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Bild.de lässt mit riesigem “Frauen-Ball” im DFB-Pokal-Finale spielen

Gestern, beim DFB-Pokal-Finale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München — da war doch irgendwas merkwürdig mit dem Spielball, oder? War der …

Screenshot Bild.de - Bei Bayerns Pokal-Triumph - War der Frauen-Ball nicht richtig aufgepumpt?

Nee, das war’s nicht, was uns aufgefallen war. Aber: Was ist denn ein “Frauen-Ball”? Bild.de erklärt das so:

Leipzig und Bayern spielten beim Finale (0:3) nicht mit dem Bundesliga-Ball von Derbystar, sondern mit einem bunten Adidas-Ball. Das Modell “Conext 19” wird ab dem 7. Juni bei der Frauen-WM verwendet.

Okay, es ist also kein “Frauen-Ball”, sondern ein ganz normaler Fußball, der bald auch bei der Weltmeisterschaft der Frauen eingesetzt werden soll. Das schreibt auch Bild.de irgendwie:

Klar ist aber natürlich: Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer. Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Durchmesser und 410 bis 450 Gramm Gewicht.

Genau, das war das Merkwürdige gestern: die Größe des Balles. Der ragte mit seinen “68,5 bis 70 Zentimetern Durchmesser” den Spielern schließlich bis über deren Knie.

Für dieses Nichtauseinanderhaltenkönnen von Durchmesser und Umfang soll man übrigens zahlen — es handelt sich um einen “Bild plus”-Artikel.

Mit Dank an Stephan J. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:23 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat die Stelle — ohne irgendeinen Korrekturhinweis — geändert. Dort steht nun richtig: “Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Umfang und 410 bis 450 Gramm Gewicht.” Es gibt also offenbar keine neuen “Fifa-Regeln”, die das Spielen mit Riesenbällen vorschreiben und von denen die “Bild”-Medien exklusiv wussten.

Außerdem haben uns mehrere Leserinnen und Leser noch auf diesen Satz von Bild.de hingewiesen: “Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer.” Und ja, der ist tatsächlich dämlich und nicht besonders respektvoll den Fußballerinnen gegenüber.

Einmal falschen Wal-Spion mit ohne Kamera aus Russland

Die Rechnung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) geht so:

Norwegische Fischer haben am Wochenende einem Wal möglicherweise das Leben gerettet. Vor der Küste von Finnmark im Norden des Landes hatte der Weißwal (Beluga) mehrere Tage lang die Nähe ihres Bootes gesucht. Bei näherer Betrachtung sahen die Männer, dass der Wal Riemen umgebunden hatte. Nach mehreren Versuchen gelang es ihnen, das Tier davon zu befreien.

… plus …

An der Innenseite der Riemen befand sich der Aufdruck “Equipment of St. Petersburg” (Ausrüstung St. Petersburgs).

… plus …

Außerdem war dort eine Kamera befestigt.

… gleich:

Screenshot Zeit Online mit der dpa-Überschrift - Zahmes Tier mit Kamera - Wal in Norwegen von Zaumzeug befreit - Russischer Spion?

Aber wie das bei Additionen so ist: Ist einer der Summanden falsch, stimmt auch was mit der Summe nicht. Sind zwei Summanden falsch, dann erst recht.

Und wie das mit der dpa so ist: Falsche Fakten, die die Agentur in Umlauf bringt, landen bei sehr vielen Medien.

Erstmal zur angeblich am Riemen befestigten Kamera: Die gibt es nicht. An dem Gurt, von dem die Fischer den Wal befreit haben, soll zwar auch eine Halterung für eine Kamera angebracht gewesen sein, aber keine Kamera. Das bestätigte Audun Rikardsen von der Arktischen Universität in Tromsø — den auch die dpa mit anderen Aussagen zitiert — der BBC:

Prof Rikardsen told the BBC that the harness “was attached really tightly round its head, in front of its pectoral fins and it had clips”. He said there was a GoPro attachment, but no camera.

Und dann zum angeblichen “Aufdruck ‘Equipment of St. Petersburg’ (Ausrüstung St. Petersburgs)”, der sich “an der Innenseite der Riemen” befinden soll. Nun könnte man sich natürlich erstmal wundern, dass ein möglicher tierischer Spion von wem auch immer losgeschickt wird mit einem ziemlich klaren Hinweise auf den Auftraggeber. Vor allem aber sollte man sich den Gurt mal genauer anschauen. Dann würde man nämlich sehen, dass der Aufdruck erstens nicht “an der Innenseite” zu finden ist, sondern auf der Schnalle; und dass er zweitens nicht “Equipment of St. Petersburg” lautet, sondern “Equipment St. Petersburg” — also ohne “of”. Das mag nach Erbsenzählerei klingen, ist aber nicht ganz unwichtig: Es gibt eine russische Firma, die Utensilien für Outdoor-Aktivitäten herstellt und verkauft. Ihr Name: Снаряжение, was übersetzt so viel heißt wie “Ausrüstung” oder “Equipment”. Ihr Sitz: St. Petersburg. Das aktuelle Logo dieser Firma ähnelt bereits ziemlich jenem, das auf der Schnalle des Gurtes zu sehen ist. Das alte Firmenlogo ist exakt jenes, das sich auch auf der Schnalle befindet. Der Aufdruck ist also erstmal nur ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Produkt einer russischen Firma handelt, das jeder kaufen konnte.

Die dpa-Meldung ist mit ihren Fehlern auch bei Bild.de gelandet:

Screenshot Bild.de - Vor Norwegens Küste entdeckt - Ist dieser Beluga Wal ein russischer Spion?

Zusätzlich hat die Bild.de-Redaktion noch ein exklusives Zitat, nun ja, eingeholt:

Joar Hesten, einer der Seeleute, sei mit seinem Kollegen Joergen Ree Wiig ins kalte Wasser gesprungen, als sie den Beluga sahen. Wiig: “Das norwegische Militär hat großes Interesse an der Kamera gezeigt”.

… was etwas überraschend ist angesichts der Tatsache, dass überhaupt keine Kamera gefunden wurde. Bild.de wird doch nicht etwa wörtliche Zitate erfinden?

Mit Dank an Alex und @ReneG_20_19 für die Hinweise!

Nachtrag, 17:39 Uhr: Die dpa hat auf unsere Kritik reagiert und die “Berichterstattung entsprechend berichtigt”.

DW-Türkei-Kanal, Steingarts Podcast-Expansion, Ungültiges Baby

1. “Journalismus ohne Risiko gibt es nicht.”
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Die Deutsche Welle (DW) hat sich mit einigen internationalen Partnern zusammengetan und einen YouTube-Kanal für die Türkei gestartet. In Anlehnung an die türkische Ländervorwahl hat man den Kanal “+90” getauft. “Kontakt halten, Meinungsfreiheit und Vielfalt stärken” sei das Ziel. Man setze auf längere Erklärstücke und wolle keinen “Billigramsch” anbieten, so Intendant Peter Limbourg über die Pläne des Senders.

2. Phoenix lässt über Misstrauen gegen Medien diskutieren
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Am 3. Mai wird der Internationale Tag der Pressefreiheit begangen. Bereits am Vorabend bietet der Fernsehsender Phoenix einen Themenabend unter dem Motto “Wie mächtig sind Medien?” an. Zunächst gibt es drei Dokus über die Situation in den USA. Um 21:45 Uhr geht es dann in einer Diskussion um das gewachsene Misstrauen gegenüber den Medien und die Frage, inwiefern diese selbst dazu beigetragen haben.

3. Was für ein Job!
(twitter.com, Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs, Video: 1 Minute)
Die Redaktion von “Zeiglers wunderbarer Welt des Fußballs” (WDR) hat einen wunderbaren Filmschnipsel von 1977 aus dem Archiv ausgegraben: “Was für ein Job! Dieser Mann betreibt alleine einen Fussball-Ergebnisdienst. Er hört mit Kurzwellengeräten ausländische Radiosender ab und verkauft die Ergebnisse an deutsche Sender.”

4. Diese Instagram-Accounts gingen im April durch die Decke
(horizont.net, Giuseppe Rondinella)
“Horizont Online” lässt regelmäßig die wachstumsstärksten deutschsprachigen Instagram-Accounts ermitteln. Im April kommen die Top 4 der Kanäle mit dem größten Follower-Zuwachs aus Heidi Klums Model-Rekrutierungsmaschine “Germany’s Next Topmodel”.

5. Ohne Werbung: Gabor Steingart baut an einem Medienimperium mit 30 neuen Leuten.
(turi2.de, Markus Trantow & Peter Turi)
Gabor Steingart war zwei Jahrzehnte beim “Spiegel” und danach einige Jahre in führender Position beim “Handelsblatt”. Vergangenes Jahr hat Steingart ein eigenes Medienunternehmen gegründet und bietet den täglichen Newsletter “Morning Briefing” und einen begleitenden Podcast an. Nun will er expandieren und für fünf bis zehn neue Podcasts sein Personal von 20 auf 50 Mitarbeiter aufstocken.
Weiterer Lesehinweis: Podcast Logbuch: Netzpolitik feiert 300. Ausgabe mit einer Gala in Berlin (netzpolitik.org, Markus Reuter).

6. Glücks-Tragödie bei Harry & Meghan: Ist ihr Baby ungültig?
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Yellow-Press-Experte Mats Schönauer pflegt beim medienkritischen Onlineportal “Übermedien” die Rubrik “Topf voll Gold”. Anlässlich der Schwangerschaft von Herzogin Meghan lädt Schönauer zum lustigen Schlagzeilenbasteln ein: Anhand einer vorgegebenen, eher nüchternen bis langweiligen Meldung darf man raten, was ein Regenbogenblatt Knalliges daraus gemacht hat. Die Ergebnisse dürften überraschen.

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“Bild”, Kai Diekmann und der Wunder-Krebstest

Vor zwei Monaten verkündete die “Bild”-Zeitung eine “Weltsensation”, die jedoch gar keine war — und die sich zu einem wissenschaftlichen und journalistischen Skandal entwickelte, zu dem inzwischen sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt. Beteiligte, unter anderem: die Uniklinik Heidelberg und ein chinesisches Pharmaunternehmen. Auch Ex-“Bild”-Chef Kai Diekmann spielt bei der Geschichte eine Rolle.

Eine Chronik.

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21. Februar 2019: Exklusiv bejubelt die “Bild”-Zeitung auf der Titelseite eine “Weltsensation aus Deutschland”:

Es sei “ein echter Durchbruch”, heißt es da, eine “medizinische Sensation”:

Seit vielen Jahren wird daran geforscht, Krebs im Blut zu erkennen. Ärzte der Universitätsklinik Heidelberg erreichten jetzt revolutionäre Ergebnisse: Sie weisen mit einem Test Brustkrebs im Blut nach. Und zwar mit einer Treffsicherheit, die vergleichbar ist mit der einer Mammografie! Wie BILD exklusiv erfuhr, soll der Bluttest noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Im Innenteil: ein großes Interview mit Christof Sohn, dem Geschäftsführenden Ärztlichen Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg.

Darin darf er den Bluttest ausführlich bewerben: viel sicherer als bisherige Tests, hohe Treffsicherheit, besonders gut für Risikopatientiennen, und so weiter und so fort.

Am selben Tag gibt die Uniklinik eine Pressemitteilung heraus, in der sie die “neue, revolutionäre Möglichkeit” des Bluttests noch einmal selbst feiert: “Dies ist ein Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik”, schreibt sie.

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21. bis 27. Februar 2019: Andere Medien greifen die Geschichte auf. Dabei melden einige schon Zweifel an, etwa “Spiegel Online” oder die “Zeit”. Viele aber, etwa “Focus Online” oder “DerWesten”, verlassen sich blind auf “Bild” und bezeichnen den Bluttest ihrerseits als “Sensation”, “Durchbruch” oder “Revolution”.


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27. Februar 2019: Sieben renommierte Verbände, von der Deutschen Krebsgesellschaft über die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe bis zur Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, geben eine gemeinsame Stellungnahme heraus, in der sie die Berichterstattung kritisieren:

Eine Berichterstattung, die ohne Evidenzgrundlage Hoffnungen bei Betroffenen weckt, ist aus unserer Sicht kritisch zu bewerten und entspricht nicht den von uns vertretenen Grundsätzen medizin-ethischer Verantwortung.

Es sei einfach noch zu früh für Jubelstimmung, so die Experten: Die Studie sei “noch nicht abgeschlossen, die Ergebnisse sind nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert und der Test noch nicht zugelassen”. Daher “halten wir Schlussfolgerungen über die Validität und den klinischen Nutzen für verfrüht und raten ausdrücklich davon ab, diagnostische oder therapeutische Entscheidungen basierend auf Blutuntersuchungen zu treffen, die nicht von nationalen oder internationalen Leitlinien empfohlen werden.”

In den nächsten Tagen häuft sich die Kritik an der “Bild”-Berichterstattung, aber auch am Vorgehen der Heidelberger Forscher. So schreibt etwa Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:

Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Presse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Die Heidelberger Forscher sind zuerst medienwirksam zur BILD-Zeitung gegangen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung liegt nicht vor.

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8. März 2019: Der Journalist Jan-Martin Wiarda berichtet in seinem Blog und bei den “Riffreportern” ausführlich über den Fall und deckt weitere Merkwürdigkeiten auf. “Welche Rolle spielt das Joint Venture mit einem chinesischen Pharma-Unternehmen?”, fragt er unter anderem, denn: Partner der Uniklinik sei ein chinesisches Pharmaunternehmen, dessen Aktienkurs seit einigen Tagen, insbesondere seit der gehypten Berichterstattung über den Bluttest, einen steilen Anstieg zeige.

Erstmals äußert sich auch Christof Sohn, der Geschäftsführende Ärztliche Direktor der Universitäts-Frauenklinik, der von “Bild” groß interviewt wurde, zur Formulierung “Weltsensation”: Diese Schlagzeile sei nicht angebracht gewesen, er habe sie vor Veröffentlichung auch nicht gekannt, und er und seine Kollegen hätten sie “in dieser Form” nicht mitgetragen.

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20. März 2019: Die “Rhein-Neckar-Zeitung” (“RNZ”) steigt in die Berichterstattung ein und leistet in den darauffolgenden Wochen ausgezeichnete journalistische Arbeit; ihre zahlreichen Artikel sind unter rnz.de/heiscreen nachzulesen.

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22. März 2019: Der Aktienkurs des chinesischen Pharmaunternehmens erreicht den höchsten Stand seit acht Monaten. Seit dem 21. Februar, dem Erscheinungstag des “Bild”-Artikels und der Pressemitteilung der Uniklinik, ist der Kurs um fast 60 Prozent gestiegen:

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23. bis 29. März 2019: Die Kritik reißt nicht ab. Das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg erklärt in der “RNZ”, dass die “verfrühte Kommunikation nicht den hohen Ansprüchen an eine verantwortungsvolle Wissenschaftskommunikation entspreche”. Gerade im medizinischen Bereich, “der für die Betroffenen mit so viel Ängsten und großer Hoffnung verbunden ist, darf es keine Effekthascherei geben”. Auch die Heidelberger Universität teilt mit, dass sie “eine umfassende Klärung der Vorgänge für zwingend erforderlich” halte.

Die Uniklinik ist derweil um Schadensbegrenzung bemüht. Sie “bedauert, dass es zu Irritationen gekommen ist” und verkündet die Gründung einer internen Arbeitsgruppe und einer externen Expertenkommission, die die Vorgänge aufarbeiten sollen.

Außerdem distanziert sie sich von der PR-Strategie zum Bluttest: Die Medienbegleitung habe die Heiscreen GmbH verantwortet, sagt die Kliniksprecherin der dpa. (Die Heiscreen GmbH wurde 2017 gegründet und soll den Bluttest in Deutschland vermarkten. Hauptanteilseigner ist eine Tochterfirma der Uniklinik, weitere Anteile hält über eine Beteiligungsgesellschaft der schillernde Unternehmer Jürgen Harder. Auch der von “Bild” interviewte Christof Sohn und eine weitere Ärztin der Uniklinik sind an der Heiscreen GmbH beteiligt.)

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30. März 2019: Der “Spiegel” berichtet über “Das Märchen vom Wundertest aus Heidelberg” und bringt einen alten Bekannten ins Spiel:

Wie die angebliche Weltsensation am Ende genau in der “Bild”-Zeitung landete, ist zwar nur schwer nachzuvollziehen. Fest steht aber: Ohne Zustimmung vonseiten des Universitätsklinikums ist dies nicht geschehen. Auch ein weiterer Bekannter Harders war daran offenbar beteiligt: Ex-“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann, der sich dazu nicht äußern will. Aber was wäre der Mann für ein Journalist, wenn er sich nicht dafür einsetzen würde, dass ein Thema, das ihm am Herzen liegt, in seine alte Zeitung kommt?

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4. April 2019: Die Uniklinik erstattet Anzeige gegen Unbekannt — warum genau, wird allerdings nicht klar. In einer Pressemitteilung teilt sie lediglich mit, dass sie sich “aufgrund der Anzeichen eines unlauteren Vorgehens bei der Entwicklung und Ankündigung” des Bluttests zu diesem Schritt veranlasst sehe. Der Sprecher der Heidelberger Staatsanwaltschaft erklärt in der “RNZ”, in der eingegangenen Anzeige stünden “weder der vermutete Tatbestand, noch weitere Hintergründe zum Sachverhalt, noch Personen, gegen die sich die Strafanzeige richtet.” Das sei sehr ungewöhnlich. Sollte sich jedoch ein Anfangsverdacht ergeben, werde die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnehmen.

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6. April 2019: Die “RNZ” berichtet, dass Vorstand und Pressestelle des Klinikums “sehr frühzeitig in die unseriöse PR-Kampagne eingeweiht” waren. So sei das “Bild”-Interview …

sowohl von der Pressestelle der Uniklinik als auch von zwei Vorständen gegengelesen worden. Achtete die Ärztliche Direktorin Annette Grüters-Kieslich auf inhaltliche Korrekturen, so freute sich der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, über die wissenschaftliche Korrektheit: “Präziser, als ich es ‘Bild’ zugetraut hätte”.

Auch die Pressemitteilung der Klinik sei “in großer Runde abgesprochen” worden. Der Entwurf sei unter anderem an Kai Diekmann geschickt worden.

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11. April 2019: Die “RNZ” geht genauer auf die Rolle Diekmanns ein:

Kai Diekmann war von 2001 bis 2015 Chefredakteur der “Bild”-Zeitung. 2018 startete er mit dem Investmentbanker Lenny Fischer den “Zukunftsfonds”. Die Markenstrategie für diesen Kapitalanlagefonds entwickelte die Digitalagentur “diesdas.digital” — die auch für die Heiscreen GmbH den Internetauftritt machte. Diekmann war “bei mehreren Treffen” in Sachen Brustkrebstest dabei, wie er der RNZ sagte, “aus Interesse”. Finanziell beteiligt sei er aber nicht. Jürgen Harder bezeichnet er gegenüber der RNZ als “persönlichen Freund”.

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11. April 2019: Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf. Genauer: die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Die Anweisung dazu habe die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe erteilt, schreibt die “RNZ”:

Hintergrund der Ermittlungen soll unter anderem der Verdacht auf Kursmanipulation und Insiderhandel mit Aktien sein. Die “Bild”-Schlagzeile “Weltsensation aus Heidelberg” könnte in diesem Szenario eine gewichtige Rolle spielen, weil sie womöglich den Kurs einer Aktie in China beflügelt hat. Zwar gibt man sich bei der Justiz bedeckt und verweist lediglich auf erste Erkenntnisse durch die Berichterstattung der RNZ — ermittelt wird schließlich “in allen rechtlichen Belangen”. Dennoch kam schnell der Verdacht auf, dass hinter dem “Bluttest-Skandal” im Grunde ein Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz stecken könnte.

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14. April 2019: In der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (“FAS”) kritisiert die Leitende Ärztliche Direktorin des Klinikums, Annette Grüters-Kieslich, die Wortwahl der “Bild”-Zeitung:

“Die Schlagzeile einer Boulevardzeitung, die von einer Weltsensation in diesem Zusammenhang sprach, hat mich betroffen gemacht. Als Ärztin und Wissenschaftlerin hätte ich niemals von einer Weltsensation gesprochen; ich habe eine solche Wertung stets als vollkommen irreführend angesehen.” Man sei damit befasst, die Verantwortlichkeiten zu klären und werde die Öffentlichkeit so schnell wie möglich informieren.

Zudem deckt die “FAS” neue Details auf. So sei für die PR-Kampagne unter anderem Christina Afting zuständig gewesen — die frühere Büroleiterin von Kai Diekmann bei “Bild”. Mit der “Bild”-Berichterstattung, so Afting, habe sie jedoch nichts zu tun gehabt. Laut “FAS” soll die PR-Kampagne etwa 80.000 Euro gekostet haben.

Neben den Staatsanwälten aus Mannheim würden sich demnächst auch Spezialermittler des Landeskriminalamtes mit dem Fall befassen, schreibt die “FAS”.

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Heute: Noch sind eine Menge Fragen offen. Fest steht aber: Viele Details wären ohne die hartnäckige Arbeit einiger Journalisten, vor allem von “Riffreporter” Jan-Martin Wiarda und den Journalisten der “Rhein-Neckar-Zeitung”, wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt. Und: Obwohl die Berichterstattung der “Bild”-Zeitung, insbesondere die Bezeichnung als “Weltsensation”, von Experten als verantwortungslos und selbst von der Klinikleitung als “vollkommen irreführend” gewertet wird, steht sie auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Nachtrag, 26. April: Wir haben die Überschrift und den ersten Absatz geändert, weil der Eindruck entstehen konnte, dass die Staatsanwaltschaft in der Sache gegen Kai Diekmann ermittelt. Dem ist nicht so.

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Nachtrag 2, 26. April: Inzwischen liegt der “RNZ” die Rechnung für die PR-Kampagne vor, die die Düsseldorfer Beratungsagentur Deekeling Arndt Advisors an die Heiscreen GmbH geschickt hat:

79.420,78 Euro rechnen die Berater ab. Sie übernahmen das gesamte Projektmanagement rund um die PR-Kampagne: das Kommunikationskonzept, die Pressemitteilung, die Pressekonferenz am 21. Februar auf einem Kongress in Düsseldorf sowie die Beantwortung und Koordination von Medienanfragen.

Besonders intensiv abgestimmt wurde die Kampagne offenbar in den zehn Tagen vor dem großen Aufschlag am 21. Februar. “Tägliche Telefonkonferenzen zwischen dem 12. und 22. Februar 2019”, listet die Agentur auf. In Rechnung gestellt werden “enge telefonische Abstimmungen und Rücksprachen” unter anderen mit dem früheren “Bild”-Chef Kai Diekmann, Heiscreen-Geschäftsführer Dirk Hessel, den Bluttest-Erfindern Sarah Schott und Christof Sohn, Harders Anwalt Thomas Dörmer sowie Doris Rübsam-Brodkorb, der Pressesprecherin des Universitätsklinikums.

Bemerkenswert ist die enge Abstimmung mit Kai Diekmann, dem Ex-Chefredakteur der “Bild”-Zeitung und persönlichen Freund von Jürgen Harder. Dazu passt: Die Rechnung hat Christina Afting geschickt. Sie ist “Managing Director” bei der Agentur — und leitete früher das Büro Diekmann bei der “Bild”.

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23.Mai: Das Blog “Medwatch” berichtet, dass der Test “anders als bislang kommuniziert nicht nur nicht marktreif ist — sondern eigentlich wertlos.” Das gehe aus Unterlagen hervor, die “Medwatch” von der Pressestelle der Uniklinik erhielt.

Demnach erhält fast jede zweite gesunde Frau einen falsch positiven Befund — was bislang öffentlich nicht thematisiert wurde. Bei Frauen, die älter als 50 Jahre sind, ist der Wert etwas besser: Bei diesen erhält gut jede vierte gesunde Frau einen falschen Krebsbefund, doch übersieht der Test bei zwei von fünf Brustkrebspatientinnen über 50 den Tumor.

Als besonders vielversprechend bezeichnete die Uniklinik den Test für Frauen bis 50, sowie für Hochrisikopatientinnen mit genetischen Mutationen. Dabei schlägt der Test bei der jüngeren Gruppe von Brustkrebspatientinnen zwar in 86 Prozent aller Fälle korrekt an, doch liegt hier die Spezifität bei nur 45 Prozent: Der Test liefert also bei 55 Prozent der gesunden Frauen einen falsch positiven Befund. Bei Hochrisikopatientinnen liegt die Sensitivität bei 90 Prozent, doch wiederum erhält mehr als jede zweite gesunde Frau einen falschen Krebsbefund. Dies hieße, dass ein Großteil aller Frauen, die über den Bluttest einen Krebs-Befund erhalten, in Wahrheit gesund sind.

“Medwatch” kritisiert auch die Berichterstattung verschiedener Medien, etwa die des “Focus”, der auch noch einen Monat nach Lautwerden der Zweifel titelte: “Die Sensation aus Heidelberg: Mit Bluttest Brustkrebs erkennen”.

Focus-Titselseite: Wie wir den Krebs besiegen - Mediziner können immer mehr Krebsarten erfolgreich behandeln - kleiner Schlagzeile auf der Titelseite: Die Sensation aus Heidelberg - Mit Bluttest Brustkrebs erkennen

Die “Bild”-Zeitung habe ihre Leser “bislang noch nicht über die weiteren Entwicklungen” informiert, schreibt “Medwatch”. Auf “mehrere Fragen zur Berichterstattung über den Bluttest” habe der Axel-Springer-Verlag geantwortet: “Bitte haben Sie Verständnis, dass wir redaktionelle Prozesse und Entscheidungen grundsätzlich nicht kommentieren.”

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16. August: Der Deutsche Rat für Public Relations hat die “Täuschung der Öffentlichkeit im Fall HeiScreen” gerügt:

Nach intensiver Überprüfung und Anhörung aller beteiligten Parteien hat der Deutsche Rat für Public Relations dem Vorstand des Universitätsklinikums Heidelberg und der HeiScreen GmbH eine Rüge wegen bewusster Falschbehauptung und Täuschung der Öffentlichkeit ausgesprochen. (…)

Der Rat hatte sich zur Prüfung des Falles entschieden und sieht es als erwiesen an, dass beide Parteien bei der Vorstellung des „neuen“ Verfahrens zur Diagnose von Brustkrebs eine öffentliche Produktvorstellung zugelassen und begleitet haben, die weder in Wortwahl, Zeitpunkt und Format angemessen, noch im Hinblick auf abgeschlossene Studien und die angekündigte Marktreife der Wahrheit entsprochen hat.

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29. August: Nach mehrfacher Beschwerde beim “Ombudsmann” hat “Bild” nun eine Anmerkung unter den Artikeln veröffentlicht (Links im Original):

Aktualisierung – August 2019
Die Uniklinik Heidelberg hat mittlerweile zurückgenommen, dass der oben beschriebene Bluttest zur Erkennung von Brustkrebs noch dieses Jahr auf den Markt kommen wird.

Eine unabhängige Prüfkommission hat als Zwischenergebnis unter anderem veröffentlicht, dass der Test zu früh der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, es „Führungsversagen“ und „Machtmissbrauch“ an der Universitätsklinik gab.

Inzwischen sind der Medizin-Dekan der Heidelberger Uniklinik sowie zwei Mitglieder des Vorstandes zurückgetreten. Außerdem wurde dem Direktor der Unifrauenklinik für drei Monate die Lehr- und Forschungserlaubnis entzogen.

BILD veröffentlichte am 21. Februar 2019 einen Artikel über den neuen Bluttest. Der Text basierte auf einer offiziellen Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg, in der der neue Test als „revolutionäre Möglichkeit“ und als „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ bezeichnet wurde, sowie auf einem autorisierten Interview. Der Test wurde am 21.2. außerdem auf dem Gynäkologen-Kongress in Düsseldorf vorgestellt.

Wie geht es mit dem Test nun weiter? Das ist im Moment unklar. Abzuwarten bleibt, was die angekündigten größeren Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit des Tests ergeben. Dass diese noch ausstehen, hatte Bild direkt zu Anfang geschrieben (siehe hier). Die Ergebnisse lassen aber weiterhin auf sich warten.

BILD informiert, sobald es neue, fundierte Angaben zum Test gibt.

Sonst hat sich aber nichts geändert. Überschrift, weiterhin: “Warum dieser Test eine Weltsensation ist”.

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13. September: Nun wurde die Berichterstattung auch vom Deutschen Presserat gerügt:

Eine Rüge erhielt BILD.DE für die Veröffentlichung einer Exklusiv-Geschichte unter der Überschrift „Erster Blut-Test erkennt zuverlässig Brustkrebs“ über einen von Heidelberger Forschern entwickelten Brustkrebs-Test. Der Beschwerdeausschuss stellte Verstöße gegen die gebotene Sorgfalt in der Medizin-Berichterstattung (Ziffern 2 und 14 des Pressekodex) fest. Der Artikel über das als „medizinische Sensation“ beschriebene Testverfahren beruhte allein auf einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums und Aussagen der beteiligten Forscher und war geeignet, unberechtigte Hoffnungen bei Betroffenen zu wecken. Wie sich später herausstellte, hatten die Forscher den Stand des Testverfahrens positiver dargestellt, als es dem Forschungsstand entsprach. Die Redaktion hatte bei ihrer exklusiven Berichterstattung versäumt, die gemachten Angaben durch weitere Quellen zu überprüfen.

Bild.de hat kein Problem mit Kreml-Quelle

“WikiLeaks”-Gründer Julian Assange wurde heute in der ecuadorianischen Botschaft in London verhaftet, nachdem Ecuador sein Asyl aufgehoben und ihm die Staatsbürgerschaft entzogen hatte. Auch Bild.de berichtet:

Screenshot Bild.de - Festnahme in London! Hier trägt die Polizei Assange aus der Botschaft

“MIT VIDEO”. Und die Quelle dieses Videos ist recht interessant. Bei Bild.de gibt es keine Angaben dazu, woher die Aufnahmen stammen, die die Redaktion zeigt:

Screenshot Bild.de - Quelle: - es folgt nichts

Aber im Video gibt es einen optischen Hinweis darauf. Diese kleine halbtransparente graue Ecke …

Screenshot Bild.de - Standbild aus dem Assange-Video mit einem Pfeil auf die graue Ecke

… ist das Überbleibsel des nicht komplett rausgeschnittenen Wasserzeichens von “Ruptly”:

Screenshot von Youtube - Standbild aus dem Assange-Video von Ruptly

Die Nachrichtenagentur hatte das Video von Assanges Abtransport exklusiv veröffentlicht, versehen mit dem Hinweis:

MANDATORY ON-SCREEN CREDIT THROUGHOUT: RUPTLY; ONLINE MEDIA MUST CREDIT RUPTLY

*** This file is on request. Please reach out to (…) for access or licensing information ***

Nun ist “Ruptly” nicht irgendeine Nachrichtenagentur. Sie gehört zum Netzwerk des russischen Propagandasenders RT, den die “Bild”-Redaktion wie kaum etwas anderes hasst. Wenn es dort aber ein interessantes Video gibt, bedient sich Bild.de gern, schneidet das Material so zurecht, dass man das Wasserzeichen (fast) nicht mehr sieht, packt das eigene Logo auf die Aufnahmen und schaltet Werbung davor.

Im Januar berichtete “Bild”-Redakteur Julian Röpcke empört, dass das ZDF bei einer Live-Übertragung einer Veranstaltung mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf die technischen Dienste von “Ruptly” zurückgriff:

Screenshot Bild.de - TV-Gebühren für Russland-Propaganda - ZDF hat kein Problem mit Kreml-Partner

Bild.de bei entsprechenden Videoaufnahmen anscheinend auch nicht.

Mit Dank an @Benno_Leitner für den Hinweis!

Facebooks Löschzentrum Essen, AfD-Newsroom, Twitter lässt NPD hetzen

1. Exklusiver Einblick: So funktionieren Facebooks Moderationszentren
(netzpolitik.org, Markus Reuter & Ingo Dachwitz & Alexander Fanta & Markus Beckedahl)
Erstmals hat netzpolitik.org einen detaillierten Einblick in die Abläufe im Facebook-Löschzentrum des Dienstleisters CCC in Essen bekommen. Dort bearbeiten etwa 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dreischichtbetrieb Inhalte, die auf Facebook und Instagram gemeldet wurden. Einer dieser Mitarbeiter hat sich anonym zu den Strukturen, Hierarchien, Abläufen, Arbeitsbedingungen des Facebook-Dienstleisters geäußert, für den weltweit 7.500 Angestellte arbeiten. Die anstrengende Arbeit werde übrigens in der untersten Stufe mit 10,65 Euro je Stunde entlohnt.

2. Was ist aus dem AfD-Newsroom geworden?
(n-tv.de, Benjamin Konietzny)
Vergangenes Jahr hatte die AfD ein ehrgeiziges Projekt angekündigt, das in den Medien für viel Aufmerksamkeit sorgte: Von einem eigenen Newsroom mit rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war die Rede, mit denen die Partei rund um die Uhr eigene Nachrichten produzieren wollte. n-tv-Parlamentsreporter Benjamin Konietzny hat sich umgehört, was aus dem Projekt geworden ist. Spoiler: nicht allzu viel.

3. Wissenschaftler: Fake-News haben den Journalisten sogar geholfen
(schwaebische.de, Sebastian Heinrich)
Die “Schwäbische” hat mit Journalismus-Professor Klaus Meier über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien gesprochen. Meier kann der aktuellen Lage auch etwas Positives abgewinnen: Die ganzen Debatten mit Stichworten wie “Fake News” und “postfaktisches Zeitalter” hätten “dem Journalismus in Deutschland eigentlich sogar geholfen. Den Menschen ist viel bewusster geworden, was sie von einer unabhängigen, überprüften Informationsaufbereitung haben. Und dass sie ohne Journalismus politischen Interessen wie ein Spielball ausgeliefert wären.”

4. Der Vorreiter der Nachrichtenpodcasts ist immer noch einer der besten
(uebermedien.de, Sandro Schroeder)
Bei “Übermedien” erscheint ab sofort alle zwei Wochen “Die Podcast-Kritik”. Den Anfang macht Sandro Schroeder mit einer Rezension des werktäglich erscheinenden “The Daily”-Podcasts der “New York Times”. Der Nachrichtenpodcast hat Maßstäbe gesetzt und erreicht weltweit ein Millionenpublikum.

5. Die NPD hetzt, Twitter bleibt stumm
(zeit.de, Henrik Merker)
Wenn etwas Hass und Hetze ist, dann wohl diese Aktion: Einige NPD-Funktionäre haben auf Twitter zum Abschieben von Menschen mit tatsächlichem oder vermeintlichem Migrationshintergrund aufgerufen, indem sie die “Abschiebe-Challenge” starteten. Doch es gibt noch einen weiteren Skandal: Twitter lässt die Neonazis gewähren und löscht die gemeldeten Inhalte nicht (“kein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen”), obwohl sich das Unternehmen nach außen hin gegen Hatespeech positioniert.

6. “Die Suppe steht auf dem Herd. Allmählich brennt sie an.”
(facebook.com, Leo Fischer)
Wie würden führende liberale Medienhäuser auf eine anbrennende Suppe reagieren? Leo Fischer sieht die entsprechenden Meldungen schon vor sich.

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Von knackigen Hupen und gewinnenden Männern

Vor drei Monaten, im Januar, ernannte die “Bild”-Redaktion den Bruder des Ex-Papstes zum VERLIERER des Tages. Der Grund: seine Einstellung gegenüber Frauen.

Ausriss der Bild-Zeitung: VERLIERER - Ex-Domspatzen-Chef Georg Ratzinger (94, Bruder von Ex-Papst Benedikt XVI.) kann sich eine Frau als Chefin des weltberühmten Regensburger Chores nicht vorstellen. Meine persönliche Meinung ist, vor so vielen Buben und jungen Männern ist es doch besser, wenn ein Mann dem Chor vorsteht, so Ratzinger. BILD meint: Schiefe Töne!

Eine Woche später ging der Titel VERLIERER an eine “exklusive Männerrunde” aus Bremen. Grund: ihr Umgang mit Frauen.

Ausriss der Bild-Zeitung: VERLIERER - Das Bremer Eiswett-Fest ist eine gute Sache. Eigentlich. Aber diesmal hagelte es neben Spenden heftige Kritik an Präsident Patrick Wendisch (61). Die exklusive Männerrunde weigerte sich, als offiziellen Vertreter der Stadt Bürgermeisterin Karoline Linnert (60, Grüne) zu akzeptieren. Seit 1828 sind Frauen bei der Eiswette unerwünscht. BILD meint: Veraltet!

Ja, da regte sie sich auf, die “Bild”-Redaktion, denn bei “Bild” werden Frauen noch respektiert!

Okay, sagen wir: Bei “Bild” schätzt man die “Melonen”, “Kisten” und “Hupen” von Frauen. Ihre Leistungen hingegen spielen im Blatt kaum eine Rolle.

Das erkennt man schon an dem täglichen GEWINNER/VERLIERER-Ranking. Bereits in unserem Jahresrückblick 2018 haben wir festgestellt, dass von den ausgezeichneten Personen im vergangenen Jahr über 80 Prozent Männer waren. Selbst Tiere und Gegenstände kamen in dem Ranking häufiger vor als Frauen.

Nachdem wir den Beitrag veröffentlicht hatten, änderte sich jedoch plötzlich etwas. Denn in den folgenden Wochen schien sich die Redaktion tatsächlich Mühe zu geben, mehr Frauen im Ranking unterzubringen: Im Januar war gut die Hälfte aller GEWINNER weiblich — ein immenser Anstieg zum Vorjahr. In dieser Zeit ernannte “Bild” auch die oben genannten Männer zu VERLIERERN, weil sie so “veraltet” mit Frauen umgegangen waren.

Eine feministische Revolution bei “Bild”?

Nee. Es dauerte nicht lange, da verfiel die Redaktion wieder in alte Muster. Die GEWINNER im Februar und März: Männer – 68 Prozent. Tiere und Gegenstände – 22 Prozent. Frauen – 10 Prozent.

BILDblog meint: Mannmannmann.

Rudy bei Abstieg ablösefrei? Laut Schalke 04 “frei erfunden”

Beim FC Schalke 04 läuft es in dieser Saison nicht besonders gut. Die Mannschaft steht in der Bundesliga nach 26 von 34 Spieltagen auf Rang 15, mit nur drei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz, der einen möglichen Abstieg in die 2. Bundesliga bedeuten könnte. Und jetzt das:

Ausriss Sport-Bild-Titelseite - Rudy - Bei Abstieg ablösefrei

… schreibt die “Sport Bild”-Redaktion auf der Titelseite ihrer gestern erschienenen Ausgabe. Im Heft hat sie die Nachricht ähnlich wirksam platziert:

Ausriss Sport-Bild-Doppelseite - Bei Abstieg ist Rudy ablösefrei

Bild.de hat die Geschichte gestern auch gebracht:

Screenshot Bild.de - Nicht alle Spieler haben Verträge für die 2. Liga - Dieser Schalke-Star ist bei Abstieg ablösefrei

Man muss ein “Bild plus”-Abo haben, um lesen zu können, wer “dieser Schalke-Star” ist:

Nach SPORT BILD-Informationen hat Sebastian Rudy (29) jedoch keinen Vertrag für die 2. Liga. Der Nationalspieler (27 Einsätze), der vor einem Jahr für 16 Mio Euro Ablöse vom FC Bayern gekommen war, wäre im Sommer ablösefrei. Sein bis 2022 laufender Kontrakt ist nur für die Bundesliga gültig!

Für solche exklusiven Geschichten zahlt man doch gern. Laut Sebastian Rudys Verein ist sie aber vor allem exklusiv erfunden:

Screenshot einer Meldung des FC Schalke 04 - Rudy ablösefrei? Frei erfunden!

Zu heute in der “Sport-Bild” verbreiteten Behauptungen stellt der FC Schalke 04 klar: Der Arbeitsvertrag von Sebastian Rudy, datiert bis zum 30. Juni 2022, ist unabhängig von der Zugehörigkeit zur 1. oder 2. Bundesliga gültig.

Er beinhaltet keinerlei Klausel, die einen ablösefreien Wechsel zu irgendeinem Zeitpunkt vor dessen Ablauf ermöglicht. Alle anders lautenden Aussagen sind falsch. Der FC Schalke 04 geht davon aus, dass diese falschen Behauptungen ebenso öffentlichkeitswirksam von deren Urhebern richtiggestellt werden.

Ja, davon sollte man eigentlich ausgehen. Bei Bild.de ist der Artikel allerdings auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an UtahJazz45, @athloni und @mika84 für die Hinweise!

Der Öffentlichkeit preisgegeben wie ein geständiger Schwerverbrecher

Als stellvertretender Chefredakteur beim Berliner Boulevardblatt “B.Z.” muss man besondere Fähigkeiten besitzen: Man muss salbungsvolle Reden auf die Unschuldsvermutung halten, sich empören, dass ein Mensch “mit Fahndungsfotos der Öffentlichkeit preisgegeben wurde” — und gleichzeitig mit geschlossenen Augen durch die Redaktion laufen, um nicht zu sehen, was für Schweinereien die Kollegen und man selbst so auf Papier druckt. Der aktuelle stellvertretende “B.Z.”-Chefredakteur Jorin Verges kann das.

Nachdem der Schwager der vermissten 15-jährigen Rebecca aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, schrieb Verges am vergangenen Samstag diesen Kommentar:

Ausriss BZ - Knapp 2000 Hinweise sind bis gestern bei der Polizei zum Fall Rebecca eingegangen. Ausreichend Beweise gegen den verdächtigen Schwager aber haben die Ermittler auch Wochen nach dem Verschwinden des Mädchens nicht. Die Freilassung, das gibt sogar die Staatsanwaltschaft zu, war richtig und vertretbar. Die Freilassung zeigt aus heutiger Sicht aber auch, dass Ermittlungsbehörden und Justiz über das Ziel hinaus geschossen sind. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Unschuldsvermutung bei Florian R. nie eine Chance hatte und der Schwager mit Fahndungsfotos der Öffentlichkeit preisgegeben wurde wie ein bereits geständiger Schwerverbrecher? Um diese Schmach vergessen zu machen, müssen die Ermittler zügig Beweise liefern. Sie werden keine Ruhe geben, bis das Verschwinden des Mädchens aufgeklärt ist.

Das klingt erstmal gar nicht doof. Es ist aber komplett verlogen. Verges’ Kommentar erschien auf dieser Doppelseite:

Ausriss der BZ - Übersicht über die Doppelseite mit der Hauptüberschrift Während die Polizei Rebeccas Leiche suchte, schlenderte der Verdächtige in die Freiheit - darauf auch zu sehen: ein unverpixeltes Foto von Florian R.

Die Titelseite derselben Ausgabe sah so aus:

Ausriss der BZ-Titerlseite - Frei und ab zu Mutti - Rebeccas Schwager aus U-Haft entlasse - Beweise reichen nicht - Polizei ermittelt trotzdem weiter gegen ihn - Hunde suchen Leiche am Scharmützelsee - dazu noch einmal das unverpixelte Foto von Florian R.

Die Unkenntlichmachungen der Fotos, die Florian R. zeigen, stammen von uns — auf dem “B.Z. Exklusiv-Foto” ist der Mann nicht verpixelt und eindeutig zu erkennen. Was würde Jorin Verges dazu schreiben, wenn er sich seine eigene Zeitung mal ansehen würde? Wohl sowas wie: Rebeccas Schwager wurde von der Redaktion mit Fahndungsfotos Paparazzifotos der Öffentlichkeit preisgegeben “wie ein bereits geständiger Schwerverbrecher”. Und natürlich suggeriert eine Unterzeile wie “Beweise reichen nicht”, dass Florian R. der gesuchte Täter ist, man es ihm aber bisher nur nicht nachweisen konnte. Dazu würde Verges vermutlich kommentieren, “dass die Unschuldsvermutung bei Florian R. nie eine Chance hatte”. Und er hätte sogar Recht damit.

Dass der Mann nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft erstmal “AB ZU MUTTI” und nicht nach Hause gegangen ist, dürfte übrigens auch an wartenden Journalisten und Fotografen gelegen haben. Die Anwältin von Florian R. erzählt, dass ihr Mandant wegen “der Medienmeute” derzeit nicht wieder arbeiten und auch nicht sein Kind in den Kindergarten bringen könne.

Die Polizei hat die Fotos, die sie von Florian R. veröffentlicht hatte, inzwischen wieder zurückgezogen. Es bestünden “keine weiteren Erfolgsaussichten durch die Öffentlichkeitsfahndung”, so die Begründung. Redaktionen, die den Schwager von Rebecca bisher ohne jegliche Unkenntlichmachung gezeigt haben, verpixeln die Bilder nun. Auch die “B.Z.”.

Mit Dank an Tobias M. für den Hinweis!

Für Sie geklickt (15) – Bye, bye, “Huffington Post”

Zum Ende dieser Woche wird die deutsche Ausgabe der “Huffington Post” eingestellt. Wie schade. Dabei hat sie uns doch so so so so so so so so so so so so so so so viel Freude bereitet.

Damit ihr noch mal sehen könnt, was euch da in Zukunft so alles entgeht, haben wir bei der “HuffPost” ein letztes Mal “Für Sie geklickt”.

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Hitlers Atombombe: Das ist wirklich an der Legende dran

Nix.

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Mann heiratet beste Freundin seiner Tochter - so hat die Familie reagiert

Zuerst fand sie es doof, jetzt nicht mehr so.

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Hochzeitspaar ist kurz vor dem Ja-Wort - der Witz des Bräutigams lässt die Trauung platzen

Auf dem Standesamt sagte er: “Mhmm, soll ich dich wirklich heiraten?” Sie wurden dann nach Hause geschickt, bekamen aber einen neuen Termin.

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Frau aus Solingen erklärt: Deshalb habe ich Sex mit Ballons

Weil es ihr Spaß macht.

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Frau und ihr Lover wollen ein Taxi ins Hotel nehmen - mit diesem Fahrer hatten sie nicht gerechnet

Mit ihrem Ehemann.

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Diese 8 Fakten solltest du über deine Vagina wissen

1. Die Klitoris ist größer, als du denkst.
2. Die äußeren Schamlippen sind das Äquivalent zum Hodensack.
3. Der Scheidenkanal ist kein endloser Tunnel.
4. Die Klitoris hat fast 8.000 Nervenenden.
5. Gut möglich, dass du für einen Orgasmus klitorale Stimulation brauchst.
6. Bitte wasche deine Vagina niemals mit Seife.
7. Rein anatomisch kann jede Frau squirten, praktisch jedoch nicht unbedingt.
8. Vaginas können nicht “ausleiern”.

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Die eine Sache, die Männer mehr wollen als Sex - und warum Frauen sie ihnen oft nicht geben können

Einen sicheren Hafen.

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William und Harry haben eine Stiefschwester - warum sie fast niemand kennt

Weil sie sich lieber aus dem öffentlichen Rampenlicht zurückzieht.

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Diese Zweijährige aß noch nie im Leben Zucker - so hat sich das Kind entwickelt

Gut.

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Eine Hackerin enthüllt, was du online niemals machen solltest

Etwas posten, ohne nachzudenken.

In diesem Sinne: Tschüss, “Huffington Post”!

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