Allerdings zeigt das Video nicht Reinhold Messner (der in Wahrheit auch 68 Jahre alt wäre) und auch nicht den Weihnachtsmann, sondern einen 51-jährigen Familienvater, der vor Gericht stand, weil er und seine Frau ihre Kinder lieber zuhause unterrichten statt in die Schule schicken wollten.
Inzwischen ist das Video mit der fehlerhaften Bauchbinde auch aus dem Artikel bei Bild.de verschwunden.
Unter www.focus.de verbreiten Sie am 10.05.2013 unter der Überschrift “Bewährungsstrafe für Bushidos Freund” unter Bezugnahme auf die “Bild”-Zeitung, ich sei in einem Prozess, in dem ich mich “offenbar wegen Beihilfe bei einer Bedrohung aus dem Jahr 2010 vor Gericht verantworten” musste, zu einer “Bewährungsstrafe von vier Monaten” verurteilt worden.
Hierzu stelle ich fest: Ich wurde nicht verurteilt, sondern auf Antrag der Staatsanwaltschaft freigesprochen.
Berlin, den 14. Mai 2013
Arafat Abou-Chaker
Nun könnte man sagen: Schön blöd von der Agentur SpotOn, das einfach aus der “Bild”-Zeitungabzuschreiben. In diesem Fall müsste es aber heißen: Schön blöd, das falsch aus der “Bild”-Zeitung abzuschreiben. Die schrieb nämlich nicht, dass Arafat Abou-Chaker, der “Boss des Abou-Chaker-Clans”, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, sondern sein Bruder Yasser.
Andererseits: Yasser, Arafat. Wer kann schon ahnen, dass das nicht mehr nur eine Person ist.
Bei großen Gerichtsprozessen zeigt sich in besonderer Weise, auf welch unglaubliche Ideen die Medien in ihrer Sensationsgier kommen können.
Besonders schlimm wird es oft, wenn die Hektik des Auftaktes verflogen ist und sich der Prozess von seiner unspektakulär-bürokratischen Seite zeigt. Es gibt Verhandlungstage, an denen keine grausamen Protokolle vorgelesen und keine tränenreichen Geständnisse abgelegt werden, und an denen auch sonst nichts passiert, was man zu einer knackigen Schlagzeile verarbeiten könnte.
Dann muss man als Boulevardjournalist kreativ sein. So wie die Leute beim Online-Auftritt der “Hamburger Morgenpost”:
(Unkenntlichmachung von uns.)
Mit Dank an den Hinweisgeber.
Nachtrag, 17. Mai: mopo.de hat den Artikel heimlich geändert. Überschrift und Foto wurden ausgetauscht, die Textpassagen gelöscht.
Bild.de hat beim INSA-Institut eine Umfrage zum Ausgang der Bundestagswahl in Auftrag gegeben. Das angeblich repräsentative Ergebnis:
Jeder vierte Wahlberechtigte (25 %) denkt, dass es nach der Bundestagswahl zu einer großen Koalition kommt. Mit einer Fortsetzung der jetzigen Regierungskoalition aus Union und FDP rechnet jeder Fünfte (21 %). Deutlich geringere Chancen werden einem rot-grünen Bündnis (15 %), Schwarz-Grün (6 %), Rot-Rot-Grün (5 %). Eine Ampel-Koalition (SPD, FDP, Grüne) oder eine schwarze Ampel (CDU/CSU, FDP, Grüne) erwarten jeweils 2 % der Wahlberechtigten. Und jeder vierte Befragte (24 %) kann oder will dazu keine Angaben machen.
Zusammengefasst “glauben 54 Prozent der Befragten”, dass Angela Merkel “ihre Arbeit als Kanzlerin fortsetzen” wird.
Um den semantischen Unterschied zwischen “glauben” und “wollen” zu verdeutlichen, werfen wir einfach mal einen Blick auf eine andere aktuelle Umfrage:
Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich im aktuellen ARD-DeutschlandTrend, dass Borussia Dortmund das Champions League-Finale gewinnt, glaubt aber, dass Bayern München den Titel holen wird.
Ein Satz, der in der Welt von Bild.de unmöglich wäre.
Allerdings scheint Bild.de nicht ganz von allein auf den Holzweg gekommen zu sein:
INSA-Chef Hermann Binkert erklärte BILD.de: “Die eindeutige Mehrheit der Bundesbürger erwartet, dass Angela Merkel – in welcher Konstellation auch immer – Bundeskanzlerin bleibt. Die Deutschen fühlen sich bei ihr aufgehoben. Die Bürger vertrauen der Kanzlerin und wollen aus diesem Grund, dass sie ihren Job fortführt.”
Wir haben bei Hermann Binkert (bisherige Stationen: “wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Bundestagsabgeordneten Claudia Nolte”, “Persönlicher Referent für Herrn Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel”, “Staatssekretär in der Thüringer Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Freistaates Thüringen beim Bund”) nachgefragt, ob Bild.de ihn richtig zitiert hat und wie er gegebenenfalls aus einer “Erwartung” einen “Willen” ableite, haben aber noch keine Antwort erhalten.
Wir sind ja nicht die einzigen, die Fehler in deutschsprachigen Medien aufschreiben. Die Medien machen das auch gerne mal selber — wobei sie sich deutlich lieber den Pannen ihrer Mitbewerber widmen, als den eigenen.
Gestern Morgen konnte “Focus online” mit einem spektakulären Problem anderer Leute aufwarten:
Okay, die Ausgabe der “Tagesschau”, die ausgefallen ist, war die um 8 Uhr und nicht die um 7.30 Uhr. Und es war auch nicht ganz “zum ersten Mal”, dass eine “Tagesschau” nicht gesendet werden konnte, wie der zuständige NDR in einer Pressemitteilung am Vormittag erklärte:
Einen Tagesschau-Ausfall gab es u. a. vor rund zehn Jahren. Damals war an einem Sonntagmorgen ein Verteiler für die öffentliche Stromversorgung in der Nähe des ARD-aktuell-Studios bei Bauarbeiten beschädigt worden.
Diese Nachricht hat sich im Laufe des Vormittags auch zu “Focus Online” rumgesprochen. Dort lautet die Formulierung inzwischen:
Heute Morgen um 8 Uhr ist die Tagesschau ausgefallen – zum ersten Mal in ihrer 60-jährigen Geschichte aus redaktionsinternen Gründe [sic!].
Auch die Deutsche Presse Agentur (dpa), die sich in ihrer ersten Meldung weitgehend auf die Angaben von “Focus Online” verlassen hatte, musste die falsche Uhrzeit der ausgefallenen Sendung korrigieren.
Anfangs hatte dpa geschrieben:
Laut “Focus” ist es das erste Mal in der 60-jährigen Geschichte der “Tagesschau”, das [sic!] eine Sendung ausgefallen ist.
Später schrieb die Agentur:
Ausfälle der “Tagesschau” sind selten. Unter anderem konnte nach Angaben des NDR vor etwa zehn Jahren eine Nachrichten-Sendung wegen eines Stromausfalls nicht gesendet werden. Damals war bei Baggerarbeiten in der Nähe des Sendezentrums ein Verteiler geschädigt worden.
“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke konnte diesen Ausfall uns gegenüber dann auch noch konkretisieren:
Am 26.11.2006 fiel eine Kurzausgabe am Sonntagvormittag aus, weil die Stromversorgung für das gesamte Stadtviertel durch einen Bagger lahmgelegt wurde.
Womit diese Überschrift von “Spiegel Online” im Nachhinein auch eher halbrichtig ist:
Dann lese ich auf einer News-Website von einem “peinlichen Moment für die ARD”. Ehrlich gesagt fand ich das nicht peinlich, sondern habe mich um die Mitarbeiterin gesorgt. Ihr galt meine erste Frage. Sie wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht und untersucht. Glücklicherweise wurde sie mittags entlassen – es geht ihr wieder besser.
(Das mit dem “peinlichen Moment” war auch “Focus Online”.)
Und dann war da natürlich noch jemand, der immer verlässlich zur Stelle ist, wenn bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern irgendwas schiefgeht.
Bild.de hatte zunächst geschrieben:
Wenige Wochen nach der fiesen Lotto-Panne hat heute Morgen im Ersten schon wieder etwas nicht geklappt. Zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte konnte die ARD-“Tagesschau” nicht gesendet werden.
Das war ziemlicher Quatsch. Bei der “fiesen Lotto-Panne” vor drei Wochen, auf die Bild.de anspielte, hatte die Ziehung der Lottozahlen wiederholt werden müssen, weil zwei Kugeln nicht in die Lostrommel gefallen waren. Allerdings im ZDF.
Bild.de hat den Satz mit der Behauptung, dass “im Ersten schon wieder etwas nicht geklappt” hätte, ziemlich schnell und sehr unauffällig aus dem Artikel entfernt.
Doch auch der zweite Satz war ja, wie wir inzwischen wissen, so nicht richtig. Und so hat Bild.de den Artikel noch mal unauffällig überarbeitet, jeden Verweis auf einen “historische[n] Ausfall im Ersten” entfernt und sich für diesen eher sachlichen Anfang entschieden:
Die ARD-“Tagesschau” konnte am Freitag um 8 Uhr nicht gesendet werden. Die Sendung im Rahmen des “Morgenmagazins” musste ausfallen, weil eine wichtige Mitarbeitern kurz zuvor zusammengebrochen war!
Verglichen mit der sensationsheischenden Berichterstattung mancher Medien dürfte der Ausfall der “Tagesschau” der am wenigsten peinliche Teil dieser Geschichte gewesen sein.
Mit Dank an Benjamin K., Helge, Benjamin G. und Volker G.
Die mysteriöse Spur hatte Bild.de auf der Startseite (und nur dort) rot eingefärbt, damit sie ein wenig besser zur Geschichte passte, wie das Blog picomol.de bemerkt hatte (s.a. “6 vor 9” vom Dienstag).
Im Artikel selbst hatte Bild.de Diskussionen auf “Reddit” zitiert, die darum kreisten, was auf der Google-Maps-Aufnahme eines Stegs im niederländischen Almere zu sehen sei.
Einige Kommentatoren spekulierten über einen “blutigen Mord”, andere waren da skeptischer:
Auch “Benny 1337” ist skeptisch. Die dunkle Spur auf dem Holzsteg müsse nicht unbedingt Blut sein: “Sieht eher nach einem Hund aus, der aus dem Wasser gesprungen und sich im Laufen trocken geschüttelt hat.” Und die Gestalt am Ende des Stegs? “Das ist der Hundebesitzer.”
Für Bild.de offenbar keine plausible Erklärung:
Ist am Ende also doch alles ganz harmlos? Nein, glaubt User “thefx37”: “Genau das würde der Mörder doch auch sagen.”
Der “Täter”, der die Internet-Gemeinde von “Reddit” beschäftigte, ist der holländische Hund Rama (5), ein Golden Retriever.
Er war nach einem Bad im See an Land geklettert, pitschnass über den Steg gefegt – und hatte sich trockengeschüttelt!
Sein Frauchen Jacquelina Koenen (52) erzählt: “Als ich das Bild sah, wurde mir klar: ‘Das ist mein Hund!’ Er liebt Wasser.” Dann fügt sie hinzu: “Es ist so lustig, das alle dachten, es ist ein Mord. Aber das ist super, Rama ist jetzt weltberühmt.”
Na ja, genau genommen wusste das alles eher die “Sun”, die das Rätsel schon vor Bild.de aufgelöst hatte und aus deren Artikel auch die Zitate der Hundehalterin und der Polizei stammen.
Bild.de erwähnt die britische Boulevardzeitung mit keinem Wort, weiß aber, wer es von Anfang an gewusst hatte:
“Reddit”-User “Benny 1337” hatte jedoch schon vorher die Lösung des Rätsels!
Und Bild.de beinahe auch. Die Redakteure sind nur falsch abgebogen und haben sich ausgerechnet von der “Sun” auf den richtigen Weg zurücklotsen lassen. Und jetzt sagen sie nicht mal “Danke”.
Mit Dank an Patrick K., Martin, Daniel, Marvin und U.
Vor knapp einer Woche hat eine Spaziergängerin in Berlin eine Babyleiche gefunden.
Gestern wurden die Eltern des Säuglings festgenommen. Sie stehen unter Verdacht, das Kind getötet zu haben.
Die Berliner “Bild”-Ausgabe berichtet heute so über die Festnahme:
Der Autor beschreibt, in welche Stadtteil die Eltern wohnen, er nennt die Straße samt Hausnummer sowie den Namen des Naturschutzgebietes, das direkt in der Nähe liegt. Außerdem zeigt “Bild” ein Foto von dem Haus und erklärt, in welchem Stock die Wohnung der Eltern liegt.
Für alle, die danach immer noch nicht wissen, wie sie zur Wohnung der mutmaßlichen Täter gelangen, liefert “Bild” auch gleich noch eine Karte mit:
(Unkenntlichmachungen von uns.)
Das ist Service-Journalismus. So weiß der Mob wenigstens, wo er lang muss.
Mit Dank an Björn S.
Nachtrag, 17.25 Uhr: Wir haben die Karte vorsichtshalber noch ein bisschen unkenntlicher gemacht.
Beim “Spiegel” stehen womöglich bald wichtige Personalentscheidungen an, wie Bild.de gestern Abend unter Berufung auf seriösere Quellen berichtet:
“Der Spiegel” will sich von seinen beiden Chefredakteuren Georg Mascolo (48) und Mathias Müller von Blumencron (52) trennen. Das berichten übereinstimmend die WELT und das Hamburger Abendblatt .
Gleich zwei Quellen, so gründlich sind sie im Hause “Bild” selten! Und es sind sogar beide verlinkt.
Der Text bei der “Welt” (Axel Springer AG) ist von Kai-Hinrich Renner und beginnt so:
Dass es womöglich keine so fürchterlich gute Idee war, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron zu gleichberechtigten Chefredakteuren des “Spiegels” zu machen, hätte der Geschäftsführung und den Gesellschaftern des Nachrichtenmagazins eigentlich schon im Februar 2011 auffallen können. Damals entschloss man sich, den beiden, die – vornehm ausgedrückt – nicht gerade beste Freunde sind, unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche zuzuteilen.
Der Text beim “Hamburger Abendblatt” (Axel Springer AG) ist von Kai-Hinrich Renner und beginnt so:
Dass es womöglich keine so fürchterlich gute Idee war, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron zu gleichberechtigten Chefredakteuren des “Spiegels” zu machen, hätte der Geschäftsführung und den Gesellschaftern des Nachrichtenmagazins eigentlich schon im Februar 2011 auffallen können. Damals entschloss man sich, den beiden, die – vornehm ausgedrückt – nicht gerade beste Freunde sind, unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche zuzuteilen.
Dass “Welt” und “Abendblatt” “übereinstimmend” berichten, ist also keine wirkliche Überraschung. Es ist der gleiche Text.
Gemeint ist die sogenannte “geplante Obsoleszenz” – eine Theorie, die seit über 80 Jahren immer mal wieder für Unruhe in den Medien sorgt. Sie besagt, Hersteller würden ihre Produkte bewusst so konstruieren, dass die nach einer bestimmten Zeit automatisch den Geist aufgeben – damit wir gezwungen werden, immer wieder neue Geräte zu kaufen. So richtig beweisen konnte das aber niemand. Bis jetzt.
Behauptet zumindest Bild.de:
Darüber hat sich jeder schon mal geärgert: Kaum ist die Garantie abgelaufen, geht das Elektro-Gerät kaputt! Wirklich nur Zufall?
Eine Studie im Auftrag der Grünen bestätigt endlich einen Verdacht: Dahinter steckt Methode, denn Hersteller bauen absichtlich Schwachstellen ein, damit Geräte weniger lange halten. Ob Fön, Drucker, Mixer oder Waschmaschine – Firmen tricksen ihre Kunden aus.
Das Gutachten für die Grünen im Bundestag (liegt BILD.de vor) untersucht die so genannte “geplante Obsoleszenz”, also den bewusst geplanten schnelleren Verfall von Produkten.
Darin heißt es: “Bauteile werden in der Produktentwicklung so gewählt, dass sie vorzeitig verschleißen oder als versteckte Schwachstelle einen frühzeitigen Schaden auslösen.”
Für Bild.de eine klare Sache: Das Gutachten liefert “endlich” den “Beweis” dafür, dass die Hersteller mit Methode “tricksen und abzocken”.
In der Print-Ausgabe las sich das allerdings ein bisschen anders. Schon der Teaser war für “Bild”-Verhältnisse ungewohnt zurückhaltend formuliert:
Eine Studie im Auftrag der Grünen stützt einen Verdacht vieler Verbraucher: Vor allem bei Elektro-Geräten planen die Hersteller angeblich immer häufiger den frühen Verschleiß der Produkte mit ein und verwenden “bewusst minderwertige Bauteile”.
Auch im Artikel gibt sich “Bild” eher kleinlaut. Das Gutachten “bestärke” die “böse Vermutung” der Verbraucher, heißt es vage. Von “Beweis” oder “Bestätigung” ist, anders als bei Bild.de, keine Rede. Und auch die angebliche Verschwörung der Hersteller wird im Print-Artikel allenfalls angedeutet.
Schaut man sich das Gutachten (PDF) genauer an, ist diese Zurückhaltung durchaus verständlich. Denn dort findet sich ein interessantes Detail, das weder in der gedruckten “Bild” noch auf Bild.de Erwähnung findet. Dafür aber beispielsweise auf “Spiegel Online”:
Auf hundert Seiten nennen die Autoren [des Gutachtens] Beispiele für vermeidbaren Verschleiß bei Geräten und sehen angesichts eines auf mehr als 100 Milliarden Euro geschätzten Schadens “umgehenden Handlungsbedarf”.
Das Ergebnis ist nicht überraschend, schließlich ist Co-Autor Stefan Schridde Initiator des Verbraucherportals “Murks? Nein Danke”, das sich gegen geplante Obsoleszenz einsetzt. Die Plattform wird im Gutachten mit einem eigenen Abschnitt gewürdigt, dort gesammelte Erfahrungen dienen als Quelle für viele Fallbeispiele. Ein unabhängiger Gutachter sieht anders aus.
Bei “Bild” taucht das Verbraucherportal “Murks? Nein Danke” hingegen nur an einer Stelle auf: in den Fotonachweisen.
Unerwähnt lässt das Blatt auch, dass die Autoren des Gutachtens selbst einräumen, dass “wirklicher Vorsatz […] nur sehr schwer nachweisbar” sei und nur im Einzelfall entschieden werden könne, ob ein bewusster Verschleiß vorliege (was im Übrigen auch die Stiftung Warentest so sieht). Völlig unter den Tisch fällt bei “Bild” und Bild.de außerdem folgende Passage des Gutachtens:
Nach Auskunft von Ingenieuren mit jahrzehntelanger Praxiserfahrung ist wirklich absichtlich geplanter, bewusst gewollter vorzeitiger Verschleiß von Produkten durch Einbau von Schwachstellen sehr selten. Vorsätzlich ein schlechtes Produkt zu entwickeln, sei grundsätzlich gegen das Arbeits- und Ingenieurethos.
Aber wenn es um das Berufsethos geht, ist man bei “Bild” und Bild.de ja ohnehin an der falschesten Adresse.
Als der weiße Rauch am gestrigen Abend, kurz nach 19 Uhr, den Schornstein der Sixtinischen Kapelle verließ, war klar: Die Katholische Kirche hat einen neuen Papst. Rund eine Stunde spekulierten die Kommentatoren der Fernsehanstalten darüber, wen die Wahl getroffen haben könnte, dann trat Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran auf den Balkon des Petersdoms und sprach folgende Worte:
Annuntio vobis gaudium magnum; habemus Papam:
Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Georgium Marium Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Bergoglio qui sibi nomen imposuit Franciscum
Nicht gesagt hat Tauran “Franciscum primum”, was “Franziskus der Erste” gewesen wäre. Der neue Papst trägt also – anders als Johannes Paul I., der sich als erster Papst überhaupt direkt für die Ordnungszahl in seinem Papstnamen entschieden hatte – “nur” den Namen Franziskus. Und das bist zu dem Tag, an dem vielleicht irgendwann einmal ein Papst Franziskus II. gewählt werden sollte, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi noch einmal klarstellte.
Und das war offenbar auch bitter nötig:
(“Süddeutsche Zeitung”)
(“Frankfurter Allgemeine Zeitung”)
(“Die Welt”)
(“Handelsblatt”)
(“Berliner Zeitung”)
(“Hamburger Abendblatt”)
(“Hamburger Morgenpost”)
(“Express”)
Aber gut: Das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren. Die letzte Wahl eines Papstes ohne Ordnungszahl liegt 1100 Jahre zurück, da waren die Zeitungspressen noch nicht erfunden.
Noch etwas länger liegt das 8. Jahrhundert zurück, in das die Pontifikate von Johannes V., Sisinnius, Konstantin und Gregor III. fallen. Sie alle stammten aus Syrien, was insofern entscheidend ist, weil Syrien nicht zu Europa gehört und der Agentinier Jorge Mario Bergoglio damit nicht mehr der “erste nicht-europäische Papst” sein kann.
Außer in den Medien, natürlich:
Zum ersten Mal ein Papst, der nicht aus Europa stammt!
(“Die Welt”)
Ein historischer Moment: Zum ersten Mal ist ein Nichteuropäer zum Papst gewählt worden.
(“Hamburger Abendblatt”)
Die katholische Kirche beschreitet mit Franziskus I. – dem argentinischen Kardinal Jorge Bergoglio – neue Wege. Unter 265 Nachfolgern des Heiligen Petrus ist er der erste Nicht-Europäer.
(“Stuttgarter Nachrichten”)
Und er ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt, ihn wollten die Kardinäle[.]
(“Süddeutsche Zeitung”)
Der erste Papst in der Geschichte der katholischen Kirche, der nicht aus Europa kommt, ist auch der erste, der sich nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt hat, dem Heiligen der Armen.
(“Frankfurter Rundschau”)
Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Katholiken einen Papst, der nicht aus Europa stammt. Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, wurde zum 266. Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.
(“Frankfurter Rundschau”)
Der neue Papst ist nicht nur der erste Nicht-Europäer auf dem Heiligen Stuhl – er wählte auch einen Papstnamen, den keiner seiner Vorgänger trug. Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio heißt künftig Franziskus I.
(AFP)
Historische Entscheidung im Vatikan: Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist am Mittwoch zum neuen Papst Franziskus I. gewählt worden. Damit steht erstmals in der Geschichte ein Nicht-Europäer an der Spitze der römisch-katholischen Kirche.
(AFP)
Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet neue Impulse durch das erste nicht-europäische Oberhaupt der Kirche. (hr-online.de)
Er ist der erste Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri. (n-tv.de)
Wobei sich auch die katholischen Würdenträger offenbar nicht ganz in der Frühgeschichte ihrer Kirche auszukennen scheinen:
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, erklärte: “Der lateinamerikanische Kontinent darf stolz sein, erstmals in der Geschichte der Kirche einen Nichteuropäer als Papst zu stellen.”
(Evangelischer Pressedienst)
[Der Münchner Kardinal] Marx sagte, dass der bisherige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, ein Papst der “vielen ersten Male” sei: der erste Jesuit, der erste Nicht-Europäer und der erste Franziskus.
(Evangelischer Pressedienst)
Die Katholische Nachrichtenagentur KNA, der man bei diesem Thema wohl eine gewisse Kompetenz unterstellen darf, verbreitete heute extra eine eigene Meldung:
Papst Franziskus ist der erste Nichteuropäer auf dem Stuhle Petri seit 1.272 Jahren. Damals war mit Gregor III. (731- 741) ein aus Syrien stammender Papst Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.
Die KNA erwähnt unter anderem noch die Päpste Victor I. und Miltiades, die aus Afrika stammten, und zählt zusammen:
So gab es bis Mitte des 8. Jahrhunderts acht in Asien und zwei in Afrika geborene Päpste. Mit Petrus und Evaristus waren zwei Päpste Juden. Fünf – und noch dazu ein Gegenpapst – stammten aus Syrien.
Mit Dank an Jonathan K., Fuchs, Marcus H., Matthias M. und Laszlo J.