Archiv für November 29th, 2018

„Seid ihr einfach nur bescheuert oder habt keinen Anstand?“

Skirennläufer Thomas Dreßen gewann im Januar die prestigereiche Hahnenkammabfahrt auf der Streif in Kitzbühel, und plötzlich interessierten sich Redaktionen für ihn, die seinen Namen bis dahin gar nicht kannten.

In der „Stuttgarter Zeitung“ erzählt Dreßen von einer Erfahrung, die er in dieser Zeit mit dem Boulevard gemacht hat:

Nach Kitzbühel nahm ein deutsches Boulevardblatt seinen Sieg zum Anlass, die Seilbahntragödie, bei der sein Vater 2005 in Sölden ums Leben kam, noch einmal haarklein darzustellen — mit sehr viel Text und noch mehr Bildern. „Die haben wieder alles ausgegraben. Da habe ich mich gefragt: ‚Seid ihr einfach nur bescheuert oder habt keinen Anstand?'“

„Ein deutsches Boulevardblatt“. Welches das sein könnte? Am 20. Januar dieses Jahres, also an dem Tag, als Dreßen auf der Streif siegte, erschien bei Bild.de ein Beitrag mit dieser Überschrift:

Screenshot Bild.de - Sein Vater starb bei einem Seilbahn-Unglück - Die traurige Geschichte von Streif-Gigant Dreßen

Auf einen Link verzichten wir. Denn in dem Artikel erzählt die „Bild“-Redaktion von der Seilbahntragödie in Sölden, bei der auch Dreßens Vater starb, „mit sehr viel Text und noch mehr Bildern“.

Der „Stuttgarter Zeitung“ sagte Thomas Dreßen mit Blick auf das „deutsche Boulevardblatt“ noch:

„Die können zahlen, was sie wollen, die bekommen mein Lebtag kein Interview von mir.“

Mit Dank an Thomas (allerdings nicht Thomas Dreßen) für den Hinweis!

Nachtrag, 30. November: Entweder unterscheidet Thomas Dreßen sehr genau zwischen „Bild“ und „Bild am Sonntag“ — oder seine Behauptung „Die können zahlen, was sie wollen, die bekommen mein Lebtag kein Interview von mir“ war nicht besonders viel wert. Am 18. November, also drei Tage bevor Dreßens Aussagen in der „Stuttgarter Zeitung“ erschienen, brachte „BamS“ nämlich ein längeres Doppel-Interview mit Dreßen und Skispringer Andreas Wellinger. Einen Abend zuvor erschien das Interview bereits bei Bild.de.

Mit Dank an Jens und Marian für die Hinweise!

Mafia-Berichterstattung, Sprache der Politik, Hass-„Partnerprogramm“

1. Unter Verdacht – Gericht verbietet MDR-Ausstrahlung
(ndr.de, Timo Robben)
Wer zum Thema organisierte Kriminalität und Mafia recherchiert, hat zu den normalen Schwierigkeiten noch eine weitere, juristische: Die Beweislage muss für eine Verdachtsberichterstattung ausreichen, und das ist oft Auslegungssache. Das mussten gerade zwei MDR-Journalisten auf schmerzliche Weise erfahren, deren Film „Paten in Deutschland — die armenische Mafia und Diebe im Gesetz“ aus eben diesen juristischen Gründen nicht ausgestrahlt werden konnte.

Siehe dazu auch den „Zapp“-Beitrag: „Recherche über Mafia schwierig“, in dem der MDR-Journalist Ludwig Kendzia die Schwierigkeiten bei der Mafia-Berichterstattung erklärt. (ndr.de, Video, 14:02 Minuten).

2. Russlands linke Offensive
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Silvia Stöber)
Von Berlin aus operieren Onlinemedien mit politischen Inhalten, berichten über „das ausbeuterische globale System“, das die Menschheit „versklavt und unseren Planeten zerstört“, und rufen die Menschen dazu auf, „ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“. Finanziert werden die durchaus erfolgreichen Seiten aus Russland. Der ARD-„Faktenfinder“ hat sich auf Spurensuche begeben.

3. Rechte Verlage zahlten wohl Geld an Betreiber von Hetzseiten
(sueddeutsche.de, Katja Riedel & Sebastian Pittelkow)
Mario R. betrieb Hassportale im Netz und steht wegen unerlaubten Waffenhandels vor Gericht. Nun hat sich herausgestellt, dass Hintermänner des Kopp Verlags und des rechten Magazins „Compact“ ihm offenbar mehr als 100.000 Euro überwiesen haben und zwar im Rahmen eines „Partnerprogramms“.

4. Die Sprache der Politik
(wdr.de, Achim Schmitz-Forte, Audio, 27:44 Minuten)
Der Grünen-Politiker Robert Habeck war bei der WDR-„Redezeit“ zu Besuch und hat dort erzählt, dass gute Politik vor allem eine Frage der richtigen Sprache sei: „Wie in der Politik etwas gesagt wird, entscheidet, was in der Politik gedacht und was gemacht wird“.
Weiterer Lesehinweis zum Thema Sprache: Welche Strategien verwenden die Rechten mit ihrer Sprache? Zur Rhetorik der AfD: Der rechte Redner befiehlt, die Zuhörer folgen (fr.de, Heinrich Detering).

5. „Zehn Morde. Sind ihnen völlig egal“
(spiegel.de, Arno Frank)
Die Journalistin Annette Ramelsberger hat volle fünf Jahre den NSU-Prozess begleitet. In einem Gemeinschaftsprojekt mit drei weiteren Journalistinnen und Journalisten entstand das 2000-seitige Werk „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“. Im Interview erzählt Rammelsberger von den Merkwürdigkeiten des Prozesses, ihren schwersten Momenten aber auch über den bewegenden Moment, als es stehenden Applaus für die Aussage einer Frau mit iranischen Eltern gab. Diese habe sich trotz eines Bombenanschlags nicht unterkriegen lassen und arbeite mittlerweile als Chirurgin an einer Kölner Klinik.

6. Regulierung von Social Media und Suchmaschinen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen (ROG) hat einen Bericht mit Empfehlungen für die öffentliche Kontrolle von Diensten wie Facebook, Google und Twitter veröffentlicht. Der Bericht geht davon aus, dass diese Dienste heute keine rein privaten Unternehmen mehr seien, sondern essenzieller Bestandteil moderner Öffentlichkeit, und daher in besonderer Weise kontrolliert werden müssten. Er richte sich an die Bundesregierung und Vertreter des Bundestages und sei diesen bereits zugestellt worden. Wer sich dazu weiter einlesen will: Es gibt eine Kurzfassung (PDF) wie auch den vollständigen Bericht (PDF).
Weiterer Lesehinweis: Der große Facebook-Medien-Report: So extrem schaden die Algorithmus-Änderungen deutschen Medien-Seiten (meedia.de, Jens Schröder).