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Neue Fakten der “Storymachine”, Was für ein Aufzug, Sonja Zietlow

1. Streeck, Laschet, StoryMachine: Schnelle Daten, pünktlich geliefert
(riffreporter.de, Christian Schwägerl & Joachim Budde)
Die “Riffreporter” haben in einem längeren Lesestück die Vorgänge um das sogenannte “Heinsberg Protokoll” rekonstruiert. Eine lesenswerte Chronologie und Analyse mit erschreckenden Erkenntnissen: “Es ist Laschet, Streeck und StoryMachine gelungen, in der politischen Themen- und Prioritätensetzung neue Fakten zu schaffen und Aufmerksamkeit vom Lockdown auf den Exit umzulenken. Doch das PR-Bündnis hat einen Preis: Die Kritik an der Seriosität des Vorgehens.”

2. Traue keiner Statistik, …?
(spiegel.de, Marcel Pauly & Patrick Stotz)
Die Berichterstattung über das Coronavirus basiert häufig auf Zahlen. Doch welche Datenquellen und welche Messgrößen werden verwendet? Der “Spiegel” erklärt, woher die Daten kommen, wie aussagekräftig die Infiziertenzahlen sind, welche Kennzahlen für die Ländertabelle verwendet werden, und beantwortet weitere Fragen zum Umgang mit den Covid-19-Zahlen.

3. Was machen all diese Politiker in einem Aufzug?
(hessenschau.de)
Im ganzen Land heißt es Abstand halten, aber ausgerechnet die, die es besser wissen müssten, quetschen sich in einen proppenvollen Aufzug. Mit dabei: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtsminister Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier, Regierungssprecher Michael Bußer (alle CDU) und Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne), dazu noch mindestens sechs weitere Personen. Das Foto der irren Szene sorgte in den Sozialen Medien für allerlei Gesprächsstoff: von kritischen Anmerkungen bis hin zu spöttischen und lakonischen Bemerkungen.

4. Susanne Gaschke fragt sich, ob Corona der neue Hitler ist
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Gefallen sich die Deutschen tatsächlich “in 150-prozentigem Corona-Gehorsam”, wie von Susanne Gaschke in der “NZZ” behauptet? Jürn Kruse hat sich den Artikel absatzweise vorgenommen und die darin enthaltenen Vorwürfe und Unterstellungen (“Totalitarismus”, “Ermächtigungsgesetz”, “Unterwerfung”) seziert.

5. Forum Recht, Ausgabe “Don’t @ me” (1/2020)
(forum-recht-online.de)
“Forum Recht” ist ein rechtspolitisches Magazin, das vom Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen sowie einem Trägerverein herausgegeben und vor allem von Studierenden, Referendarinnen und Referendaren gefüllt wird. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Thema Social Media: Wie agieren Menschen und staatliche Akteure in den Sozialen Medien? Und wie kann das Recht darauf reagieren? Das Heft steht jetzt zur freien Online-Lektüre bereit.

6. Sonja Zietlow irritiert mit Facebook-Posts zum Coronavirus
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
In den vergangenen Tagen postete die prominente RTL-Moderatorin Sonja Zietlow (“Dschungelcamp”) allerlei Seltsamkeiten auf ihrem verifizierten Facebook-Kanal und lockte damit Verschwörungstheoretiker der unterschiedlichsten Couleur an. Am Ostersonntag veröffentlichte sie eine Liste mit Personen aus Medizin und Forschung, die ihrer Auffassung nach in der Gesellschaft als “Verschwörungstheoretiker” gelten würden. Das Problem: Viele davon hatten tatsächlich fragwürdige oder gänzlich widerlegte Aussagen über das Coronavirus verbreitet. “Wer nicht als Verschwörungstheoretiker gilt”, so Zietlow weiter in ihrem Post: “Prof. Dorsten (!), Lothar Wieler RKI, Bill Gates, Spahn.” Der Spuk scheint jedoch beendet, zumindest vorerst: Zietlows Facebookseite ist seit gestern Abend nicht mehr erreichbar.

Schoßhund-Fragen sind bei “Bild” Chefsache

Wenn der Außenminister der USA bei “Bild live” ein Interview gibt, dann ist das selbstverständlich Chefsache.

Screenshot Bild live - zu sehen sind Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und US-Außenminister Mike Pompeo

Julian Reichelt durfte Mike Pompeo ein paar Fragen stellen. Und das hat der “Bild”-Chefredakteur genutzt — größtenteils um seine eigene Agenda abzuspulen: gegen Angela Merkel, gegen Heiko Maas, gegen die Berliner Landesregierung, gegen China.

Das schon mal vorweg: Keine der Fragen, die Reichelt in dem Interview unterbringen konnte, zielte auf mögliche Fehler oder Versäumnisse der US-Regierung in der Corona-Krise und die damit verbundene schlimme Lage in den USA. Keine Frage zu Donald Trumps Herunterspielen der Situation. Keine zu der späten Reaktion des US-Präsidenten auf das Coronavirus. Nicht mal ein vorsichtiges: “Hätte Ihre Regierung irgendetwas besser machen können, Herr Pompeo?”

Stattdessen: reichlich Suggestivfragen im Stile von “Derundder hat dasunddas gegen die USA gemacht. Ist das nicht schlimm?” Und, na klar: die Pflichten von Angela Merkel. Reichelt beginnt das Interview mit dieser Frage:

Amerika hat weltweit die meisten Toten in der Corona-Krise zu beklagen. Gibt es etwas, was das amerikanische Volk in dieser dramatischen Krise von Deutschland erwartet? Was ist Ihre Botschaft an Kanzlerin Angela Merkel?

Was für eine Verknüpfung: “die meisten Toten in der Corona-Krise” in den USA — was soll Angela Merkel jetzt liefern? Mike Pompeo steigt darauf nicht ein. Er lobt Deutschland und die Bundeskanzlerin als “großartige Partner”.

Weiter geht es mit mit Reichelts Frage zum deutschen Außenminister Heiko Maas, denn der hat es doch tatsächlich gewagt, die USA zu kritisieren:

Der deutsche Außenminister Heiko Maas hat die USA und China in einem Atemzug kritisiert. Er hat gesagt: China hätte zu autoritär auf die Corona-Krise reagiert, die USA hingegen hätten das Problem verharmlost. Macht es Sie ärgerlich, wenn die Diktatur China und die Demokratie USA in einem Atemzug so kritisiert werden?

Was soll Mike Pompeo darauf schon antworten? “Nee, finde ich super”? Stattdessen erzählt er, US-Präsident Trump habe “sehr starke Maßnahmen ergriffen, um unser Volk zu schützen.” Die chinesische Regierung hingegen hätte nicht schnell genug Informationen geliefert. Das sei “natürlich sehr bedauerlich”.

Wenn Reichelt ein wirkliches Interesse an dem Thema hätte, könnte er da natürlich mal nachhaken und anmerken, dass Donald Trump das Coronavirus noch verharmloste, als längst sehr hohe offizielle Infektionszahlen aus China bekannt waren. Macht er in seiner Schoßhundhaftigkeit aber nicht.

Dafür die nächste Suggestivfrage:

Die Berliner Regierung hat den USA sogar Piraterie vorgeworfen, fälschlich vorgeworfen, weil angeblich die USA Masken konfisziert haben sollten auf dem Weg nach Berlin, mussten sich später dafür entschuldigen. Sind Sie besorgt über diese Form von Anti-Amerikanismus in der deutschen Hauptstadt?

Es scheint, als gehe der “Bild”-Chef noch einmal die “Bild”-Aufregerthemen der vergangenen Tage durch, mit dem Ziel, die “Bild”-Positionen durch den US-Außenminister bestätigen zu lassen.

Nachdem Reichelt gefragt hat, ob es nicht eine Möglichkeit wäre, die “Zölle auf amerikanische Produkte in Deutschland oder in der EU zu senken, um die US-Wirtschaft weiter anzukurbeln”, geht es weiter mit der Bestätigung von Feindbildern:

Sie haben es selber gesagt: Diese Krise hat begonnen in Wuhan, China. Braucht es eine globale Debatte darüber, ob der chinesischen Regierung für die massiven Schäden, die weltweit angerichtet worden sind, eine Rechnung präsentiert werden muss?

Mike Pompeo lässt sich darauf nicht ein. Er antwortet (laut “Bild”-Simultanübersetzung), dass es mehr als eine solche “globale Debatte” brauche:

Wir müssen herausfinden: Wie konnte das passieren, um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert, oder wir zumindest das Risiko minimieren, dass so etwas je wieder passiert. Das ist wirklich essenziell: Dass wir verstehen, wo dieses Virus herkam, um das Risiko zu minimieren. (…) Es wird wirklich hohe Kosten geben. Und deswegen müssen wir sicherstellen, dass kein Land auf der Welt wieder der Ursprung einer solchen Krise sein kann.

Pompeo sagt nichts zu der “Rechnung” für die chinesische Regierung, nach der Reichelt gefragt hat. Also fragt der “Bild”-Chef noch mal:

Noch einmal: Soll China für diese Schäden, die dort entstanden sind, finanziell aufkommen?

Pompeo antwortet:

There will be a time when the people responsible will be held accountable. I am very confident that this will happen. At the moment, it’s absolutely necessary to focus on the current task in order to systematically restart the American, and then also the global, economy. There will be a time for assigning blame.

Also:

Es wird eine Zeit geben, in der die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dies geschehen wird. Im Moment ist es absolut notwendig, sich auf die aktuelle Aufgabe zu konzentrieren, um die amerikanische und dann auch die globale Wirtschaft systematisch wieder in Gang zu bringen. Es wird eine Zeit für Schuldzuweisungen geben.

Daraus macht die “Bild”-Zeitung heute:

Ausriss Bild-Zeitung - US-Außenminister Pompeo im Bild-Intervier - Corona-Verantwortliche werden zur Rechenschaft gezogen

Bei Bild.de, wo die Redaktion eine englische Version des Artikels, der auch in der gedruckten “Bild” erschienen ist, veröffentlicht hat, klingt das etwas weniger vage:

Screenshot Bild.de - Bild interview with US Secretaroy of State Pompeo - China will be liable for the damage done by coronavirus

Die Aussage “China will be liable” hat hat sich die “Bild”-Redaktion ausgedacht.

Mit Dank an Gregor G. und anonym für die Hinweise!

Heinsberg und die “Storymachine”, Corona-Stillstand, 100 Jahre Kicker

1. Offene Fragen: Sportmanager Mronz und die Heinsberg-Studie
(sportschau.de, Niklas Schenk)
Rund um die sogenannte “Heinsberg-Studie” von Hendrik Streeck, Chefvirologe der Uni Bonn, tauchen allerhand Fragen auf, die nichts mit den medizinischen Ergebnissen zu tun haben, sondern sich auf einen Nebenaspekt beziehen: “Warum ist eine PR-Agentur an einer wissenschaftlichen Studie beteiligt? Wer hat [Michael] Mronz und seine Firma ‘Storymachine’ beauftragt? Wer bezahlt diese?”
Weitere Lesehinweise: Kritik und Zweifel an Studie aus Heinsberg (sueddeutsche.de, Kathrin Zinkant) und auf “Meedia” hat sich einer der “Storymachine”-Betreiber geäußert: “Heinsberg Protokoll”: Zum ersten Mal spricht Philipp Jessen über ein Storymachine-Projekt.

2. Im Stillstand der Städte
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Stadt- und Kulturmagazine trifft die derzeitige Lage besonders hart, da kaum noch Werbung für Veranstaltungen, Restaurants, Partys oder sonstige Events geschaltet wird. Boris Rosenkranz hat sich bei einigen Magazinen umgehört, wie sie mit der Krise umgehen.

3. Corona-Falschmeldungen erreichen ein Millionenpublikum
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz & Hannes Munzinger)
Eine der “Süddeutschen Zeitung”, NDR und WDR vorliegende Analyse hat Videos und Artikel erfasst, die bei Faktenchecks als irreführend oder falsch gekennzeichnet wurden, und deren Ausbreitungswege ausgewertet. Die Corona-Krise mache Menschen besonders anfällig für Falschinformationen: Die betreffenden Videos würden millionenfach geklickt. Löschungen gälten in der Szene als besonderes Merkmal der Glaubwürdigkeit, und Faktenchecks könnten nur einen Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer erreichen.

4. Virale Propaganda
(netzpolitik.org, Daniel Laufer & Jan Petter)
Die rechte Szene habe ein Propagandaportal mit rechtsradikalen und rassistischen Botschaften gestartet, das sich vornehmlich an junge Leute richte und dabei auf die typischen Stilelemente wie Listen, Quizspiele und gut teilbare Grafiken setze. Recherchen von netzpolitik.org und “Bento” würden zeigen, dass der Gründer der Seite seit Jahren in der rechten Szene aktiv sei: “Er und seine Mitstreiter:innen haben nicht nur enge Verbindungen zu AfD-Politikern und der Jungen Alternative (JA), sondern auch ins rechtsextreme Milieu rund um die Identitäre Bewegung (IB) und zu anderen Medien, die teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden.”
Weiterer Lesehinweis: Warum Rechtsextremisten Mythen zu Corona verbreiten (kattascha.de, Katharina Nocun).

5. Breitbart ist wieder da – und Facebook hilft tatkräftig mit
(nzz.ch, Marc Neumann)
Facebook stellt sich gern als Plattform dar, das alles Menschenmögliche gegen die Verbreitung von “Fake News” unternehme. Für Irritation sorgt da die Aufnahme des verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Mediums “Breitbart” in das Nachrichtenangebot “Facebook News”. Wie immer hat man zur Verteidigung einen schön klingenden Grund zur Hand: Das Netzwerk wolle damit für “Standpunktdiversität” sorgen.

6. 100 Jahre Kicker: Ein Sportmagazin schreibt Geschichte
(ardmediathek.de, Andreas Kramer, Video: 41:24 Minuten)
Das Fußballmagazin “Kicker“ wird 100 Jahre alt. Anlässlich des runden Geburtstags berichtet eine TV-Doku über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der bekannten Fußballzeitschrift. Was sind die Konstanten, was hat sich verändert? Der Beitrag ist eine bunte und abwechslungsreiche Collage mit vielen Informationen und Anekdoten aus der langen Historie.

Berichten über Armut, Corona-Klicks, Bauer und die Medienkrise

1. Armutszeugnis – Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt (PDF)
(otto-brenner-stiftung.de, Bernd Gäbler)
Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat untersucht, welches Bild von Armut in den Medien erzeugt wird. Zu diesem Zweck habe er sich RTL-2-Sendungen wie “Hartz und herzlich” und “Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?”, Formate von RTL wie “Zahltag! Ein Koffer voller Chancen” und Berichte von ARD und ZDF angeschaut. Das Resümee der Otto-Brenner-Stiftung, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat: “Angehörige der Unterschichten bekommen im ‘Unterschichtenfernsehen’ ein Zerrbild von sich selbst präsentiert — und die übrige Gesellschaft ignoriert das weitgehend: sowohl die Armut selbst, die mitten im reichen Deutschland existiert, als auch die medialen Klischees, die über die Betroffenen verbreitet werden.”
Weitere Lesehinweise: Eine Übersichtsseite der Otto-Brenner-Stiftung unter anderem mit weiterführenden Links zum Thema. Sowie der von der “Armutskonferenz” herausgegebene “Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung” (PDF).

2. Angesteckt
(zeit.de, Marc Brost & Bernhard Pörksen)
“Auch für Journalisten ist diese Krise anders als jede zuvor. Sie ist schwieriger zu begreifen und viel emotionaler, weil sie jeden trifft, beruflich wie privat. Dramen und Krisen, die eskalieren — das ist die intensivste Zeit für Journalisten, und gleichzeitig fühlt man sich ohnmächtig, kann schlechter recherchieren, sehnt einfach das Ende der Krise herbei. Man sucht Halt und verliert ihn zugleich.” Der Politikchef der “Zeit” Marc Brost und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreiben von der Notwendigkeit von Journalismus während der Corona-Krise — und all den damit verbundenen Schwierigkeiten.

3. “Im Alltag ohne Isolation geht es mitunter deutlich rauer zu”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Zwei Wochen lang hielt ORF-Journalist Armin Wolf zusammen mit vielen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom ORF-Zentrum aus den Sendebetrieb aufrecht. Timo Niemeier hat sich mit Wolf über die TV-Quarantäne unterhalten: Wie kann man sich das Arbeiten und Leben in ORF-Isolation vorstellen? Was war die größte Herausforderung? Was kann er anderen Kollegen und Kolleginnen für den “Fall der Fälle” raten?

4. Buzzfeed Deutschland steht zum Verkauf
(meedia.de, Andreas Marx)
Der deutsche Ableger des US-amerikanischen Medienunternehmens “Buzzfeed” steht zum Verkauf. Dies wurde mittlerweile auch vom “Buzzfeed Deutschland”-Chef Daniel Drepper auf Twitter bestätigt.
In diesem Zusammenhang sei auch nochmal an Dreppers lesenswerten “Blick auf den Journalismus” erinnert: Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen (journalist.de).
Weiterer Lesehinweis: Das Landgericht Berlin habe einer Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen “Buzzfeed” Recht gegeben, so der Verband. Produktempfehlungen seien nicht ausreichend als Werbung gekennzeichnet worden: Gericht verbietet Schleichwerbung auf Buzzfeed (vzbv.de, Franka Kühn).

5. Medien: Klicks mit Corona
(infosperber.ch, Tobias Tscherrig)
Tobias Tscherrig kritisiert die Schweizer Medien für die Ausbeutung der Corona-Krise: “Sie überfluten die Bevölkerung auch mit Nebensächlichem, mit Nichtigkeiten und Belanglosem. Sie reiten die Corona-Welle, weil es billig ist und sich dadurch die Klickzahlen erhöhen. Damit wird aber nicht das ‘Recht auf Information’ oder der ‘gesellschaftlich notwendige Diskurs’ gesichert, wie es die Präambel der ‘Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten’ verlangt. Es ist Effekthascherei.”

6. Wie der Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt
(faz.net, Anke Richter)
Dass der Zeitschriftenverlag Bauer eine Niederlassung in Neuseeland schließt, klingt zunächst nach einer Petitesse. Doch weit gefehlt: Dahinter stecke eine Nachricht, die das ganze Land betreffe und sogar Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan gerufen habe. Anke Richter erklärt, warum der Rückzug des deutschen Unternehmens am anderen Ende der Welt eine ausgewachsene Medienkrise ausgelöst hat.

Schwarz-Weiß-Denken bei “Bild”

Sitzen Weiße auf einer Parkbank, sind das laut “Bild” und Bild.de “friedliche Parkbesucher”:

Screenshot Bild.de - Bei friedlichen Parkbesuchern greift die Berliner Polizei durch

Sitzen Schwarze auf einer Parkbank, sind das laut “Bild” und Bild.de “Drogendealer”:

Screenshot Bild.de - Bei Drogendealern im Park nicht

Die Fotos und die dazugehörigen Bildunterschriften stammen aus einem Artikel, der heute in der “Bild”-Zeitung und bei Bild.de erschienen ist:

Screenshot Bild.de - Es kann doch nicht sein, dass ... sechs Corona-Regeln, die wir nicht verstehen

Eine Sache, die laut “Bild”-Redaktion “DOCH NICHT SEIN” kann: Dass …

… die Polizei jahrelang Drogendealer ungeschoren lässt, JETZT aber jeden aufschreibt, der sich im Park sonnt!

Dazu zeigen die “Bild”-Medien dann eben die zwei Fotos von oben, auf denen niemand beim Dealen zu sehen ist, aber eine Gruppe zu “Drogendealern” erklärt wird.

Und es soll jetzt niemand kommen und sagen: “Ja, aber schaut doch mal in die Parks — wer vertickt da denn Drogen? Und wie sehen die aus?” Das ist genau das rassistische Kennst-Du-einen-kennst-Du-alle-Vorurteil, das die “Bild”-Redaktion mit ihrer Fotoauswahl bedient.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Dünnbartbohrer, Heimliches Strategiepapier, Falscher Tod

1. Exklusiv: Deutschlands beste Corona-Ticker
(kress.de, Christian Lindner)
Medienberater Christian Lindner stellt 15 beispielhafte Corona-Ticker vor. Sein Überraschungssieger: Der Corona-Feed der “Hamburger Morgenpost”. “Total regional, stimmig, kraftvoll, nüchtern im Sound und optisch perfekt.”
Wie es um Europas Presse in Zeiten der Pandemie steht, berichten “SZ”-Korrespondenten aus sechs Ländern. Angenehm kurze Infohäppchen der Auslandsreporterinnen und -reporter.
Doch wie wirkt sich die Corona-Krise im Inland aus? Gregory Lipinski hat sich für “Meedia” bei den großen Verlagshäusern umgeschaut. Nach Bertelsmann, Funke, SWMH und “Zeit”-Verlag wolle jetzt auch Axel Springer zumindest partielle Kurzarbeit anmelden. Und auch beim “Tagesspiegel” werde es wegen massiver Anzeigenrückgänge bald Kurzarbeit geben.
Im Podcast “Unter Zwei” von Levin Kubeth geht es ebenfalls um Die Herausforderungen der Coronakrise. Kubeth hat, wie so oft, hochkarätige Interviewgäste aus der Medienbranche in der Sendung.
Die “taz” plant eine Sonderausgabe für und gefüllt durch freie Fotografen und Fotografinnen: “Die taz wird am Donnerstag, Gründonnerstag Dokumente dieser Zeit aufbereiten — Dokumente, die uns unsere Fotograf:innen selbst bereitstellen, als visuelle Zeitzeug:innen.”
Beim “Fachjournalist” gibt es ein Interview mit dem Datenjournalisten Marcel Pauly vom “Spiegel”: “Die Coronakrise dominiert den Arbeitsalltag aller Datenteams”.
Lesenswert ist zudem Dennis Horns Einordnung der Medienkritik des Virologen Christian Drosten.
Und wer nach all den Corona-News etwas Abstand und Ablenkung braucht: Die “Süddeutsche” hat eine tolle Zusammenstellung von Kulturlinks: Konzerte, Lesungen und Kunst von zu Hause erleben.

2. Der Dünnbartbohrer
(neues-deutschland.de, Christian Y. Schmidt)
Christian Y. Schmidt ärgert sich über die journalistische Begleitung der Corona-Krise durch den Wirtschaftsjournalisten Gabor Steingart in dessen Newsletter: “Seit 2018 verschickt er per E-Mail ein sogenanntes ‘Morning Briefing’, eine Art ‘Breitbart light’ für Wirtschaftsliberale, das stilistisch den schmalen Grat zwischen Claas Relotius und Franz Josef Wagner auslotet. ‘Dünnbart’ wäre kein schlechter Name. Für den Verfasser aber müsste man aufgrund seiner Corona-Verlautbarungen ebenfalls eine neue Bezeichnung finden. Am besten würde eine passen, die ich hier nicht hinschreibe, denn ich habe keine Lust, mich von Steingart verklagen zu lassen.”

3. Veröffentlicht die Dokumente!
(uebermedien.de, Arne Semsrott)
In der Presselandschaft zirkuliert ein vertrauliches Strategiepapier des Bundesinnenministeriums zum Umgang mit der Corona-Pandemie. Viele Medien hätten sich aus dem 17-seitigen Papier unterschiedliche Aspekte herausgepickt und würden daraus zitieren. Obwohl das Strategiepapier bereits in der Branche kreise, weigere sich das Innenministerium, es auch anderen Journalistinnen und Journalisten auf Basis des Pressegesetzes herauszugeben. Arne Semsrott ist deshalb initiativ geworden: “Es über das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) zu bekommen, würde sich einen Monat hinziehen, viel zu lange. Und auch kein Sender, kein Verlag hat das Papier bisher veröffentlicht. Deshalb haben wir von ‘FragDenStaat’ das gemacht.”

4. Umstrukturierung als Mentalitätswandel
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs, Audio: 5:21 Minuten)
Der Hessische Rundfunk befindet sich mitten in der Transformation. Das betrifft sowohl die Personalstruktur als auch die Inhalte und Ausspielwege. Es ist eine gewaltige Herausforderung, denn die Änderungen finden an vielen Stellen gleichzeitig statt, und die Corona-Krise verlangt dem Sender Weiteres ab. Daniel Bouhs hat sich die Reformanstrengungen näher angeschaut.

5. Konkurrenz mit Sonntags-Talks
(sueddeutsche.de)
Neulich lagen ARD und ZDF im Clinch wegen zeitgleich laufender Nachrichtensendungen, nun sollen parallel angesetzte Polit-Talkshows für Unmut sorgen. Spezial-Talkshowausgaben rund um das Coronavirus mit Maybrit Illner (ZDF) kollidierten mit dem festen Sendetermin ihrer ARD-Kollegin Anne Will.

6. Korrektur: Meldung zum Tod von Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger war falsch
(nzz.ch)
Die “Neue Zürcher Zeitung” (“NZZ”) ist offenbar auf einen berühmt-berüchtigten Twitter-Hoaxer hereingefallen, der sich als “Suhrkamp Verlag” ausgegeben und den angeblichen Tod des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger verkündet hatte.
Weiterer Lesehinweis: Felix Neumann hat mit dem Mann Kontakt aufgenommen, der sich als Politiker, Bischof und Künstler ausgebe: Tommasso Debenedetti – “Meisterfälscher” und Papst-Serienmörder (katholisch.de).
PS: Die “NZZ”-Redaktion wäre besser gefahren, wenn sie Neumanns 4 Strategien gegen Twitter-Fakes gelesen hätte, bevor sie die Falschnachricht ungeprüft weiterverbreitete. Ein Artikel für den digitalen Handwerkskoffer und die ewige Bookmarkliste.

Eine Art Sternstunde, Pandemie ist kein Krieg, Impuls gegen Kurzarbeit

1. Medienforscher Klaus Meier: “Wir erleben eine Art Sternstunde für regionalen Journalismus”
(schwaebische.de, Sebastian Heinrich)
Sebastian Heinrich hat mit dem Journalismus-Professor Klaus Meier über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Journalismus gesprochen. Meier sieht die derzeitige Situation als “eine Art Sternstunde für lokalen und regionalen Journalismus” und begründet dies wie folgt: “Der Informationshunger der Menschen ist enorm. Viele Redaktionen greifen das auf und leisten da Bemerkenswertes. Das wichtigste Qualitätskriterium ist jetzt Vielfalt, also alle möglichen Fragen aufzugreifen: Zum Einen die Bekämpfung des Virus, die Durchsetzung der beschlossenen staatlichen Maßnahmen. Zum Anderen die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen zu thematisieren: für die Menschen in den Krankenhäusern, für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, die damit zu kämpfen haben — oder Sportler und Schüler, gerade auch Abiturienten. Die Auswirkungen zu thematisieren für psychisch Kranke, für Behinderte, für Familien in problematischen Verhältnissen. Es ist ein riesiges Themenspektrum, das jetzt auf der Straße liegt.”

2. Warum ich trotz massiver Umsatzeinbrüche keine Kurzarbeit anmelde
(journalist.de, Nikolaus Förster)
Als sich 2013 der Medienkonzern Gruner + Jahr von seinem Unternehmermagazin “Impulse” trennen wollte, schlug der “Impulse”-Chefredakteur Nikolaus Förster zu und übernahm das Magazin via “Management-Buy-out”. Sieben Jahre später ist auch “Impulse” ein Opfer der derzeitigen Krise und muss ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Förster beschreibt, was ihm in der Nacht durch den Kopf ging, als er bereits den Antrag auf Kurzarbeit auf dem Schreibtisch liegen hatte, und erklärt, warum er einen anderen Weg beschreiten will.

3. Einfach mal Danke sagen
(blog.tagesschau.de, Marcus Bornheim & Helge Fuhst & Juliane Leopold)
In schwierigen Zeiten vertrauen Zuschauerinnen und Zuschauer verstärkt auf das Nachrichtenangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Und Tatsache: Die ARD verzeichnet mit ihren Angeboten “Tagesschau” und “Tagesthemen” gewaltige Zuwächse. In den beiden letzten Märzwochen habe der durchschnittliche Marktanteil der “Tagesschau” bei rund 43 Prozent gelegen. Das entspricht 16 Millionen Menschen, die pro Ausgabe eingeschaltet hätten. Die “Tagesthemen” hätten ihre Quote, verglichen mit dem Vorjahr, um 60 Prozent steigern können.

4. Das hier ist kein Krieg
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Im Zuge der Bewältigung der Corona-Krise verfallen viele Politiker und Politikerinnen, aber auch Redaktionen auf Stilelemente der Kriegsrhetorik. Christian Stöcker ordnet die Metaphern und das dahinterstehende Weltbild ein und schließt mit den Worten: “Eine Pandemie ist kein Krieg. Es geht nicht darum, einen Hügel zu erstürmen und von oben alle Feinde zu erschießen. Es geht nicht darum, einen Gegner mit überlegener Feuerkraft in die Knie zu zwingen. Es geht nicht um Mensch gegen Mensch, sondern um Mensch für Mensch. Kriegsmetaphern sind völlig unangemessen, egal, ob zur Rechtfertigung von Maßnahmen gegen das Virus oder zu deren Verdammung. Der Kampf gegen eine Pandemie ist das Gegenteil von Krieg.”

5. Das Zeitalter der Paywalls
(heise.de, Torsten Kleinz)
“Die Paywalls, die vielen Lesern lästig erscheinen, sind derzeit das einzige Geschäftsmodell, das die Informations-Infrastruktur mittelfristig aufrechterhält”, so Torsten Kleinz in seinen Überlegungen zur Medienfinanzierung. Die reine Werbefinanzierung von Medien habe ausgedient und der Verkauf von einzelnen Artikeln sei ein Irrweg.

6. Knallhart am Journalismus vorbei
(taz.de, Andreas Rüttenauer)
In der vergangenen Ausgabe des “Aktuellen Sportstudios” (ZDF) gab es ein, na ja, Interview mit dem Milliardär und Mäzen des Bundesligisten TSG Hoffenheim Dietmar Hopp, das von vielen als zu unkritisch empfunden wurde. Andreas Rüttenauer kann die Rücksichtnahme auf Hopps Alter verstehen, befindet aber dennoch: “Klar, den chauffiert man nicht ins Studio, um ihn von Angesicht zu Angesicht zu befragen. Aber fragen hätte man ihn schon können. So sendete das ZDF zwei PR-Botschaften des Milliardärs und verzichtete auf die Möglichkeit zu Nachfragen. Das mit der Gesundheit des Milliardärs zu begründen, so wie es [Moderator Jochen] Breyer in seiner Anmoderation getan hat, darf man getrost als dreist bezeichnen. Mit kritischem Journalismus hat das jedenfalls nur wenig zu tun.”

Zum Würfeln: Adel und Royals in Boulevardmedien

Zeitknappheit, Personalmangel, begrenzte Ressourcen …

Wir kennen die Probleme der Redaktionen nur allzu gut und haben dafür die Lösung: Mit unserem neuen Würfelspiel “Kurz vor Redaktionsschluss” lassen sich, jawoll, auch kurz vor Redaktionsschluss auf die Schnelle druckreife Teaser, kurze Artikel und die neuesten Klatschgeschichten erstellen.

Folge 3 unserer 16-teiligen Serie: Adel und Royals in Boulevardmedien.

Das neue BILDblog-Würfelspiel Kurz vor Redaktionsschluss - nur viermal würfeln, schon haben Sie eine komplette Klatschgeschichte beisammen, die in Freizeit Revue, Die Aktuelle oder einem anderen Knallheft der Regenbogenpresse stehen könnte - heute Adel und Royals in Boulevardmedien - Schritt 1: Würfeln Sie die Oben-Drüber-Zeile! Schritt 2: Würfeln Sie den Protagonisten! Schritt 3: Würfeln Sie den Spannungserzeuger! Schritt 4: Würfeln Sie den Lese-Auslöser! - Variante 1: Flucht aus dem Palast! Kronprinzessin Victoria offenbart düsteres Geheimnis: Ich dusche heimlich nackt! - Variante 2: Die Wahrheit hinter der Fassade! Königin Maxima der Niederlande vertraut sich der Polizei an: Ich besorgte mir die Krone im Ein-Euro-Shop! - Variante 3: Endlich offiziell! Haakon von Norwegen mit schockierendem Geständnis: Das Schloss ist nur ein Vorhängeschloss! - Variante 4: Tragische Beichte! Königin Letizia von Spanien redet erstmals darüber: Manchmal gebe ich mir selbst Autogramme! - Variante 5: Das Schweigen hat ein Ende! Fürst Albert von Monaco erleichtert sein Gewissen: Ich klaute das Brautkleid aus dem Altkleider-Container! - Variante 6: Wer hat im Palast gelauscht? Prinz Philip bekennt heikle Jugendsünde: Ich füttere die Kois mit importiertem Kaviar!

Hier gibt es ein größeres JPG und hier ein größeres PDF zum Ausdrucken.

Am Dienstag folgt Ausgabe 4.

Bisher erschienen:

“Bild” fordert: Neues Wirtschaftswunder jetzt sofort!

So sieht es aus, wenn in einer Redaktion der Größenwahn herrscht:

Ausriss Bild-Titelseite - Nationaler Kraftakt gegen Corona - Bild sagt, was sofort passieren muss

Noch schlimmer als dieser Hochmut ist an der “Bild”-Titelseite vom vergangenen Dienstag nur der Eindruck, den die Redaktion dort vermittelt: dass die Politik, die Regierung, der Staat nichts mache in der derzeitigen Corona-Krise.

“Wir brauchen einen nationalen Kraftakt”, ist im Vorspann zu lesen, als würden so gut wie alle Politikerinnen und Politiker (und viele andere Menschen) in Deutschland nicht schon seit Wochen kraftakten; als würden sie nicht im Dauereinsatz daran arbeiten, diese Krise irgendwie zu bewältigen. Da muss schon die “Bild”-Redaktion kommen, damit das hier mal alles klappt:

BILD nennt zehn Maßnahmen, die wir JETZT angehen müssen.

Was im Umkehrschluss nur heißen kann: Die zehn Maßnahmen, die “Bild” nennt, sind bisher noch nicht angegangen worden — was gefährlicher Unsinn ist.

Zum Beispiel Maßnahme 3:

Ausriss Bild-Titelseite - Mit Technologie gegen Corona

In vielen Ländern helfen Handy-Apps beim Kampf gegen das Virus. Menschen können ablesen, ob sie in der Nähe einer infizierten Person waren. Freiwillig und anonym muss das auch in Deutschland möglich sein.

Das dürfte es auch bald sein. Das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut und das Robert-Koch-Institut arbeiten schon längst an einer solchen App. In der Politik gibt es dafür viele Fürsprecherinnen und Fürsprecher.

Oder Maßnahme 9:

Ausriss Bild-Titelseite - Antikörper-Tests auf den Markt bringen

Wir müssen dringend wissen, wie viele Deutsche bereits infiziert waren — und nun immun sind.

Auch hier: Passiert schon.

“Bild”-Maßnahme 2:

Ausriss Bild-Titelseite - Masken für die Massen produzieren

Deutschland braucht Hunderte Millionen Atemschutzmasken.

Jede Person, die in den vergangenen Tagen mal in eine Corona-Sondersendung geschaltet hat, dürfte dort ein Interview mit einem Politiker oder einer Politikerin gesehen haben, in dem es um die Anstrengungen geht, endlich an mehr Atemschutzmasken zu kommen — ob nun im Ausland bestellt oder in Deutschland selbstproduziert. Diese Leute schildern aus unserer Sicht glaubhaft, dass sie dabei ihr Bestes geben.

Ganz ähnlich “Bild”-Maßnahme 6:

Ausriss Bild-Titelseite - Risikogruppen besonders unterstützen

Alte und Vorerkrankte, aber auch medizinisches Personal brauchen den besten Schutz: die stärksten Masken, die modernsten Schutzanzüge. Virologe Kekulé: “Es muss eine nationale Anstrengung sein, Risikogruppen vor Covid-19 zu schützen.”

Die “Bild”-Redaktion will doch nicht ernsthaft behaupten, dass das nicht schon längst eines der wichtigsten Ziele aller handelnden Personen ist?

Neben diesen Maßnahmen, die “wir” dem Boulevardblatt zufolge “JETZT angehen müssen” und die schon längst angegangen sind, nennt “Bild” auch ziemlich bekloppte Maßnahmen, die zum Glück noch niemand angegangen ist. Etwa Maßnahme Nummer 1:

Ausriss Bild-Titelseite - Kanzlerin Merkel muss jeden Tag zum Volk sprechen

Wie nie zuvor in Angela Merkels Amtszeit kommt es auf politische Führung an. Historische Persönlichkeiten wie Winston Churchill schworen die Menschen auf schlimmste Entbehrungen ein, schrieben mit Reden Geschichte. Merkel muss jeden Tag zur Nation sprechen.

Täglich “zum Volk sprechen” würde allerdings auch bedeuten: weniger Zeit für wirklich wichtige Dinge und Entscheidungen — und damit weniger “Kraftakt”. Wir hätten außerdem zwei Gegenbeispiele, die zeigen, dass tägliche Auftritte nicht automatisch etwas Brauchbares hervorbringen:

1. US-Präsident Donald Trump tritt momentan täglich vor die Kameras.
2. “Bild live” läuft sogar mehrmals täglich.

Eine der aus Sicht der “Bild”-Redaktion aktuell zehn wichtigsten Maßnahmen lautet tatsächlich:

Ausriss Bild-Titelseite - Notfall-Plan für Bundesliga

Der Fußball gibt Menschen Halt. Sie brauchen ihn, um die Krise durchzustehen. “Wenn nötig, dann eben zunächst mit Geisterspielen”, so Rekordnationalspieler Lothar Matthäus zu BILD.

Besonders bescheuert aber ist die Forderung von Maßnahme 7:

Ausriss Bild-Titelseite - Neues Wirtschaftswunder

Ganze Branchen, Volkswirtschaften, Währungen taumeln. Um das zu überstehen, brauchen wir ein neues Wirtschaftswunder.

Ja, es wäre toll, wenn in dieser schweren Zeiten jetzt sofort etwas wirklich Gutes wie ein Wirtschaftswunder geschehen würde. Wie genau? Das weiß auch die “Bild”-Redaktion nicht, auch wenn sie sonst gern vorgibt zu wissen, “was SOFORT passieren muss”. Aber plump fordern kann man es ja mal. Das setzt die handelnden Personen auch so schön zusätzlich unter Druck, wenn die “Bild”-Leserschaft dann kräht: Los, lasst jetzt endlich das Wirtschaftswunder stattfinden!

Traumberuf mit Isomatte, Making-of “Drosten”, Hasswort Vagina

1. Über einen Traumberuf – und über Isomatten
(journalist.de, Kathrin Wesolowski)
“Wenn Sie mir schon anbieten, auf einer Isomatte zu schlafen, dann bezahlen Sie mir wenigstens genug, dass ich sie mir leisten kann.” Die freie Journalistin Kathrin Wesolowski erlebt bei Ihrer Jobsuche allerlei verstörende Seltsamkeiten und wehrt sich nun mit einem offenen, wenn auch anonymisierten, Brief gegen zwei Verantwortliche des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

2. Behind the Scenes – Talk mit dem Podcast-Team
(ndr.de, Korinna Hennig, Audio: 25:07 Minuten)
Die aktuellste Ausgabe des “Coronavirus-Update”, dem Podcast des NDR mit dem Virologen Christian Drosten, fiel aus: Der Professor ist erkältet und muss seine Stimme schonen. Stattdessen haben sich die Verantwortlichen des NDR zum lockeren Talk zusammengesetzt, erzählen von der Entstehungsgeschichte des erfolgreichen Formats und ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen.

3. Sehen und gesehen werden
(faz.net, Hernán D. Caro)
Netflix spreche weltweit die unterschiedlichsten Zielgruppen an und lege dabei erstaunlich viel Wert auf Diversität. Dies wirke sich langsam auch auf die deutsche Unterhaltungsindustrie aus. Hernán D. Caro sieht nicht alle Fragen gelöst, findet dennoch lobende Worte für den Streamingriesen: “… kann man es nur begrüßen, wenn ein Unterhaltungsunternehmen es schafft, seinem Publikum vor Augen zu führen, dass die Welt tatsächlich vielfältig ist. Dann ist es auch hoffentlich bald wirklich ‘für alle’ kein Wunder mehr, Leute auf dem Bildschirm zu sehen, die so aussehen wie die Leute davor.”

4. Das wollen wir nicht sehen!
(zeit.de, Laura Ewert)
Verglichen mit dem aktuellen Quarantäne-TV wirken die Reality-Formate früherer Tage wie Hollywoodproduktionen, findet Laura Ewert bei “Zeit Online”: “Das Fernsehen zeigt dieser Tage, was wir bisher nur geahnt hatten: wie unglamourös Deutschland wirklich ist. Ungeplant wie ungekämmt wird das Private plump zum Inhalt stilisiert. Die Plauder-Podcastisierung des Fernsehens funktioniert nicht, denn sie wirkt faul. Gerade jetzt, wo viele selbst dazu verdammt sind, den ganzen Tag zu Hause rumzugammeln, möchte man eines auf keinen Fall: auch noch anderen Leute beim Rumgammeln zuzusehen.”

5. Titelverschiebungen, Kurzarbeit und eine Portion Optimismus
(boersenblatt.net, Michael Roesler-Graichen)
Die Buchbranche leidet in dramatischer Weise unter den Folgen der Corona-Krise. Teilweise seien die Umsätze bis zu 80 Prozent weggebrochen. Wie reagieren die Verlage darauf? Mit Homeoffice und Kurzarbeit, aber auch mit Verschiebungen und Streichungen. Michael Roesler-Graichen hat sich in der Verlagswelt umgesehen und ist trotz wirtschaftlichem Leid auch auf Optimismus gestoßen.

6. Vagina
(uebermedien.de, Madita Oeming)
Bei “Übermedien” erzählt Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming von ihrem persönlichen Hasswort. Das Wort “Vagina” werde unter anderem ständig falsch verwendet: “In den meisten Fällen, wenn es uns in Gesprächen oder den Medien begegnet, will es eigentlich etwas anderes beschreiben. Nämlich die Vulva. Das ist keine feministische Empfindsamkeit, bevor hier irgendjemand Snowflake, Genderwahn oder Sprachpolizei schreit. Das ist fucking ANATOMIE!”

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