Suchergebnisse für ‘exklusiv’

Exklusives Fake-Interview, Macht und Deutungshoheit, Heidis Abgründe

1. „TV Movie“ erfindet Exklusiv-Interview mit „Tatort“-Stars
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die aktuelle „TV Movie“ wirbt mit einem „Exklusiv-Interview“ mit den „Tatort“-Kommissaren Jan Josef Liefers und Axel Prahl, doch einiges spricht dafür, dass das Gespräch nie stattgefunden hat: Das „Interview“ besteht aus bekannten Textschnipseln und auch die Agentur der beiden Schauspieler weiß von keinem Gespräch. „DWDL“ hat die Bauer Media Group um eine Stellungnahme gebeten. Dort hat man sich 26 Stunden später die folgenden sibyllinischen Worte abgerungen: „Wir sind davon ausgegangen, dass diese Veröffentlichung ordnungsgemäß erfolgt ist. In der Kürze der Zeit können wir leider nicht mehr zu diesem Thema sagen“.

2. FR-Miteigentümer Schöningh: „Unsere Gesprächspartner sitzen jetzt in Hannover“
(horizont.net, Ulrike Simon)
Bereits am Mittwoch schrieb Uwe Vorkötter über die „gemeinsame Sache“ der Medienhäuser DuMont und Madsack, die in Wirklichkeit eine Kapitulation DuMonts sei (Kölsche Kapitulation, horizont.net). Nun beschäftigt sich Ulrike Simon mit den möglichen Auswirkungen auf die „Frankfurter Rundschau“.

3. Der Fall Asef N.: „Es geht um Macht und Deutungshoheit“
(nordbayern.de, Hans-Peter Kastenhuber)
Rund ein Jahr ist es her, dass ein Berufsschullehrer bei den „Nürnberger Nachrichten“ anruft und aufgeregt von einer Polizeiaktion an seiner Schule berichtet. Eine Redakteurin fährt sofort zum Ort des Geschehens und erlebt, wie ein abgelehnter 21-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan auf rabiate Weise festgenommen wird. Als sie Tags darauf in der Zeitung die hässlichen Begleitumstände des brutalen Polizeieinsatzes erwähnt, wird sie angefeindet und teilweise übel beleidigt. Mit ihrer Wahrnehmung ist die Journalistin jedoch nicht alleine: Auch ein anwesender Dekan und ein Pressefotograf sind entsetzt. Doch Polizei und CSU-Landesregierung verkünden ihre eigene Wahrheit und begründen den Einsatz mit einer angeblichen Unterwanderung der protestierenden Schüler durch „militante Abschiebegegner“ und linke Chaoten.

4. So setzen sieben deutsche Publisher Facebook-Gruppen ein
(markheywinkel.de)
Der Journalist Mark Heywinkel hat sich umgehört, ob Medien nach Facebooks Änderung des Newsfeeds und Herunterstufung von Seiteninhalten nun verstärkt auf Facebook-Gruppen setzen und wie sie dabei verfahren. Seine zusammengetragenen Erfahrungsberichte ergeben ein interessantes Stimmungsbild: Es ist nicht einfach, aber zumindest alle sind dabei.

5. Heidi ist der Häuptling im Macho-Dorf
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Viele Menschen schauen sich auch heutzutage das bereits 13 Jahre alte TV-Format „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) an. Dabei gehöre dieser „Abgrund an Menschenfeindlichkeit“ abgeschafft, wie Carolin Gasteiger fordert. Wer einschalte, mache sich mitschuldig: „Man kann GNTM im Jahr 2018 aber nicht mehr ansehen ohne eine Haltung dazu zu entwickeln. Ohne sich einzugestehen, wie ungeniert junge Mädchen ausgenutzt und vorgeführt werden. Ohne zu erkennen, wie falsch und überholt dieses Format ist.“

6. Küss die Hand
(zeit.de, Francesco Giammarco)
Zuschauer des „Neo Magazin Royale“ kennen William Cohn als den onkelhaften Typ mit den quietschigen Pullovern und der tiefen Märchenerzähler-Stimme. Wer ist dieser Cohn? Francesco Giammarco hat sich mit ihm während einer S-Bahn-Fahrt durch Berlin unterhalten.

„BILD EXKLUSIV“

Mit Bild.de ist man für alle möglichen Ereignisse bestens informiert:

Screenshot Bild.de - Oben: Breaking News - SPD-Chef Schulz dementiert: Kein grünes Licht für GroKo-Verhandlungen - Unten: Bild exklusiv - Grünes Licht für GroKo-Verhandlungen

Mit Dank an @ma_ma_sz für den Screenshot!

Exklusiv-geklaut-Foto SPORT BILD

Am späten Freitagabend schien Henning Feindt, der stellvertretende „Sport Bild“-Chefredakteur, mächtig stolz zu sein:

Thomas Tuchel, bis zur vergangenen Bundesligasaison noch Trainer bei Borussia Dortmund, wurde am Düsseldorfer Flughafen fotografiert, unterwegs nach München. Der FC Bayern München hat gerade erst seinen Trainer Carlo Ancelotti entlassen und sucht derzeit nach einem Nachfolger — was Tuchels München-Trip zumindest für den Sport-Boulevard interessant macht (wobei man auch erwähnen muss, dass Thomas Tuchel schon seit längerer Zeit eine Wohnung in München hat). Die „exklusiv-fotos“, die Henning Feindt in seinem Tweet — retweetet von „Bild“-Sportchef Walter M. Straten, geliket von „Sport Bild“-Chefredakteur Alfred Draxler sowie von „Sport Bild“-Fußballchef Chrisitan Falk — beklatscht und die er seinem „Sport Bild“-Kollegen Sven Westerschulze zuschreibt, sind aber alles andere als ein „Great Job“. Sie sind geklaut.

Simon Schlenke war am Freitag gerade auf dem Weg nach Prag, als er und sein Bruder am Flughafen in Düsseldorf Thomas Tuchel sahen. Schlenke machte ein Foto und postete es um 14:28 Uhr bei Twitter:

Nach eigener Aussage schickte er das Bild auch per WhatsApp an Freunde.

Am Freitagabend tauchte ein Ausschnitt von Schlenkes Foto bei Bild.de auf:

Screenshot Bild.de - Exklusiv-Fotos von Sport Bild - Hier fliegt Tuchel nach München - Verhandlungen mit Bayern laufen - Welcher Trainer Plan B ist

Einer der drei Autoren des dazugehörigen Textes: Sven Westerschulze. Am Samstag erschien „Fußball Bild“ mit diesem Titelfoto …

Ausriss der Titelseite von Fußball Bild - Tuchel schon in München

… und mit dieser Aufmachung auf den Seiten 2 und 3:

Ausriss Doppelseite von Fußball Bild - Hier fliegt Tuchel nach München

Am selben Tag sah die erste der Sportseiten in der „Bild“-Bundesausgabe so aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Hier fliegt Tuchel nach München

Und sportbild.de veröffentlichte Samstagmittag auch noch einen Artikel zum Thema.

Überall war das Foto zu sehen, das Simon Schlenke gemacht hatte (und in „Fußball Bild“ und „Bild“ auch noch ein Foto, das laut Schlenke sein Bruder aufgenommen hatte). Und überall stand als Fotocredit „Exklusiv-Foto SPORT BILD“. Eine Erlaubnis, das Foto zu benutzen, hatten offenbar weder Bild.de noch sportbild.de noch „Fußball Bild“ noch „Bild“. Auf Nachfrage erklärte Schlenke bei Twitter:

Mit Dank an @GNetzer und @Phisoloph für die Hinweise!

Der „Wochenblick“ sieht exklusiv den „Volks-Austausch in Deutschland“

Der „Wochenblick“ hat mal wieder was rausgefunden. Es gebe „ein geheimes Papier der deutschen Bundesregierung“, berichtet die wöchentlich erscheinende Zeitung aus Oberösterreich, „welches die Masseneinwanderung nach Deutschland feiert.“ Die Redaktion zitiert anonyme „Kritiker“, die sagen sollen, „dass dieses Strategiepapier ‚den Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren‘ würde“. Schlagzeile bei wochenblick.at:

Diese Infos hat das „Wochenblick“-Team aus „britischen Medien“, genauer: aus einem Artikel von express.co.uk vom 11. Februar, denn:

Man muss es heute schon aus britischen Medien erfahren

„Die Medien hierzulande“ hätten schließlich noch gar nicht …

Die Medien hierzulande haben noch gar nicht über das Strategiepapier berichtet, welches Anfang Februar zur internen Verwendung verbreitet worden sein dürfte. Im Dokument heißt es gar wörtlich: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Was haben wir hier also? „Ein geheimes Papier“ der Bundesregierung, das den „‚Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren'“ soll, und alle deutschsprachigen Medien würden mal wieder beim Schweigekartell mitmachen.

So viel schon mal jetzt: Das ist gleich mehrfacher Blödsinn.

Dennoch — oder gerade deswegen — drehte der „Wochenblick“-Artikel in den vergangenen Tagen eine ordentliche Online-Runde: Die rechten Blogger von „Politically Incorrect“ übernahmen die Geschichte eins zu eins, allein auf der Facebook-Seite des „Wochenblicks“ wurde der Text über 1600 Mal geteilt:

Viele Anti-Asyl-Gegen-Merkel-Hier-kein-Flüchtlingsheim-Seiten verbreiteten den Beitrag ebenfalls bei Facebook:








Den „Wochenblick“ gibt es noch gar nicht so lange, vor knapp einem Jahr wurde die Zeitung gegründet. Seitdem hat die Redaktion, die „Berichterstattung ohne Scheuklappen“ verspricht, es aber locker geschafft, richtig Mist zu bauen. Sie war zum Beispiel eine der treibenden Kräfte bei der Verbreitung über Falschmeldungen zur Silvesternacht in Dortmund.

Beim aktuellen Artikel über die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung sind gleich mehrere Punkte falsch. So handelt es sich ganz gewiss nicht um „ein geheimes Papier“, auch wenn die „Wochenblick“-Redaktion sich große Mühe gibt, ihrer Geschichte Exklusivität zu verleihen:

Die sogenannte „Demografiebilanz“ des Bundesinnenministeriums, auf die sich der „Wochenblick“ bezieht, ist seit Februar für jeden im Internet abrufbar (PDF). Darin auch der zitierte Satz: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Der Vorwurf, dass die Medien in Deutschland und/oder Österreich „gar nicht über das Strategiepapier berichtet“ hätten, den ja auch einige Facebook-Seiten übernommen haben, ist Lüge Nummer zwei. Sie haben über die „Demografiebilanz“ berichtet. Viele sogar. „RP Online“ zum Beispiel:

Welt.de:

n-tv.de:

Die „Huffington Post“:

Oder die „B.Z.“:

Und alle bereits am 1. Februar. Der „Wochenblick“ liegt mit seinem Artikel also nicht nur doppelt daneben, sondern ist mit seinem Märchen auch ziemlich spät dran.

Mit Dank an Christoph für den Hinweis!

Die exklusive München-Terror-Falschmeldung von „Focus Online“

„Focus Online“ behauptet aktuell:

Da heißt es:

Antiterror-Fahndung in München: Spezialeinsatzkräfte der Polizei haben am späten Donnerstagabend nach Informationen von FOCUS Online eine verdächtige arabische Gruppe entdeckt, die offenbar einen Anschlag in der bayerischen Landeshauptstadt vorbereitet hat.

Für die Durchführung der Tat wollten die Verdächtigen offenbar mehrere deutsche Polizei-Uniformen benutzen, die auf dem Zimmer des Central Apart Hotels im Münchner Stadtteil Berg am Laim beschlagnahmt wurden. Außerdem fanden die Ermittler auf dem Zimmer mehrere Gasflaschen.

Vier der insgesamt acht Verdächtigen, darunter ein Deutscher mit iranischer Herkunft, flohen mit einem 5er und einem 3er BMW. Die Münchner Polizei leitete eine Großfahndung ein, an der sich auch Fahnder der Bundespolizei beteiligen.

Die Polizei schreibt jedoch:

Nachtrag, 20. November, 8 Uhr: Trotzdem herrschte auch in anderen Medien sofort …




Die Polizei betonte aber weiter:



Daraufhin kamen auch die aufgeschreckten Spätdienstler in den Newsrooms wieder runter und gaben (vorerst) Entwarnung.

Nur „Focus Online“ blieb – scheinbar – stur:

Die Polizei dementierte, dass der Einsatz im Zusammenhang mit einem Terror-Verdacht steht. FOCUS Online bleibt jedoch bei seiner Darstellung.

Allerdings hatte „Focus Online“ seine Darstellung da schon unauffällig geändert. Aus dem Terror-„Alarm“ hatte die Redaktion einen Terror-„Verdacht“ gemacht, und von der „verdächtigen arabischen Gruppe“, die zuvor noch einen „Anschlag in der bayerischen Landeshauptstadt vorbereitet“ hatte, ging plötzlich nur noch eine unkonkrete „Gefahr aus“:

Und das „exklusiv“ war verschwunden. Und das Foto hatte sich geändert – auf dem neuen war zwar noch weniger zu erkennen, aber: geschossen vom „Focus Online“-Chef persönlich.

Jedenfalls hat die Polizei inzwischen in einer Pressemitteilung erklärt:

MÜNCHEN. Am Donnerstag, 19.11.2015, rief eine Angestellte eines Hotels im Stadtteil Berg am Laim die Polizei an. Ihr kamen mehrere Gäste verdächtig vor, da sie eine Butangasflasche bei sich hatten.

Im darauffolgenden Polizeieinsatz wurden ein 30-jähriger Iraner und eine 44-jährige Landsfrau kontrolliert. Bei der Absuche fanden sich keine verdächtigen Gegenstände. Abklärungen ergaben, dass die Butangasflasche zu einem Campingkocher gehört und als Kochgelegenheit benutzt wurde.

Drei weitere Iraner, die zu dem Appartement gehören, wurden im Anschluss ausfindig gemacht und zwischenzeitlich ebenfalls befragt.

Nach jetzigem Kenntnisstand war das Appartement zur Familienzusammenfindung angemietet worden. Bei den Personen handelt es sich ausschließlich um Asylbewerber, die der 30-jährige Iraner dort zusammenführte.

Und „Focus Online“?

FOCUS Online bleibt jedoch bei seiner Darstellung.

Nachtrag, 15.30 Uhr: Jetzt doch nicht mehr. In einem neuen Artikel müssen die Leute von „Focus Online“ nun einräumen, dass sie völligen Quatsch berichtet haben. Natürlich verpacken sie es etwas anders:

Das Portal schreibt:

„Bei der intensiven Absuche fanden sich keine verdächtigen Gegenstände. Es wurden drei kleine 0,5 Liter Butangasflaschen aufgefunden. Des Weiteren ein handelsübliches Baseball-Cap mit der Aufschrift „Police“ und eine schwarze Weste. Bei der Durchsuchung wurden keine Uniformteile gefunden“, so die Polizei über die Razzia. Die Kappe sei als Geschenk für einen „polizeiaffinen Neffen“ eines der Gäste bestimmt. Ermittlungen hätten ergeben, dass die Gasflaschen zu einem Campingkocher gehörten.

Nachtrag, 27. Januar 2016: Wir haben uns beim Presserat über die Berichterstattung von „Focus Online“, FAZ.net und „Huffington Post“ beschwert. Bei den letzten beiden konnte er aber „keinen Verstoß gegen die presseethischen Grundsätze feststellen“ (hier ausführlicher). Mit „Focus Online“ beschäftigt sich der Beschwerdeausschuss im März.

Exklusiv: „Bild“ versteht Regierungspapier falsch

Ach, wie müssen sie sich gefreut haben in der „Bild“-Redaktion, als sie heute „exklusiv“ verkünden konnten:

Vor Verhandlung der Euro-Finanzminister um drittes Hilfspaket - Bundesregierung lehnt Griechen-Rettungsprogramm ab

Im Text schrieben die Griechenland-Chefhetzer Paul Ronzheimer und Dirk Hoeren:

Die Bundesregierung hält die Vereinbarung von Geldgebern und griechischer Regierung über ein drittes Rettungspaket für nicht ausreichend.

Nach BILD-Informationen aus EU-Kreisen sieht Berlin vor allem bei der Beteiligung des Internationalen Währungsfonds, der Schuldentragfähigkeit und den Privatisierungen noch offene Fragen.

„Bild“ berief sich dabei auf ein Papier, das auch den Springer-Kollegen der „Welt“ vorlag – und die interessanterweise zu einem ganz anderen Urteil kamen:

Das sah Ronzheimer natürlich anders:

Nun …

… anderthalb Stunden später schrieb die Nachrichtenagentur Reuters, das Wirtschaftsministerium sei „verwundert über den Bericht über eine angebliche Stellungnahme der Bundesregierung“. Das Ministerium beurteile „den Verhandlungsstand positiv“, und eine „abgestimmte Position der Bundesregierung gebe es noch nicht“. Auch das Finanzministerium erklärte, es habe zwar „Fragen formuliert“, diese seien aber „Teil des Prüfprozesses, der noch nicht abgeschlossen ist“. Kurzum:

Die Darstellung, die Bundesregierung lehne das Rettungsprogramm ab, sei falsch.

Spätestens da mussten sie das auch in der „Bild“-Redaktion einsehen. Inzwischen sieht die Überschrift des Artikels so aus:

Euro-Finanzminister wollen am Freitag abstimmen - Zoff zwischen Schäuble und Gabriel um 3. Griechen-Hilfspaket

Auch der Text wurde an einigen Stellen still und leise geändert. Unter anderem heißt es jetzt:

Die Darstellung, die Bundesregierung lehne das Rettungsprogramm ab, sei falsch, heißt es aus dem Finanzministerium.

Woher diese Darstellung kam, verraten Ronzheimer und Hoeren selbstverständlich nicht.

Bild  

„Exklusiv“: „Bild“ bei Mauerfall jetzt auch auf allgemeinem Wissensstand

Die Füchse von der „Bild“-Zeitung, sie haben’s immer noch drauf. 25 Jahre nach dem Mauerfall, gerade rechtzeitig zum Jubiläum, enthüllen sie „exklusiv“, dass die Sache damals anders lief, als alle bisher dachten: Die DDR hatte den Mauerfall angekündigt!

„Bild“-Hauptstadt-Korrespondent Peter Tiede staunt:

Nicht am 9. November 1989, aber im Dezember sollte die Mauer fallen. Das geht aus einem Brief hervor (liegt BILD vor), den Berlins früherer Regierender Bürgermeister Walter Momper (69, SPD) am 6. November 1989 — drei Tage vor dem tatsächlichen Mauerfall — an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schickte.

Darin schrieb Momper: Er gehe „davon aus, dass voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird“. Mehr als vier Millionen DDR-Bürger würden in der Folge binnen kürzester Zeit West-Berlin besuchen. Darauf sei seine Stadt nicht vorberiete.

Momper stützte sich nach BILD-Informationen bei dem Brief auf Informationen aus einem Geheim-Gespräch mit dem damaligen Ost-Berliner SED-ZK-Sekretär Günter Schabwoski (85).

Wir wissen natürlich nicht, wer „Bild“ dieses brisante Dokument nach all den Jahren zugespielt hat. Ob es „Bild“-Freund Helmut Kohl war. Oder Schabowski. Oder doch das ZDF.

Das hatte vor fünf Jahren, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, eine Dokumentation mit dem Titel „Der schönste Irrtum der Geschichte“ gesendet. In der Pressemitteilung zur Ankündigung hieß es damals:

ZDF-Recherchen belegen jetzt, dass sowohl der West-Berliner Senat als auch das Bundeskanzleramt vorgewarnt waren. Bei einem Gespräch am 29. Oktober 1989 hatte ZK-Sprecher Günter Schabowski Berlins Regierendem Bürgermeister Walter Momper mitgeteilt, dass die DDR-Regierung eine kurzfristige Grenzöffnung für alle Bürger anstrebe. Erstmals zitiert der Film aus einem Brief, in dem Momper am 6. November 1989 auch Bundeskanzler Helmut Kohl informierte: „Der Senat geht davon aus, dass voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird (…) Es ist daher davon auszugehen, dass nahezu alle Einwohner der DDR bald reisen können.“

Na sowas.

Momper selbst hatte von dem Treffen mit Schabowski schon im Juni 2009 im RBB-Inforadio erzählt, woraufhin die „B.Z.“ meldete:

Momper wusste zehn Tage vor dem Mauerfall vom Mauerfall

Die „Welt“ schrieb:

DDR kündigte Momper Reisefreiheit für alle an

Über den Brief Mompers an Kohl, über den „Bild“ heute „exklusiv“ berichtet, berichtete Ende Oktober 2009 auch schon die „Badische Zeitung“:

Neue Übergänge müssten geöffnet werden, die BRD müsse Kontakt mit der DDR aufnehmen, man müsse Eisenbahnzüge bereitstellen und endlich das Begrüßungsgeld regeln. Im Kanzleramt von Helmut Kohl scheint der Brief in irgendeiner Posteingangsmappe stecken zu bleiben. Oder er wird geprüft. Intensiv. Niemand reagiert.

Oder wie es im WDR-Rundfunk ebenfalls zum 20. Geburtstag des Mauerfalls hieß:

Am 6. November schreibt [Momper] an Bundeskanzler Helmut Kohl, um ihn über die Vorkommnisse zu informieren: „Es ist davon auszugehen, dass nahezu alle Einwohner der DDR bald reisen können“. Die sensationelle Nachricht bleibt auf dem Dienstweg stecken. Helmut Kohl erreicht sie nicht.

In ihrer Kritik der ZDF-Dokumentation von 2009 maulte die „Welt“ damals übrigens:

Die alte Legende von der vorzeitigen Information Walter Mompers durch Schabowski am 29. Oktober 1989 wird erneut präsentiert. Tatsächlich gab es das Gespräch, wie seit Jahren bekannt ist; dabei sagte Schabowski den Vertretern des West-Berliner Senates aber nur, dass im Dezember Reisefreiheit geplant sei. Auch ein Brief von Momper an Bundeskanzler Helmut Kohl vom 6. November 1989, in dem genau diese Information steht, ist bereits seit über zehn Jahren bekannt und nicht erstmals in der Dokumentation zu sehen.

Aber was zum 20. Jubiläum schon alt und bekannt war, kann eine „Bild“-Zeitung auch zum 25. noch exklusiv enthüllen.

Nachtrag, 9:15 Uhr. Die Nachrichtenagentur AFP glaubt die „Bild“-Behauptungen unbesehen. Anstatt im Archiv nachzusehen oder wenigstens eine paar Begriffe in eine Suchmaschine einzugeben, erweckt sie ebenfalls den Eindruck, „Bild“ habe neue Informationen. Entsprechend meldet AFP nun:

Bericht: Momper frühzeitig in Plan zu Maueröffnung eingeweiht
Zeitung zitiert aus Brief des SPD-Politikers an Kohl

Berlin (AFP) – Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) war 1989 einem Bericht zufolge schon frühzeitig in der Plan der DDR-Führung zur Öffnung der Mauer eingeweiht. Bereits im Monat vor der Grenzöffnung am 9. November habe Momper davon gewusst, wie aus einem Brief des SPD-Politikers an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hervorgeht, aus dem die „Bild“ am Donnerstag zitierte.

In diesem auf den 6. November 1989 datierten Dokument kündigte Momper gegenüber Kohl an, dass „voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird“. Nach seinen Informationen dürften die DDR-Bürger ab diesem Zeitpunkt mit ihren Personalausweisen die innerdeutsche Grenze passieren, schrieb Momper demnach.

Momper stützte sich dabei nach „Bild“-Informationen auf Erkenntnisse aus einem Geheimgespräch mit dem SED-Funktionär Günter Schabowski. Beide hätten sich Ende Oktober im Ost-Berliner Palast Hotel auf Wunsch von Schabowski getroffen. (…)

Exklusiv, Bloomsday, Tatort

1. „BamS klaut und kämpft für Franz gegen die FIFA-Russenmafia“
(jensweinreich.de)
Jens Weinreich schreibt zur gestrigen Titelgeschichte der „Bild am Sonntag“, „Der FIFA-Boss und die Russen-Mafia“: „Sieht man von einigen falschen Details und aufgeblasenen Formulierungen (‚heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen‘) ab, die wohl eher nicht stimmen, dann hat BamS im Grunde nur abgeschrieben und in pubertäre Zusammenhänge gebracht, was im Herbst 2008 in diesem Blog ‚exklusiv‘ vermeldet wurde.“

2. „‚Bild‘ stürzte Wulff mit einer Falschmeldung. Das kümmert aber keinen.“
(stefan-niggemeier.de)
„Ist es nicht bemerkenswert, dass Wulff am Ende durch eine Falschmeldung der ‚Bild‘-Zeitung zu Fall gebracht wurde?“, fragt Stefan Niggemeier zum Rücktritt von Christian Wulff am 17. Februar 2012. „Offenbar nicht. Kaum jemand hat darüber berichtet.“

3. „Vernarrt in die Verfehlung“
(zeit.de, Ursula März)
Das RTL-Boulevardmagazin „Exclusiv“, moderiert von Frauke Ludowig: „Die Zeiten, in denen Boulevardfernsehen nichts anderes vorhatte, als erstaunliche oder mondäne Geschichten aus der Starwelt zu erzählen, sind wohl passé. Die Sprache, die in Exclusiv gesprochen wird, erinnert vielmehr an eine Untersuchungskommission, die ihre Arbeit aufnimmt, weil sie einer bösen Vermutung auf den Grund gehen muss.“

4. „Putins Trolle“
(sueddeutsche.de, Julian Hans)
Julian Hans wertet „interne Dokumente und E-Mails leitender Mitarbeiter“ einer „Agentur zur Analyse des Internets“ mit rund 600 Mitarbeitern in St. Petersburg aus, „die eine Gruppe anonymer Informanten im Internet zugänglich gemacht hat“.

5. „‚Nach Kuh-Schweizer-Deutsch darf es ja dann auch nicht klingen'“
(tagesanzeiger.ch, Simon Knopf)
Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion des Schweizer Fernsehens, nimmt Stellung zur Frage, warum der Schweizer „Tatort“ die schlechtesten Quoten einfährt. „Die ARD möchte, dass man das Schweizerische auch in der Synchronfassung hört. Für uns bedeutete dies aber einen Spagat. Nach Kuh-Schweizer-Deutsch darf es ja dann auch nicht klingen. Also müssen wir subtil arbeiten. Die Schauspieler sprechen Hochdeutsch, sagen aber ‚Grüezi‘ oder verwenden Helvetismen wie Pneu oder Trottoir.“

6. „Bloomsday 2009“
(youtube.com, Video, 46:44 Minuten)
Ein Zusammenschnitt von Szenen, die am 16. Juni 2009 im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Siehe dazu auch „Die Tour kann beginnen: Bloomsday 2014“ (fernsehkritik.tv, Fernsehkritiker).

Exklusive „exklusiv“

So sah es heute Vormittag auf der Startseite von Bild.de aus:

BILD exklusiv: Endgültig! Raúl verlässt Schalke

Und so ein paar Minuten später, als jemandem aufgefallen sein muss, dass der FC Schalke 04 die Nachricht bereits zuvor per Pressemitteilung verbreitet hatte:

Nach der Saison ist Schluss: Endgültig! Raúl verlässt Schalke

Mit Dank an Stephan J. und Philipp O.

Exklusive Festnahme

Als die französische Polizei am vergangenen Donnerstagvormittag die Wohnung des mutmaßlichen islamistischen Attentäters stürmte und ihn dabei erschoss, hatte die Erstürmung in der gedruckten „Bild“ vom Donnerstag schon stattgefunden (BILDblog berichtete).

Aber „Bild“ war dabei nicht allein: Die „Berliner Zeitung“ und die (von der gleichen Redaktion belieferte) „Frankfurter Rundschau“ erklärten beide auf ihren Titelseiten, die Polizei habe die Wohnung des Mannes gestürmt und den Mann „gestellt“, worunter man eigentlich landläufig versteht, dass jemand lebend gefasst wird.

Bei „Welt“, „Welt Kompakt“ und „Rheinischer Post“ war der Verdächtige (bzw. „Täter“) gar in der Titelschlagzeile „gestellt“ worden:

Immerhin erwähnen alle drei Zeitungen im Artikel, dass die Konfrontation „am Abend“ bzw. „bei Redaktionsschluss“ noch angedauert habe.

Und tatsächlich zeigen sich da ja die Nachteile einer Printausgabe, die tatsächlich irgendwann gedruckt werden muss und bei solch unübersichtlichen Situationen, die quasi zeitgleich mit Druckprozess und Auslieferung stattfinden, überholt sein kann, wenn der Zeitungsbote sie in den Briefkasten des Lesers steckt. Im Internet hingegen können Artikel permanent an die aktuelle Situation angepasst werden — einige Online-Medien berichteten gar in einem „Live-Ticker“ von der Erstürmung der Wohnung wie von einer Sportveranstaltung.

Anders macht es da die „Leipziger Volkszeitung“, die seit Mittwochabend unbeirrt im „Polizeiticker“ auf ihrer Webseite verkündet:

Nervenkrieg in Frankreich: Serienmörder wollte wieder töten - Polizei gelingt Festnahme

Besonders bemerkenswert daran ist, dass diese Überschrift die einzige Leistung der „LVZ“-Redaktion ist: Der komplette Artikel, in dem von einer Festnahme des Mannes überhaupt keine Rede ist, stammt von der Deutschen Presseagentur (dpa). Die hatte ihn allerdings mit der durchaus zutreffenden Überschrift „Nervenkrieg in Toulouse: Serienmörder wollte wieder töten“ veröffentlicht.

Mit Dank an Jan und die anderen Hinweisgeber.

Nachtrag, 18.10 Uhr: „LVZ Online“ hat die Überschrift inzwischen auf „Nervenkrieg in Frankreich: Serienmörder wollte wieder töten“ gekürzt.

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