Archiv für November 15th, 2018

Süddeutsche.de fällt auf satirischen May-Ehemann rein

Bei Süddeutsche.de schreiben sie gerade auf der Startseite zu den Entwicklungen rund um den Brexit in Großbritannien:

Screenshot Süddeutsche.de - Brexit - London am Tag danach - Es gibt einen Brexit-Deal, aber in Großbritannien freuen sich nur wenige darüber. Zwei Minister treten zurück, May hält eine Rede im Ich-lasse-mich-nicht-aufhalten-Modus und ihr Ehemann verbreitet auf Twitter negative Stimmung

Im Artikel greift Korrespondentin Cathrin Kahlweit das angebliche Twitter-Verhalten von Mays angeblichem Ehemann noch einmal auf:

Selbst Mays Ehemann Philip war am Tag nach der Sensationsnachricht negativ gestimmt. Er twitterte, dies werde „ein langer Tag“. Wahrscheinlich war der Kurznachrichtendienst der einzige Weg, auf dem er seine Frau im Westminster-Chaos erreichen konnte.

Es gibt tatsächlich einen Tweet, in dem so etwas steht, sogar von heute:

Screenshot eines Tweets des Twitter-Accounts @PMHusband - It's going to be a very long day.

Der Twitter-Account @PMhusband beschreibt sich selbst allerdings so:

Screenshot des Twitter-Accounts @PMHusband - In der sogenannten Twitter-Biografie steht Husband of @theresa_may, Prime Minister of the United Kingdom. Parody.

Das Wort „Parody“ könnte ein entscheidender Hinweis sein. Das gilt übrigens auch für diesen Account, liebe „Süddeutsche“.

Mit Dank an Fabian P. für den Hinweis!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Die Redaktion von Süddeutsche.de hat auf unseren Hinweis reagiert und den Text korrigiert. Im Sinne der Transparenz steht am Ende des Artikels nun dieser Hinweis:

In einer früheren Version des Textes wurde ein Tweet zitiert, den wir dem Ehemann von Theresa May zugeordnet haben. Dabei handelte es sich jedoch um einen Satire-Account. Deshalb haben wir die Passage gelöscht.

Und auch auf der Startseite ist der falsche Hinweis auf Theresa Mays Ehemann nun verschwunden.

Schülerzeitung entlockt Julian Reichelt „tiefe innere Wahrheit“

Julian Reichelt war auch mal Schüler. Der heutige „Bild“-Chef besuchte als Jugendlicher ein Gymnasium in Hamburg-Othmarschen. Dort, am Gymnasium Othmarschen, war Reichelt bereits Chefredakteur — der Schülerzeitung. Darüber hatten Isabell Hülsen und Alexander Kühn unter anderem in ihrem Reichelt-Portrait im „Spiegel“ geschrieben.

Diesen Text hat auch Johann Aschenbrenner gelesen, der in gewisser Weise Julian Reichelts Nachfolger ist, als aktueller Chefredakteur der Schülerzeitung am Gymnasium Othmarschen. Zusammen mit seiner Mitschülerin Emma Brakel und seinem Mitschüler Arvid Bachmann hat Aschenbrenner „Bild“-Chef Reichelt im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin besucht. Herausgekommen ist ein lesenswertes Interview, das meilenweit entfernt ist vom despektierlichen Prädikat „Schülerzeitungsniveau“:

Aschenbrenner, Brakel und Bachmann haben einige schöne Details in Julian Reichelts Büro und Arbeitsalltag beobachtet. Und Reichelt äußert in dem Gespräch einige bemerkenswerte Dinge.

Er sieht „Bild“ beispielsweise „natürlich in einer Liga“ mit der „Washington Post“ und der „New York Times“:

Wir sind da, wo die „Post“ oder die „New York Times“ sind, oder umgekehrt: Die sind da, wo wir sind. In dieser Liga halten wir uns, auch durch strategisch kluge Entscheidungen, wie zum Beispiel die Umsetzung von Paid-Content.

Er glaubt beispielsweise nicht, dass „Bild“ Stimmung mache, und meint, dass „Bild“ auch nicht Stimmung machen sollte. Aschenbrenner, Brakel und Bachmann halten dagegen:

Schlagzeilen schaffen Stimmungen. Die „BILD“-Zeitung beruft sich häufig darauf, was dann auf der Seite 2 steht. Wenn man die Schlagzeile „Islam-Rabatt“ liest, dann kreiert das doch eine gewisse Stimmung. Sie sind sich der Bedeutung der Eins doch sicher bewusst?

Reichelt antwortet, dass solche Schlagzeilen „eine tiefe innere Wahrheit und Berechtigung“ hätten. Dieses Geschwafel nimmt Johann Aschenbrenner in einem gesonderten Text auseinander:

ORF droht Zerstörung, Y***** H******** mahnt ab, MedWatch

1. Redakteursvertreter befürchten „absichtliche Zerstörung“ des ORF
(derstandard.at)
Redakteure schlagen Alarm: Dem ORF drohe die „größte existenzielle Krise seit Bestehen“. In einer Resolution beklagen sie die kontinuierliche Reduktion der journalistischen Arbeitsplätze sowie die Auslagerung von Informationsprogrammen: „Wir befürchten die absichtliche Zerstörung des öffentlich-rechtlichen Senders — über einen wirtschaftlichen und politischen Zangenangriff. (…) Währenddessen bauen die Regierungsparteien systematisch ihre PR-Stellen aus.“

2. Y***** H******** mahnt ab
(taz.de, Dinah Riese)
Die „taz“ macht darauf aufmerksam, dass der Mathematikstudent Yannic Hendricks, der unzählige öffentlich über Abtreibung informierende Ärzte und Ärztinnen angezeigt hat, nun Menschen abmahnt, die seinen Namen im Zusammenhang mit diesen Anzeigen öffentlich genannt haben.
Weiterer Lesetipp: Yannic Hendricks zeigt Ärztinnen an, die gegen 219a verstoßen, aber möchte anonym bleiben (buzzfeed.com, Juliane Loeffler).

3. Ein ungutes Gefühl im Bauch
(jmwiarda.de, Jan-Martin Wiarda)
Einer Juristin wurde von der Internet-Plattform „VroniPlag Wiki“ vorgeworfen, sowohl bei der Promotion als auch bei der Habilitation plagiiert zu haben. Als Medien darüber berichteten, ging die Juristin dagegen juristisch vor und bekam zunächst Recht. Der Journalist Jan-Martin Wiarda kommt bei dem Konflikt zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht zu keinem eindeutigen Ergebnis und befindet schlussendlich: „Ich habe keine Antworten. Nur ein ungutes Gefühl im Bauch.“

4. Neues aus dem Fernsehrat (29): Von „funk“ für die Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien lernen
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Seit zwei Jahren existiert das öffentlich-rechtliche Jugendangebot „funk“. Zeit für eine Zwischenbilanz, findet Leonhard Dobusch. Als reines Online-Angebot sei „funk“ in vielerlei Hinsicht wegweisend für Öffentlich-Rechtliche im Netz. Potentiale jenseits von YouTube und Facebook würden jedoch bislang nicht genutzt. Dobusch hat Ideen, wie sich das ändern ließe.

5. „Fake-Informationen bedrohen das Leben von Patienten“
(vocer.org, Nicola Kurth)
Der diesjährige #Netzwende-Award ging an das von den Wissenschaftsjournalisten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup gegründete Projekt „MedWatch“, das sich für verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz einsetzt. Warum Gesundheitsinformationen im Netz journalistische Kontrolle brauchen, erklärte Mitgründerin Kuhrt beim „Vocer Innovation Day“ in Hamburg.

6. Die Financial Times hat einen Bot entwickelt, der warnt, wenn nur männliche Experten zu Wort kommen
(piqd.de, Simon Hurtz)
Bei der britischen Zeitung „Financial Times“ warnt eine Analyse-Software (Bot), wenn nur männliche Experten zu Wort kommen. Der Journalist Simon Hurtz kommentiert: „Der Bot kann keine strukturellen Probleme innerhalb der Redaktionen lösen. Aber ich glaube, dass es manchmal schon reicht, daran erinnert zu werden, Frauen zu zitieren. Gerade im Alltagsstress vergisst Mann (und manchmal auch Frau) das oft, ohne dass Absicht dahinter steckt. Vielleicht kann die Financial Times den Code veröffentlichen, sodass andere Medien vergleichbare Mechanismen implementieren können.“