Archiv für November 21st, 2018

„Schon wieder!“

Weil es gleich erstmal etwas anders aussehen könnte, das Wichtigste vorweg: Der Afghane Mansor S. hat kein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat die Ermittlungen gegen ihn eingestellt.

Am 14. August dieses Jahres ließ die „Bild“-Titelseite wenig Spielraum für Interpretationen:

Ausriss Bild-Titelseite - Schon wieder! Mansor S. ist seit fünf Jahren ausreisepflichtig - Schon neunmal verurteilt - Jetzt wegen Vergewaltigung einer 14-Jährigen verhaftet

Auf Seite 3 derselben Ausgabe ging es groß weiter. Über dem Text von Markus Arndt, Thomas Knoop, Thomas Röthemeier sowie deren Kollegin Nadja Aswad titelte „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei sicher - Abgelehnter Asylbewerber vergewaltigte Mädchen (14)

Während die „Bild“-Redaktion immerhin noch die leichte (und leicht übersehbare) Abschwächung „Polizei sicher“ vor die riesige Überschrift setzte, war bei Bild.de das Urteil längst gefällt:

Screenshot Bild.de - Der Täter (30) zog sie in einen Hauseingang - 14-Jährige in der Hamburger City vergewaltigt

Als sich die 14-Jährige entfernte, folgte er ihr, verwickelte sie immer wieder in Gespräche — und zog sie dann im Bereich von „Saturn“ an der Mönckebergstraße in einen Hauseingang.

Obwohl sich das Mädchen heftig wehrte, vergewaltigte der Mann es!

Keine Zweifel, keine Unschuldsvermutung. Keine weiteren Untersuchungen nötig.

Und wenn sie bei „Bild“ einmal beschlossen haben, dass eine Vergewaltigung stattgefunden hat, gehen sie sehr schnell über zur nächsten Stufe, dem Fordern von politischen Konsequenzen:

Screenshot Bild.de - Nach Vergewaltigung einer 14-Jährigen - Abschieben statt Strafprozess! Warum muss bloß immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor gehandelt wird?

Außerdem lassen sie auch Politiker Konsequenzen fordern:

Screenshot Bild.de - Langes Vorstrafen-Register - Politiker fordern jetzt mehr Härte von der Justiz!

Die Staatsanwaltschaft Hamburg zeigte sich von all dem „Bild“-Lärm unbeeindruckt und machte einfach ihre Arbeit: Sie befragte das vermeintliche Opfer zweimal, das sich dabei in Widersprüchen verhedderte. Das Mädchen sagte zum Beispiel, dass sie wegen ihrer High Heels nicht habe wegrennen können; auf Überwachungskameras war sie allerdings nur in Turnschuhen zu sehen. Die Staatsanwaltschaft stieß auf weitere Aufnahmen, die sich nicht mit den Vorwürfen deckten. Daher wurde Mansor S. bereits am 17. August aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Staatsanwaltschaft teilte uns damals mit, dass nur noch ein hinreichender Tatverdacht bestehe und kein dringender mehr.

Auch darüber berichtete „Bild“. Allerdings in einem etwas anderen Ausmaß: Auf der Titelseite vom 18. August war nichts zu dem Thema zu finden. Auch nicht auf Seite 3. Dafür eine kleine Meldung auf Seite 7, zwischen einem angeblichen „ARZT-MÖRDER“ aus Somalia, einem angeblichen Leibwächter von Osama bin Laden und angeblichen islamistischen Gefährdern:

Ausriss Bild-Zeitung - Kein dringender Tatverdacht mehr - Afghane (30) nach Vergewaltigungsvorwurf wieder frei

Nur mal zum Vergleich — oben „Bild“ am 14. August über die Festnahme von Mansor S., unten „Bild“ am 18. August über die Entlassung von Mansor S. aus der U-Haft:

Collage mit den Bild-Seiten zum Fall vom 14. August und vom 18. August

Gestern berichtete das „Hamburger Abendblatt“ (Artikel hinter der Paywall), dass die Hamburger Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen Mansor S. komplett eingestellt habe:

„Dem Beschuldigten konnte kein strafbares Handeln nachgewiesen werden“, sagt Carsten Rinio, Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft. Es bestünden vielmehr „massive und durchgreifende Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin“.

Der Anwalt von Mansor S. sagt, dass sein Mandant die Folgen der Anschuldigungen und der Berichterstattung deutlich spüre: Die Familie habe sich von ihm abgewendet, von seinen Mitbewohnern im Flüchtlingsheim sei er als „Kinderschänder“ beschimpft und vertrieben worden. Mansor S. habe daraufhin als Obdachloser auf der Straße gelebt. Gegen das Mädchen, das die Vergewaltigung erfunden hat, wolle der Afghane nicht vorgehen, so dessen Anwalt. Erstens wolle sein Mandant „das Ganze nicht erneut aufrollen“, und zweitens habe die 14-Jährige, die aus schwierigen Verhältnissen stamme, „in ihrem Leben schon genug durchgemacht“.

In den „Bild“-Medien ist von der Einstellung der Ermittlungen gegen den Mann, den die „Bild“-Medien längst verurteilt haben, bisher kein Wort zu lesen.

Mit Dank an @ma_ma_sz für den Hinweis!

Nachtrag, 30. November: Wir haben eine gute Woche abgewartet und noch mal nachgeschaut, ob bei „Bild“ und Bild.de Korrekturen erschienen sind.

Crowdfunding rettet kremlkritisches Magazin, Kältebus, Göttinger Rätsel

1. Politisches Crowdfunding
(taz.de, Klaus-Helge Donath)
Ende Oktober wurde das kremlkritische Magazin „The New Times“ mit einer Geldstrafe von 22 Millionen Rubel (umgerechnet 300.000 Euro) belangt, dem höchsten Zahlungsbefehl, der jemals über ein russisches Medium verhängt wurde. Normalerweise hätte dies das Aus für das Nachrichtenmagazin bedeutet, doch dann war da noch die Sache mit dem Internet: Mehr als 20.000 Menschen spendeten via Crowdfunding und sorgten dafür, dass der Betrag innerhalb von vier Tagen zusammen war.

2. Kaeser muss Reise nach Saudi-Arabien absagen
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ („ROG“) fordert den Siemens-Chef Joe Kaeser auf, seine für den 26. November geplante Reise zu einer Konferenz in Saudi-Arabien abzusagen. Hintergrund ist der Mord am Journalisten Jamal Khashoggi, der allem Anschein nach von der saudischen Regierung beziehungsweise von Kronprinz bin Salman persönlich beauftragt wurde: „Der Mord an Khashoggi im Konsulat in Istanbul ist in seiner Brutalität wie Dreistigkeit ein Ausnahmefall. Zudem ist immer noch unklar, wer die Verantwortlichen sind und inwiefern Kronprinz bin Salman persönlich in den Fall verstrickt ist. Dass einer der wichtigsten internationalen Investoren in Saudi-Arabien in dieser Situation zur Tagesordnung übergeht, ist zynisch“, sagte „ROG“-Geschäftsführer Christian Mihr: „Jetzt das Gespräch zu suchen, ist nicht in erster Linie ein Zeichen an das saudische Volk, wie Siemens betont. Es zeigt vor allem dem Regime, dass es wirtschaftlich nicht viel zu befürchten hat, wenn es Journalisten inhaftiert, auspeitscht, entführt und ermordet.“

Weiterer Lesehinweis: Das Länderdossier der „Reporter ohne Grenzen“ zu Saudi-Arabien.

3. Kältebus-Aufruf mit falscher Nummer
(hinzundkunzt.de, Simone Deckner)
„The same procedure as every year, James.“ Jedes Jahr kursieren auf Facebook und Co. die unterschiedlichsten Bildtafeln („Sharepics“) mit Telefonnummern von Kältebussen, die Obdachlosen helfen sollen. Das Problem: Oftmals sind die Nummern veraltet oder schlicht falsch wie man am Beispiel Hamburg sehen kann. Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz und Kunzt“ hat einen Tipp: Wer in kalten Nächten einen Obdachlosen sehe und es unklar sei, ob sich dieser in Gefahr befindet, solle zunächst herausfinden, ob die Person ansprechbar ist: „Reagiert sie nicht mehr auf Ansprache, sollte man die 112 anrufen. Braucht sie Hilfe, dann ebenfalls die 112 wählen! Wenn sich aber herausstellt, dass die Person in der akuten Situation keine Unterstützung will, sollte man dies auch akzeptieren.“

4. Polizei überwacht möglicherweise Journalisten
(amnesty-polizei.de)
Nur durch einen Irrtum der Polizei ist herausgekommen, dass diese anscheinend einen Journalisten überwacht hat. Wie das Ganze ans Licht gekommen ist? Die sächsische Polizei hatte versehentlich ein für die Göttinger Polizei vorgesehenes Schreiben an den Anwalt des Journalisten adressiert.
Weitere Einzelheiten zu dem unter vielerlei Aspekten bemerkenswerten Fall gibt es beim „Göttinger Tageblatt“: Weitere Klage gegen Polizei bei Datenpanne (Matthias Heinzel & Michael Brakemeier).

5. Sächsische.de: Ein Besuch im neuen Newsroom
(flurfunk-dresden.de, Peter Stawowy)
Der Dresdner „Flurfunk“ hat sich auf Einladung der „Sächsischen Zeitung“ auf der Baustelle des neuen Newsrooms umgesehen, einer hippen Bürofläche mit Brickwall-Elementen und Coffeeshop-Atmosphäre. Die Einrichtung des Newsrooms liege am grundlegenden Konzeptwechsel der Zeitung zu „online first“ bis zu einem möglicherweise „online only“.

6. Frankreich beschließt Gesetz gegen „Fake News“
(zeit.de)
Die französische Nationalversammlung stimmte in letzter Lesung für zwei Gesetze gegen die Verbreitung von Falschnachrichten im Wahlkampf. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte angekündigt, „das demokratische Leben“ schützen zu wollen. Kritiker sähen in den Gesetzen einen Versuch Macrons, missliebige Informationen zu unterbinden.