Archiv für Juli 30th, 2019

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„Bild“-Chef befeuert Debatte über Herkunft von Tätern mit Blödsinn

Momentan wird ja eine Menge darüber diskutiert, inwiefern es nötig oder vertretbar oder falsch ist, bei Verbrechen auch direkt über die Herkunft eines Täters oder Tatverdächtigen zu berichten. Julian Reichelt hatte dazu vor vier Tagen auch eine Art Gedanken:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt - Die Debatte über die Herkunft von Tätern wird auch dadurch befeuert, dass öffentlich-rechtliche Medien behaupten, die Herkunft sei unklar, wenn sie so unklar gar nicht zu sein scheint. Wer glaubt denn ernsthaft, dass uns solches Verschweigen und Verfälschen vor der AfD bewahrt?

Es ging um einen Vorfall im Düsseldorfer Rheinbad, bei dem Jugendliche unter anderem Rutsche und Sprungturm besetzten, woraufhin die Polizei anrücken und das Bad zum wiederholten Male räumen musste. Zum Tweet des „Bild“-Chefs gehören zwei Screenshots — einer von „RP Online“, einer von WDR.de. Worauf Reichelt sich bezieht: Bei „RP Online“ steht, die Jugendlichen würden aus Nordafrika stammen („Eine Gruppe von ungefähr 60 Jugendlichen, die laut Kettler aus Nordafrika stammen sollen“); WDR.de schreibt, die Herkunft der Jugendlichen sei derzeit unklar („Zur Herkunft der Jugendlichen kann die Polizei im Moment nichts sagen“). Da verschweige und verfälsche die Redaktion des öffentlich-rechtlichen WDR doch was, so Reichelt.

Mal abgesehen von der generell verqueren Logik in seinem Tweet verzerrt der „Bild“-Chef hier die Informationslage: Er vergleicht eine Mutmaßung auf Grundlage von Aussehen durch den Geschäftsführer der Bädergesellschaft Roland Kettler (bei „RP Online“) mit einer offiziellen Aussage der Polizei (bei WDR.de). Außerdem steht auch im Text von „RP Online“:

Die Polizei wollte sich zur Nationalität der Jugendlichen nicht äußern.

Was Julian Reichelt „Verschweigen und Verfälschen“ nennt, ist also nichts weiter, als das Wiedergeben der bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gesicherten, offiziellen Informationen.

Dazu kommt: Reichelt befeuert die Debatte über die Herkunft von Tätern mit Blödsinn, wenn er schreibt, dass die Herkunft der Jugendlichen „so unklar gar nicht zu sein scheint“, und damit meint, dass sie aus Nordafrika kommen dürften. Es ist offenbar nicht so eindeutig, wie er es klingen lässt: Die „taz“ berichtet, dass „alle, deren Personalien aufgenommen wurden“, deutsche Staatsangehörige seien. Eine „nordafrikanische Herkunft liege nicht vor.“ „RP Online“ ergänzt, dass zumindest einer von ihnen „auch die nigerianische Staatsangehörigkeit“ besitze.

Glaubt „Bild“-Chef Julian Reichelt denn ernsthaft, dass uns solch unwissendes und vorschnelles Herumgetwittere vor der AfD bewahrt?

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EuGH zu Afghanistan-Leaks, Falsche Likes, Ballermann-Apokalypse

1. Kein Vertuschen
(taz.de, Christian Rath)
Als die Funke-Gruppe vertrauliche Berichte über die Situation in Afghanistan veröffentlichte, ging die Bundesregierung dagegen juristisch vor und berief sich dabei auf ihr angebliches Urheberrecht. Der Europäische Gerichtshof hat Zweifel, ob es sich bei den „Afghanistan Papers“ um urheberrechtlich einschlägige Werke handelt, und stuft sie eher als „rein informative Dokumente“ ein. Nun müssen die deutschen Gerichte erneut über den Fall entscheiden.
Weiterer Lesehinweis: Arne Semsrott sorgt sich auf netzpolitik.org vor der neuen Entscheidung: „Damit könnte — je nach finalem Urteil des Bundesgerichtshofs — der Staat ermutigt werden, künftig häufiger das Urheberrecht als Mittel der Zensur zu verwenden. Neben dem Verteidigungsministerium nutzten auch das Innenministerium und das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits das Urheberrecht, um die Veröffentlichung unliebsamer Berichte zu verhindern.“

2. Analyse enthüllt: Falsche Likes auf Cathy Hummels‘ Instagram-Profil
(t-online.de, Lars Wienand & Martin Trotz & Axel Krüger)
Es ist bekannt, dass man Instagram-Follower kaufen kann, doch nicht nur das: Auf dem grauen Social-Media-Markt lassen sich auch Instagram-Likes erwerben. Mindestens 200.000 dieser Likes sollen auf magische Weise auf Fotos der Influencerin Cathy Hummels heruntergeregnet sein, wie eine Analyse von Social Data Pro ergeben habe.

3. Das Dilemma der Aufdeckung
(deutschlandfunkkultur.de, Anke Schaefer, Audio: 6:34 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat sich mit dem irischen Journalisten Derek Scally unterhalten, der einen vielbeachteten und nachdenklichen Artikel über die verstorbene Bloggerin Marie Sophie Hingst verfasst hat. In dem Gespräch wird klar, wie sehr es der Bloggerin, die in Irland lebte, zugesetzt haben muss, dass der „Spiegel“-Artikel über sie auch ins Englische übersetzt worden ist und damit auch in ihrem Gastland lesbar war. Auch die ausführlichen Wikipedia-Einträge über ihre Person, hätten sie sehr belastet.

4. Jetzt wird’s kleinkariert
(djv.de, Hendrik Zörner)
Mit „Jetzt wird’s kleinkariert“ kommentiert Hendrik Zörner die jüngsten Sparmaßnahmen der „Süddeutschen Zeitung“. Dort habe man aus Kostengründen das traditionelle Sommerfest für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgesagt. Außerdem solle den „SZ“-Journalistinnen und -Journalisten der halbe freie Tag am Faschingsdienstag gestrichen werden. Zörner macht eine Gegenrechnung auf: „In den meisten Zeitungsredaktionen liegt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit bei 40 bis 45 Stunden pro Woche, also zwischen zehn und 25 Prozent über der tariflich vereinbarten Zeit. Diese Stunden schenken viele Journalisten ihren Verlagen, weil de facto keine Möglichkeit besteht, die Überstunden abzufeiern.“

5. EuGH erlaubt Sam­p­ling
(lto.de)
Man mag es nicht glauben, aber die Musikgruppe Kraftwerk und der Musikproduzent Moses Pelham streiten sich seit 20 Jahren über die Verwendung eines zwei Sekunden andauernden Loops aus einem Kraftwerk-Song. Nun hat der EuGH die Verwendung der Tonsequenz für zulässig erklärt.

6. Ballermann-Apokalypse im ZDF-„Fernsehgarten“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 3:26 Minuten)
Als am Sonntag über dem Gelände des ZDF-„Fernsehgarten“ während der Übertragung ein Gewitter niederging, dachte man, ein gerechter Gott hätte dem Spuk ein Ende bereitet. Doch weit gefehlt: Die Aktivitäten wurden in die Innenräume verlagert, es kam zu einer Verdichtung des Schreckens. Boris Rosenkranz hat das Grauen in einem dreiminütigen Video zusammengeschnitten.