1. Amt und Fernseher (sueddeutsche.de, Hubert Wetzel)
Die “New York Times” mutmaßte, dass Donald Trump beim Regieren schnell langweilig werde und er dann oft den Fernsehapparat einschalte. Was zu diplomatischen Verwirrungen führen kann, wie im “Last-Night-in-Sweden”-Fall. Trump hatte wohl schlicht einen Beitrag auf “Fox News” falsch verstanden und bei einer Rede munter drauflosfabuliert. “SZ”-Autor Hubert Wetzel hat sich angeschaut, bei welchen Sendungen der amerikanische Präsident noch gerne einschaltet.
2. Warum die türkische Regierung solche Angst vor Deniz Yücel hat (vice.com, Matern Boeselager)
Auf “Vice” fragt sich Matern Boeselager, warum die türkische Regierung solche Angst vor Deniz Yücel habe. Yücels unangepasste und unbequeme Art und natürlich seine Texte seien es, die ihm schon in der Vergangenheit Ärger beschert hätten: “Deniz Yücel wusste also, dass er ein hohes Risiko einging, indem er weiter aus der Türkei über die Türkei berichtete, was er für die Wahrheit hielt. Dass er trotzdem immer weiter macht, ist genau der Grund, warum die türkische Regierung solche Angst vor ihm hat.”
PS: “taz.de” hat sechs Briefe von Kollegen und Freunden an Deniz Yücel veröffentlicht.
3. Ein Blick aus der Leere (zu-daily.de, Hans Ulrich Gumbrecht)
Einen Monat nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump ist das weltweite Entsetzen immer noch groß. Auch befeuert durch die nahezu täglichen und gelegentlich verstörenden Trump-Tweets. Hans Ulrich Gumbrecht schreibt über das Phänomen aus der Sicht eines in Stanford arbeitenden Professors. Die Gesellschaft sei tief gespalten und Trump vor allem von der Sucht nach Resonanz getrieben: “Manchmal ergibt sich der Eindruck, er stehe unter einem Zwang, sich durch Resonanz die Wirklichkeit seiner eigenen Existenz beweisen. So erzeugt auch jede der längst niemanden mehr überraschenden Salven gegen „political correctness“ durchaus Amplituden der Resonanz auf beiden Seiten einer gespaltenen Gesellschaft. Diese Tendenz zeigt sich bisher vor allem auf der Ebene der Außenpolitik, wo Momente des Tabu- und Traditionsbruchs deutlich über strategische Revisionen dominieren. Und hier liegt wohl der Ursprung jener „alternativen Wahrheiten“, Halbwahrheiten oder nicht durch Realität gedeckten Behauptungen, die längst zu einem Markenzeichen von Donald Trumps rhetorischem Stil geworden sind. Solange sie Resonanz produzieren, hält er sie nicht für korrekturbedürftig.”
4. Wie Merkel, Schulz und Co. in den sozialen Medien performen (horizont.net, Giuseppe Rondinella)
Bald beginnt bei uns der Bundestagswahlkampf. Da stellt sich die Frage: Wer dominiert Social Media eigentlich hierzulande? “Horizont” hat sich die Performance der Parteien und Spitzenkandidaten auf Facebook, Twitter und Instagram näher angeschaut.
5. Populäres Filmportal schliesst Diskussionsforen (nzz.ch, Jochen Siegle)
Die “Internet Movie Database” (IMDb) ist die populärste Datenbank zu Filmen, Fernsehserien, Videoproduktionen und Computerspielen. Über 4 Millionen Filmproduktionen sind gelistet, zu mehr als 7 Millionen Filmschaffenden gibt es Einträge. Nun hat das Filmportal seine beliebten Diskussionsforen abgeschaltet. Eine Entscheidung, die mehr als 250 Millionen User betrifft.
6. “Halten Sie Papier und Bleistift bereit” (spiegel.de, Peter Ahrens)
Über Jahrzehnte war Ernst Huberty das prominente Gesicht der Fußballberichterstattung. Manche behaupten, dass er als “Mister Sportschau” zu einem Teil Fernsehgeschichte geworden sei. Nun wird der stets akkurat gekleidete und unaufgeregte Huberty 90 Jahre alt. Ein Anlass für “Spiegel”-Autor Peter Ahrens, sich wehmütig an die Ära der Cordsakkos, Postkarten und den “Galopper des Jahres” zu erinnern.
Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)
Michael Martens hatte am Wochenende eine schlaflose Nacht. Der “FAZ”-Südosteuropa-Korrespondent hatte gehört, dass sich sein Kollege Deniz Yücel in Istanbul in Polizei-Gewahrsam befindet. Yücel hat zwei Pässe. Er ist nicht der erste Journalist mit einem türkischen Ausweis, dem so etwas passiert, aber der erste mit einem deutschen. Martens fragte sich: Hätte man das irgendwie verhindern können?
Zwei Stunden lag er schon da und grübelte. Aber noch war ihm das alles nicht so klar. Er wälzte sich von der einen Matratzenseite zur anderen, zum hundertsten Mal schon, doch es wollte weder Schlaf kommen noch eine Antwort. Und dann wälzte er sich wieder, nur dieses Mal ein kleines Stückchen zu weit.
Rumms!
Martens rutschte ab, versuchte noch, sich im Fallen am Bettlaken festzuhalten, aber das Laken glitt ihm aus der Hand. Er knallte mit dem Hinterkopf gegen den Nachttisch und war kurz bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, hatte er eine Idee.
Ja. Eigentlich war doch alles ganz klar, dachte sich Martens: Vor einem halben Jahrhundert hatten die Deutschen sich die Türken ins Land geholt. Als die dann endlich ein paar Sätze verstanden, sagte man ihnen, was zu tun ist. Das erledigten sie. Und das wurde über die Jahre so beibehalten.
Nun sind wir allerdings inzwischen sehr gut mit Gemüseläden versorgt und müssen den Kindern und Enkeln der Türken daher in anderen Branchen Beschäftigungen zuweisen. Und da lässt man sie doch am besten das machen, wovon sie ihrem Namen nach wohl am meisten verstehen dürften. Irgendwas mit Türkei eben.
So war es wohl zu erklären, dass dieser Yücel jetzt in Istanbul einsaß.
All jene, die gegen jeden guten Rat Journalisten werden müssen, bekommen einen Korrespondenten-Job am Bosporus, denn was soll man sonst mit ihnen machen? Sie über Innenpolitik schreiben lassen? Das wäre ja wohl absurd — bei dem Nachnamen.
Aber sie in die Türkei zu schicken, ist natürlich auch nicht viel besser, denn da liefert man sie dem Despoten ans Messer, der sie dann umgehend einbuchtet, wie man nun wieder einmal gesehen hat.
Und das ist doch die Erklärung, wurde es Martens auf einmal ganz klar: Wer trägt also die Schuld? Natürlich. Die Verlage.
Wenn die sich bei der Zuordnung ihrer Korrespondenten zu den frei werdenden Stellen auch nur ein Minimum an Gedanken machen würden, säße dieser Yücel jetzt nicht im Gefängnis — und er selbst nicht hier in Griechenland.
Immer noch leicht benommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der verdammte Nachtschrank, fluchte er, aber immerhin hatte es aufgehört zu bluten, und der Schmerz ließ langsam nach.
Martens prüfte noch einmal, ob seine These so auch stimmte: Haben denn wirklich so viele Türkei-Korrespondenten deutscher Medien türkische Wurzeln?
Na egal. Es war jedenfalls schon öfter vorgekommen, dass Deutsch-Türken auf Deutsch über die Türkei geschrieben hatten. Und bei Deniz Yücel war es offenbar noch schlimmer. Das sei “einer, der die Türkei liebt”, hatte er gelesen.
Als Journalist. Das muss man sich mal vorstellen.
Dass er selbst das liebte, worüber er schrieb, war bei ihm in all den Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen. Aber welche Hollywood-Schauspielerin würde sich schon mit einem Journalisten abgeben? So war das nun mal. Und jetzt saß er auch noch in Griechenland fest.
Der Text floss ihm nur so aus den Fingern.
Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen “lieben” — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?
… formulierte er und las den Satz laut. Er gefiel ihm — besonders die Passage mit “Nordkorea oder Hintertupfingen”.
Als er den letzten Satz geschrieben hatte, ging Martens den Text noch einmal durch und war im Großen und Ganzen zufrieden. Er fand noch kleine Fehler, aber nichts, was den Eindruck getrübt hätte. Der Kopf tat schon gar nicht mehr weh. Aber an dieser einen Stelle blieb er doch immer wieder hängen. Und plötzlich war ihm etwas unwohl. Irgendwas stimmte da nicht.
Klang ja schon ein bisschen so, als wären türkischstämmige Journalisten hierzulande so etwas wie willenloses Verfügungsvieh. Dabei war es, wenn auch unwahrscheinlich, doch immerhin theoretisch möglich, dass es bei anderen Verlagen nicht ganz so war wie bei dem, der ihn nach Griechenland geschickt hatte. Wäre ja möglich, dass Yücel freiwillig in die Türkei gegangen war, dachte er, konnte es sich dann aber doch nicht vorstellen und verwarf den Gedanken wieder.
Er überlegte hin und her, und letztlich überwogen die Zweifel. Er hatte die E-Mail an die Redaktion zwar schon geschrieben, aber beschloss, den Text doch nicht abzusenden. Es war ein gutes Gefühl. Es war die richtige Entscheidung.
Als Martens von seinem Schreibtischstuhl aufstand, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, blieb er mit dem linken Fuß am Ladekabel seines Laptops hängen. Das Kabel zog den Computer in Zeitlupe vom Tisch. Martens schlug mit der flachen Hand zu, um das sich der Tischkante nähernde Gerät zu stoppen.
Es gelang ihm so gerade. In dieser Pose, das Ladekabel am ausgestreckten Bein und die Tastatur unter dem ausgestreckten Arm, sah er seine E-Mail im Ordner Postausgang verschwinden.
In Panik schlug er ein weiteres Mal zu, um die Verbindung vielleicht doch noch zu kappen. Doch der Postausgang war schon leer, die E-Mail in Frankfurt angekommen. Der Bildschirm wurde schwarz. Der Computer ließ sich nicht mehr einschalten. Er versuchte es noch drei- oder viermal. Dann gab er auf.
Was für ein Ärger. Ein Telefon existierte nicht in diesem malerischen Drecksnest, wo er seine Wochenenden verbrachte. Zurück in Athen würde er erst am Sonntag sein. Dann könnte er die Redaktion anrufen. Aber dann war der Text längst erschienen. Statt des Biers aus dem Kühlschrank holte Martens die Flasche Metaxa aus dem Regal. Er setzte sich ans Fenster, schaute aufs Meer und schlief eine Stunde später ein.
Zurück in Athen, fand Martens in seinem Postfach eine E-Mail. Ein Kollege aus Frankfurt hatte geschrieben. Interessanter Text. Sei unter den Kollegen kontrovers diskutiert worden. Die Herausgeber seien allerdings durchweg sehr angetan. Besonders von diesem einen Satz:
Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen “lieben” — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?
“Nordkorea oder Hintertupfingen” — tolle Formulierung, schrieb der Kollege. Die Herausgeber würden sich auch noch bei ihm melden.
Moment. Bei ihm melden?, dachte Martens. Warum das? In all den Jahren war das nicht ein einziges Mal vorgekommen. Wobei. Doch. Ein einziges Mal schon. Als er in der Konferenz ein bisschen die Fassung verloren und über die Kollegen aus dem Sport hergezogen hatte — denn wenn er eins wirklich hasst, dann ist es ja Sport. Das hatte er so auch gesagt. Und jetzt klingelte tatsächlich das Telefon. Waren das die Herausgeber?
Das waren sie. Guten Tag. Was wollten sie ihm sagen? Nein, umstrukturiert hatten sie. Wie schön. Aber warum erzählten sie das ihm? Roman aus dem Sport ins Literatur-Ressort? Wegen des Vornamens? Wer kommt denn auf so was? Ach so. Anregung aus dem Kommentar. Na dann. Und die freie Stelle im Sport? Was wird aus der? Ach, da suchen Sie wen? Jemanden, der garantiert nicht im Verdacht steht, den Sport zu lieben? Haha. Ja, das ist gut. Da werde er sich mal umhören, sagte Martens.
Aber dann hörte er: Sie dachten an ihn. Das Gespräch damals in der Konferenz. Da hätten sie sich erinnert. Und jetzt brauchten sie eben jemanden, der diese Aufgabe übernimmt. Vor allem eben Spielberichte über den Hamburger Sportverein schreiben. Darum ging es. Das hatte Roman ja bislang gemacht.
“Hamburg?”, fragte Martens.
“Genau, Hamburg”, hörte er am Telefon.
Martens war erleichtert. Hamburg kannte er gut. Da war er ja geboren. Das erwähnte er nebenbei. Die Herausgeber verstanden gleich: Damit kam er für die Stelle wohl nicht in Frage. Da hatte er also wirklich noch einmal Glück gehabt.
(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von den Tatsachen, dass sich Deniz Yücel in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet, Michael Martens den Kommentar geschrieben, und die “FAS” ihn gedruckt hat, ist all das hier erfunden.)
2. Der Bauchredner (zeit.de, Roman Pletter)
Über Roland Tichy, der in der Vergangenheit stellvertretender Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins “Capital” und Chefredakteur der “Wirtschaftswoche” war und heute das rechtslastige Meinungsportal “Tichys Einblick” betreibt, ist schon viel geschrieben worden. Roman Pletter ist ein Artikel gelungen, der mehr als das Offensichtliche leistet, nämlich eine Annäherung an den Menschen Tichy. Hier stehen sich die partiell spürbare Sympathie für den Menschen Tichy und die kritische Distanz zu seiner Arbeit nicht im Wege. “Der Widerspruch zwischen Roland Tichys Buch früher und der Sprache heute ist nicht der einzige, dem man bei dieser Annäherung an ihn begegnet: Er sucht den Streit, will aber zugleich gemocht werden. Er ist als Kommentator scharf im Ton, aber im persönlichen Umgang auch charmant und lustig. Er ist kein Ausländerfeind, seine Texte klingen aber manchmal so. Er ist ein wirtschaftsliberaler Demokrat, doch man begegnet auf seinem Internetforum Menschen, bei denen eine menschenfreundliche Haltung nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen ist.”
3. Viele Zeitungen vertreten nicht das Interesse ihrer Leser. (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Der “Spiegel Online”-Kolumnist und Chefredakteur des “Freitag” Jakob Augstein spricht im Interview über seinen Dialog mit Nikolaus Blome, die Politik Angela Merkels, linken Boulevard, Russland-Bashing und Meinungsgleichheit in den Medien und warum er nicht mehr an eine Paywall glaubt. Und es geht um das BILDblog und Augsteins Einstellung zur “Bild”: “Meine vergleichsweise positive Einstellung zur „Bild“ ist auch schon übel aufgefallen, als ich noch bei der „Zeit“ war. Aber ich stehe dazu. Die Abgrenzungsbemühung macht mich skeptisch. Journalisten, die sich besonders stark von „Bild“ abgrenzen, bekämpfen nicht selten ihre eigenen Dämonen. Die „Bild“ ist dann der Sündenbock des Journalismus.”
4. Warum Papier-Journalismus besser ist. (kaffeeundkapital.de, Martin Oetting)
Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass es beim Journalismus nicht aufs Trägermedium, sondern auf die Inhalte ankommt. Martin Oetting ging es lange Zeit ebenso, doch jetzt hat er seine Meinung geändert und favorisiert Print. Nicht, weil er ein fortschrittsfeindlicher Ewig-Gestriger ist, sondern weil aus seiner Sicht drei Aspekte dafür sprechen würden.
5. Is nicht egal (uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Am Dienstag wurde bekannt, dass der Youtuber und Rapper Kazim Akboga gestorben ist. Für viele Medien ein Anlass, sich von ihrer hässlichen Seite zu zeigen… Boris Rosenkranz erklärt auf “Übermedien” was falsch gelaufen ist und wie Medien berichten sollten, wenn sie denn meinen, unbedingt berichten zu müssen.
6. Zuckerbergs vager Masterplan (sueddeutsche.de, Beate Wild)
Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich mit einem 5800 Wörter langen Manifest an die Öffentlichkeit gewandt, in dem er seine Visionen für die Zukunft des sozialen Netzwerkes erläutert. Beate Wild hat den Text gelesen und ist wenig begeistert: “Der Brief, der vor utopischen Idealen nur so strotzt, beinhaltet wenige konkrete Lösungsansätze oder auch nur Details, sondern ist eher eine von der PR-Abteilung bis zur Unkenntlichkeit geschliffene Ansammlung an guten Vorsätzen.”
1. Wed Feb 15 2017 (blog.fefe.de)
Fefe macht auf seinem Blog auf den Artikel Wie wir die Wahl vor russischem Einfluss schützen können auf “Zeit Online” aufmerksam und äußert in Fefe-typischer Direktheit Kritik an den Inhalten (“Komplett herbeihalluziniert. Ein Hit Piece. Wer schreibt sowas?”). Besonders angetan haben es ihm die Autoren bzw. deren Tätigkeiten: ein politischer Redenschreiber und Vorstandsmitglied eines von Alumni der Atlantik-Brücke gegründeten Vereins und ein Direktor des “German Marshall Fund of the United States”. Fefe lässt im Abschlusssatz einen seiner Leser zu Wort kommen: “Da kann die ZEIT künftig auch Shell-Mitarbeiter über den “Ökologischen Einfluss von Ölbohrungen auf das Ökosystem der Arktis” schreiben lassen.”
2. Medienjagd gegen die Veganerin aus Limburg – Dabei war es ein Scherz (mimikama.at, Thomas Laschyk)
Vor ein paar Tagen wurde über den Fall einer Veganerin berichtet, die sich angeblich an den tierfeindlichen Inhalten des Lieds „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ gestört hätte, das im Glockenspiel des Limburger Rathauses gespielt wurde. Sie hätte deshalb den Bürgermeister gebeten, das Lied aus dem Glockenspiel-Repertoire zu entfernen, was dieser auch tat. Die Meldung darüber ging um die ganze Welt, die Kommentarspalten glühten und tausende von Menschen empörten sich. Vor allem über die Frau und teilweise sehr massiv: Sie bekam Gewalt- und Morddrohungen und musste aufgrund des Drucks ärztliche Hilfe aufsuchen. Die traurige Pointe der Geschichte: Das Ganze geht auf ein mehr oder weniger flachshaftes Geplänkel zurück und bekam erst die mediale Wirkung, nachdem es der Bürgermeister bei einer Büttenrede als scherzhafte Anekdote erwähnt hatte.
3. „Ein politischer Begriff“ (taz.de, Peter Weissenburger)
Die “taz” hat mit der BBC-World-Chefin Francesca Unsworth über Fake News gesprochen. Die BBC hat den “Reality Check” gestartet, der mit sechs Mitarbeitern noch eine recht kleine Abteilung sei, aber ausgebaut werden solle. Unsworth ist sich der eingeschränkten Möglichkeiten bewusst, will aber die Kräfte der BBC bündeln: “Wir können nicht das Internet überwachen. Vielmehr müssen wir beobachten, welche Behauptungen diese Zugkraft entwickeln. Dann geht es darum, sie zu überprüfen – wie wir es ohnehin gemacht hätten, aber mit vereinten Kräften. Die BBC ist groß, früher hätten verschiedene Redaktionen möglicherweise verschiedene Schwerpunkte gesetzt. In Zukunft soll das zentralisierter ablaufen.”
4. «Coup Magazin» – ein Mini-Team vor einer Mega-Aufgabe (tageswoche.ch, Matthias Oppliger)
Im crowdgefundeten “Coup Magazin” erscheint genau eine Geschichte pro Monat. Gerade ist Geschichte Nummer sieben erschienen, eine Reportage über den Wahnsinn, der mit der Kommerzialisierung des Skirennsports in lauschige Wintersportorte wie Adelboden in der Schweiz eingezogen ist. Damit ist das “Coup Magazin” ein halbes Jahr alt geworden. Die “Tageswoche” hat sich mit dem Mitgründer Pascal Sigg unterhalten und ihn um eine Zwischenbilanz gebeten.
5. Klare Sicht dank Factchecking? Wohl nicht! (meta-magazin.org, Nikolai Promies)
Viele Medien wollen Fake News mit Factchecking und dem öffentlichen Richtigstellen von falschen Behauptungen bekämpfen. Doch sind solche Mittel überhaupt geeignet, um gegen Fake News vorzugehen? Philipp Müller, Medienforscher an der Uni Mainz, ist nicht besonders optimistisch. Widerspruch helfe nicht viel. Aussichtsreicher sei es, das Weltbild, das von Falschmeldungen unterstützt wird, ernst zu nehmen: “Man muss das wachsende Unbehagen mit Globalisierung und Digitalisierung ernst nehmen. Man muss eingestehen, dass die gesellschaftlichen Eliten tatsächlich Fehler gemacht haben im Umgang mit diesen Entwicklungen und so eine wachsende ökonomische Ungleichheit auf der Welt ermöglicht haben. Nur wenn man diese Punkte offen anspricht, kann man Populisten und die aus ihrem Lager gestreuten Falschmeldungen ihrer Wirkungskraft berauben.”
6. Planet der affigen Fernsehshows (zeit.de, Eike Kühl)
“Planet of the Apps” ist Apples erste eigene TV-Show. Sie erfüllt alle Voraussetzungen, um krachend zu scheitern, findet Eike Kühl auf “Zeit Online”: ein trashiges Format, viel Bullshit und Gwyneth Paltrow.
1. „Die Schnüffelei hat mir geschadet“ (taz.de, Jean-Philipp Baeck)
Die Journalistin Andrea Röpke recherchiert in Neonazi-Strukturen. Ihre Recherchen wurden mehrfach ausgezeichnet. Doch sie muss dafür viel in Kauf nehmen: Bei ihrer Arbeit wurde sie von Neonazis angespuckt, beworfen, bedrängt und niedergeschlagen. Und sie wurde sechs Jahre lang durch den Verfassungsschutz überwacht. Zu Unrecht, wie später festgestellt wurde. Im Interview mit der “taz” erklärt sie unter anderem, warum sie sich nicht einschüchtern lässt und welche Themen sie sonst noch interessieren.
2. Frauen böse, Flüchtlinge böse, und die EU auch (spiegel.de, Mark Rice-Oxley)
“Guardian”-Redakteur Mark Rice-Oxley schreibt über die britische Zeitung “Daily Mail”, die wegen Unglaubwürdigkeit unlängst aus der Referenzliste der Wikipedia geflogen ist. Rice-Oxley findet vieles verwerflich an dem, was die “Daily Mail” tagtäglich fabriziert. “Doch besonders beunruhigend ist an der “Mail” vielleicht die Art und Weise, mit der sie die eigentlich normalen, stoischen, fair denkenden Briten radikalisiert. Wenn Menschen in meinem Umfeld anfingen, die Zeitung zu lesen, konnte man bemerken, wie sie wütend über Einwanderung wurden, sogar wenn es kaum Immigranten in der Nähe ihres Wohnortes gab; wie sie oft auf vermeintlichen EU-Irrsinn hinwiesen, wenn die Wahrheit eigentlich vielschichtiger war; und wie sie plötzlich ein negatives Bild vom Leben in Großbritannien und den Menschen, die dort leben, entwickelten.” Leider werde der Wikipedia-“Klassenbucheintrag” nichts daran ändern, dass das Angst und Hass schürende Blatt weiterhin Großbritanniens einflussreichste Zeitung sei.
3. „So jemanden kann man doch nicht interviewen!“ (fair-radio.net, Ann-Kathrin Büüsker)
„So jemanden kann man doch nicht interviewen!“ Solch einen Satz hört die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker immer und immer wieder, wenn es um Gespräche mit umstrittenen Personen oder Leuten vom anderen Ende des eigenen Meinungsspektrums geht. Möglicherweise sei an dieser Beurteilung etwas dran. Aber dann sei es ihre Aufgabe als Journalistin, das im Interview herauszuarbeiten. “Wichtig ist dabei, dass ich jeden Interviewpartner mit der gleichen Vehemenz angehe. Ich konfrontiere sie/ihn mit Gegenargumenten, mit Widersprüchen der eigenen Argumentation. Ganz egal, was meine eigene Position ist, meinem Interviewpartner begegne ich als Gegenspieler. Fair, aber konsequent. Mein Schwert ist die Frage – und ich führe es gegen jeden. Unabhängig davon, was ich für richtig halte. Ich befrage politische Akteure kritisch und fair. Denn das ist mein Job.”
4. Pressefoto des Jahres – Blick auf den Hass in unserer Zeit (sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Die Jury des “World Press Photo Award” konnte dieses Jahr unter mehr als 80.000 Einsendungen wählen. Ausgezeichnet wurde der türkische Fotograf Burhan Ozbilici für sein Bild eines Attentats, das den Moment kurz nach dem tödlichen Schuss zeigt.
5. „Frontalangriff auf den Journalismus“ – Großbritannien will Geheimnisverrat härter bestrafen (netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die britische Regierung will die Berichterstattung über geheime Dokumente zukünftig mit drakonischen Strafen belegen. Gefährdet sind nicht nur die Whistleblower selbst, sondern auch Journalisten. Künftig solle neben dem „Teilen“ der Informationen bereits das „Erhalten und Sammeln“ strafbar werden. Außerdem sollen mit der Novelle auch „sensible Informationen“ über die Wirtschaft, welche die nationale Sicherheit gefährden, unter das Gesetz fallen. Die Gesetzeskommission behauptet, Medien wie den “Guardian” und Bürgerrechtsorganisationen am Konsultationsprozess beteiligt zu haben. Diese streiten dies jedoch ab.
6. Der einsamste Mensch an der Ski-WM (20min.ch, Sebastian Rieder)
SRF-Kameramann Röbi Furrer filmt die WM-Piste in St. Moritz. Er ist zuständig für Bilder vom Gegenhang und steht dazu einsam und in Eiseskälte auf der anderen Bergseite in über 2700 Meter Höhe.
1. #failoftheweek: Wolfgang Bosbach zu Gast bei Verschwörungstheoretikern (blog.br.de, Christian Schiffer)
Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist in den letzten Jahren zum Star der Talkshowszene geworden. Niemand saß öfter in Talkrunden als der altgediente Innenpolitiker. Nun hat Bosbach einem Verschwörungsportal ein Interview gegeben. Christian Schiffer findet: Dieses eine Mal hätte der CDU-Innenpolitiker nein sagen müssen.
2. “Ich vermisse Bo” (zeit.de, Eike Kühl)
Pete Souza war seit 2008 Cheffotograf von Barack Obama, einige Zeit davor übte er diese Funktion für Ronald Reagan aus. Seit Donald Trumps Amtsübernahme ist er wieder Freiberufler und hat anscheinend wieder etwas mehr Zeit. Auf jeden Fall hat er Instagram für sich entdeckt – und scheint dort subtil Donald Trump zu trollen. Aufmerksamen Beobachtern sei nicht entgangen, dass einige der von Souza veröffentlichten Bilder auffällig nah an den aktuellen Entwicklungen im Weißen Haus seien. Eike Kühl stellt auf “Zeit Online” einige Beispiele vor und kommentiert den inhaltlichen Hintergrund.
3. Oben ohne (sueddeutsche.de, Willi Winkler)
Willi Winkler schreibt in der “SZ” über die Schwierigkeit der Humorbranche mit Trump. Der amerikanische Präsident sei schließlich sein eigener bester Parodist. Außerdem: “Die traurige Wahrheit aber ist, dass es den Comedians bei all dem Beifall, den sie mit ihren Trump-Travestien von den aufrechten Trump-Gegnern einheimsen, am wenigsten gelingt, Trump ernsthaft zuzusetzen. Sie verstärken nur die Marke Trump.”
4. Unbefriedigend (djv.de)
Der Deutsche Journalisten-Verband bedauert die Entscheidung des Landgerichts Hamburg, große Teile des Schmähgedichts von Jan Böhmermann weiterhin zu verbieten. Der DJV-Bundesvorsitzende kritisiert, dass “nur in Hamburg die Justiz Verständnis für die Ehrpusseligkeit des türkischen Präsidenten habe”, während andernorts erst gar keine Klage zugelassen worden sei.
5. Abspänne im TV: Zwischen Kundigen und Knalltüten (dwdl.de, Hans Hoff)
Senta Berger trat vor kurzem vehement für längere Abspänne von Filmen im deutschen Fernsehen ein, aus Respekt vor den Beteiligten. Das ist eine löbliche Forderung, findet Hans Hoff und überträgt das Bergersche Verlangen auf andere Branchen: “Ich freue mich schon, wenn ich demnächst einen Cheeseburger bestelle, und der freundliche McDonald’s-Mitarbeiter reicht mir den Abspannzettel dazu: Am Grill: Heinz Piontke, Gurkenscheibchenaufleger: Petra Ludwig, Senfeinspritzer: Herbert Kasulske, Küchenreinigung: Ovo Malandrino.”
6. „Bunte“-Vize Tanja May: Da wölbt sich doch was! (uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz begegnet auf “Übermedien” dem Boulevard mit den Mittel des Boulevards: “Ist sie oder ist sie nicht? Dieses Foto heizt die Gerüchteküche an. Hat die fesche Färbblondine aus der “Bunte”-Chefredaktion ein süßes Geheimnis?”
In Nürnberg laufen aktuell zwei Prozesse gegen Journalisten, Kläger ist jeweils der Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann. Neben anderen Medien berichtet auch die “Bild”-Zeitung heute über die Verhandlungen:
Er gründete die terroristische “Wehrsportgruppe Hoffmann”, die 1980 verboten wurde. Trotzdem möchte Karlzheinz (sic) Hoffmann (79) nicht “Terrorist” genannt werden!
Deshalb verklagt der Rechtsextremist zwei “Tagesschau”-Journalisten. Von Patrick Gensing (41, NDR) will er 2500 Euro Schmerzensgeld, weil der ihn in einem Beitrag “Mörder und Terrorist” nannte. Von Ulrich Caussy (sic) (64, BR) verlangt er 10 000 Euro, weil er ihn in einem Vortrag als “Drahtzieher” des Oktoberfest-Anschlags von München 1980 bezeichnet habe
Erstmal zu “BR”-Journalist Ulrich Chaussy. Wofür in dem kurzen “Bild”-Artikel kein Platz mehr war: Hoffmann bezieht sich bei seinem Vorwurf laut sueddeutsche.de auf einen Text der “Erlangener Nachrichten”, die über Chaussys Vortrag berichteten. Chaussy bestreitet, Hoffmann als Drahtzieher des Oktoberfest-Anschlags bezeichnet zu haben, und verweist dabei sowohl auf sein Redemanuskript als auch auf eine Aussage des Journalisten der “Erlanger Nachrichten”.
Besonders interessant an dem “Bild”-Bericht ist der Unterschied, den die Redaktion bei den Vorwürfen gegen Gensing und Chaussy macht: Bei Chaussy verwendet “Bild” den Konjunktiv (“bezeichnet habe”), bei “NDR”-Journalist Gensing hingegen den Indikativ (“weil der ihn in einem Beitrag ‘Mörder und Terrorist’ nannte”). Nur: Patrick Gensing hat Karl-Heinz Hoffmann “in einem Beitrag” nie “Mörder und Terrorist” genannt, wie “Bild” behauptet.
Der Rechtsterrorismus in Deutschland wird aktuell mit dem NSU sowie mit den Ermittlungen gegen Neonazis aus Freital in Verbindung gebracht. Doch die Geschichte des rechten Terrors ist deutlich länger. In den 1970er- und 1980er-Jahren verübten Alt- und Neonazis schwere Anschläge. Sie griffen Polizisten und Linke, Migranten und Juden an, schmuggelten Waffen und töteten zahlreiche Menschen. Die “Deutschen Aktionsgruppen”, die “Wehrsportgruppe Hoffmann” oder die “Hepp-Kexel-Gruppe” waren nur die bekanntesten militanten Nazi-Gruppierungen dieser Zeit.
Abgesehen von einer Bildunterschrift (“Mitglieder der ‘Wehrsportgruppe Hoffmann’ stehen in uniformähnlicher Kluft auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann in Ermreuth bei Nürnberg”) ist dies die einzige Stelle in Gensings Text, an der der Name “Hoffmann” fällt. Und das auch nur in Bezug auf die von Hoffmann gegründete “Wehrsportgruppe” und nicht auf Hoffmann als Person.
Vor Gericht versuchte Karl-Heinz Hoffmann nun, den Eindruck zu erwecken, dass Patrick Gensing ihn als “Mörder und Terroristen” darstelle. Doch dies ließ die zuständige Richterin nicht zu, wie Claudia Henzler bei sueddeutsche.de schreibt:
In der Verhandlung wurde deutlich, dass es Hoffmann nicht nur darum geht, was ihm konkret in Text und Rede zu Last gelegt wurde — oder eben nicht. Er will sich dagegen wehren, dass der Eindruck erweckt worden sein könnte, er sei ein Terrorist oder Mörder. Entsprechende Anträge wies die Vorsitzende Richterin zurück. Das Gericht werde nur der Frage nachgehen, ob die Journalisten tatsächlich behauptet haben, dass Hoffmann persönlich mit Waffen handelte oder Menschen ermordete. Zweifel daran wurden in der Verhandlung deutlich.
Das alles kommt im “Bild”-Artikel nicht vor. Stattdessen übernimmt das Blatt einfach Karl-Heinz Hoffmanns falschen Vorwurf.
Nachtrag, 12. Februar: Die Nürnberger Redaktion der “Bild”-Zeitung, von der der Artikel zu den Gerichtsprozessen stammt, hat sich via Twitter bei Patrick Gensing entschuldigt.
Das ist aber auch knifflig mit den Sportteams aus Atlanta. Da gibt es die Basketballer der Atlanta Hawks, die in der NBA spielen. Und dann gibt es die Footballer der Atlanta Falcons, die in der NFL spielen und gestern im Super Bowl gegen die New England Patriots verloren haben. Hawks, Falcons — so viele Vögel. Wer soll sich das denn alles merken können?
Also, noch einmal für alle: Die Hawks sind die Basketballer, die Falcons die Footballer. Hawks — Basketball. Falcons — Football. Verstanden?
Fragen wir doch mal die 7-jährige Lisa aus der 1b der Rolf-Töpperwien-Grundschule Barsinghausen: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?
Atlanta Falcons.
Genau. Und wie heißt das Basketballteam aus Atlanta, das in der NBA spielt?
Atlanta Hawks.
Korrekt.
Und jetzt noch mal dieselbe Frage an Julian Reichelt und sein Bild.de-Team: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?
Nee.
Die Hawks/Falcons-Verwechslung von Reichelts Team stammt aus einem Artikel, in dem es vor allem um US-Präsident Donald Trump geht. Der hatte dem US-TV-Sender “Fox” ein Interview gegeben, das kurz vor der Super-Bowl-Übertragung ausgestrahlt wurde. Und in diesem Interview ging es eben auch um Football.
Vier Zeilen später direkt der nächste Klops von Bild.de:
Trump glaubt, dass die Patriots, die letztes Jahr den Super Bowl gewonnen haben, einen Vorteil haben.
Das ist Quatsch. Die New England Patriots haben 2016 nicht den Super Bowl gewonnen. Sie haben nicht mal mitgespielt. Die Denver Broncos haben vergangenes Jahr die Carolina Panthers besiegt und den Titel geholt.
Das falsche Team aus Atlanta, der falsche Super-Bowl-Sieger — das hätte Reichelts Redaktion mit zwei Zehn-Sekunden-Google-Recherchen alles verhindern können. Einen anderen Fehler zum Super Bowl hätte Bild.de vermeiden können, wenn der für den Live-Ticker zuständige Mitarbeiter wenigstens ordentlich hingeschaut hätte:
Das würde ja bedeuten, dass George W. Bush inzwischen mit seiner Mutter verheiratet ist. Er war es natürlich nicht, der zusammen mit Barbara Bush “auf den Rasen geführt wurde”, sondern sein Vater George H. W. Bush.
Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.
Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der “Executive Order” von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:
Im Text steht:
Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: “Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.”
Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber “zu einem Alien gemacht” ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat …
Hier, direkt im ersten Absatz:
On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.
Klar, liebe Bild.de-Linguisten, “alien” kann in bestimmten Fällen durchaus “Alien” heißen. In der Regel heißt es allerdings “Ausländer” oder “Fremder” oder “Fremdling”. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen “Außerirdischen” sieht.
Die Sportnachrichten-Agentur “sid” hat Mo Farahs “alien” ebenfalls mit “Alien” übersetzt. Und so taucht die “sid”-Meldung mitsamt der “Alien”-Aussage zum Beispiel bei “Zeit Online” und bei freiepresse.de auf. Die “Stuttgarter Zeitung” schreibt hingegen, dass Farah meint, von “Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht” worden zu sein.
Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.
Merkwürdig, was dieser Tom Brady redet. Da erreicht der Quarterback der New England Patriots gestern zusammen mit seinen Football-Kollegen den sagenumwobenen “Super Bowl” und erzählt laut Welt.de nach dem Spiel irgendwas davon, dass das Team noch nicht gesunken sei:
“Wir sind noch nicht gesunken. Es ist einfach unglaublich”, sagte Brady.
Kann der sich vielleicht mal freuen? Immerhin hat er gerade das Playoff-Finale der NFL erreicht!
Auch auf anderen Nachrichtenseiten klingt Brady so, als hätten er und die Patriots in der vergangenen Nacht nicht etwas Großartiges geschafft, sondern als stünden sie kurz vor dem Untergang. Bei faz.net zum Beispiel:
Oder bei sueddeutsche.de:
Oder bei der “Neuen Osnabrücker Zeitung”:
Oder bei DiePresse.com:
Oder bei der “Nordwest-Zeitung”:
Oder bei abendblatt.de:
“Wir sind noch nicht gesunken. Es ist einfach unglaublich”, sagte Brady.
Dass Tom Brady überall gleich zitiert wird, liegt daran, dass es sich um einen Text der “dpa” handelt, der auf all den Seiten (und noch einigen weiteren) veröffentlich wurde. Und dass Brady sich so merkwürdig äußert, liegt daran, dass die “dpa” eine Aussage von ihm etwas, nun ja, freier übersetzt hat. Nach dem 36:17-Erfolg über die Pittsburgh Steelers sagte der Quarterback:
Q: What does it mean for you to be going back to the Super Bowl?
TB: It hasn’t sunk in yet. We’ve looked, every week it’s kind of been one day at a time and one game at a time. I haven’t even said those words yet. Well, I said them after the game, but not at all this week or now. It’s unbelievable. It’s unbelievable.
“It hasn’t sunk in yet” — was so viel heißt wie “Es ist noch gar nicht bei mir im Kopf angekommen” oder “Ich habe es noch gar nicht begriffen” — hat die “dpa” also mit “Wir sind noch nicht gesunken” übersetzt und den Artikel samt Zitat über den Ticker an die Redaktionen geschickt.
Inzwischen gibt es eine aktuellere Version des “dpa”-Textes, das seltsame Brady-Zitat kommt darin nicht mehr vor. Manche Redaktionen (faz.net, sueddeutsche.de “Neue Osnabrücker Zeitung”) haben den Artikel ersetzt, bei anderen (Welt.de, abendblatt.de, “Nordwest-Zeitung”, DiePresse.com) findet Tom Brady es weiterhin “einfach unglaublich”, dass er und sein Team “noch nicht gesunken” sind.