Archiv für Juli 11th, 2019

Ohne Arm und Hand und Fuß

Ausriss Bild Politik - Sind Klimaschutz-Demos zu radikal?

… fragt die Redaktion des Wochenmagazins „Bild Politik“ in ihrer aktuellen Ausgabe. Und gibt darauf gleich zwei Antworten: Filipp Piatov findet: „JA“, Anna Essers schreibt: „NEIN“. Aber ob nun Pro oder Contra — der Ton werde auf jeden Fall „radikaler“, so „Bild Politik“ und Bild.de schon im Teaser:

Studentin Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, Bachelor-Studentin an der Uni Göttingen, vertritt die Bewegung [Fridays For Future] in Deutschland. Auf Twitter schrieb sie zu den Rekord-Temperaturen: „Diese Hitze tötet.“ Sie hält zivilen Ungehorsam für legitim und fordert ein Umsteuern in der Umweltpolitik mit „Worte und Taten“.

Im direkt anschließenden Absatz ist die Redaktion dann schon nicht mehr bei Fridays For Future (FFF), sondern bei der nächsten Klimabewegung, Extinction Rebellion (XR), angekommen. Wobei diese Gruppen laut „Bild Politik“ und Bild.de ja sowieso eigentlich alle ganz eng zusammenhängen und voneinander abstammen:

Genau das propagiert auch der aus „Fridays for Future“ hervorgegangene Arm der Bewegung, „Extinction Rebellion“, kurz „XR“. Aktivisten von „XR“ fordern radikale Maßnahmen, unter anderem, um den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) binnen fünf Jahren auf null zu senken.

Das ist falsch. Extinction Rebellion ist kein „Arm“ von Fridays For Future.

XR ist unabhängig von der Freitagsdemo-Bewegung im Oktober vergangenen Jahres in Großbritannien entstanden und hat sich dann schnell international ausgebreitet. Auch in Deutschland haben sich Protestgruppen gebildet. Mit Fridays For Future hat Extinction Rebellion nur insofern zu tun, als dass die Mitglieder ähnliche Ziele verfolgen, sich somit politisch nahestehen und immer wieder die Veranstaltungen der jeweils anderen Bewegung besuchen. Es handelt sich aber nicht um eine FFF-Splittergruppe.

Das haben sie bei Bild.de dann auch irgendwann gemerkt und den fraglichen Absatz zu XR einfach gestrichen — klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis auf den Fehler.

Maaßens Westfernsehen, Lippenlese-Absage, „Welt“ auf dem Prüfstand

1. Mit dem „Westfernsehen“ sieht man schlechter
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen ist ein Fan der „NZZ“, die für ihn so etwas wie „Westfernsehen“ sei. Besonders angetan hat es ihm ein aktueller Artikel, nach dem „die Mehrheitsgesellschaft in deutschen Städten ihrem Ende entgegen sehe“. Stefan Niggemeier hat sich den Text, der laut „NZZ“ „zunächst versehentlich in unredigierter Fassung publiziert“ worden sei („Wir bitten dies zu entschuldigen.“), näher angeschaut.
Weiterer Lesetipp: Gehirnwäsche in der Höhenluft: „Die „Neue Zürcher Zeitung“ ist das Leib-und-Magen-Blatt der Rechten. Was treibt der Chefredakteur der „NZZ“, Eric Gujer, da eigentlich?“ (taz.de, Cornelius Oettle).

2. Ich muss da mal was loswerden
(twitlonger.com, Julia Probst)
Julia Probst beherrscht das Lippenlesen und hat schon bei mancher Fußballübertragung verraten, worüber sich Spieler und Trainer austauschen. Probst berichtet nun, dass verschiedene Medien bei ihr angefragt hätten, was die Kanzlerin bei ihrem Zitteranfall gesagt habe. Ein Wunsch, dem sie eine scharfe Absage erteilt hat: „Ich würde mir wünschen, dass die Medien in diesem Punkt sich das fragen: „Angenommen, das wäre ICH selbst in der gleichen Situation, würde ich das wollen, dass man auf diese Art über mich berichtet?“

3. „Welt“ auf dem Prüfstand
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Der amerikanische Finanzinvestor KKR will beim Medienhaus Axel Springer einsteigen und mindestens 20 Prozent der Aktien übernehmen. Das offizielle Kaufangebot sorgt nun für Aufregung. Man wolle die „Welt“-Gruppe fortführen, aber nur „unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation“. Ein Passus, den es zu anderen Objekten wie „Bild“ oder „Business Insider“ nicht gebe.

4. Alles super im Radioland
(deutschlandfunk.de, Christoph Sterz)
Nach Bekanntgabe der halbjährlich erhobenen, neuen Hörerzahlen feiern sich die Radiosender fast rituell als Gewinner. Dennis Horn kommentierte dieses Phänomen bereits vor einem Jahr auf Twitter: „Laut den Pressemitteilungen zu den neuen Einschaltzahlen kommen die deutschen Radiosender insgesamt auf einen Marktanteil von 200 Prozent.“

5. Hilferuf aus dem Pressehaus
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die SWMH (Südwestdeutsche Medien Holding) ist ein mächtiger Medienkonzern, zu dem unter anderem die Zeitungsgruppe Stuttgart, der „Schwarzwälder Bote“, aber auch der Süddeutsche Verlag mit der „Süddeutschen Zeitung“ gehören. Hinter den Kulissen des Unternehmens rumort es derzeit gewaltig. Der Geschäftsführer wolle „im Kernbereich massiv Kosten sparen“ und das gesparte Geld im Digitalbereich einsetzen. Der Betriebsrat protestiert gegen den Umbau. Josef-Otto Freudenreich erklärt die Hintergründe eines Geschäfts, bei dem es einst „Renditen wie im Drogenhandel“ gegeben habe.

6. Ich musste viel Lehrgeld zahlen.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Zunächst: Für das Interview mit Ilka Bessin muss man kein Fan der Comedy-Kunstfigur Cindy aus Marzahn sein. Es geht um Bessins biografischen Hintergrund, ihre Humor-Vorbilder, den Umgang mit Popularität und ihren Wunsch, sich zu ernsten Themen zu äußern: „Wir als Künstler haben ein Sprachrohr, wir haben die Möglichkeit, auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht rund laufen in diesem Land. Und diese Möglichkeit sollten wir nutzen. Das kann auf der Bühne sein, aber auch in Talk-Shows oder Interviews.“