Archiv für November 13th, 2018

Der Begriff „Schießerei“ – und wie Redaktionen mit ihm umgehen

Vergangene Woche, am späten Mittwochabend, hat ein ehemaliger Soldat in der südkalifornischen Stadt Thousand Oaks auf die Gäste einer Country Music Bar geschossen und dabei mindestens zwölf Menschen getötet.

Die deutschen Medien berichteten über diesen Vorfall zum Beispiel so:

Screenshot FAZ.net - Schießerei in Kalifornien - Mehrere Tote bei Angriff auf Studentenparty
Screenshot n-tv.de - Vorfall in Kalifornien - Etliche Tote bei Schießerei in US-Bar
Screenshot Tagesschau.de - Thousand Oaks in Kalifornien - Viele Tote bei Schießerei in Bar
Screenshot heute.de - Thousand Oaks in Kalifornien - Mindestens zwölf Tote nach Schießerei in Bar
Screenshot Tagesspiegel.de - Thousand Oaks - Zwölf Tote bei Schießerei in Bar in Kalifornien
(in dieser Reihenfolge: FAZ.net, n-tv.de, tagesschau.de, heute.de, Tagesspiegel.de)

Nun ist so ein tragisches Ereignis nicht unbedingt der beste Moment für Wortklaubereien, aber diese Schlagzeilen sind andererseits ein passender Anlass, das Wort „Schießerei“ einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Der Duden definiert den Begriff so:

1. (meist abwertend) [dauerndes] Schießen
2. wiederholter Schusswechsel

Dass die zweite Bedeutung die häufiger verwendete ist, zeigt sich bei den Synonymen, die der Duden auf seiner Webseite vorschlägt:

[bewaffnete] Auseinandersetzung, Gefecht, Kampf, Kugelwechsel, Plänkelei, Schusswechsel; (umgangssprachlich) Ballerei; (besonders Militär) Feuergefecht; (Militär veraltend) Geplänkel, Scharmützel, Treffen

Der Begriff „Ballerei“ zeigt, in welchem Sinne die erste Bedeutung zu verstehen ist.

Das bedeutet nicht zwingend, dass der Begriff „Schießerei“ im Zusammenhang mit dem Verbrechen in Thousand Oaks falsch verwendet wird, aber angesichts der Tatsache, dass Begriffe wie „Messerstecherei“, „Schlägerei“ oder „Prügelei“ ja eigentlich ausschließlich zur Beschreibung einer Auseinandersetzung verwendet werden, haben wir uns gefragt, wie Redaktionen mit einem solchen Begriff umgehen — und die Frage entsprechend auch Redaktionen gestellt.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat in ihren internen Standards eine klare Definition, was eine „Schießerei“ ist:

Schießerei
Eine Schießerei ist ein Schusswechsel. Wir sprechen also von einer Schießerei, wenn zwei oder mehr Seiten sich gegenseitig beschießen, nicht aber, wenn nur eine Seite (wiederholt) feuert.

Zwar führt der Duden als Bedeutung auch „dauerndes Schießen“ auf — allerdings mit dem Zusatz „meist abwertend“. So mag es sprachlich korrekt sein, über eine Jagd zu sagen: „Diese idiotische Schießerei“. Dies rechtfertigt aber nicht, von einer Schießerei zu sprechen, wenn zum Beispiel Polizisten auf einen Verdächtigen geschossen haben, ohne dass dieser das Feuer erwiderte.

Besonders vorsichtig müssen wir bei der Übersetzung des englischen „shooting“ sein, das sowohl für einen Schusswechsel als auch eine einseitige Schussabgabe stehen kann.

Der Verweis auf die Übersetzung ist wichtig. Das Oxford Dictionary definiert „shooting“ so:

The action or practice of shooting with a gun.

Trotz klarer Regeln könne man nicht vollständig ausschließen, dass sich der Begriff nicht doch mal in Meldungen einschleiche, hat uns dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger auf Anfrage erklärt. Insbesondere in ersten Meldungen, wenn die Lage noch unübersichtlich sei, könne dies mitunter passieren. Bei Hinweisen auf eine Verwendung des Begriffs, die nicht den eigenen Standards entspricht, würden die Meldungen sofort korrigiert. Im aktuellen Fall lauteten die Überschriften der dpa-Meldungen aber etwa „Schüsse in Bar in Kalifornien“ oder „Polizei: 13 Tote nach Schüssen in Bar in Kalifornien“.

Etwas anders sah es beim deutschsprachigen Dienst der Agence France-Presse (AFP) aus, der zunächst von einer „Schießerei“ geschrieben hatte. Aber auch dort ist man sich der Problematik des Begriffs bewusst, wie Geschäftsführer und Chefredakteur Andreas Krieger auf unsere Anfrage antwortet:

Wir verwenden den Begriff „Schießerei“ nur in bestimmten Fällen, da er nicht präzise ist. Dies gilt etwa, wenn — wie im vorliegenden Fall — zu einem frühen Zeitpunkt der Tathergang noch nicht klar zu erkennen ist. In den ersten Meldungen der Feuerwehr von Thousand Oaks hieß es: „Firefighters and first responders are arriving on scene of a report of a shooting at an establishment.“ Diese Quelle war die Grundlage für unsere anfängliche Berichterstattung. Nachdem zuverlässige Quellen — Feuerwehr, Zeugen und der örtliche Sheriff — bestätigten, dass ein bewaffneter Mann in die Disko eingedrungen war und den Angriff verübt hatte, berichteten wir dies und verwendeten den Begriff „Schießerei“ nicht weiter.

Bei tagesschau.de ist der Begriff „Schießerei“ im Laufe des Donnerstags aus dem Artikel verschwunden, noch bevor „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke unsere E-Mail gelesen hatte. Eine Antwort auf unsere Anfrage haben bisher leider noch nicht erhalten, die „Tagesschau“-Redaktion hat aber angekündigt, uns über die internen Abstimmungen zum Begriff auf dem Laufenden zu halten.*

Auch beim ZDF haben wir nachgefragt und diese Antwort erhalten:

Die Redaktion heute.de ringt täglich um möglichst treffende Begriffe und Formulierungen. Gerade bei Gewalttaten ist das eine besondere Herausforderung, sind Ablauf, Hintergründe und Motivlage doch zunächst meist völlig unklar. „Amoklauf“, „Terroranschlag“, „Angriff“? Richtig ist, dass die — zumindest breiter gefasste — Begrifflichkeit „Schießerei“ auch als Schusswechsel verstanden werden kann. Es muss immer im Einzelfall entschieden werden, welche Wortwahl am präzisesten den Sachverhalt spiegelt.

Im konkreten Fall hat sich die Redaktion offensichtlich gegen den Begriff entschieden, denn er taucht in der aktualisierten Fassung des Artikels nicht mehr auf. Und auch ein Artikel vom vergangenen Wochenende, dessen Überschrift zunächst „Tote bei Schießerei in Florida“ gelautet hatte, ist jetzt mit „Tödliche Schüsse in Florida“ überschrieben.

Der „Tagesspiegel“ schrieb uns:

[W]ir beim Tagesspiegel haben gerade über Ihre Mail zum Thema „Schießerei“ gesprochen und Ihren Denkanstoß gerne und dankbar aufgenommen.
 
„Schießerei“ impliziert einen „Schusswechsel“. Ihr Vergleich mit „Prügelei“ und „Schlägerei“ etwa ist da sehr treffend. Insofern haben wir unsere Zeile in diesem Fall auch geändert.
 
Bei solchen Vorfällen ist es aber oft so, dass die Hintergründe zunächst unklar sind. Dann wird schnell erst einmal auch bei den Agenturen von „Schießerei“ geschrieben.

Auch bei n-tv.de hat es offensichtlich eine Diskussion über den Begriff gegeben, denn obwohl wir dort gar nicht nachgefragt hatten, ist im dortigen Artikel inzwischen nicht mehr von einer „Schießerei“ die Rede.

Von den oben gezeigten Beispielen verwendet nur noch FAZ.net den Begriff „Schießerei“ in der Dachzeile. Von dort haben wir bisher auch noch keine Antwort auf unsere Anfrage erhalten.

Da der Begriff „Schießerei“ natürlich nicht nur im aktuellen Fall verwendet wurde, haben wir auch beim RBB nachgefragt, der am vergangenen Mittwoch zum Beispiel eine Meldung über einen Mann, der in Blankenfelde-Mahlow angeschossen wurde, unter dieser Überschrift bei rbb24.de veröffentlicht hatte:

Screenshot rbb24.de - Schwerverletzter bei Schießerei vor Dönerimbiss

Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten.**

*Nachtrag, 14. November: Wie angekündigt, hat auch die „Tagesschau“-Redaktion noch geantwortet. Chef vom Dienst Andreas Werner schreibt heute auf unsere Anfrage:

Bei der „Tagesschau“ verwenden wir den Begriff „Schiesserei“ in der Regel nicht! Er trifft nur selten das Geschehen, ist ungenau oder gar falsch. Ob Amoklauf oder politisch motivierter Angriff (etwa in Schulen oder auch kürzlich in einer Synagoge in den USA) — wir bemühen uns, möglichst schnell, das, was passiert, auch begrifflich präzise zu benennen! „Schiesserei“ verharmlost meistens Tathergänge. Allerdings neigen etwa amerikanische Medien dazu, in ersten Eil-Meldungen den Begriff „Schiesserei“ zu benutzen — häufig, weil das Geschehen noch unklar ist. Und die Versuchung ist groß, das Unklare in unklare Begriffe zu Hüllen. Wir machen es uns zur Aufgabe, dem nicht zu erliegen. Und fast immer gelingt es uns — auch wenn die Faktenlage noch nebulös ist.

Korrektur, 14. November: Wir hatten AFP-Geschäftsführer Andreas Krieger aus Versehen zuerst Christian Krieger genannt. Wir bitten Herrn Krieger sowie unsere Leserinnen und Leser für diesen Fehler um Entschuldigung!

**Nachtrag, 19. November: Inzwischen hat auch der RBB auf unsere Anfrage reagiert. Wolfram Leytz, Leiter von rbb24, schreibt:

Es gibt keine grundsätzliche Entscheidung zur Verwendung von Begriffen wie Schießerei. Es gilt eher die grundsätzliche Regel: So korrekt wie möglich (zum Beispiel im Sinne der Definition des Duden oder auch des StGB bei Straftaten), aber auch so lebensnah verständlich für den Nutzer wie möglich.

Auskunftsperre, Zensurheberrecht zu Glyphosat, Vorsicht, Heimat!

1. Leipziger Richter stärken Rechte von Journalisten beim Schutz der privaten Adresse
(investigativ.welt.de, Uwe Müller)
Das Verwaltungsgericht Leipzig hat in einem Beschluss die Rechte von Journalisten gestärkt, die ihre Privatadresse schützen wollen: Die Verwaltungsrichter haben die Stadt Leipzig im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, zu Gunsten eines Investigativreporters der „Welt“ für die Dauer von längstens zwei Jahren eine Auskunftssperre im Melderegister einzutragen.

2. Zensurheberrecht: Bundesinstitut gab 80.000 Euro gegen Glyphosat-Berichterstattung aus
(netzpolitik.org, Arne Semsrott)
Ende 2017 verlängerte die EU-Kommission die Zulassung des möglicherweise krebserregenden Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat um weitere fünf Jahre. Der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte im Alleingang im Namen Deutschlands die Zustimmung erteilt, obwohl laut Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine Enthaltung vereinbart war. Der Fernsehsender MDR hatte regelmäßig über Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) berichtet, die Kritikern zu industriefreundlich ausfielen. Daraufhin mahnte das BfR den MDR wegen der Veröffentlichung der Dokumente ab und verklagte ihn schließlich: Mit der Veröffentlichung der Gutachten habe der Sender das geistige Eigentum des BfR verletzt. Der MDR musste daraufhin sowohl die Gutachten als auch den Mitschnitt der Sendung löschen. In den kommenden Wochen wird der Europäische Gerichtshof über den Fall entscheiden.

3. Michael Obert: „Ich dachte: Jetzt sterbe ich.“
(daniel-bouhs.de)
Am Rande der Fachtagung „Krieg und Krise, Terror und Trauma — Emotionale Belastungen in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten“ ergab sich für Daniel Bouhs die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit einem freien Auslandsjournalisten: Michael Obert war für das „SZ-Magazin“ mit einem Warlord vor der libyschen Küste unterwegs und ist von dort schwer verletzt zurückgekommen. Obert warnt junge Kolleginnen und Kollegen vor riskanten Einzelaktionen: „Ich nehme schon eher wahr, dass gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen, weil man ihnen eine Geschichte in einem schwierigen Gebiet nicht zutraut, dann zunehmend auf eigene Kappe hinfahren, das selbst finanzieren und dann so im Backpacker-Style im Prinzip mit 20 Euro Tagesbudget sich da irgendwie durchkämpfen …“

4. Ennio Morricone will den deutschen „Playboy“ wegen angeblichem Fake-Interview verklagen
(musikexpress.de)
Im deutschen „Playboy“ erschien ein Interview mit der Filmmusik-Legende Ennio Morricone, in dem der 90-Jährige angeblich den Regisseur Quentin Tarantino heftig beschimpfte und über die alljährliche Oscar-Verleihung lästerte. In einer ersten Reaktion stritt Morricone zunächst ab, dem „Playboy“ ein Interview gegeben zu haben. Dies hat sich inzwischen geändert: Nun will Morricone nur die umstrittenen Aussagen nicht getätigt haben. Die deutsche „Playboy“-Redaktion wehrt sich gegen Morricones Vorwürfe: Das Interview habe stattgefunden, und man sei irritiert darüber, „dass Teile der veröffentlichten Aussagen so nicht getroffen worden sein sollen.“ Update: Inzwischen räumt „Playboy“-Chefredakteur Florian Boitin ein, dass Morricones Aussagen in dem gedruckten Interview wohl „in Teilen nicht korrekt wiedergegeben“ worden seien.

5. Serien suchten mit Martin Schulz und was Alexa mit einer Kaffeemaschine zu tun hat – 6 Erkenntnisse vom Vocer Innovation Day 2018
(zeitgeist.rp-online.de, Henning Bulka)
Das unabhängige Debattenforum „Vocer“ hat nunmehr bereits zum fünften Mal deutsche und internationale Medienmacher zum „Vocer Innovation Day“ nach Hamburg eingeladen. Henning Bulka war dabei und hat aufgeschrieben, welche Dinge ihm besonders in Erinnerung geblieben sind: Es geht unter anderem um Relevanz statt Lautstärke, die Macht von Sprache und den Umgang mit Populismus, Amazons Sprachassistentin Alexa und das Bingewatch-Verhalten des ehemaligen Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

6. „Vorsicht, Heimat!“
(deutschlandfunk.de)
Die Sieger des 19. Deutschen Karikaturenpreises stehen fest: Greser & Lenz, Til Mette und Hauck & Bauer. Beste Newcomerin ist Sabine Winterwerber. Der „Deutschlandfunk“ präsentiert die Karikaturen der Ausgezeichneten.