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„Bild“-Chef erfindet 170.000 AfD-Wähler in Hamburg

Gestern Abend twitterte Julian Reichelt zur Bürgerschaftswahl in Hamburg:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Nicht das Wahlergebnis ist der Triumph für die AfD. Sondern all die Journalisten, Aktivisten, Politiker, die ihre Niederlage verkündet haben, bevor es belastbare Fakten gab. Das festigt die Opferrolle, und heute Abend haben sehr viele dazu beigetragen, die auf der richtigen Seite stehen wollen. Journalisten haben verkündet und bejubelt, was sie gern hätten, nicht, was ist. Leichter kann man es der AfD nicht machen. Die bittere Wahrheit: Die AfD hat im Saldo trotz Hanau keinen einzigen Wähler in Hamburg verloren.

Nun ist Julian Reichelt nicht nur Medienethiker bei Twitter, sondern nebenberuflich auch noch „Bild“-Chefredakteur. Und damit verantwortlich für eine solche Überschrift, die gestern Abend im E-Paper der „Bild“-Zeitung erschienen war:

Ausriss Bild-Zeitung - Wahl in Hamburg - SPD-Triumph, Mega-Pleite für AfD

Im Artikel stand:

Die im weltoffenen Hamburg ohnehin schwache AfD beendete gestern die jahrelange Serie von Wahlsiegen.

Dazu zeigte die Redaktion die „erste Hochrechnung, Stand: 19:10“, laut der die AfD es nicht in die Bürgerschaft geschafft hatte:

Ausriss Bild-Zeitung - Erste Hochrechnung von 19:10 Uhr, laut der die AfD bei 4,7 Prozent liegt

Oder um es mit den Worten von Julian Reichelt zu sagen: Die „Bild“-Redaktion verkündete die Niederlage der AfD, „BEVOR es belastbare Fakten gab.“ Erst nachträglich änderte sie ihre Überschrift in: „SPD-ERFOLG, DEBAKEL FÜR DIE CDU“. Im Artikel tauschte sie den oben zitierten Satz aus — dort steht inzwischen: „Die im weltoffenen Hamburg ohnehin schwache AfD musste gestern zittern.“ Und die Grafik zeigt nun das „vorläufige amtliche Ergebnis“, in dem die AfD bei 5,3 Prozent liegt — und damit in der Bürgerschaft ist.

Wie stark Selbstblindheit und/oder Selbstgerechtigkeit bei Julian Reichelt ausgeprägt sind, zeigt auch ein Blick wenige Tage zurück: Nur ein paar Stunden nach den ersten Meldungen über die Schüsse in Hanau, hatten die Reporter, die in der „Bild live“-Sondersendung auftraten, keinerlei „belastbare Fakten“, mutmaßten aber schon mal, dass „Russen“ hinter den Schüssen stecken, und dass das „Drogenmilieu“ auch eine Rolle spielen dürfte.

Seinem Plädoyer für abwartenden Journalismus fügte der „Bild“-Chef noch ein paar Screenshots hinzu. Und er veröffentlichte einen „Nachtrag“:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Nachtrag: Die ARD-Darstellung der Wanderung ist nicht ganz präzise. Es haben trotz Hanau nur noch 211000 Hamburger AfD gewählt, nicht mehr 214000.

Damit beweist Julian Reichelt einmal mehr seine Inkompetenz: Bei 831.715 Menschen, die in Hamburg gewählt haben, wäre es eine mathematische Überraschung, wenn die AfD nur 5,3 Prozent erreicht, sollten wirklich „211.000 Hamburger AfD gewählt“ haben. Man braucht keinen Taschenrechner, um zu erkennen, dass das nicht passt.

Tatsächlich waren es rund 170.000 Wählerinnen und Wähler weniger: „Zeit Online“ schreibt von „42.000 Menschen“, die die AfD bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2020 wählten, laut „Hamburger Morgenpost“ waren es „rund 44.000 Hamburger“. Jeder von ihnen konnte bis zu fünf Stimmen auf der Landesliste frei vergeben. So kommt die deutlich höhere Anzahl an Stimmen für die AfD zustande: 211.327.

Der Chef der größten deutschen Tageszeitung ist nicht in der Lage, Wählerinnen/Wähler und abgegebene Stimmen auseinanderzuhalten.

Mit Dank an @onlinebuerger und @ronin_sam für die Hinweise!