Archiv für Juli 18th, 2019

Was kümmert sie der Funken Stolz von gestern?

Stellen wir uns mal kurz vor, die Nikolaus Blomes und die Ralf Schulers von „Bild“, die als Politik- und als Parlamentsbürochefs den politischen Kurs des Blatts maßgeblich prägen, säßen im EU-Parlament und hätten am Dienstag darüber abstimmen können, ob Ursula von der Leyen neue Kommissionspräsidentin werden soll. Wie hätten sie sich wohl entschieden? Hätte sie für von der Leyen gestimmt und damit bei diesem „Eurokraten-Monster mit undurchsichtigen Strukturen und Hinterzimmer-Klüngeln“ (Schuler) mitgemacht? Hätten sie „den Brüsseler Posten-Poker“ (Schuler), dieses „irre“ (Schuler) „Posten-Billard über alle erdenklichen Banden“ (Schuler) einfach so hingenommen?

Oder hätten sie das „unwürdige Gezerre im EU-Rat“ (Schuler) nicht akzeptiert? Hätten sie sich daran erinnert, dass das „anders versprochen“ (Blome) war? Dass das „so nicht“ (Blome) geht? Hätten sie als Europa-Parlamentarier „einen Funken Stolz“ (Blome) gehabt und „Nein“ gesagt? „Aus Prinzip“ (Blome)? „Aus Selbstachtung“ (Blome)?

Wären sie bei „Bild“ nicht Fähnchen im Wind, würden wir uns festlegen: Die „Bild“-Leute hätten gegen Ursula von der Leyen gestimmt, denn sie hätten damit gegen das Missachten des Spitzenkandidatenprinzips gestimmt. So wie die 16 SPD-Politikerinnen und Politiker, über die „Bild“ und Bild.de nun schreiben:

Screenshot Bild.de - Nach Kollektiv-Nein im Europa-Parlament - SPD feiert ihr 16:0 gegen von der Leyen

Unter den 327 Abgeordneten, die GEGEN die CDU-Frau stimmten, waren alle 16 SPD-Abgeordneten. Obwohl eine Deutsche zur Wahl stand, mit der man seit Jahren den Kabinettstisch teilte. Obwohl sich die Mehrheit der europäischen Sozialisten nach ihrer Bewerbungsrede FÜR von der Leyen aussprach.

Die Europa-SPD wehrt sich bei Twitter gegen die Unterstellung, man würde das Stimmverhalten „feiern“. Man habe ein Wahlversprechen gehalten, Europa dürfe „keine Wundertüte sein“: „Die BürgerInnen müssen vorher wissen, was sie nachher bekommen können. Dafür machen wir uns weiter stark.“

Im Grunde haben die Europaabgeordneten der SPD also das gemacht, was die Leute von „Bild“ vor ein paar Tagen noch herbeigeschrieben haben — und für das die Redaktion die Politikerinnen und Politiker nun als feiernde Querulanten dastehen lässt.

Wann ist man für „Bild“ ein „Deutscher“?

Es gibt Neues vom „Bild“-Verteidiger Ernst Elitz.

Screenshot BILD.de: Der BILD-Ombudsmann - Hass-Briefe an BILD

Nachdem BILD über eine mutmaßliche Vergewaltigung auf Mallorca berichtete, erhielt ich eine Vielzahl von Briefen, in denen sich Leser hasserfüllt darüber beschwerten, dass die Verdächtigen als „Deutsche“ bezeichnet wurden — obwohl Namen und Aussehen auf einen Migrationshintergrund hindeuteten.

Meine Antwort: „Die Redaktion kann den Verdächtigen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen.“ Es ist nicht ihr Auftrag, die Herkunft von Menschen, über die sie berichtet, über möglichst viele Generationen zurückzuverfolgen. Wer einen deutschen Pass hat, ist ein Deutscher — auch wenn das nicht allen passt.

Für „Bild“ zählt also nicht die Herkunft eines Menschen, sondern einzig und allein sein Pass?

Bullshit.

Erst vor gut einer Woche berichtete Bild.de über die mutmaßliche Vergewaltigung eines Mädchens in Herne:

Screenshot BILD.de:  Teenager (13, 14) sollen Mädchen (14) vergewaltigt haben - Das Opfer ließen sie bewusstlos in den Büschen liegen

Zu den Tatverdächtigen schrieb die Redaktion:

Die Tatverdächtigen sind libanesischer Herkunft, haben aber auch einen deutschen Pass.

Wenn nur der Pass zählt, warum dann erwähnen, dass sie „libanesischer Herkunft“ sind? Und was heißt das überhaupt? Wie viele Generationen hat „Bild“ diesmal zurückverfolgt?

Oder hier:

Screenshot BILD.de: Freund seiner Ex attackiert - Stalker rammt Mann Meser in Hals

H. , ein Deutscher mit kasachischer Herkunft, hatte in der Nacht zum Samstag seine Ex verfolgt, (…)

Oder hier:

Screenshot BILD.de: Artisten und Tänzerinnen ausgebeutet - Razzia in der Zirkus-Szene - Frauen sollen an Bordelle verkauft worden sein

Die Hauptbeschuldigten — ein Mann (51) aus Simbabwe und eine Deutsche (62) russischer Herkunft — wurden festgenommen.

Oder hier:

Sreenshot BILD.de: Überfall auf Villa in Sittensen - Millionär erschießt Räuber (16)

Bei dem Getöteten handelt es sich laut Polizei um einen 16-jährigen Intensivtäter. Der Deutsche albanischer Herkunft ist einschlägig bekannt.

Oder hier:

Screenshot BILD.de: 10 Millionen Dollar erzockt - Deutscher gewinnt weltgrößtes E-Sport-Turnier

Der Deutsche ist jetzt der Spieler mit den meisten Turnierpartien (202) und — allein mit Preisgeld-Einnahmen von mehr als 3,5 Millionen Dollar — der finanziell erfolgreichste E-Sportler überhaupt.

Ach, nee. Wenn es um etwas Positives geht, erwähnt „Bild“ die Herkunft eines Menschen (in diesem Fall: Iran) in der Regel nicht. Dann zählt nur der Pass, dann sind sie einfach bloß: Deutsche. Dann sind sie welche von „uns“. Nur wenn sie vergewaltigen, rauben und morden, sind sie: Ausländer, die zufällig einen deutschen Pass haben.

Aber nochmal zurück zu Ernst Elitz, der ja darüber jammert, dass der „Bild“-Zeitung Hass entgegenschlage. Was Elitz natürlich nicht erwähnt und vermutlich nicht mal bemerkt: Tatsächlich hat sich die Redaktion das selbst eingebrockt. Denn der Grund für die ganze Aufregung ist ja, dass die Verdächtigen zwar Deutsche sind, nach der Meinung einiger Leserinnen und Leser aber nicht deutsch aussehen — wie zum Beispiel die Kommentare auf der „Bild“-Facebookseite zeigen:

Beitrag auf der Facebookseite von BILD: "Deutsche (18) auf Mallorca vergewaltigt: U-Haft für diese zwei Männer!" Auf dem Foto sind die beiden Verdächtigen zu sehen, nur mit einem Augenbalken unkenntlich gemacht. Den Rest ihrer Gesichter, ihre dunklen Haare, Bärte und Hautfarbe sind deutlich zu erkennen. Der Top-Kommentar unter dem Beitrag mit 2.700 Likes lautet: "Sehen ja sehr deutsch aus die beiden..."
(Augenbalken von „Bild“, alle anderen Unkenntlichmachungen von uns.)

Auch rechte Krawallschreiber wie „Tichys Einblick“, die Zweifel an der Deutschheit der Verdächtigen hegten, begründeten dies mit Fotos, die sie bei „Bild“ gesehen hatten, auf denen sie „Südländer“ zu erkennen glaubten.

Das konnten sie allerdings nur, weil „Bild“ den Männern lediglich einen Augenbalken verpasst hatte, den Rest aber erkennbar ließ. Hätte die Redaktion die Verdächtigen — wie es auch die deutsche Rechtsprechung verlangt — komplett unkenntlich gemacht, wäre es womöglich gar nicht zu all dem Hass gekommen.

Aber eine Komplettverpixelung bekommen bei „Bild“ ja traditionell nur Verdächtige, die nicht „südländisch“ aussehen. Was wiederum die Frage aufwirft, ob „Bild“ den Hass nicht sogar absichtlich geschürt hat. Der Frage sollte man mal nachgehen. Ernst Elitz, übernehmen Sie!

Wobei … lassen Sie’s. Die Antwort können wir uns eh schon denken.

Razzia bei „Öko-Test“, Mit Rechten reden?, FaceApp in der Kritik

1. „Arglistig getäuscht“
(sueddeutsche.de, Christoph Giesen & Klaus Ott)
Verantwortliche des zur Medien-Holding der SPD gehörenden Verbraucher­magazins „Öko-Test“ stehen unter dem Verdacht, im Zusammenhang mit einer Expansion nach China Firmengelder in Millionenhöhe veruntreut zu haben. Die Verdachtsmomente wiegen so schwer, dass bei einer Razzia mehr als 40 Beamte zum Einsatz kamen. Die „Süddeutsche Zeitung“ erzählt die ganze Geschichte, die sich streckenweise wie ein Medienkrimi liest.

2. Digitaler Helpdesk für Medienschaffende
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen startet einen digitalen Helpdesk mit Informationen zu Themen wie Verschlüsselung, Anonymisierung und Account-Sicherheit sowie dem professionellen Umgang mit Hassrede und Falschnachrichten. Ein Angebot, dass der ROG-Geschäftsführer für unbedingt erforderlich hält: „Digitale Gefahren gehen in der journalistischen Arbeit längst einher mit physischen Bedrohungen. Dennoch wissen viele Journalistinnen und Journalisten nicht genug, um sich selbst und ihre Quellen zu schützen“.

3. Frauen auf dem Schirm
(tagesanzeiger.ch, Walter Niederberger)
In den USA gibt es bei den großen TV-Sendern ABC, NBC und MSNBC mehr Frauen in Spitzenpositionen. Das liege daran, dass weibliche TV-Hosts bei den Zuschauerinnen und Zuschauern besser ankämen, es ist aber auch darauf zurückzuführen, dass etliche prominente Fernsehmänner in den vergangenen Jahren wegen sexueller Übergriffe ihre Plätze räumen mussten.

4. Ein Spiel als Impfung gegen Fake News
(heise.de, Sascha Mattke)
Forscher der University of Cambridge haben ein Onlinespiel entwickelt, bei dem man in die Rolle eines Fake-News-Verbreiters schlüpfen und mit allerlei schmutzigen Tricks darauf hinarbeiten muss, möglichst viele Follower zu generieren. Anschließend seien die Probanden besser in der Lage gewesen, Falschnachrichten zu erkennen, es ist gar von einem Immunisierungseffekt die Rede.

5. Warum reden Sie mit Rechten, Herr Augstein?
(belltower.news, Fabian Schroers)
Es ist eine hierzulande oft diskutierte Frage: Darf oder soll man mit Rechten reden? Jakob Augstein hat dies im Mai getan, als er sich mit Karlheinz Weißmann, einem der Vordenker der Neuen Rechten, auf Schloss Ettersburg bei Weimar traf. Augstein hat dies vor ein paar Tagen im „Tagesspiegel“ erklärt und begründet. Erklärungen, denen Fabian Schroers wenig bis nichts abgewinnen kann: „So hat das Gespräch auf Schloss Ettersburg herzlich wenig gebracht, außer der „neurechten“ Publizistik Gelegenheit zu geben, vollmundig über „demokratischen Dialog“ zu schwadronieren und sich in einem hübschen Schloss wichtig zu fühlen. Sowohl „neurechtes“ Personal als auch dessen Positionen sind weiter legitimiert und normalisiert worden“.

6. Tausche lustiges Foto gegen meine Daten
(spiegel.de, Caspar von Allwörden)
Mit der Bildmanipulationssoftware FaceApp kann man sich in ein jüngeres oder älteres Ich verwandeln lassen. Weil dies erstaunliche Effekte hervorbringt, geistern die derart gepimpten Bilder gerade quer durch die sozialen Medien. Nun gibt es Kritik am unzureichenden Datenschutz und an dem Umstand, dass die App aus Russland stamme. Ein führender Demokrat im US-Senat sieht in der App gar „ein Risiko für die nationale Sicherheit und die Privatsphäre von Millionen US-Bürgern“. Die Daten könnten einer „gegnerischen Macht“ in die Hände fallen. In Anbetracht des Umstandes, dass es unzählige datensammelwütige Apps gibt und dass die us-amerikanischstämmigen sozialen Netzwerke wohl zu den weltweit größten Datenhortern zählen, eine erstaunliche Sichtweise.