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Herdentrieb: Immer den anderen hinterher!

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 4: der Herdentrieb.

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Zwei Bars in einer fremden Stadt. Beide liegen direkt nebeneinander. Die eine ist voll, in der anderen ist so gut wie gar nichts los. Wenn Menschen sich nun für eine der Bars entscheiden müssen, werden die meisten in die vollere gehen, weil sie sich von der Annahme leiten lassen: Die Leute werden schon wissen, warum sie nicht in der anderen sitzen.

In Situationen, in denen Menschen unsicher sind, orientieren sie sich an anderen. Sie ahmen deren Verhalten nach. Der Effekt heißt “social proof”. Er erklärt sich dadurch, dass Menschen in Unsicherheit offenbar zu der Überzeugung neigen, andere wüssten besser Bescheid als sie. So kann schnell ein Herdenverhalten entstehen.

Als am 17. Januar 2017 die Meldung die Runde machte, das Bundesverfassungsgericht habe die NPD verboten, war genau das passiert. Viele Redaktionen hatten Journalistinnen und Journalisten nach Karlsruhe geschickt, die sich mit Gerichtsberichterstattung nicht auskannten. Sie glaubten, schon das Urteil zu hören, als die Richter noch die Anträge vorlasen. Dann kamen die ersten Eilmeldungen, andere Medien zogen nach. Die falsche Nachricht verbreitete sich mit einem enormen Tempo und musste später wieder eingefangen werden.

Dass die Lage unübersichtlich ist und nicht klar scheint, wie etwas zu deuten oder zu verstehen ist, kommt im Journalismus ständig vor. Im besten Fall recherchieren Journalistinnen und Journalisten dann, um sich mit den Hintergründen vertraut zu machen. Im zweitschlechtesten Fall schauen sie, was die Kolleginnen und Kollegen so schreiben und orientieren sich daran. Im schlechtesten Fall hatten die Kolleginnen und Kollegen das auch schon getan.

Wenn immer weniger Zeit zur Verfügung steht, wächst die Gefahr, dass Fehleinschätzungen sich verbreiten, weil alle sich gegenseitig aufeinander verlassen. Besonders groß ist diese Gefahr, wenn Journalistinnen und Journalisten nicht dazu verpflichtet sind, Informationen zu überprüfen, weil sie zum Beispiel von Nachrichtenagenturen geliefert werden. Dann passiert etwas, das man aus Situationen kennt, in denen man sich von einem Navigationsgerät oder Ortskundigen leiten lässt. Das eigene Denken nimmt sich eine Pause. Im Journalismus verbreiten sich unter diesen Umständen Meldungen, die man unter normalen Umständen für mindestens seltsam gehalten hätte:




Doch auch, wenn Agenturen nicht beteiligt sind, kommt es immer wieder zu verhängnisvollen Domino-Effekten, weil Journalistinnen und Journalisten zu sehr aufeinander vertrauen.

Im Mai 2013 schrieb Detlef Esslinger in einem Kommentar für die “Süddeutsche Zeitung”:

Was man den Medien vorwerfen kann, ist ein zweifacher Herdentrieb. Zum einen arbeitet jede Zeitungs- und Fernsehredaktion grundsätzlich nach der Devise: “Dazu müssen wir auch was haben.” Zum anderen reihen Autoren sich lieber gefahrlos in einen Chor ein, als eine Solostimme zu wagen — wie andere Akteure übrigens auch.

In Esslingers Text ging es unter anderem um die Berichterstattung, die dazu geführt hatte, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat.

Der Journalistik-Professor Hans Mathias Kepplinger schildert in seinem Buch “Totschweigen und Skandalisieren – Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken”, wie es dazu kam: Es hatte alles angefangen mit einem Bericht in der “Bild”-Zeitung über einen Kurzurlaub Wulffs zusammen mit dem Unternehmer David Groenewold. Der hatte das Hotel mit seiner Kreditkarte bezahlt. Vier Jahre später, als die Berichterstattung über die Reise bereits in vollem Gange war, habe Groenewold das Personal im Hotel gebeten, ihm die Belege auszuhändigen, was der Versuch hätte sein können, die Unterlagen verschwinden zu lassen. Der “Bild”-Artikel war laut Generalstaatsanwalt der Auslöser für die Aufhebung von Wulffs Immunität.

Nach Christian Wulffs Darstellung hatte David Groenewold lediglich um Kopien gebeten, um auf Fragen von Journalistinnen und Journalisten genaue Antworten geben zu können. Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Falls das zutrifft, würde es sich bei dem Bild-Artikel um die folgenschwerste Falschmeldung der deutschen Nachkriegsgeschichte handeln.

Der Rest ist bekannt. Vergessen oder nie gelesen haben allerdings viele, dass danach mehrere Chancen verstrichen, die Sache richtigzustellen. Stefan Niggemeier hat damals in seinem Blog ausführlich nachgezeichnet, wie Wulff über eine Falschmeldung stürzte, aber es im Grunde keinen kümmerte — und sich später mehrere Gelegenheiten ergaben, die ganze Geschichte zu erzählen, zum Beispiel zur Veröffentlichung von Wulffs Buch, die aber alle ungenutzt blieben.

Es mögen unglückliche Zufälle gewesen sein, aber es sieht nicht nach Zufällen aus — eher nach Journalistinnen und Journalisten, die “sich lieber gefahrlos in einen Chor ein[reihen], als eine Solostimme zu wagen.”

Der Journalist Michael Götschenberg hat über den Fall Wulff ein Buch geschrieben. Es heißt: “Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien über die Amtszeit des Bundespräsidenten Christian Wulff”. Er sieht auch Parallelen zu anderen Fällen. Im Interview mit der “taz” sagte Götschenberg:

Man konnte das sehr gut in den ersten Stunden der Berichterstattung über den Fall Edathy beobachten, gerade bei den Online-Medien. Da wurden innerhalb von Stunden aus Vermutungen plötzlich Fakten. Das Schlimmste ist, dass alle voneinander abschreiben. Niemand macht sich mehr die Mühe zu überprüfen, ob überhaupt zutreffend ist, was behauptet wird. Das war bei Wulff auch so.

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl hat den Eindruck, dass das in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden ist. In seinem Buch “Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde” schreibt er:

Herdentrieb und Ingroup-Tunnelblick, sprich: Orientierung an der Berichterstattung der Wettbewerber, mag es im Journalismus immer gegeben haben. In Zeiten der Digitalisierung, in denen Redaktionen kaputt gespart werden, wird das allerdings zur Regel.

Dass Menschen sich an anderen Menschen orientieren, kann auch auf andere Weise zum Problem werden, etwa beim Phänomen des Gruppendenkens (Groupthink). Dabei einigen sich mehrere Menschen in einer Gruppe auf eine Entscheidung, die kein einzelnes Mitglied so getroffen hätte. Das passiert auch in Redaktionen — zum Beispiel, wenn Kritik nicht erwünscht ist.

Wenn es in Redaktionskonferenzen darum geht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, und kritische Anmerkungen dabei eher stören, führt das zwangsläufig dazu, dass kaum noch jemand etwas Kritisches sagt. Dazu genügt es oft schon, wenn der Chef oder die Chefin empfindlich auf Kritik reagiert. So etabliert sich schnell eine Atmosphäre, in der auch schlechte Entscheidungen durchkommen, weil Harmonie wichtiger erscheint als die Sache.

Ein ähnliches Phänomen beschreibt die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Sie besagt: Bevor Menschen sich äußern, schätzen sie das Meinungsklima ab. Je stärker die zu erwartenden Widerstände sind, desto eher schweigen sie — aus Angst vor der Isolation.

In einer digitalen Welt bringt das Menschen nicht zum Schweigen. Sie weichen einfach aus und verbreiten ihre Meinung dort, wo Zustimmung zu erwarten ist. In Milieus, in denen Nähe eine große Rolle spielt, etwa in Vereinen oder in der Nachbarschaft, ist das Ausweichen schwer. Dort kommt es leichter zu einer Spiralwirkung. Journalistinnen und Journalisten verstärken das mit ihrer Berichterstattung, wenn sie ihre Meinung mit dem allgemeinen Meinungsklima synchronisieren — aus Überzeugung oder um im eigenen Milieu nicht alleine in einer Ecke zu stehen.

Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat dieses ein Phänomen im Jahr 2015 in Deutschland beobachtet. In der Studie “Die ‘Flüchtlingskrise’ in den Medien” (PDF), die Haller zusammen mit einem Forscherteam für die Otto-Brenner-Stiftung erstellt hat, beschreibt er, wie Journalistinnen und Journalisten von Tageszeitungen (nur um die geht es in der Studie) das Narrativ der “Willkommenskultur” zum moralischen Gebot erhoben und damit andere Meinungen automatisch mit dem Stempel “unmoralisch” versahen. Haller schreibt:

In der Tagespresse wurde unseren Befunden zufolge das Narrativ Willkommenskultur als moralisch intonierte Verpflichtungsnorm “top-down” vermittelt. (…) Annähernd 83 Prozent aller Zeitungsberichte vermittelten das Leitbild Willkommenskultur in einem positiven oder mehr positiven Sinne. Über Bedenkenträger oder Skeptiker wurde eher selten berichtet.

Vor allem die lokale und regionale Presse kommt in der Studie sehr schlecht weg:

Die Besonderheit der Regionalpresse, dass sie [die Journalistinnen und Journalisten] in ihren Lokalteilen die Nah- und Alltagswelt der Menschen durchleuchten und Vorgänge wie auch Probleme quasi hautnah recherchieren, wurde im Jahr 2015 für die Flüchtlingsthematik nicht genutzt. Die vergleichsweise wenigen Texte, die Probleme oder Konflikte thematisierten, sind fast ausnahmslos Veranstaltungsberichte und insofern keine journalistischen Eigenleistungen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wurden abweichende Positionen wie auch behördliche Fehlleistungen untersucht oder Fachwissen eingeholt und ausgewertet oder dialogisch aufbereitet.

Überhaupt sieht es so aus, dass Journalistinnen und Journalisten sehr viel Wert darauf legen, was andere Journalistinnen und Journalisten über sie denken. Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Eine Ursache der Entstehung von berufsspezifischen Übereinstimmungen bei der Bewertung aktueller Fragen ist die extrem intensive Kollegenorientierung im Journalismus. Alle Journalisten verfolgen permanent die Berichterstattung aller ihnen relevant erscheinenden Medien, bilden sich ein Urteil über die Einschätzung der Lage durch Kollegen und orientieren sich an den publizierten Sichtweisen der von ihnen besonders geschätzten Medien.

Die Kollegenorientierung zeigt sich auch in der geringen Bereitschaft von Journalistinnen und Journalisten, sich untereinander zu kritisieren:

Journalisten sind deutlich weniger zur öffentlichen Kritik am beruflichen Fehlverhalten ihrer Kollegen bereit als Wissenschaftler und Techniker. Deshalb berichten sie — wie quantitative Analysen belegen — seltener über bekannte Missstände im eigenen Beruf als über bekannte Missstände in anderen Berufen

… schreibt Kepplinger. Und das ist eigentlich besonders paradox, denn während Journalistinnen und Journalisten bei Fehlern in anderen Berufen ihre Aufgabe darin sehen, Transparenz herzustellen, Missstände ans Licht zu bringen und offenzulegen, wenn Kollegen sich decken, ist gegenseitige Kritik unter Journalistinnen und Journalisten als “Kollegenschelte” verpönt. Wer sich widersetzt, gilt schnell als “Nestbeschmutzer”.

Inzwischen kann das nicht mehr verhindern, dass die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten öffentlich kritisiert wird. Diese Aufgabe übernimmt einfach das Publikum. Doch die Kollegenorientierung bleibt ein Problem.

Gegen bestimmte Herdentendenzen können Journalistinnen und Journalisten selbst etwas tun: Damit Kritik in Gruppen nicht einfach unerwähnt bleibt, weil niemand die Person sein möchte, der alles schlechtredet, kann jemand aus der Gruppe die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Rolle des Advocatus Diaboli einzunehmen, der die gegnerischen Positionen vertritt und Zweifel äußert. Eine andere Möglichkeit, das Gruppendenken aufzubrechen, ist die Prä-mortem-Methode. Dabei besteht die Aufgabe darin anzunehmen, dass der schlimmste Fall bereits eingetreten ist, und im Rückblick die Frage zu beantworten: Wie konnte diese Katastrophe passieren?

Um nicht den Fehler zu machen, sich an anderen zu orientieren, obwohl die es selbst vielleicht auch gar nicht besser wissen, hilft dagegen oft schon ein sehr einfaches Mittel: nachfragen.

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Teil 1 unserer Serie “Kleine Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Heuristiken: Riskante Schleichwege fürs Denken

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 2: Heuristiken.

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Als Anfang des Jahres private Daten von Prominenten auf einer Internetseite auftauchten, war “Bild”-Chef Julian Reichelt sich sehr schnell sicher, wie alles gewesen sein musste. In Gabor Steingarts Podcast sagte er damals:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Am Ende stellte sich heraus: Reichelt hatte recht. Es waren tatsächlich nicht zwei Jungs gewesen, die ein bisschen was gehackt und dann aufbereitet hatten, es war nur einer.

Julian Reichelt ist dabei ein Fehlschluss unterlaufen, der Menschen immer wieder passiert — Journalistinnen und Journalisten sehr häufig, weil sie oft in Situationen geraten, in denen sie wenig wissen, aber trotzdem irgendetwas sagen müssen.

Wenn wichtige Informationen fehlen, um zu einer guten Einschätzung kommen zu können, müssen Menschen sich an etwas orientieren. Die verschiedenen Techniken, mit denen sie versuchen, im Nebel Halt zu finden, nennt man Heuristiken.

Menschen versuchen, sich in so einer Situation mit einer Handvoll Puzzleteilen ein vollständiges Bild zu machen. In sehr vielen Fällen gelingt das auch. Wenn man auf einem Puzzleteil eine Nase erkennen kann, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass auf den übrigen Mund und Augen zu sehen sein werden.

Wahrnehmungspsychologen nennen diese Methode Repräsentativitätsheuristik, weil Menschen dabei von einer einzelnen repräsentativen Information auf die Gesamtheit schließen. Im Falle des Puzzlestücks kann das Gesamtbild natürlich auch aus eintausend Nasen bestehen. Aber um das herauszufinden, müsste man das gesamte Bild erst zusammenzusetzen. Die Heuristik macht es möglich, sich schnell zu entscheiden.

Menschen, die “Fake News” verbreiten möchten, machen sich dieses Prinzip zunutze. Sie entwerfen Websites, die auf den ersten oberflächlichen Blick aussehen wie Nachrichtenseiten. Sie spekulieren darauf, dass die Menschen sich auf ihren ersten Eindruck und ihre Intuition verlassen und nicht ganz so genau hinschauen. Darauf fallen auch Journalistinnen und Journalisten ganz gern herein.

Als der heutige “Titanic”-Chefredakteur Moritz Hürtgen im Juni 2018 bei Twitter meldete, Horst Seehofer wolle die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU auflösen, hätten wenige Klicks genügt, um herauszufinden, dass der Twitter-Account @hrtgn nichts mit dem Hessischen Rundfunk zu tun hat. Aber Hürtgen hatte die Journalistinnen und Journalisten schon richtig eingeschätzt: Er hatte lediglich sein Profilbild geändert und in den Tagen zuvor ein paar Meldungen vom Hessischen Rundfunk gepostet. Die Nachrichtenagentur Reuters verließ sich darauf, dass der Account den Anschein einer seriösen Quelle hatte. Danach machte die satirische Falschmeldung die Runde.

Das Problem ist: Heuristiken liefern in der Tendenz gute Ergebnisse, sind aber recht anfällig für Fehler — vor allem dann, wenn Menschen nicht ahnen, dass ihr Urteil durch eine Heuristik zustande kommt.

In Gabor Steingarts Podcast erklärt “Bild”-Chef Reichelt seine Einschätzung so:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Reichelt schaut, wie gut die Situation in ein Muster passt — wie repräsentativ sie also für eine bestimmte Situation ist. Danach bemisst er die Wahrscheinlichkeit.

In solchen Situationen machen Menschen auch oft einen anderen Fehler: Sie schätzen Wahrscheinlichkeiten falsch ein, wenn sie sich von logischen Zusammenhängen blenden lassen. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky nennen das Phänomen das Linda-Problem. Herausgefunden haben sie es mit einem Experiment, in dem sie Probandinnen und Probanden eine Frau beschrieben und ihnen dann Fragen stellten. Sie charakterisierten die Frau zunächst mit Merkmalen, die zu einer Feministin passen, und fragten anschließend: Was ist wahrscheinlicher:

  • Die Frau ist Bankangestellte?

Oder:

  • Die Frau ist eine feministische Bankangestellte?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden sich mehrheitlich für die zweite Antwort, weil es logisch erscheint, dass eine feministische Frau auch eine feministische Bankangestellte ist. Allerdings ist jede feministische Bankangestellte auch einfach nur eine Bankangestellte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau zu dieser viel größeren Gruppe gehört, ist also deutlich höher.

Diese falsche Einschätzung nennt sich Basisratenfehler: Wenn etwas offensichtlich erscheint, neigen Menschen dazu, nicht auf die tatsächlichen statistischen Wahrscheinlichkeiten zu schauen.

Julian Reichelt muss die Wahrscheinlichkeit recht hoch vorgekommen sein, dass irgendein Geheimdienst bei der Veröffentlichung der Prominenten-Daten seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Und nun gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder ist ein recht unwahrscheinliches Ereignis eingetreten — oder Reichelt hat die Wahrscheinlichkeiten falsch eingeschätzt.

In beiden Fällen ist ihm möglicherweise noch ein anderer Denkfehler unterlaufen, den Kahneman mit der sogenannten WYSIATI-Regel (What you see is all there is) beschreibt: Wenn Menschen eine Situation einschätzen, schauen sie auf die Informationen, die vor ihnen liegen. Sie bewerten das Sichtbare und unterschätzen den Einfluss des Unsichtbaren — sogar dann, wenn sie wissen, dass unbekannte Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Das kann dazu führen, dass Menschen Zusammenhänge konstruieren, wo keine sind — dass sie zum Beispiel davon ausgehen, dass ein außergewöhnlicher Fußballtorwart auch ein zuverlässiger Ratgeber in Finanzfragen sein muss, oder ein sympathischer Moderator auch ein guter Bundeskanzler wäre (Halo-Effekt). Dieses Prinzip nutzt die Werbung sehr gerne.

Umgekehrt kann es auch zur Folge haben, dass bekannte negative Eigenschaften einen Verdacht auf Menschen lenken, die im konkreten Fall nichts damit zu tun haben (Teufelshörner-Effekt). Mit diesem Effekt arbeiten auch Krimi-Autoren: Wenn eine Figur in einer Szene zu sehen ist, in der sie unfreundlich zu anderen Menschen ist, lenkt das auch den Verdacht im Mordfall auf sie (wobei es am Ende doch immer die Figur war, die zu Beginn von allen am sympathischsten erschien).

Es gibt noch eine Reihe weiterer Denkabkürzungen, mit denen Menschen sich behelfen, wenn sie schnell Entscheidungen treffen müssen. Zum Beispiel die Verfügbarkeitsheuristik: Wenn Menschen nicht alle relevanten Faktoren kennen, um zu einer guten Entscheidung zu kommen, überlassen sie die Bewertung ihrer Erinnerung. Das führt dazu, dass sie besonders präsente Informationen bevorzugen — also all das, was ihnen sofort in den Sinn kommt.

Im Fall der geleakten Prominenten-Daten hätten die Täter natürlich Aktivisten von irgendwoher sein können. Weil Julian Reichelt und sein “Bild”-Team die Russen aber ohnehin hinter so gut wie allem vermuten, lag wohl auch hier die Annahme nahe, dass der russische Geheimdienst etwas mit der Sache zu tun haben muss.

Die Verfügbarkeitsheuristik spielt im Journalismus an verschiedenen Stellen eine Rolle. Wenn Journalistinnen und Journalisten einen Experten suchen, der etwas zu einem Thema sagen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht den anrufen, der sich am besten auskennt, sondern den, der ihnen als Erstes einfällt.

Außerdem beeinflussen Medien sich bei der Auswahl von Themen gegenseitig. Berichten mehrere Redaktionen über etwas, kommt schnell die Frage auf: Warum haben wir das nicht? So gewinnt die Verbreitung an Dynamik. Und je präsenter ein Thema ist, zum Beispiel bei Twitter, desto schneller fällt es Redakteurinnen und Redakteuren in den Themenkonferenzen ein. Das führt zu einer Verzerrung, deren Ergebnis sein kann: Über ein wichtiges Thema wird nicht berichtet, weil über ein wichtiges Thema nicht gesprochen wird.

Die Verfügbarkeitsheuristik verzerrt auch die Wahrnehmung des Publikums. Wenn Meinungsforschungsinstitute Menschen fragen, wovor sie am meisten Angst haben, ist kurz nach Terroranschlägen eine häufige Antwort: vor Terroranschlägen — obwohl die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt, an Krebs oder bei einem Autounfall zu sterben, sehr viel größer ist.

Berichten Journalistinnen und Journalisten über diese Umfragen, führt das wiederum dazu, dass der Effekt sich verstärkt, weil beim Publikum der Eindruck entsteht: Wenn andere das auch so sehen, ist die Sorge ja offenbar nicht ganz unbegründet.

Ein weiterer Denkfehler, der in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten eine Rolle spielt, ist der fundamentale Attributionsfehler. Menschen neigen dazu, den Einfluss von Personen auf Ereignisse zu über- und den der Umstände zu unterschätzen. Dieser Fehler kommt zum Beispiel in der Sport- oder Wirtschaftsberichterstattung häufig vor, wenn Journalistinnen und Journalisten Erfolge der Taktik des Trainers oder der unkonventionellen Art des Vorstandsvorsitzenden zuschreiben. So ergibt sich eine stimmige Geschichte. Es kann allerdings sein, dass die unkonventionelle Art des Firmenchefs bei Rekordverlusten zwei Jahre später auch eine gute Erklärung für seinen Misserfolg ist. Tatsächlich hat der Zufall sehr großen Einfluss. Das ist allerdings eine Erklärung, von der man in der Berichterstattung nur sehr selten liest.

Gleichzeitig spielt dabei die Ergebnisverzerrung (Outcome-Bias) eine Rolle. Um die Qualität von Entscheidungen zu bewerten, schauen Menschen auf das Ergebnis. Hat eine Mannschaft gewonnen, hat der Trainer dem Anschein nach alles richtig gemacht. Es kann aber eben auch sein, dass eine Mannschaft gewonnen hat, obwohl der Trainer ihr mit seinen Entscheidungen alle erdenklichen Steine in den Weg gelegt hat.

Was aber lässt sich gegen diese Verzerrungen machen?

Das Herrschaftswissen der Verhaltensökonomie und Sozialpsychologie über Shortcuts und Fehler bei der Entscheidungsfindung (…) ist vielen Kommunikationsmanagern und -strategen, die die Medien für ihre Zwecke instrumentalisieren, inzwischen wohlvertraut. Dagegen kennen all das bisher viel zu wenige Journalisten

… schreibt der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl in seinem Buch “Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde”. Daher ist der erste Schritt: sich unbewusste Denkprozesse bewusst machen. Dann fällt man vielleicht immer noch auf sie herein, kann das aber in einem zweiten Schritt überdenken und korrigieren.

Janina Kalle hat einen interessanten Beitrag über Techniken geschrieben, mit deren Hilfe sich diese Verzerrungen entschärfen lassen. Um das Outcome-Bias auszuschalten, kann es zum Beispiel sinnvoll sein, eine andere Perspektive einzunehmen, sich zu fragen: Wäre unter den gleichen Umständen ein anderer Ausgang der Geschichte möglich gewesen?

Generell gilt: Wer sich die Wahrnehmungsverzerrungen bewusst macht, hat immerhin die Chance, sie zu erkennen. Auch Zeit ist immer von Vorteil, denn wenn das Gehirn schnelle Entscheidungen trifft, ist die Fehlerwahrscheinlichkeit hoch. Und je weniger Journalistinnen und Journalisten sich auf ihre Erinnerung und vor allem auf bloße Eindrücke verlassen, desto geringer ist die Gefahr, vom eigenen Gehirn überlistet zu werden.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zitiert in seinem Buch “Die große Gereiztheit” ein geflügeltes Wort us-amerikanischer Journalistinnen und Journalisten: “Wenn deine Mutter dir sagt, sie liebt dich, überprüfe es.” Für Julian Reichelt könnte man den Satz etwas abwandeln: “Wenn dein Gefühl dir sagt, es waren die Russen, recherchiere es.”

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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier.

Herkunft von Tatverdächtigen, feindseliges Verhalten, DJV-Sexyness

1. Wie oft nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Die Hochschule Macromedia hat für eine Studie nachgeschaut, wie oft und in welchen Fällen Redaktionen die Herkunft von Tatverdächtigen in ihrer Berichterstattung nennen. Jennifer Pross fasst die Ergebnisse für den “Mediendienst Integration” zusammen: Die Herkunft werde “vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.” Außerdem hat Studienautor Thomas Hestermann für den “Mediendienst Integration” eine ausführliche “Expertise” erstellt (PDF). Er nennt darin teils erschreckende Zahlen, etwa: “Verglichen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, ergibt sich daraus ein stark verzerrtes Bild: Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen Tatverdächtigen.”
Weitere Lesetipps: Keine “Lückenpresse” (deutschlandfunk.de, Gudula Geuther), Die Gefahr der Obsession (taz.de, Peter Weissenburger) und Bizarrer Fetisch: Mann wird nur von Verbrechen erregt, wenn sie von Ausländern begangen werden (der-postillon.com).

2. Impulse aus Straßburg zur grundrechtlichen Bewertung feindseligen Verhaltens Privater gegenüber Journalist*innen
(juwiss.de, Tobias Brings-Wiesen)
Nachdem die NPD zu einer Demonstration gegen drei Journalisten aufgerufen hatte, schreibt Jurist Tobias Brings-Wiesen darüber, “wie schwierig in der grundrechtlichen Bewertung die Abgrenzung zulässiger Opposition von grenzüberschreitender Oppression sein kann”: “Der Sachverhalt bietet daher Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen, wie mit feindseligem Verhalten Privater gegenüber Journalist*innen — auch unterhalb der Schwelle physischer Attacken — auf Ebene der Grundrechte umzugehen ist.” Er bringt dazu die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Spiel, bei der es um ein “environment protective of journalism” geht.

3. Fehler im Atom-Kommentar
(blogs.taz.de, Malte Kreutzfeldt)
In einer “taz”-Beilage ist ein Text zum Thema Atomkraft erschienen (Überschrift: “Atomenergie als kleineres Übel”), der in einem Workshop von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten entstanden ist. Malte Kreutzfeldt schreibt im “taz”-eigenen “hausblog” dazu: “Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zum Sinn der Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten stimmen, auf denen die Meinungen beruhen. Und das ist in diesem Text, wie auch zahlreicher Leser*innen anmerkten, an mehreren Stellen leider nicht der Fall. Folgendes möchten wir darum an dieser Stelle klarstellen”.

4. Auf der Suche nach mehr Sexyness
(deutschlandfunk.de, Vera Linß)
Zum 70. Geburtstag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) spricht Vera Linß über die “Attraktivitätsprobleme” der Gewerkschaft: “Die Mitgliederzahl ist seit 2003 um 10.000 gesunken — auf derzeit 32.000. Denn junge Leute bleiben fern. Früher ging man nach dem Volontariat direkt in die Gewerkschaft. Heute ist das nicht mehr so. Das hat zum einen finanzielle Gründe. Aber auch die Überalterung des DJV schreckt viele ab.”
Weiterer Hörtipp: Jörg Wagner und Daniel Bouhs hatten im Medienmagazin des rbb den DJV-Vorsitzenden Frank Überall zu Gast.

5. Werbe-Tracking: Datenschutzbeauftragte prüft Landesportal berlin.de
(heise.de, Stefan Krempl)
Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk sagt, “das offizielle Hauptstadtportal” Berlin.de handle “für das Land Berlin ‘rufschädigend'”, weil es über Werbetracker reichlich Daten der Benutzerinnen und Benutzer absaugt. Stefan Krempl erklärt bei heise.de: Die Betreiberfirma hinter Berlin.de, Berlin Online, gehöre zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag, der bekanntermaßen dem Neu-Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich gehört.
Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org über “die wirre Geschichte einer Hauptstadt-Website”.

6. Wir müssen Autorinnen ermuntern
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat ein “Kurz-Interview” mit Jörg Schönenborn geführt. Gewohnt hartnäckig fragt Buhre bei dem Fernsehdirektor des WDR und Koordinator Fernsehfilm in der ARD nach, ob dieser Interesse daran habe, dass mehr Frauen die Drehbücher von “Tatort” und “Polizeiruf” schreiben (aktuell liege der Anteil bei unter 10 Prozent), und ob Schönenborn es in Ordnung finde, dass bei der ARD für Dokumentationen vergleichsweise wenige Gelder vorhanden sind (allein der “Tatort” erhalte beinahe so viel Budget wie alle Dokumentarfilme zusammen).

Bestechungsvorwürfe, Job-Angst bei Springer, Kunst des Interviews

1. Bestechung beim Rundfunk Berlin-Brandenburg?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber & Kurt Sagatz)
Nach einem von “Bild” thematisierten Bericht des Brandenburger Landesrechnungshofs soll es bei der Fernsehproduktionsgesellschaft Dokfilm Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Das Unternehmen, im Besitz von RBB und NDR, soll regelmäßig Redakteure öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Restaurants bewirtet und mit Geschenken bedacht haben. Der RBB habe Korruptionsvorwürfe gegen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgewiesen. Es handele sich zwar um teilweise erhebliche Abrechnungsmängel, die aus diesen Mängeln konstruierten Korruptionsvorwürfe seien jedoch abwegig.

2. Die Kunst des Interviews
(faz.net, Timo Frasch)
Die “FAZ” veröffentlicht eine gekürzte Fassung der Einleitung zu Timo Fraschs Interviewband “Sie stellen mir Fragen, die ich mir nie gestellt habe”. Die Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil einem unter Umständen der naive Glaube genommen wird, ein veröffentlichtes Interview entspräche stets dem tatsächlichen Gesprächsverlauf: “Die Dramaturgie eines Gesprächs kann man nachträglich noch ganz gut gestalten — bestimmte Kniffe sollte man sich sogar für die Bearbeitungsphase aufheben. Eine provokante Frage zum Auftakt mag sich im gedruckten Interview gut machen, es empfiehlt sich aber nicht, im tatsächlichen Gespräch damit einzusteigen. Man will die Leute ja nicht gleich vor den Kopf stoßen.”

3. Ein Gespräch mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister
(medienkorrespondenz.de, René Martens)
René Martens hat sich mit dem Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt. Es geht unter anderem um die Krise des öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus. Hachmeisters ernüchterndes Fazit: “Was fehlt, sind Fachwissen, Souveränität, handwerkliche Fähigkeiten im Interview — wobei die Schwächen bei der ARD noch etwas stärker ausgeprägt sind als beim ZDF. Man würde sich da lieber irgendwelche Live-Kanäle ohne Kommentar anschauen, wo die Politiker direkt etwas in die Kamera sagen, als diesen Statisten, die Pseudo-Fragen stellen, noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Man hat das Gefühl, die Berichterstattung besteht zum einen aus Zahlensalat und zum anderen aus hilflosen Interviewern. An solchen Wahlabenden wird deutlich: Dem öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus würde nur ein härtestes Weiterbildungsprogramm weiterhelfen. Doch ich fürchte, im real existierenden System ist es dafür wohl zu spät.”

4. Axel Springer: Die “Bild” vom Betriebsrat
(clap-club.de, Daniel Häuser)
“Clap” (“Das People-Magazin der Kommunikationsbranche”) veröffentlicht Fotos einer offenbar vom Axel-Springer-Betriebsrat initiierten Sonderausgabe der “Bild”-Zeitung, in der es um die “Job-Angst bei Springer” und die bevorstehenden Umstrukturierungen geht. Der Betriebsrat wird darin mit den Worten zitiert: “Die Stimmung bei Springer war noch nie so schlecht.”

5. “Ey, Ihr verarscht uns” – Interview mit Rezo aus dem Film “Die Notregierung”
(youtube.com, dbate, Video: 11:04 Minuten)
Heute Abend strahlt das Erste die Doku “Die Notregierung – Ungeliebte Koalition” (SWR, NDR, RBB) von Autor Stephan Lamby aus. Auf Youtube gibt es bereits Auszüge daraus zu sehen, wie zum Beispiel das hier verlinkte Interview mit Rezo, der sich unter anderem zur oft unverständlichen Sprache von Politikerinnen und Politikern sowie deren Umgang mit den Medien äußert.

6. Sehnsucht nach Nähe
(taz.de, Martin Krauss)
Mit der Tennisspielerin Andrea Petkovic wechselt eine weitere Berufssportlerin in den Sportjournalismus: Petkovic führte am Sonntag erstmals als Moderatorin durch die “Sportreportage” des ZDF. Martin Krauss kommentiert: “Es fällt bei den Sendeanstalten gar nicht mehr auf, dass große Kenntnis von einem Gegenstand, egal ob Sport oder Wirtschaft, nicht einhergehen muss (und im Journalismus nicht einhergehen darf) mit Abhängigkeit davon. Dass Andrea Petkovic viel vom Sport im Allgemeinen und noch mehr vom Tennis im Besonderen versteht, ist ja unstrittig. Aber ist jemand, dessen Karriere gerade ausklingt und der folglich noch Gegenstand der Berichterstattung ist, automatisch qualifiziert, die Seite zu wechseln?”

7. Mario Barth und die Heiligen Drei Burger-Könige
(uebermedien.de, Lorenz Meyer)
Als zusätzlicher Link, weil unter Mitwirkung des “6 vor 9”-Kurators: Auf “Übermedien” gibt es einen Adventskalender mit 24 neuen Versionen der Weihnachtsgeschichte! Tag für Tag aus der wechselnden Sicht von bekannten Medienpersönlichkeiten. Gestern gab es einen fiktiven Auftritt von Mario Barth (“Pass uff! Waaahre Jeschichte! Waaaahre Jeschichte!!! Kennste Kaiser Aujustus? Kennste??”). Heute twittert uns “heute Journal”-Moderator Claus Kleber die Weihnachtsgeschichte, bei der er live zugegen war. Für Kleber eine “Lifetime-Experience” mit “goosebumps”.

Bild.de lässt schlafenden Mann Widerstand leisten

Nachdem ein Richter die Unterbringung eines Mannes in einer Psychiatrie in Hamburg angeordnet hatte, wollte der Zuführdienst des Bezirksamts Altona am Dienstagvormittag diesen Mann in seiner Wohnung abholen. Der Schilderung der zwei Bild.de-Autoren Jan-Henrik Dobers und Marco Zitzow zufolge soll dieser Einsatz ziemlich eskaliert sein:

Screenshot Bild.de - Zuführdienst rief Polizei - Mann verschanzte sich in Wohnung

Am Vormittag hat sich in einem Mehrfamilienhaus mit sechs Stockwerken ein junger Mann in seiner Wohnung verschanzt, der vom Zuführdienst des Bezirksamts Altona abgeholt und in eine Psychiatrie gebracht werden sollte.

Weil die Mitarbeiter des Bezirksamts Altona an der Wohnungstür abgewiesen wurden, riefen sie die Polizei. Diese rückte mit einem Hundeführer, Schutzschildern und einer Ramme an, stürmte die Wohnung.

Um kurz nach 11 Uhr nehmen die Beamten den renitenten Mann dann fest.

In einer früheren Version muss der Beitrag noch eine Spur mehr Drama geboten haben, zumindest in der Dachzeile. Denn in der URL des Artikels steht noch immer, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bezirksamts sogar das SEK riefen.

Doch auch ohne Spezialeinsatzkommando enthalte der Text “mehrere grobe Fehler”, wie uns Sebastian Schilling sagt, der als zuständiger Betreuer des Betroffenen “an der Planung und Durchführung des Einsatzes beteiligt” war: “Zunächst ist die Überschrift fehlerhaft”, so Schilling. Der Mann habe sich nicht in seiner Wohnung verschanzt, “vielmehr schlief er auf der Couch im Wohnzimmer”, als die Polizei die Wohnung betrat. Den Zugang zur Wohnung hätten sich die Beamten auch nicht mit einer Ramme verschafft — die sie zwar vorsorglich dabei hatten, aber nicht einsetzten –, sondern ganz normal mit einem Schlüssel, den Schilling den Beamten vorher ausgehändigt habe. Daher sei auch die Behauptung, die Wohnung sei gestürmt worden, “zumindest eine Übertreibung”. Außerdem sei der Mann nicht renitent gewesen, so Schilling, “er verhielt sich, nachdem er von den Beamten geweckt und für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet worden war, sogar ziemlich freundlich und kooperativ”. Und überhaupt: Dass der Zuführdienst des Bezirksamts an der Wohnungstür abgewiesen worden sei und dann die Polizei gerufen habe, stimme auch nicht. Polizei, Zuführdienst und Schilling hätten sich morgens in der Polizeiwache getroffen und seien dann gemeinsam zur Wohnung gefahren. Die Polizisten hätten dann direkt und ohne vorheriges Klingeln die Wohnung aufgeschlossen und betreten.

Wir haben bei der Polizei Hamburg nachgefragt. Die bestätigte all diese Angaben.

Nachtrag, 29. November: Die Bild.de-Redaktion hat den Artikel inzwischen überarbeitet. Dachzeile und Überschrift lauten nun: “IN LURUP — Zuführdienst holt Bewohner aus Wohnung”. Im Text ist auch nicht mehr die Rede davon, dass die Wohnung von der Polizei gestürmt worden sei. Und am Ende des Artikels gibt es einen Korrekturhinweis:

Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hatte BILD geschrieben, dass der “renitente Mann” in Lurup die Beamten an der Wohnungstür abgewiesen und sich verschanzt hätte. Das ist falsch: Die Polizei und Zuführdienst fanden den Mann schlafend im Appartement vor, er leistete keinen Widerstand. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

ZDF kippt AfD-Beitrag, Prekärer Journalismus, Aufregung um Geste

1. ZDF nimmt Beitrag über AfD-Spitzenpolitiker aus dem Programm
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Das ZDF-Magazin “Frontal 21” wollte am Dienstagabend einen der potenziellen Nachfolger von AfD-Chef Alexander Gauland porträtieren: den sächsischen AfD-Politiker Tino Chrupalla. Dieser habe den Kreisverband Görlitz “wie eine Sekte geführt”, Kritiker seien “mundtot gemacht” worden. Chrupalla habe versucht, per Unterlassungsverfügung die Ausstrahlung des Beitrags zu verhindern. Das ZDF habe diese zwar nicht unterzeichnet, jedoch den Beitrag (vorerst) zurückgezogen.
Weiterer Lesetipp: Das ZDF hat mit einer offiziellen Stellungnahme reagiert: “Richtig ist, dass das ZDF einen Online-Text zurückgezogen und sich verpflichtet hat, eine Stellungnahme von Tino Chrupalla abzuwarten und ggf. zu berücksichtigen, also ohne Abschluss der Recherchen die Ankündigung nicht mehr zu publizieren. Die Recherchen laufen noch, dementsprechend ist eine Berichterstattung weiter möglich. In seiner gestrigen Ausgabe hat Frontal 21 einen Beitrag zur AfD und umstrittenen Spenden veröffentlicht. Spekulationen, die AfD oder Tino Chrupalla hätten eine Berichterstattung des ZDF verhindert, sind falsch.”

2. Aufregung um Geste von Storchs
(tagesschau.de, Patrick Gensing)
Während einer Bundestagsdebatte machte die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch eine wütende Handbewegung, die von vielen als Kopf-ab-Geste gewertet wurde. So einfach ist es jedoch nicht, wie ARD-“Faktenfinder” Patrick Gensing nach Ansicht der kompletten Aufzeichnung herausgefunden hat.

3. Ich wollt’s eigentlich nicht. Aber ich muss: Über Geld und Journalismus reden.
(twitter.com, Tobias Hausdorf)
Tobias Hausdorf besucht mit 15 weiteren angehenden Journalisten und Journalistinnen die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Derzeit seien alle auf ihren Praxisstationen im öffentlich-rechtlichen Radio. Hausdorf hat sich bei seinen Mitschülern und Mitschülerinnen umgehört, wie viele ein Entgelt bekommen: “Joa, so 11 von 16 bekommen nichts. Also 0€ für drei Monate Praktikum. Von den 11 bekommen 3 nach einigen Wochen etwas, weil sie bei dann bei einem anderen Sender hospitieren. Und für alle von uns, für 16 von 16 Leuten ist das nicht das erste Praktikum. Bei mir ist es das achte.” Ein lesenswerter Thread, der deutlich macht, wie kaputt das System der Journalistenausbildung ist.

4. Twitter löscht inaktive Konten und gibt Namen wieder frei
(heise.de, Eva-Maria Weiß)
Twitter will eine große Aufräumaktion starten und ab dem 11. Dezember inaktive Konten löschen. Die freigewordenen Accountnamen könnten dann wieder von anderen genutzt werden. Die Aktion mag bei all den Konten in Ordnung gehen, die tatsächlich nie genutzt wurden, weil es zum Beispiel nur darum ging, sich einen Namen zur späteren Nutzung zu sichern oder ihn dauerhaft zu blockieren. Doch der Löschaktion werden voraussichtlich viele Konten von Verstorbenen zum Opfer fallen, und dies berührt das schwierige Thema “digitaler Nachlass”.

5. Ein anderes Internet schien möglich
(netzpolitik.org, Anne Roth)
Vor 20 Jahren wurde die Indymedia-Plattform gelauncht, ein internationales globalisierungskritisches Non-Profit-Netzwerk von Medienaktivistinnen und -aktivisten. Anne Roth erzählt von der Geschichte der Bewegung und ihrem ersten Kontakt im Jahr 2000, von den Blütezeiten der Plattform bis hin zum heutigen Tag.

6. “Ich war Reporter und kein Clown”
(spiegel.de, Alex Raack)
Alex Raack hat sich mit der Sportjournalisten-Legende Marcel Reif über dessen Kindheit, die Anfänge im Sportjournalismus, die berühmt gewordene Doppelmoderation mit Günther Jauch und die erste Begegnung mit Franz Beckenbauer unterhalten. Und ihn gefragt, warum er vor drei Jahren seine Karriere beendet hat: “Nicht nur deshalb, aber auch, nachdem vor dem Derby Dortmund gegen Schalke ein Mob mein Auto eingekreist und hin- und hergerüttelt hatte. Auf dem Beifahrersitz saß meine Frau und hatte die nackte Angst in den Augen. Da habe ich mir gesagt: Vielleicht ist es besser, wenn du aufhörst. Das wollte ich mir nicht antun.”

Ärger um “Podimo”, Mistiges Verhalten, Aus für “Familientragödie”

1. Podimo
(dervierteoffizielle.de, Axel Goldmann)
Das mit reichlich Start-up-Kapital ausgestattete Podcast-Unternehmen “Podimo” hat weite Teile der deutschen Podcast-Community gegen sich aufgebracht, indem es sich ungefragt Tausende von Podcasts einverleibte. Als Antwort auf die Kritik verwies die sich selbst als “das Netflix für Podcasts” preisende Audio-Plattform darauf, dass man sich ja per Opt-out-Verfahren abmelden könne. Eine Argumentation, die das Verhalten der Plattform in den Augen vieler Podcasterinnen und Podcaster nicht unbedingt besser machte. Podcaster Axel Goldmann hat sich den Fall genau angeschaut: Er erklärt die umstrittene Strategie des Unternehmens und rechnet die Kalkulation nach.
Weiterer Lesehinweis: Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks geht auf seinem Blog auf die juristischen Aspekte des Falls ein: Aufregung um Podcast-App #Podimo (dirks.legal).
Und wer sich an der Diskussion aktiv beteiligen (oder einfach nur mitlesen) will: Im Forum der Podcasting-Community “Sendegate” wird der Fall, auch unter Beteiligung von “Podimo”, debattiert.

2. Mit Mist vor der Haustür
(taz.de, Jost Maurin)
Weil sie mit seiner Berichterstattung unzufrieden waren, sind niedersächsische Bauern vor dem Privathaus eines Redakteurs der “Braunschweiger Zeitung” vorgefahren. Ein Verhalten, das von der Familie des Journalisten verständlicherweise als bedrohlich und “wie eine Belagerung” empfunden worden sei. Die Aktion sei umso unverständlicher, als der monierte Beitrag mit den Bauern fair umgegangen sei. Wie Jost Maurin in der “taz” berichtet, hätten die Bauern mit ihrer aggressiven Taktik gegen Journalisten bisher jedoch keinen Erfolg.

3. In der Berichterstattung über Gewaltverbrechen …
(twitter.com, Froben Homburger)
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) wird in ihrer Berichterstattung über Gewaltverbrechen in Familien und Partnerschaften künftig nicht mehr von “Familientragödien” oder “Beziehungsdramen” sprechen. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt die neue Sprachregelung und schreibt, wann eine Ausnahme davon gemacht werde.

4. Millionen-Subventionen für Zeitungen geplant
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Der Haushaltsausschuss des Bundestags will den Verlagen einen staatlichen Zuschuss von 40 Millionen Euro für die Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern zukommen lassen. Die Maßnahme wird von verschiedenen Seiten kritisiert: Laut BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff löse “eine so geringe Förderung” kein einziges Problem: “Die Fördersumme mag zunächst hoch erscheinen, hätte aber pro ausgeliefertem Zeitungsexemplar weniger als einem Cent entsprochen.” Während Mario Sixtus auf Twitter kommentiert: “Whut!?! Die Verlegerlobby hat wieder zugeschlagen: Unser Steuergeld fließt bald in den klimaschädlichen Transport von bedrucktem Papier, das nach Lektüre im Müll landet. Ganz so als gäbe es kein Internet.”

5. Wef verweigert WOZ den Zutritt
(woz.ch, Yves Wegelin)
Das jährlich in Davos tagende Weltwirtschaftsforum (Wef) hat der Schweizer “Wochenzeitung” (“WOZ”) die Akkreditierung verweigert. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums habe sich die Zeitung nicht rechtzeitig angemeldet; dies wird von der “WOZ” jedoch bestritten. Yves Wegelin sieht in der Verweigerung eher andere Gründe: “Medien wie die NZZ, die das Wef artig protokollieren, werden hofiert, kritischere Stimmen wie die WOZ werden abgestraft. Das Wef behauptet von sich, den Zustand der Welt durch demokratische Debatten verbessern zu wollen. Mit seiner Verweigerung einer Akkreditierung gewinnt diese Behauptung nicht gerade an Glaubwürdigkeit.”

6. Streik macht sich im BR-Programm bemerkbar
(sueddeutsche.de)
Beim Bayrischen Rundfunk (BR) und Norddeutschen Rundfunk (NDR) kam es zu einem Warnstreik, der Folgen für das Programm hatte. Einige Sendungen wurden mit Einschränkungen ausgestrahlt, andere fielen komplett aus. Wie nicht anders zu erwarten, geht es bei der Auseinandersetzung um das liebe Geld. Die beteiligten Parteien sollen sich Ende November erneut an den Verhandlungstisch setzen.

“Einmal mehr überlegen”

Als vor zehn Jahren Fußballtorwart Robert Enke starb, nahmen sich viele Redaktion vor, feinfühliger und rücksichtsvoller mit Profifußballern umzugehen. Selbst “Bild”. Walter M. Straten, damals noch stellvertretender Leiter des “Bild”-Sportressorts, äußerte sich gegenüber der “Süddeutschen Zeitung”:

Aber auch das Boulevardblatt ist nach dem Enke-Tod nicht einfach so zur Tagesordnung übergegangen. Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: “Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein”, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, “ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht”.

Heute, einen Tag nach Robert Enkes zehntem Todestag, ist von “einmal mehr überlegen” nicht viel zu sehen. “Bild” und Bild.de titeln über die Spieler von Borussia Dortmund, die nach einer ziemlich schwachen Leistung 0:4 gegen den FC Bayern München verloren haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Zorc forderte Männer, Favre bekam Memmen

Julian Brandt, Paco Alcácer, Mats Hummels und Mario Götze — sie alle seien “keine Männer!” Walter M. Straten ist inzwischen Leiter des “Bild”-Sportressorts und für diesen Mist verantwortlich.

Dazu auch:

Gesehen bei @hassanscorner. Mit Dank an @1904_s04 für den Hinweis!

***

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

“Bild plus” ist kein Gewinn

Seit ein paar Wochen versuchen die “Bild”-Medien, ihre Leserinnen und Leser zu Wettsüchtigen zu Profi-Wettern zu machen. Vor allem einer soll dabei helfen: “Quotenwilly”. In einem Artikel hat die Redaktion erklärt, wie dieser Mann “mit Sport-Wetten 20.000 Euro im Monat” verdient. In einem anderen verriet “Quotenwilly”: “Mit diesen fünf Schritten wurde ich zum Wett-Profi”. Und dann gab es noch die “TRICKS & TABUS VON QUOTENWILLY” mit dem “häufigsten Fehler beim Wetten”.

Seit gestern dürfte klar sein, dass der allergrößte “Fehler beim Wetten” ist, auf Tipps zu vertrauen, die bei Bild.de erscheinen:

Screenshot Bild.de - Quotenwilly - Meine Tipps für Bayern München gegen Borussia Dortmund

Alle* Drei der fünf Wetten, die “Quotenwilly” und die Redaktion zum Spitzenspiel in der Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ausgetüftelt haben, gingen in die Hose:

Screenshot Bild.de - Wette: Dortmund verliert nicht

Geld futsch. Die Dortmunder verloren das Spiel gestern Abend.

Screenshot Bild.de - Wette: Unter 3.5 Tore im Spiel

Geld futsch. Die Münchner gewannen 4:0 — also über 3.5 Tore im Spiel.

Screenshot Bild.de - Wette: Mehr als 3.5 Gelbe Karten

Geld futsch. Es gab insgesamt nur drei Gelbe Karten.

Screenshot Bild.de - Wette: Plus 4.5 Ecken für den BVB

Geld futsch. Der BVB bekam nur eine Ecke.** Diese Wette ging auf.

Besonders interessant ist die fünfte Wette, bei der das eingesetzte Geld ebenfalls futsch gewesen wäre, wenn man entsprechend getippt hätte*: Man findet sie nicht mehr in dem Bild.de-Artikel. Dabei schaffte sie es anfangs sogar noch in die Überschrift:

Screenshot Bild.de - Er macht 20.000 Euro pro Monat mit Wetten - Warum ich auf Alcacer-Tore setze

Nun wird sie in dem Beitrag überhaupt nicht mehr erwähnt. Vielleicht war es für eine Redaktion, die sich beim Thema Fußball selbst gern als die am besten informierte inszeniert, dann doch etwas zu peinlich, dass der empfohlene Torschütze Paco Alcácer gar nicht von Anfang an spielte und erst in der 61. Minuten eingewechselt wurde.

Die Anleitung zum Geldverlieren gab es übrigens nur für zahlenden “Bild plus”-Kunden. Oder anders gesagt: Bei Bild.de muss man erst für ein Abo Geld aus dem Fenster werfen, um erfahren zu können, wie man beim Wetten am besten Geld aus dem Fenster werfen kann.

Gesehen bei @fums_magazin. Mit Dank an @Badener21 und @marcozahn für die Hinweise!

*Korrektur, 11. November: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Wette auf Paco Alcácer als Torschütze so konstruiert ist, dass sie nur zählt, wenn der jeweilige Spieler von Anfang an auf dem Platz steht. Tut er das nicht, gibt es den Wetteinsatz zurück — das Geld wäre also nicht futsch, wie von uns fälschlicherweise behauptet.

Mit Dank an Christian L., Sebastian und @crimsonceo für die Hinweise!

**Korrektur 2, 11. November: Den Wett-Tipp mit den BVB-Ecken haben wir offenbar falsch verstanden: Gemeint soll eine sogenannte Handicap-Wette gewesen sein — und nicht eine sogenannten Over/Under-Wette, was wir angenommen hatten. Handicap-Wette bedeutet in diesem Fall: Man wettet darauf, dass der BVB am Ende des Spiels insgesamt mehr Ecken hat als der FC Bayern München, wenn man ihm virtuelle 4,5 Ecken hinzurechnet. Da Borussia Dortmund eine Ecke hatte (mit den virtuellen 4,5 Ecken also 5,5 Ecken) und Bayern München zwei Ecken, ist dieser Wett-Tipp tatsächlich aufgegangen.

Wir bitten, die zwei Fehler zu entschuldigen.

Auch wenn nicht, wie wir anfangs geschrieben haben, alle fünf Wetten in die Hose gingen, sondern drei, finden wir es weiterhin recht problematisch, dass eine Redaktion mit einer so enormen Reichweite wie Bild.de ihre Leserschaft mit Wett-Tipps versorgt — und das alles eingebettet in eine Geschichte eines Mannes, der im Monat 20.000 Euro mit Wetten verdienen soll. Dass auch die Redaktion von einer gewissen Gefahr auszugehen scheint, zeigt ein Hinweis ganz am Ende desselben Artikels:

Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!

Wenn Sie Probleme mit Spielsucht haben oder sich um Angehörige oder Freunde sorgen, finden Sie Hilfe bei der “Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung”. Unter der kostenlosen Hilfe-Hotline 0800 1 37 27 00 erhalten alle Informationen zu Hilfsangeboten rund um das Thema Spielsucht!

Kurz korrigiert (533)

Man würde doch meinen, dass eine Berliner Redaktion, die sich viel mit dem Berliner Sport, dem Berliner Fußball und dem Berliner Stadtderby zwischen den Berliner Bundesligaklubs Union Berlin und Hertha BSC beschäftigt, die Fans der beiden Vereine auseinanderhalten kann. Denn es gibt ja gewisse Merkmale, an denen diese Redaktion beispielsweise die Anhänger von Union Berlin erkennen kann: Wenn Personen auf einem Foto etwa Schals hochhalten, auf denen “Wuhlesyndikat” steht (der Name der Union-Ultras) oder “Szene Köpenick” (der dazugehörige Förderkreis) oder auch ganz direkt “Union”, dann ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass es sich um Union-Fans handelt.

Na, dann mal los, “B.Z.”:

Screenshot bz-berlin.de - Foto eines Fanblocks, auf denen Personen mit den oben beschriebenen Schals zu sehen sind. Dazu die Bildunterschrift durch die Redaktion: Kurz nach Wiederanpfiff brannte es im Hertha-Block lichterloh

Fast richtig.

Mit Dank an Felix für den Hinweis!

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