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Ärger um “Podimo”, Mistiges Verhalten, Aus für “Familientragödie”

1. Podimo
(dervierteoffizielle.de, Axel Goldmann)
Das mit reichlich Start-up-Kapital ausgestattete Podcast-Unternehmen “Podimo” hat weite Teile der deutschen Podcast-Community gegen sich aufgebracht, indem es sich ungefragt Tausende von Podcasts einverleibte. Als Antwort auf die Kritik verwies die sich selbst als “das Netflix für Podcasts” preisende Audio-Plattform darauf, dass man sich ja per Opt-out-Verfahren abmelden könne. Eine Argumentation, die das Verhalten der Plattform in den Augen vieler Podcasterinnen und Podcaster nicht unbedingt besser machte. Podcaster Axel Goldmann hat sich den Fall genau angeschaut: Er erklärt die umstrittene Strategie des Unternehmens und rechnet die Kalkulation nach.
Weiterer Lesehinweis: Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks geht auf seinem Blog auf die juristischen Aspekte des Falls ein: Aufregung um Podcast-App #Podimo (dirks.legal).
Und wer sich an der Diskussion aktiv beteiligen (oder einfach nur mitlesen) will: Im Forum der Podcasting-Community “Sendegate” wird der Fall, auch unter Beteiligung von “Podimo”, debattiert.

2. Mit Mist vor der Haustür
(taz.de, Jost Maurin)
Weil sie mit seiner Berichterstattung unzufrieden waren, sind niedersächsische Bauern vor dem Privathaus eines Redakteurs der “Braunschweiger Zeitung” vorgefahren. Ein Verhalten, das von der Familie des Journalisten verständlicherweise als bedrohlich und “wie eine Belagerung” empfunden worden sei. Die Aktion sei umso unverständlicher, als der monierte Beitrag mit den Bauern fair umgegangen sei. Wie Jost Maurin in der “taz” berichtet, hätten die Bauern mit ihrer aggressiven Taktik gegen Journalisten bisher jedoch keinen Erfolg.

3. In der Berichterstattung über Gewaltverbrechen …
(twitter.com, Froben Homburger)
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) wird in ihrer Berichterstattung über Gewaltverbrechen in Familien und Partnerschaften künftig nicht mehr von “Familientragödien” oder “Beziehungsdramen” sprechen. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt die neue Sprachregelung und schreibt, wann eine Ausnahme davon gemacht werde.

4. Millionen-Subventionen für Zeitungen geplant
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Der Haushaltsausschuss des Bundestags will den Verlagen einen staatlichen Zuschuss von 40 Millionen Euro für die Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern zukommen lassen. Die Maßnahme wird von verschiedenen Seiten kritisiert: Laut BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff löse “eine so geringe Förderung” kein einziges Problem: “Die Fördersumme mag zunächst hoch erscheinen, hätte aber pro ausgeliefertem Zeitungsexemplar weniger als einem Cent entsprochen.” Während Mario Sixtus auf Twitter kommentiert: “Whut!?! Die Verlegerlobby hat wieder zugeschlagen: Unser Steuergeld fließt bald in den klimaschädlichen Transport von bedrucktem Papier, das nach Lektüre im Müll landet. Ganz so als gäbe es kein Internet.”

5. Wef verweigert WOZ den Zutritt
(woz.ch, Yves Wegelin)
Das jährlich in Davos tagende Weltwirtschaftsforum (Wef) hat der Schweizer “Wochenzeitung” (“WOZ”) die Akkreditierung verweigert. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums habe sich die Zeitung nicht rechtzeitig angemeldet; dies wird von der “WOZ” jedoch bestritten. Yves Wegelin sieht in der Verweigerung eher andere Gründe: “Medien wie die NZZ, die das Wef artig protokollieren, werden hofiert, kritischere Stimmen wie die WOZ werden abgestraft. Das Wef behauptet von sich, den Zustand der Welt durch demokratische Debatten verbessern zu wollen. Mit seiner Verweigerung einer Akkreditierung gewinnt diese Behauptung nicht gerade an Glaubwürdigkeit.”

6. Streik macht sich im BR-Programm bemerkbar
(sueddeutsche.de)
Beim Bayrischen Rundfunk (BR) und Norddeutschen Rundfunk (NDR) kam es zu einem Warnstreik, der Folgen für das Programm hatte. Einige Sendungen wurden mit Einschränkungen ausgestrahlt, andere fielen komplett aus. Wie nicht anders zu erwarten, geht es bei der Auseinandersetzung um das liebe Geld. Die beteiligten Parteien sollen sich Ende November erneut an den Verhandlungstisch setzen.

“Einmal mehr überlegen”

Als vor zehn Jahren Fußballtorwart Robert Enke starb, nahmen sich viele Redaktion vor, feinfühliger und rücksichtsvoller mit Profifußballern umzugehen. Selbst “Bild”. Walter M. Straten, damals noch stellvertretender Leiter des “Bild”-Sportressorts, äußerte sich gegenüber der “Süddeutschen Zeitung”:

Aber auch das Boulevardblatt ist nach dem Enke-Tod nicht einfach so zur Tagesordnung übergegangen. Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: “Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein”, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, “ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht”.

Heute, einen Tag nach Robert Enkes zehntem Todestag, ist von “einmal mehr überlegen” nicht viel zu sehen. “Bild” und Bild.de titeln über die Spieler von Borussia Dortmund, die nach einer ziemlich schwachen Leistung 0:4 gegen den FC Bayern München verloren haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Zorc forderte Männer, Favre bekam Memmen

Julian Brandt, Paco Alcácer, Mats Hummels und Mario Götze — sie alle seien “keine Männer!” Walter M. Straten ist inzwischen Leiter des “Bild”-Sportressorts und für diesen Mist verantwortlich.

Dazu auch:

Gesehen bei @hassanscorner. Mit Dank an @1904_s04 für den Hinweis!

***

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

“Bild plus” ist kein Gewinn

Seit ein paar Wochen versuchen die “Bild”-Medien, ihre Leserinnen und Leser zu Wettsüchtigen zu Profi-Wettern zu machen. Vor allem einer soll dabei helfen: “Quotenwilly”. In einem Artikel hat die Redaktion erklärt, wie dieser Mann “mit Sport-Wetten 20.000 Euro im Monat” verdient. In einem anderen verriet “Quotenwilly”: “Mit diesen fünf Schritten wurde ich zum Wett-Profi”. Und dann gab es noch die “TRICKS & TABUS VON QUOTENWILLY” mit dem “häufigsten Fehler beim Wetten”.

Seit gestern dürfte klar sein, dass der allergrößte “Fehler beim Wetten” ist, auf Tipps zu vertrauen, die bei Bild.de erscheinen:

Screenshot Bild.de - Quotenwilly - Meine Tipps für Bayern München gegen Borussia Dortmund

Alle* Drei der fünf Wetten, die “Quotenwilly” und die Redaktion zum Spitzenspiel in der Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ausgetüftelt haben, gingen in die Hose:

Screenshot Bild.de - Wette: Dortmund verliert nicht

Geld futsch. Die Dortmunder verloren das Spiel gestern Abend.

Screenshot Bild.de - Wette: Unter 3.5 Tore im Spiel

Geld futsch. Die Münchner gewannen 4:0 — also über 3.5 Tore im Spiel.

Screenshot Bild.de - Wette: Mehr als 3.5 Gelbe Karten

Geld futsch. Es gab insgesamt nur drei Gelbe Karten.

Screenshot Bild.de - Wette: Plus 4.5 Ecken für den BVB

Geld futsch. Der BVB bekam nur eine Ecke.** Diese Wette ging auf.

Besonders interessant ist die fünfte Wette, bei der das eingesetzte Geld ebenfalls futsch gewesen wäre, wenn man entsprechend getippt hätte*: Man findet sie nicht mehr in dem Bild.de-Artikel. Dabei schaffte sie es anfangs sogar noch in die Überschrift:

Screenshot Bild.de - Er macht 20.000 Euro pro Monat mit Wetten - Warum ich auf Alcacer-Tore setze

Nun wird sie in dem Beitrag überhaupt nicht mehr erwähnt. Vielleicht war es für eine Redaktion, die sich beim Thema Fußball selbst gern als die am besten informierte inszeniert, dann doch etwas zu peinlich, dass der empfohlene Torschütze Paco Alcácer gar nicht von Anfang an spielte und erst in der 61. Minuten eingewechselt wurde.

Die Anleitung zum Geldverlieren gab es übrigens nur für zahlenden “Bild plus”-Kunden. Oder anders gesagt: Bei Bild.de muss man erst für ein Abo Geld aus dem Fenster werfen, um erfahren zu können, wie man beim Wetten am besten Geld aus dem Fenster werfen kann.

Gesehen bei @fums_magazin. Mit Dank an @Badener21 und @marcozahn für die Hinweise!

*Korrektur, 11. November: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Wette auf Paco Alcácer als Torschütze so konstruiert ist, dass sie nur zählt, wenn der jeweilige Spieler von Anfang an auf dem Platz steht. Tut er das nicht, gibt es den Wetteinsatz zurück — das Geld wäre also nicht futsch, wie von uns fälschlicherweise behauptet.

Mit Dank an Christian L., Sebastian und @crimsonceo für die Hinweise!

**Korrektur 2, 11. November: Den Wett-Tipp mit den BVB-Ecken haben wir offenbar falsch verstanden: Gemeint soll eine sogenannte Handicap-Wette gewesen sein — und nicht eine sogenannten Over/Under-Wette, was wir angenommen hatten. Handicap-Wette bedeutet in diesem Fall: Man wettet darauf, dass der BVB am Ende des Spiels insgesamt mehr Ecken hat als der FC Bayern München, wenn man ihm virtuelle 4,5 Ecken hinzurechnet. Da Borussia Dortmund eine Ecke hatte (mit den virtuellen 4,5 Ecken also 5,5 Ecken) und Bayern München zwei Ecken, ist dieser Wett-Tipp tatsächlich aufgegangen.

Wir bitten, die zwei Fehler zu entschuldigen.

Auch wenn nicht, wie wir anfangs geschrieben haben, alle fünf Wetten in die Hose gingen, sondern drei, finden wir es weiterhin recht problematisch, dass eine Redaktion mit einer so enormen Reichweite wie Bild.de ihre Leserschaft mit Wett-Tipps versorgt — und das alles eingebettet in eine Geschichte eines Mannes, der im Monat 20.000 Euro mit Wetten verdienen soll. Dass auch die Redaktion von einer gewissen Gefahr auszugehen scheint, zeigt ein Hinweis ganz am Ende desselben Artikels:

Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!

Wenn Sie Probleme mit Spielsucht haben oder sich um Angehörige oder Freunde sorgen, finden Sie Hilfe bei der “Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung”. Unter der kostenlosen Hilfe-Hotline 0800 1 37 27 00 erhalten alle Informationen zu Hilfsangeboten rund um das Thema Spielsucht!

Kurz korrigiert (533)

Man würde doch meinen, dass eine Berliner Redaktion, die sich viel mit dem Berliner Sport, dem Berliner Fußball und dem Berliner Stadtderby zwischen den Berliner Bundesligaklubs Union Berlin und Hertha BSC beschäftigt, die Fans der beiden Vereine auseinanderhalten kann. Denn es gibt ja gewisse Merkmale, an denen diese Redaktion beispielsweise die Anhänger von Union Berlin erkennen kann: Wenn Personen auf einem Foto etwa Schals hochhalten, auf denen “Wuhlesyndikat” steht (der Name der Union-Ultras) oder “Szene Köpenick” (der dazugehörige Förderkreis) oder auch ganz direkt “Union”, dann ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass es sich um Union-Fans handelt.

Na, dann mal los, “B.Z.”:

Screenshot bz-berlin.de - Foto eines Fanblocks, auf denen Personen mit den oben beschriebenen Schals zu sehen sind. Dazu die Bildunterschrift durch die Redaktion: Kurz nach Wiederanpfiff brannte es im Hertha-Block lichterloh

Fast richtig.

Mit Dank an Felix für den Hinweis!

“Bild”s Ruckzuck-Staat, Luftnummer Flugreisen, Meinungsfreiheit

1. Wirbel um Flugreisen an Schulen in Hamburg
(t-online.de, Tim Ende)
Werden an Hamburger Schulen tatsächlich zu viele Klassenfahrten mit dem Flugzeug unternommen, wie “Bild” mit einem Verweis auf die Schulbehörde berichtete? Es ist zumindest nicht die ganze Wahrheit, wie Tim Ende auf t-online.de schreibt. So handele es sich bei einer der kritisierten Schulen beispielsweise um eine interkulturelle Schule, und viele Flüge seien Austauschprogrammen geschuldet. “Wenn es zeitlich geht, nehmen wir die Bahn, zum Beispiel nach Kopenhagen oder Sylt”, so der Schulleiter. “Aber nach Shanghai oder Neu-Dehli, wo wir einen Austausch pflegen, geht es nicht anders. Wir können keine tagelangen Bahnreisen dorthin unternehmen.”

2. Bundesregierung will Whistleblower schützen lassen
(sportschau.de, Anne Armbrecht & Hajo Seppelt)
Bei der ARD-Dopingredaktion ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Whistleblowerschutz im Sport aufgetaucht. Anne Armbrecht und Hajo Seppelt haben sich angeschaut, was dort geschrieben und was dort vor allem nicht geschrieben steht.

3. “Bild” findet den deutschen Rechtsstaat unerträglich
(uebermedien.de, Eckhard Stengel)
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet demnächst über den Asylantrag eines in Abschiebehaft sitzenden, mehrfach vorbestraften Mitglieds eines kurdisch-libanesischen Clans aus Bremen. Für “Bild” eine unerträgliche Vorstellung. Die Redaktion wolle aus dem Rechtsstaat Deutschland lieber einen “Ruckzuck-Staat” machen, so Eckhard Stengel in seiner Aufarbeitung des Falls.

4. Leugnen, Twittern, Panik schieben? Klimadebatten im Netz sind vielschichtiger als ihr Ruf
(berlinergazette.de, Sabine Niederer)
Onlinedebatten zum Klimawandel haben in erheblichem Umfang zur Bewusstwerdung des Problems und der Entstehung einer Bewegung beigetragen. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Niederer beobachtet seit mehr als zehn Jahren diese Entwicklung und weiß um Auslöser und Verstärker. Dabei geht es ausdrücklich um beide Seiten, also auch um die Klimawandelleugner und “Klimaskeptiker”.

5. Die CDU hat mich nicht verklagt
(zeit.de, Rezo)
In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Rezo mit der Art und Weise, wie die AfD das Thema Meinungsfreiheit für sich ausbeutet, eine angebliche Bedrohung herbeikonstruiert, und wie Medien darauf reinfallen: “Wenn große Zeitungen auf ihre Titelseiten nun Slogans wie “Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr?” schreiben und dann das Tun und Lassen der AfD in einen Kontext setzen mit der Tatsache, dass Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke von Antifa-Aktivistinnen gestört werden, kann man natürlich behaupten, dass man doch nur eine spannende Frage in den Raum stellt. Aber der Effekt ist, dass sich nun ein paar mehr Leser fragen, ob sie noch alles sagen dürfen und ob die über 20 Prozent Feinde der Meinungsfreiheit, die nun aus einigen Landtagen heraus die Verrohung der Debatte betreiben, nur ein Problem unter vielen sind.”

6. “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert”
(deutschlandfunk.de, Sinje Stadtlich, Audio: 4:47 Minuten)
Neue Studien belegen den verzerrten Blick von US-Medien auf das Thema Abtreibung. Teilweise werde mit hanebüchenen Falschbehauptungen und Zuspitzungen operiert, um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen. Der Deutschlandfunk zitiert die Forscherin Katie Woodruff von der University of California mit den Worten: “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert über Abtreibungen. Unsere Medienlandschaft ist — wie unsere Politik — extrem parteiisch und gespalten. Und Fox News erzählt seinen Zuschauern die Geschichte, die sie hören wollen. Eine Geschichte von Bedrohung, Zwang und allen möglichen düsteren Praktiken, von denen keine einzige in diesem Land wirklich stattfindet.” Leider werden die Studienergebnisse wohl geringe Auswirkungen haben, denn keines der großen US-Medienhäuser habe darüber berichtet.

Tilo Jung kritisiert DJV, F wie Falschheit, “Nachhilfe-Thread”

1. Talk mit Tilo Jung – 70 Jahre DJV
(youtube.com, Jörg Wagner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat anlässlich seiner Jubiläumsfeier (“70 Jahre DJV”) Tilo Jung für ein Podiumsgespräch eingeladen. Und der wäscht der Organisation und deren Spitze tüchtig und in unverblümter Direktheit den Kopf. Jung kritisiert die seiner Meinung nach unglückliche Vorgehensweise des DJV beim Kommentar zum Rezo-Video, die nicht genügende Trennschärfe von Journalismus und PR, die ausgebliebene Solidarität mit dem seinerzeit inhaftierten Journalisten Billy Six und die wiederholt nötigen Berichtigungen und Löschungen von fehlerhaften Statements. Jung wünscht sich ausdrücklich einen Wechsel an der Führungsspitze des Verbands: “Der Fisch stinkt vom Kopf her.”

2. Das F steht für Falschheit
(journal-frankfurt.de, Ronja Merkel)
Das F in “FAZ” stehe nicht für Freiheit — sondern für Falschheit und Feigheit. Jedenfalls im Fall des zur Geburtstagsfeier der Zeitung eingeladenen AfD-Chefs Alexander Gauland, so Ronja Merkels Kommentar im “Journal Frankfurt”. Der “FAZ”-Mitherausgeber Berthold Kohler habe vor einem knappen Jahr die “politischen Phantasien” Gaulands wie folgt kommentiert: “Die Verleumdung des freiheitlichsten und demokratischsten Systems, das es je auf deutschem Boden gab, darf man den Brandstiftern im Biedermann-Sakko nicht durchgehen lassen.” Ronja Merkel greift dies auf und fügt an: “Und doch feiert eben dieser Biedermann-Sakko tragende, die Demokratie verleumdende Mann Seite an Seite mit den Herausgebern einer Zeitung, die, würden die Phantasien Gaulands Realität werden, ihre so groß auf die Fahne geschriebene Freiheit umgehend verlieren würden.”

3. Von Schreibern, Sprechern und Seitenwechslern
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Viele Journalistinnen und Journalisten wechseln die Seite und arbeiten als Pressesprecher für Unternehmer oder Organisationen. Der DJV schätze die Zahl auf mittlerweile etwa 15 Prozent seiner 32.000 Mitglieder, mit Trend nach oben. Markus Ehrenberg erzählt, was DJV und Seitenwechsler zu Berufsverständnis und Besonderheiten zu sagen haben.

4. Schon öfter gehört, kein Witz: “Aber wie kriegen wir denn nun mehr #Frauen in unsere Berichterstattung?”
(twitter.com/JuliaKarnick)
Die freie Journalistin, Kolumnistin und Autorin Julia Karnick hat auf Twitter einen “Nachhilfe-Thread” für “verzweifelte männliche Redakteure” verfasst, die sich mehr Frauen in der Berichterstattung wünschen: “Genug Frauen zu finden, über die es sich zu berichten lohnt, ist 0 Problem. Man muss es nur wollen. Und ein paar Dinge beherzigen …”

5. Der Streaming-Krieg: Wie Apple und Disney Netflix und Amazon angreifen wollen
(rnd.de, Imre Grimm)
Die globale Fernsehwelt befindet sich im Umbau: Nach Netflix und Amazon steigen nun auch Apple und Disney in den Streaming-Markt ein. In der Branche sei bereits vom “Streaming War” die Rede, so Imre Grimm: “Es ist ein kreativer Krieg um die Aufmerksamkeit eines verwöhnten Publikums — und um die besten Geschichtenerzähler. Der große Verlierer heißt Hollywood, denn der Exodus von Autoren, Stars und Filmemachern hin zu den Streamern ist atemberaubend.” Außerdem werde der Einstieg von Apple und Disney Auswirkungen auf Geschmack und Moralempfinden haben. Die Konzerne würden sich auf “keimfreie, unanstößige, den Geschmacksgrenzen des amerikanischen Purismus folgende brave Massenware” konzentrieren.

6. Aus dem Textbuch für Trainerentlassungen
(faz.net, Achim Dreis)
Beim FC Bayern gibt es anscheinend ein Textbuch für Trainerentlassungen. So kommentiert man aktuell den Rausschmiss von Trainer Niko Kovač mit den Worten: “Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen.” Mit exakt den gleichen Worten habe man 2017 den Rauswurf von Bayern-Trainer Carlo Ancelotti kommentiert.

Darum ist der Besuch bei Bild.de so gefährlich

Vergangene Woche gab es in den “Bild”-Medien eine Serie zum Thema Sportwetten: “Die Welt der Wetten”. Zum Start am Dienstag “packte” ein Buchmacher aus. Am Donnerstag erzählte “EIN PROFI-ZOCKER”, wie man Profi-Zocker wird. Am Freitag gab es von der Redaktion “Vier Tipps für Wett-Einsteiger”. Und am Sonntag erklärte einer, wie er “mit Sportwetten 20.000 Euro im Monat” verdient.

Das klingt ja erstmal alles so, als wären Sportwetten eine ganz tolle Sache. In der “Bild”-Serie wurden aber auch die problematischen Seiten thematisiert: Zu jedem Artikel veröffentlichte die Redaktion einen Infokasten mit der Überschrift “Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!” (dass so etwas nötig ist, um der eigenen Verantwortung wenigstens etwas nachzukommen, hätte für das “Bild”-Team vielleicht ein Hinweis darauf sein können, dass das Thema Sportwetten für eine Serie nicht unbedingt das passendste ist). Außerdem “PACKTE” am Samstag “EIN SPIELSÜCHTIGER” “AUS”. Und am Mittwoch warnte ein “Sucht-Experte” …

Screenshot Bild.de - Sucht-Experte warnt - Darum sind Live-Wetten so gefährlich

Im Interview sagte “Suchtforscher” Tobias Hayer:

BILD: Sind Sportwetten gefährlich? Was kann daran süchtig machen?

Hayer: “Da muss man ein wenig unterscheiden. Eine Sportwette unter Freunden ist in der Regel unproblematisch. Das Gefährliche sind die Live-Wetten im Internet. Davon geht eine hohe Suchtgefahr aus. Die sind 24 Stunden lang verfügbar, und es kann ja wirklich auf alles gewettet werden. Ein Gewinn kann sofort reinvestiert werden, und bei einem Verlust wird versucht, ihn sofort wieder reinzuholen. Diese hohe Ereignisdichte kickt und steht im Zusammenhang mit hohen Suchtgefahren.”

Jaja, diese Live-Wetten. Die sind so gefährlich, dass die Bild.de-Redaktion den Sucht-Experten davor lieber mal auf ihrer Startseite warnen lässt. Also dort, wo sonst, wenn Fußball läuft, der Wettanbieter bwin an prominenter Stelle für seine Live-Wetten werben darf:

Screenshot der Bild.de-Startseite mit den Live-Ergebnissen der gerade laufenden DFB-Pokalspiele und darunter eine Anzeige des Wettanbieters bwin mit den Live-Wettquoten für die jeweiligen Spiele

Klickt man auf eine der Quoten, landet man direkt auf der bwin-“livebetting”-Seite. Wie würde der Suchtforscher sagen? Dort kickt die hohe Ereignisdichte dann so richtig rein.

Mit Dank an Jeanette S. für den Hinweis!

Rechte Abmahnwellen, Bildvergleich, Zynischer Armuts-Voyeurismus

1. Abmahnwelle setzt kritische Journalisten unter Druck
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
Über Rechtsextremismus zu berichten, muss man sich leisten können: Die Gegenseite reagiert oft mit einer oder gleich mehreren Abmahnungen, deren Abwehr beträchtliche Kosten verursacht. Oftmals handelt es sich noch nicht mal um inhaltliche Fragen, sondern um Formalitäten. Das Ziel: Kritische Journalisten und Journalistinnen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Felix Huesmann schreibt über ein Phänomen, das kleine wie große Verlage trifft und das für die Beteiligten existenzbedrohend sein kann.

2. Bildausfall
(spiegel.de, Arno Frank)
Als die USA 2011 einen Militäreinsatz gegen Osama bin Laden durchführten, gab es ein Foto von Barack Obama und seinem engsten Team aus dem sogenannten Situation Room. Als die USA unter Donald Trump eine ähnliche Aktion gegen den Anführer des sogenannten Islamischen Staats, Abu Bakr al-Baghdadi, durchführten, veröffentlichte das Weiße Haus ebenfalls ein Bild aus dem Situation Room. Arno Frank hat beide Bilder miteinander verglichen, die Unterschiede könnten nicht größer sein.
Weiterer Lesehinweis: Bei “Newsweek” erklärt der frühere Cheffotograf des Weißen Hauses unter Barack Obama, warum das Bild mit Trump inszeniert sein könnte.
Außerdem lesenswert: der Kommentar von Bernd Graff bei Süddeutsche.de: “Wenn man Zivilisation und Kultur für einen hauchdünnen Firnis über einer kaum gebändigten, rohen Natur hält, kann man in Trumps archaischer Schmährhetorik allem Geist, Idealismus und Humanismus beim Abblättern zusehen.”

3. Axel Springer: Üppige Vorstandsboni trotz Sparkurs
(kress.de, Markus Wiegand)
Mitarbeiter rausschmeißen und gleichzeitig exorbitante Vorstandsboni ausschütten — für den Axel-Springer-Verlag anscheinend kein Problem. “kress pro”-Chefredakteur Markus Wiegand kommentiert: “Man stelle sich allerdings nur kurz vor, was die hauseigene “Bild” über ein Management schreiben würde, das im nationalen Mediengeschäft Leute rauswirft, um 50 Millionen Euro zu sparen, und gleichzeitig schon mal eine ähnlich hohe Summe als Boni erfasst. Schön wär’s nicht.”
Zu den Springer-Vorstandsgehältern auch aus unserem Archiv: Unerwähnt, was der Springer-Boss pro Jahr verdient.

4. Facebook-Pläne sorgen für Skepsis
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:57 Minuten)
Facebook will demnächst ein neues Nachrichtenangebot namens “Facebook News” starten. Dort soll es “ausschließlich Newsangebote geben von Partnern, die sich ausweisen können als akkreditierte journalistische Organisationen”. Für Verlage kann dies Vor- und Nachteile bringen: Kurzfristig könnten sie von eventuellen Ausschüttungen profitieren. Langfristig könnte sich das neue Angebot als weitere Bedrohung ihres Geschäftsmodells erweisen. Von möglicher übler Nachbarschaft ganz abgesehen: In den USA habe Facebook auch das ultrarechte Newsportal “Breitbart” als Quelle aufgenommen.

5. Wer schlampt, sieht Rot?
(taz.de, Alexander Graf)
Kann man ein journalistisches Gütesiegel ernst nehmen, bei dem Bild.de einen grünen Haken für “glaubwürdigen und transparenten Journalismus” bekommen hat? Obwohl die “Bild”-Journalistinnen und -Journalisten Informationen nicht “verantwortungsbewusst recherchieren und veröffentlichen”, wie in einer Unterkategorie festgestellt wird? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Wobei Experten wie der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller von der Universität Mannheim eh bezweifeln, dass viele Menschen das Gütesiegel-Tool NewsGuard installieren werden.

6. Die Darstellung von Armut ist einfach nur zynisch
(tagesspiegel.de, Bernd Gäbler)
Mit als “Sozialreportagen” verkleideten Trash-TV-Stücken machen RTL und RTL2 Quote auf Kosten von Menschen, die es eh schon schwer im Leben haben. Bernd Gäbler hat sich die verantwortungslosen und voyeuristischen Formate näher angeschaut. Darunter Sendungen wie die mit dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und dem Ex-Comedy-Star Ilka Bessin (“Cindy aus Marzahn”).

“Landolf Ladig” alias Björn Höcke, Neue Klima-Mythen, “Unkorrekt”

1. Andreas Kemper über “Landolf Ladig” alias Björn Höcke (AfD) – Jung & Naiv: Folge 442
(youtube.com, Tilo Jung, Video: 1:49:14 Stunden)
Tilo Jung hat mit dem Soziologen Andreas Kemper über antidemokratische Tendenzen in der AfD gesprochen. Ab Minute 50 erzählt Kemper, wie er herausgefunden habe, dass AfD-Politiker Björn Höcke unter dem Pseudonym “Landolf Ladig” rechtsextreme Schriften verfasst habe (Auszüge beim Zentrum für Politische Schönheit). Ein auf vielen Ebenen empfehlenswertes und erkenntnisbringendes Gespräch, das man sich auch gut im Politikunterricht der Schulen vorstellen kann.
Weiterer Lesehinweis: Von wegen “Nazi-Methoden”: Die falsche Inszenierung von Bernd Lucke als Opfer (uebermedien.de, Andreij Reisin).

2. Die neuen Klimawandel-Mythen
(scienceblogs.de/astrodicticum-simplex, Florian Freistetter)
Wissenschaftsjournalist Florian Freistetter beschäftigt sich regelmäßig mit den Mythen und Falschbehauptungen zu Klimawandel und Klimakrise. In seinem Artikel schreibt er über die “neuen Klimawandel-Mythen” und die dahinterstehende Weltsicht. Diese ließe sich wie folgt beschreiben: “Wir können so weiterleben wie bisher und müssen uns nicht ändern, da alle Aktionen zum Klimaschutz “in Wahrheit” falsch, unnötig oder unwirksam sind. Es gäbe keinen Grund für Aufregung; es würde schon alles irgendwie gut gehen; in der Zukunft lasse sich das alles regeln und in der Gegenwart können wir uns daher entspannen. Was meiner Meinung nach ganz großer Quatsch ist.”
Weiterer Lesehinweis: In einem Gastbeitrag für “Spiegel Online” erklärt Klima- und Meeresforscher Stefan Rahmstorf: Darum schweigt die Bundesregierung zur wichtigsten Zahl beim Klimaschutz. Rahmstorfs Vorwurf: Deutschland genehmige sich besonders viel vom knappen Emissionsbudget: “Konkret bedeutet dies, dass wir fast doppelt so viel des CO2-Budgets beanspruchen, wie unserem Anteil an der Weltbevölkerung (1,1%) entspricht. So sieht es auch mit unseren aktuellen Emissionen aus: die sind pro Kopf doppelt so hoch wie im Weltdurchschnitt.”

3. Ahnungslose Polizisten
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband zeigt sich verwundert über einen Polizisten auf der Frankfurter Buchmesse, der sich in einem Streit zwischen dem rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek und einem Pressefotografen auf die Seite des Verlegers geschlagen habe: “Offen ist die Frage, warum die Frankfurter Polizei Beamte zur Buchmesse schickt, die nur rudimentäre Kenntnisse vom Presserecht haben.”

4. Schwarze Balken statt Schlagzeilen
(taz.de, Urs Wälterlin)
In Australien haben Medien in einer gemeinsamen Aktion gegen die wachsende Einschränkung der Pressefreiheit protestiert und zensierte Titelseiten mit schwarzen Balken abgedruckt. Viele der mittlerweile über 75 sogenannten Sicherheitsgesetze, die nach den Anschlägen in New York erlassen worden seien, würden die Arbeit von Journalisten erschweren oder verunmöglichen.
Weiterer Tipp: Stefan Fries kommentiert im Deutschlandfunk (Audio: 3:18 Minuten): “Die Kampagne ist auch deshalb ungewöhnlich, weil zwischen den großen Medienhäusern in Australien normalerweise starke Konkurrenz herrscht. Dass sie sich jetzt zusammentun, sollte die australische Regierung alarmieren, die die Proteste bisher nicht sonderlich ernstgenommen hat.”

5. Nuhr & Ökogans: Die Welt der Greta-Hasser anhand der Kolumne “Unkorrekt”
(volksverpetzer.de, Natascha Strobl)
Der selbsternannte “unkorrekte” österreichische Journalist Heinz Sichrovsky arbeitet sich in der “Kronen Zeitung” regelmäßig an den “Korrektheits-Ayatollahs, Umweltblockwarten und Geschlechtsverkehrsregulatoren” (Pressetext zur Buchpräsentation) ab. Aktuell in einer Kolumne, in der er auf wirre Weise Greta Thunberg, Recep Tayyip Erdogan, Jan Böhmermann und Dieter Nuhr zusammenrührt und gegen “Teenie-Ayatollahs” hetzt. Natascha Strobl kommentiert: “Alles in allem haben wir hier einen völlig ungefilterten und durch Verankerung in der Realität unberührten Gedankenstrom eines Mannes, der den Grip in der jetzigen Zeit verliert und damit nicht klar kommt. Statt scharfer Analyse oder Kritik wird versucht, sich die Welt einfach zurecht zu zimmern.”

6. Qualitätsramsch
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Die legendäre Zeitschrift “Sports Illustrated” hat mit Ross Levinsohn einen neuen Chef, und der will alles anders machen. “Aus der Sportjournalismus-Ikone soll eine billige Inhaltsfabrik werden”, wie es Jürgen Schmieder in der “Süddeutschen Zeitung” beschreibt. Dazu habe man die Hälfte der Vollzeit-Redakteure rausgeschmissen, an deren Stelle eine Hundertschaft freier Mitarbeiter treten soll. Guter Journalismus werde dort zukünftig nicht stattfinden, dieser sei von Levinsohn schlicht nicht gewollt: “Er will Ramsch produzieren und ihn unter Sports Illustrated als Qualität verkaufen.”

Mädchen.de schickt junge Leserinnen ins Casino

Das Magazin MÄDCHEN begleitet bereits seit über 40 Jahren junge Frauen und Mädchen beim Erwachsen werden und das auch digital — dort wo sich die Zielgruppe heute aufhält.

MÄDCHEN.de legt seinen Fokus auf Beautytrends und Styling speziell für junge Frauen und Mädchen. Zusätzlich finden Nutzerinnen aktuelle News zu ihren Stars, Horoskope, Spiele und Test sowie natürlich alles über Schule, Liebe und Beziehung.

… und den direkten Weg in Online-Casinos und an digitale Roulettetische, was im schlimmsten Fall in einer Spielsucht enden kann, aber das haben sie beim Verlag Klambt irgendwie vergessen dazuzuschreiben.

Scrollt man die Startseite von Mädchen.de durch, findet man zwischen der, öhm, Nachricht, dass “Hottie Noah Centineo” “sich von seinen Locken getrennt” hat, und Tipps, was gegen “Pickel im Intimbereich” helfen soll, unter anderem diesen Beitrag aus der vergangenen Woche:

Screenshot Mädchen.de - Worauf stehen Jungs bei Mädchen? Die fünf Top Eigenschaften, auf die alle Jungen stehen

Manche stehen auf stille, ruhige Leseratten, andere auf laute, lustige Mädchen, wieder andere auf robuste Kämpfernaturen und einige sicherlich auch auf genau das, was auch immer du bist!

Aber es gibt fünf Eigenschaften, auf die alle Jungen stehen, sei es bei einer sportlichen Kämpferin oder einer ruhigen Denkerin

(Muss es wirklich immer noch sein, dass man Mädchen und jungen Frauen erzählt, wie sie sein sollten, damit sie Jungen und jungen Männern gefallen?)

Die “fünf Eigenschaften”, auf die angeblich “alle Jungen stehen”, sind: “Ehrlichkeit”, “Humor”, “Gepflegtes Aussehen”, “Einen gesunder Körper und ein gesundes Eßverhalten” sowie:

Sinn für Spiel und Spaß — ohne einen Sinn für Spiel, Spaß und vielleicht auch ein bißchen Nervenkitzel geht nichts! Wer gerne spielt und eine Herausforderung wie Casinos online oder Roulette online nicht scheut, der kann auch in der Liebe nicht verlieren! Glück im Spiel und in der Liebe — das geht!

“Casinos online” und “Roulette online” sind mit direkten Links zu einem Schweizer Online-Casino versehen. “Du willst dem einen Jungen aus der Parallelklasse gefallen? Dann verzock hier doch mal ein bisschen von Deinem Taschengeld.”

Am selben Tag ist bei Mädchen.de ein anderer Artikel erschienen, der noch ein bisschen irrer ist:

Screenshot Mädchen.de - Magischer Herbst - Glück im Spiel und Glück in der Liebe! Glück in beidem zu haben wäre ja fast wie Magie

Es wird metaphysisch — und ziemlich holzhammerig:

Im September, Oktober und November liegt etwas Magisches in der Luft und wenn du dir diese magische Zeit für, zum Beispiel, live wetten oder […] Casinos zu Nutzen machen willst, dann hast du jetzt die Gelegenheit! Vor allem im Oktober sind die magischen Ströme um uns herum besonders stark und du kannst einfache magische Rituale ausprobieren, vor allem Liebes- und Glücksrituale! Willst du es mal versuchen? Hast du Lust?

Klickt die junge Zielgruppe auf “live wetten”, landet sie bei einem Anbieter für Sportwetten, klickt sie auf “Casinos”, landet sie im Online-Casino-Bereich desselben Anbieters.

Die Mädchen.de-Redaktion erklärt dann noch, dass im Oktober “die Grenze zwischen unserer Welt und der Welt der Toten” sehr dünn sei, und dass man “vor allen Ritualen einen magischen Kreis” ziehen solle, um dann doch noch mal aufs Wesentliche (und die entsprechenden Links) zurückzukommen:

Für ein einfaches Glücksritual (zum Beispiel Glück im Spiel für Online Casinos oder bei […] Sportwetten!) brauchst du nur eine Kerze (die muß aber gold, grün oder rot sein) die mit Gewürznelkenöl eingestrichen ist und eine Schale mit frischem (!) Wasser und einige Münzen. (…) Halte die Münzen erst in deinen Händen und lasse sie dann, eine nach der anderen in die Schale mit dem Wasser gleiten. Es ist wichtig, dass du vorher laut sagst, dass alles Glück und Geld, das du auf diese Weise bekommen solltest, anderen in keiner Weise schaden darf!

Diesen wichtigen Schritt, um bei der Suche nach Glück und vor allem nach (Werbe-)Geld Schaden von anderen abzuhalten, scheinen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Mädchen.de selbst ständig zu vergessen, wenn sie ihre als Artikel getarnten Anzeigen für Glücksspiel in die Welt jagen.

Und das macht sie zu allen möglichen Themen. Zum Beispiel, wenn es vermeintlich um einen “Spieleabend für Groß und Klein” geht:

Es muss nicht immer das Mensch-ärgere-Dich-nicht sein.

Genau — wie wäre es zum Beispiel, mit den Freundinnen vor dem Laptop zu hängen und zu pokern?

Einmal spielen wie die raffinierten Pokerspieler, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen und immer schön cool bleiben. Das geht bei […].

Auch die Antwort auf die Frage, was Frauen am liebsten spielen, führt bei Mädchen.de zum Glücksspiel:

Eines der populärsten Genres unter Frauen ist das Denkspiel. In diese Kategorie fallen alle möglichen Puzzlespiele, Rätsel und Kartenspiele, die aus dem Casino bereits bekannt sind. […] Doch auch Spiele wie Poker und Blackjack finden immer größeren Anklang. Bei diesen Casinospielen wird ebenfalls eine Strategie sowie eine Kombinationsfähigkeit gefordert, die vielen von uns besonders gut liegt. Diese Spiele werden ebenfalls aufgrund ihrer einfachen Zugänglichkeit für Anfänger immer populärer: So bieten manche Online Casinos Anleitungen zu den Spielen. Andere erleichtern den Einstieg mit einem Online Casino Bonus ohne Ersteinzahlung, der es ermöglicht, ein Angebot zunächst auszuprobieren. Mobilität und Ausprobieren ist bei diesen Spielen garantiert.

Bei “Online Casino Bonus” hat die Redaktion einen entsprechenden Link gesetzt.

Und wenn es um Mädchen geht, die Videospiele mögen, gibt es ebenfalls einen Link zu einem Online-Casino:

Gamer Girls sind mittlerweile genauso trendy wie Gamer Guys, und zwar nicht nur als Liebestraum eines Zockers, der darin den Topf für seinen Deckel sieht. Tun mehrere Gamer Girls sich zusammen, können sie aus einem Mädelsabend auch eine LAN-Party machen. Doch auch wenn es sich nur um Casual Gamer handelt, können Online Spiele jeden Mädelsabend versüßen. Ladies über 18 können sich dafür sogar ins Casino Online einloggen — für alle anderen gibt’s hier unterhaltsame Tipps.

Zum Thema “Stars und Casinos” schreibt das Mädchen.de-Team:

Prominente und das Glücksspiel, das ist seit Elvis untrennbar verbunden. Der Weltstar begann den wichtigsten Teil seiner Karriere in Las Vegas, dem ultimativen Ort für Glücksspiele wie Poker, Roulette und Black Jack. Heute muss aber niemand mehr bis in die Wüste fahren, um spielen zu können, denn Online Casinos haben das Internet erobert.

… und baut zwischen ein paar Promi-Geschichten aus den Casinos dieser Welt einen Link zu einer Vergleichsseite von Automatenspielen ein:

Ein besonders beliebtes Spiel ist dabei Poker, doch auch Automatenspiele, die laut der Webseite […] zu den besten Onlinespielen zählen, stehen in der Gunst ganz oben.

In einer großen Übersicht, in der die Redaktion schreibt, wonach “Dein Sternzeichen süchtig” ist, steht auch:

Wassermann

Candy-Crush? Farmville? Doodlejump? All diese Spiele hast Du auf Deinem Handy. Ganz klar: Wassermänner neigen zur Spielsucht! Aber solange es nur harmlose Handyspiele sind, brauchst Du Dir keine Sorgen machen. Gefährlich wird es erst, wenn Du regelmäßig auf Gaming-Seiten unterwegs bist oder in Casinos um Geld spielst.

Oder wenn Du Mädchen.de besuchst.

Mit Dank an Kad für den Hinweis!

Nachtrag, 22. Oktober: Die Redaktion von Mädchen.de hat alle Artikel, die wir hier thematisiert haben, gelöscht — selbst den Beitrag zur angeblichen Suchtgefahr beim Sternzeichen Wassermann, in dem es lediglich um die Gefahr von Gaming-Seiten und Casinos ging und überhaupt kein fragwürdiger Link zu einem Online-Casino vorkam.

Einen Artikel, den wir bisher nicht erwähnt hatten, und in dem Mädchen.de auf eine Seite mit Testberichten zu Online-Casinos verlinkt (die dann wiederum direkt zu den getesteten Online-Casinos verlinkt), hat die Redaktion hingegen nicht gelöscht.

Nachtrag, 22. März 2020: Der Presserat hat eine Rüge gegen die Mädchen.de-Redaktion ausgesprochen. Das Gremium bezog sich dabei auf den Artikel “Worauf stehen Jungs bei Mädchen? Die 5 Top Eigenschaften, auf die alle Jungen stehen!”:

Der Presserat sah darin eine unzureichende Kennzeichnung von Werbung nach Richtlinie 7.1 des Pressekodex, da die Verlinkungen nicht als Werbung erkennbar waren. Noch schwerwiegender war nach Ansicht des Beschwerdeausschusses allerdings der Verstoß gegen den Jugendschutz nach Ziffer 11. Es ist mit den presseethischen Grundsätzen nicht vereinbar, in einem redaktionellen Angebot, das sich in erster Linie an Jugendliche richtet, für Glücksspiele zu werben.

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