Suchergebnisse für ‘CDU’

Homophobie, Überwachungswahn, Döpfnerkratie

1. “Sommerloch-Skandal beim Tagesspiegel”
(queer.de)
Der “Tagesspiegel” übt sich im Boulevardjournalismus (den die “Bild” wenig überraschend aufgreift) und sieht sich angesichts der Empörung in den sozialen Medien (facebook.com) alsbald zu einer Rechtfertigung genötigt. Während “Queer.de” die Homophobie und “die verklausulierte Kinderporno-Anschuldigung” aufs Korn nimmt und Paul Wrusch Meisner in der “taz” attestiert, “in den 50er Jahren hängengeblieben” zu sein, zweifelt der “Löschbeirat” am journalistischen Verantwortungsgefühl des Autors.

2. “Das Ende der Pressefreiheit”
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der Überwachungswahn der NSA schadet der Pressefreiheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Insbesonders investigative Reporter sprechen von “eine[r] schreckliche[n] Zeit” und “einer zusätzlichen Schicht der Angst”. Elisabeth Pohl zitiert bei “Netzpolitik” einen von HRW befragten Journalisten: “Ich will nicht, dass die Regierung mich zwingt, mich wie ein Spion zu verhalten. Ich bin kein Spion, ich bin ein Journalist.”

3. “MH17: how Storyful’s ‘social sleuthing’ helped verify evidence”
(theguardian.com, Ben Cardew, englisch)
Bei Katastrophen wie dem MH17-Unglück greifen Journalisten oft auf User-generated content aus sozialen Netzwerken zurück. Um diese Informationen zu verifizieren, hat Storyful den “Open Newsroom” entwickelt. Executive Editor David Clinch ist sich sicher: “For sustainable journalism you cannot just rely on sources of information or video content that exist traditionally. If that is the only place you are looking you are missing huge amounts.”

4. “Medien tappen in Strafanzeigen-Falle”
(taz.de, Sebastian Heiser)
“Wassertisch kritisiert Senat“ sei so erwartbar wie “Hund beißt Mann”. Bei einer Strafanzeige würden Journalisten dagegen eine Geschichte wittern. Deshalb wirft ein CDU-Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses seinen politischen Gegnern immer wieder Untreue vor, und die Medien beißen an. Allerdings: “Dass die Verfahren später allesamt eingestellt werden – das berichtet dann keiner mehr.”

5. “‘Zeit’-Journalisten gehen gerichtlich gegen das ZDF und ‘Die Anstalt’ vor”
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die angebliche Zensur des ZDF war bereits gestern Thema bei “6 vor 9” (Link 4). Der Rechtsanwalt Thomas Stadler kommentiert: “Für ein Flaggschiff wie die ‘Zeit’ kommt das juristische Vorgehen von Joffe und Bittner gegen das ZDF einem journalistischen Offenbarungseid gleich. Leider berichten die großen Zeitungen wie SZ, FAZ oder ‘Spiegel’ […] nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.”

6. “Springer funktioniert wie eine Monarchie”
(blogs.stern.de, Lutz Meier)
Nach der Aufregung um die rassistische Islam-Hetze (stefan-niggemeier.de) von Nicolaus Fest analysiert Lutz Meier die Machtverhältnisse innerhalb des Konzerns und macht Mathias Döpfner als absolutistischen Herrscher aus: “Springer funktioniert hier weniger wie ein pluralistischer Verlag. Sondern es ist eine Art feudalistisches Prinzip, dem das Haus folgt.”

Der Dreck vor der Haustür der anderen

Vergangene Woche berichteten die “Ruhrbarone”, dass sich auf der Facebook-Seite der Linksjugend im Ruhrgebiet “ein antisemitischer Mob” austobe. Unter der Ankündigung einer “antiisraelischen Demonstration” hätten sich einige israelfeindliche und rassistische Kommentare gefunden, unter anderem Hitler-Bilder mit antisemitischen Sprüchen und Vergleiche zwischen Israel und dem Nazi-Regime.

Die Linksjugend löschte die kritisierten Kommentare, distanzierte sich davon und erklärte (hier ausführlicher), dass sie solche Dinge nicht dulde, aber “bei mehreren Posts die Minute” nicht immer alles sehen könne.

Für die Leute von “Bild”, die ja bekanntlich große Freunde Israels sind und außerdem der Linkspartei immer gerne eins überbraten, war die Sache jedenfalls ein gefundenes Fressen, also empörten auch sie sich kurz darauf über die …

Unfassbare Israel-Hetze im Internet!

Im Artikel heißt es:

Auf Facebook macht die Ruhrgebietsabteilung des Jugendverbandes der Linkspartei „Solid“ für eine Anti-Israel-Demonstration am 18. Juli in Essen Werbung. Das berichtet der Journalisten-Blog „Ruhrbarone“.

„Ruhrbarone“ zitiert aus einem Facebook-Kommentar (inzwischen gelöscht) der für seine antisemitischen Parolen 58 „Likes“ bekam.

Dass diese Kommentare von irgendwelchen Facebook-Nutzern kamen, geht aus dem Text nicht hervor. Zumindest für Facebook-unerfahrene Leser kann oder muss sogar der Eindruck entstehen, dass es der Jugendverband selbst war, der die Kommentare gepostet — oder zumindest toleriert — hat.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch von dem, was Peter Tauber, der CDU-Generalsekretär und “Netz-Experte”, dazu zu sagen hat:

CDU-Generalsekretär und Netz-Experte Dr. Peter Tauber (39) dazu zu BILD: „Diese Postings sind an Geschmacklosigkeit, Menschenverachtung und Geschichtsvergessenheit nicht zu überbieten. Ich fordere die Familienministerin auf, die angekündigten Zahlungen an die Linkspartei-Jugend umgehend einzustellen. Solche antisemitischen Umtriebe dürfen nicht mit Steuergeldern unterstützt, sondern müssen gesellschaftlich geächtet werden.“

Er will also die Linksjugend dafür büßen lassen, dass ihre Facebook-Seite von irgendwelchen Hornochsen zugemüllt wurde und sie die Kommentare — begleitet von einer klaren Distanzierung — bereits wieder gelöscht hat? Hm.

Wenn er das wirklich ernst meint, hätte er sich aber besser mal auf der Facebook-Seite der “Bild”-Zeitung umgesehen, bevor er sie mit diesem Zitat beglückte. Und die zuständigen Autoren hätten auch mal einen Blick riskieren sollen. Dann wären sie nämlich schnell auf so etwas gestoßen:














Die Kommentare sind sechs Tage alt; sie standen schon dort, bevor sich Bild.de und Peter Tauber über die “unfassbare Israel-Hetze” auf der Linksjugend-Seite echauffierten. Und im Gegensatz zu dem Jugendverband hat “Bild” sie immer noch nicht gelöscht.

Nachtrag, 17. Juli: Inzwischen dann doch. Und den Rest des Eintrags gleich mit.

Mit Dank an Finn S.

Was macht eigentlich die “Bild-APO”?

Die Ansage war ziemlich eindeutig:


Das neu gewählte Parlament, schrieb Kai Diekmann in jener Ausgabe vor etwa einem halben Jahr, sei

zu schwach. Seine Opposition zu klein. Und zu links. Das ist nicht gut für Deutschland! […]

Deshalb geht BILD in die Opposition. Und wird Außerparlamentarische Opposition. APO!

Diekmann versprach:

BILD wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade. Für Deutschland. Für seine Bürger.

(BILDblog berichtete.)

Die Arbeit der “Bild-APO” bestand daraufhin größtenteils darin, anzukündigen, was die “Bild-APO” in Zukunft so alles machen werde. Nämlich:

Ab heute haut BILD der Regierung munter auf die Finger

(17.12.2013, Seite 1)

Deshalb haut BILD der Großen Koalition von heute an ordentlich auf die Finger!

(17.12.2013, Seite 1)

Warum BILD der GroKo auf die Finger (sc)haut

(17.12.2013, Seite 4)

Deshalb macht BILD sich als Außerparlamentarische Opposition auf den langen Marsch durch mindestens vier Jahre GroKo.

VERSPROCHEN!

(17.12.2013, Seite 4)

BILD (sc)haut der Großen Koalition genau auf die Finger, wird z. B. Sogenannte “kleine Anfragen” und “große Anfragen” stellen – um Tricksereien, Steuergeld-Verschwendungen etc. aufzudecken! […] BILD schlägt Alarm, will von der Regierung wissen: Was hat der Stillstand bisher gekostet, wie hoch sind die monatlichen Ausgaben für Abgeordnetendiäten, Verwaltung, Büros etc.?

Die Antworten der Regierung – demnächst in BILD …

(18.12.2013)

BILD schaut der Großen Koalition genau auf die Finger, deckt Tricksereien, Steuergeld-Verschwendung etc. auf – und schlägt Alarm!

(19.12.2013)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(30.12.2013)

Wir von BILD haben es uns auf die Fahne geschrieben: Wir werden der Großen Koalition auf die Finger gucken und kräftig draufhauen, wenn etwas schiefläuft. Als BILD-APO gegen die GroKo!

(30.12.2013)

Die BILD-APO (Außerparlamentarische Opposition) nimmt die Sorgen der Bevölkerung ernst […].

(9.1.2014)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung ganz genau auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(9.1.2014)

Die erste Haudrauf-Aktion inszenierte “Bild” am 30. Dezember vergangenen Jahres:


“Bild” überreichte die Anfrage noch am selben Tag persönlich:

Dass die Linke der Regierung ganz ähnliche Fragen schon einen Monat zuvor gestellt hatte, erwähnte das Blatt natürlich lieber nicht und präsentierte stattdessen ein paar Tage später stolz und unbeirrt — “Die Antwort”:

… mit zum Teil verblüffenden Erkenntnissen:

Im Klartext: Nichts Genaues weiß auch die Regierung nicht.

Äh, ja.

Jedenfalls:

Die BILD-APO bleibt weiter dran …

Und so folgte vier Tage später gleich die nächste “Große Anfrage”:

Das Übergabe-Fotoshooting musste diesmal allerdings ausfallen — denn am nächsten Tag hieß es plötzlich:

Statt Anfragen der BILD-APO wie erfolgt persönlich entgegenzunehmen, sollen sie künftig wie gewöhnliche Presseanfragen behandelt werden […].

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Wirtz (43), vor der BILD-APO gewarnt, erfuhr BILD aus Koalitionskreisen! […] Die Kollegen sollten “sich nicht vor den Karren der BILD-Zeitung spannen lassen”, sagte Wirtz nach Angaben von Teilnehmern.

Doch selbst diesen Rückschlag verkaufte “Bild” — natürlich — als Erfolg:

Dennoch musste das Blatt den Karren fortan wieder alleine ziehen:

Wenn die Regierung die BILD-APO nicht entgegennehmen will, geht die BILD-APO zur Regierung!

Danach wurde es dann still um die “Bild-APO”. Zwei Wochen später verwurstete das Blatt noch die Antworten auf die zweite Anfrage als bemühte Titelgeschichte (“Strom wird NOCH teurer!” – oha!), kurz darauf empörte es sich über “Milliardenausgaben”, die in Wirklichkeit allerdings nur knapp eine Million betrugen, und zwischendurch kam noch der österreichische Außenminister zum Krawattenvergleich vorbei.

Die letzte Regung der “Bild-APO” liegt inzwischen fast fünf Monate zurück. Damals kündigte das Blatt lauthals an, die Große Koalition wegen “Renten-Klaus” verklagen zu wollen. Was daraus geworden ist? Keine Ahnung. Bis heute haben wir weder davon noch sonst von der “Bild-APO” je wieder etwas gehört.

Dabei hatte sich “Bild”-Mann Dirk Hoeren damals noch kämpferisch gegeben:

Was weiterhin fehlt, ist die bürgerliche Opposition.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass BILD der Großen Koalition die Stirn bietet. Wir lassen uns nicht mit Geschäftsordnungstricks plattmachen. Die wahre Opposition ist die BILD-APO!

Bleibt die Frage: Was macht sie heute, die “wahre Opposition”?

Nun …

WIR SINGEN DER KANZLERIN EIN LIED!

Das Lied, so verriet es Angela Merkel im Mai in Stralsund, gehört zu ihren Lieblingsliedern. BILD meint: „Wir lieben die Stürme…“ passt perfekt zur Regierungschefin, die seit ihrem Amtsantritt einen Krisenherd nach dem anderen löschen musste – und dabei ihren Humor und ihre Zuversicht nie verloren hat.

Statt Kloppe gibt’s also jetzt Lieder, Bilder und Streicheleinheiten für die “Übermutti”.

Derweil berichtet “BILD-APO-Experte” Ralf Schuler (der dem Wirtschaftsministerium vor einigen Monaten noch die zweite “APO”-Anfrage aufgenötigt hat) so über die China-Reise von Angela Merkel:

33 Grad Celsius, Smog, eine unsichtbare Sonne brütet über der Dunstglocke Pekings. Mein Hemd fühlt sich an wie ein nasses Handtuch.

Nur eine wirkt cool: Angela Merkel (59, CDU).

Ralf Schuler, Verzeihung, Lalf Schulel schaut der Kanzlerin jetzt nicht (mehr) auf die Finger, sondern auf die Klamotten:

Als die Kanzlerin kommt, wirkt sie unbeschwert in ihrem lindgrünen Blazer; Premier Li trägt ein Kurzarmhemd, keine Krawatte. Dafür, dass Angela Merkel tadellos aussieht, sorgt auch ihre Stylistin Petra Keller. Sie ist auf Reisen mit dabei, wohnt im Nachbarzimmer der Kanzlerin.

Und CSU-Mann Alexander Dobrindt darf heute im größten Nicht-Fußball-Artikel der gesamten Ausgabe hoch und heilig versprechen, dass seine ersehnte Pkw-Maut keinen Bundesbürger finanziell mehrbelasten werde:

Die “Bild”-Zeitung widmet dem “Maut-Macher” und seinen Plänen fast die gesamte Politik-Seite und inszeniert sich selbst dabei als Beschützerin des Volkes. Klassische Win-Win-Situation. Und von “APO” keine Spur.

Offenbar lebt es sich als außerparlamentarischer Verbündeter dann doch irgendwie besser.

Der falsche Täter und andere Rügen

Die Beschwerdeausschüsse des Presserats haben in ihren jüngsten Sitzungen sechs Rügen, 20 Missbilligungen und 16 Hinweise ausgesprochen. Die Hälfte der Rügen ging an die “Bild”-Gruppe.

Etwa hierfür:

(Unkenntlichmachungen von uns.)

So hatten die Kölner “Bild”-Ausgabe und Bild.de Anfang des Jahres über ein Verbrechen in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen berichtet. Die Redaktionen nannten den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen sowie persönliche Details des Patensohns und zeigten ein Foto von ihm, das lediglich mit einem kleinen Alibi-Balken versehen war. Kurz darauf erwies sich der Mann jedoch als unschuldig (BILDblog berichtete).

Nach Ansicht des Presserats ist die Berichterstattung vorverurteilend und identifizierend und verstößt damit gegen Ziffer 13 (Unschuldsvermutung) des Pressekodex. “In Anbetracht des Ermittlungsstandes hätte über ihn nicht identifizierend berichtet werden dürfen”, befand der Ausschuss und sprach gegen “Bild” und Bild.de eine Rüge aus. Bei Bild.de ist der Artikel übrigens immer noch unverändert online.

Eine weitere Rüge erhielt Bild.de für die Berichterstattung über den Mord an einem zwölfjährigen Mädchen. Das Portal hatte den Artikel mit einem Foto des Kindes bebildert, obwohl Opfer von Verbrechen — insbesondere Minderjährige — laut Pressekodex besonderen Schutz genießen (Richtlinien 8.2 und 8.3). Die Redaktion argumentierte später, die Familie habe in der Lokalzeitung selbst eine Todesanzeige mit Foto veröffentlicht. Dieses Argument ließ der Presserat jedoch nicht gelten:

Aus einer Todesanzeige in einem anderen Medium, die sich an einen kleineren Personenkreis richtet, lässt sich nicht auf eine grundsätzliche Einwilligung zu einer identifizierenden Abbildung schließen. Zudem war in der Todesanzeige nicht die Rede von einem Gewaltverbrechen. Diesen Zusammenhang stellte erst BILD Online in der Berichterstattung her. Besonders schwer wog aus Sicht des Gremiums zudem, dass das Mädchen unmittelbar neben seinem Mörder abgebildet wurde. Dies verletzt die Gefühle der Angehörigen.

Die Nürnberger “Bild”-Redaktion wurde gerügt, weil sie über ein laufendes Strafverfahren wegen eines Drogendelikts berichtet und dabei viele Details zu dem Betroffenen genannt hatte. Der Presserat erkannte darin einen schweren Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Ein überwiegendes öffentliches Informationsinteresse an der identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Dass sich die Redaktion auf die Beschwerde hin zwar bei dem Betroffenen, nicht aber bei den Lesern entschuldigt hatte, sei keine “ausreichende Wiedergutmachung im Sinne des Pressekodex”.

Doppelt gerügt wurde die Berichterstattung von Welt.de über den Suizid einer Nachwuchssportlerin. Die Redaktion hatte in zwei Artikeln (darum auch zwei Rügen) ausführlich über persönliche Details der jungen Frau geschrieben — etwa über ihre psychischen Probleme und die Beziehung zu ihrem Freund — und damit “tiefgreifend” in ihre Privatsphäre eingegriffen, wie der Presserat befand. “Zudem spekulierte die Redaktion über die Beziehung zwischen Eltern und Tochter und stellte hierdurch indirekt Schuldzuweisungen für den Suizid in den Raum.” Die Berichterstattung verstoße gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und insbesondere Richtlinie 8.7 (Selbsttötung), nach der die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung gebietet — vor allem mit Blick auf mögliche Nachahmer.

Übrigens hatten auch andere Medien detailliert über den Suizid berichtet und über die Hintergründe spekuliert. Beim Presserat gingen aber nur Beschwerden über Welt.de ein.

“Focus Online” schließlich wurde mit einer Rüge belegt, weil das Portal “unangemessen sensationell” über einen Überfall in Ecuador berichtet hatte. Auf einem Video war unter anderem ein blutüberströmtes Opfer zu sehen, das aus einem Bus stürzte. Aus Sicht des Presserats verstößt die Darstellung der sterbenden Menschen gegen Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. “Focus Online” argumentierte zwar, das Video sei zu Fahndungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, doch das ließ der Beschwerdeausschuss nicht gelten. Die Täter seien zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits gefasst, der Fahndungszweck also nicht mehr gegeben gewesen.

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Von den 20 Artikeln, die missbilligt wurden, erschienen sieben in “Bild” bzw. bei Bild.de.

Ein Brief von Franz Josef Wagner wurde missbilligt, weil er darin den Ex-Präsidenten der Ukraine als “egoistisches, luxuriöses Schwein” bezeichnet hatte. Diese Herabwertung verstoße gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), entschied der Beschwerdeausschuss.

Missbilligt wurden außerdem das Foto von einer privaten Trauerfeier, das Foto eines flüchtenden Ladendiebes und der Screenshot eines Facebook-Profils, auf dem persönliche Details zu Täter und Opfer einer Straftat zu erkennen waren (alles bei Bild.de erschienen; jeweils Verstöße gegen Ziffer 8).

Außerdem zeigte Bild.de ein Foto, auf dem ein Feuerwehrmann ein lebloses Kind in den Armen hält. Zwar war der Körper des Jungen einigermaßen verpixelt worden, dennoch wertete der Presserat die Darstellung als unangemessen sensationell (Ziffer 11), vor allem auch, weil die Bildunterschrift suggerierte, dass es sich um ein totes bzw. sterbendes Kind handele.

Gleich zwei Missbilligungen gab es für die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Piraten aus Somalia, der von Bild.de vorverurteilt (Ziffer 13) und von der gedruckten “Bild” ohne Unkenntlichmachung gezeigt wurde (Ziffer 8).

Weitere Missbilligungen gingen an “Bunte” und Bunte.de (für die Weight-Watchers-PR-Geschichte mit Julia Klöckner), “Playboy”, “Fränkischer Tag Online”, taz.de, “Buxtehuder/Stader Tageblatt”, Derwesten.de, “Hundeleben”, “Express”, Ruhrbarone.de und Tagesspiegel.de.

Heftig.co, AX, Burger King

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Heftig, Likemag, Storyfilter & Co.: die neue Macht im Social Web”
(10000flies.de, Jens Schröder)
Im Like-Medien-Ranking von 10000flies.de erobert Heftig.co Platz 1 und verdrängt damit “Giganten wie Spiegel Online und Bild.de”.

2. “Der Autor dieses Artikels hasst diese Seite so sehr, es ist unglaublich was passiert. Am Ende musste ich weinen.”
(hermsfarm.de)
Auch Herm beschäftigt sich mit Heftig.co: “Heftig.co besteht komplett aus geklauten Inhalten. Auf Credits, Bildrechte und Qualität des Inhalts wird sich hier ungefähr so gekümmert, wie um Servicequalität in Berliner Taxen. Ein großer Müllhaufen mit wohlportionierten, geklauten Inhalten. Sieht man etwas halbwegs bewegendes im Netz, wird es wenige Tage später aus dem Zusammenhang gerissen und mit reißerischer Überschrift auf Heftig.co zu sehen sein. Oder besser gesagt: Wenige Tage später wird man den Artikel von einer Schulkameradin aus der Grundschule auf Facebook geteilt bekommen.”

3. “Roboter im Journalismus: Wie Maschinen unseren Umgang mit News verändern”
(t3n.de, Frank Feulner)
Der Textroboter AX: “Er wird keine zehn Meldungen über den Tod eines Popstars schreiben und dabei den armen Schauspieler vergessen, der einen Tag später den Löffel abgegeben hat. So funktioniert er einfach nicht. Stattdessen präsentiert er die gesamte Bandbreite an Sachverhalten, die er in seinen Daten findet. Gleichwertig, gleichrangig und alle mit der selben Sorgfalt.”

4. “Wie RTL mit seiner Burger-King-Recherche selbst geschaffene Märchen entzaubert”
(blogs.stern.de/programmstoerer, Peer Schader)
Peer Schader erinnert daran, dass sich Verantwortliche von “Burger King” noch vor Kurzem auf RTL sehr positiv darstellen konnten. “Es ist ja lobenswert, wenn sich der Sender neuerdings wieder darum bemüht, mit journalistischen Mitteln die Selbstinszenierung großer Wirtschaftsunternehmen zu entzaubern, die ihren Profit auf den Schultern der Mitarbeiter machen. Noch glaubwürdiger wäre das allerdings, wenn RTL vorher nicht so intensiv dabei helfen würde, diese Märchen überhaupt erst in die Welt zu setzen.”

5. “Von der Seeschlacht zum Bumerang”
(blog.wikimedia.de, Jan Engelmann)
Jan Engelmann befasst sich mit der Plagiatsdiskussion um das Buch “Große Seeschlachten”: “Frei lizenzierte Inhalte, wie in Wikipedia, sind Teil des alltäglichen Umgangs mit Medien geworden – deren korrekte Handhabung jedoch nicht unbedingt.”

6. “Der Zeitgeist steht rechts, die Zeitungen stehen wo?”
(carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal macht eine “fehlende Vielfalt der großen Medienangebote” aus. “Lästern Politikverächter seit Jahren über die ‘Einheitspartei’ CDUCSUSPDFDPGRÜNE, so zetern die neuen Medienverächter nun über den Einheitsbrei von ZEITSPIEGELSTERNSZFAZWELTBILDTAZFR. Zu lange glaubten die Vertreter der Leitmedien, die Politikverachtung (die eine heuteshow sehr erfolgreich zelebriert) könne nicht auf die Medien abfärben. Nun ist es passiert.”

Zum Schämen

Der Text kommt mit persönlicher Empfehlung von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann. Mit den Worten “Ich weiß, warum ich so gerne in den USA bin!” verlinkte er am Wochenende die aktuelle Kolumne “Wir Amis” von Eric T. Hansen auf “Zeit Online”:

Die gute Seite der “Bild”-Zeitung

Die deutsche Linke schimpft gern auf das größte Boulevardblatt des Landes. Unser Kolumnist hält das für überholtes Schubladendenken.

Wer neutral über die “Bild”-Zeitung nachdenke, schreibt Hansen, müsse zugeben, dass sie auch ihre guten Seiten hat. Und nennt dafür folgendes Beispiel:

Ich erinnere mich zum Beispiel an die Reaktion der Presse, als 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Ausschreitungen gegen Ausländer losbrachen. Die meisten seriösen Zeitungen berichteten mehr oder weniger sachlich und neutral darüber. Bild aber druckte das Foto des “hässlichen Deutschen” ab: eines besoffenen Passanten, der in die Hose gepinkelt hatte und den Hitlergruß zeigt. Die Überschrift lautete, wenn ich mich nicht irre: “Deutschland, schäm dich.” Ich fand die Überschrift passend.

Hansens Erinnerung ist nicht so gut. Ja, die Schlagzeile lautete “Ihr müßt euch schämen”, aber abgebildet war nicht der besoffene Passant mit Hitlergruß. Abgebildet waren: Helmut Kohl, Oskar Lafontaine, Björn Engholm und weitere führende Politiker von CDU/CSU und SPD. Und über der Schlagzeile stand: “Deutsche sauer auf Bonner Politiker”.

Schämen sollten sich laut “Bild”-Schlagzeile vom 27. August 1992 für die Ausschreitungen nicht die Gewalttäter, sondern die Politiker, weil die immer noch nicht das Asylrecht eingeschränkt hatten, wie es die “Bild”-Zeitung und viele andere Medien schon lange forderten.

“Wenn ich mich nicht irre”, schrieb Eric T. Hansen, und vielleicht hätte die Redaktion von “Zeit Online” diese Formulierung ihres Kolumnisten zum Anlass nehmen können, das sicherheitshalber mal schnell nachzuschlagen. Vielleicht hätte es seine Einschätzung der “guten Seiten” der “Bild”-Zeitung verändert, wenn er erfahren hätte, dass er sich irrte, wer weiß.

Jedenfalls hätte er beim Blick ins Archiv viel herausfinden können über den Charakter der “Bild”-Zeitung.

Warum sich die Bonner Politiker “schämen müssen”, erklärt “Bild” an jenem Tag im Einzelnen. Wörtlich:

  • Helmut Kohl (CDU) verweist imer aufs Grundgesetz
  • Oskar Lafontaine (SPD) … ist im Urlaub
  • Björn Engholm (SPD) blockierte bis diese Woche
  • Heiner Geißler (CDU) will noch mehr Ausländer
  • Rudolf Seiters (CDU) viele, viele Konferenzen
  • Peter Gauweiler (CSU) Starke Sprüche, starke Sprüche
  • Otto Solms (FDP) Erst Nein, jetzt Jein
  • Gerhard Schröder (SPD) ist gegen Asylrecht-Änderung
  • Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) Asyl muß bleiben wie es ist

Am selben Tag schreibt Peter Boenisch in “Bild” einen Kommentar zu den Rostocker Krawallen mit der Überschrift:

Darum sind wir [sic!] so wütend

Darin nimmt er die Zuschauer, die den Gewalttätern bei ihren Angriffen applaudierten, in Schutz:

Nicht nur zornig, sondern wütend sind viele Menschen in Rostock. Die Chaoten nützen das aus.

Die Randale beklatschen, sind keine Neonazis — manche von ihnen nicht einmal Ausländerfeinde.

Sie verstehen die Sprüche und Widersprüche unserer Politiker nicht. Wie soll auch ein Kranführer verstehen, daß bei 1,1 Mio. Arbeitslosen in den neuen Ländern in seiner Schicht von vier Kränen drei von Rumänen gesteuert werden — für Dumpinglöhne.

Drei Deutsche gehen stempeln und drei Rumänen arbeiten bei uns für ein Butterbrot.

So wird Ausländerfeindlichkeit nicht bekämpft, sondern gezüchtet.

Die “Bild”-Zeitung hat in den Tagen zuvor auch die Ausschreitungen, die “Chaoten” und “neuen Nazis” kritisiert. “Seid ihr wahnsinnig!” titelt sie über den Beifall der Schaulustigen, als Rechtsradikale versuchen, das “Asylantenheim” zu stürmen. Die “Schuld” an den Angriffen aber sieht “Bild” allein bei der Politik.

“Bild” sorgt sich angesichts der Gewalt offenkundig weniger um die Ausländer als um das Bild Deutschlands in der Welt. Am Tag nach der “Ihr sollt euch schämen”-Schlagzeile macht das Blatt so auf:

Ausland schimpft: Ihr Deutschen seid Nazis

“Bild”-Mann Sven Gösmann, der es heute zum Chefredakteur der Nachrichtenagentur dpa geschafft hat, empört sich darin:

Jetzt prügeln sie auf uns rum: “Nazis”, “Kristallnacht”, “Ausländerfeinde”. Unsere europäischen Nachbarn beschimpfen uns alle nach den Rostocker Krawallen als die “Häßlichen Deutschen”. Wie sie schimpfen, und wie sie es selbst mit den Asylanten halten — Seite 2.

Gösmanns Artikel auf Seite 2, erschienen nach Monaten und Wochen mit Angriffen von Deutschen auf Ausländer, trägt die Überschrift:

Das Ausland prügelt wieder auf die Deutschen ein

Auch in den Tagen und Wochen nach den Ausschreitungen kämpft “Bild” gegen eine ausgeruhte Debatte und heizt die Stimmung weiter an:

“Bild”-Kommentator Boenisch legitimiert am 14. September schon vorauseilend mögliche weitere Ausschreitungen, wenn die Politik nicht unverzüglich im Sinne seines Blattes und des Mobs handele:

Die Wartezeit für Bonn ist um. Es ist Tatzeit.

Sonst wird die Straße zum Tatort.

So war sie damals, die Berichterstattung der “Bild”-Zeitung; das, was der amerikanische “Zeit Online”-Kolumnist Eric T. Hansen mit seinem schlechten Gedächtnis als die “gute Seite der ‘Bild’-Zeitung” erinnert, wenn er sich fragt, was die Linken mit ihrem Schubladendenken eigentlich bloß immer gegen dieses Blatt haben.

Stellvertretender Chefredakteur und verantwortlich für die Politik-Berichterstattung der “Bild”-Zeitung im August 1992 war übrigens: Kai Diekmann.

Nachtrag, 23. April. Eric T. Hansen hat in den Kommentaren unter seiner (unveränderten) Kolumne reagiert:

Die Bildblog.de hat mich zurecht darauf hingewiesen, dass ein Satz in meiner Kolumne von Sonntag, in der ich die Kritik der Bild Zeitung kritisiere, nicht stimmte: Ich hatte aus dem Gedächtnis eine Überschrift der 90er (wohlwollend) wiedergegeben, die es gar nicht gab. Ich war fahrlässig, es nicht vorher zu überprüfen, und jetzt ist es mir ziemlich peinlich.

Nachtrag, 24. April. “Zeit Online” hat dem Artikel eine Korrektur hinzugefügt.

Basler Zeitung, Spießerblätter, Venezuela

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Limburger Enten”
(faz.net, Daniel Deckers)
Daniel Deckers listet Ungereimtheiten und Fehler auf in der Berichterstattung von “Spiegel”, “Focus” und “Süddeutscher Zeitung” über den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.

2. “Schleichwerbeverdacht in der ‘Bunten'”
(tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
“Im schönsten Werbesprech” berichtet die “Bunte”, dass Julia Klöckner mit Hilfe von Weight Watchers an Gewicht verloren habe. “‘Hätte Frau Klöckner mit Gemüsesuppe abgenommen, hätten wir auch das geschrieben – und sogar das ganze Rezept abgedruckt’, teilt ‘Bunte’-Chefredakteurin Patricia Riekel mit, die offensichtlich nicht zwischen Suppen und werbenden Unternehmen unterscheiden will.”

3. “Das Bau- und Verkehrsdepartement stellt Falschaussagen der Basler Zeitung richtig”
(medienmitteilungen.bs.ch)
Mit einer Auflistung von Fakten (PDF-Datei) reagiert das Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt auf einen Bericht der “Basler Zeitung”. Die Redaktion “hält an ihrer Darstellung fest”.

4. “Warum ich mich gegen PR abgrenze”
(ottohostettler.wordpress.com)
Soll ein Lobbyist an einem Recherchetag von Journalisten teilnehmen? Otto Hostettler ist dagegen: “Lobbyisten sind wichtige Input-Geber für Journalisten. Aber meiner Meinung nach gibt es keine ‘guten’ oder ‘bösen’ Lobbyisten. Deshalb sollten wir auch eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren. Die Lobbyisten machen es genauso.”

5. “Eine riesige klaffende Wunde”
(schneeschmelze.wordpress.com, Jürgen Fenn)
Jürgen Fenn antwortet auf den Beitrag “Braucht es uns noch?” (carta.info, Wolfgang Michal): “Ich brauche keine der von Wolfgang Michal benannten Spießerblätter zu zitieren, um mein Blog zu füllen. Das mag an meiner Art zu bloggen liegen. Das mag daran liegen, daß mich der professionelle Journalismus immer weniger interessiert und ich insoweit wählerischer geworden bin, indem ich Debatten und Themen verfolge, statt Zeitungen zu abonnieren.”

6. “Constructing ‘Venezuela’ protests: a photo gallery”
(drdawgsblawg.ca, englisch)
Um die Repression in Venezuela zu beschreiben, werden auch aus anderen Ländern stammende Fotos verwendet.

Gema eben vor Gericht

Bild.de hat mal wieder einen “bizarren” Anlass gefunden, um auf der Gema rumzuhacken:

Bizarrer Streit um die Musikrechte bei den Maidan-Protesten in Kiew

Seit Tagen sperrt die “Gesellschaft für Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte” (Gema) die Übertragung der Web-Cams aus Kiew mit der App “EuroMaidan”.

Begründung: Es könnte Musik übertragen werden, für die Tantiemen fällig sind.

Das Portal hat sogar einen CDU-Politiker aufgetrieben, der sich nun über das Vorgehen empört und es “skandalös” findet, dass “unsere im Westen viel gepriesene Informationsfreiheit von einer Einrichtung wie der Gema massiv eingeschränkt wird.”

Die Gema weist die Vorwürfe allerdings zurück:

Eine Sprecherin zu BILD: “Uns ist es ein Anliegen, dass Sie und andere Bürger über aktuelle Ereignisse zu den politischen Protesten in der Ukraine informiert sind. Zum ‘Entsperren’ des Nachrichtenkanals wenden Sie sich bitte an den Plattformbetreiber YouTube.”

Der Autor ergänzt:

Youtube sitzt im kalifornischen San Bruno. Bis sich dort jemand der App annimmt, fällt auf “EuroMaidan” die Youtube-Klappe.

Und siehe da: Schuld ist doch nicht die Gema — sondern Youtube.

Trotzdem lautet die Überschrift:Bizarrer Musikrechte-Streit bei Ukraine-Demos - Gema schaltet auf dem Maidan die Kameras ab

Die Gema hat dazu jetzt eine Stellungnahme veröffentlicht:

Die Online-Ausgabe der Bild Zeitung bild.de berichtete heute, dass die GEMA Webcams auf dem Maidan Platz in Kiew, mit denen über die dortigen Demonstrationen berichtet wird, gesperrt habe. […] Diese Nachricht ist falsch.

Die  GEMA hat in keiner Weise veranlasst oder gefordert, dass die entsprechenden Live-Streams aus dem Netz genommen werden. Die Verwertungsgesellschaft hält es für abwegig und ausgeschlossen, dass bei der Übertragung von Demonstrationen in Kiew Rechte von ihren Mitgliedern verletzt werden können. Die Sperrung erfolgte durch YouTube selbst. Dabei wurde durch die Verwendung der bekannten “GEMA-Sperrtafel”, gegen die die GEMA bereits gerichtlich vor dem Landgericht München vorgeht, der unrichtige Eindruck vermittelt, die GEMA habe die Sperrung gefordert oder veranlasst. Auch bei “gewöhnlichen” Musikvideos, die bereits Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen sind, erfolgt die Sperrung durch YouTube selbst und nicht auf Veranlassung der GEMA.

Obwohl die GEMA bild.de vor der Berichterstattung schriftlich und mündlich auf diesen Sachverhalt hingewiesen hat, berichtete Bild falsch und unter Verletzung journalistischer Sorgfalts- und Berufspflichten. Die GEMA hat aus diesem Grund bereits rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung eingeleitet.

Mit Dank an Nick M.

Nachtrag, 20. Februar: Bild.de hat den Artikel jetzt gelöscht. Derweil hat die Gema-Sprecherin in einem Interview mit taz.de noch mal ausführlich zu dem Fall Stellung genommen und bekräftigt, Bild.de auf Unterlassung und Richtigstellung zu verklagen.

Nachtrag, 28. Februar: In einer kürzlich veröffentlichten Gegendarstellung schreibt die Gema:

“Wir haben zu keinem Zeitpunkt die Sperrung von Web-Cam-Übertragungen aus Kiew veranlasst.”

Und Bild.de muss zugeben:

Die GEMA hat recht.

Bild  

Enteignet Gysi!

Gab es eigentlich schon einmal eine Bundesregierung, die mit so viel Macht ausgestattet war wie die neue Große Koalition? Fragen wir die “Bild”-Zeitung von heute:

Die Große Koalition steht. Heute wird Angela Merkel (59, CDU) als Bundeskanzlerin vereidigt. Ihre Große Koalition hat mehr Macht als jede Regierung in 50 Jahren zuvor — und nie war die Opposition so schwach.
(Seite 1)

Seit fast 50 Jahren war keine Regierung im Bundestag und Bundesrat mit so viel Macht und mit solch erdrückender Mehrheit ausgestattet wie diese Große Koalition.
(Seite 4 oben)

Es ist die mächtigste Regierung seit mehr als 40 Jahren! (…) Die Liliput-Opposition aus Linkspartei und Grünen ist machtlos.
(Seite 4 unten)

Wenn wir das nicht ganz falsch interpretieren, meint die “Bild” also, dass es in den vergangenen 40 bis 50 Jahren keine Bundesregierung gab, die so mächtig war wie die neue Große Koalition. Sie ist so mächtig, dass es überhaupt nur eine Institution in Deutschland gibt, die es mit ihr aufnehmen kann.

Richtig:

16 “Bild”-Mitarbeiter werden gezeigt, die von nun an kritisch über die Bundesregierung berichten sollen, was womöglich den als erstes genannten Bela Anda (SPD), den früheren Regierungssprecher Gerhard Schröders, selbst verblüfft hat. Die Kernkompetenz der 16 liegt anscheinend überwiegend in lustig gemeinten Wortspielen …

“Ich mache Theater, wenn Kultur nur als Gedöns behandelt wird!”

“Ich schieße scharf, wenn das Verteidigungsministerium ein Chaos-Haus bleibt!”

“Ich haue auf den Putz, wenn die Kosten für Mieter und Eigentümer explodieren.”

“Ich sage ‘Stop!’, wenn Autofahrer über die Maut Finanzlöcher stopfen müssen.”

… teilweise aber auch in Hybris:

“Ich lasse nicht zu, dass Jobs kaputtgemacht und Arbeitgeber drangsaliert werden.”

Zunächst aber greift “Bild” nicht die Regierung an, sondern die Opposition aus Linkspartei und Grünen: “Noch nie”, schreibt “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann in seinem Kommentar, “gab es einen Bundestag, in dem die Opposition ganz ohne bürgerliche Stimmen auskommen musste.”

Auf die Regierungserklärung von Angela Merkel wird künftig Oppositionsführer Gregor Gysi antworten. Der Mann, der die alten SED-Kader salonfähig machte.

Das ist nicht gut für Deutschland!

Wenn es keine bürgerliche Opposition im Bundestag gibt, dann muss sich diese Stimme außerhalb des Parlaments Gehör verschaffen.

Deshalb geht BILD in die Opposition. Und wird Außerparlamentarische Opposition. APO!

Die Anmaßung als “APO” kann man als eine nachträgliche Verhöhnung der Bewegung sehen, die von der “Bild”-Zeitung Ende der sechziger Jahre diffamiert und mit größter Schärfe bekämpft wurde.

Bei der Gelegenheit klittert “Bild” aber ein bisschen auch die noch nicht so weit zurückliegende Geschichte und behauptet: “BILD hatte mit seinen Vorhersagen zur GroKo recht!”

Am 15. Juni 2013 hätte das Blatt geschrieben: “Die Große Koalition kommt zurück!“ und damit auch recht behalten. Das ist richtig. In demselben Artikel sagten Nikolaus Blome (heute “Spiegel”) und Stephan Haselberger aber u.a. auch “klar” voraus, dass die FDP in den Bundestag einziehen werde und die Union “(wie so oft) an der Urne schlechter abschneiden [wird] als vorher in den Umfragen”. Nun ja.

Eine weitere angeblich richtige Vorhersage laut “Bild” von heute:

8. November 2013: “Wird Gabriel der Mega-Minister der Großen Koalition?” BILD sagt Gabriel als Vizekanzler und als Minister für das “Mega-Projekt Energie” und für das “Mega-Projekt Wirtschaft” voraus — und BILD liegt wieder richtig.

Kunstvoll hat “Bild” in den Zitaten das dritte “Mega-Projekt” weggelassen, das sie ihm damals zugeschoben hatte: Das “Mega-Projekt Infrastruktur”. Von einem “speziell auf ihn zugeschnittenen Mega-Ressort für Energie, Wirtschaft und Infrastruktur” hatte “Bild” damals gesprochen — von der Infrastruktur ist heute keine Rede mehr.

Kai Diekmann kündigt an:

BILD wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade.

Und bestimmt: ohne Besinnung.

VDS, Buzzfeed, Koalitionsvertrag

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “BILD-Zeitung bekommt Preis für ‘ihre Headline’: Yes, we scan!”
(crackajack.de, René Walter)
“Die Schlagzeile des Jahres 2013 heißt ‘Yes, we scan!’. Sie erschien erstmals in der Bildzeitung vom 10. Juni und fand sich danach auch in vielen anderen Medien sowie auf Protestplakaten gegen die erstmals aufgedeckte US-amerikanische Medienschnüffelei”, behauptet der Verein Deutsche Sprache anlässlich der Auszeichnung der Schlagzeile des Jahres. René Walter hält dagegen: “Ihr wisst ja, dass das nicht auf deren Mist gewachsen ist, sondern ursprünglich aus den Foren bei spOn stammt, dann in den Comments bei Netzpolitik landete und von dort habe ich den Spruch dann in meinem Plakat-Remix verwurstet. Das war am 8. Juni und wurde damals ziemlich rumgereicht. Zwei Tage später druckte es diese ‘Zeitung’ und gewinnt nun dafür einen Preis. Das ärgert mich, sehr.”

2. “Bild lehnt Schlagzeilenpreis ab”
(meedia.de, ms/dis)
“Bild” lehnt die Auszeichnung dafür ab, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber Meedia sagt: “Der Preis gehört dem Netz. Deshalb wird Bild ihn natürlich nicht annehmen.”

3. “Mein erster (und letzter) Tag in der ÖSTERREICH-Redaktion”
(kobuk.at, Markus R. Leitgeb)
Markus R. Leitgeb hört Wolfgang Fellner zu, dem Herausgeber von “Österreich”: “Wenn einer von euch nach Annaberg fährt, die Freundin des Amokläufers findet, die ihm unter Tränen ein Interview gibt und er ein Video davon macht, dann werde ich mir denjenigen sicher gut merken.”

4. “BuzzFeed und Co. – Der neue Journalismus?”
(ndr.de, Video, 5:27 Minuten)
Siehe dazu auch “Acht Dinge, die Journalisten von BuzzFeed lernen können (und drei Sachen, die sie sich besser nicht abgucken)” (ndr.de, Daniel Bröckerhoff und Fiete Stegers).

5. “Vorsicht, SZ: Nicht provozieren”
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Was die “Süddeutsche Zeitung” über den zwischenzeitlich verschwundenen Hamed Abdel-Samad schreibt.

6. “Medien im Koalitionsvertrag”
(lokalblogger.de, Julian Heck)
Julian Heck greift einige die Medien betreffende Punkte aus dem Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD (PDF-Datei) heraus.

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