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Atemschutzmasken-Wucherpreise im „Deal des Tages“

Unsere Redaktion durchforstet jeden Tag für Sie das Internet auf der Suche nach den besten Angeboten und präsentiert Ihnen an dieser Stelle den „Deal des Tages“. Egal, ob Sie ein echter Sparfuchs oder nur ein Hobby-Schnäppchenjäger sind, hier werden Sie jeden Tag auf das beste Angebot aufmerksam gemacht, das man zur Zeit im Internet finden kann.

Das ist doch mal ein toller Service, den die Redaktion der „Hamburger Morgenpost“ bietet. Und was hat die „Mopo“ heute für uns Hobby-Schnäppchenjäger und Sparfüchse?

Screenshot Mopo.de - Shoppingwelt - Mopo-Deal des Tages - FFP-2-Atemschutzmasken aus deutscher Online-Apotheke

Im Artikel steht dazu:

Atemschutzmasken sind in Zeiten von Corona zu einer echten Mangelware verkommen. Sie sind stets ausverkauft oder haben lange Lieferzeiten oder astronomische Preise.

Als Beleg für solch „astronomische Preise“ bietet auch der „Mopo“-„Deal des Tages“ einen: eine Maske soll 14,95 Euro kosten. Der Link, der zu der „deutschen Online-Apotheke“ führt, ist ein Affiliate-Link. Das heißt: Die „Hamburger Morgenpost“ dürfte an dem Wucher mitverdienen.

14,95 Euro ist noch einmal ein gutes Stück mehr als der Preis, den ein Team von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ genannt hat (13,52 Euro), um zu zeigen, dass FFP2-Atemschutzmasken sich in den vergangenen Wochen um circa 3000 Prozent verteuert haben. Eine Maske sei bis Mitte Februar für 45 Cent zu haben gewesen.

Die „Mopo“-Redaktion schreibt zu ihrem „Deal“:

Ein Deal im Sinne von einem echten Schnäppchen sind die Atemschutzmasken damit freilich nicht, aber in diesem Fall ist die Verfügbarkeit des Produkts schon eine Info wert.

Die Frage der Verfügbarkeit ist ja der nächste Punkt: In einer Zeit, in der deutschlandweit Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen verzweifelt auch nach solchen FFP2-Masken suchen, um ihr Personal bei der Arbeit schützen zu können, sollte eine Redaktion vielleicht nicht den privaten Kauf derartiger Masken promoten und dabei selbst noch ein bisschen abkassieren.

Bei Mopo.de kann man die teuren Atemschutzmasken immer noch finden, inzwischen allerdings nicht mehr als „Deal des Tages“. Die „Mopo“-Redaktion ist mit dem Angebot übrigens nicht allein: Auch beim Kölner „Express“ und bei der „Kölnischen Rundschau“ ist es online zu finden.

Mit Dank an Eric P. und @dan_hh für die Hinweise!

Nachtrag, 20:08 Uhr: Die „Mopo“-Redaktion hat bei Twitter mit mehreren Tweets auf unsere Kritik reagiert:

Screenshot eines Tweets der Mopo-Redaktion - Die Mopo-Redaktion findet diesen Deal genauso geschmacklos wie ihr, deshalb haben wir heute Nachmittag direkt interveniert, als uns der Artikel dazu von unserem Vermarktungspartner eingespielt wurde.
Screenshot eines Tweets der Mopo-Redaktion - Wir haben das Teaser-Element, das auf dieses mehr als zweifelhafte Angebot verweist, heute Nachmittag sofort von mopo.de entfernt. Der Artikel als solcher ist nach wie vor auch unter unserer Domain zu finden, weil er bei anderen Portalen nach wie vor online ist. Das ist technisch bedingt und ärgert uns wohl am meisten. Wir werden alles daran setzen, dass es in Zukunft zu so etwas nicht mehr kommt

Heute anonym XXVII

Redaktionen bekommen es ja bekanntermaßen nicht immer hin, eine Anonymisierung von Personen, über die sie berichten, nicht nur anzufangen, sondern auch konsequent durchzuziehen. Das gilt leider auch für Mopo.de:

Screenshot Mopo.de - Horst N. (55) ist ... - Dazu zeigt die Redaktion eine Foto des uniformierten Polizisten, auf dem das Namensschild des Mannes zu erkennen ist
(Verpixelungen durch uns.)

Wäre es nicht vielleicht eine gute Idee, auch das Schild mit dem Nachnamen des Mannes unkenntlich zu machen, wenn man den Nachnamen des Mannes in der Bildunterschrift schon extra abkürzt? Sollte die Redaktion möglicherweise, wenn sie sowieso schon dabei ist, dann nicht auch die öffentliche Position des Polizisten, die ziemlich flott Rückschlüsse auf seinen Namen zulässt, aus dem Beitrag streichen (folgt in der Bildunterschrift nach „Horst N. (55) ist“)? Und wie wäre es, auch gleich noch das Gesicht zu verpixeln, das bisher nicht verpixelt ist, sollte das Ziel des abgekürzten Nachnamens tatsächlich Anonymität gewesen sein?

Mit Dank an @yeboah17 für den Hinweis!

Nachtrag, 15:03 Uhr: Vielleicht waren wir mit unserem Vorwurf etwas vorschnell: Der Artikel ist Teil einer „Mopo“-Serie über „Hamburgs Helden in der Corona-Krise“. Zum Konzept dieser Serie scheint zu gehören, dass die Nachnamen der interviewten Personen immer abgekürzt werden — ob nun beim Busfahrer, beim Chefarzt oder bei der Friseurin. Alle diese Personen sind im Foto (unverpixelt) zu sehen. Im Gegensatz zum Polizisten ist bei den anderen allerdings nie ein Namensschild mit dem vollen Nachnamen erkennbar.

Dass wir zu doof waren, dieses Konzept zu verstehen — dafür möchten wir um Entschuldigung bitten. Die Diskrepanz zwischen Bildunterschrift mit abgekürztem Nachnamen und Bild mit vollem Nachnamen im Falle des Polizisten halten wir aber immer noch für eine merkwürdige Lösung.

Mit Dank an @noplacetohide für den Hinweis!

Bild.de erfindet Zitat und schickt Frau mit falschen 400 Männern ins Bett

400 Typen gefickt du Schlambe stirb!

Alter wie ekelhaft wie ausgeleihert sie bestimmt bereits ist abartig jeder man der sie nimmt baaah muss jetzt dabei denken das 400 männer oder mehr vor ihn bereits eingelocht haben

400 super 😉 Bist bestimmt stolz drauf ne Muschi wie nen Scheunentor, da freut sich deine Freund bestimmt drauf … ich kotze gleich im Quadrat.

Das kommt dabei raus, wenn Bild.de eine Schlagzeile erfindet, und Bild.de-Leser aufgrund dieser erfundenen, falschen Schlagzeile Schaum vor dem Mund haben.

Es geht um diese Überschrift, die die „Bild“-Onlineredaktion bereits am 17. Oktober veröffentlicht hat:

Screenshot Bild.de - Ilan arbeitete neben dem Studium als Prostituierte - Ich habe mit über 400 Männern geschlafen

Das Zitat, das Bild.de in die Titelzeile gepackt hat, ist nie gefallen, jedenfalls nicht von Ilan Stephani, um die es in dem „Bild plus“-Artikel geht und der die angebliche Aussage von der Redaktion zugeschrieben wird. Es wäre auch merkwürdig, wenn Stephani sagen würde, sie habe „mit über 400 Männern geschlafen“, denn das hat sie nicht. Das Zitat ist also nicht nur erfunden, sondern inhaltlich auch noch falsch.

Ilan Stephani hat zwei Jahre lang in einem Berliner Bordell als Prostituierte gearbeitet. Im Oktober erschien ein Buch von ihr über diese Zeit. Rund um die Veröffentlichung hat Stephani mit mehreren Journalisten gesprochen, darunter auch eine Autorin, die für „B.Z.“ und „Bild“ schreibt. In einem Artikelentwurf, der Stephani zum Absegnen vorgelegt worden sei, steht dieser Satz:

Dort arbeitete sie zwei Jahre lang im Schnitt einmal in der Woche, betreute bis zu fünf Männer und hatte mindestens 400 Mal bezahlten Sex.

Damit es auch die Leute bei Bild.de verstehen: Wenn man „mindestens 400 Mal bezahlten Sex“ hatte, gibt es ganz viele verschiedene und zwei extreme Möglichkeiten, wie diese Zahl zustande gekommen sein kann: Man hat als Prostituierte entweder mit 400 unterschiedlichen Männern jeweils einmal geschlafen. Oder man hat mit demselben Mann 400 Mal geschlafen. Das Ergebnis in beiden Fällen: Man hatte „mindestens 400 Mal bezahlten Sex“.

Die Wahrheit liegt bei Ilan Stephani irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, wie sie uns auf Nachfrage bestätigte: Sie habe nach einer gewissen Zeit Stammfreier gehabt, zwischendurch seien neue Männer dazugekommen. 400 verschiedene Männern seien es jedenfalls nicht ansatzweise gewesen. Sie könne allerdings auch keine exakte Zahl nennen und habe dies auch nie getan.

Der eine Satz aus dem Artikelentwurf hat es am Ende nicht in den Bild.de-Text und auch nicht in den der „B.Z.“ geschafft — er wurde offenbar von den Redaktionen gestrichen. Dafür landete er falsch übersetzt und in Zitatform in der Bild.de-Überschrift und verbreitete sich von dort aus. „Focus Online“ hat die falschen „400 Männer“ zum Beispiel aufgegriffen:

Wie die „Bild“ berichtet, hat die junge Frau in dieser Zeit mit mehr als 400 Männern Geschlechtsverkehr in einem Berliner Bordell gehabt.

Genauso die Onlineredaktion des „Berliner Kuriers“

Screenshot berliner-kurier.de - Studentin pack aus - Ich habe mit über 400 Männern Sex gehabt

Express.de

Screenshot Express.de - Studentin pack aus - Ich habe mit über 400 Männern Sex gehabt

Mopo.de

Screenshot Mopo.de - Studentin pack aus - Ich habe mit über 400 Männern Sex gehabt

… und oe24.at:

Screenshot oe24.at - Studentin pack aus - Ich habe mit über 400 Männern Sex gehabt

Die Unfähigkeit der Bild.de-Redaktion, Fakten sauber zu recherchieren, führt zu vielen weiteren falschen Artikeln und hasserfüllten Kommentaren bei Facebook.

Nachtrag, 17:53 Uhr: Weil die Gefahr besteht, dass dieser Punkt in unserer Kritik untergeht: Was die Kommentatoren bei Facebook geschrieben haben, wäre genauso arschgeigig, wenn Ilan Stephani oder irgendeine andere Frau tatsächlich mit 400 Männern geschlafen hätte. Völlig egal, ob mit vier Männern, mit 400 oder mit 40.000 — es gibt keinen Grund auf dieser Welt, sich derart frauenfeindlich zu äußern.

Kurz korrigiert (508)

Es klingt erstmal nach einer ziemlich fiesen Nummer und nach einer traurigen Geschichte, die gestern am frühen Abend bei mopo.de erschienen ist:

Screenshot Titelzeile mopo.de - Feiger Raub-Versuch - Kleiner Junge (9) von Mann überfallen

Aber bereits im Teaser gibt es eine ganz schöne Wendung:

Was für ein feiger Überfall-Versuch: Ein erwachsener Mann hat in Tornesch versucht, ein Kind (9) auszurauben. Der mutmaßliche Täter hatte offensichtlich nicht mit der Gegenwehr seines Opfers gerechnet.

Ha! Da hat’s der Neunjährige dem viel älteren Täter aber mal gezeigt:

Der Neunjährige war gerade auf dem Weg zum Bahnhof in der Straße Am Grevenberg, als er gepackt und bedrängt wurde. Der Angreifer, der etwa Mitte 20 sein soll, forderte die Wertsachen des Jungen.

Doch der Knirps, der aus Hamburg stammt, riss sich los und lief davon. Der Täter bekam daraufhin offenbar die Flatter und machte sich über die Wilhelm-Schildhauer-Straße in Richtung Friedrichstraße aus dem Staub. Er soll gelockte Haare und zur Tatzeit ein rosa T-Shirt sowie weiße Schuhe getragen haben.

In der Polizeimeldung, die gestern Mittag erschienen ist, klingt ganz viel ganz ähnlich: Tatort „Am Grevenberg“ in Tornesch, das Opfer wohnt in Hamburg, der Täter verlangte Wertsachen, das Opfer riss sich los, der Täter flüchtete über die Wilhelm-Schildhauer-Straße in Richtung Friedrichstraße, er soll Mitte 20 sein, leicht lockige Haare und ein rosa T-Shirt sowie weiße Schuhe getragen haben.

Nur einen Unterschied gibt es zum Artikel bei mopo.de: Das Opfer war kein Neunjähriger, sondern ein 19-Jähriger.

Wir haben sicherheitshalber noch einmal bei der zuständigen Polizeidirektion nachgefragt — dort bestätigte man uns, dass es sich bei der Person, die ausgeraubt werden sollte, nicht um ein wehrhaften „Knirps“ handelte, sondern um einen jungen Mann.

Mit Dank an Patrick D. für den Hinweis!

Polizei und Medien gehen mit Bushido auf Verbrecherjagd

In Buxtehude gab es einen Raub. Schon vor einigen Tagen überfielen zwei Männer eine Frau und nahmen ihr Geld und Handy ab. Die zuständige Polizeiinspektion Stade hat in einer Pressemitteilung nun ein paar Details zu einem der Täter veröffentlicht:

Männlich — nicht über 30 Jahre — 190-200cm groß, sportlich schlank — südländisches Erscheinungsbild — kräftiger Vollbart – sprach gebrochenes deutsch – dunkelrotes Basecap mit einem silbernen Button an der Unterseite der Schirms

Und, noch besser, es gibt auch ein Phantombild:

Viele lokale, aber auch überregionale Medien berichten über die Suche der Polizei. Zum Beispiel die Hamburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung heute:

Oder Bild.de bereits gestern Abend:

Das Onlineportal des „Hamburger Abendblatts“ mit leicht verzerrtem Phantombild:

„Focus Online“ berichtet ebenfalls:

Und die Onlineredaktion der „Hamburger Morgenpost“:

Wir haben eine gute Nachricht: Die Polizei kann die Suche einstellen. Wir wissen nämlich, wer der Mann auf dem Foto ist: der Rapper Bushido. Gewisse Zweifel, dass er etwas mit dem Raubüberfall in Buxtehude zu tun hat, haben wir durchaus. Aber: Das auf dem Foto ist Bushido.

Die Polizeiinspektion Stade hat offenbar ein Foto des Rappers genommen …

… es gespiegelt …

… das Foto leicht verzerrt, einen fancy Filter über das Bild gelegt, Bushidos Kette wegretuschiert, seinen Bart verlängert, ein paar Punkte und Striche in sein Gesicht gemalt, ihm ein Käppi aufgesetzt. Und schon war das Phantombild fertig:

Für eine größere Version einfach auf die Collage klicken. Dann erkennt man auch drei besonders prägnante Stellen: ein helles Haar in der Augenbraue, ein rausstehendes Nasenhaar und die Spuren der wegretuschierten Kette am Kragen des T-Shirts.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

Nachtrag, 13:14 Uhr: Laut tageblatt.de beruft sich die Polizeiinspektion Stade darauf, dass es sich um eine „‚zufällige Ähnlichkeit'“ handelt. Das Phantombild sei von einem Zeichner des Landeskriminalamtes nach Angaben einer Zeugin angefertigt worden.

Und Bushido will sich demnächst „ein rotes Cap“ zulegen.

Nachtrag, 31. März: Laut kreiszeitung.de gibt inzwischen auch das fürs Phantombild zuständige Landeskriminalamt Niedersachsen zu, dass das Bushido-Foto als Grundlage für die Zeichnung diente. Die Polizeiinspektion Stade bestritt gestern noch einen Zusammenhang und sprach von einem „Zufall“.

Nachtrag, 18. April: Anfangs bedankte sich Bushido zwar noch für den Modetipp bei der Polizei, ganz so lustig fand er die Verwendung seines Fotos als Vorlage für das Phantombild dann aber offenbar doch nicht. Denn inzwischen hat der Rapper Anzeige erstattet, wegen Verleumdung und Verfolgung Unschuldiger.

Im Trüben fischen

Am Ende kann die Onlineredaktion der „Hamburger Morgenpost“ sagen: „Na also, lagen wir doch richtig.“ Und schon wirkt es gar nicht mehr so schlimm, wie die „Mopo“-Mitarbeiter vor zwei Tagen über den möglichen Tod eines Menschen spekuliert haben.

Donnerstagmorgen entdeckte der Schiffsführer einer Fähre im Hamburger Hafen einen leblosen Körper. Die Polizei barg die Wasserleiche, untersuchte ihr Gebiss und stellte fest, dass es sich um den seit elf Wochen vermissten Timo K. handelt. Gestern präsentierten die Beamten die Obduktionsergebnisse, es gab Gewissheit. Überregional hatten Medien seit Januar über K.s Verschwinden und die Suche nach ihm berichtet, nicht nur, aber auch weil er beim Fußballverein HSV arbeitete.

Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden des Leichenfunds begann bei mopo.de die Spekulation, ob es sich um Timo K. handeln könnte. Die Redaktion schlagzeilte am Donnerstagvormittag:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Zu diesem Zeitpunkt stand noch nichts fest. Es gab Vermutungen, schließlich wurde K. ganz in der Nähe zum letzten Mal gesehen. Doch es gab auch Informationen, die gegen diese Vermutungen sprachen. „MOPO-Informationen“:

Nach ersten MOPO-Informationen sei allerdings unwahrscheinlich, dass es sich bei der Wasserleiche um K[.] handle. Kleidung und Erscheinungsbild würden laut Feuerwehrsprecher nicht zu dem Vermissten passen.

Diese Passage stammt aus demselben Artikel, der in der Überschrift noch rätselt, ob „der Tote der verschwundene HSV-Manager“ ist. Die Redaktion widersprach sich selbst.

Gut anderthalb Stunden später berichtete auch „Focus Online“ über den Fund im Hamburger Hafen. Dort wussten die Mitarbeiter zwar genauso wenig wie ihre „Mopo“-Kollegen, wählten für die Optik aber ein Foto von K. und brachten so seinen möglichen Tod ins Spiel:

Nach ersten Untersuchungen hatte die Polizei dann doch Hinweise gefunden, dass es sich bei der Wasserleiche um K. handeln könnte, dessen Personalausweis zum Beispiel. Bei mopo.de gab es nach Mutmaßüberschrift und Widerlegung im Text die nächste Wendung:

Die Onlineredaktion des „Hamburger Abendblatts“ schrieb zwar, dass sich die Polizei nur „nahezu sicher“ sei — für die Tatsachenbehauptung, dass man die „Leiche von Timo K[.] gefunden“ habe, reichte das aber offenbar:

Inzwischen ist sich die Polizei also komplett sicher, dass es sich bei der Wasserleiche um Timo K. handelt. Die Medien lagen mit ihren Anfangsspekulationen richtig, ohne dass sie dafür eindeutige Anhaltspunkte hatten. Bei ihren redaktionellen Entscheidungen, ob sie eine vermisste Person mit dem Fund einer Wasserleiche in Verbindung bringen, obwohl noch nichts feststeht, scheint die mögliche Wirkung auf die Familie des Vermissten, auf dessen Freunde und Kollegen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Hauptsache eine gut klickende Titelzeile.

Vor einigen Wochen gab es bei Bild.de diese Schlagzeile:

Am Ende stellte sich raus: Es stand nicht mal fest, ob das gesichtete Objekt überhaupt eine Wasserleiche war.

Mit Dank an Matthias H., Günther T. und @dermobby für die Hinweise!

Falsches über die Fälscher

Im Internet gibt es momentan ein wenig Aufruhr wegen eines Fotos, das die AfD in einem Flyer zum Thema „Innere Sicherheit im Landkreis Stade“ veröffentlicht hat. Es zeigt eine Person, die gerade dabei ist, mit einer Fahne auf einen auf den Boden fallenden Polizisten einzuprügeln. Was das Foto besonders pikant macht — und vermutlich auch der Grund sein dürfte, warum die AfD es ausgesucht hat: Auf dem Rücken des Prüglers prangt das Logo der „Antifaschistischen Aktion“. Zum Foto schreibt die AfD Stade: „Rechtsstaat am Boden“ und wirbt so für ihre rechtspopulistischen Positionen in Sicherheitsfragen. Eine Quellenangabe für das Bild gibt es nicht.

Nun kann man relativ schnell erkennen, dass es sich dabei um eine schlecht ausgeführte Bildmanipulation handelt und das „Antifa“-Logo lediglich reinmontiert ist. Und mit etwas mehr Aufwand findet man auch heraus, dass die Originalaufnahme (natürlich ohne „Antifa“-Logo) nicht von heute und nicht aus der Region um Stade stammt, sondern aus dem Jahr 2009 und bei Demonstrationen in Griechenland entstand. Urheber ist der Fotograf Milos Bicanski. Die Facebookseite „Hooligans Gegen Satzbau“ hat sich diese Recherchemühe gemacht.

Die durchaus berechtigten Reaktionen im Internet lauten nun in etwa: „Ha, die ‚Lügenpresse‘-Schreier von der AfD nutzen ein manipuliertes Foto, um Stimmung zu machen.“ Medien nahmen sich den Fall ebenfalls vor. Das „Stader Tageblatt“ berichtete sehr früh:

Stern.de sprang auf:

Mopo.de titelte:

Und die „taz“ schrieb auf ihrer Internetseite dazu:

Für die „taz“ ist klar, wer hinter der Bildmanipulation steckt: Lars Seemann, stellvertretender Vorsitzender der AfD Stade:

Auf dem Rücken des Schwarzgekleideten prangt ein Antifa-Logo. Nur, dass das Antifa-Logo da gar nicht hingehört — Seemann hat es per Bildbearbeitung in das Bild geschummelt.

Und damit verstoße die AfD „gleich gegen drei Paragrafen des Urheberrechts“:

Sie verschwieg den Namen des Urhebers, vervielfältigte das Foto ohne das Einverständnis des Künstlers und veränderte es ohne dessen Zustimmung.

Den Namen des Urhebers verschwiegen — völlig korrekt.
Das Foto ohne dessen Zustimmung vervielfältigt — ebenfalls korrekt.
Das Bild verändert — leider falsch.

Denn die „Antifa“-Manipulation ist schon älter als der AfD-Flyer und bereits auf anderen rechten Seiten aufgetaucht (auf eine Verlinkung zu den Knallköpfen verzichten wir bewusst). In einer Stellungnahme auf ihrer Homepage schreibt die AfD Stade, dass es sich bei dem Foto auf dem Flyer um ein „seit Jahren im Weltnetz“ befindliches Bild handele. Wir würden zwar eher „Internet“ dazu sagen, aber im Grunde stimmt die Aussage. Der NDR schreibt:

Tatsächlich stammt die Bildmanipulation nicht von der AfD, sondern wurde schon zuvor von rechtsgerichteten Web-Auftritten verbreitet.

Das ändert natürlich nichts daran, dass die AfD hier gegen Urheberrecht verstößt. Und es ändert auch nichts daran, dass sie auf dubiose Weise ein gefälschtes Foto für ihre populistischen Zwecke einsetzt. Aber es bringt in der nötigen kritischen Auseinandersetzung mit der AfD auch nichts zu behaupten, dass die „Lügenpresse“-Schreihälse ein Foto fälschen, damit selber falschzuliegen und diesen Leuten dadurch neues Futter für eine vermeintliche Medienverschwörung gegen ihre Partei zu liefern.

Mit Dank an Bernd für den Hinweis!

Es war nicht ihr Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandburkini

Die Fotos der vier französischen Polizisten, die am Strand von Nizza um eine am Boden sitzende Frau herumstehen, machten heute die Runde. Auf den Bildern ist zu sehen, wie sie die Frau auffordern, sich auszuziehen, weil sie gegen das inzwischen geltende Burkini-Verbot verstoße.

Die Szene ist so bizarr und grotesk und falsch, dass in den Sozialen Netzwerken direkt hitzige Debatten entstanden. Und auch viele Onlinemedien berichteten.

Unter anderem Bild.de

Gleich vier Polizisten umringten die junge Frau am Strand. Forderten sie auf, sich an Ort und Stelle umzuziehen. Denn: Die Strandbesucherin trug einen muslimischen Ganzkörperbadeanzug — und der ist in diesem Sommer in vielen französischen Urlaubsorten verboten!

… oder „Focus Online“

Bewaffnete Polizisten haben eine muslimische Frau in der südfranzösischen Stadt Nizza gezwungen, ihren Burkini auszuziehen.

… oder die „Deutsche Welle“

Zu erkennen sind demnach mindestens vier bewaffnete Polizisten, die an Nizzas berühmter „Promenade des Anglais“ eine am Strand liegende Frau auf ihren Burkini ansprechen.

… oder die „Hamburger Morgenpost“:

In 15 französischen Städten sind inzwischen Burkas verboten — und dazu zählt auch die Schwimmversion, der Burkini. Das musste jetzt eine Muslima am eigenen Leib erfahren. Sie hatte eine unangenehme Begegnung mit Polizisten am Strand von Nizza.

Die „Mopo“ hat extra auch noch ein Symbolfoto rausgekramt:

Das Problem an all diesen Berichten — und was die Szene noch bizarrer und grotesker und falscher macht: Die Frau trägt gar keinen Burkini. Und erst recht keine Burka oder einen Niqab oder sonst eine Vollverschleierung, die gegen irgendwas verstoßen soll. Sie trug nach eigener Aussage eine Leggins, eine Tunika und ein Kopftuch.

Dass es kein Ding der Unmöglichkeit war, das herauszufinden, beweist ein Artikel von sueddeutsche.de:

Die Frau liegt alleine inmitten leicht bekleideter Menschen auf dem steinigen Strand. Sie trägt schwarze Leggins, ein hellblaues Oberteil und ein Kopftuch. Die Schuhe hat sie ausgezogen, die Knie angezogen. Vielleicht schläft die Frau, vielleicht döst sie, vielleicht genießt sie einfach die Sonne an der französischen Mittelmeerküste, als sich vier Polizisten nähern, alles Männer.

Das hat irgendwann auch „Focus Online“ verstanden und einen zweiten Beitrag zum Thema veröffentlicht:

Sie hat Leggings und ein langes türkisfarbenes Oberteil an. Um den Kopf hat sie ein Tuch gewickelt – einen Burkini trägt sie nicht.

Natürlich ist das mit den „neuen Details“ Quatsch. Die Fotos hätte man sich auch vorher schon ordentlich anschauen und erkennen können, dass die Frau keinen Burkini trägt.

Mit Dank an @Alyama1!

Foto-Tumult im Freibad

Vergangene Woche ist im Freibad von Neu Wulmstorf, in der Nähe von Hamburg, ein Mann ertrunken.

Am Rande der letztlich erfolglosen Rettungsaktion der Sanitäter kam es zu Tumulten, wie die „Hamburger Morgenpost“ berichtet:

Zwei Journalisten wollen die Hilfskräfte bei dem Wiederbelebungsversuch fotografieren und werden zur Zielscheibe von etwa 30 aufgebrachten Badegästen. Ein Augenzeuge berichtet, dass ein Mann versuchte, die beiden Fotografen zu schlagen und zu würgen.

Anschließend ergriff der Mann die Flucht. Die Journalisten erstatteten nach der Attacke Anzeige gegen Unbekannt, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Nun ist Schlagen und Würgen sicherlich kein angemessenes, erwachsenes Verhalten, aber das Fotografieren von Schwerverletzten, Sterbenden oder Toten ist ja auch nicht unbedingt besonders ethisch oder feinfühlig.

… womit wir wieder bei der „MoPo“ wären, denn neben dem Artikel „Mann ertrinkt – Badegäste gehen auf Journalisten los“ hat die noch einen zweiten über den Unglücksfall im Freibad veröffentlicht („Vorwürfe gegen Bademeister: Ertrunkener Flüchtling konnte nicht schwimmen“), in dem auch diese zutreffende Bildunterschrift vorkommt:

Hier kämpfen Rettungskräfte um das Leben des Mannes. Er wird reanimiert, stirbt jedoch später im Krankenhaus.

Ob das Foto von einem der angegriffenen Journalisten stammt, konnte uns die lokale Polizei nicht sagen, bei mopo.de ist kein Urheber genannt.

Mit Dank an Sebastian S.

Jeder zehnte Journalist berichtet falsch über kriminelle Flüchtlinge

„So langsam lassen auch die Mainstreammedien die Katze aus dem Sack“, freute sich die AfD, als sie in der vergangenen Woche auf folgende Schlagzeile stieß:


(abendblatt.de)


(mopo.de)


(hamburg1.de)

Allerdings müssen wir die AfD enttäuschen: Die Katze aus dem Sack ist eine Ente.

In den Artikeln heißt es:

Mehr als zehn Prozent der im ersten Quartal in Hamburg ermittelten Straftäter sind Flüchtlinge. Das ergab die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator. „Erschreckend“ nennt der CDU-Innenpolitiker die Zahl.

Exakt wurden 2252 der rund 21.000 in den ersten drei Monaten dieses Jahres ermittelten Tatverdächtigen als Flüchtlinge eingestuft. Die meisten durch sie begangenen Straftaten sind demnach Diebstähle, Vermögens- und Fälschungsdelikte sowie Körperverletzungen.

Zwar geht die Zahl 2252 tatsächlich aus der Antwort des Hamburger Senats (PDF) hervor. Doch es geht dabei um Tatverdächtige, nicht um Täter. Es steht also gar nicht fest, wie viele davon wirklich eine Straftat begangen haben. Unklar bleibt auch, wie viele der Taten zum Beispiel bei Massenschlägereien in Unterkünften verübt wurden. Oder woher eigentlich die Gesamtzahl von 21.000 Verdächtigen kommt (aus der Antwort des Senats jedenfalls nicht).

Außerdem sind solche Quartalszahlen ohnehin nur mit sehr, sehr großer Vorsicht zu interpretieren, wie der Senat in seiner Antwort explizit betont:

Die PKS [Polizeiliche Kriminalstatistik] ist auf Jahresauswertungen ausgelegt. Innerhalb eines Berichtsjahres unterliegt der PKS-Datenbestand einer ständigen Pflege, zum Beispiel durch Hinzufügen von nachträglich ermittelten TV [Tatverdächtigen] oder der Herausnahme von Taten, die sich im Nachhinein nicht als Straftat erwiesen haben.

Zur begrenzten Aussagekraft unterjähriger Daten siehe im Übrigen Drs. 16/4616. Die Erfassung erfolgt unabhängig von der Tatzeit nach Abschluss aller kriminalpolizeilichen Ermittlungen eines Vorganges an die Staatsanwaltschaft.

Zur Beantwortung der Frage, wie viele Straftaten durch „Flüchtlinge“ im erfragten Zeitraum begangen worden sind, wäre eine händische Durchsicht sämtlicher Ermittlungs- und Handakten bei der Polizei erforderlich. Die Durchsicht von mehreren Zehntausend Vorgängen ist in der zur Beantwortung einer Parlamentarischen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich.

Auch in der Drucksache 16/4616 (PDF), auf die der Senat verweist, steht unmissverständlich:

Wegen der begrenzt aussagekräftigen Basis wird nochmals darauf hingewiesen, daß eine solche Betrachtungsweise zu sehr verzerrten Ergebnissen führen kann. Von daher ist insbesondere eine kleinteilige Darstellung (…) aus fachlichen Gesichtspunkten nicht hinreichend aussagekräftig.

Kurz gesagt: Die Zahlen sagen nichts aus. Erst recht nicht das, was „Mopo“ & Co. in ihren Überschriften behaupten.

Auch Bild.de berichtet und wirft noch andere Zahlen in den Ring:

Dabei differenziert die Polizei nach Menschen mit laufendem Asylverfahren (1705 Tatverdächtige), Schutzberechtigte und Asylberechtigte (205 Tatverdächtige), Menschen, die trotz abgelehnten Asylantrags geduldet werden (261 Tatverdächtige) und Kontingentflüchtlinge (81 Tatverdächtige).

Nach Angaben des Einwohnerzentralamts leben in Hamburg derzeit 29 209 Menschen, auf die diese Kriterien zutreffen. Von ihnen wären also rund 7,7 Prozent straffällig geworden.

Die Schlussfolgerung ist aber auch falsch. Erstens lässt „Bild“ außer Acht, dass bei den Tatverdächtigen durchaus Mehrfachnennungen möglich sind (eine Person wird verschiedener Taten verdächtigt). Und zweitens verweist der Sprecher der Hamburger Polizei im „Abendblatt“ darauf, …

dass viele der erfassten Tatverdächtigen unter den Flüchtlingen nicht in Hamburg untergebracht sind. „Hamburg bietet als Metropole viele Tatgelegenheiten und ist deshalb für Straftäter attraktiv.“ Das gelte aber auch für alle anderen Tatverdächtigen, die die Hamburger Polizei ermittele.

Aber wie das so ist: Die Zahlen sind in der Welt — und die Fremdenfeinde um ein Scheinargument reicher.










Mit Dank an Martin S.!

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