Archiv für Juni, 2019

„Nicht von Deutschland aus betrieben oder verwaltet“

Diese „Bild“-Titelschlagzeile vom vergangenen Freitag …

Ausriss Bild-Titelseite - Granaten auf deutschen Öl-Tanker

… klingt ja so, als wären bei den Angriffen auf zwei Schiffe im Golf von Oman „GRANATEN“ auf einen „deutschen Öl-Tanker“ geschossen worden.

Nun ist es schon nicht wirklich sicher, ob es sich tatsächlich um Granaten handelte oder um Torpedos oder um Haftminen oder um wasauchimmer, das zu den Explosionen führte. Aber eigentlich soll es hier sowieso um was anderes gehen: War das wirklich ein „deutscher Öl-Tanker“? Das behaupten ja auch andere Medien.

Zwei Schiffe wurden vergangenen Donnerstag circa 26 Kilometer vor der iranischen Küste angegriffen. Das eine heißt „Front Altair“, fährt unter der Flagge der Marshallinseln, gehört zur norwegischen Reederei Frontline und war vergangenen Freitag brennend auf der „Bild“-Titelseite zu sehen. Mit dem „deutschen Öl-Tanker“ meint die Redaktion allerdings das andere angegriffene Schiff namens „Kokuka Courageous“. So richtig deutsch ist es aber nicht: Die Reederei Kokuka Sangyo ist ein japanisches Unternehmen, das Schiff fährt unter der Flagge Panamas, die Besatzung kommt von den Philippinen, die Klassifikationsgesellschaft ist aus Frankreich, die Hauptmaschine aus Japan, es wurde in China gebaut. Die einzige Verbindung zu Deutschland: Der Vertragsreeder, der die Bereederung des Schiffs (das ihm aber nicht gehört) als Dienstleistung übernimmt, also den Betrieb managt, sitzt in Singapur und ist, oha!, eine Tochtergesellschaft der Hamburger Reedereigruppe Schulte Group.

Auch die Hamburger Staatsanwaltschaft sagt: „Das Schiff wird nicht von Deutschland aus betrieben oder verwaltet“. Und sogar Welt.de widerspricht indirekt den Springer-Kollegen von „Bild“ und deren Titelschlagzeile:

Bei der „Kokuka Courageous“ von einem deutschen Schiff zu sprechen trifft nicht zu.

Mit Dank an Niclas für den Hinweis!

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RTLs langjähriger Fälscher, Versagen von Hitzacker, Bildundtonfabrik

1. Mut zur Aufklärung
(taz.de, Anne Fromm & Peter Weißenburger)
Bei RTL hat ein Reporter über Jahre Fernsehbeiträge manipuliert, gefälscht oder in einen falschen Kontext gesetzt. Der Sender hat sich von dem Mitarbeiter getrennt und sich mit einer Erklärung an die Zuschauer gewandt. Die „taz“ kommentiert: „In der Sendung „Punkt 12“ am Freitag entschuldigte sich Moderatorin Katja Burkard im Namen des Senders „für die mangelnde Sorgfaltspflicht“ des Mitarbeiters. Gemeint war gewiss „mangelnde Sorgfalt“. Obwohl.“ Weiterer Lesetipp: RTLs offizielle Pressemitteilung mit der Schilderung eines typischen Ablaufs: „In einem weiteren Fall wurde Rohmaterial aus einem RTL Nord-Dreh mit der Musikerin Melanie C. für einen Beitrag über Desinfektionsmittel genutzt. Darin behauptete der Reporter, bei einem Interview bemerkt zu haben, dass auch Melanie C. sich die Hände desinfiziert. Tatsächlich aber cremt sich die Musikerin die Hände und Unterarme nur mit Feuchtigkeitscreme ein und sagt dies auch selbst so.“

2. Fernsehrevolten und Verleih von Flugsauriern
(sueddeutsche.de, Kathrin Hollmer)
Die Produktionsfirma Bildundtonfabrik ist vor allem bekannt durch Jan Böhmermanns Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“, aber auch als Lieferant der Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“. Kathrin Hollmer stellt die Firma und ihre umtriebigen Gründer in einem Porträt vor.
Weiterer Lesetipp: Die TV-Kritik der vergangenen Böhmermann-Sendung: Erst mit Rezo wird es fad (sueddeutsche.de, Theresa Hein).

3. Ein Jahr nach Hitzacker – Das Schweigen über ein journalistisches Versagen
(spiegelkritik.de, Timo Rieg)
Pfingsten 2018 kam es zu einer Spontandemo vor dem Hause eines Polizisten im Wendland. Viele Medien plusterten sich auf und skandalisierten den Vorgang als linken Terrorakt (wir berichteten). Juristisch schrumpfte der Elefant bereits zur Mücke: Die Ermittlungsverfahren gegen alle 50 Demonstranten wurden eingestellt. Das Problem: So laut das Geschrei der Medien damals war, so laut ist nun ihr Schweigen.

4. Wie junge Abgeordnete Social Media (nicht) nutzen
(wdr.de)
Anfang 2018 sorgten die im NRW-Landtag vertretenen CDU, FDP, SPD und Grüne für eine satte Erhöhung der Mitarbeiterpauschalen für Abgeordnete, indem sie die bisherigen 4.417 Euro nahezu verdoppelten. Der üppige Aufschlag sollte der Social-Media-Arbeit zugutekommen. Die „Westpol“-Redaktion (WDR) hat sich umgeschaut, inwieweit das auch tatsächlich umgesetzt wurde. Mit teilweise ernüchternden Ergebnissen: „Die junge Grüne Verena Schäffer beispielsweise, die die Budgeterhöhung mit gefordert hatte, sucht man bei Instagram und Youtube vergeblich, auf Facebook hat Schäffer zuletzt 2018 gepostet — genau ein Mal.“

5. Die Nerds, denen Apple zuhört
(zeit.de, Hannes Schrader)
Hannes Schrader stellt einen Blogger und Podcaster vor, der in der Apple-Szene ein großes Publikum hat: John Grubers Tech-Blog „Daring Fireball“ werde 2,5 Millionen Mal im Monat aufgerufen, sein Podcast von 75.000 Leuten gehört. Mittlerweile hören sich auch die Apple-Manager an, was der Influencer zu sagen hat.

6. Vom Winde umweht
(faz.net, Johannes Nichelmann)
Wusstet ihr, dass die teilweise poppigen Mikrofonwindschützer, die Interviewten vor den Mund gehalten werden, in Handarbeit hergestellt werden, von einer deutschen Firma, die sich in dem Bereich Weltmarktführer nennt? Die „FAZ“ hat mit Firmenchef Archibald Schulze-Cleven gesprochen, der die Mikrofonüberzieher im ostwestfälischen Ort Brakel für Radio- und Fernsehsender aus aller Welt produziert.

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„Sex-Mobbing, Nazi-Sprüche, Sauf-Exzesse, Ekel-Attacken“: Axel Springer muss 110.000 Euro zahlen

Die Zerstörung kam in vier Akten. Im September 2016 veröffentlichte die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung eine Artikelserie über einen Mann, der in der Stadtverwaltung einer hessischen Gemeinde arbeitet. Innerhalb weniger Tage entlud die Zeitung dabei ihre geballte, existenzzerschmetternde Kraft und machte aus dem Fachbereichsleiter ein alkoholsüchtiges, perverses, menschenverachtendes Scheusal.

In vier aufeinanderfolgenden Ausgaben präsentierte „Bild“ den Mann groß auf der Aufmacherseite des Regionalteils – zusammen mit den unfassbaren Vorwürfen, die gegen ihn erhoben wurden: Dinge, die er gesagt und getan haben soll, die, so „Bild“, „an Menschenverachtung kaum noch zu überbieten sind“. Seine Untergebenen soll er „bis zum Zusammenbruch gequält haben“, schrieb „Bild“, es gehe um „SEX-MOBBING, NAZI-SPRÜCHE, SAUF-EXZESSE, EKEL-ATTACKEN!“ Womöglich sei der Mann „der schlimmste Vorgesetzte Deutschlands“. Was aber noch schlimmer ist: Inzwischen wurde gerichtlich festgestellt, dass nichts davon stimmte.

Den ersten Teil der Anschuldigungen veröffentlichten „Bild Frankfurt“ und Bild.de am 16. September. Der Vorwurf: Sex-Mobbing.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: SEX-MOBBING-VORWÜRFE gegen [von uns unkenntlich gemacht]
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Unter anderem, heißt es dort, soll der Mann durch die Büroräume gebrüllt haben, die Mitarbeiterinnen seien „blöde Fotzen und Schlampen“ bzw. „dreckige Nutten“, die ihm „mal einen blasen“ sollen oder „eine Drecksau im Bett“ seien. Über fremde Frauen habe er gesagt, sie seien „schwarze, fette Schlampen, die beim Vögeln stinken“.

Am Tag darauf der nächste Teil: „Erschreckende Alkohol-Exzesse“.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: Schlimme Vorwürfe gegen [...] - SUFF-EXZESSE im [...] Rathaus

Der Mann habe im Büro bereits vormittags Portwein getrunken und sei gegen 15 Uhr „nur noch schwankend über den Flur“ getreten. Offenbar habe er sich „alkoholbedingt nicht mehr unter Kontrolle“, bisweilen sei er so betrunken gewesen, „dass er gestützt und sogar mindestens einmal getragen werden musste“.

In der nächsten Ausgabe: „Nazi-Vorwürfe“.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: Schlimme NAZI-VORWÜRFE gegen [...]

Der Mann habe unter anderem gesagt, dass es ihn „ankotzt, dass er sich um die Scheiß-Integrationskinder in den Kitas kümmern muss, früher wären die alle ins KZ gekommen, da hätte sich das alles von alleine erledigt.“ Eine kleinwüchsige Mitarbeiterin soll er als „Mongo“ bezeichnet und gesagt haben, dass „diese Krüppel im KZ vergast werden sollen“. Er habe der Frau geraten, sie solle ihr Kind doch „in ein Heim geben oder noch besser an die Zigeuner verkaufen, die suchten Kinder“. Mindestens dreimal wöchentlich habe er durch den Flur gebrüllt: „Hätte der Alte beim Ficken mal auf den Herd gespritzt, dann würde es diesen Krüppel nicht geben“.

In der nächsten Ausgabe: „Ekel-Vorwürfe“.

Große Schlagzeile im Frankfurter Regionalteil: EKEL-VORWÜRFE gegen [...]

Der Mann habe „immer wieder von ‚Blasen‘ und ‚Lecken’“ erzählt und gesagt, „ihm gehe gleich einer ab“. Am Tisch einer Mitarbeiterin habe er eine Salami gegessen, und weil er mit vollem Mund sprach, sei sie herausgefallen, da habe er sie wieder aufgehoben und erneut gegessen. Er habe eine Mitarbeiterin angerülpst und gefragt, was er gegessen hätte. Er habe von „Sauffreunden“ erzählt, die sich „in die Hose geschissen“ oder „über den Tresen gekotzt“ hätten. Er habe von einem anstehenden Swinger-Wochenende erzählt, „bei dem er das ganze Wochenende ‚vögeln‘ würde“. Immer wieder habe er sich „Grind von seinem Hinterkopf“ gekratzt und sich „diesen in seinen Mund“ gesteckt.

Wahnsinn.

Nun müsste man angesichts der Schwere dieser Vorwürfe eigentlich erwarten, dass Journalisten, die sie verbreiten, die Sache gründlichst recherchieren. Dass sie verschiedene Zeugen befragen, dass sie Beweise sammeln, dass sie wenigstens den Beschuldigten zu Wort kommen lassen. Doch „Bild“ tat nichts davon.

Für alle vier Artikel, für all die furchtbaren Vorwürfe gab es nur eine einzige Quelle: das „Mobbingtagebuch“ einer ehemaligen Mitarbeiterin des Mannes. Die hatte die Stadt wenige Wochen zuvor auf Schmerzensgeld verklagt und behauptet, der Fachbereichsleiter habe sie gedemütigt und gemobbt. Die angeblichen Übergriffe des Mannes hatte sie in jenem „Mobbingtagebuch“ festgehalten. Die „Bild“-Redaktion bekam Wind davon und machte daraus kurzerhand eine vierteilige Artikelserie, in der sie weite Teile des Tagebuchs ungeprüft abschrieb. Das „Sex-Mobbing“, die „Suff-Exzesse“, die „Nazi-Sprüche“, die „Ekel-Attacken“ – sie alle beruhten allein auf den Behauptungen der ehemaligen Mitarbeiterin. Der beschuldigte Mann selbst sei „nicht zu erreichen“ gewesen, schrieb „Bild“ damals.

Fast drei Jahre ist das nun her.

Vor Kurzem hat das Landgericht Frankfurt den Axel-Springer-Verlag wegen der Berichterstattung in vier separaten Verfahren verurteilt: Insgesamt muss der Verlag dem Mann bemerkenswerte 110.000 Euro Geldentschädigung zahlen. Die „Bild“-Medien hätten mit ihren Artikeln „in schwerwiegender Art und Weise gegen die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung“ und die ihnen „obliegenden journalistischen Sorgfaltspflichten verstoßen“, stellte das Gericht fest.

Während der Prozesse hatten die Richter noch viele weitere Zeugen befragt und kamen zu dem Schluss, dass die Behauptungen der ehemaligen Mitarbeiterin unwahr seien: Ihre Vorwürfe seien „durch eine Vielzahl von Zeugen glaubhaft widerlegt worden“. Die Kammer sei von der „Unglaubwürdigkeit“ der Mitarbeiterin und der „Unglaubhaftigkeit ihrer gesamten Aussage“ überzeugt.

Die Beweislast lag in diesen Fällen bei „Bild“, das heißt, die Zeitung hätte belegen müssen, dass die Vorwürfe wahr sind. Doch das konnte sie nicht. Sönke Schulenburg, einer der beiden Autoren, räumte vor Gericht sogar ein, dass er vor der Veröffentlichung weder mit der Mitarbeiterin noch mit dem Beschuldigten gesprochen habe. Er habe versucht, den Mann telefonisch zu erreichen und sei zu seinem Wohnhaus gefahren, jedoch erfolglos. Allerdings war der Mann zu dieser Zeit im Urlaub, was Schulenburg, so das Gericht, auch wusste. Seine Bemühungen seien demnach „nicht ausreichend“ gewesen. Außerdem sei er „nur wenige Stunden vor der Veröffentlichung“ des ersten Artikels zum Haus des Mannes gefahren, darum sei fraglich, ob diese Frist überhaupt ausgereicht hätte.

Bemerkenswert übrigens auch die Argumentation der Springer-Anwälte: Das Schweigen des Mannes sei ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Vorwürfe zutreffend seien.

In ihrem Urteil folgten die Richter jedoch größtenteils der Argumentation von Felix Damm, dem Anwalt des Mannes. Der spricht auf unsere Anfrage von einem „vernichtenden Feldzug“ der „Bild“-Medien:

An vier aufeinanderfolgenden Werktagen wurde unser Mandant in der Region, in der er lebt und arbeitet, ungeprüft und nicht im Ansatz verifiziert, durch Axel Springer als saufendes, pöbelndes Sex- und Nazi-Ekelpaket diffamiert und wie eine Sau durchs Dorf getrieben. Sein Name wurde genannt, sein Bildnis wurde gezeigt. Diese Rücksichtslosigkeit war schon erschreckend.

Der Verlag hat nun die Möglichkeit, Berufung einzulegen.

Bei Bild.de sind die vier Artikel nach wie vor online.

Pressemitteilungen (inklusive der Urteile) der Kanzlei Damm Ettig:

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RWE und die Meinungsfreiheit, Phantom-Telefonat, Düstere Honorare

1. RWE fordert 50.000 Euro für Aufruf per Tweet
(deutschlandfunk.de, Henning Hübert)
Der Energieversorgungskonzern RWE verlangt vom 24-jährigen Pressesprecher des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ die stolze Summe von 50.000 Euro. Der Sprecher habe auf Twitter und bei einer Veranstaltung zu „massenhaft zivilem Ungehorsam“ aufgerufen. Der WDR-Journalist Jürgen Döschner sieht in der Forderung einen massiven Eingriff in die Meinungsfreiheit: „Man muss das ja nicht nur auf Pressesprecher beschränken. Ich bin öfter in der Gegend und berichte über Aktionen — wenn ich dann dort aufgegriffen werde, vielleicht von RWE auch eine solche Unterlassungserklärung zugeschickt bekomme, und dann äußere ich mich in einem Kommentar, wie ich das 2015 gemacht habe, mit Verständnis für Aktionen wie zum Beispiel eine Tagebaus — schon hätte ich potenziell auch eine Erklärung auf dem Tisch, eine solche Androhung von 50.000 Euro Strafe.“

2. Hanseat von Stil
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Der ehemalige „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben ist gestern im Alter von 84 Jahren gestorben. Hans Hoff erinnert in seinem Nachruf an die Fernsehlegende.

3. Das Telefonat, das nie geführt wurde
(wienerzeitung.at, Heinz Fischer)
Als der ehemalige österreichische Bundespräsident Heinz Fischer im Rahmen der Regierungskrise gefragt wurde, ob er bereit wäre, vorübergehend das Amt des Bundeskanzlers zu übernehmen, verneinte er unter Hinweis auf sein Alter. Trotzdem machten einige Medien (unter anderem der „Spiegel“) mit der Behauptung auf, er würde sich um das Amt bemühen und verwiesen auf Telefonate und SMS-Nachrichten, die es laut Fischer jedoch nie gab. Seinen Gastbeitrag mit der Schilderung der Vorgänge will Fischer auch an den Presserat schicken. Ohne sich all zu viel davon zu versprechen: „Er wird voraussichtlich nichts tun, aber sich vielleicht wenigstens wundern, was in Qualitätsmedien alles möglich ist.“

4. Freischreiber-Report 2019: Wer verdient was?
(wasjournalistenverdienen.de, Katharina Jakob & Michel Penke)
Der Berufsverband Freischreiber hat bei freien Journalistinnen und Journalisten rumgefragt, wie hoch ihr Honorar bei verschiedenen Medien ist. Herausgekommen sind der Honorarreport 2019 und die Erkenntnis, dass „das gemittelte Zeichenhonorar aller Medien“ derzeit „bei 40 Euro pro 1000 Zeichen“ liege. Ein Fazit der Freischreiber: „Guter Journalismus sollte überall ähnlich viel wert sein. Ist er aber nicht. Und es ist vielerorts ziemlich düster.“

5. Jetzt ist Schluss!
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
„Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer verabschiedet sich mit seiner letzten Kolumne bei den „Spiegel“-Lesern. Auf stolze 438 Kolumnen hat er es insgesamt gebracht. „Haben mich alle im SPIEGEL geliebt? Ganz sicher nicht, aber darauf kommt es auch nicht an. Meine Chefs haben alles gedruckt, was ich am Kolumnentag an sie geliefert habe, selbst wenn ich damit quer zur Mehrheit der Redaktion lag. Mehr kann man als Journalist nicht erwarten.“ Ab August wird man Fleischhauer beim „Focus“ lesen können: „Solange sich Zweidrittel der in Deutschland tätigen Journalisten politisch links der Mitte verorten, bleibt für jemanden wie mich genug zu tun.“

6. 10 Tipps, wie du deine Podcast-Reichweite noch heute verbessern kannst
(podigee.com, Mati Sojka)
Als Podcast-Hoster kennt sich Mati Sojka von Podigee naturgemäß gut mit den technischen Aspekten von Podcasts aus. In seinem Beitrag verrät er Podcast-Anbietern zehn bewährte Methoden zur Reichweitensteigerung.

Noch so’n Spruch – doch kein Kieferbruch!

„Bild“ hat ihn gefunden:

Screenshot Bild.de - Rammstein-Rocker schlägt Hotelgast - Diesen Anwalt hat Lindemann vermöbelt

In einem Münchner Hotel soll Rammstein-Sänger Till Lindemann einen Mann („DIESEN Anwalt“) angegriffen und verletzt haben. Die Schilderungen, wie es dazu kam, gehen auseinander: Die eine Seite sagt, der später Verletzte habe eine Frau, die mit Lindemann in der Hotelbar saß, zumindest indirekt als Prostituierte bezeichnet, woraufhin Lindemann eine Entschuldigung forderte, woraufhin das spätere Opfer mit geballten Fäusten vorschlug, nach draußen zu gehen, woraufhin Lindemann ihm mit dem Ellenbogen ins Gesicht geschlagen haben soll. „DIESER Anwalt“ namens Bernd Roloff sagt hingegen, dass es von ihm keine Beleidigung, keine geballten Fäuste und auch keine Aufforderung, nach draußen zu gehen, gegeben habe. Aber wie das auch immer gewesen sein mag — eines steht laut „Bild“-Autor Stephan Kürthy fest: Einen Kieferbruch, neenee, den hat’s nicht gegeben:

Die Behauptung, Roloff hätte einen Kieferbruch erlitten, stimmte nicht. Roloff: „Ich habe eine Lippe, die genäht werden musste, ein Hämatom am Kopf, ein Hämatom am rechten Arm und am rechten Bein.“

Ja, diese „Behauptung“ mit dem Kieferbruch hat ja wirklich gut die Runde gemacht. Von wem stammte die eigentlich? Ah, hier, von Stephan Kürthy und zwei „Bild“-Kollegen:

Laut BILD-Informationen erlitt er einen Kieferbruch.

Und damit diese exklusive „BILD-Informationen“ auch jeder mitbekommt, hat die Redaktion das Ganze noch als Tatsache auf der Bild.de-Startseite …

Screenshot Bild.de - Nachts im Hotel in München - Rammstein-Sänger bricht Hotelgast den Kiefer

… und groß in „Bild“ präsentiert:

Ausriss Bild-Zeitung - Es ging um eine Frau: Rammstein-Sänger schlägt Hotelgast nieder - Kieferbruch nach Ellbogencheck

Da sie sich bei Bild.de offenbar nicht dafür interessieren, was so auf ihrer Seite steht, ist der „Bild plus“-Artikel zum vermeintlichen Kieferbruch selbstverständlich weiter unverändert online.

Mit Dank an MS4 für den Hinweis!

Nachtrag, 17. Juni: Die Bild.de-Redaktion hat reagiert und ihren Artikel gleich an mehreren Stellen geändert. Die Überschrift lautet nun:

Rammstein-Sänger prügelt Hotel-Gast nieder

Der Satz „Laut BILD-Informationen erlitt er einen Kieferbruch.“ ist komplett verschwunden. Dafür findet man am Ende des Textes jetzt folgenden Absatz:

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Lindemann dem Hotel-Gast den Kiefer brach. Diese Behauptungen stimmten nicht. Der Hotel-Gast musste nach eigenen Angaben an der Lippe genäht werden und erlitt mehrere Hämatome am Kopf, Arm und Bein.

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Stimmung ohne Limit

Wie könnte die Bild.de-Redaktion über das Ergebnis einer Forsa-Umfrage berichten, nach dem sich eine Mehrheit der Befragten (57 Prozent) für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausspricht, ohne dabei ihre Stimmungsmache gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen aus den Augen zu verlieren?

Sie probiert es mal so:

Selbst vor dem Auto macht der Klima-Wahn nicht halt!

Jetzt will der „Klima-Wahn“ uns schon das Rasen wegnehmen! Es kommt im Moment aber auch eine ganze Menge für die „Bild“-Leute zusammen: Im Insa-Meinungstrend „verdrängen die Grünen die Union vom ersten Platz, Supermärkte schmeißen Plastik aus ihren Regalen und jeden Freitag trommeln Schüler für den Klimaschutz.“ Und „plötzlich“:

Screenshot Bild.de - Umfrage-Hammer - Mehrheit der Deutschen plötzlich für ein Tempolimit

Ganz so überraschend, wie Bild.de hier tut, ist dieser „UMFRAGE-HAMMER“ dann aber doch nicht. Erstmal: Die Forsa-Umfrage fand nicht etwa vor ein paar Tagen oder vor einer Woche statt, sondern schon vor zwei Monaten, zwischen dem 5. und 15. April. Da lagen beispielsweise die Grünen noch in keinem bundesweiten Meinungstrend vor der Union. Außerdem gab es bereits im Januar dieses Jahres mehrere Umfragen zum Thema Tempolimit, bei der sich eine Mehrheit für eine generelle Beschränkung ausgesprochen hat (bei Welt.de sogar „eine klare Mehrheit von 63 Prozent“). 2012 gab es eine Umfrage von infratest dimap, bei der 53 Prozent für eine „Einführung eines generellen Tempolimits von 120 oder 130 km/h auf den deutschen Autobahnen“ waren. Und bereits 2007, als ein generelles Tempolimit ebenfalls diskutiert wurde, war in verschiedenen Umfragen eine Mehrheit „zwischen 54 und 60 Prozent“ für eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h.

Diese Mehrheiten, die es also seit mindestens zwölf Jahren gibt, versucht die Bild.de-Redaktion heute als neueste Auswüchse des „Klima-Wahns“ abzutun.

Mit Dank an David M. für den Hinweis!

Nachtrag, 17. Juni: Vom „Klima-Wahn“, der „selbst vor dem Auto“ nicht halt mache, ist bei Bild.de inzwischen nicht mehr die Rede. Stattdessen:

Selbst vor dem Auto macht das Klima-Bewusstsein nicht halt!

Mit Dank an @MeiersKaettche für den Hinweis!

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LinkedIn mit Gendersternchen, Tim Wolffs Titanic-Years, Graslutscher

1. Nachrichtennutzung über soziale Medien nimmt zu: Deutsche Ergebnisse des „Reuters Institute Digital News Report 2019“ zur Nachrichtennutzung im internationalen Vergleich veröffentlicht
(hans-bredow-institut.de)
Die Ergebnisse des „Reuters Institute Digital News Report 2019“ basieren auf etwa 75.000 Befragungen in 38 Ländern. Für den deutschen Teil war das Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg zuständig. Die Nachrichtennutzung der Deutschen sei auf einem hohem Niveau geblieben, wobei ein großer Anteil der 18- bis 24-jährigen Onliner seine Nachrichten von Instagram beziehe. Weiter erstaunlich: Das Interesse an Videonachrichten sei eher gering. Die kompletten Ergebnisse für Deutschland gibt es hier (PDF).

2. The most popular social media networks each year, gloriously animated
(twitter.com/thenextweb)
In der Tat „gloriously animated“: Die Entwicklung der populärsten Sozialen Netzwerke über die vergangenen anderthalb Jahrzehnte verpackt in einer anderthalbminütigen Animation.

3. Liebe Leser*innen: Warum wir ab sofort das Gendersternchen benutzen
(linkedin.com, Sara Weber)
Die deutschsprachige Redaktion des Geschäftskontakt-Netzwerks LinkedIn erklärt, warum sie sich für die Verwendung des sogenannten Gendersternchens entschieden hat: „Für viele von Ihnen mag das Sternchen ungewohnt sein, einige wird es womöglich sogar verärgern. Doch gendergerechte Sprache verändert tatsächlich etwas: Kinder trauen sich eher zu, bestimmte Berufe ergreifen zu können, wenn sie gendergerecht dargestellt sind. Frauen werden als geeigneter für Führungsposten angesehen, wenn ein/e Projektleiterin/Projektleiter gesucht wird, nicht nur ein Projektleiter.“

4. Wie eine ARD-Doku absurdes Zeug über Elektromobilität verbreitet und dadurch den Klimawandel verstärkt
(graslutscher.de, Jan Hegenberg)
Der „Graslutscher“ ärgert sich über eine ARD-Doku über Elektroautos: „Nachdem ich die Hälfte der ARD-Dokumentation „Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten“ gesehen hatte, rechnete ich schon fast damit, dass Elektroautos am Ende der Sendung nicht nur für eine Menge Umweltschäden, sondern schlussendlich auch beim Einspielen düsterer Musik für die Ermordung Kennedys, die achte Staffel von Game of Thrones und den Prager Fenstersturz verantwortlich gemacht werden.“

5. „Der Polizeischutz war wirklich Wahnsinn!“ Tim Wolff im Gespräch – Die Titanic-Years
(kaput-mag.com, Linus Volkmann)
Linus Volkmann hat sich mit dem langjährigen „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff über dessen Zeit bei dem Satiremagazin unterhalten. Ein spannendes und unterhaltsames Gespräch, bei dem man viel erfährt, was sonst nicht bekannt ist. Zum Beispiel von den Schwierigkeiten des Satirikers im Brennpunkt des öffentlichen Interesses: „Auf öffentlichen Aufruhr zu reagieren machte mir eigentlich sogar Spaß, du hast die vielen, größtenteils inkompetenten Reaktionen auf ein Geschehnis oder auf einen Skandal und du kannst damit spielen. Wobei es vor Kameras nie leicht ist, seine eigene Version durchzubekommen. Man erzählt dann vor der Kamera seine drei gut vorbereiteten Gags und dann kommen immer wieder Rückfragen und irgendwann sagt man dann doch mal einen ernsten Satz — und der wird dann gesendet! Schriftliche Interviews waren mir deswegen immer viel lieber.“

6. Ministerium erwägt Influencer-Gesetz
(tagesschau.de)
Das Justizministerium erwägt ein Gesetz, das es Influencern vorschreibt, etwaige Werbung klar zu kennzeichnen. Zur Zeit sei Werbung in den Sozialen Medien vielfach eine rechtliche Grauzone (tagesschau.de, Audio: 2:39 Minuten).
Ein derartiges Gesetz könnte auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner helfen, bei der es anscheinend an Bewusstsein für diese Thematik mangelt. Siehe dazu auch: Blamiert: Klöckners werbliches Video mit Nestlé (ndr.de, Caroline Schmidt & Tim Kukral).

„Bild“-Leser wollen Florian Silbereisen als Kanzler

… jedenfalls sagten das die zwei Hansel mit „Bild“-Zeitung unterm Arm, die wir heute am Kiosk auf das Thema angesprochen haben. Und so funktioniert das ja auch bei den „Bild“-Medien mit den Überschriften:

Screenshot Bild.de - Überraschender Vorschlag für Nahles-Nachfolge - Bayern-Genossen wollen Sarrazin als SPD-Chef

Da hat „Bild“-Chefreporter Peter Tiede unter den rund 438.000 SPD-Mitgliedern doch tatsächlich ein paar gefunden, die sich Thilo Sarrazin als neuen SPD-Vorsitzenden vorstellen können und, zack, wird das bei Bild.de und in „Bild“ zur Story. Wie groß die „Gruppe bayerischer SPD-Mitglieder“ ist, die angeblich „Sarrazin als SPD-Chef“ will, und wer die „Bayern-Genossen“ überhaupt sind, die für die „Überraschung“ „im Streit um die Nachfolge von Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles“ sorgen, konkretisiert Tiede nicht.

Dafür gab es aber direkt klare Dementis von der bayerischen SPD. Die Landesvorsitzende Natascha Kohnen sagte dem Bayerischen Rundfunk: „Ich kenne niemanden, der das fordert, und für mich ist das undenkbar“. Horst Arnold, SPD-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, sprach von einem „misslungenen Satirebeitrag“. Klaus Adelt, Vize der Landtagsfraktion, sagte, er habe „Fragezeichen hoch drei“ und kenne auch niemanden, der Sarrazin als SPD-Chef will. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Florian Post sprach von einer „völligen Blödsinnsidee“. Und die Partei vermutete den „Postillon“ oder die „Titanic“ als Quelle für die „Bild“-Geschichte. Diese „Bayern-Genossen“ hat Peter Tiede offensichtlich nicht befragt bei seiner Recherche.

Nachdem unter anderem die „Bild“-Medien Thilo Sarrazin vor Jahren großgeschrieben haben, bringen sie ihn jetzt also als SPD-Chef ins Spiel. Peter Tiede ist mit seinem Text bei den entsprechenden Kreisen auf jeden Fall schon mal auf Interesse gestoßen: Facebook-Gruppen wie „Bekenntnis zu Deutschland II“ („Hätte Charme!“), „Widerstand Bischofswerda“ („Ich kann mich noch genau erinnern wie sie ihn versucht haben fertig zu machen und aus der Partei zu ekeln.“) und „Kameradschaft Deutscher Nationen“ haben seinen Artikel geteilt. Die „Achse des Guten“ sieht sich bestätigt: „Vor vier Tagen hat Thilo Sarrazin auf Achgut.com beschrieben, was er als SPD-Vorsitzender jetzt tun würde, jetzt nimmt die Sache irgendwie Schwung auf.“ Auch „Epoch Times“ springt auf das Thema auf: „Bayern sorgt für Überraschung: Sarrazin soll neuer SPD-Chef werden“. Und „Compact“ schreibt über „Messias“ Sarrazin: „Nanu, was ist denn das? Es ist doch gar nicht Karneval. Die SPD sucht einen neuen Chef und nun soll es Thilo Sarrazin richten.“

Dass das alles — genau wie die Sache mit Florian Silbereisen als Wunschkanzler der „Bild“-Leser — ziemlich dünn ist, interessiert da schon längst nicht mehr.

Mit Dank an @RoterMaxEike und @greenyosh_17 für die Hinweise!

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„FAZ“-Selbstzerstörer, Philipp Amthors Code, Über das Schreiben

1. FAZ-Innenpolitikchef zerstört sich im Kampf gegen Rezo
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Achtung, für diesen Beitrag braucht man starke Nerven und sollte einigermaßen Fremdscham-resistent sein: Stefan Niggemeier dröselt den Twitter-Beef zwischen dem „FAZ“-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum und dem Youtuber Rezo auf. Niggemeier bringt es schon im ersten Satz gut auf den Punkt: „Jasper von Altenbockum sollte mehr FAZ lesen und weniger Youtube-Videos gucken.“

2. Können wir aufhören, Philipp Amthor in eine Opferrolle zu schreiben?
(twitter.com/C_Holler)
In letzter Zeit erschienen verschiedene Artikel über den Umgang mit dem CDU-Politiker Philipp Amthor („Tagesspiegel“, „Freitag“, „Bento“). Allgemeiner Tenor: Man möge es unterlassen, Amthor für sein Auftreten zu kritisieren. Für Claudius Holler greift dies zu kurz. Sein Twitter-Thread startet mit: „Können wir aufhören, Philipp Amthor in eine Opferrolle zu schreiben? Dafür ist er viel zu schlau. Was hier vorschnell Lookismus genannt wird, ist die Sichtbarmachung seines Codes. Er kleidet sich nicht unbeholfen, sondern ganz bewusst und aus Machtinteresse exakt so.“

3. „Hört den Leisen zu!“
(journalist-magazin.de, Ellen Ehni)
Das Medienmagazin „journalist“ befragt regelmäßig führende Journalisten und Journalistinnen nach ihrem persönlichen Blick auf den Journalismus. In der aktuellen Ausgabe äußert sich die WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni. In einem achtteiligen Appell fordert sie ihre Kollegen und Kolleginnen dazu auf, sich selbst und ihre Routinen zu hinterfragen. Es sind viele Selbstverständlichkeiten dabei, die aber — wie so oft bei Selbstverständlichkeiten — eben doch nicht so selbstverständlich sind.

4. Vom Politik- zum Presseskandal?
(message-online.com, Magdalena Neubig)
Magdalena Neubig fasst in einem längeren Beitrag die Verdachtsberichterstattung rund um das Bremer BAMF und dessen Leiterin Ulrike B. zusammen. Dabei lässt sie sowohl die berichterstattenden Medien als auch ihre Kritiker zu Wort kommen. Sie endet mit einem Zitat eines Strafrechtsprofessors, der es für gut möglich hält, dass es sich beim sogenannten „BAMF-Skandal“ eher um einen „Skandal der (übertriebenen) Medienberichterstattung“ handeln könnte.

5. Micropayments für Journalismus funktionieren nicht, Episode 736: Auch Blendle gibt auf
(neunetz.com)
Seit Jahren suchen die Verlage nach funktionierenden Erlösmodellen für ihre journalistischen Inhalte. Eine Idee war es, einzelne Artikel zum Kauf anzubieten und über Micropayment abzurechnen. Der niederländische Dienst Blendle hatte hierzu eine Infrastruktur aufgebaut, streicht jedoch jetzt die Segel. Marcel Weiss kommentiert die Entscheidung und verweist dazu auf seine Aussagen von 2015 zur Inkompatibilität von Journalismus und Micropayment: „Man liest selbst den besten journalistischen Text nur einmal. Musikstücke, vor allem die, die man sogar kauft, hört man öfter an. Noch wichtiger: In der Regel hat man den Song, den man kaufen will, bereits oft gehört -im Radio, auf YouTube, in einer TV-Serie-. Man kennt also schon das Informationsgut, das jetzt erworben wird und weiß bereits, dass es gefällt und den zu bezahlenden Preis wert ist. Das kann für journalistische Texte niemals gelten.“

6. WR953 Wie man (k)ein populärwissenschaftliches Sachbuch macht
(wrint.de, Holger Klein & Florian Freistetter, Audio: 91 Minuten)
Im „Wrint“-Podcast unterhalten sich Holger Klein und Florian Freistetter über das Schreiben von populärwissenschaftlichen Sachbüchern. Das ist insofern interessant, als dass Florian Freistetter ein erfahrener Sachbuchautor ist und Holger Klein jüngst an der Produktion eines Buchs gescheitert ist. Es geht unter anderem um Ideenfindung, Arbeitsweise und Strukturierung, die Wahl eines passenden Verlags und was unter dem Strich finanziell hängenbleibt.

Recherchieren? Nein, danke!

Filipp Piatov sitzt bei „Bild“ in der Politikredaktion, und man muss das einmal aufschreiben, denn man würde sonst nicht auf die Idee kommen, dass er in einer Politikredaktion sitzt.

In einem Kommentar über die Grünen schrieb Piatov gestern:

Screenshot Bild.de - Kommentar zum Habeck-Hype - Regieren? Nein, danke! - Warum sich die Grünen jetzt nicht wegducken dürfen

Niemand hat so dringende Sorgen wie die Grünen: Das Klima muss gerettet, die Welt vor dem Untergang bewahrt und der Jugend ihre Zukunft zurückgegeben werden.

Doch die Grünen sind wie ein Beifahrer, der über den Fahrstil meckert, aber bloß nicht selbst ans Steuer möchte. Warnen, mahnen und die Regierung kritisieren, das können sie — aber regieren wollen sie nicht. (…)

Wer so dringende Sorgen wie die Grünen hat, müsste das nutzen: Neuwahlen fordern, Kanzlerkandidaten ins Rennen schicken! Und vor allem: keine Zeit verlieren.

Dass Piatov behauptet, die Grünen würden nicht regieren wollen, ist etwas überraschend, schließlich sitzt die Partei aktuell in neun Bundesländern in der Regierung: in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Baden-Württemberg stellt sie mit Winfried Kretschmann sogar den Ministerpräsidenten. Und das seit mehr als acht Jahren, was dafür spricht, dass auch Filipp Piatov das mal mitbekommen haben könnte.

Aber offenbar hat er ja nicht mal die Sondierungsgespräche zu einer möglichen Jamaika-Koalition nach der Bundestagswahl 2017 mitbekommen. Denn die sind am Unwillen der FDP gescheitert und nicht am vermeintlichen Nicht-Regieren-Wollen der Grünen. Und nun ist es auch historisch gesehen nicht so, dass sich die Grünen noch nie an einer Regierung beteiligt hätten.

Dass die Grünen entgegen seiner Aussage durchaus schon mal Neuwahlen ins Spiel gebracht haben, hätte Piatov mit einer recht einfachen Google-Suche („Grüne Neuwahlen“) herausfinden können. FAZ.net berichtete beispielsweise vor gut einer Woche:

Screenshot FAZ.net - Bundesregierung - Grüne wollen Neuwahl bei Scheitern der Koalition

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock sagte zu möglichen Neuwahlen:

Wenn diese Bundesregierung keine Kraft mehr hat, dann muss die Gesellschaft, dann müssen die Bürgerinnen dieses Landes neu entscheiden

Da steckt dann auch ein entscheidender Punkt drin: Die amtierende Regierung aus CDU/CSU und SPD müsste entscheiden, ob sie weitermachen will oder nicht. Und nicht die Grünen. Neuwahlen gibt es in Deutschland in der Regel nicht durch das Fordern von Neuwahlen durch eine Partei, die in aktuellen Umfragen bei ordentlich über 20 Prozent liegen mag, die im Bundestag allerdings nach wie vor mit den 8,9 Prozent aus der Wahl 2017 vertreten ist. Das ist, zum Glück, dann doch ein etwas komplexerer Vorgang. Es mag Piatov überraschen, aber nicht mal die Grünen in ihrem derzeitigen Höhenflug haben die Möglichkeit, den Bundestag im Alleingang aufzulösen.

Wenn man sich mal die Mühe macht und sich hinsetzt, um Filipp Piatov das alles einmal in Ruhe zu erklären, dann fängt er einfach wieder von vorne an.

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