Archiv für November 26th, 2018

Klartext-Klartext über Ausländer

Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz hat vor Kurzem entschieden, dass ein in Deutschland aufgewachsener Türke, der vor sechs Jahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde, ausgewiesen werden muss. Der Mann hatte auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis geklagt, doch das Gericht lehnte seinen Antrag ab.

Der Täter, so das Gericht, zeuge „von einem archaischen Frauenverständnis“, das mit dem deutschen Grundgesetz „nicht in Einklang zu bringen“ sei. Die Ausweisung erscheine erforderlich, „um andere Ausländer in vergleichbarer Situation von ähnlichen Delikten abzuhalten.“

Oder in den Worten von „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Richterin spricht Klartext-Urteil des Jahres - Vergewaltiger wird zur Abschreckung in die Türkei abgeschoben, weil sein Opfer für ihn eine Schlampe war

Denn bei „Bild“ ist das so: „Klartext“ ist alles, was gegen Ausländer spricht.

Wenn ein Politiker sagt: „Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer!“ Oder: „Das läuft mit den Ausländern falsch!“ — dann ist das: „Klartext“.

Collage aus mehreren Bild-Schlagzeilen: Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt - Die Wahrheit über kriminelle Ausländer, Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen! Das fordert Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt, Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer, Deutschlands klügster Kopf redet Klartext: Das läuft mit den Ausländern falsch

Wenn eine Schulleiterin sagt, ihre Klassen seien „arabisiert“, dann spricht sie „Klartext“.

Ausriss Bild-Zeitung - Eine Schulleiterin und ein Richter sprechen Klartext - Astrid-Sabine Busse (61) über ihre ersten Klassen - Wir sind hier an der Front. Wir sind arabisiert

Wenn ein Richter zu einer ausländischen Familie sagt:

Screenshot Bild.de - Richter Robert Grain (52) zu einer syrischen Familie - In Ihrer Kultur hat die Frau einen geringeren Stellenwert. Das ist bescheuert

… dann redet er: „Klartext“.

Wenn ein Richter zu einem straffälligen Ausländer sagt:

Screenshot Bild.de - Richter rechnet mit straffälligem Flüchtling ab - Wenn es bei uns so sch... ist, warum sind Sie dann hier?

… dann ist er ein: „Klartext-Richter“.

Wenn Hillary Clinton Angela Merkel rät, die Einwanderung nach Europa einzuschränken, dann ist das eine: „Klartext-Botschaft“.

Screenshot Bild.de - Klartext-Botschaft - Clinton empfiehlt Merkel weniger Einwanderung

Wenn eine Polizistin fragt: „Warum wird ein Marokkaner, der eine Frau vergewaltigt, nicht abgeschoben?“ Dann redet sie: „Klartext!“

Ausriss Bild am Sonntag - Eine Polizistin redet Klartext! - Warum wird ein Marokkaner, der eine Frau vergewaltigt, nicht abgeschoben? - Die Justiz und wir sind am Limit, du kannst die Anzeigen auch gleich in den Reißwolf stecken - Über Intensivtäter wird viel zu lange viel zu viel diskutiert

Wer ist für „Bild“ ein „Klartext-Politiker“? Thilo Sarrazin.

Screenshot Bild.de - Klartext-Politiker Thilo Sarrazin über Hartz IV - Es wächst eine weitgehend funktions- und arbeitslose Unterklasse heran

Die „Bild“-Kolumne, in der Heinz Buschkowsky auch gegen kriminelle Ausländer wettert, heißt: „Buschkowsky redet Klartext“.

Screenshot Bild.de - Buschkowsky redet Klartext - Warum Rücksicht nehmen auf hungernde Muslime?

Wenn eine Richterin sagt, die meisten Intensivtäter seien Ausländer, dann meint „Bild“:

Screenshot Bild.de - Kriminelle Ausländer - Diese mutige Richterin redet Klartext

„Klartext“ ist für die Leute von „Bild“ ein Qualitätssiegel. Sie verleihen es aber nicht an den klarsten Text, sondern an den, der am meisten Angst macht.

Aber da sind sie ja nicht die einzigen:

Wahlplakat der AfD: "Klartext zu Deutschland"

Mit Dank auch an den Hinweisgeber.

Hannibal ohne Resonanz, Bayers Lügphosat, Schöne-Wort-Ministerin

1. Wo bleibt die Resonanz auf die „Hannibal“-Recherche?
(deutschlandfunkkultur.de, Tim Wiese & Jenny Genzmer, Audio, 13:59 Minuten)
Die „taz“ hat in einer aufwändigen Recherche ermittelt, dass es ein rechtes Netzwerk in der Bundeswehr gibt, das beste Verbindungen in deutsche Behörden hat. Warum gab es so wenig Resonanz auf die Recherche? Wo bleibt die große Debatte zum Thema „Rechtsextremismus in den Behörden“? „Deutschlandfunk Kultur“ versucht, diese Fragen zu beantworten.

2. Medien übernahmen unbedarft eine Lüge des Bayer-CEO Baumann
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Verantwortliche des Bayer-Konzerns verwiesen gerne auf die angeblich 800 wissenschaftlichen Studien, die bewiesen, dass das Pestizid Glyphosat nicht krebserregend sei. Problem Nummer 1: Das Bundesinstitut für Risikobewertung kenne nur rund 50 thematisch einschlägige Berichte, wie die „taz“ erfahren habe. Problem Nummer 2: Die maßlos übertriebene Zahl des Bayer-Konzerns sei ungeprüft von Medien verbreitet worden. Eine notwendige Richtigstellung beziehungsweise Einordnung sei nicht vorgenommen worden.

3. Gegen die Obdachlosigkeit
(sueddeutsche.de, Thomas Hahn)
Vor 25 Jahren wurde das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ gegründet. Einerseits ein Grund zum Feiern, andererseits gebe es Grund zur Sorge: Die Print-Ausgabe des Obdachlosenmagazins sei weit von den Blütezeiten entfernt und werde nur noch weitgehend von Älteren gekauft. Um ein junges Publikum zu erreichen, setze man auf das Online-Angebot und die sozialen Medien. Aber nur das gedruckte Heft sorgt dafür, dass die Obdachlosen etwas in der Hand haben, das sie verkaufen können.

4. Die Schöne-Worte-Ministerin
(udostiehl.wordpress.com)
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey versteht sich aufs Framing und erfindet für ihre Gesetzesvorhaben positiv klingende Wortschöpfungen: Nach dem „Gute-KiTa-Gesetz“ folgte das „Starke-Familien-Gesetz“. Was aus Sicht der Ministerin legitim ist, sollte von den Medien jedoch nicht gedankenlos nachgeplappert werden, findet Udo Stiehl: „Verblüffend ist, dass trotz aller Bekundungen zu Objektivität und journalistischer Distanz die „Schöne-Worte-Politik“ kritiklos ihren Weg findet. Gerade in Zeiten, da Medienhäuser neue Investigativredaktionen bilden, ein US-Präsident das Thema Schönfärberei täglich auf dem Silbertablett serviert und über den Umgang mit den Kampagnen der AfD diskutiert wird, müsste doch die Sensibilität für politische PR inzwischen sehr hoch sein.“

5. Gefährliche Orte
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Vergangene Woche erschien der Jahresbericht „Beziehungsgewalt“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Anlass für viele Medien, alarmistische Töne anzuschlagen. Ex-BGH-Richter und Strafrechtsexperte Thomas Fischer ordnet die Zahlen ein und kritisiert die Medien für ihren einseitigen Umgang mit dem Thema.

6. In der „Welt“ der Reichen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Schutz- und wehrlos sieht sich eine gesellschaftliche Minderheit Deutschlands schlimmsten Formen der Diskriminierung ausgesetzt: die Reichen. Diesen Eindruck wollen jedenfalls „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt und sein Redakteur Dirk Schümer erzeugen. Boris Rosenkranz setzt sich in seiner „Übermedien“-Glosse mit den steilen Thesen von „Welt“ auseinander und hat zum Abschluss noch eine schöne Pointe parat.