Der Öffentlichkeit preisgegeben wie ein geständiger Schwerverbrecher

Als stellvertretender Chefredakteur beim Berliner Boulevardblatt „B.Z.“ muss man besondere Fähigkeiten besitzen: Man muss salbungsvolle Reden auf die Unschuldsvermutung halten, sich empören, dass ein Mensch „mit Fahndungsfotos der Öffentlichkeit preisgegeben wurde“ — und gleichzeitig mit geschlossenen Augen durch die Redaktion laufen, um nicht zu sehen, was für Schweinereien die Kollegen und man selbst so auf Papier druckt. Der aktuelle stellvertretende „B.Z.“-Chefredakteur Jorin Verges kann das.

Nachdem der Schwager der vermissten 15-jährigen Rebecca aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, schrieb Verges am vergangenen Samstag diesen Kommentar:

Ausriss BZ - Knapp 2000 Hinweise sind bis gestern bei der Polizei zum Fall Rebecca eingegangen. Ausreichend Beweise gegen den verdächtigen Schwager aber haben die Ermittler auch Wochen nach dem Verschwinden des Mädchens nicht. Die Freilassung, das gibt sogar die Staatsanwaltschaft zu, war richtig und vertretbar. Die Freilassung zeigt aus heutiger Sicht aber auch, dass Ermittlungsbehörden und Justiz über das Ziel hinaus geschossen sind. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Unschuldsvermutung bei Florian R. nie eine Chance hatte und der Schwager mit Fahndungsfotos der Öffentlichkeit preisgegeben wurde wie ein bereits geständiger Schwerverbrecher? Um diese Schmach vergessen zu machen, müssen die Ermittler zügig Beweise liefern. Sie werden keine Ruhe geben, bis das Verschwinden des Mädchens aufgeklärt ist.

Das klingt erstmal gar nicht doof. Es ist aber komplett verlogen. Verges‘ Kommentar erschien auf dieser Doppelseite:

Ausriss der BZ - Übersicht über die Doppelseite mit der Hauptüberschrift Während die Polizei Rebeccas Leiche suchte, schlenderte der Verdächtige in die Freiheit - darauf auch zu sehen: ein unverpixeltes Foto von Florian R.

Die Titelseite derselben Ausgabe sah so aus:

Ausriss der BZ-Titerlseite - Frei und ab zu Mutti - Rebeccas Schwager aus U-Haft entlasse - Beweise reichen nicht - Polizei ermittelt trotzdem weiter gegen ihn - Hunde suchen Leiche am Scharmützelsee - dazu noch einmal das unverpixelte Foto von Florian R.

Die Unkenntlichmachungen der Fotos, die Florian R. zeigen, stammen von uns — auf dem „B.Z. Exklusiv-Foto“ ist der Mann nicht verpixelt und eindeutig zu erkennen. Was würde Jorin Verges dazu schreiben, wenn er sich seine eigene Zeitung mal ansehen würde? Wohl sowas wie: Rebeccas Schwager wurde von der Redaktion mit Fahndungsfotos Paparazzifotos der Öffentlichkeit preisgegeben „wie ein bereits geständiger Schwerverbrecher“. Und natürlich suggeriert eine Unterzeile wie „Beweise reichen nicht“, dass Florian R. der gesuchte Täter ist, man es ihm aber bisher nur nicht nachweisen konnte. Dazu würde Verges vermutlich kommentieren, „dass die Unschuldsvermutung bei Florian R. nie eine Chance hatte“. Und er hätte sogar Recht damit.

Dass der Mann nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft erstmal „AB ZU MUTTI“ und nicht nach Hause gegangen ist, dürfte übrigens auch an wartenden Journalisten und Fotografen gelegen haben. Die Anwältin von Florian R. erzählt, dass ihr Mandant wegen „der Medienmeute“ derzeit nicht wieder arbeiten und auch nicht sein Kind in den Kindergarten bringen könne.

Die Polizei hat die Fotos, die sie von Florian R. veröffentlicht hatte, inzwischen wieder zurückgezogen. Es bestünden „keine weiteren Erfolgsaussichten durch die Öffentlichkeitsfahndung“, so die Begründung. Redaktionen, die den Schwager von Rebecca bisher ohne jegliche Unkenntlichmachung gezeigt haben, verpixeln die Bilder nun. Auch die „B.Z.“.

Mit Dank an Tobias M. für den Hinweis!