Julian Reichelt im „Spiegel“-Bild

Außerhalb unserer werktäglichen Empfehlungen „6 vor 9“ hier ein Sonder-Lesetipp fürs Wochenende: Das „Spiegel“-Duo Isabell Hülsen und Alexander Kühn hat „Bild“-Chef Julian Reichelt begleitet, vergeblich an Hotelbars auf ihn gewartet, ihn im Axel-Springer-Hochhaus besucht, vergeblich in Hotel-Frühstücksräumen auf ihn gewartet, versucht ihn zu verstehen. In ihrem siebenseitigen Portrait, das ab morgen im gedruckten „Spiegel“ am Kiosk erhältlich sein wird und jetzt schon in der „Spiegel“-Digitalausgabe zu finden ist, schreiben Hülsen und Kühn über Reichelts Widersprüchlichkeit, sein Riesen-Ego, seine Krebs-Erkrankung, sein Boulevard-Talent. Und sie suchen Antworten auf die Fragen:

Deckt sich der wild gewordene Twitterer mit dem Menschen Reichelt? Wie viel ist Pose, wie viel Überzeugung? Und wie schafft es jemand wie er so weit nach oben?

Ausriss Spiegel-Doppelseite - Überschrift Im Stahlgetwitter

In dem ausführlichen Stück gibt schöne Details aus Julian Reichelts Vita, etwa:

Mit 17 erfindet er seine eigene „Bild“. In der Schülerzeitung, die er am Gymnasium in Hamburg-Othmarschen gründet, gibt es große Fotos und knallige Überschriften. Die Redaktionskonferenzen finden im elterlichen Wohnzimmer statt. An eine Schlagzeile kann sich Reichelt noch erinnern. In der Nähe der Schule waren drei Autos aufgebrochen worden. Er titelte: „Welle der Gewalt“.

Außerdem Reichelts Selbstinszenierung als Sozialarbeiter, der jungen Menschen „helfen“ will, die er und seine Redaktion zuvor auf der „Bild“-Titelseite vorverurteilt haben:

Zur Hochform lief „Bild“ nach den Krawallen beim G-20-Gipfel in Hamburg auf. Da wurde die Zeitung zum Pranger umfunktioniert. Auf dem Titelblatt fahndete sie unter anderem nach dem 19-jährigen Kevin, der Steine in Richtung eines Wasserwerfers geschmissen hatte. Er stellte sich daraufhin der Polizei. Reichelt twitterte: „Meine Prognose: Das macht Kevin nicht noch mal.“ Er sei froh, sagt Reichelt heute, „dass unsere Berichterstattung Auswirkungen hatte“.

Aber weil Reichelt ja ein Guter ist, hat er den jungen Mann angerufen und ihm einen Job bei „Bild“ angeboten, wenn sein Gerichtsverfahren abgeschlossen ist — es soll ein Resozialisierungsangebot sein: „Man muss helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat.“

Und ebenfalls faszinierend: Die eigene Zündelei im Stile der AfD nicht sehen zu wollen und gleichzeitig einzuräumen:

Dass „Bild“ mitzündele, findet er nicht: „‚Bild‘ ist kein Brandstifter, sondern ein Ventil.“ Das Blatt trete für die Leser den Beweis an, dass der gern von der AfD bemühte Satz „Das darf man ja nicht mehr sagen“ nicht stimme — weil „Bild“ es doch sagt. Als wäre es weniger gefährlich, wenn „Bild“ Ängste schürt, bevor die AfD das tut.