Archiv für Juli, 2019

(Kein) Türknauf des Todes, Tim K.s Konto, Zu Besuch beim Hetzer

1. Falschmeldung der Polizei auf Twitter: Der Türknauf des Todes kommt vor Gericht
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die Berliner Polizei behauptete auf Twitter fälschlicherweise, bei der Räumung eines Stadtteilladens habe man gerade noch rechtzeitig festgestellt, dass ein Türknauf unter Strom gesetzt worden sei. Wider besseren Wissens war die Korrektur dieser Falschmeldung erst am nächsten Tag erfolgt und habe dadurch nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit bekommen: „Der Spin der Polizei funktionierte: Der Protest gegen die Räumung des Hauses erschien in einem für die Demonstrierenden negativen und gewalttätigen Licht.“

2. Dortmund: Wegen fehlender journalistischer Sorgfalt kassiert die BILD eine einstweilige Verfügung eines Neonazis
(nordstadtblogger.de, Sascha Fijneman & Alexander Völkel)
„Bild“ beziehungsweise der Verlag Axel Springer SE ist vor dem Landgericht Dortmund dem Sänger einer Rechtsrockband unterlegen. „Bild“ habe behauptet, der Sänger sei Mitglied und Führungskader der als rechtsterroristisch eingestuften Neonazi-Organisation „Combat 18“ („Kampfgruppe Adolf Hitler“): „Da jedoch der Axel-Springer-Verlag seine Behauptungen nicht schlüssig durch Quellen belegen konnte und sogar die jeweiligen Aussagen aus den Quellen noch anders darstellte (also nicht ordentlich bzw. falsch zitiert hat), kritisierte das Gericht die mangelhafte journalistische Sorgfaltspflicht bei der Arbeit der BILD-Zeitung.“

3. Mutmaßlicher Facebook-Hetzer nimmt Stellung zu Gewaltaufrufen
(rbb24.de, C. Huppertz & M. Siepmann, Video: 3:37 Minuten)
Der rbb hat einen mutmaßlichen Facebook-Hetzer zu dessen üblen Gewaltaufrufen befragt. Und das ist auf eine gewisse Weise verstörend: Hier steht kein Neonazi mit Glatze, SS-Tätowierung und schwarzen Klamotten auf der Straße, sondern ein ziemlich normaler Bürger. Der sich ohne echte Einsicht windet zwischen „Hab ich gesagt“, „Hab ich nicht gesagt“ und „Hab ich gesagt, aber anders gemeint“. Immerhin will er wohl bei einem seiner Opfer um Entschuldigung bitten, sein Facebook-Profil habe er mittlerweile gelöscht.

4. Lizenz zum Senden
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Da der bestehende Rundfunkstaatsvertrag die neuen Mediennutzungen wie Streaming, Sharing, Gaming, Podcasts und andere Netzangebote nicht ausreichend erfasst, soll ein neuer Medienstaatsvertrag folgen. Die Rundfunkkommission hat vor etwa einem Jahr einen Entwurf veröffentlicht und um Bürgerbeteiligung gebeten. Von dieser Möglichkeit haben über 1200 Personen Gebrauch gemacht. Benedikt Frank fasst den derzeitigen Stand zusammen und erklärt, was es mit der ominösen Rundfunklizenz für YouTuber auf sich hat.

5. Wie breitet sich Parkinson im Körper aus? Wie beeinflussen Flugzeug-Kondensstreifen das Klima? Science Media Newsreel1 No. 55
(meta-magazin.org)
Im Wochenrückblick des „Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Diesmal: Studien über mögliche Ausbreitungswege von Parkinson sowie die Auswirkungen von Kondensstreifen auf die Strahlungsbilanz der Erde.

6. Rassistische Videos: Sparkasse kündigt Konto von Rocker Tim K.
(nw.de)
Der Chef eines Rocker-Clubs sowie rechtslastige Ex-Polizist, YouTuber und Buchautor Tim K. wollte anscheinend Geld für ein Nachrichtenportal sammeln und hat dazu seine private Kontoverbindung verwendet. Nun hat ihm die Sparkasse eben jenes private Girokonto gekündigt, unter anderem wegen eines zu befürchtenden „erheblichen Reputationsschadens“. K. wolle gegen die Kündigung juristisch vorgehen.

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„Bild“-Chef befeuert Debatte über Herkunft von Tätern mit Blödsinn

Momentan wird ja eine Menge darüber diskutiert, inwiefern es nötig oder vertretbar oder falsch ist, bei Verbrechen auch direkt über die Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen zu berichten. Julian Reichelt hatte dazu vor vier Tagen auch eine Art Gedanken:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt - Die Debatte über die Herkunft von Tätern wird auch dadurch befeuert, dass öffentlich-rechtliche Medien behaupten, die Herkunft sei unklar, wenn sie so unklar gar nicht zu sein scheint. Wer glaubt denn ernsthaft, dass uns solches Verschweigen und Verfälschen vor der AfD bewahrt?

Es ging um einen Vorfall im Düsseldorfer Rheinbad, bei dem Jugendliche unter anderem Rutsche und Sprungturm besetzten, woraufhin die Polizei anrücken und das Bad zum wiederholten Male räumen musste. Zum Tweet des „Bild“-Chefs gehören zwei Screenshots — einer von „RP Online“, einer von WDR.de. Worauf Reichelt sich bezieht: Bei „RP Online“ steht, die Jugendlichen würden aus Nordafrika stammen („Eine Gruppe von ungefähr 60 Jugendlichen, die laut Kettler aus Nordafrika stammen sollen“); WDR.de schreibt, die Herkunft der Jugendlichen sei derzeit unklar („Zur Herkunft der Jugendlichen kann die Polizei im Moment nichts sagen“). Da verschweige und verfälsche die Redaktion des öffentlich-rechtlichen WDR doch was, so Reichelt.

Mal abgesehen von der generell verqueren Logik in seinem Tweet verzerrt der „Bild“-Chef hier die Informationslage: Er vergleicht eine Mutmaßung auf Grundlage von Aussehen durch den Geschäftsführer der Bädergesellschaft Roland Kettler (bei „RP Online“) mit einer offiziellen Aussage der Polizei (bei WDR.de). Außerdem steht auch im Text von „RP Online“:

Die Polizei wollte sich zur Nationalität der Jugendlichen nicht äußern.

Was Julian Reichelt „Verschweigen und Verfälschen“ nennt, ist also nichts weiter, als das Wiedergeben der bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gesicherten, offiziellen Informationen.

Dazu kommt: Reichelt befeuert die Debatte über die Herkunft von Tätern mit Blödsinn, wenn er schreibt, dass die Herkunft der Jugendlichen „so unklar gar nicht zu sein scheint“, und damit meint, dass sie aus Nordafrika kommen dürften. Es ist offenbar nicht so eindeutig, wie er es klingen lässt: Die „taz“ berichtet, dass „alle, deren Personalien aufgenommen wurden“, deutsche Staatsangehörige seien. Eine „nordafrikanische Herkunft liege nicht vor.“ „RP Online“ ergänzt, dass zumindest einer von ihnen „auch die nigerianische Staatsangehörigkeit“ besitze.

Glaubt „Bild“-Chef Julian Reichelt denn ernsthaft, dass uns solch unwissendes und vorschnelles Herumgetwittere vor der AfD bewahrt?

EuGH zu Afghanistan-Leaks, Falsche Likes, Ballermann-Apokalypse

1. Kein Vertuschen
(taz.de, Christian Rath)
Als die Funke-Gruppe vertrauliche Berichte über die Situation in Afghanistan veröffentlichte, ging die Bundesregierung dagegen juristisch vor und berief sich dabei auf ihr angebliches Urheberrecht. Der Europäische Gerichtshof hat Zweifel, ob es sich bei den „Afghanistan Papers“ um urheberrechtlich einschlägige Werke handelt, und stuft sie eher als „rein informative Dokumente“ ein. Nun müssen die deutschen Gerichte erneut über den Fall entscheiden.
Weiterer Lesehinweis: Arne Semsrott sorgt sich auf netzpolitik.org vor der neuen Entscheidung: „Damit könnte — je nach finalem Urteil des Bundesgerichtshofs — der Staat ermutigt werden, künftig häufiger das Urheberrecht als Mittel der Zensur zu verwenden. Neben dem Verteidigungsministerium nutzten auch das Innenministerium und das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits das Urheberrecht, um die Veröffentlichung unliebsamer Berichte zu verhindern.“

2. Analyse enthüllt: Falsche Likes auf Cathy Hummels‘ Instagram-Profil
(t-online.de, Lars Wienand & Martin Trotz & Axel Krüger)
Es ist bekannt, dass man Instagram-Follower kaufen kann, doch nicht nur das: Auf dem grauen Social-Media-Markt lassen sich auch Instagram-Likes erwerben. Mindestens 200.000 dieser Likes sollen auf magische Weise auf Fotos der Influencerin Cathy Hummels heruntergeregnet sein, wie eine Analyse von Social Data Pro ergeben habe.

3. Das Dilemma der Aufdeckung
(deutschlandfunkkultur.de, Anke Schaefer, Audio: 6:34 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat sich mit dem irischen Journalisten Derek Scally unterhalten, der einen vielbeachteten und nachdenklichen Artikel über die verstorbene Bloggerin Marie Sophie Hingst verfasst hat. In dem Gespräch wird klar, wie sehr es der Bloggerin, die in Irland lebte, zugesetzt haben muss, dass der „Spiegel“-Artikel über sie auch ins Englische übersetzt worden ist und damit auch in ihrem Gastland lesbar war. Auch die ausführlichen Wikipedia-Einträge über ihre Person, hätten sie sehr belastet.

4. Jetzt wird’s kleinkariert
(djv.de, Hendrik Zörner)
Mit „Jetzt wird’s kleinkariert“ kommentiert Hendrik Zörner die jüngsten Sparmaßnahmen der „Süddeutschen Zeitung“. Dort habe man aus Kostengründen das traditionelle Sommerfest für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgesagt. Außerdem solle den „SZ“-Journalistinnen und -Journalisten der halbe freie Tag am Faschingsdienstag gestrichen werden. Zörner macht eine Gegenrechnung auf: „In den meisten Zeitungsredaktionen liegt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit bei 40 bis 45 Stunden pro Woche, also zwischen zehn und 25 Prozent über der tariflich vereinbarten Zeit. Diese Stunden schenken viele Journalisten ihren Verlagen, weil de facto keine Möglichkeit besteht, die Überstunden abzufeiern.“

5. EuGH erlaubt Sam­p­ling
(lto.de)
Man mag es nicht glauben, aber die Musikgruppe Kraftwerk und der Musikproduzent Moses Pelham streiten sich seit 20 Jahren über die Verwendung eines zwei Sekunden andauernden Loops aus einem Kraftwerk-Song. Nun hat der EuGH die Verwendung der Tonsequenz für zulässig erklärt.

6. Ballermann-Apokalypse im ZDF-„Fernsehgarten“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 3:26 Minuten)
Als am Sonntag über dem Gelände des ZDF-„Fernsehgarten“ während der Übertragung ein Gewitter niederging, dachte man, ein gerechter Gott hätte dem Spuk ein Ende bereitet. Doch weit gefehlt: Die Aktivitäten wurden in die Innenräume verlagert, es kam zu einer Verdichtung des Schreckens. Boris Rosenkranz hat das Grauen in einem dreiminütigen Video zusammengeschnitten.

„Pleite-Iren“? Wer schreibt denn sowas?

Der Vater einer Braut hat zur Hochzeitsfeier seiner Tochter die Bundeskanzlerin eingeladen, und nun konnte Angela Merkel leider nicht persönlich vorbeikommen, sie ließ aber immerhin eine Grußkarte an das Hochzeitspaar schicken und wünschte Braut und Bräutigam alles Gute. Da der Bräutigam 2012, also während der Wirtschaftskrise in Irland, zu einer Gruppe irischer Fußballfans zählte, die bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit einem Banner mit der Aufschrift „Angela Merkel thinks we’re at work“ rumlief, ist das alles auch eine Geschichte für die „Bild“-Medien.

In „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de leiten sie den Artikel so ein:

Wirtschaftskrise, Immobilienblase, Arbeitslosigkeit und Schuldenlast. Im Sommer 2012 war Irland am Boden, das Land musste EU-Hilfen beantragen, die Einwohner wurden als ­Pleite-Iren verspottet.

Wer ist denn bitte so bescheuert und „verspottet“ die Einwohner eines ganzen Landes, das bereits „am Boden“ liegt, pauschal als „Pleite-Iren“?

Na, wer wohl?

Screenshot Bild.de - EU und IWF auf Rettungs-Mission in Dublin - Wie viele Euro-Milliarden bekommen die Pleite-Iren? Finanzminister deutet Einlenken an
Screenshot Bild.de - Bild.de zu Besuch bei den Pleite-Iren! Wer die Krise in Irland sucht, muss in die Geisterdörfer fahren. So nennen sie hier unbewohnte Siedlungen in den Vororten von Dublin.
Screenshot Bild.de - Die Pleite-Iren wollen rund 90 Milliarden aus dem Euro-Rettungsfonds beantragen. Voraussetzung dafür sind aber drakonische Sparmaßnahmen ähnlich wie in Griechenland.
Screenshot Bild.de - Immer neue Nachrichten von den Pleite-Iren. In Dublin geht es um die Feinheiten: Welche Bedingungen muss Irland erfüllen, um an die etwa 90 Milliarden Euro EU-Geld zu kommen.
Screenshot Bild.de - Botschafter Mulhall - Irland wird die Milliarden zurückzahlen! Die Pleite-Iren wollen sich 85 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds pumpen. Botschafter Mulhall verspricht: Wir zahlen die Milliarden zurück!

Und dann wären da natürlich noch die vielen, vielen Artikel zu den „Pleite-Griechen“.

Mit Dank an Tihomir V. für den Hinweis!

Rechte Hassattacken, Zweifel am Zweifel, Weggewischte Skandale

1. „Ich lasse mich nicht einschüchtern“
(spiegel.de, Sophie Madeleine Garbe)
„Ich glaube, es verträgt sich einfach nicht mit dem Weltbild der Rechten, dass es Frauen gibt, die klar und deutlich ihre Meinung vertreten.“ Die bayerische Grünen-Politikerin Katharina Schulze ist besonders häufig das Ziel von AfD-Hassattacken. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Hasskommentaren umgeht: „Inzwischen zeige ich alles an. Am Anfang habe ich viele Sachen einfach gelöscht, weil ich dachte, es ist egal oder zu aufwendig. Aber das ist es nicht. Erst wenn Hass in der Statistik sichtbar wird, wird das Problem auch als solches wahrgenommen. Viele Verfahren werden eingestellt. Aber immer mal wieder hat man Erfolg, dann bekommen die Verfasser eine Geldstrafe oder müssen sich entschuldigen. Ich finde das genau richtig, das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“
Dazu passend ein weiterer Lesetipp: Im „Tagesspiegel“ spricht Joachim Huber mit dem „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle über die heftigen Anfeindungen gegen ihn durch Teile der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Szene. Anfeindungen, an denen auch der AfD-Chef Jörg Meuthen eine Mitschuld trage: „Wer einen Journalisten wie mich öffentlich als „totalitären Schurken“ bezeichnet, erklärt ihn bei solchen Leuten quasi für vogelfrei. Das gehört ja zur kruden Ideologie dieser Extremisten, dass sie sich bei ihren Taten auf ein übergesetzliches Widerstandsrecht beziehen — und das gilt in deren Denken ganz sicher gegenüber Menschen, die auf diese Art und Weise diffamiert werden. Ich gehe davon aus, dass Herrn Meuthen all dies bewusst ist. Daher halte ich seine Verurteilung der Morddrohung nicht gerade für glaubwürdig.“
In diesem Zusammenhang auch lesenswert: Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die auf rechten Feindeslisten stehen (bento.de, Jan Petter & Marc Röhlig).

2. Zweifel am Zweifel
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter)
Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist nach Informationen der „Irish Times“ tot. Hingst waren vor ein paar Monaten allerlei Betrügereien und Fälschungen nachgewiesen worden, vor allem vom „Spiegel“. Der Tod der Bloggerin werfe auch medienethische Fragen auf: Hätten Journalisten erkennen müssen, dass es sich hier um eine Frau in einer Ausnahmesituation beziehungsweise Notlage handelt? „Irish Times“-Reporter Derek Scally hatte sich nach einem Treffen mit Hingst gegen einen Bericht entschieden: „Das war keine News Story. Das war eine sehr aufgewühlte Frau, die Hilfe brauchte.“
Sein nachdenklicher und dem Menschen Hingst nachspürender Text ist unbedingt empfehlenswert: The life and tragic death of Trinity graduate and writer Sophie Hingst
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3. «Einseitig und fiktiv»
(shaz.ch, Mattias Greuter)
Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ berichtete Anfang Juli von einem geschiedenen Vater, der verzweifelt um sein Besuchsrecht kämpft und den Behörden schwere Vorwürfe macht. Nun hat sich die Ex-Frau und Kindsmutter zu Wort gemeldet und legt Informationen vor, die den Konflikt in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Doch auch ohne die Stellungnahme der Mutter hätte der „Tages-Anzeiger“ sorgfältiger vorgehen müssen, findet Mattias Greuter: „Der Artikel von Claudia Blumer stützt die Version des Vaters und nimmt keine kritische Hinterfragung vor, die auch ohne eine Stellungnahme der Mutter möglich gewesen wäre.“

4. «Wenn die Demokratie attackiert wird, dann sollen die Medien nicht neutral sein»
(republik.ch Elia Blülle & Nick Lobeck)
Das Schweizer Onlinemagazin „Republik“ hat sich mit dem US-amerikanischen Journalismus-Professor und Medienforscher Jay Rosen unterhalten. In dem Interview geht es auch um Objektivität im Journalismus und die sogenannte „False Balance“: „Wenn Objektivität heisst, die Unter­stützer sagen das, die Kritiker dies, und ich habe keine Ahnung, was die Wahrheit ist, dann habe ich damit ein Problem.“

5. „Medienwandel schreckt schnell ab“
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die „taz“ hat mit der Kommunikationswissenschaftlerin Julia Lück über Diversität in Redaktionen gesprochen. Das Problembewusstsein sei hoch, so die Forscherin, es sei jedoch nicht allein mit Einstellungsprogrammen zu bewältigen: „Wenn man unterschiedlichste Leute in der Redaktion hat, aber alles andere so macht wie immer, dann geht Vielfalt unter, in den etablierten Strukturen, in den Blattlinien, den Deadlines. Da muss man sich dann überlegen, wie man Vielfalt im Arbeitsalltag leben will. Sonst wird es für die Leute mit diverserem Hintergrund schnell frustrierend.“

6. Silberstein-Skandal, Ibiza-Gate oder die Schredder-Affäre: Warum wir Skandale wegwischen
(derstandard.at, Walter Müller)
Walter Müller fragt sich im „Standard“, warum die österreichischen Skandale so wenig Auswirkungen auf Wählervolk und Wählerverhalten haben. Ein Grund könnte in gruppenpsychologischen Effekten liegen, ein anderer in der Schnelligkeit des medialen Karussells: „Das Tempo des Newsflows killt die Bedeutung der Nachricht. Die News werden durchs Netz gejagt, was am Vormittag noch ein Skandal war, ist am Nachmittag eine Randnotiz. Das Gewicht der Nachricht nimmt im Sekundentakt ab. Für Leser, Hörer, User entschwindet die Orientierung bezüglich dessen, was wirklich wichtig, was wirklich von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Speed kills the message. Was natürlich die Tür für auf die eigene Gruppe zurechtgeschnittene Botschaften weit aufmacht. Denen wird vertraut.“

Stammtischjournalismus ohne Recherche

Nach den rassistisch motivierten Schüssen auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach, bei denen das Opfer lebensgefährlich verletzt wurde, haben „Bild“-Reporter die Stammkneipe des Täters im Nachbarort besucht, mit dem Wirt gesprochen und gleich mehrere Artikel veröffentlicht:

Ausriss Bild-Zeitung - Jetzt spricht der Wirt, bei dem der Rassist von Wächtersbach nach der Tat sein Bier trank - Er kam rein und sagte: Ich habe auf einen Asylanten geschossen
Screenshot Bild.de - Rassist feuert auf Eritreer - In meiner Kneipe prahlte er mit seinen Schüssen!
Screenshot Bild.de - Eritreer von Rassisten aus Auto angeschossen - Hier verbrachte Roland K. seine letzten Minuten - Wirt: Wir haben ihn nicht ernst genommen - BILD zu Besuch im Martinseck
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dieser Kneipe soll Täter Roland K. mehrmals angekündigt haben, jemanden umbringen zu wollen, auch am Tattag, bevor er aus dem „Martinseck“ loszog und auf den Eritreer schoss. Bei der Polizei meldete das niemand, auch nicht der Wirt, dem die „Bild“-Medien nun eine Menge Platz geben, sich zu rechtfertigen. Immerhin „kursieren Gerüchte“, er „würde die Tat dulden.“

Und so kann der Wirt erzählen, was für ein bunter Haufen das doch in seiner Kneipe so sei:

30 Prozent von Dirks Gästen sind Ausländer: „Ob meine Gäste schwarz oder grün sind, blonde Haare oder braune Locken haben, ist mir egal. Hauptsache, sie zahlen und pöbeln nicht.“

Und die Gäste, die zum türkischen Vorbesitzer gegangen sind, kämen ja auch weiter zu ihm:

Vor vier Jahren hat Dirk „Zum Martinseck“ übernommen, von einem Türken: „30 Jahre war die Kneipe in türkischer Hand. Die Gäste von damals kommen heute noch.“ Morgens kommen Rentner, Urlauber. Ab halb fünf Lkw-Fahrer, Bauarbeiter nach der Schicht. Krach gab’s noch nie: „Meinungsverschiedenheiten ja. Ich lasse jedem seine Meinung. Wenn es extrem wird, wird er rausgeschmissen.“

Das, was Roland K. gemacht hat, finde der Wirt auch „nicht gut“:

Er sagte zu BILD: „Ganz deutlich, ich bin kein Nazi. Ich verabscheue die Tat aufs Schärfste. Er hat einen unschuldigen Menschen fast umgebracht, das kann man nicht gut finden. Das ist das Allerletzte.“

Und „Nazi-Sprüche“? Nee, die hätte er nicht geduldet:

Wenn Roland K. hier war, war er eher ruhig: „Wir haben eigentlich nur über Essen geredet. Er war ja Metzger, hat das gelernt, ich hab auch ’ne Metzgerlehre gemacht, das war unsere Basis. Roland fiel nie durch Nazi-Sprüche oder sowas auf, das hätte ich nicht geduldet.“

Mit dem Willen zu fünf Minuten Recherche hätten die „Bild“-Leute mal auf die öffentliche Facebook-Seite des Wirtes gucken können. Und dort hätten sie nach etwas scrollen — denn zugegeben: die Posts liegen schon einige Jahre zurück — entdecken können, dass der Wirt „Nazi-Sprüche“ selbst verbreitet hat. Etwa diesen hier von der Neonazi-Partei NPD:

Screenshot eines Posts des Wirts - Jeder Mensch hat das Recht, seine Kultur und seine Identität zu verteidigen. Auch Deutsche!

Er macht auch ganz gern mal Stimmung gegen „die Fremden“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Mama ich habe Hunger - Ich weiß mein Schatz, aber erst kommen die Fremden dran. - Wieso Mama? - Weil man uns beide sonst als Nazis bezeichnen würde.

Reichsbürgerhaft sei „für die BRD kein Platz mehr“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Es gibt nur ein Deutschland - und da ist für die BRD kein Platz mehr

Zudem würden „immer mehr Ausländer hier angesiedelt“:

Screenshot eines Posts des Wirts - 300.000 Deutsche ohne Wohnung, darunter 30.000 Kinder! Doch die völlig verblödeten Gutmenschen in Deutschland stehen auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt und brüllen den letzten Rest ihres Verstandes heraus, dass immer mehr Ausländer hier angesiedelt werden sollen

Außerdem: „DEUTSCH SEIN IST KEIN VERBRECHEN!“:

Screenshot eines Posts des Wirts - 300.000 Deutsche ohne Wohnung, darunter 30.000 Kinder! Doch die völlig verblödeten Gutmenschen in Deutschland stehen auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt und brüllen den letzten Rest ihres Verstandes heraus, dass immer mehr Ausländer hier angesiedelt werden sollen

Und Angela Merkel und Joachim Gauck könnte man auch mal ganz gut aus dem Flugzeug „hinunterwefen“, dann „freut sich ganz Deutschland“:

Screenshot eines Posts des Wirts - Angela Merkel und Joachim Gauck fliegen über Deutschland. Sagt Gauck: Angela, wenn ich jetzt einen Fünfhunderter hinunterwerfe, freut sich ein Deutscher. Antwortet Merkel: Wenn aber ich zehn Hunderter hinunterwerfe, freuen sich zehn Deutsche! Plötzlich murmelt der Pilot: Wenn ich euch beide hinunterwerfe, freut sich ganz Deutschland

Natürlich können Menschen ihre Ansichten nach Jahren geändert haben (sollte das so sein, könnten sie allerdings auch alte NPD-Reichsbürger-die-Fremden-kriegen-alles-und-wir-nix-Posts von ihrer Facebook-Seite löschen). Es wäre jedenfalls etwas gewesen, mit dem die „Bild“-Reporter den Wirt hätten konfrontieren können, anstatt ihn unwidersprochen von seiner angeblichen Multikulti-Kneipe erzählen zu lassen. Hätte man mal vorher recherchiert.

Letztes Geschäft, Drölfzig Studientote, Konsensverschiebung

1. „Letztes Geschäft im Existenzkampf einer Zeitung“
(deutschlandfunk.de, Michael Bürgers)
„Warum berichtet „Bild“ über die Speiseplan-Änderung in zwei von 56.000 Kitas in Deutschland?“, fragte der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz auf Twitter und war mit dieser Frage nicht allein. Auch wir befassten uns hier im BILDblog mit der Thematik. Der „Deutschlandfunk“ hat unter anderem mit dem Politikberater und ehemaligen „Bild am Sonntag“-Chef Michael Spreng über den Fall gesprochen. Man könne laut Spreng den „Existenzkampf einer Zeitung, ein letztes Geschäft zu machen“, erleben. Sein ehemaliger Arbeitgeber sei zur „Vorfeldorganisation der AfD“ geworden.

2. Nachbeben
(sueddeutsche.de, Adrian Lobe)
Immer mehr Redaktionen bedienen sich automatisierter Schreibprogramme, doch der sogenannte Roboterjournalismus hat seine Tücken. So rutschte der „LA Times“ 2017 eine Falschmeldung von einem Erdbeben in Los Angeles durch, das eigentlich 92 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Auch im Wirtschaftsjournalismus vertraut man zunehmend den automatisierten Meldungen. Auch hier können Fehler dramatische Folgen haben: „Kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn ein Nachrichtenscanner an der Börse die Falschmeldung eines Schreibroboters verarbeiten würde — und infolgedessen der Aktienkurs einbricht. Im Hochfrequenzhandel führen sogenannte Algo-Trader Transaktionen in Mikrosekunden aus. So schnell, wie diese Maschinen operieren, kann keine Meldung korrigiert werden.“

3. Taten und Worte
(zeit.de, Christian Fuchs)
Christian Fuchs schlägt einen historischen Bogen vom Rechtsextremismus der Neunziger bis in die Jetztzeit mit dem Aufstieg der Neuen Rechten. Deren Strategen würden an einer Konsensverschiebung arbeiten und sich dabei eines Medien-Ökosystems aus mehr als 35 Zeitungen, Blogs, Magazinen, YouTube-Kanälen und einem Radiosender bedienen. Fuchs kennt sich in diesem Bereich besonders gut aus und hat mit Paul Middelhoff das Buch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ verfasst. Sein Appell: „Gewaltverherrlichende, einschüchternde und abwertende Äußerungen dürfen nirgends unwidersprochen bleiben. Wenn Politiker und Bürger nicht klare Kante gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit zeigen, werden die Schüsse von Wächtersbach und Kassel nicht die letzten gewesen sein.“

4. Worte als Taten
(kontextwochenzeitung.de, Rainer Jedlitschka)
In der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ geht es um NS-Belastete aus dem heutigen Baden-Württemberg. Ein Kapitel des zuletzt erschienenen Bands widmet sich Giselher Wirsing, dem Star-Journalisten des „Dritten Reichs“. „Kontext“ veröffentlicht das gekürzte Kapitel über den Mann, dessen Karriere nach dem Krieg als Chefredakteur von „Christ und Welt“ weiterging.

5. Kann eine Ex-AfDlerin uns wirklich etwas über Meinungspluralität beibringen?
(jetzt.de, Berit Dießelkämper)
„Funk“ nennt sich das Bündel von öffentlich-rechtlichen Youtube-Kanälen für junge Leute. Seit vier Monaten bespielt dort auch Ex-AfDlerin Franziska Schreiber ihren eigenen Kanal und hat es auf immerhin 15.000 Abonnenten gebracht. Ein Format, das die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Berit Dießelkämper für problematisch hält: „Braucht es wirklich eine ehemalige Anti-Demokratin, um uns Pluralismus zu lehren? Und vor allem: Ist das überhaupt Pluralismus?“

6. Drölfzig Menschen sterben jedes Jahr beim Lesen von Studien
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
In den Jahren 2011 bis 2017 soll es laut einer indischen Studie 259 „Selfie-Tote“ gegeben haben. Eine Meldung, die in den Sozialen Medien vom beömmelungssüchtigen Publikum mit allerlei Spott kommentiert wurde. Dennis Horn hat die Zahl in Relation gesetzt und kommt zu einem anderen Ergebnis: „Fast 0 Prozent aller Selfie-Aufnahmen gehen tödlich aus.“

Kurz ruft an, Märchenhaftes Marketing, RTLs vorläufige Bilanz

1. „Kurz ruft auch höchstpersönlich an“
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Helmut Brandstätter war bislang Herausgeber der österreichischen Tageszeitung „Kurier“, doch er hat seinen Vertrag vorzeitig beendet. Langeweile wird vorerst nicht aufkommen: In wenigen Tagen erscheint sein Buch „Kurz & Kickl – Im Spiel mit Macht und Angst“. Darin berichtet Brandstätter, wie die österreichische Regierung Medien unter Druck setze: „Die Methode Kurz lautet: Wir machen die Schlagzeilen selbst. Sein Team hält eigenständigen Journalismus eher für überflüssig. Stattdessen erzeugen Kurz‘ Presseleute Geschichten und Fotos, damit die Botschaften so dargestellt werden, dass es der Volkspartei nützt. Kurz ruft auch persönlich in Redaktionen an. In einem Fall hat Kurz bei einer Nachrichtenagentur angerufen und wollte, dass der Redakteur den Zwischentitel seines Textes ändert.“

2. Facebook zahlt fünf Milliarden Dollar Bußgeld
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Der Cambridge-Analytica-Skandal kommt Facebook, zumindest in den USA, teuer zu stehen: Die US-Handelsaufsicht hat sich in einem Vergleich mit dem Unternehmen auf ein Bußgeld in Höhe von fünf Milliarden Dollar geeinigt. Nun wolle Facebook „das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen“.

3. Burda entlässt komplette Redaktion
(djv.de, Hendrik Zörner)
Das Medienhaus Burda lässt zukünftig die Inhalte der Fernsehzeitschrift „TV Spielfilm“ von einem externen Dienstleister erstellen und hat der gesamten Redaktion „betriebsbedingt“ gekündigt. Der Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Frank Überall kritisiert das Vorgehen: „Wer seine Kernkompetenz an Dienstleister auslagert, geht einen journalistisch falschen und wirtschaftlich gefährlichen Weg“.
Apropos Burda: Der „Topf voll Gold“ fragt auf Twitter aus Gründen: „Vielleicht müssen wir einfach mal so direkt fragen, @burda_news: Was seid Ihr eigentlich für ein armseliger Haufen?“

4. Märchenhaftes Marketing
(boersenblatt.net, Michael Roesler-Graichen)
Die Stiftung Lesen will in einer Allianz mit Amazon, Thalia und Hugendubel eine Million Märchenbücher verschenken. Eine Aktion, die im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels kritisiert wird, weil sie den unabhängigen Buchhandel außen vor lasse: „Warum muss ein erklärter Monopolist wie Amazon das Märchen-Verschenkbuch in seinem eigenen Imprint (Tinte & Feder) produzieren und es zugleich selbst vertreiben? Weshalb schließen sich Thalia und Hugendubel, die sonst immer für die Diversität im Buchhandel eintreten, dieser Aktion an, bei der sie sich zu Helfershelfern ihres größten Konkurrenten machen?“

5. RTL zieht vorläufige Bilanz nach umfangreichen Überprüfungen
(kommunikation.mediengruppe-rtl.de)
Als RTL vor etwa sechs Wochen von einem Betrugsfall im eigenen Haus berichtete, war noch von sieben gefälschten beziehungsweise manipulierten Beiträgen die Rede. Nun habe man 14 weitere Manipulationsfälle aufgedeckt. In einer Presseerklärung beschreibt RTL, nach welchen drei wiederkehrenden Mustern der Reporter bei den Betrügereien vorgegangen sei.

6. FC Sion: «Reporter ohne Grenzen» greift in Sion-Posse ein
(nau.ch, Mathias Kainz)
Weil dem Schweizer Fußballclub FC Sion die Berichterstattung nicht passt, hat er die Sportjournalisten der Walliser Tageszeitung „Le Nouvelliste“ mit einem Bann belegt. Dagegen wendet sich nun auch Reporter ohne Grenzen.

Schweinische Lüge

Falls es jemand nicht mitbekommen haben sollte: Ein privater Kita-Träger hatte sich dazu entschlossen, beim Mittagessen kein Schweinefleisch mehr anzubieten. Die „Bild“-Redaktion machte aus dieser Kleinigkeit, die, wenn überhaupt, für eine Lokalzeitung von Interesse gewesen wäre, eine Riesennummer auf Seite 1, andere Medien sprangen auf, rechte Hetzer übernahmen das Thema, es gab eine Menge Hass und Drohungen gegen die zwei betroffenen Kitas. Aufgrund dieser ganzen Ereignisse setzte die Kita-Leitung ihre Entscheidung aus und will sie bei den nächsten Elternabenden besprechen.

Damit hatte sich das Thema für „Bild“ allerdings noch nicht erledigt. Der stellvertretende Chefredakteur Timo Lokoschat legt heute noch einmal nach:

Ausriss Bild-Zeitung - Keine Gummibärchen, kein Schnitzel, kein Osterfest - Kniefall vor den Falschen!

Den „Leiter der Leipziger Kita“ — also den Mann, der sich aktuell mit Drohungen von rechten Spinnern rumschlagen muss — bezeichnet Lokoschat als „überengagierten Bessermenschen“ und schreibt:

Schweinefleisch und Gummibärchen sollten künftig tabu sein. Und: Statt Weihnachts- und Ostercafé standen plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita.

Die Behauptung, dass Schweinefleisch und Gummibärchen in den zwei Kitas „künftig tabu sein“ sollten, also: verboten, hält sich hartnäckig. Tatsächlich wollte die Kita-Leitung künftig schlicht kein Schweinefleisch mehr fürs Mittagessen bestellen. Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder in der Kita Würstchen essen oder gelatinehaltige Gummibärchen naschen, dann können sie ihren Kindern nach wie vor Würstchen oder gelatinehaltige Gummibärchen mitgeben. Ein Verbot von Schweinefleisch gibt es nicht.

Und auch, dass „statt Weihnachts- und Ostercafé (…) plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita“ stünden, hat sich Lokoschat ausgedacht. Der Terminkalender der Kitas sah schon immer und sieht auch jetzt Feste und Thementage aller möglichen Religionen vor: christliche, jüdische, hinduistische, muslimische. Das „nur“ in Lokoschats Satz ist genauso falsch wie das „plötzlich“.

Tatsächlich wurde den Eltern heute ein neuer „Jahresplan“ für die zwei Kitas zugeschickt. Und tatsächlich gibt es dort zwei auffällige Änderungen: Der eingetragene Termin am 6. Dezember 2019, der bisher „ElternCafe“ hieß, heißt in der heute rumgeschickten Version „Nikolausfeier“. Und der Termin am 7. April 2020, der bisher ebenfalls „ElternCafe“ hieß, heißt nun „Oster Cafe“. Ein Vater sagte uns allerdings, dass im vergangenen Jahr auch schon Nikolaus und in diesem Jahr auch schon Ostern gefeiert wurde (was sonst wird wohl am 6. Dezember und an einem Tag in der Karwoche gefeiert?).

Was Lokoschat verschweigt: Sowohl in der alten Version des „Jahresplans“ als auch in der neuen ist für den 11. November, den Martinstag, ein sehr christliches Martinsfest eingetragen. Am 13. September soll es ein chinesisches Mondfest geben (zum Hintergrund: eine der beiden Einrichtungen heißt „Konfuzius Kindergarten“). Am 26. Januar soll in den Kitas das chinesische Neujahr gefeiert werden. Am 24. Februar Fasching. Und am 17. Juli das Zuckertütenfest für die Kinder, die sich Richtung Grundschule aufmachen. Wie gesagt: alles sowohl im alten als auch im neuen „Jahresplan“. Was es weder in der einen noch in der anderen Version gibt: ein Feier zu einem muslimischen Fest. Dafür gibt es einen Eintrag zu Bayram, also zum muslimischen Zuckerfest. Allerdings soll das in den Kitas nicht gefeiert werden — es soll ein Thementag dazu stattfinden: für den 25. Mai ist im alten wie im neuen Kalender „Thementag Bayram“ vermerkt. Genauso sollte es in den Kitas schon immer Thementage zum jüdischen Sukkot und zum hinduistischen Diwali geben. Zum muslimischen Ramadan gibt es erst in der neuen Version des „Jahresplans“ einen Thementag; im alten waren lediglich der Beginn und das Ende des Fastenmonats als Termine vermerkt. Ein Vater sagte uns, dass die Kinder an den Thementagen nicht teilnehmen müssen. Sie können stattdessen auch spielen oder malen.

Wenn der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Timo Lokoschat also schreibt, dass „plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita“ stehen, obwohl er wissen muss, dass das nicht stimmt, schließlich scheint ihm der „Themenplan der Kita“ vorzuliegen, dann ist das eine glatte Lüge.

„Operation Reisswolf“-Video, Geschmacklos, Newsroom-Klimbim

1. Die Wahrheit über die Operation Reisswolf
(youtube.com, Falter, Video: 4:43 Minuten)
Die „Falter“-Redaktion hat das Video zur „Operation Reisswolf“ ausgegraben: „Sehen Sie hier exklusiv, wie ein enger Mitarbeiter von Sebastian Kurz mit Fake-Accounts und falschem Namen 5 Festplatten des Bundeskanzleramts vernichtete.“
Dazu auch: Geheimoperation Reißwolf (sueddeutsche.de).

2. „Finden Sie das nicht geschmacklos?“
(cicero.de, Bastian Brauns)
Beim ARD-Sommerinterview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner stellte die Interviewerin eine Frage, die Lindner schlicht mit „Geschmacklos!“ beantwortete. In der Schnellfragerunde hatte ARD-Moderatorin Tina Hassel Lindner die Wahl gelassen zwischen „Lieber Vermögenssteuer oder gleichaltrige Freundin?“. Als sich Lindner über die Art der Fragestellung beschwerte, verteidigte sich Hassel damit, dass es sich um eine Zuschauerfrage handele und sie „Anwalt“ der eingehenden Fragen sei. Bastian Brauns erklärt, was an der Frage alles falsch ist.

3. Newsroom-Klimbim
(journalist-magazin.de, Olaf Wittrock)
Bundestagsfraktionen und Parteizentralen muss es wie ein herrlicher Traum vorkommen: Wie schön müsste es sein, wenn man die lästigen Journalistinnen und Journalisten abschütteln könnte und mittels eines eigenen Newsrooms die Berichterstattung lenken könnte? Eine Art Trendsetter ist ausgerechnet die AfD, die dies schon lange angekündigt und dafür angeblich 20 Planstellen geschaffen hat. Olaf Wittrock erklärt, inwieweit die Hoffnungen der Parteien auf die eigenen Nachrichtenzentralen berechtigt sind und inwieweit nicht.

4. Liebe Parlamente: Dass kleineanfragen.de stirbt, ist auch eure Schuld
(netzpolitik.org, Anna Biselli)
Wenn die Dokumentationsseite kleineanfragen.de stirbt, stirbt auch ein kleines Stück Demokratie. Seit fünf Jahren wurde auf der Plattform alles zusammengetragen, was die Parlamentarier aus den Bundes- und Landesparlamenten so wissen wollten. Ende 2020 steht nun das traurige Ende der Seite bevor. Der Grund: „Es fehlt auf Seiten der Parlamente und Verwaltungen an Konsistenz, an einheitlichen Standards und am Wille, etwas Kompatibles und Langfristiges zu schaffen. Es ist eine Sisyphosarbeit, die Informationen zugänglich zu machen. Ein einzelner Mensch, der das bei kleineanfragen.de ehrenamtlich leistete, kann das nicht schaffen.“

5. Die Angst vor dem Wort „Rassismus“
(taz.de, Carolina Schwarz)
Carolina Schwarz hat sich die Medienberichterstattung über einen Angriff auf einen Eritreer in Hessen angeschaut und kritisiert das dabei verwendete Vokabular: „Dass verschiedene Medien den brutalen Vorfall vermelden, ist richtig, doch ihre Wortwahl ist falsch. Bei den Schüssen auf den Eritreer handelt es sich nicht um ein fremdenfeindliches, sondern um ein rassistisches Motiv. Und das ist ein großer Unterschied.“

6. Neue Vorwürfe gegen Spiegel TV wegen Saarbrücken-Film
(saarbruecker-zeitung.de, Niklas Folz)
Die Stadt Saarbrücken hat sich über den „Spiegel TV“-Beitrag „Saarbrooklyn – Der Randbezirk der Gesellschaft“ geärgert und bei der zuständigen Medienanstalt Beschwerde eingelegt. Der Fernsehbeitrag sei extrem einseitig und verzerrt. Außerdem habe man der Stadt nicht die Gelegenheit gegeben, sich zu den angeblichen Missständen zu äußern. Weiterhin habe das TV-Team einen „überaus verantwortungslosen Umgang“ mit Drogenabhängigen an den Tag gelegt.

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