Rechte Hassattacken, Zweifel am Zweifel, Weggewischte Skandale

1. „Ich lasse mich nicht einschüchtern“
(spiegel.de, Sophie Madeleine Garbe)
„Ich glaube, es verträgt sich einfach nicht mit dem Weltbild der Rechten, dass es Frauen gibt, die klar und deutlich ihre Meinung vertreten.“ Die bayerische Grünen-Politikerin Katharina Schulze ist besonders häufig das Ziel von AfD-Hassattacken. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Hasskommentaren umgeht: „Inzwischen zeige ich alles an. Am Anfang habe ich viele Sachen einfach gelöscht, weil ich dachte, es ist egal oder zu aufwendig. Aber das ist es nicht. Erst wenn Hass in der Statistik sichtbar wird, wird das Problem auch als solches wahrgenommen. Viele Verfahren werden eingestellt. Aber immer mal wieder hat man Erfolg, dann bekommen die Verfasser eine Geldstrafe oder müssen sich entschuldigen. Ich finde das genau richtig, das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“
Dazu passend ein weiterer Lesetipp: Im „Tagesspiegel“ spricht Joachim Huber mit dem „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle über die heftigen Anfeindungen gegen ihn durch Teile der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Szene. Anfeindungen, an denen auch der AfD-Chef Jörg Meuthen eine Mitschuld trage: „Wer einen Journalisten wie mich öffentlich als „totalitären Schurken“ bezeichnet, erklärt ihn bei solchen Leuten quasi für vogelfrei. Das gehört ja zur kruden Ideologie dieser Extremisten, dass sie sich bei ihren Taten auf ein übergesetzliches Widerstandsrecht beziehen — und das gilt in deren Denken ganz sicher gegenüber Menschen, die auf diese Art und Weise diffamiert werden. Ich gehe davon aus, dass Herrn Meuthen all dies bewusst ist. Daher halte ich seine Verurteilung der Morddrohung nicht gerade für glaubwürdig.“
In diesem Zusammenhang auch lesenswert: Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die auf rechten Feindeslisten stehen (bento.de, Jan Petter & Marc Röhlig).

2. Zweifel am Zweifel
(sueddeutsche.de, Laura Hertreiter)
Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist nach Informationen der „Irish Times“ tot. Hingst waren vor ein paar Monaten allerlei Betrügereien und Fälschungen nachgewiesen worden, vor allem vom „Spiegel“. Der Tod der Bloggerin werfe auch medienethische Fragen auf: Hätten Journalisten erkennen müssen, dass es sich hier um eine Frau in einer Ausnahmesituation beziehungsweise Notlage handelt? „Irish Times“-Reporter Derek Scally hatte sich nach einem Treffen mit Hingst gegen einen Bericht entschieden: „Das war keine News Story. Das war eine sehr aufgewühlte Frau, die Hilfe brauchte.“
Sein nachdenklicher und dem Menschen Hingst nachspürender Text ist unbedingt empfehlenswert: The life and tragic death of Trinity graduate and writer Sophie Hingst
.

3. «Einseitig und fiktiv»
(shaz.ch, Mattias Greuter)
Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ berichtete Anfang Juli von einem geschiedenen Vater, der verzweifelt um sein Besuchsrecht kämpft und den Behörden schwere Vorwürfe macht. Nun hat sich die Ex-Frau und Kindsmutter zu Wort gemeldet und legt Informationen vor, die den Konflikt in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Doch auch ohne die Stellungnahme der Mutter hätte der „Tages-Anzeiger“ sorgfältiger vorgehen müssen, findet Mattias Greuter: „Der Artikel von Claudia Blumer stützt die Version des Vaters und nimmt keine kritische Hinterfragung vor, die auch ohne eine Stellungnahme der Mutter möglich gewesen wäre.“

4. «Wenn die Demokratie attackiert wird, dann sollen die Medien nicht neutral sein»
(republik.ch Elia Blülle & Nick Lobeck)
Das Schweizer Onlinemagazin „Republik“ hat sich mit dem US-amerikanischen Journalismus-Professor und Medienforscher Jay Rosen unterhalten. In dem Interview geht es auch um Objektivität im Journalismus und die sogenannte „False Balance“: „Wenn Objektivität heisst, die Unter­stützer sagen das, die Kritiker dies, und ich habe keine Ahnung, was die Wahrheit ist, dann habe ich damit ein Problem.“

5. „Medienwandel schreckt schnell ab“
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die „taz“ hat mit der Kommunikationswissenschaftlerin Julia Lück über Diversität in Redaktionen gesprochen. Das Problembewusstsein sei hoch, so die Forscherin, es sei jedoch nicht allein mit Einstellungsprogrammen zu bewältigen: „Wenn man unterschiedlichste Leute in der Redaktion hat, aber alles andere so macht wie immer, dann geht Vielfalt unter, in den etablierten Strukturen, in den Blattlinien, den Deadlines. Da muss man sich dann überlegen, wie man Vielfalt im Arbeitsalltag leben will. Sonst wird es für die Leute mit diverserem Hintergrund schnell frustrierend.“

6. Silberstein-Skandal, Ibiza-Gate oder die Schredder-Affäre: Warum wir Skandale wegwischen
(derstandard.at, Walter Müller)
Walter Müller fragt sich im „Standard“, warum die österreichischen Skandale so wenig Auswirkungen auf Wählervolk und Wählerverhalten haben. Ein Grund könnte in gruppenpsychologischen Effekten liegen, ein anderer in der Schnelligkeit des medialen Karussells: „Das Tempo des Newsflows killt die Bedeutung der Nachricht. Die News werden durchs Netz gejagt, was am Vormittag noch ein Skandal war, ist am Nachmittag eine Randnotiz. Das Gewicht der Nachricht nimmt im Sekundentakt ab. Für Leser, Hörer, User entschwindet die Orientierung bezüglich dessen, was wirklich wichtig, was wirklich von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Speed kills the message. Was natürlich die Tür für auf die eigene Gruppe zurechtgeschnittene Botschaften weit aufmacht. Denen wird vertraut.“