Suchergebnisse für ‘sport’

Berichten über Armut, Corona-Klicks, Bauer und die Medienkrise

1. Armutszeugnis – Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt (PDF)
(otto-brenner-stiftung.de, Bernd Gäbler)
Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat untersucht, welches Bild von Armut in den Medien erzeugt wird. Zu diesem Zweck habe er sich RTL-2-Sendungen wie “Hartz und herzlich” und “Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?”, Formate von RTL wie “Zahltag! Ein Koffer voller Chancen” und Berichte von ARD und ZDF angeschaut. Das Resümee der Otto-Brenner-Stiftung, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat: “Angehörige der Unterschichten bekommen im ‘Unterschichtenfernsehen’ ein Zerrbild von sich selbst präsentiert — und die übrige Gesellschaft ignoriert das weitgehend: sowohl die Armut selbst, die mitten im reichen Deutschland existiert, als auch die medialen Klischees, die über die Betroffenen verbreitet werden.”
Weitere Lesehinweise: Eine Übersichtsseite der Otto-Brenner-Stiftung unter anderem mit weiterführenden Links zum Thema. Sowie der von der “Armutskonferenz” herausgegebene “Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung” (PDF).

2. Angesteckt
(zeit.de, Marc Brost & Bernhard Pörksen)
“Auch für Journalisten ist diese Krise anders als jede zuvor. Sie ist schwieriger zu begreifen und viel emotionaler, weil sie jeden trifft, beruflich wie privat. Dramen und Krisen, die eskalieren — das ist die intensivste Zeit für Journalisten, und gleichzeitig fühlt man sich ohnmächtig, kann schlechter recherchieren, sehnt einfach das Ende der Krise herbei. Man sucht Halt und verliert ihn zugleich.” Der Politikchef der “Zeit” Marc Brost und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreiben von der Notwendigkeit von Journalismus während der Corona-Krise — und all den damit verbundenen Schwierigkeiten.

3. “Im Alltag ohne Isolation geht es mitunter deutlich rauer zu”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Zwei Wochen lang hielt ORF-Journalist Armin Wolf zusammen mit vielen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom ORF-Zentrum aus den Sendebetrieb aufrecht. Timo Niemeier hat sich mit Wolf über die TV-Quarantäne unterhalten: Wie kann man sich das Arbeiten und Leben in ORF-Isolation vorstellen? Was war die größte Herausforderung? Was kann er anderen Kollegen und Kolleginnen für den “Fall der Fälle” raten?

4. Buzzfeed Deutschland steht zum Verkauf
(meedia.de, Andreas Marx)
Der deutsche Ableger des US-amerikanischen Medienunternehmens “Buzzfeed” steht zum Verkauf. Dies wurde mittlerweile auch vom “Buzzfeed Deutschland”-Chef Daniel Drepper auf Twitter bestätigt.
In diesem Zusammenhang sei auch nochmal an Dreppers lesenswerten “Blick auf den Journalismus” erinnert: Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen (journalist.de).
Weiterer Lesehinweis: Das Landgericht Berlin habe einer Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen “Buzzfeed” Recht gegeben, so der Verband. Produktempfehlungen seien nicht ausreichend als Werbung gekennzeichnet worden: Gericht verbietet Schleichwerbung auf Buzzfeed (vzbv.de, Franka Kühn).

5. Medien: Klicks mit Corona
(infosperber.ch, Tobias Tscherrig)
Tobias Tscherrig kritisiert die Schweizer Medien für die Ausbeutung der Corona-Krise: “Sie überfluten die Bevölkerung auch mit Nebensächlichem, mit Nichtigkeiten und Belanglosem. Sie reiten die Corona-Welle, weil es billig ist und sich dadurch die Klickzahlen erhöhen. Damit wird aber nicht das ‘Recht auf Information’ oder der ‘gesellschaftlich notwendige Diskurs’ gesichert, wie es die Präambel der ‘Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten’ verlangt. Es ist Effekthascherei.”

6. Wie der Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt
(faz.net, Anke Richter)
Dass der Zeitschriftenverlag Bauer eine Niederlassung in Neuseeland schließt, klingt zunächst nach einer Petitesse. Doch weit gefehlt: Dahinter stecke eine Nachricht, die das ganze Land betreffe und sogar Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan gerufen habe. Anke Richter erklärt, warum der Rückzug des deutschen Unternehmens am anderen Ende der Welt eine ausgewachsene Medienkrise ausgelöst hat.

Eine Art Sternstunde, Pandemie ist kein Krieg, Impuls gegen Kurzarbeit

1. Medienforscher Klaus Meier: “Wir erleben eine Art Sternstunde für regionalen Journalismus”
(schwaebische.de, Sebastian Heinrich)
Sebastian Heinrich hat mit dem Journalismus-Professor Klaus Meier über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Journalismus gesprochen. Meier sieht die derzeitige Situation als “eine Art Sternstunde für lokalen und regionalen Journalismus” und begründet dies wie folgt: “Der Informationshunger der Menschen ist enorm. Viele Redaktionen greifen das auf und leisten da Bemerkenswertes. Das wichtigste Qualitätskriterium ist jetzt Vielfalt, also alle möglichen Fragen aufzugreifen: Zum Einen die Bekämpfung des Virus, die Durchsetzung der beschlossenen staatlichen Maßnahmen. Zum Anderen die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen zu thematisieren: für die Menschen in den Krankenhäusern, für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, die damit zu kämpfen haben — oder Sportler und Schüler, gerade auch Abiturienten. Die Auswirkungen zu thematisieren für psychisch Kranke, für Behinderte, für Familien in problematischen Verhältnissen. Es ist ein riesiges Themenspektrum, das jetzt auf der Straße liegt.”

2. Warum ich trotz massiver Umsatzeinbrüche keine Kurzarbeit anmelde
(journalist.de, Nikolaus Förster)
Als sich 2013 der Medienkonzern Gruner + Jahr von seinem Unternehmermagazin “Impulse” trennen wollte, schlug der “Impulse”-Chefredakteur Nikolaus Förster zu und übernahm das Magazin via “Management-Buy-out”. Sieben Jahre später ist auch “Impulse” ein Opfer der derzeitigen Krise und muss ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Förster beschreibt, was ihm in der Nacht durch den Kopf ging, als er bereits den Antrag auf Kurzarbeit auf dem Schreibtisch liegen hatte, und erklärt, warum er einen anderen Weg beschreiten will.

3. Einfach mal Danke sagen
(blog.tagesschau.de, Marcus Bornheim & Helge Fuhst & Juliane Leopold)
In schwierigen Zeiten vertrauen Zuschauerinnen und Zuschauer verstärkt auf das Nachrichtenangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Und Tatsache: Die ARD verzeichnet mit ihren Angeboten “Tagesschau” und “Tagesthemen” gewaltige Zuwächse. In den beiden letzten Märzwochen habe der durchschnittliche Marktanteil der “Tagesschau” bei rund 43 Prozent gelegen. Das entspricht 16 Millionen Menschen, die pro Ausgabe eingeschaltet hätten. Die “Tagesthemen” hätten ihre Quote, verglichen mit dem Vorjahr, um 60 Prozent steigern können.

4. Das hier ist kein Krieg
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Im Zuge der Bewältigung der Corona-Krise verfallen viele Politiker und Politikerinnen, aber auch Redaktionen auf Stilelemente der Kriegsrhetorik. Christian Stöcker ordnet die Metaphern und das dahinterstehende Weltbild ein und schließt mit den Worten: “Eine Pandemie ist kein Krieg. Es geht nicht darum, einen Hügel zu erstürmen und von oben alle Feinde zu erschießen. Es geht nicht darum, einen Gegner mit überlegener Feuerkraft in die Knie zu zwingen. Es geht nicht um Mensch gegen Mensch, sondern um Mensch für Mensch. Kriegsmetaphern sind völlig unangemessen, egal, ob zur Rechtfertigung von Maßnahmen gegen das Virus oder zu deren Verdammung. Der Kampf gegen eine Pandemie ist das Gegenteil von Krieg.”

5. Das Zeitalter der Paywalls
(heise.de, Torsten Kleinz)
“Die Paywalls, die vielen Lesern lästig erscheinen, sind derzeit das einzige Geschäftsmodell, das die Informations-Infrastruktur mittelfristig aufrechterhält”, so Torsten Kleinz in seinen Überlegungen zur Medienfinanzierung. Die reine Werbefinanzierung von Medien habe ausgedient und der Verkauf von einzelnen Artikeln sei ein Irrweg.

6. Knallhart am Journalismus vorbei
(taz.de, Andreas Rüttenauer)
In der vergangenen Ausgabe des “Aktuellen Sportstudios” (ZDF) gab es ein, na ja, Interview mit dem Milliardär und Mäzen des Bundesligisten TSG Hoffenheim Dietmar Hopp, das von vielen als zu unkritisch empfunden wurde. Andreas Rüttenauer kann die Rücksichtnahme auf Hopps Alter verstehen, befindet aber dennoch: “Klar, den chauffiert man nicht ins Studio, um ihn von Angesicht zu Angesicht zu befragen. Aber fragen hätte man ihn schon können. So sendete das ZDF zwei PR-Botschaften des Milliardärs und verzichtete auf die Möglichkeit zu Nachfragen. Das mit der Gesundheit des Milliardärs zu begründen, so wie es [Moderator Jochen] Breyer in seiner Anmoderation getan hat, darf man getrost als dreist bezeichnen. Mit kritischem Journalismus hat das jedenfalls nur wenig zu tun.”

Christian Drosten ist “schockiert” vom “Stern”. Zu Recht? Nein und ja.

Christian Drosten ist schockiert:

Screenshot eines Tweets von Christian Drosten - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten - Diese Zuspitzung und Selbstverkürzung durch den Stern ist mir peinlich und entspricht nicht dem Zusammenhang des Interviews. Ich bin schockiert - dazu ein Link zu einem Artikel von stern.de

Der Direktor der Virologie an der Berliner Charité hatte Stern.de ein längeres Interview gegeben. Mit dem, was die Redaktion daraus gemacht hat, war er offenbar überhaupt nicht zufrieden. Drosten bekam bei Twitter für seinen Vorwurf in Richtung “Stern” viel Zuspruch. Aber war seine Kritik berechtigt? Nein und ja.

In Christian Drostens Tweet geht es genau genommen nicht um das Interview selbst, sondern um einen Begleitartikel bei Stern.de, in dem die Redaktion das Interview zusammenfasst. Diesen Artikel hat Drosten auch in seinem Tweet verlinkt. Die Überschrift lautet:

Screenshot Stern.de - Virologe im Interview - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten

Nimmt man nur diese Überschrift, ist Drostens Ärger nicht so richtig nachzuvollziehen. Die entsprechende Passage im Interview sieht so aus:

Wann wird im öffentlichen Raum wieder so etwas wie Normalität einkehren können?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben. Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten. Bei Schulen wiederum wird man vermutlich relativ bald nachschauen, ob die Maßnahmen so relevant sind, oder ob man da den Druck wieder rausnehmen kann.

Die “Stern”-Redaktion hat also aus Drostens Aussage “Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. (…) Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.” gemacht: “Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten”.

Klar, da fehlt das “Ich glaube” in der Überschrift, die leicht nach einer Forderung Drostens klingt. Und vielleicht ist es für einen Virologen, der in einem Interview viele schlaue Dinge sagt, auch etwas ärgerlich, wenn eine Redaktion sich aus diesen ganzen schlauen Dingen die zum Fußball rauspickt. Mit dem redaktionellen Recht, Schwerpunkte zu setzen, müssen aber schon immer alle Interviewten leben.

Deswegen also “schockiert” sein? Das klingt recht übertrieben.

Allerdings gibt es in dem Artikel ja noch mehr als die Überschrift. Und da hat die “Stern”-Redaktion tatsächlich so schlecht gearbeitet, dass man Drostens Ärger verstehen kann.

In seinem NDR-Podcast sprach er am Montag auch über die Sache mit dem “Stern” (ab Minute 26:17, auch im Skript der Folge (PDF) nachlesbar):

Und es besorgt mich ganz besonders, wenn ich sehe, dass das dann auch noch zusammenkommt mit dem Verkürzen von Aussagen. Beispielsweise was jetzt gerade am Wochenende passiert ist, ist, dass ich in einer großen Zeitschrift ein relativ differenziertes Interview gegeben habe, wo es über zwei, drei Fragen hinweg um das Thema ging: Wie kann es jetzt denn weitergehen? Also: Was macht man denn jetzt? Jetzt sind diese Maßnahmen alle in Kraft. Und wie sieht jetzt unsere Zukunft aus? Kann man da wieder raus?

Und dann habe ich schon so zum Beispiel gesagt: Naja, also wenn man sich mal anschaut: Fußballstadien mit Leuten füllen oder zur Schule gehen — da ist doch das Zurschulegehen wichtiger. Und deswegen glaube ich, dass wir so schnell nicht mehr volle Fußballstadien haben werden, aber dass wir relativ bald uns darauf konzentrieren müssen, Daten zu kriegen, um zu entscheiden, ob man vielleicht die ganze Schule oder auch nur einige Jahrgänge der Schule wieder zulassen kann. Denn das ist ja wirklich wichtig.

Es ging mir um diese Unterscheidung: Was ist hier eigentlich Spaßfaktor? Und was ist essenziell in der Gesellschaft wichtig? Und wo kann man jetzt drauf fokussieren, wenn man wieder aus diesen Kontaktmaßnahmen raus will? Und dann wurde das verkürzt. Und zwar von der Zeitschrift selber, im Internet. Natürlich um Aufmerksamkeit auf diesen Artikel zu sammeln. Und da wurde im Prinzip nur noch gesagt: “Drosten: Ein Jahr kein Fußball mehr.” Und dann wurde noch dazugeschrieben, was gar nicht in dem Interview vorkam, dass sich das wohl auch darauf erweitern lässt, selbst ohne Zuschauer Fußballspiele abzuhalten. Also: Selbst davon würde ich abraten. Was gar nicht stimmt. Das war gar nicht der Inhalt.

Tatsächlich verdrehte Stern.de die Aussage Drostens enorm. Schon im Teaser des Artikels steht:

Der Virologe Christian Drosten erwartet nicht, dass in den kommenden zwölf Monaten wieder Fußballfans in die Stadien dürfen. Auch Geisterspiele hält er nicht für richtig.

Während der Wissenschaftler von “wieder Fußballstadien voll machen” sprach, behauptet die Redaktion, er erwarte, dass ein Jahr lang überhaupt keine Fußballfans mehr ins Stadion dürfen. Das ist ein großer Unterschied: Bei Borussia Dortmund zum Beispiel liegen zwischen voll und gar keine Fans 81.364 Abstufungen. Und dann schriebt Stern.de auch noch, Drosten habe sich sogar gegen Spiele ohne jegliche Zuschauer ausgesprochen, was so schlicht nicht stimmt. Da kann man schon mal “schockiert” sein.

Besonders ärgerlich in diesem Fall: Während der Begleitartikel mit dem falschen Teaser für jeden lesbar war, steckte das Interview selbst hinter der Bezahlschranke. Wer sich nach dem Teaser also wütend dachte: “Will der Drosten jetzt meinen schönen Fußball verbieten?!”, konnte ohne Abo nicht überprüfen, ob Christian Drosten das wirklich so gesagt hat (was er nicht hat). Auch das ärgerte den Virologen, wie er im NDR-Podcast sagte:

Und dann kommt noch dazu, dass dieser Artikel zusätzlich auch noch hinter einer Paywall steht. Das heißt, wenn man dann auf diese Internetmeldung geht und dann sich das Interview anschauen will, dann muss man auch noch bezahlen. Und das ärgert mich dann schon, weil das war für mich ein ganzer Nachmittag meiner Zeit, den ich da investiert habe.

Inzwischen kann man das Interview auch ohne Abo komplett lesen. Außerdem hat die “Stern”-Redaktion den Teaser des Begleitartikels umgeschrieben — dort ist jetzt nicht mehr die Rede von leeren Stadien und “Geisterspielen”. Am Ende des Textes steht eine längere “Anmerkung der Redaktion”.

Noch einen Tick schlechter als Stern.de hat es übrigens Bild.de hinbekommen. Da war schon in der Überschrift alles falsch:

Screenshot Bild.de - Chef-Virologe Drosten warnt - Ein Jahr lang leere Bundesliga-Stadien!

Dass solche Verdrehungen nicht nur üble Fehler von Redaktionen sind, sondern reale Folgen haben für die, deren Worte verdreht werden, auch darüber spricht Christian Drosten im NDR-Podcast:

Das macht mir als Person auch Angst, weil ich merke natürlich, wenn so etwas verkündet wird. Das ging, glaube ich, irgendwann Sonntagnachmittag raus über die Server. Ich habe das daran gemerkt, dass in meinem E-Mail-Eingang plötzlich aggressive Kommentare auftauchen, die mich wirklich angreifen. Und wo ich merke: Da sind Leute, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen, die aber meine E-Mail-Adresse rausgekriegt haben und die mich jetzt befeuern.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

“Zeit” im Homeoffice, Schweiß der Vergangenheit, “Quarantäne-WG”

1. Journalismus in Zeiten einer Pandemie
(zeit.de, Jochen Wegener)
Wir wirkt sich das Kontaktverbot auf eine Redaktion wie “Zeit Online” aus, bei der fast 200 Kolleginnen und Kollegen ins Homeoffice geschickt wurden? Wie stark leidet Recherche in Zeiten körperlicher Distanz? Geht kreativer Journalismus ohne Redaktionsräume? Chefredakteur Jochen Wegner erzählt, wie seine Redaktion auf die derzeitigen Herausforderungen reagiert. Man habe Wege zu kollaborativer Arbeit gefunden, doch: “Dass wir die neue Heimarbeit Wochen oder gar Monate durchhalten, während wir gleichzeitig unsere Kinder betreuen und uns um Angehörige und Nachbarn kümmern, können wir uns allerdings schwer vorstellen — wie derzeit sicher die meisten neuen Heimarbeiter in Deutschland.”

2. Männer, die in Kameras starren: Warum die “Quarantäne-WG” bei RTL bestürzender Blödsinn ist
(rnd.de, Imre Grimm)
“Wenn bisher noch Restzweifel bestanden haben sollten, dass die Coronakrise auch eine Krise der Kultur ist, dann dürfte spätestens mit der Premierensendung der ‘Quarantäne-WG’ Klarheit herrschen.” Imre Grimm hat sich das neue Primetime-Format bei RTL angeschaut, eine Art abgefilmtes Skype-Gespräch zwischen Unterhaltungsgrößen wie Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher. Nach einem lesenswerten Rant konstatiert Grimm: “Das passiert halt, wenn erfahrene Medienmacher, zu denen niemand mehr ‘Nein’ sagt, in die Midlife Crisis kommen. Manche gründen Social-Media-Agenturen. Manche mieten Schiffe. Manche machen Skype-Fernsehen.”

3. Schweiß der Vergangenheit
(taz.de, Alina Schwermer)
Sportsender betrifft die Corona-Krise besonders heftig, da alle Live-Events gestrichen sind. Die Sender verfallen daher auf das Ausstrahlen von Dokus und alten Sporthighlights, doch wird das die Zuschauer und Zuschauerinnen dauerhaft bei der Stange halten? Alina Schwermer hat sich bei den Pay-TV-Sendern Sky, Dazn und Magenta Sport sowie anderen Anbietern wie Eurosport und Sport1 nach deren Umgang mit der Krise umgehört.

4. Radio machen unter der Bettdecke
(srf.ch)
Auch beim Schweizer Radiosender Radio SRF werkeln derzeit viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Homeoffice aus und müssen dabei die unterschiedlichsten Hürden überwinden. In der Fotostrecke kann man sich die Arbeitsbedingungen der SRF-Moderatoren und -Moderatorinnen anschauen: vom Auto als schallisoliertem Arbeitsplatz bis hin zur Küche mit Bettdecke über dem Kopf.

5. Bitte keine Appelle!
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 3:52 Minuten)
Medienjournalist Christoph Sterz versteht die derzeitige Fokussierung der Medien auf das Thema Corona, kritisiert jedoch die seiner Meinung nach oft fehlende Distanz. Manche Journalistinnen und Journalisten würden sich darauf beschränken, die Statements der Politik eins zu eins und ohne kritische Nachfragen wiederzugeben: Sie “sollten sich keiner Corona-Kampagne anschließen, sondern einfach ihren Job machen.”

6. Dieser verdammte Schlagzeilen-Virus
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Hätten Sie das Zeug, Redakteurin oder Redakteur bei der Regenbogenpresse zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine titelseitentaugliche Schlagzeile daraus zu basteln.” Diesmal geht es um Nachrichten, die — mal mehr, mal weniger — mit dem Coronavirus zu tun haben.

Privatsphäre in Corona-Zeiten? Ist Bild.de doch egal!

Beim Fußballbundesligisten Hertha BSC gibt es einen Spieler, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der Verein veröffentlichte dazu heute eine Pressemitteilung:

Eigentlich sollte es heute nach drei Tagen mit individuellen Trainingsplänen wieder mit dem Teamtraining auf dem Schenckendorffplatz für diese Woche losgehen. Nachdem jedoch nun ein Spieler der Profimannschaft bei Hertha BSC positiv auf das Corona-Virus getestet wurde, wurde für alle Spieler des Lizenzspieler-Kaders und für das Trainer- und Funktionsteam nun eine 14tägige häusliche Quarantäne angeordnet.

Liest man die komplette Mitteilung, dann fällt auf, dass der Klub an keiner Stelle den Namen des positiv getesteten Spielers nennt. Das sei “nach interner Rücksprache” ganz bewusst geschehen, sagt uns Herthas Pressesprecher Marcus Jung auf Nachfrage, denn dafür gebe es “gute Gründe”: Privatsphäre, Datenschutz, ärztliche Schweigepflicht.

Das alles scheint den Leuten bei Bild.de herzlich egal zu sein.

Screenshot Bild.de - Team in Corona-Quarantäne - Hertha-Profi positiv getestet!

Im Artikel nennt die Redaktion den Namen des Spielers (“Nach BILD-Informationen handelt es sich bei dem Betroffenen um (…)”) und zeigt ein Foto von ihm. Inzwischen berichten zahlreiche andere Medien, um wen es sich “laut der ‘Bild’-Zeitung” handeln soll.

Mit Dank an @FacepalmL für den Hinweis!

Nachtrag, 18. März: In der heutigen Berlin-Ausgabe der “Bild”-Zeitung berichtet die Redaktion auch groß über den ersten Corona-Fall bei Hertha BSC. Sie nennt auch dort den Namen des Fußballers, direkt in der Überschrift:

[…] infiziert! Hertha in Quarantäne

In der “Bild”-Bundesausgabe gibt es zum Thema eine Meldung im “CORONA-TICKER” auf der Sportseite. Auch dort wird der Name genannt.

Der Spieler selbst hat sich nach wie vor nicht öffentlich, etwa auf seinem offiziellen Instagram-Profil, zum positiven Corona-Test geäußert.

tag24.de lässt Corona-Sterberate für ältere Menschen steigen

Die Überschrift soll vermutlich sowas wie Aufklärung versprechen:

Screenshot Tag24.de - Coronavirus: Diese Zahlen zeigen, wie gefährlich es wirklich ist!

Was das Newsportal tag24.de dann aber heute liefert, ist das exakte Gegenteil von Aufklärung: eine gefährliche Verdrehung und falsche Information.

Die Redaktion schreibt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler “mittlerweile immer mehr Zahlen (vor allem aus China) über die Krankheitsverläufe und Sterberaten auswerten konnten”, und dass daher “die Gefahr des Virus immer offenbarer” werde. Um konkreter zu werden, zieht tag24.de den Virologen Christian Drosten heran:

Christian Drosten (48), Chef-Virologe der Charité Berlin, warnt, dass jeder vierte Erkrankte, der über 65 Jahre alt ist, an dem Virus sterben könnte.

Das liegt vorallem daran, dass Menschen in diesem Alter kein so starkes Immunsystem mehr haben und oft unter Vorerkrankungen leiden.

“Jenseits des Rentenalters muss man die Bevölkerung wirklich schützen”, erklärte Drosten im NDR Podcast.

Aus der “könnte”-Warnung von Drosten macht tag24.de eine unausweichliche Tatsache, extra gefettet und mit Ausrufezeichen:

Um es noch einmal anders auszurücken [sic]: Jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, stirbt daran!

Ja, das ist wirklich “anders” ausgedrückt.

Tatsächlich sagte Drosten in dem angesprochenen NDR-Podcast (Folge vom 9. März, hier das Transkript als PDF):

Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert, der lebt in einem ländlichen Bereich. Und der sagt mir, alle seine Altersgenossen sehen das im Fernsehen, und die finden das super, dass der Sohn von dem Drosten immer im Fernsehen ist. Die finden das verfolgungswürdig und schicken sich per WhatsApp die neuesten Informationen zu. Aber die beziehen das noch nicht wirklich auf sich. Die haben noch nicht verstanden, dass sie in dieser Altersgruppe sind — mein Vater ist über 70 und seine Alterskollegen, Vereinskollegen und so weiter, das ist ein blühendes Vereinsleben dort im ländlichen Bereich –, dass sie eigentlich die wirklich Betroffenen sind und dass auch das Sozialleben jetzt für einige Monate aufhören muss. Der Verein, das Fitnessstudio, und auch leider das Schützenfest. Dass das alles in diesem Sommer betroffen sein wird, und dass es jetzt ernst ist. Und wenn man das nicht ernst nimmt, dass man davon ausgehen muss, dass Raten, die sich im Bereich von 20 Prozent, 25 Prozent dieser Personen bewegen, sterben werden. Da schluckt man dann natürlich, das muss man aber vermitteln.

Zahlen aus China, für die 1023 Todesfälle ausgewertet wurden und die tag24.de in dem Artikel auch in einer Grafik eingebaut hat, zeigen, dass dort die Sterberate für 60- bis 69-Jährige, die sich infiziert haben, bei 3,6 Prozent lag, für 70- bis 79-Jährige bei 8,0 Prozent und für Über-80-Jährige bei 14,8 Prozent.

Mit Dank an Ronny für den Hinweis!

Nachtrag, 20:53 Uhr: Die Redaktion hat die Stelle inzwischen, ohne Korrekturhinweis, geändert. Dort steht nun:

Um es noch einmal anders auszudrücken: Bis zu jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, könnte daran sterben!

Bei Twitter verbreitet sie den Unsinn hingegen weiterhin.

Goldene Blogger, Trickreiche TikTokker, Empörte Fußballreporter

1. 119 Angriffe auf Reporter in fünf Jahren
(faz.net)
Eine Erhebung des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig liefert beunruhigende Zahlen: In den vergangenen fünf Jahren sei es in Deutschland in 119 Fällen zu Angriffen auf Journalisten und Journalistinnen gekommen. Trauriger Spitzenreiter sei Sachsen mit fast der Hälfte aller bundesdeutschen Attacken auf Medienschaffende.

2. Fukushima: Freie Berichterstattung zulassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Exakt neun Jahre ist es her, dass im japanischen Fukushima aus einer Naturkatastrophe eine Nuklearkatastrophe wurde. Neun Jahre, in denen sich Medien immer wieder darüber beklagen würden, von Regierung und Atomlobby in ihrer Berichterstattung behindert zu werden. Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, fordert ein Umlenken: “Die japanischen Behörden müssen sicherstellen, dass Medien uneingeschränkt über Fukushima berichten können. Journalistinnen und Journalisten — dazu gehören auch Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten sowie freie Medienschaffende — müssen Zugang zu den kontaminierten Regionen und zu allen verfügbaren Daten bekommen.”

3. Nach Angriff auf RTL-Kameramann: Rapper Fler verhaftet
(dwdl.de, Kevin Hennings)
Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gab gestern bekannt, dass gegen den Rapper Fler ein Haftbefehl wegen Raubes und Körperverletzung “zum Nachteil eines RTL-TV-Teams” erlassen und vollstreckt worden sei. Kevin Hennings erklärt bei “DWDL” den Hintergrund und den vorangegangenen Streit um die “unhatewomen”-Kampagne zu verbaler Gewalt gegen Frauen in Rap-Texten.
Nachtrag: Die Generalstaatsanwaltschaft teilt auf Twitter mit: “Im Termin zur Verkündung des Haftbefehls ist der Ermittlungsrichter der Bewertung der Staatsanwaltschaft nicht gefolgt und hat den HB wegen Zweifeln am dringenden Tatverdacht aufgehoben. Der Beschuldigte ist entlassen. Die Staatsanwaltschaft prüft die Einlegung einer Beschwerde.”

4. Das sind die Preisträger*innen der Goldenen Blogger 2019
(die-goldenen-blogger.de)
Anfang der Woche wurden in Berlin zum dreizehnten Mal die “Goldenen Blogger” verliehen. Die Wahl erfolgte per Online-, Saal- und Akademievoting und erstreckte sich auf insgesamt 19 Kategorien. Mit dem “Sonderpreis fürs Lebenswerk” wurde der Autor und “Spiegel”-Kolumnist Sascha Lobo ausgezeichnet. Die weiteren Preisträger samt der dahinterstehenden Projekte finden sich auf der oben verlinkten Seite.

5. Wie Fußballreporter im Empörungsrausch den Ton angeben
(uebermedien.de, Andrej Reisin)
Wenn Fußballreporter über Kritik der Fußballfans und Ultras am Sportbusiness berichten, seien differenzierte Betrachtungen oft Mangelware, so Andrej Reisin auf “Übermedien”. Ein Grund dafür sei mangelnde Professionalität und mangelnde Distanz zum Berichtsgegenstand: “Die Ausbildung zum Sportjournalisten findet im besten Fall in extra eingerichteten Studiengängen statt, von denen es nur wenige gibt, die sich wiederum (wie an der Sporthochschule Köln) geradezu ihrer Praxisverbundenheit rühmen. Das heißt: Je näher der Berichterstatter am sportlichen Geschehen ist, vielleicht sogar einst selbst Athlet war, desto besser. Das alte Klischee vom Fan, der es auf die andere Seite der Absperrung geschafft hat, trifft hier noch immer häufig zu. Das Resultat ist allzu oft eine vollkommen fehlende Distanz vom Gegenstand der Berichterstattung. Reporter werden zu Gala-Empfängen nach Europapokalspielen als Gäste eingeladen; einige duzen Spieler, Trainer und Vereinsbosse vor laufender Kamera — in anderen Feldern der Berichterstattung ein absolutes No-Go.”

6. TikTok-Tricks: Mit diesen drei Engagement-Hebeln hacken TikTokker die Für-Dich-Seite
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Wer sich ein wenig für die Social-Video-App TikTok interessiert, sollte unbedingt einen Blick auf Roland Eisenbrands Analyse werfen. Dort verrät er, wie TikTokker mit ungewöhnlichen Ideen und schmutzigen Tricks Reichweite erzeugen und Kasse machen.

Bundestag ausgerechnet, Igitt-Faktor Rechtsextremismus, Lesbos-Attacken

1. So haben wir den Bundestag ausgerechnet
(projekte.sueddeutsche.de, Martina Schories)
Wie diskutiert der Bundestag über Geflüchtete und Migration? Eine Datenanalyse der “Süddeutschen Zeitung” zeigt, was sich verändert hat. Dazu habe man alle Parlamentsprotokolle der Bonner Republik und des wiedervereinigten Deutschlands seit 1949 mit computerlinguistischen Methoden ausgewertet — 4.200 Schriftstücke. Der Rechtsruck in der Debatte sei nachweisbar: “Der politische Diskurs, das zeigt sich in der Datenanalyse, hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Der Einfluss der AfD dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, denn die Partei hat den Korridor des politisch Sagbaren nach rechts verschoben.”

2. “Ich bin von Joko und Klaas enttäuscht”
(deutschlandfunknova.de, Daniel Fiene & Herr Pähler, Audio: 16:39 Minuten)
Medienkritiker Stefan Niggemeier war bei “Was mit Medien” zu Besuch, dem wöchentlichen Medienmagazin bei Deutschlandfunk Nova. Dabei ging es um die jüngst enthüllten Fakes der ProSieben-Protagonisten Joko & Klaas und die Frage, warum derlei Betrügereien auch im Unterhaltungsfernsehen problematisch seien. Die komplette Sendung mit weiteren interessanten Themen, zum Beispiel zu den Vorgängen bei der “Berliner Zeitung”, gibt es hier (41:18 Minuten).

3. Die taz ist es wert
(blogs.taz.de, Andreas Bull)
Es sind überaus ernüchternde Zahlen, von denen “taz”-Geschäftsführer Andreas Bull im “Hausblog” berichtet: Im vergangenen Quartal habe man werktags eine Remissionsquote (Rückgaben durch den Handel) von 83 Prozent hinnehmen müssen, bei der Wochenendausgabe sei sie mit 76 Prozent geringfügig besser ausgefallen. “Von den Verkaufspreisen müssen nun mehrere an diesem Geschäft Beteiligte bezahlt werden: nach Abzug der Mehrwertsteuer die Druckereien und die Speditionen, dann die Grossisten und letztlich der Einzelhandel, die beide zusammen an die 40 Prozent des Einzelverkaufspreises einbehalten. Grob gefolgert: es bleibt nichts übrig, um das zu bezahlen, was drinnen steht.” In seinem Beitrag erklärt Bull, warum die “taz” trotzdem an dem wenig lukrativen Geschäft festhalte.

4. Lesbos: Attacken gegen Journalisten und Geflüchtete
(netzwerkrecherche.org, Franziska Grillmeier & Julian Busch)
Die freie Journalistin Franziska Grillmeier und der Fotograf Julian Busch wurden während ihrer Arbeit auf Lesbos von maskierten Rechtsradikalen angegriffen. In ihrem Beitrag schildern sie, wie es dazu kam und wie es ihnen derzeit geht: “Nach wie vor gibt es eine große Unsicherheit, sich auf der Insel zu bewegen. Wir versuchen, das Haus nicht mehr alleine zu verlassen und abends nicht mehr in der Stadt unterwegs zu sein. In den sozialen Medien trifft uns mittlerweile ein rechtsradikaler Shitstorm.”

5. “Die große Mehrheit findet dieses Thema eher schmutzig”
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 8:32 Minuten)
Annette Ramelsberger ist die langjährige Gerichtsreporterin der “Süddeutschen Zeitung” und in Fachkreisen bekannt für ihre ausdauernde und gewissenhafte Berichterstattung über den NSU-Prozess. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk kritisiert Ramelsberger die Medien dafür, in der Vergangenheit zu wenig über rechtsextremistische Entwicklungen und die damit verbundene Gefahr berichtet zu haben: “Wir haben das über die letzten Jahrzehnte vernachlässigt. Das war immer ein Thema, das den Igitt-Faktor hatte, wo man auch häufig mal als Korrespondent so die rollenden Augen gesehen hat und die Frage: Schreiben wir jetzt die Rechten hoch? Und immer die Frage: Muss das sein?”

6. “Es ist schwierig, angemessen bezahlte Jobs zu finden”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Sportjournalist Christoph Biermann schreibt für das Fußballmagazin “11 Freunde” und hat zahlreiche Bücher zum Thema Fußball veröffentlicht. Im Interview mit dem “Fachjournalist” erzählt Biermann von den Besonderheiten und Herausforderungen seiner Arbeit und verrät, auf welche Themen er ein besonderes Auge habe: “Unser Magazin und auch ich persönlich sehen etwa RB Leipzig sehr kritisch. Der Verein wurde quasi gegründet, um Red Bull zu promoten. Das halten wir für falsch, weil es ein Bruch mit der Fußballkultur in unserem Land ist und den Wettbewerb verzerrt.”

“Bild” hat einmal mehr überlegt: Eine Fünf reicht nicht

Nach dem Suizid von Fußballtorwart Robert Enke ließ sich Walter M. Straten, damals stellvertretender Sportressortleiter bei “Bild”, von der “Süddeutschen Zeitung” so zitieren:

“Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein”, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, “ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht”.

Inzwischen leitet Straten die “Bild”-Sportredaktion. Am Samstag erschien in seinem Ressort ein Artikel über Schalkes Torwart Alexander Nübel, der beim Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Schalke 04 ein Tor verschuldete. Darin steht:

Dann die Flutschfinger-Aktion von Nübel (75.), die ihm die zweite BILD-Note 6 in Folge einbringt.

Mit Dank an Louis für den Hinweis!

***

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

Die Amokfahrt von Volkmarsen in den “Bild”-Medien

Vorgestern ist im hessischen Volkmarsen ein Mann mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren, die sich gerade den örtlichen Karnevalsumzug angeschaut hat. Die Polizei geht davon aus, dass der 29-Jährige dies mit Absicht getan hat. 61 Menschen wurden verletzt.

Bereits kurz nach der Tat bat die Polizei in einer Pressemitteilung darum, zu den Vorkommnissen “keine ungesicherten Meldungen weiter zu verbreiten”. Diese Bitte des Polizeipräsidiums Nordhessen war noch keine Stunde online, da lief schon die erste “Bild live”-Sondersendung. Moderator Moritz Wedel hatte Elmar Schulten am Telefon, einen Fotografen aus der Nähe von Volkmarsen. Und Schulten verbreitete in der Sendung das, was das Polizeipräsidium Nordhessen wohl als “ungesicherte Meldung” bezeichnen würde:

Natürlich haben die Leute zuerst gesagt: “Attentat! Attentat!” Aber danach sieht es nicht aus.

Aus dieser Mutmaßung, die nur auf Schultens Bauchgefühl basierte, machte die “Bild”-Redaktion gleich eine Einblendung:

Screenshot von Bild live - Elmar Schulten vor Ort - Attentat halte ich für unwahrscheinlich

Einen Tag zuvor hatte sich “Bild”-Chef Julian Reichelt noch beschwert, dass Journalisten bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg Dinge verkündeten, “bevor es belastbare Fakten gab.”

Zum Geschehen in Volkmarsen folgten am Montag noch weitere “Bild live”-Sendungen. In einer davon wurde Reinhard Kubat zugeschaltet. Der Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg erzählte Moderatorin Anna von Bayern unter anderem:

Ich habe hinterher mit Angehörigen gesprochen, die mir bestätigt haben: Es machte, unvorstellbar für mich, “plopp, plopp, plopp”. Da ist der über die Menschen hinweggefahren.

Diese Aussage nutzte Bild.de in einem Artikel für eine Zwischenüberschrift, die viele Leute sehr unangemessen fanden, um es vorsichtig auszudrücken:

Screenshot Bild.de - Es machte plopp, plopp, plopp - immer wenn das Auto einen Menschen überfuhr

Zwar basiert diese Zwischenüberschrift auf dem Zitat von Landrat Kubat. Aber niemand zwingt die “Bild”-Redaktion, dieses Zitat zu übernehmen, es sich zu eigen zu machen und überfahrene Menschen akustisch zu Popcorn oder Sektflaschen herabzuwürdigen.

Später in derselben Sendung schaltete die Redaktion zu “Bild”-Reporter Markus Brekenkamp, der in Volkmarsen stand. Diese Schalte verdeutlicht eine der großen Gefahren, die von “Bild live” ausgeht und die wir schon früher beobachtet haben: Die Redaktion berichtet alles, ohne über mögliche Folgen nachzudenken. In diesem Fall erzählte Brekenkamp von einem Einsatz des SEK, der hinter ihm gerade stattfinde:

Hier hat sich gerade die Lage ein bisschen geändert: Hier sind gerade mehrere Mannschaftswagen vom SEK eingetroffen. Der ganze Ort wird hier gerade abgesperrt. Im Hintergrund sieht man das vielleicht. Das sind Beamte mit Maschinenpistolen, die hier den Ort jetzt absperren. Was da genau hinter steckt, da können wir im Moment noch nichts sagen. Die sind gerade eingetroffen. Ja, spannend.

Moderatorin Anna von Bayern fragte nach:

Und wie viele sind das, SEK-Wagen, die da jetzt angekommen sind im Hintergrund?

Brekenkamp:

An der Stelle, an der ich stehe, sind es allein vier oder fünf Mannschaftstransporter. Ich kann jetzt auch nur diesen Bereich überschauen. Hier ist es inzwischen dunkel, es regnet. Also das werden wir gleich noch versuchen zu klären, was das jetzt für einen Grund hat.

In der darauffolgenden “Bild live”-Sendung ging es dann fast ausschließlich um den immer noch stattfindenden SEK-Einsatz. Anna von Bayern sagte:

Mittlerweile läuft auch ein SEK-Einsatz im Ort. Und wir wollen schalten zu Markus Brekenkamp, unserem Reporter dort, der uns davon mehr erzählen kann.

Brekenkamp erzählte:

Ja, hier sind vor gut einer Viertelstunde halt mehrere Fahrzeuge mit SEK-Beamten eingetroffen. Hier ist der komplette Ortskern inzwischen abgesperrt. Wir können im Moment noch nicht sagen, was hinter diesem Einsatz dahintersteckt. Wir wissen nur, dass hier im Ort erzählt wird, dass auch eine zweite Person heute Nachmittag eine Rolle gespielt haben soll, die nämlich dort vor Ort gefilmt haben soll, wie der Fahrer in diese Menschenmenge gefahren ist. Was an diesen Dingen dran ist, das ist im Moment alles noch sehr, sehr unübersichtlich. Viel mehr können wir noch nicht sagen.

Anna von Bayern wollte aber mehr wissen:

Wo befinden sich die SEK-Wagen jetzt?

Brekenkamps Antwort:

Die SEK-Wagen befinden sich hier, vielleicht kann man sie sehen im Hintergrund. Hier stehen fünf oder sechs Einsatzfahrzeuge. Die Straße ist abgesperrt. Die Beamten sind vermummt und schwer bewaffnet, lassen keinen mehr durch. Und wir wissen nicht, was genau dahintersteckt.

Das reichte von Bayern aber immer noch nicht:

Wo sind die Beamten hin, die in diesem Wagen waren?

Das konnte Markus Brekenkamp nicht so richtig beantworten:

Die stehen hier vor Ort und sperren die Straße. Die anderen sind weiter in den Ortskern gegangen. Aber dort haben wir keinen Einblick mehr.

Also ab zum nächsten Reporter. Anna von Bayern:

Wir wollen einmal schalten zu Karsten Socher, der auch in Volkmarsen ist.

Screenshot Bild live - Auto raste in Karnevalszug - Jetzt SEK-Einsatz in Volkmarsen - Drama bei Faschingsumzug

Der freie Fotograf Karsten Socher erzählte:

Also ich bin jetzt vermutlich auf der anderen Seite vom Kollegen. Wir sind gerade mit mehreren Kollegen hier durch Volkmarsen gelaufen und haben die Ecke gesucht, wo angeblich der SEK-Einsatz laufen soll. (…) Hinter mir ist die Straße abgesperrt, da stehen vermummte Polizisten. Die haben mir gerade gesagt, es läuft ein Polizeieinsatz. Aber mehr wird auch gerade nicht gesagt.

Und wieder fragte Anna von Bayern nach, wo das denn nun alles stattfindet:

Und wo läuft dieser Einsatz? Du sagtest, hinter Dir stehen diese Wagen.

Socher antwortete:

Also hinter mir stehen vier, fünf Beamte, vermummte. Ich kenne mich selber jetzt hier in Volkmarsen nicht aus. Aber das dürfte nicht so weit entfernt sein vom Rauhaus.

Dann war endlich Schluss mit dem Preisgeben von Details eines gerade laufenden Polizeieinsatzes.

Während der Sendung spielte die Redaktion immer wieder Videoaufnahmen ein, die die Ermittler am Tatfahrzeug zeigten. Eigentlich hatten Polizei und Rettungskräfte einen Sichtschutz aufgebaut. Der “Bild”-Kameramann hat sich aber offenbar einen erhöhten Punkt gesucht und über den Sichtschutz gefilmt:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Gestern gab es in einer weiteren “Bild live”-Sendung den nächsten Tiefpunkt:

Screenshot einer Ankündigung bei Bild.de - Bild live am Mittag - Die Themen: 10-Jährige erzählt: So erlebte ich den Anschlag auf unseren Karnevalszug

Auch wenn die Eltern der 10-Jährigen mit der Befragung ihrer Tochter einverstanden gewesen sein sollten — das bedeutet nicht, dass eine Redaktion nicht noch einmal nachdenken kann, ob man einem Kind, das einen Tag zuvor etwas Schreckliches erlebt hat, so etwas zumuten will. Das gilt auch für die vierjährige Schwester des Mädchens, die bei der Amokfahrt verletzt wurde und im Krankenhaus liegt. Von ihr zeigte Bild.de ein unverpixeltes Foto:

Screenshot Bild.de - Beim Karnevalsumzug von Autoraser überrollt - Vater von ... (4) - Ich sah mein blutendes Mädchen auf dem Boden liegen!

In der “Bild”-Zeitung von heute erklärt ein Psychologe, “welche FOLGEN” “das Erlebte für die KINDER” haben kann. Und er gibt Tipps, welche Maßnahmen Kindern anschließend helfen könnten. “Sie interviewen” und “Fotos von ihnen auf der Startseite veröffentlichen” gehören nicht dazu.

Ebenfalls in der heutigen “Bild”-Ausgabe steht, dass der Tatverdächtige kurz vor der Amokfahrt zu einer Nachbarin gesagt haben soll, dass er “bald in der Zeitung” stehe. Diesen Wunsch erfüllen ihm die “Bild”-Medien, mit Foto, sogar auf der Titel- beziehungsweise Startseite:

Ausriss Bild-Titelseite - M. (29), polizeibekannt wegen Nötigung und Beleidigung - Er raste in den Faschings-Zug - dazu ein unverpixeltes Foto des Mannes
Screenshot Bild.de - M. (29) raste in einen Karnevals-Zug, verletzte 61 Menschen! Er brachte den Horror nach Volkmarsen

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Blättern:  1 ... 34 35 36 ... 175