Archiv für Juli 9th, 2019

Falsche Richtung

Erst klaut der Mann reichlich Tulpen aus einem öffentlichen Beet, dann prügelt er auf einen Passanten ein, der ihn dabei filmt, und dann, bei der Gerichtsverhandlung, laut „Bild“ und Bild.de auch noch das:

Ausriss Bild-Zeitung - Prügelnder Tulpendieb verhöhnt das Gericht
(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Gestern zeigte der polnische Räuber, was er von dem Prozess gegen ihn hält — zeigte im Gerichtssaal den Stinkefinger.

Wir haben allerdings starke Zweifel, dass der „Tulpendieb“ mit dem Mittelfinger tatsächlich das Gericht verhöhnen wollte: Erstens muss das Foto vor der Gerichtsverhandlung entstanden sein, denn während eines Prozesses darf nicht fotografiert werden. Und zweitens saß in der Richtung, in die der Mann seinen Mittelfinger streckte, nicht der Richter. Der befand sich aus Sicht des Angeklagten auf der linken Seite, wie man in einem Bericht des MDR sehen kann. Den Mittelfinger hielt er aber nacht rechts. Und da stand wer? Genau: der „Bild“-Fotograf.

Mit Dank an Frank für den Hinweis!

„… ist von Bild frei erfunden“

Endlich!

Das Rätsel um den geheimnisvollen Inhalt des Tresors aus dem Hotel Astoria ist gelöst, der vergessene Panzerschrank nach Jahrzehnten endlich geöffnet worden — von einem Baggerfahrer!

Bei den Vorbereitungsarbeiten zum Wiederaufbau des 1996 geschlossenen Hotels Astoria in Leipzig wurde ein alter Safe hinter der Rezeption entdeckt. Manche Schließfächer standen offen, andere waren geschlossen. Und niemand, so die „Bild“-Medien:

Niemand hatte eine Idee, wie der tonnenschwere Tresor aus der Wand zu bekommen ist, ohne die Grundmauern einzureißen.

Doch nun …

Nun haben sie Lars Homilius (46). Der ist freiberuflicher Baggerfahrer und genießt im Abriss-Business einen Ruf als Experte für die besonders kniffligen Fälle.

Und dieser Lars Homilius hat es nicht nur geschafft, den „tonnenschweren Tresor aus der Wand zu bekommen“, ihn hochzuheben, zwei Meter über dem Boden vom Haken und auf den Boden des Innenhofes krachen zu lassen, wodurch die bisher verschlossenen Fächer aufsprangen:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Baggerfahrer von der Hotel-Baustelle - Ich habe den Astoria-Tresor zerdeppert

Nein, Homilius verrät laut „Bild“ auch, was sich noch in dem Tresor befand:

Und? Was war nun drin? „Gar nix. Leider …“

Allerdings sagt der „Experte für die besonders kniffligen Fälle“, dass er das gar nicht gesagt habe. Das Zitat sei von „Bild“ frei erfunden, so Homilius:

Screenshot eines Facebook-Kommentars des Baggerfahrers, den die Bild-Redaktion zitiert - Nur so viel zum Inhalt. Ich habe zu Bild gesagt das ich mich zum Inhalt noch nichts sagen werde. Das er komplett leer war ist von Bild frei erfunden.

Die Leipziger „Bild“-Redaktion scheint dieser Widerspruch in den Kommentaren unter ihrem Facebook-Post aber nicht sonderlich zu interessieren — der Artikel ist unverändert online.

Mit Dank an Daniel H. für den Hinweis!

Funkes Thüringen-Rückzug, Chinas Mediensperre, Globuli-Abmahner

1. Print first
(taz.de, Anne Fromm)
Die Funke Mediengruppe ist einer der marktbeherrschenden Verlage für Regionalzeitungen. Besonders deutlich wird dies in Thüringen. Dort besitzt der Konzern die drei größten Zeitungen „Thüringer Allgemeine“, „Thüringische Landeszeitung“ und „Ostthüringer Zeitung“. Das Quasi-Monopol hat seine Tücken, denn Funke will nun massiv sparen und reduzieren. „taz“-Medienredakteurin Anne Fromm ist besorgt: „Wenn die Funke-Zeitungen wegfallen oder zumindest viel weniger gelesen werden, weil sie nur noch digital zu haben sind, dann entsteht in weiten Teilen des Bundeslandes das, was sie in den USA „Nachrichtenwüste“ nennen. Und das in dem Bundesland, wo der NSU seine Wurzeln hat. Wo die Höcke-AfD drei Monate vor der Landtagswahl in Umfragen mit gut 20 Prozent drittstärkste Partei ist. Wo Sozialforscher seit Jahren ein Verfestigen rassistischer Tendenzen bei rund der Hälfte der Bevölkerung beobachten.“

2. Heather Mills bekommt wegen Abhörskandal Entschädigung zugesprochen
(spiegel.de)
In Großbritannien haben Journalisten jahrelang Promis abgehört, darunter Heather Mills, früheres Model und Ex-Frau von Paul McCartney. Nun hat Mills nach eigener Aussage gemeinsam mit anderen Opfern „die höchste Entschädigungssumme in einem Fall von Verleumdung durch Medien erreicht, die jemals in der britischen Rechtsgeschichte verhängt wurde“.

3. China blockiert deutsche Medien
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 5:49 Minuten)
China sperre im Internet immer mehr deutschsprachige Inhalte, darunter „Spiegel Online“, „Tagesschau“, „FAZ“, „SZ“ und ZDF (ZDF.de und auch heute.de scheinen allerdings doch in China abrufbar zu sein). Markus Pfalzgraf, China-Korrespondent der ARD, vermutet dahinter den Versuch der chinesischen Regierung, die Proteste in Hongkong kleinzuhalten.

4. Ein Text zieht falsche Schlussfolgerungen aus von Menschen produzierter CO2-Menge
(correctiv.org, Nina Breher)
In den Sozialen Medien zirkuliert ein Text, der belegen soll, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt. Das Problem: Die im Text genannte Quelle gibt es nicht, und auch der Rest der Anekdote — einschließlich der Schlussfolgerungen — stimmt nicht, wie „Correctiv“ im Faktencheck feststellt.

5. Arzneimittelhersteller schickt Anwaltsschreiben zum konstruktiven Austausch
(journalist-magazin.de, René Martens)
Wie könnte man als Homöopathie-Hersteller reagieren, wenn jemand behaupten würde, die Homöopathie habe über den Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung? Ein kleiner Tipp: Typische Reaktionen wären ignorieren oder diskutieren. Ein mächtiger Globuli-Fabrikant hat sich für die dritte Variante entschieden und schüchtert Homöopathie-Kritiker per Anwaltsschreiben ein.

6. Böses Internet? Vom Verschwinden von Humor-Institutionen
(dwdl.de, Miguel Robitzky)
„DWDL“-Zeichner Miguel Robitzky reagiert auf den Aus des „MAD“-Magazins und dem Karikaturen-Ausstieg der „New York Times“: „Es müssen von Verlagen und Redaktionen Geschäftsmodelle für professionelle komische Kunst gefunden werden, die ausschließlich online stattfinden oder zumindest analoge wie digitale Medien gleichzeitig bedienen. Formate, die an das Tempo der heutigen Zeit angepasst sind, die das Internet nicht als Konkurrenz und Miesmacher, sondern als Chance und Teil von sich verstehen und nicht bloß geklaute Tweets auf Tafeln abschreiben, um sie dann auf Instagram zu posten. Sonst enden wir noch wie die CDU und das kann nun wirklich keiner wollen!“