Suchergebnisse für ‘sport’

Neonazi-Milieu, Interview-Tabus?, Daily (Hate)Mail

1. „Die Schnüffelei hat mir geschadet“
(taz.de, Jean-Philipp Baeck)
Die Journalistin Andrea Röpke recherchiert in Neonazi-Strukturen. Ihre Recherchen wurden mehrfach ausgezeichnet. Doch sie muss dafür viel in Kauf nehmen: Bei ihrer Arbeit wurde sie von Neonazis angespuckt, beworfen, bedrängt und niedergeschlagen. Und sie wurde sechs Jahre lang durch den Verfassungsschutz überwacht. Zu Unrecht, wie später festgestellt wurde. Im Interview mit der “taz” erklärt sie unter anderem, warum sie sich nicht einschüchtern lässt und welche Themen sie sonst noch interessieren.

2. Frauen böse, Flüchtlinge böse, und die EU auch
(spiegel.de, Mark Rice-Oxley)
“Guardian”-Redakteur Mark Rice-Oxley schreibt über die britische Zeitung “Daily Mail”, die wegen Unglaubwürdigkeit unlängst aus der Referenzliste der Wikipedia geflogen ist. Rice-Oxley findet vieles verwerflich an dem, was die “Daily Mail” tagtäglich fabriziert. “Doch besonders beunruhigend ist an der “Mail” vielleicht die Art und Weise, mit der sie die eigentlich normalen, stoischen, fair denkenden Briten radikalisiert. Wenn Menschen in meinem Umfeld anfingen, die Zeitung zu lesen, konnte man bemerken, wie sie wütend über Einwanderung wurden, sogar wenn es kaum Immigranten in der Nähe ihres Wohnortes gab; wie sie oft auf vermeintlichen EU-Irrsinn hinwiesen, wenn die Wahrheit eigentlich vielschichtiger war; und wie sie plötzlich ein negatives Bild vom Leben in Großbritannien und den Menschen, die dort leben, entwickelten.” Leider werde der Wikipedia-“Klassenbucheintrag” nichts daran ändern, dass das Angst und Hass schürende Blatt weiterhin Großbritanniens einflussreichste Zeitung sei.

3. „So jemanden kann man doch nicht interviewen!“
(fair-radio.net, Ann-Kathrin Büüsker)
„So jemanden kann man doch nicht interviewen!“ Solch einen Satz hört die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker immer und immer wieder, wenn es um Gespräche mit umstrittenen Personen oder Leuten vom anderen Ende des eigenen Meinungsspektrums geht. Möglicherweise sei an dieser Beurteilung etwas dran. Aber dann sei es ihre Aufgabe als Journalistin, das im Interview herauszuarbeiten. “Wichtig ist dabei, dass ich jeden Interviewpartner mit der gleichen Vehemenz angehe. Ich konfrontiere sie/ihn mit Gegenargumenten, mit Widersprüchen der eigenen Argumentation. Ganz egal, was meine eigene Position ist, meinem Interviewpartner begegne ich als Gegenspieler. Fair, aber konsequent. Mein Schwert ist die Frage – und ich führe es gegen jeden. Unabhängig davon, was ich für richtig halte. Ich befrage politische Akteure kritisch und fair. Denn das ist mein Job.”

4. Pressefoto des Jahres – Blick auf den Hass in unserer Zeit
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Die Jury des “World Press Photo Award” konnte dieses Jahr unter mehr als 80.000 Einsendungen wählen. Ausgezeichnet wurde der türkische Fotograf Burhan Ozbilici für sein Bild eines Attentats, das den Moment kurz nach dem tödlichen Schuss zeigt.

5. „Frontalangriff auf den Journalismus“ – Großbritannien will Geheimnisverrat härter bestrafen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die britische Regierung will die Berichterstattung über geheime Dokumente zukünftig mit drakonischen Strafen belegen. Gefährdet sind nicht nur die Whistleblower selbst, sondern auch Journalisten. Künftig solle neben dem „Teilen“ der Informationen bereits das „Erhalten und Sammeln“ strafbar werden. Außerdem sollen mit der Novelle auch „sensible Informationen“ über die Wirtschaft, welche die nationale Sicherheit gefährden, unter das Gesetz fallen. Die Gesetzeskommission behauptet, Medien wie den “Guardian” und Bürgerrechtsorganisationen am Konsultationsprozess beteiligt zu haben. Diese streiten dies jedoch ab.

6. Der einsamste Mensch an der Ski-WM
(20min.ch, Sebastian Rieder)
SRF-Kameramann Röbi Furrer filmt die WM-Piste in St. Moritz. Er ist zuständig für Bilder vom Gegenhang und steht dazu einsam und in Eiseskälte auf der anderen Bergseite in über 2700 Meter Höhe.

Bosbach-TV, Süßes Geheimnis, Abgespannt

1. #failoftheweek: Wolfgang Bosbach zu Gast bei Verschwörungstheoretikern
(blog.br.de, Christian Schiffer)
Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist in den letzten Jahren zum Star der Talkshowszene geworden. Niemand saß öfter in Talkrunden als der altgediente Innenpolitiker. Nun hat Bosbach einem Verschwörungsportal ein Interview gegeben. Christian Schiffer findet: Dieses eine Mal hätte der CDU-Innenpolitiker nein sagen müssen.

2. “Ich vermisse Bo”
(zeit.de, Eike Kühl)
Pete Souza war seit 2008 Cheffotograf von Barack Obama, einige Zeit davor übte er diese Funktion für Ronald Reagan aus. Seit Donald Trumps Amtsübernahme ist er wieder Freiberufler und hat anscheinend wieder etwas mehr Zeit. Auf jeden Fall hat er Instagram für sich entdeckt – und scheint dort subtil Donald Trump zu trollen. Aufmerksamen Beobachtern sei nicht entgangen, dass einige der von Souza veröffentlichten Bilder auffällig nah an den aktuellen Entwicklungen im Weißen Haus seien. Eike Kühl stellt auf “Zeit Online” einige Beispiele vor und kommentiert den inhaltlichen Hintergrund.

3. Oben ohne
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
Willi Winkler schreibt in der “SZ” über die Schwierigkeit der Humorbranche mit Trump. Der amerikanische Präsident sei schließlich sein eigener bester Parodist. Außerdem: “Die traurige Wahrheit aber ist, dass es den Comedians bei all dem Beifall, den sie mit ihren Trump-Travestien von den aufrechten Trump-Gegnern einheimsen, am wenigsten gelingt, Trump ernsthaft zuzusetzen. Sie verstärken nur die Marke Trump.”

4. Unbefriedigend
(djv.de)
Der Deutsche Journalisten-Verband bedauert die Entscheidung des Landgerichts Hamburg, große Teile des Schmähgedichts von Jan Böhmermann weiterhin zu verbieten. Der DJV-Bundesvorsitzende kritisiert, dass “nur in Hamburg die Justiz Verständnis für die Ehrpusseligkeit des türkischen Präsidenten habe”, während andernorts erst gar keine Klage zugelassen worden sei.

5. Abspänne im TV: Zwischen Kundigen und Knalltüten
(dwdl.de, Hans Hoff)
Senta Berger trat vor kurzem vehement für längere Abspänne von Filmen im deutschen Fernsehen ein, aus Respekt vor den Beteiligten. Das ist eine löbliche Forderung, findet Hans Hoff und überträgt das Bergersche Verlangen auf andere Branchen: “Ich freue mich schon, wenn ich demnächst einen Cheeseburger bestelle, und der freundliche McDonald’s-Mitarbeiter reicht mir den Abspannzettel dazu: Am Grill: Heinz Piontke, Gurkenscheibchenaufleger: Petra Ludwig, Senfeinspritzer: Herbert Kasulske, Küchenreinigung: Ovo Malandrino.”

6. „Bunte“-Vize Tanja May: Da wölbt sich doch was!
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz begegnet auf “Übermedien” dem Boulevard mit den Mittel des Boulevards: “Ist sie oder ist sie nicht? Dieses Foto heizt die Gerüchteküche an. Hat die fesche Färbblondine aus der “Bunte”-Chefredaktion ein süßes Geheimnis?”

Bild  

“Bild” übernimmt falschen Vorwurf eines Rechtsextremisten

In Nürnberg laufen aktuell zwei Prozesse gegen Journalisten, Kläger ist jeweils der Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann. Neben anderen Medien berichtet auch die “Bild”-Zeitung heute über die Verhandlungen:

Er gründete die terroristische “Wehrsportgruppe Hoffmann”, die 1980 verboten wurde. Trotzdem möchte Karlzheinz (sic) Hoffmann (79) nicht “Terrorist” genannt werden!

Deshalb verklagt der Rechtsextremist zwei “Tagesschau”-Journalisten. Von Patrick Gensing (41, NDR) will er 2500 Euro Schmerzensgeld, weil der ihn in einem Beitrag “Mörder und Terrorist” nannte. Von Ulrich Caussy (sic) (64, BR) verlangt er 10 000 Euro, weil er ihn in einem Vortrag als “Drahtzieher” des Oktoberfest-Anschlags von München 1980 bezeichnet habe

Erstmal zu “BR”-Journalist Ulrich Chaussy. Wofür in dem kurzen “Bild”-Artikel kein Platz mehr war: Hoffmann bezieht sich bei seinem Vorwurf laut sueddeutsche.de auf einen Text der “Erlangener Nachrichten”, die über Chaussys Vortrag berichteten. Chaussy bestreitet, Hoffmann als Drahtzieher des Oktoberfest-Anschlags bezeichnet zu haben, und verweist dabei sowohl auf sein Redemanuskript als auch auf eine Aussage des Journalisten der “Erlanger Nachrichten”.

Besonders interessant an dem “Bild”-Bericht ist der Unterschied, den die Redaktion bei den Vorwürfen gegen Gensing und Chaussy macht: Bei Chaussy verwendet “Bild” den Konjunktiv (“bezeichnet habe”), bei “NDR”-Journalist Gensing hingegen den Indikativ (“weil der ihn in einem Beitrag ‘Mörder und Terrorist’ nannte”). Nur: Patrick Gensing hat Karl-Heinz Hoffmann “in einem Beitrag” nie “Mörder und Terrorist” genannt, wie “Bild” behauptet.

Es geht um diesen Artikel von tagesschau.de:

Im ersten Absatz schreibt Gensing:

Der Rechtsterrorismus in Deutschland wird aktuell mit dem NSU sowie mit den Ermittlungen gegen Neonazis aus Freital in Verbindung gebracht. Doch die Geschichte des rechten Terrors ist deutlich länger. In den 1970er- und 1980er-Jahren verübten Alt- und Neonazis schwere Anschläge. Sie griffen Polizisten und Linke, Migranten und Juden an, schmuggelten Waffen und töteten zahlreiche Menschen. Die “Deutschen Aktionsgruppen”, die “Wehrsportgruppe Hoffmann” oder die “Hepp-Kexel-Gruppe” waren nur die bekanntesten militanten Nazi-Gruppierungen dieser Zeit.

Abgesehen von einer Bildunterschrift (“Mitglieder der ‘Wehrsportgruppe Hoffmann’ stehen in uniformähnlicher Kluft auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann in Ermreuth bei Nürnberg”) ist dies die einzige Stelle in Gensings Text, an der der Name “Hoffmann” fällt. Und das auch nur in Bezug auf die von Hoffmann gegründete “Wehrsportgruppe” und nicht auf Hoffmann als Person.

Vor Gericht versuchte Karl-Heinz Hoffmann nun, den Eindruck zu erwecken, dass Patrick Gensing ihn als “Mörder und Terroristen” darstelle. Doch dies ließ die zuständige Richterin nicht zu, wie Claudia Henzler bei sueddeutsche.de schreibt:

In der Verhandlung wurde deutlich, dass es Hoffmann nicht nur darum geht, was ihm konkret in Text und Rede zu Last gelegt wurde — oder eben nicht. Er will sich dagegen wehren, dass der Eindruck erweckt worden sein könnte, er sei ein Terrorist oder Mörder. Entsprechende Anträge wies die Vorsitzende Richterin zurück. Das Gericht werde nur der Frage nachgehen, ob die Journalisten tatsächlich behauptet haben, dass Hoffmann persönlich mit Waffen handelte oder Menschen ermordete. Zweifel daran wurden in der Verhandlung deutlich.

Das alles kommt im “Bild”-Artikel nicht vor. Stattdessen übernimmt das Blatt einfach Karl-Heinz Hoffmanns falschen Vorwurf.

Nachtrag, 12. Februar: Die Nürnberger Redaktion der “Bild”-Zeitung, von der der Artikel zu den Gerichtsprozessen stammt, hat sich via Twitter bei Patrick Gensing entschuldigt.

Bild.de hat einen falschen Vogel

Das ist aber auch knifflig mit den Sportteams aus Atlanta. Da gibt es die Basketballer der Atlanta Hawks, die in der NBA spielen. Und dann gibt es die Footballer der Atlanta Falcons, die in der NFL spielen und gestern im Super Bowl gegen die New England Patriots verloren haben. Hawks, Falcons — so viele Vögel. Wer soll sich das denn alles merken können?

Also, noch einmal für alle: Die Hawks sind die Basketballer, die Falcons die Footballer. Hawks — Basketball. Falcons — Football. Verstanden?

Fragen wir doch mal die 7-jährige Lisa aus der 1b der Rolf-Töpperwien-Grundschule Barsinghausen: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Atlanta Falcons.

Genau. Und wie heißt das Basketballteam aus Atlanta, das in der NBA spielt?

Atlanta Hawks.

Korrekt.

Und jetzt noch mal dieselbe Frage an Julian Reichelt und sein Bild.de-Team: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Nee.

Die Hawks/Falcons-Verwechslung von Reichelts Team stammt aus einem Artikel, in dem es vor allem um US-Präsident Donald Trump geht. Der hatte dem US-TV-Sender “Fox” ein Interview gegeben, das kurz vor der Super-Bowl-Übertragung ausgestrahlt wurde. Und in diesem Interview ging es eben auch um Football.

Vier Zeilen später direkt der nächste Klops von Bild.de:

Trump glaubt, dass die Patriots, die letztes Jahr den Super Bowl gewonnen haben, einen Vorteil haben.

Das ist Quatsch. Die New England Patriots haben 2016 nicht den Super Bowl gewonnen. Sie haben nicht mal mitgespielt. Die Denver Broncos haben vergangenes Jahr die Carolina Panthers besiegt und den Titel geholt.

Das falsche Team aus Atlanta, der falsche Super-Bowl-Sieger — das hätte Reichelts Redaktion mit zwei Zehn-Sekunden-Google-Recherchen alles verhindern können. Einen anderen Fehler zum Super Bowl hätte Bild.de vermeiden können, wenn der für den Live-Ticker zuständige Mitarbeiter wenigstens ordentlich hingeschaut hätte:

Das würde ja bedeuten, dass George W. Bush inzwischen mit seiner Mutter verheiratet ist. Er war es natürlich nicht, der zusammen mit Barbara Bush “auf den Rasen geführt wurde”, sondern sein Vater George H. W. Bush.

Mit Dank an Alexander L., Jan H., @simpsons3 und @macerarius für die Hinweise!

Aus Fremden Aliens machen

Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.

Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der “Executive Order” von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:

Im Text steht:

Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: “Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.”

Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber “zu einem Alien gemacht” ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat …

Hier, direkt im ersten Absatz:

On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.

Klar, liebe Bild.de-Linguisten, “alien” kann in bestimmten Fällen durchaus “Alien” heißen. In der Regel heißt es allerdings “Ausländer” oder “Fremder” oder “Fremdling”. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen “Außerirdischen” sieht.

Die Sportnachrichten-Agentur “sid” hat Mo Farahs “alien” ebenfalls mit “Alien” übersetzt. Und so taucht die “sid”-Meldung mitsamt der “Alien”-Aussage zum Beispiel bei “Zeit Online” und bei freiepresse.de auf. Die “Stuttgarter Zeitung” schreibt hingegen, dass Farah meint, von “Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht” worden zu sein.

Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.

Mit Dank an Frank B. für den Hinweis!

dpa rettet die Patriots per Übersetzung vor dem Sinken

Merkwürdig, was dieser Tom Brady redet. Da erreicht der Quarterback der New England Patriots gestern zusammen mit seinen Football-Kollegen den sagenumwobenen “Super Bowl” und erzählt laut Welt.de nach dem Spiel irgendwas davon, dass das Team noch nicht gesunken sei:

“Wir sind noch nicht gesunken. Es ist einfach unglaublich”, sagte Brady.

Kann der sich vielleicht mal freuen? Immerhin hat er gerade das Playoff-Finale der NFL erreicht!

Auch auf anderen Nachrichtenseiten klingt Brady so, als hätten er und die Patriots in der vergangenen Nacht nicht etwas Großartiges geschafft, sondern als stünden sie kurz vor dem Untergang. Bei faz.net zum Beispiel:

Oder bei sueddeutsche.de:

Oder bei der “Neuen Osnabrücker Zeitung”:

Oder bei DiePresse.com:

Oder bei der “Nordwest-Zeitung”:

Oder bei abendblatt.de:

“Wir sind noch nicht gesunken. Es ist einfach unglaublich”, sagte Brady.

Dass Tom Brady überall gleich zitiert wird, liegt daran, dass es sich um einen Text der “dpa” handelt, der auf all den Seiten (und noch einigen weiteren) veröffentlich wurde. Und dass Brady sich so merkwürdig äußert, liegt daran, dass die “dpa” eine Aussage von ihm etwas, nun ja, freier übersetzt hat. Nach dem 36:17-Erfolg über die Pittsburgh Steelers sagte der Quarterback:

Q: What does it mean for you to be going back to the Super Bowl?

TB: It hasn’t sunk in yet. We’ve looked, every week it’s kind of been one day at a time and one game at a time. I haven’t even said those words yet. Well, I said them after the game, but not at all this week or now. It’s unbelievable. It’s unbelievable.

“It hasn’t sunk in yet” — was so viel heißt wie “Es ist noch gar nicht bei mir im Kopf angekommen” oder “Ich habe es noch gar nicht begriffen” — hat die “dpa” also mit “Wir sind noch nicht gesunken” übersetzt und den Artikel samt Zitat über den Ticker an die Redaktionen geschickt.

Inzwischen gibt es eine aktuellere Version des “dpa”-Textes, das seltsame Brady-Zitat kommt darin nicht mehr vor. Manche Redaktionen (faz.net, sueddeutsche.de “Neue Osnabrücker Zeitung”) haben den Artikel ersetzt, bei anderen (Welt.de, abendblatt.de, “Nordwest-Zeitung”, DiePresse.com) findet Tom Brady es weiterhin “einfach unglaublich”, dass er und sein Team “noch nicht gesunken” sind.

Gesehen bei @HeikoOldoerp.

“Kleine Zeitung” findet zweieinhalb Monate alte Wasserleiche

Wir müssen noch einmal auf die Suche nach einer Wasserleiche im Hamburger Hafen am vergangenen Wochenende zurückkommen. Die Polizei hatte nach einer Meldung von drei Barkassenführern, die sagten, sie hätten etwas in der Elbe treiben sehen, am Samstag knapp drei Stunden gesucht. Vergeblich — die Beamten haben nichts gefunden, die Suchaktion wurde ohne Ergebnis abgebrochen.

Bild.de und andere Medien spekulierten dennoch, ob da nicht vielleicht doch eine Wasserleiche war und ob es sich dabei nicht vielleicht um einen seit einigen Tagen vermissten Mitarbeiter des Fußballklubs HSV handeln könnte.

Die “Kleine Zeitung” aus Österreich hatte auf ihrem Onlineableger (in der Kategorie “Sport > Fußball > International > Deutsche Bundesliga”) ebenfalls über den Polizeieinsatz berichtet. Und das ganz anders als alle andere Medien:

Im Text steht:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai haben heute gegen 13.20 Uhr eine Person leblos im Hamburger Hafen treibend gefunden und umgehend die Polizei informiert. Wasserschutzpolizei und auch Feuerwehr bargen die Leiche. “Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist”, erklärte ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin nach Eppendorf gebracht.

Natürlich wird in Hamburg nun spekuliert, ob es sich bei der Leiche um den verschwundenen HSV-Manager Timo Kraus (44) handelt, von dem seit einer Woche jede Spur fehlt.

Wir haben bei der Polizei Hamburg, die für die Suchaktion in der Elbe verantwortlich war, nachgefragt, ob das Zitat des Polizeisprechers von dort stammt. Die Antwort: “Nein.” Dann haben wir bei der Polizeiinspektion Harburg, die für den Fall des vermissten HSV-Mitarbeiters generell verantwortlich ist, nachgefragt, ob das Zitat von dort stammt. Die Antwort: “Nein.”

Es bleibt dabei: Es wurde am vergangenen Wochenende in Hamburg keine Wasserleiche gefunden, auch wenn die “Kleine Zeitung” das behauptet. Die Redaktion hat sich bei ihrer, öhm, “Recherche” schlicht vergooglet und beim falschen Abschreiben zwei Fälle durcheinandergeworfen.

Vor zweieinhalb Monaten erschien dieser Artikel auf der Internetseite der “Hamburger Morgenpost”:

Der Text kommt uns verdächtig bekannt vor:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai entdeckten gegen 13.20 Uhr eine Person leblos in der trüben Elbe treibend und informierten die Polizei. […]

“Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist”, so ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin am UKE in Eppendorf gebracht.

Mit Dank an Carsten P. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:38 Uhr: Der Artikel der “Kleine Zeitung” ist inzwischen ohne jeden Hinweis verschwunden.

Kalter Kaffee “Fake News”, Björn Höcke, Siegeszug der Infografik

1. “Fake News” und der blinde Fleck der Medien
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Alle wollen jetzt alles gegen “Fake News” unternehmen. Sie sei “ein bisschen niedlich, die in Deutschland gerade grassierende Angst, dass Wahlen in Zukunft durch ‘Fake News’ beeinflusst werden könnten”, schreibt Stefan Niggemeier. Denn eigentlich gebe es das doch schon lange: Texte, die zwar einen wahren Kern haben, aber durch einen besonderen Dreh die Vorurteile der Leser bedienen sollen. Bei “Bild” zum Beispiel, Stichwort “Veggie Day”, ohne dass sich wirklich jemand darüber aufregte. Niggemeier: “Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die”, dann hätten sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen. Ebenfalls zum Thema: Caroline Lees bei “EJO” mit Tipps, “wie man Fake News erkennen kann”. Und James Warren bei “Poynter” über eine neue Studie, die sagt, “Fake News” hätten nicht signifikant zu Donald Trumps Wahlsieg beigetragen (englisch).

2. Schauen Sie diese Rede
(spiegel.de, Sascha Lobo)
“AfD”-Rechtsaußen Björn Höcke hat in Dresden eine Rede gehalten, die nicht nur, aber vor allem wegen seiner Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin scharf kritisiert wird. “Schauen Sie diese Rede”, fordert Sascha Lobo die Leser seiner Kolumne auf, damit sie später nicht sagen können, man hätte es nicht wissen können: “Wollen Sie das wirklich? Wollen Sie, weil Sie zum Beispiel mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind, einen Mann mit an die Macht bringen, der glaubt, nicht etwa der umgesetzte Holocaust, sondern das deshalb errichtete Holocaust-Mahnmal mache die deutsche Geschichte mies?”

3. Nationale Angelegenheit
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Eine Untersuchung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zeige, dass Zeitungen nach der Silvesternacht 2015/2016 “sehr viel häufiger als zuvor die Nationalität von Tatverdächtigen genannt” hätten, schreibt Karoline Meta Beisel. Ob sich diese Zunahme auch mit einer Zunahme von Kriminalität unter Ausländern deckt? Das könne man noch nicht endgültig sagen, schließlich sei die dafür nötige Kriminalitätsstatistik noch nicht erschienen. Aber: “eher unwahrscheinlich”.

4. Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video, 6:27 Minuten)
Sportjournalisten berichten über Sport, klar. Aber was, wenn Sportmoderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender mal bei einer “FIFA”-Gala moderieren oder beim “Camp Beckenbauer” eine Veranstaltung präsentieren und gleichzeitig im TV kritisch über Franz Beckenbauers Rolle bei der WM-Vergabe berichten? Ist eine kritische Distanz bei der journalistischen Arbeit dann noch möglich? Daniel Bouhs zeigt verschiedene Beispiele, die sich laut Medienwissenschaftler in einer “sehr dunklen Grauzone” bewegen.

5. Die neuen Welterklärer
(tagesanzeiger.ch, Bernd Graff)
“Wenn ein Bild mehr wert ist als tausend Worte, dann ist eine Grafik mehr wert als tausend Zahlen”, schreibt Bernd Graff über den Siegeszug von Infografiken: “Sie vermitteln ein Verständnis von Welt. Die oft schockierenden Bilder der Kriegsfotografie mögen die unmittelbare Wirklichkeit belegen. Doch gegen die Deutungshoheit der Infografik bleiben sie schlichte Dokumente.”

6. Der Trend geht zum Untertitel
(deutschlandradiokultur.de, Mike Herbstreuth, Audio, 5:00 Minuten)
Die wachsende Beliebtheit von Serien aus anderen Ländern, oder Videos, die man sich auf dem stummgeschalteten Smartphone in der U-Bahn anschaut — es gebe verschiedene Gründe für die “Renaissance von Untertiteln”, zeigt Mike Herbstreuth. Aber es gebe ihn, den Trend zur Untertitelung. Herbstreuth hat unter anderem mit einem Hobby-Untertitler gesprochen, der pro Serienfolge schon mal 15 bis 20 Stunden Arbeit investiert.

Medien fallen auf satirischen Kreuzbandriss rein

Übermorgen, am Freitag, ist es soweit: Die Bundesliga startet wieder, und passend dazu bringt der “Axel-Springer-Verlag” ein neues Produkt an die Kioske: die “Fußball Bild”. In Stuttgart und München wurde die tägliche Fußballzeitung in den vergangenen Monaten bereits getestet. Bald gibt es sie also auch bundesweit.

Das kann ja nur grandios werden, bei all der Expertise, die die “Bild”-Medien auf dem Feld so zu bieten haben. Die Fußballkenner von Bild.de schafften es gestern zum Beispiel, im alten Wappen von Juventus Turin einen Löwen zu entdecken, wo sonst alle nur einen Stier sehen:

Oder sie wissen durch ihre hervorragenden Kontakte in die Szene schon vorher von Trainerverpflichtungen, die dann gar nicht stattfinden.

Ein weiteres Beispiel, wie gut die Fußballberichterstattung bei “Bild” und Bild.de ist, zeigt eine Meldung über den französischen Nationalspieler Dimitri Payet, die Bild.de gestern am späten Abend veröffentlicht hat, und “Bild” in der heutigen Ausgabe bringt:


Payet spielt derzeit beim Londoner Premier-League-Klub West Ham United. Dort ist er aber nicht besonders glücklich und will gern weg, am liebsten wohl zum französischen Erstligisten Olympique Marseille. Damit sein aktueller Verein zustimmt, setzt Dimitri Payet ihn ziemlich unter Druck: Er teilte erst kürzlich mit, dass er sich weigere, für West Ham United zu spielen, bis der Klub ihn ziehen lässt.

Und jetzt also, so das geballte “Bild”-Fußballfachwissen, sogar die Drohung, dass sich Dimitri Payet selbst verletzen werde, wenn er nicht wechseln darf:

Der Franzose (kam 2015 für 15 Mio Euro) droht laut “L’Equipe”: “Ich schwöre, dass ich nie wieder das Trikot von West Ham anziehe. Wenn ihr mich nicht verkauft, werde ich mir selbst einen Kreuzbandriss zuziehen.”

Woher “L’Equipe” diese Info hat, haben sie bei “Bild” und Bild.de allerdings nicht nachgeschaut. Sie stammt nämlich vom französischen Portal footballfrance.fr (nicht zu verwechseln mit “France Football”), das sich auf der eigenen Seite so beschreibt:

FootballFrance.fr est un site d’informations parodiques consacré au football. Même si la rédaction de FootballFrance.fr s’appuie sur l’actualité pour écrire ses papiers, rien de ce qui est présent sur ce site n’est vrai, les personnes interrogées pour les besoins des articles n’existent pas, tout est faux. Voilà, c’est dit, salut !

“Tout est faux” — um das zu verstehen, muss man in der Schule nicht zwingend einen Französisch-LK besucht haben. Footballfrance.fr ist eine Satireseite. Sie berichtet zum Beispiel über solche Geschichten: Ein Fan, der beim Afrika-Cup seinem Vordermann auf der Tribüne den Kopf abgeschlagen habe, weil er nichts vom Spiel sehen konnte.

“Bild” und Bild.de sind nicht die einzigen Medien, die nicht mal kurz nachgedacht haben, wie realistisch es ist, dass ein Fußballer sich freiwillig selber eine Verletzung zufügen will, die ihn mehrere Monate ausfallen ließe, bevor sie ihre Texte veröffentlicht haben. In ganz Europa sind Zeitungen und Onlineportale auf das gefälschte Payer-Zitat reingefallen, und auch hier in Deutschland:


Die meisten Medien, die über Dimitri Payets vermeintliche Drohung geschrieben haben, haben ihre Artikel inzwischen gelöscht oder korrigiert, so auch “Spiegel Online”:

Bei den Fußballexperten von Bild.de steht der ganze Quatsch hingegen unverändert.

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Nachtrag, 19. Januar: Inzwischen hat auch Bild.de den Fehler bemerkt. Unter dem Artikel steht nun:

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat von Payet hat es so nie gegeben. Es ist eine Erfindung von “Football France”, dem Satire-Ableger der französischen Fußball-Seite “France Football”. Wir bitte unsere Leser um Entschuldigung, dass wir das Zitat verbreitet haben.

Mit Dank an Frederik S. und Alexander M. für die Hinweise!

Bild.de kratzt ein zwei Jahre altes Foto aus der falschen Eispiste

Das Hahnenkammrennen auf der Streif gehört schon unter normalen Bedingungen zu den schwersten Ski-Abfahrten der Welt. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, dass die Piste oberhalb von Kitzbühel nicht normal präpariert wäre, sondern glatt wie eine Schlittschuhbahn, eine spiegelnde Eisfläche.

Jaha, klingt halsbrecherisch! Kein Wunder also, dass Bild.de am Montagnachmittag im Sport-Newsticker diese Meldung veröffentlicht hat:

Streif komplett vereist
Am kommenden Samstag startet auf der Streif die legendäre Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel. Letztes Wochenende sind nun Bilder aufgetaucht, die eine komplett vereiste Steif (sic) zeigen. Kann hier ein Rennen überhaupt stattfinden? Sehr wahrscheinlich, es schneit immer wieder.

Dazu hat die Redaktion dann noch eines der “Bilder” gepackt, die “letztes Wochenende” “aufgetaucht” seien:

Als Quelle für das Foto gibt Bild.de eine private Facebookseite an. Und tatsächlich — ein gewisser Gerhard Mairhofer hat in dem Sozialen Netzwerk am vergangenen Freitag das von Bild.de verwendete Foto gepostet:

Über 1000 Mal geliket, tausendfach geteilt, mehrere Hundert Kommentare und von Bild.de aufgegriffen. Volltreffer.

Bloß: Das Foto ist gar nicht am vergangenen Freitag aufgenommen worden und auch nicht sonst irgendwann in den letzten Tagen oder Wochen, sondern bereits vor zwei Jahren. Es stammt aus dem Januar 2015, damals vom Ski-Verband “FIS” bei Twitter veröffentlicht und vom Organisationsteam des Hahnenkammrennens kommentiert:

Wie es momentan tatsächlich auf der Streif aussieht? Ganz sicher nicht so spiegelglatt wie auf dem Foto, das am Montag bei Bild.de im Sport-Newsticker erschienen ist, sagen uns die Renn-Organisatoren. Alles sei wunderbar präpariert, die Veranstaltung am Wochenende könne kommen. Zum Beweis haben sie uns noch ein Foto von der Piste geschickt:

Mit Dank an Felix H. für Hinweis und Foto!

Nachtrag, 20:29 Uhr: Um zu zeigen, wie vereist die Streif derzeit ist, verwendet auch krone.at das Foto:

Mit Dank an @lan_at und Didi W. für die Hinweise!

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