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Darknet des kleinen Mannes, Post für Porno-Portale, Gegenrede wirksam

1. Neue Studie zeigt Wirksamkeit von Gegenrede im Netz
(netzpolitik.org, Daniel Laufer)
Viele erinnern sich noch an die von Jan Böhmermann initiierte Aktion “Reconquista Internet” zur Abwehr der rechten Trollarmee “Reconquista Germanica”. Nun haben US-amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Aktion untersucht und festgestellt, dass organisierte Gegenrede tatsächlich ein wirksames Mittel gegen Hass im Netz sein könnte. Böhmermann fasst zusammen: “Die Studie belegt erstmals empirisch, was wir mit ‘Reconquista Internet’ praktisch erfahren haben: Wer organisierten Hass, rassistische Hetze oder die cleveren Diskursverschiebungskampagnen rechtsextremistischer Netzwerke im Internet erfolgreich bekämpfen will, muss wissen, wie diese verdeckten Manipulationsnetzwerke arbeiten, sie analysieren und gegen sie aktiv werden”.

2. Wenn Peking die Bilder liefert
(sueddeutsche.de, Lea Deuber)
Am 15. Juni soll die SWR-Dokumentation “Inside Wuhan” im Format “Story im Ersten” laufen, doch es gibt bereits im Vorfeld Kritik an der Produktion. Der Titel klinge, als habe sich der SWR für die Zuschauerinnen und Zuschauer auf Spurensuche in Wuhan begeben. Es sei jedoch kein eigenes Team entsendet worden, stattdessen sei mit Material der chinesischen Propagandabehörden gearbeitet worden.

3. Die schlimmste App der Welt
(youtube.com, Walulis, Video: 10:36 Minuten)
Als “die schlimmste App der Welt” und das “Darknet des kleinen Mannes” bezeichnet Philipp Walulis den Messengerdienst Telegram. Die WhatsApp-Alternative habe sich mittlerweile zu einem Spielplatz für Verschwörungserzähler wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo entwickelt, die dort ungestört agieren könnten. Gegründet worden sei der Dienst von Pawel Durow, der zuvor bereits das in Russland meistgenutzte Soziale Netzwerk Vk.com gegründet habe, dann aber in Ungnade gefallen sei und heute seinen Geschäften von Dubai aus nachgehe.

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4. Das Milliardenspiel
(spiegel.de, Peter Ahrens & Jörn Meyn)
Derzeit liegen die Live-Rechte für die Fußball-Bundesliga vor allem beim Bezahlsender Sky, doch das könne sich bald ändern: Bis zum 19. Juni laufe die Ausschreibungsfrist für die TV-Rechte an den Spielzeiten 2021/2022 bis 2024/2025. Peter Ahrens und Jörn Meyn erklären, welche Rechtepakete zum Verkauf stehen, wer alles mitbietet, und welche Rolle Amazon dabei spielt. Außerdem geht es natürlich um die Frage, ob eine weitere Gewinnexplosion zu erwarten ist.

5. Bundesverfassungsgericht verrät vorab seine Urteile
(tagesspiegel.de, Jost-Müller Neuhof)
Es gibt Kritik an der Veröffentlichungspraxis des in Karlsruhe sitzenden Bundesverfassungsgerichts. Noch vor der offiziellen Verkündung der Urteile, teile das Gericht Informationen zu seinen Entscheidungen vor Ort einem kleinen Kreis ausgewählter Journalistinnen und Journalisten mit. In rund der Hälfte der Fälle würden diese Exklusiv-Infos an Vertreterinnen und Vertreter von ARD und ZDF gehen. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert das Vorgehen des Gerichts als “befremdlich und nicht mehr zeitgemäß”.

6. Youporn, Pornhub und MyDirtyHobby bekommen Post
(faz.net)
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geht gegen drei reichweitenstarke Pornoportale vor, die in der gegenwärtigen Form nicht weiterbetrieben werden dürften. Die Websites würden gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag verstoßen, indem sie Pornografie frei zugänglich machen würden, ohne sicherzustellen, dass Kinder keinen Zugang haben. Es dürfte ein zähes Ringen werden, denn das dahinterstehende Unternehmen hat seinen Sitz auf Zypern. Die KJM gibt sich jedoch kämpferisch und könne nötigenfalls auf das Mittel der Netzsperre zurückgreifen.

Rezos Medienkritik, Schüsse auf Presse in USA, Datteln IV

1. Die Zerstörung der Presse
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
“Die Zerstörung der Presse” nennt Rezo sein neues Video, in dem er sich fast eine Stunde nicht nur mit den Auswüchsen des Boulevardjournalismus und den Methoden der Regenbogenpresse, sondern auch mit den Unzulänglichkeiten der seriösen Medien beschäftigt. Markus Reuter hat das Video gesehen und zieht folgendes Fazit: “Regelmäßigen Leser:innen von Bildblog oder Übermedien wird Rezos Video nicht allzuviel Neues bringen. Aber das ist egal: Es ist eine unterhaltsame, solide und vor allem konstruktive Medienkritik, die Rezo da auf seine Weise für ein großes Publikum produziert. Und das kann nun wirklich kein Fehler sein.” Dieser Einschätzung schließt sich der “6 vor 9”-Kurator an, empfiehlt das Video jedoch ausdrücklich auch den BILDblog-Leserinnen und -Lesern.
Weiterer Lesehinweis: Youtuber Rezo übt schonungslose Medienkritik (rbb24.de, Daniel Bouhs).

2. Brutale Gewalt gegen Journalisten bei Protesten
(reporter-ohne-grenzen.de)
In den USA kam es im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt zu zahlreichen Protesten. Dabei habe es mindestens 68 Übergriffe auf Medienschaffende gegeben. Journalistinnen und Journalisten seien mit Gummigeschossen, Pfefferspray und Tränengas angegriffen und vertrieben worden. “Es war vorauszusehen, dass die Art von Präsident Trump, die Medien zu dämonisieren und ein klares Feindbild aufzubauen, tatsächlich zu Gewalt führen würde. Die beispiellose Brutalität, mit der sowohl die Polizei als auch Protestierende in den vergangenen Tagen auf Reporterinnen und Reporter losgegangen sind, ist das Ergebnis dieser feindseligen Rhetorik”, so Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.
Weiterer Gucktipp: Auf Twitter kann man sehen, wie ein Reporter und ein Team der Deutschen Welle wiederholt von der Polizei beschossen und bedroht werden: Video 1 und Video 2.
Weiterer Lesehinweis: Police targeted journalists covering the George Floyd protests (vox.com, Katelyn Burns, in englischer Sprache).

3. Corona und wir – Die Tagesthemen-Moderatorin
(spotify.com, Imre Grimm, Audio: 36:31 Minuten)
Imre Grimm leitet beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” das Gesellschaftsressort und veröffentlicht regelmäßig den Podcast “Corona und wir”. In der aktuellen Folge spricht er mit der “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga über die Berichterstattung zur Corona-Pandemie, die Abläufe im Sender sowie die Vor- und Anwürfe von verschwörungsgläubigen Zuschauern und Zuschauerinnen.
Wer Spotify nicht nutzen will oder kann, kann den Podcast bei radio.de anhören (allerdings können wir dort nicht direkt zur aktuellen Folge verlinken).

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4. Das letzte “Hoff zum Sonntag”: The Last Time – Der Abgesang
(dwdl.de, Hans Hoff)
Der Medienkolumnist Hans Hoff verabschiedet sich in den Ruhestand und packt in seiner letzten Kolumne nochmal die schönsten Anekdoten seiner Karriere aus. Dabei sind einige herrliche Begegnungen mit Promis und Fehleinschätzungen zu internationalen Popstars. Hoff hat es sogar mal zu einer Erwähnung im BILDblog gebracht, die wir jedoch für längst verjährt erachten. Viel öfter haben wir ihn hier in den “6 vor 9” zur Lektüre empfohlen. Lieber Hans Hoff, falls Sie hier mitlesen: Wir werden Sie vermissen und wünschen Ihnen alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!
Weiterer Lesehinweis: WDR-Intendant Tom Buhrow wünscht Hoff in einem Gastbeitrag zum Abschied in den Ruhestand alles Gute: “Ich war oft Zielscheibe seiner Kritik. Dennoch: Die Artikel von Hans Hoff werden mir fehlen, wenn er demnächst in den Ruhestand geht.” (dwdl.de).

5. Polizeiwillkür muss Folgen haben
(taz.de, Malte Kreutzfeldt)
Ein bedenklicher Angriff auf die Pressefreiheit sei derzeit in Nordrhein-Westfalen zu beobachten, so Malte Kreutzfeldt in der “taz”. Die Polizei Recklinghausen habe mehreren Journalisten und Journalistinnen Aufenthaltsverbote für die Straßen rund um das Gelände des Kohlekraftwerks Datteln IV erteilt. In einem Schreiben habe die Polizei mitgeteilt, dass die betroffenen Reporter und Reporterinnen sich ihre Informationen bei der Pressestelle der Polizei einholen könnten. Damit gäbe es keinen Grund, sich dem Kraftwerk zu nähern.

6. Was wurde aus… Sex-Werbung im Videotext?
(spiegel.de, Markus Böhm)
Videotext wird 40 Jahre alt. Ein Großteil der Infotafeln war von Anbeginn an mit Kurznachrichten, Klatsch, Wetterbericht, Fernsehprogramm und Aktienkursen gefüllt. Es gab aber auch die Schmuddelecke, in der teure 0190-Hotlines mit “scharfen Hausfrauen” und “gierigen Schülerinnen” beworben wurden, versehen mit Nacktbildern in Klötzchengrafik. Zum Videotext-Jubiläum hat sich Markus Böhm noch einmal durch die Teletext-Erotikwelten von Sendern wie RTL II, Sat.1 und Sport1 geklickt beziehungsweise geschaltet.

Corona-Tote-Gedenken, Journalist als Störer, Bloße Kritik kein “Shitstorm”

1. Auferstanden aus der Anonymität
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
In den USA gibt es mittlerweile annähernd 100.000 Opfer der Corona-Pandemie. Die “New York Times” veröffentlichte auf der Frontseite ihrer Wochenendausgabe die Namen von Hunderten von Toten, um sie aus der Anonymität herauszuholen. Eine puristisch gehaltene Namensübersicht ohne Fotos und Grafiken, jedoch ergänzt um teilweise berührende Anmerkungen.
Weitere Lesehinweise: Der Zeitstrahl samt Gedenken an die Corona-Toten als schier endloser Digitalfriedhof zum Scrollen: An Incalculable Loss (nytimes.com). Und der Hintergrundbericht: The Project Behind a Front Page Full of Names (nytimes.com).
In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenswert: Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten? (dirkvongehlen.de).

2. Kritik an rassistischer Werbung ist kein “Shitstorm”
(uebermedien.de, Said Rezek)
Volkswagen veröffentlichte jüngst einen Werbeclip, der wegen seiner rassistischen Begleitbotschaft heftige Kritik nach sich zog. Nach anfänglichem Herumlavieren und Abstreiten bat der Konzern um Entschuldigung und löschte das Video. Handelte es sich bei den Reaktionen in den Sozialen Medien um einen “Shitstorm”? Keineswegs, findet der Politikwissenschaftler und freie Journalist Said Rezek: “Wir haben es mit einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr zu tun, die gerade bei rassistischen und sexistischen Übergriffen weit verbreitet ist. Denn wer die vielen Twitter-, Facebook- und Instagram-Nutzer:innen in der Causa VW eines Shitstorms beschuldigt, macht sie kollektiv zum Täter und VW zum Opfer.”

3. “Wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht verloren”
(zeit.de, Eike Kühl)
“Zeit Online” hat sich mit dem Autor, Journalisten und Aktivisten Cory Doctorow über Verschwörungserzählungen in Corona-Zeiten unterhalten. Wie entstehen derartige Mythen, wie werden sie befördert, und wie kann man ihnen begegnen? Doctorows hoffnungsvolle Sicht: “Ich finde, wer an Verschwörungen glaubt, ist nicht per se verloren. Viele sind bloß im letzten Moment der Wahrheitssuche falsch abgebogen. Und leider können sie sich heutzutage nicht immer auf die Institutionen verlassen, die ihnen dabei helfen sollen, zwischen guter und schlechter Recherche zu unterscheiden.”
Weiterer Lesehinweis: Verschwörungstheorien in sozialen Medien: Die Pandemie der Unwahrheiten (taz.de, Carolina Schwarz).

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4. Alles lässt sich immer so oder so (oder sogar so!) sehen
(spiegel.de, Arno Frank)
Aron Frank hat sich die Meinungs-App “The Buzzard” (“Der tägliche Perspektivwechsel im Mediendschungel”) angeschaut: “The Buzzard setzt ganz auf die Kraft des Arguments und voraus, dass weltanschauliche Vorprägungen sich damit mühelos aushebeln lassen. Könnten wir nur lesen, was die jeweils ‘andere Seite’ liest, würde gegenseitiges Verständnis sich schon von selbst einstellen. Der Wunsch ist fromm, zeugt aber auch von einer Selbstüberschätzung. Und einem entleerten Begriff von Journalismus.”

5. Datteln IV und der Journalist als Störer
(verdi.de, Helma Nehrlich)
Der freie Fotograf Björn Kietzmann habe eine Protestaktion gegen das Kraftwerk Datteln IV dokumentiert und dafür einen Strafbefehl von 900 Euro wegen Hausfriedensbruchs erhalten. Außerdem sei er vom Polizeipräsidium Recklinghausen mit einem Betretungs- und Aufenthaltsverbot für das Kraftwerksgelände belegt worden. Dagegen wolle er sich nun auf juristischem Wege wehren.

6. Der Begriff “Journalist” ist nicht mehr zu gebrauchen
(dwdl.de, Hans Hoff)
Der Begriff “Journalist” ist keine geschützte Berufsbezeichnung und werde oft von Menschen für sich in Anspruch genommen, die nichts mit Journalismus am Hut haben. Es mangele an Trennschärfe, so Hans Hoff in seinem Rant bei “DWDL”: “Es gibt Mistschleudern wie ‘Der Westen’, Dumpfportale wie ‘Express’, Hetzblätter wie ‘Bild’ und Lügenorgane wie ‘Die Aktuelle’. Überall dort arbeiten Menschen, die sich als Journalisten bezeichnen. Sie zeichnen sich mehrheitlich dadurch aus, dass ihnen komplett egal ist, was sie transportieren, so lange sie mit ihrem Output genügend Deppen einfangen und am Ende die Zahlen stimmen. Sie optimieren ihre Produkte der Form nach und scheren sich einen Dreck um Inhalte.”

Internetüberwacher BND, Corona-Daten, “Zensurheberrecht”

1. So überwacht der BND das Internet
(spiegel.de, Max Hoppenstedt & Wolf Wiedmann-Schmidt)
Heute urteilt das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der Internetüberwachung durch den Bundesnachrichtendienst (BND). Was bedeutet die Internetüberwachung durch eine der mächtigsten deutschen Behörden für unseren Alltag? Kann der BND auch verschlüsselte Kommunikation knacken? Und welche privaten Daten sind für den BND tabu? Max Hoppenstedt und Wolf Wiedmann-Schmidt geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

2. Medien fordern bessere Corona-Daten vom RKI
(ndr.de, Daniel Bouhs)
45 Datenjournalisten und Datenjournalistinnen fordern vom Robert-Koch-Institut (RKI) die Herausgabe der detaillierten Corona-Daten. In ihrem “#OpenCoronaData-Appell” wenden sie sich an RKI-Präsidenten Lothar Wieler: “Bitte tragen Sie auch Sorge dafür, dass Ihre Behörde (und insbesondere Ihre Pressestelle) personell, technisch und inhaltlich in die Lage versetzt wird, diesem datenbezogenen Informationsinteresse der Medien Rechnung tragen zu können.”

3. Redaktionsstart unter genauer Beobachtung
(deutschlandfunk.de, Vera Linß, Audio: 5:55 Minuten)
Nun schwimmt es also tatsächlich auf der Spree im Berlinger Regierungsbezirk: Gabor Steingarts Redaktionsschiff “Pioneer One”. Rund 15 Journalistinnen und Journalisten sollen sich dort um Newsletter, Podcasts und Events kümmern — bezahlt von Abonnenten und Abonnentinnen. Der Deutschlandfunk stellt das Projekt vor und lässt dabei auch Wiebke Loosen zu Wort kommen, die als Professorin an der Universität Hamburg zu Pionierjournalismus forscht.
Weiterer Lesetipp: Der Erklärungsversuch von Stefan Niggemeier auf “Übermedien”: “Ich male mir das so aus, dass Gabor Steingart irgendwann zu Springer-Chef Mathias Döpfner gegangen ist und ihn überzeugt hat, Millionen in das neue Unternehmen zu stecken statt in sowas wie, sagen wir, die ‘Welt’, indem er es nicht als Schnäppchen, sondern absurd teure Sache verkauft hat. Je mehr es kostete, je absurder es wurde (und dann lassen wir ein eigenes Schiff bauen und fahren damit auf der Spree zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof hin und her!), desto attraktiver schien die Investition.”

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4. Oberstes Gericht setzt Grenzen für “Message Control” durch Zensurheberrecht
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Die österreichische Regierung bemüht sich um die totale Kontrolle ihrer Außenwirkung. Das führte unter anderem dazu, dass ein unpassend erscheinendes Hintergrundbild noch zwei Jahre später durch eine Heimatlandschaft mit Kühen ersetzt wurde. Als Online-Medien darüber berichten wollten, verfiel man auf einen Trick: die Berichterstattung verletze angeblich das Urheberrecht des Fotografen. Dem habe nun letztinstanzlich der Oberste Gerichtshof widersprochen: Die Nutzung als Bildzitat sei zulässig gewesen. Leonhard Dobuschs Fazit: “Meinungsfreiheit schlägt hier also klar ein Urheberrecht, das für die Zwecke der Message Control instrumentalisiert werden sollte.”

5. Das sind die Podcast-Tipps im Mai
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand & Nicolas Freund & Carolin Gasteiger & Stefan Fischer & Theresa Rauffmann)
Die “Süddeutsche Zeitung” stellt einige empfehlenswerte Podcasts vor und zeigt, dass es jenseits unterhaltsamer Laber-Formate auch anspruchsvolle und aufwändige Produktionen gibt. Diesen Monat mit dabei: ein fünfteiliges Feature zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der unter zweifelhaften Umständen in der Gefängniszelle einer Polizeiwache in Dessau starb, ein amerikanisches Format über die Auswirkungen von Corona im Mississippi-Delta, eine Produktion zur Zukunft der Arbeit, ein Krimi sowie eine Chronologie der Pannen beim Bau des Berliner Flughafens.

6. Amazon steigt kurzfristig in Bundesliga ein – mit Pannen
(faz.net)
Amazon versuchte sich an einer Übertragung eines Bundesliga-Spiels, kämpfte jedoch mit technischen Problemen. Der Einstieg von Amazon in das Fußball-TV-Geschäft ist auch angesichts der Differenzen der bisherigen Rechteinhaber bemerkenswert. Dazu auch der weitere Lesehinweis: Bundesliga kurios: Eurosport produziert für Amazon (dwdl.de, Alexander Krei).

Prof. Dr. Verschwörung, “Bild” am Gartenzaun, Evas Telegram-Protest

1. Prof. Dr. Verschwörung
(sueddeutsche.de, Bastian Brinkmann)
Der Finanzwissenschaftler und Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz-Universität Hannover Stefan Homburg ist während der Corona-Krise zur Medienfigur geworden. Bekannt gemacht haben ihn jedoch nicht seine wirtschaftspolitischen Forschungen, sondern seine öffentlichen Äußerungen zu der angeblichen Wirkungslosigkeit von Kontaktbeschränkungen, einer angeblich bevorstehenden “Zwangsimpfung” und den “Sklaven-Masken, mit denen die Bevölkerung psychisch niedergehalten werden soll”. “SZ”-Redakteur Bastian Brinkmann hat sich fast zwei Stunden mit dem Professor unterhalten, den er bei aller Kritik als durchaus eloquent empfand.
Weiterer Lesehinweis: Homburgs Reaktion auf Twitter fiel weniger eloquent aus: “Medienprostitution vom Feinsten. Wenn Sie Ihr Abo kündigen, tut das der Süddeutschen wegen der neuen Subventionen für Linientreue nicht weh. Wer einem ‘Bastian Brinkmann’ ein Wort glaubt, ist selbst schuld. Schreiben Sie ihn an!”

2. “Bild” filmt Sidos Garten – Rapper geht auf Kamerateam los
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Ein “Bild”-Kamerateam hat dem Rapper Sido vor dessen Haus aufgelauert, um ihn über den Gartenzaun zu seinen verschwörerischen Äußerungen zu befragen. In dem Zusammenhang kommt es zu einem Wortgefecht, Sido geht auf das Kamerateam los, es scheint ein Gerangel zu geben. Ein Vorfall, den “Bild” samt Video gleich gewinnbringend hinter der Bezahlschranke verkauft. Matthias Schwarzer kommentiert: “Medienrechtlich ist die Aktion der ‘Bild’-Zeitung derweil mindestens heikel. Denn auch Prominente haben das Recht auf Privatsphäre und müssen es keineswegs hinnehmen, mit jedem Teil ihres Lebens in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden — dazu zählt zum Beispiel auch das private Grundstück.”

3. Follower bei der Arbeit
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid & Michael Borgers)
Deutschlandfunk-Autor Stefan Römermann berichtete vor einigen Tagen über die Wirkmächtigkeit des Messengerdienstes Telegram für die Verschwörungsszene (Audio: 6:31 Minuten). Er zitierte dabei auch die ehemalige Moderatorin Eva Herman, die sich missverstanden fühlte und an ihre mehr als 100.000 Accounts umfassende Telegram-Gefolgschaft schrieb: “Deutschlandfunk hört meinen Telegram-Kanal ab und reißt meine Äußerungen willkürlich aus dem Zusammenhang. So arbeiten die zwangsgebührenfinanzierten Sender”. Wie zur Bestätigung der These von der enormen Wirkmächtigkeit des Messengerdienstes hätten sich daraufhin unzählige Telegram-Nutzerinnen und -Nutzer bei Römermann gemeldet.

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4. Sechs Tipps für den Umgang mit Verschwörungstheoretiker*innen
(editionf.com, Dana Buchzik)
Die Journalistin Dana Buchzik ist in einer radikalen Sekte aufgewachsen und lebte einige Zeit in einem Umfeld radikaler Meinungen. In ihrem Beitrag verrät sie sechs Tipps, wie man mit davon betroffenen Personen umgehen kann, denn: “Wenn wir verstehen, wie Radikalisierungsprozesse ablaufen, können wir im Gespräch nicht nur uns selbst besser schützen, sondern auch unserem Gegenüber vermitteln, dass es noch immer einen gemeinsamen Boden humanistischer Werte gibt, auf den sie*er zurückkehren kann.”

5. Das sind die Corona-Unwörter
(spiegel.de, Samira El Ouassil)
Samira El Ouassil beschäftigt sich in ihrer neuen “Spiegel”-Kolumne mit Sprache in der Krise: “Wörter wie ‘Grenzöffnung’, ‘Klimahysterie’ und ‘Lockdown’ ermöglichen auf geradezu magische Weise die Beschreibungen einer Gegenwart, die nicht stattgefunden hat, von der wir jedoch glauben, dass wir sie so wahrgenommen und erlebt haben.”

6. “Man muss den Leuten etwas erzählen und erklären wollen”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Silke Hansen ist als Leiterin des ARD-Wetterkompetenzzentrums unter anderem für den Wetterbericht in der “Tagesschau” verantwortlich. Im Interview mit dem “Fachjournalist” schildert sie ihren Alltag als Wettermoderatorin, spricht über spannende Wetterphänomene und erzählt, was sie mit der Formel 1 und dem Rallyesport verbindet.

Heinsberg und die “Storymachine”, Corona-Stillstand, 100 Jahre Kicker

1. Offene Fragen: Sportmanager Mronz und die Heinsberg-Studie
(sportschau.de, Niklas Schenk)
Rund um die sogenannte “Heinsberg-Studie” von Hendrik Streeck, Chefvirologe der Uni Bonn, tauchen allerhand Fragen auf, die nichts mit den medizinischen Ergebnissen zu tun haben, sondern sich auf einen Nebenaspekt beziehen: “Warum ist eine PR-Agentur an einer wissenschaftlichen Studie beteiligt? Wer hat [Michael] Mronz und seine Firma ‘Storymachine’ beauftragt? Wer bezahlt diese?”
Weitere Lesehinweise: Kritik und Zweifel an Studie aus Heinsberg (sueddeutsche.de, Kathrin Zinkant) und auf “Meedia” hat sich einer der “Storymachine”-Betreiber geäußert: “Heinsberg Protokoll”: Zum ersten Mal spricht Philipp Jessen über ein Storymachine-Projekt.

2. Im Stillstand der Städte
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Stadt- und Kulturmagazine trifft die derzeitige Lage besonders hart, da kaum noch Werbung für Veranstaltungen, Restaurants, Partys oder sonstige Events geschaltet wird. Boris Rosenkranz hat sich bei einigen Magazinen umgehört, wie sie mit der Krise umgehen.

3. Corona-Falschmeldungen erreichen ein Millionenpublikum
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz & Hannes Munzinger)
Eine der “Süddeutschen Zeitung”, NDR und WDR vorliegende Analyse hat Videos und Artikel erfasst, die bei Faktenchecks als irreführend oder falsch gekennzeichnet wurden, und deren Ausbreitungswege ausgewertet. Die Corona-Krise mache Menschen besonders anfällig für Falschinformationen: Die betreffenden Videos würden millionenfach geklickt. Löschungen gälten in der Szene als besonderes Merkmal der Glaubwürdigkeit, und Faktenchecks könnten nur einen Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer erreichen.

4. Virale Propaganda
(netzpolitik.org, Daniel Laufer & Jan Petter)
Die rechte Szene habe ein Propagandaportal mit rechtsradikalen und rassistischen Botschaften gestartet, das sich vornehmlich an junge Leute richte und dabei auf die typischen Stilelemente wie Listen, Quizspiele und gut teilbare Grafiken setze. Recherchen von netzpolitik.org und “Bento” würden zeigen, dass der Gründer der Seite seit Jahren in der rechten Szene aktiv sei: “Er und seine Mitstreiter:innen haben nicht nur enge Verbindungen zu AfD-Politikern und der Jungen Alternative (JA), sondern auch ins rechtsextreme Milieu rund um die Identitäre Bewegung (IB) und zu anderen Medien, die teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden.”
Weiterer Lesehinweis: Warum Rechtsextremisten Mythen zu Corona verbreiten (kattascha.de, Katharina Nocun).

5. Breitbart ist wieder da – und Facebook hilft tatkräftig mit
(nzz.ch, Marc Neumann)
Facebook stellt sich gern als Plattform dar, das alles Menschenmögliche gegen die Verbreitung von “Fake News” unternehme. Für Irritation sorgt da die Aufnahme des verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Mediums “Breitbart” in das Nachrichtenangebot “Facebook News”. Wie immer hat man zur Verteidigung einen schön klingenden Grund zur Hand: Das Netzwerk wolle damit für “Standpunktdiversität” sorgen.

6. 100 Jahre Kicker: Ein Sportmagazin schreibt Geschichte
(ardmediathek.de, Andreas Kramer, Video: 41:24 Minuten)
Das Fußballmagazin “Kicker“ wird 100 Jahre alt. Anlässlich des runden Geburtstags berichtet eine TV-Doku über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der bekannten Fußballzeitschrift. Was sind die Konstanten, was hat sich verändert? Der Beitrag ist eine bunte und abwechslungsreiche Collage mit vielen Informationen und Anekdoten aus der langen Historie.

Berichten über Armut, Corona-Klicks, Bauer und die Medienkrise

1. Armutszeugnis – Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt (PDF)
(otto-brenner-stiftung.de, Bernd Gäbler)
Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat untersucht, welches Bild von Armut in den Medien erzeugt wird. Zu diesem Zweck habe er sich RTL-2-Sendungen wie “Hartz und herzlich” und “Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?”, Formate von RTL wie “Zahltag! Ein Koffer voller Chancen” und Berichte von ARD und ZDF angeschaut. Das Resümee der Otto-Brenner-Stiftung, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat: “Angehörige der Unterschichten bekommen im ‘Unterschichtenfernsehen’ ein Zerrbild von sich selbst präsentiert — und die übrige Gesellschaft ignoriert das weitgehend: sowohl die Armut selbst, die mitten im reichen Deutschland existiert, als auch die medialen Klischees, die über die Betroffenen verbreitet werden.”
Weitere Lesehinweise: Eine Übersichtsseite der Otto-Brenner-Stiftung unter anderem mit weiterführenden Links zum Thema. Sowie der von der “Armutskonferenz” herausgegebene “Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung” (PDF).

2. Angesteckt
(zeit.de, Marc Brost & Bernhard Pörksen)
“Auch für Journalisten ist diese Krise anders als jede zuvor. Sie ist schwieriger zu begreifen und viel emotionaler, weil sie jeden trifft, beruflich wie privat. Dramen und Krisen, die eskalieren — das ist die intensivste Zeit für Journalisten, und gleichzeitig fühlt man sich ohnmächtig, kann schlechter recherchieren, sehnt einfach das Ende der Krise herbei. Man sucht Halt und verliert ihn zugleich.” Der Politikchef der “Zeit” Marc Brost und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreiben von der Notwendigkeit von Journalismus während der Corona-Krise — und all den damit verbundenen Schwierigkeiten.

3. “Im Alltag ohne Isolation geht es mitunter deutlich rauer zu”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Zwei Wochen lang hielt ORF-Journalist Armin Wolf zusammen mit vielen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom ORF-Zentrum aus den Sendebetrieb aufrecht. Timo Niemeier hat sich mit Wolf über die TV-Quarantäne unterhalten: Wie kann man sich das Arbeiten und Leben in ORF-Isolation vorstellen? Was war die größte Herausforderung? Was kann er anderen Kollegen und Kolleginnen für den “Fall der Fälle” raten?

4. Buzzfeed Deutschland steht zum Verkauf
(meedia.de, Andreas Marx)
Der deutsche Ableger des US-amerikanischen Medienunternehmens “Buzzfeed” steht zum Verkauf. Dies wurde mittlerweile auch vom “Buzzfeed Deutschland”-Chef Daniel Drepper auf Twitter bestätigt.
In diesem Zusammenhang sei auch nochmal an Dreppers lesenswerten “Blick auf den Journalismus” erinnert: Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen (journalist.de).
Weiterer Lesehinweis: Das Landgericht Berlin habe einer Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen “Buzzfeed” Recht gegeben, so der Verband. Produktempfehlungen seien nicht ausreichend als Werbung gekennzeichnet worden: Gericht verbietet Schleichwerbung auf Buzzfeed (vzbv.de, Franka Kühn).

5. Medien: Klicks mit Corona
(infosperber.ch, Tobias Tscherrig)
Tobias Tscherrig kritisiert die Schweizer Medien für die Ausbeutung der Corona-Krise: “Sie überfluten die Bevölkerung auch mit Nebensächlichem, mit Nichtigkeiten und Belanglosem. Sie reiten die Corona-Welle, weil es billig ist und sich dadurch die Klickzahlen erhöhen. Damit wird aber nicht das ‘Recht auf Information’ oder der ‘gesellschaftlich notwendige Diskurs’ gesichert, wie es die Präambel der ‘Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten’ verlangt. Es ist Effekthascherei.”

6. Wie der Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt
(faz.net, Anke Richter)
Dass der Zeitschriftenverlag Bauer eine Niederlassung in Neuseeland schließt, klingt zunächst nach einer Petitesse. Doch weit gefehlt: Dahinter stecke eine Nachricht, die das ganze Land betreffe und sogar Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan gerufen habe. Anke Richter erklärt, warum der Rückzug des deutschen Unternehmens am anderen Ende der Welt eine ausgewachsene Medienkrise ausgelöst hat.

Eine Art Sternstunde, Pandemie ist kein Krieg, Impuls gegen Kurzarbeit

1. Medienforscher Klaus Meier: “Wir erleben eine Art Sternstunde für regionalen Journalismus”
(schwaebische.de, Sebastian Heinrich)
Sebastian Heinrich hat mit dem Journalismus-Professor Klaus Meier über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Journalismus gesprochen. Meier sieht die derzeitige Situation als “eine Art Sternstunde für lokalen und regionalen Journalismus” und begründet dies wie folgt: “Der Informationshunger der Menschen ist enorm. Viele Redaktionen greifen das auf und leisten da Bemerkenswertes. Das wichtigste Qualitätskriterium ist jetzt Vielfalt, also alle möglichen Fragen aufzugreifen: Zum Einen die Bekämpfung des Virus, die Durchsetzung der beschlossenen staatlichen Maßnahmen. Zum Anderen die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen zu thematisieren: für die Menschen in den Krankenhäusern, für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, die damit zu kämpfen haben — oder Sportler und Schüler, gerade auch Abiturienten. Die Auswirkungen zu thematisieren für psychisch Kranke, für Behinderte, für Familien in problematischen Verhältnissen. Es ist ein riesiges Themenspektrum, das jetzt auf der Straße liegt.”

2. Warum ich trotz massiver Umsatzeinbrüche keine Kurzarbeit anmelde
(journalist.de, Nikolaus Förster)
Als sich 2013 der Medienkonzern Gruner + Jahr von seinem Unternehmermagazin “Impulse” trennen wollte, schlug der “Impulse”-Chefredakteur Nikolaus Förster zu und übernahm das Magazin via “Management-Buy-out”. Sieben Jahre später ist auch “Impulse” ein Opfer der derzeitigen Krise und muss ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Förster beschreibt, was ihm in der Nacht durch den Kopf ging, als er bereits den Antrag auf Kurzarbeit auf dem Schreibtisch liegen hatte, und erklärt, warum er einen anderen Weg beschreiten will.

3. Einfach mal Danke sagen
(blog.tagesschau.de, Marcus Bornheim & Helge Fuhst & Juliane Leopold)
In schwierigen Zeiten vertrauen Zuschauerinnen und Zuschauer verstärkt auf das Nachrichtenangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Und Tatsache: Die ARD verzeichnet mit ihren Angeboten “Tagesschau” und “Tagesthemen” gewaltige Zuwächse. In den beiden letzten Märzwochen habe der durchschnittliche Marktanteil der “Tagesschau” bei rund 43 Prozent gelegen. Das entspricht 16 Millionen Menschen, die pro Ausgabe eingeschaltet hätten. Die “Tagesthemen” hätten ihre Quote, verglichen mit dem Vorjahr, um 60 Prozent steigern können.

4. Das hier ist kein Krieg
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Im Zuge der Bewältigung der Corona-Krise verfallen viele Politiker und Politikerinnen, aber auch Redaktionen auf Stilelemente der Kriegsrhetorik. Christian Stöcker ordnet die Metaphern und das dahinterstehende Weltbild ein und schließt mit den Worten: “Eine Pandemie ist kein Krieg. Es geht nicht darum, einen Hügel zu erstürmen und von oben alle Feinde zu erschießen. Es geht nicht darum, einen Gegner mit überlegener Feuerkraft in die Knie zu zwingen. Es geht nicht um Mensch gegen Mensch, sondern um Mensch für Mensch. Kriegsmetaphern sind völlig unangemessen, egal, ob zur Rechtfertigung von Maßnahmen gegen das Virus oder zu deren Verdammung. Der Kampf gegen eine Pandemie ist das Gegenteil von Krieg.”

5. Das Zeitalter der Paywalls
(heise.de, Torsten Kleinz)
“Die Paywalls, die vielen Lesern lästig erscheinen, sind derzeit das einzige Geschäftsmodell, das die Informations-Infrastruktur mittelfristig aufrechterhält”, so Torsten Kleinz in seinen Überlegungen zur Medienfinanzierung. Die reine Werbefinanzierung von Medien habe ausgedient und der Verkauf von einzelnen Artikeln sei ein Irrweg.

6. Knallhart am Journalismus vorbei
(taz.de, Andreas Rüttenauer)
In der vergangenen Ausgabe des “Aktuellen Sportstudios” (ZDF) gab es ein, na ja, Interview mit dem Milliardär und Mäzen des Bundesligisten TSG Hoffenheim Dietmar Hopp, das von vielen als zu unkritisch empfunden wurde. Andreas Rüttenauer kann die Rücksichtnahme auf Hopps Alter verstehen, befindet aber dennoch: “Klar, den chauffiert man nicht ins Studio, um ihn von Angesicht zu Angesicht zu befragen. Aber fragen hätte man ihn schon können. So sendete das ZDF zwei PR-Botschaften des Milliardärs und verzichtete auf die Möglichkeit zu Nachfragen. Das mit der Gesundheit des Milliardärs zu begründen, so wie es [Moderator Jochen] Breyer in seiner Anmoderation getan hat, darf man getrost als dreist bezeichnen. Mit kritischem Journalismus hat das jedenfalls nur wenig zu tun.”

Christian Drosten ist “schockiert” vom “Stern”. Zu Recht? Nein und ja.

Christian Drosten ist schockiert:

Screenshot eines Tweets von Christian Drosten - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten - Diese Zuspitzung und Selbstverkürzung durch den Stern ist mir peinlich und entspricht nicht dem Zusammenhang des Interviews. Ich bin schockiert - dazu ein Link zu einem Artikel von stern.de

Der Direktor der Virologie an der Berliner Charité hatte Stern.de ein längeres Interview gegeben. Mit dem, was die Redaktion daraus gemacht hat, war er offenbar überhaupt nicht zufrieden. Drosten bekam bei Twitter für seinen Vorwurf in Richtung “Stern” viel Zuspruch. Aber war seine Kritik berechtigt? Nein und ja.

In Christian Drostens Tweet geht es genau genommen nicht um das Interview selbst, sondern um einen Begleitartikel bei Stern.de, in dem die Redaktion das Interview zusammenfasst. Diesen Artikel hat Drosten auch in seinem Tweet verlinkt. Die Überschrift lautet:

Screenshot Stern.de - Virologe im Interview - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten

Nimmt man nur diese Überschrift, ist Drostens Ärger nicht so richtig nachzuvollziehen. Die entsprechende Passage im Interview sieht so aus:

Wann wird im öffentlichen Raum wieder so etwas wie Normalität einkehren können?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben. Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten. Bei Schulen wiederum wird man vermutlich relativ bald nachschauen, ob die Maßnahmen so relevant sind, oder ob man da den Druck wieder rausnehmen kann.

Die “Stern”-Redaktion hat also aus Drostens Aussage “Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. (…) Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.” gemacht: “Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten”.

Klar, da fehlt das “Ich glaube” in der Überschrift, die leicht nach einer Forderung Drostens klingt. Und vielleicht ist es für einen Virologen, der in einem Interview viele schlaue Dinge sagt, auch etwas ärgerlich, wenn eine Redaktion sich aus diesen ganzen schlauen Dingen die zum Fußball rauspickt. Mit dem redaktionellen Recht, Schwerpunkte zu setzen, müssen aber schon immer alle Interviewten leben.

Deswegen also “schockiert” sein? Das klingt recht übertrieben.

Allerdings gibt es in dem Artikel ja noch mehr als die Überschrift. Und da hat die “Stern”-Redaktion tatsächlich so schlecht gearbeitet, dass man Drostens Ärger verstehen kann.

In seinem NDR-Podcast sprach er am Montag auch über die Sache mit dem “Stern” (ab Minute 26:17, auch im Skript der Folge (PDF) nachlesbar):

Und es besorgt mich ganz besonders, wenn ich sehe, dass das dann auch noch zusammenkommt mit dem Verkürzen von Aussagen. Beispielsweise was jetzt gerade am Wochenende passiert ist, ist, dass ich in einer großen Zeitschrift ein relativ differenziertes Interview gegeben habe, wo es über zwei, drei Fragen hinweg um das Thema ging: Wie kann es jetzt denn weitergehen? Also: Was macht man denn jetzt? Jetzt sind diese Maßnahmen alle in Kraft. Und wie sieht jetzt unsere Zukunft aus? Kann man da wieder raus?

Und dann habe ich schon so zum Beispiel gesagt: Naja, also wenn man sich mal anschaut: Fußballstadien mit Leuten füllen oder zur Schule gehen — da ist doch das Zurschulegehen wichtiger. Und deswegen glaube ich, dass wir so schnell nicht mehr volle Fußballstadien haben werden, aber dass wir relativ bald uns darauf konzentrieren müssen, Daten zu kriegen, um zu entscheiden, ob man vielleicht die ganze Schule oder auch nur einige Jahrgänge der Schule wieder zulassen kann. Denn das ist ja wirklich wichtig.

Es ging mir um diese Unterscheidung: Was ist hier eigentlich Spaßfaktor? Und was ist essenziell in der Gesellschaft wichtig? Und wo kann man jetzt drauf fokussieren, wenn man wieder aus diesen Kontaktmaßnahmen raus will? Und dann wurde das verkürzt. Und zwar von der Zeitschrift selber, im Internet. Natürlich um Aufmerksamkeit auf diesen Artikel zu sammeln. Und da wurde im Prinzip nur noch gesagt: “Drosten: Ein Jahr kein Fußball mehr.” Und dann wurde noch dazugeschrieben, was gar nicht in dem Interview vorkam, dass sich das wohl auch darauf erweitern lässt, selbst ohne Zuschauer Fußballspiele abzuhalten. Also: Selbst davon würde ich abraten. Was gar nicht stimmt. Das war gar nicht der Inhalt.

Tatsächlich verdrehte Stern.de die Aussage Drostens enorm. Schon im Teaser des Artikels steht:

Der Virologe Christian Drosten erwartet nicht, dass in den kommenden zwölf Monaten wieder Fußballfans in die Stadien dürfen. Auch Geisterspiele hält er nicht für richtig.

Während der Wissenschaftler von “wieder Fußballstadien voll machen” sprach, behauptet die Redaktion, er erwarte, dass ein Jahr lang überhaupt keine Fußballfans mehr ins Stadion dürfen. Das ist ein großer Unterschied: Bei Borussia Dortmund zum Beispiel liegen zwischen voll und gar keine Fans 81.364 Abstufungen. Und dann schriebt Stern.de auch noch, Drosten habe sich sogar gegen Spiele ohne jegliche Zuschauer ausgesprochen, was so schlicht nicht stimmt. Da kann man schon mal “schockiert” sein.

Besonders ärgerlich in diesem Fall: Während der Begleitartikel mit dem falschen Teaser für jeden lesbar war, steckte das Interview selbst hinter der Bezahlschranke. Wer sich nach dem Teaser also wütend dachte: “Will der Drosten jetzt meinen schönen Fußball verbieten?!”, konnte ohne Abo nicht überprüfen, ob Christian Drosten das wirklich so gesagt hat (was er nicht hat). Auch das ärgerte den Virologen, wie er im NDR-Podcast sagte:

Und dann kommt noch dazu, dass dieser Artikel zusätzlich auch noch hinter einer Paywall steht. Das heißt, wenn man dann auf diese Internetmeldung geht und dann sich das Interview anschauen will, dann muss man auch noch bezahlen. Und das ärgert mich dann schon, weil das war für mich ein ganzer Nachmittag meiner Zeit, den ich da investiert habe.

Inzwischen kann man das Interview auch ohne Abo komplett lesen. Außerdem hat die “Stern”-Redaktion den Teaser des Begleitartikels umgeschrieben — dort ist jetzt nicht mehr die Rede von leeren Stadien und “Geisterspielen”. Am Ende des Textes steht eine längere “Anmerkung der Redaktion”.

Noch einen Tick schlechter als Stern.de hat es übrigens Bild.de hinbekommen. Da war schon in der Überschrift alles falsch:

Screenshot Bild.de - Chef-Virologe Drosten warnt - Ein Jahr lang leere Bundesliga-Stadien!

Dass solche Verdrehungen nicht nur üble Fehler von Redaktionen sind, sondern reale Folgen haben für die, deren Worte verdreht werden, auch darüber spricht Christian Drosten im NDR-Podcast:

Das macht mir als Person auch Angst, weil ich merke natürlich, wenn so etwas verkündet wird. Das ging, glaube ich, irgendwann Sonntagnachmittag raus über die Server. Ich habe das daran gemerkt, dass in meinem E-Mail-Eingang plötzlich aggressive Kommentare auftauchen, die mich wirklich angreifen. Und wo ich merke: Da sind Leute, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen, die aber meine E-Mail-Adresse rausgekriegt haben und die mich jetzt befeuern.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

“Zeit” im Homeoffice, Schweiß der Vergangenheit, “Quarantäne-WG”

1. Journalismus in Zeiten einer Pandemie
(zeit.de, Jochen Wegener)
Wir wirkt sich das Kontaktverbot auf eine Redaktion wie “Zeit Online” aus, bei der fast 200 Kolleginnen und Kollegen ins Homeoffice geschickt wurden? Wie stark leidet Recherche in Zeiten körperlicher Distanz? Geht kreativer Journalismus ohne Redaktionsräume? Chefredakteur Jochen Wegner erzählt, wie seine Redaktion auf die derzeitigen Herausforderungen reagiert. Man habe Wege zu kollaborativer Arbeit gefunden, doch: “Dass wir die neue Heimarbeit Wochen oder gar Monate durchhalten, während wir gleichzeitig unsere Kinder betreuen und uns um Angehörige und Nachbarn kümmern, können wir uns allerdings schwer vorstellen — wie derzeit sicher die meisten neuen Heimarbeiter in Deutschland.”

2. Männer, die in Kameras starren: Warum die “Quarantäne-WG” bei RTL bestürzender Blödsinn ist
(rnd.de, Imre Grimm)
“Wenn bisher noch Restzweifel bestanden haben sollten, dass die Coronakrise auch eine Krise der Kultur ist, dann dürfte spätestens mit der Premierensendung der ‘Quarantäne-WG’ Klarheit herrschen.” Imre Grimm hat sich das neue Primetime-Format bei RTL angeschaut, eine Art abgefilmtes Skype-Gespräch zwischen Unterhaltungsgrößen wie Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher. Nach einem lesenswerten Rant konstatiert Grimm: “Das passiert halt, wenn erfahrene Medienmacher, zu denen niemand mehr ‘Nein’ sagt, in die Midlife Crisis kommen. Manche gründen Social-Media-Agenturen. Manche mieten Schiffe. Manche machen Skype-Fernsehen.”

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4. Radio machen unter der Bettdecke
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Auch beim Schweizer Radiosender Radio SRF werkeln derzeit viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Homeoffice aus und müssen dabei die unterschiedlichsten Hürden überwinden. In der Fotostrecke kann man sich die Arbeitsbedingungen der SRF-Moderatoren und -Moderatorinnen anschauen: vom Auto als schallisoliertem Arbeitsplatz bis hin zur Küche mit Bettdecke über dem Kopf.

5. Bitte keine Appelle!
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 3:52 Minuten)
Medienjournalist Christoph Sterz versteht die derzeitige Fokussierung der Medien auf das Thema Corona, kritisiert jedoch die seiner Meinung nach oft fehlende Distanz. Manche Journalistinnen und Journalisten würden sich darauf beschränken, die Statements der Politik eins zu eins und ohne kritische Nachfragen wiederzugeben: Sie “sollten sich keiner Corona-Kampagne anschließen, sondern einfach ihren Job machen.”

6. Dieser verdammte Schlagzeilen-Virus
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Hätten Sie das Zeug, Redakteurin oder Redakteur bei der Regenbogenpresse zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine titelseitentaugliche Schlagzeile daraus zu basteln.” Diesmal geht es um Nachrichten, die — mal mehr, mal weniger — mit dem Coronavirus zu tun haben.

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