gleich Informationen zu den Opfern. Kaminsky sagt, dass er lieber verlässliche Informationen der Polizei abwarten will.
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Reporter Tobias Bayer ist wieder dran:
Ich habe mich ein bisschen weiterbewegt. Hier hinter mir sieht man direkt die gelbe Wand. Ich weiß nicht, ob man es im Dunklen so gut erkennen kann. Da ist wohl die Shisha-Bar, um die es gehen soll. Man sieht sogar eine Aufschrift: […]. Eine kleine Leuchtreklame “Open” leuchtet da. Dieses “Open” gilt nun natürlich nicht mehr.
Moderator Moritz Wedel fragt schon wieder: “Was ist das für ein Viertel, für ein Stadtteil dort, wo sich der Tatort befindet?”
Bayer antwortet:
Hanau ist eine relativ beschauliche Stadt in Hessen. Natürlich bekannt auch ein bisschen für die relativ hohe Kriminalität. Ähnlich wie Offenbach oder Darmstadt gibt es hier gewisse Milieus und soziale Schichten hier. Ich würde mal von einer nicht gutbürgerlichen Stadt sprechen, sonder eher eine etwas prekärere Lage vor Ort und in den Stadtteilen eher eine höhere Arbeitslosigkeit und deswegen sozial eine eher schwache Stadt. Aber die Menschen sind trotzdem irritiert, dass das in ihrem Hanau passiert ist.
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“Bild”-Redakteur Florian von Heintze steht im “Bild live”-Studio. Er sagt: “Die Täter oder der Täter, man kann aber von mehreren Tätern wohl ausgehen, sind flüchtig.”
Und:
Es hat sich noch nicht bestätigt, dass es sich bei der Auseinandersetzung oder bei den Angriffen, muss man schon sagen, auf diese Bars um Auseinandersetzungen im kriminellen Milieu gehandelt hat. Es war zunächst auch die Rede von möglichem rechtsextremen Hintergrund. Das ist aber auch alles noch Spekulation. Es verdichten sich allerdings dann doch wohl die Hinweise darauf, dass es eher im kriminellen Milieu sich abspielt das Ganze.
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Nun erzählt wieder Reporter Tobias Bayer über den möglichen Hergang am Tatort, an dem er gerade steht. Seine Ausführungen beendet er mit: “Aber all das bisher unbestätigte Informationen, ganz wichtig, reine Spekulation.”
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Moderator Wedel will wieder über die Hintergründe sprechen:
Tobi, jetzt ist natürlich die Frage: Welche Hintergründe könnten diese Taten haben? Ist es ein Verbrechen im Milieu? Ist es ein Anschlag aus dem rechten Lager? Was glauben oder was fühlen die Menschen zumindest vor Ort? Glauben oder wissen kann man ja zu dieser Stunde wohl kaum sagen, aber was hörst Du so? Das hat ja auch viel damit zu tun, in welchem Milieu sich diese Straße, dieser Bereich der Stadt befindet.
Bayers Antwort:
Es gab hier die Angst, dass es sich um einen rechtsradikalen, einen rechtsextremen Anschlag handeln könnte, weil eben zwei Shisha-Bars oder Bars mit Shisha-Konsum aufgesucht wurden, wo ja vermehrt auch immer Menschen sind mit, muslimische Menschen öfters auch vorzufinden sind. Aber die meisten Spekulationen, die ich bisher wahrnehmen konnte, gehen eher in die Richtung, dass es sich um eine Milieutat handeln könnte. So soll es sich bei den Tätern mutmaßlich um Russen handeln.
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Die Redaktion zeigt ein Video, auf dem Schüsse des Täters zu hören sein sollen. Moderator Wedel mutmaßt, dass dort “offensichtlich Sanitäter” zu sehen sind, und sagt:
Das Ganze noch nicht verifiziert, aber so verbreiten sich die Videos im Netz jetzt nach dieser schrecklichen Tat und geben einen Einblick auf das, was passiert sein könnte in Hanau
Und “Bild” verbreitet mit.
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Der beste, vielleicht einzige journalistische Moment der “Bild live”-Sendung: Auf die Frage, was er zu einem angeblich gefassten Täter berichten kann, antwortet Reporter Tobias Bayer:
Dazu liegen mir momentan noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Der Polizeisprecher ist noch nicht vor Ort, der Pressesprecher der Polizei, der macht sich gerade hier auf den Weg. Und sobald ich den bekommen kann, werde ich das versuchen, dass wir auch mit ihm sprechen können.
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Frank Schneider ist noch mal dran. Moderator Moritz Wedel will von ihm wissen, “in welchem Milieu” sich die Tat abgespielt haben könnte. Schneider:
Ja, wie ich vorhin schon gesagt habe: Das Milieu kann eigentlich nur sein, dass es möglicherweise um Delikte geht im Drogenmilieu oder es geht um Schutzgelderpressung. Was genau die Hintergründe sind, kann man natürlich momentan noch nicht sagen, weil man nicht weiß, was in diesen Bars genau passiert, welche Kundschaft dort verkehrt, was es für Vorfälle vielleicht in jüngster Vergangenheit gab. Das muss man jetzt im Einzelnen klären.
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Das war’s dann auch.
Natürlich ist es leicht, im Nachhinein schlauer zu sein und zu wissen, dass es nicht “Russen” waren, die da geschossen haben; dass es nicht um “Schutzgeld” oder ums “Drogenmilieu” ging; dass man nicht “von mehreren Tätern wohl ausgehen” kann. Es wäre aber auch leicht, nicht so viel zu spekulieren, wenn man noch nicht so schlau ist. Und vor allem wäre das verantwortungsvoll.
Stattdessen aber kritisieren “Bild”-Mitarbeiter wie Paul Ronzheimer die öffentlich-rechtlichen Sender, die den Ereignissen nicht mit Live-Sendungen hinterherhecheln und mit ihrer Breaking-News-Raterei Falschinformationen verbreiten. Auf die Kritik, dass es bei “Bild” lediglich “pure Spekulation zum Tathintergrund im Livestream” gebe und dass das “kein seriöser Journalismus” sei, antwortete Ronzheimer, dass er diesen ganzen, oben protokollierten Murks für eine tolle Sendung hält:
Sehe ich anders, das war eine hochprofessionelle Sendung, u.a. mit Augenzeugen und Live-Interview des Bürgermeisters.
Weist man ihn dann darauf hin, dass seine Redaktion “hochprofessionell” über völlig falsche Tatmotive spekuliert, entgegnet Ronzheimer nur:
BILD war das erste Medieum, das über den rechtsradikalen Hintergrund berichtet hat heute morgen.
Es ist zu befürchten, dass er das tatsächlich für ein gutes Argument hält.
Drüben bei “Übermedien” spricht Stefan Niggemeier die Parallelen zur Berichterstattung über eine Mordserie an, die sich später als die Morde des NSU entpuppten. Außerdem hat er einen Worst-of-Zusammenschnitt der “Bild live”-Sendung erstellt.
Ewald Lienen, Technischer Direktor des FC St. Pauli, hat neulich einen Witz gemacht. Vor eineinhalb Wochen, bei einem Vortrag vor Firmenvertretern in Hamburg, wollte er die “Bedürftigkeit von Mitarbeitern nach Rückmeldung, nach Lob und Anerkennung” thematisieren, wie er später im Podcast “Der Sechzehner” erzählte (ab Minute 3:14). Im Publikum habe sich jemand als Fan des FC Bayern München “geoutet”. Dann habe er, Lienen, gesagt: “Schaut mal, er ist Bayern-Fan. Warum wird jemand aus Hamburg oder Umgebung Bayern-Fan? Unter Umständen um am Wochenende nicht das Risiko einzugehen, ein Misserfolgserlebnis zu haben. (…) Vielleicht muss er frühkindliche Deprivationen kompensieren.”
Ewald Lienen wird von diversen Medien so zitiert:
Das sind alles diese Leute, die ihre frühkindliche Deprivation durch ein wöchentliches Erfolgserlebnis kompensieren müssen. Der durchschnittliche Bayern-Fan braucht das. Du wirst FCB-Fan, weil du das Risiko nicht eingehen willst, wie beim HSV oder bei uns mal ein Spiel zu verlieren.
Welche Variante des Zitats stimmt — einzig bezogen auf die eine Person im Publikum oder allgemein bezogen auf den “durchschnittlichen Bayern-Fan” –, konnten wir nicht überprüfen. Der Veranstalter sagte uns auf Nachfrage, dass er leider keinen Mitschnitt von Lienens Auftritt habe.
Jedenfalls hätten sich alle, auch der angesprochene Bayern-Fan, totgelacht, erzählt Ewald Lienen im Podcast. Er habe das natürlich nicht ernst gemeint, wie er einige Tage später auf Facebook schrieb. Ein Witz, ein Lacher, damit hätte die Sache abgeschlossen sein können.
War sie aber nicht. Bild.de und die Hamburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung berichteten über den Witz, zwar mit Kontext, allerdings nur mit sehr wenig davon. Die “Bild”-Medien schrieben lediglich, Lienens Aussage sei “launig” gewesen. Online titelte die Redaktion:
Andere Medien stürzten sich auf das oben zitierte Lienen-Zitat, das “Bild” und Bild.de veröffentlicht hatten, so auch Merkur.de und tz.de aus München (beide veröffentlichten denselben Artikel desselben Autors). Die Redaktionen verzichteten im Text nun komplett auf irgendwelchen Kontext und schrieben in ihren Überschriften: “Ewald Lienen beleidigt FC-Bayern-Fans übel”. Auch Welt.de zog nach, etwas weniger boulevardesk, aber ebenfalls ohne irgendeinen Hinweis darauf, dass Ewald Lienen den Spruch nicht ernst meinte.
Zu diesem Zeitpunkt gab es in den Sozialen Netzwerken schon reichlich Wut der FC-Bayern-Fans. Und diese Wut wurde schnell analog. Beim Bundesligaspiel gegen RB Leipzig hielten sie ein Banner mit einer deutlichen Nachricht an Ewald Lienen, der auch mal den Münchner Stadtrivalen TSV 1860 trainiert hatte, hoch: “Und wem’s als Kind zu gut ging, wechselt zu ‘nem Scheißverein wie 1860! Halt’s Maul, Ewald!”
Dabei stand am Anfang nur ein etwas brachialer Witz. So schnell kann es gehen, wenn Redaktionen hauptsächlich Klicks jagen und Kontext dabei nur stört.
1. Vorsicht vor “antifaschistischen Rechercheplattformen”! (welt.de, Ricarda Breyton)
Die “Welt”-Politikredakteurin Ricarda Breyton warnt vor “antifaschistischen Rechercheplattformen”: “Im Internet kursierten zuletzt fragwürdige Meldungen über den inzwischen zurückgetretenen Sprecher der Werte-Union sowie den Ostbeauftragten der Regierung. Die wurden in die Nähe von Rechtsradikalen gerückt. Diese Art der Gerüchteverbreitung muss verhindert werden.”
Auf Twitter antwortet der AfD- und Faschismus-Experte Andreas Kemper: “Ausgerechnet die WELT warnt vor antifaschistische Rechercheplattformen? Für die WELT war von 2012 bis 2015 G. Lachmann als Chefreporter in Sachen #AfD zuständig. Seit seinem Rauswurf ist er Medienberater für Höcke. Sie nahm Don Alphonso auf, als die FAZ ihn nicht mehr wollte.” Der Journalist Henrik Merker schreibt: “Antifaschistische Rechercheplattformen liefern Material von Neonazi-Versammlungen, zu denen sich manche @welt-Leute nicht auf 10km rantrauen würden. (…) Dass Journalisten das Material prüfen müssen, bevor sie drüber schreiben, sollte klar sein.” Und ergänzt in einem weiteren Tweet: “Und ne, als potentielle Quelle darf man als Journalist antifaschistische Rechercheplattformen niemals ausschließen, wie das in der @welt gefordert wird. Vielmehr sollte man häufiger mal dort nachschauen, um rechtsextreme Netzwerke frühzeitig erkennen und publik machen zu können.”
2. Trusted Brands: Kündigen Sie das Abo von Steingarts “Morning Briefing” – so wird Ihr Newsletterkonsum klimaneutral (meedia.de, Mike Kleiß)
Gabor Steingart hat in seinem Newsletter “Morning Briefing” vor wenigen Tagen dazu aufgefordert, diverse Zeitungen und Magazine zu kündigen. Mike Kleiß kommentiert ironisch: “Gut, dass der ‘Spiegel’ darauf bisher nicht eingeht, nicht zurückschießt. Etwa mit einem Cover auf dem Steingart als Kapitän zu sehen ist. An Deck der Pioneer One. Mit der Zeile: ‘Kündigen Sie einfach das Abo von Steingarts ‘Morning Briefing’ — So wird wenigstens Ihr Newsletterkonsum klimaneutral.'”
3. Influencer sollen über Produkte “informieren” dürfen (lto.de, Annelie Kaufmann)
Das Bundesjustizministerium hat einen Vorschlag zur Kennzeichnung von Social-Media-Posts erarbeitet. Demnach müssen Äußerungen auf Sozialen Medien nicht als Werbung gekennzeichnet werden, “wenn sie ohne Gegenleistung erfolgen und vorrangig der Information und Meinungsbildung dienen”. Ein möglicher Gesetzentwurf müsse jedoch eng mit der Europäischen Kommission abgestimmt werden.
4. Die 1,4 Milliarden-Dollar-Wette inmitten der Streaming Wars: Wie viel Potenzial hat Quibi? (omr.com, Tobi Bauckhage & Jon Hanschin)
Mehr als eine Milliarde Dollar lassen sich zwei amerikanische Unternehmer angeblich den neuen Streamingdienst Quibi kosten. Auf dem zahlungspflichtigen Kanal soll es Kurzvideos (“Quick Bites”) mit einer Länge von maximal zehn Minuten geben. Zielgruppe: Handynutzer und -nutzerinnen. Tobi Bauckhage und Jon Hanschin erklären, was es mit dem Kurzfilm-Netflix auf sich hat.
5. Wo bleibt die Empathie? (taz.de, Fabian Kretschmer)
Die europäische Berichterstattung über das Coronavirus mache viele Chinesen und Chinesinnen wütend, so der China-Korrespondent Fabian Kretschmer. Der Mangel an Empathie gegenüber der Bevölkerung sei erschreckend. Zumal die derzeitige Situation mit einer Quarantäne für rund 60 Millionen Menschen bislang einmalig und Schuldzuweisungen unangebracht seien.
1. “Vor unseren Augen kreiert sich ein mörderisches System” (republik.ch, Daniel Ryser & Yves Bachmann)
Wer heute nur einen Text lesen will oder kann: Hier ist er! Der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, erzählt von den Erkenntnissen seiner Untersuchung im Fall des “Wikileaks”-Gründers Julian Assange. Und die sind brisant, aufrüttelnd und verstörend. Seiner Meinung nach habe die schwedische Polizei die Vergewaltigungsvorwürfe herbei konstruiert: Beweise seien manipuliert, Aussagen umgeschrieben worden. Julian Assange werde bei einer Auslieferung in die USA kein rechtsstaatliches Verfahren bekommen. Assange werde auch jetzt nicht rechtsstaatlich fair behandelt, sondern auf verschiedene Weise psychologisch gefoltert. Melzer fragt: “Was ist die Rechtsgrundlage dafür, jemandem das fundamentale Recht seiner eigenen Verteidigung zu verweigern? Warum wird ein ungefährlicher, nicht gewalttätiger Mann monatelang in Isolationshaft gehalten, wo doch die Uno-Standards jede Isolationshaft von mehr als 15 Tagen grundsätzlich verbieten? Keiner dieser Uno-Mitgliedsstaaten hat eine Untersuchung eingeleitet, meine Fragen beantwortet oder auch nur den Dialog gesucht.”
2. Wohltäter, Streber, Freigeister (faz.net, Tobias Rüther & Peter Körte & Andreas Lesti & Timon Karl Kaleyta & Harald Staun)
Einige Sportlerinnen und Sportler zieht es nach ihrer Sportkarriere in die Medien, zum Beispiel als Expertinnen und Experten hinter dem Mikro. Doch sind sie tatsächlich die besseren Fachleute? Die “FAZ” hat sich ein paar von ihnen näher angeschaut, darunter die ehemalige Biathletin Laura Dahlmeier (ZDF), den Ex-Skirennfahrer Felix Neureuther (ARD), die Ex-Fußballer Oliver Kahn (ZDF), Steffen Freund (RTL Nitro), Thomas Broich (ARD) und Dietmar Hamann (Sky), die Ex-Tennisspielerin Andrea Petkovic (ZDF) und den ehemaligen Zehnkämpfer Frank Busemann (ARD).
3. Grieger-Langer und die gefakte Kundenliste (haufe.de, Ruth Lemmer)
“Suzanne Grieger-Langer nennt sich ‘Profilerin’ und zieht mit einer martialischen Show durch Deutschland, in der Binsenweisheiten über Persönlichkeit und Führung verbreitet werden. Sie findet zahlreiche Zuhörer, obwohl ihr Umgang mit der eigenen Vita und mit ihrer Kundenliste Zweifel an ihrer Kompetenz und Wahrheitsliebe aufkommen lassen.” Ruth Lemmer berichtet über eine, nennen wir es euphemistisch “schillernde”, Person, die berechtigte Kritik gerne mit Abmahnungen beantworten lässt.
Weitere Lesehinweise zum Hintergrund: Grieger-Langer: Profilerin mit Hang zur Lüge (mba-journal.de, Bärbel Schwertfeger). Und: Eine zweifelhafte Expertin fürs “Charakter-Profiling” (uebermedien.de, Bärbel Schwerdtfeger).
4. Sag zum Abschied leise Kamener Kreuz (zeit.de, Nils Markwardt)
Nach über 50 Jahren hat der Deutschlandfunk (DLF) seine Stau- und Verkehrsmeldungen eingestellt. Nils Markwardt winkt dem Format zum Abschied zärtlich hinterher: “Die DLF-Verkehrsmeldungen waren (…) der Soundtrack des Franz-Josef-Wagner-Deutschlands: ein melancholisch-kitschiges Hörspiel über jene mystische ‘Mitte’, die in Talkshows und Leitartikeln unentwegt beschworen wird. Meldete die sonore Stimme Störungen bei Dettingen an der Iller und Erlangen-Frauenaurach oder Sperrungen auf A1 und B12, konnte sich der einfühlsame Hörer die Schicksale hinter dem zähfließenden Verkehr vorstellen: den genervten Pendler, der eigentlich zum Anstoß zu Hause sein wollte; die müde Truckerin, der im Laderaum langsam 200 Kilo Mett weggammeln; oder den hungrigen Schichtarbeiter, der auf eine Senfpeitsche an der Tanke hinfiebert.”
Hörtipp: Der Deutschlandfunk verabschiedet sich auf besondere Weise von den Staumeldungen: Auf Twitter verliest DLF-Chefsprecher Gerd Daaßen die schönsten Orte und Autobahnkreuze. (Video: 1:06 Minuten).
Weiterer Lesetipp: Torsten Kleinz beleuchtet einen anderen Aspekt: “Aus meiner Sicht ist diese Episode ein plastischer Beleg dafür warum DAB+ keine Chance hatte. Wenn man schon den Rundfunk digitalisiert, dann hätten die Verkehrsnachrichten an erste Stelle gehört. Statt alle Verkehrsnachrichten für alle auszustrahlen, könnte man ein Opt-In realisieren. Technisch ist das ohne weiteres möglich — man hat es halt nicht getan.”
5. Mehr als 250 Mitarbeitende kritisieren die Deutsche Welle für ihren Umgang mit Vorwürfen von Belästigung, Mobbing und Einschüchterung (buzzfeed.com, Pascale Müller & Juliane Loeffler)
Von mehr als 250 Mitarbeitenden der Deutschen Welle (DW) ist die Rede, die sich in einem Offenen Brief an den DW-Intendanten Peter Limbourg gewandt haben. Es sind schwere Vorwürfe, die dort erhoben werden: “Wir glauben, dass Machtmissbrauch bei der Deutschen Welle allgegenwärtig ist”. Die “Buzzfeed”-Reporterinnen Pascale Müller und Juliane Loeffler erklären den Hintergrund des Beschwerdebriefs. Dem Artikel ist außerdem der Offene Brief im Original (in englischer und deutscher Sprache) beigefügt.
Weiterer Lesehinweis: Die “taz” konnte die Antwort der Geschäftsleitung einsehen: “Wenn sich offenbar mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranlasst sehen, sich anonym an den Intendanten zu wenden, scheint tatsächlich einiges nicht zu funktionieren” (taz.de, Peter Weissenburger).
6. Deutsches Fernsehballett vor dem Aus (spiegel.de)
Das 1962 zu DDR-Zeiten gegründete Deutsche Fernsehballett steht vor dem Aus. Geschäftsführer Peter Wolf habe dem “Spiegel” gegenüber bestätigt, dass das Ensemble Ende 2021 aufgelöst werde. TV-Aufträge kämen nur noch vom MDR. Allein mit diesen Auftritten lasse sich die Gruppe mit 18 Tänzerinnen und Tänzern nicht finanzieren. Tipp des Kurators für einen nostalgischen Rückblick: Auf der Seite des Deutschen Fernsehballetts gibt es eine Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte und eine Zusammenstellung von Videomitschnitten.